Die Sache mit dem Buch

Es war eine Arbeit, die ich bereits im Januar 2014 begann und die bis exakt zum heutigen Abend dauerte: Buch schreiben, Buch zum ersten Mal abgeben, Buch zum zweiten Mal abgeben, nochmal neu strukturiert, klarer mit einem roten Faden. Dann wieder hier und da gemeinsam mit meiner Lektorin an Stellen feilen. Zum Schluss noch einmal ordentlich mit Quellen versehen und gerade eben habe ich all das abgeschickt und gerade eben habe ich mir ein Bier aufgemacht.

Es ist schon ein bisschen so, wie wenn man sehr lange über ein Wort nachdenkt und zwar so lange, bis es irgendwie völlig lächerlich dasteht. Das kann einem im Übrigen auch mit Menschen passieren, aber das ist eine andere, eine dramatischere Geschichte. Nun hoffe ich, dass auch wieder Zeiten kommen, in denen ich mich nicht so seltsam entfremdet von meiner Arbeit fühle.

Jedenfalls: Von meiner Seite ist das Ei nun gelegt, also kann ich ja auch mal anfangen, darüber zu sprechen.

Auch mit dem Cover war es so eine Sache. Ein Hin und Her, ein ja, nee, vielleicht besser nicht so, lieber anders, Rumprobieren. Am Ende ist es so, wie ich es mir irgendwie immer gewünscht habe, ohne aber zu wissen, dass ich genau so etwas will. Wie ein guter Freund, den man erst seit kurzem kennt und erst seitdem weiß man, dass man immer so einen Freund haben wollte.

Also:

image001

Das ist das Cover, so wird es aussehen und es erscheint beim Metrolit Verlag. Voraussichtlich am 18. Mai. Nicht wundern – noch ist bei Amazon ein anderer Titel und ein anderes Cover zu sehen (das mit Barbie und einem unfeinen Ausdruck). Das hier ist noch sehr frisch.

Flattr this!

„How to build a girl“


Niemand hat Johanna Morrigan je gesagt, wie man sich in besseren Kreisen benimmt. Sie ist wie Pippi Langstrumpf, die man zum Kaffeekränzchen von Annikas Mutter und Tante Prusselliese eingeladen hat.
Caitlin Moran hat ein Buch über die Jugend im Arbeitermilljöh der Neunziger geschrieben. „How to build a girl“ heißt es. Ein Herzensbrecher ist es. Einer, über den ich auf Faz.net bloggte.

Flattr this!

Gelesen: „Tussikratie“ von Friederike Knüpling und Theresa Bäuerlein

Tussikratie? Was soll das denn sein? Auf dem Einband des Buches steht es hinten drauf, was das sein soll. Verkürzt und etwas provokativ:

Foto 1

1. pseudofeministische, eigentlich aber sexistische Diskursherrschaft
2. Weltbild, in dem Männer a) das traurige Beiwerk oder b) übermächtige Gegner sind
3. Verschleierung von Klassendifferenzen als Frauenproblem

Was dem Buch wahrscheinlich am allermeisten schadet, ist das Feindbild, das die Autorinnen konstruiert haben. Es prangt vom Titel, der Teaser, vermutlich nicht von ihnen, lässt schlimmstes vermuten. Frau Dingens mutmaßte in ihrem Stern-Blog, die „Tussi“, das sei eben die Feministin. Das ist aber falsch, was sie hätte wissen können, hätte sie das Buch auch gelesen, über das sie schrieb.

Am Anfang tat ich mich selbst schwer mit dem Feindbild. Das Vorwort war für mich nicht leicht zu lesen, denn dort definieren sie dieses Feindbild genauer aus und ich bin eigentlich immer eher geneigt, in der Sache zu debattieren und nicht entlang eines Feindes – der in diesem Fall ja auch noch konstruiert ist.

Aber im Laufe des Lesens merkte ich, was damit bezweckt wird: Die „Tussi“ ist nur das Konstrastmittel, mit dem die Geschwüre in den Gedärmen der Gesellschaft sichtbar gemacht werden. Das wird deutlich, wenn sie im Laufe des Buches immer seltener auftaucht, weil die Autorinnen an der Sache diskutieren und die gesellschaftliche Lage beleuchten – aber eben doch immer wieder nötig um darauf hinzuweisen, dass die „Tussi“-Argumente, die ja real existieren, in der Debatte nicht zu der Lösung des Problems führen, sondern schlimmstenfalls nur neue Probleme eröffnen. Die „Tussi“ ist für mich daher eher so ein Weberscher Idealtypus, den es so natürlich in Reinform gar nicht gibt, der aber dazu führt, dass Verschwommenes differenziert werden, diskutierbar gemacht werden kann. „Gelesen: „Tussikratie“ von Friederike Knüpling und Theresa Bäuerlein“ weiterlesen

Flattr this!

Speakerinnen for the Win!

Screenshot 2014-03-06 12.12.35Die Rails Girls Berlin haben eine Datenbank angelegt, in der sich kompetente Frauen vorstellen, die auf Konferenzen als Speakerinnen eingeladen werden können: Speakerinnen.org. Damit wird die Idee, aktiv dazu beizutragen, ein ausgeglicheneres Geschlechterverhältnis auf Panels und bei Diskussionen zu haben, auf eine neue Stufe gehoben.

Seit 2011 gibt es auf Netzfeminismus.org eine Liste mit heute über 100 Speakerinnen. Die Idee kam ursprünglich von Julia Schramm, die ein Piratenpad anlegte, in dem ganz viele tolle kompetente Frauen gesammelt wurden. Der Gedanke: Wer für seine Konferenzen wieder mal nur Männer auf die Bühne setzt, soll dafür keine Ausrede mehr haben! Gerade im Bereich Netzpolitik sah man seinerzeit immer die gleichen Nasen sitzen – männlich natürlich. Und das Blog „50 Prozent“ von Anne Roth dokumentiert, dass die Veränderungen sehr lange brauchen.

Die Liste wurde von mir auf netzfeminismus.org eingepflegt und es meldeten sich schnell und seitdem nun über zwei Jahre hinweg, stets Frauen und Organisator_innen von Konferenzen, die sich vorstellten und suchten. Es wuchs auf über 100 Frauen an. Das Ding war ein Erfolg, das Interesse von Anfang an groß, nur eines war es nicht so ganz: Praktisch und Nutzer_innen-freundlich.

Vor über einem Jahr trommelte daraufhin Anne Roth eine Schar von Frauen zusammen, um die Idee auf eine neue Ebene zu heben. Es fanden sich viele Interessierte – aber irgendwie wurde aus der Schar kein richtiges Projekt. Oder doch?

Ja – doch! denn die Rails Girls, die das Projekt von Anfang an interessant fanden, haben weitergemacht! Und herausgekommen ist die schöne neue tolle Seite, in der man suchen und finden kann. Sie ist schick, sie ist funktional – wobei an manchen Ecken und Enden noch geschleift wird – und sie ist eure Adresse als kompetente Frau, als Organisator_in, als Multiplikator_in!

Die Rails Girls Berlin machen damit den Frauentag zum Tag, an dem Frauen ab jetzt bitte noch mehr Gehör bekommen! Danke ihr Tollen!

Flattr this!

2014 ist das Jahr der Bloggerin

Das Webmagazin Die Featurette ernennt 2014 zum Jahr der Bloggerin. Vom 6. Januar bis zum 31. Dezember werden auf www.featurette.de tolle deutschsprachige Netzautorinnen vorgestellt. Bisher schreiben in der Featurette gut 40 Autorinnen, im Laufe von 2014 sollen es über 50 werden. Im Jahr der Bloggerin bekommen unsere Bloggerinnen eine weitere Bühne: Jede Woche wird eine von ihnen, ihre Texte und ihr Blog kurz vorgestellt.

Die Autorinnen der Featurette schreiben über Politik, Wirtschaft, Alltag, Stilfragen, Umweltthemen, Alltagsbeobachtungen oder übers Selbermachen. Zusammen entsteht aus ihren Texten jeden Tag ein neues Webmagazin. Dieses Magazin soll Frauen im Netz sichtbarer machen, es will gute Webinhalte stärker herausstreichen, damit jede und jeder mehr als nur die Alphablogs des Internets kennen lernen kann – vor allem auch tolle Seiten von Bloggerinnen zu einer großen Themenbreite. Das Webmagazin Featurette will Überraschendes bieten, Denkanstöße geben, vorsortieren, gewichten. Jede Woche stellen wir eine Bloggerin und ihr Blog ausführlicher vor. Den Anfang macht Ninia LaGrande, eine Bloggerin aus der Großstadt, die über Großstadtgeschichten, Feminismus, Kunst, Musik und vieles mehr bloggt – hier stellt sich Ninia selbst vor:
http://www.youtube.com/watch?v=XNwLYpdIvs8

Klar ist: Im Netz wird unendlich viel geredet und geschrieben, so dass viele gute Texte schnell mal untergehen. Wer viele Leserinnen oder Follower hat, gewinnt auch stetig neue hinzu, doch wer in einer „Nische“ schreibt, bleibt oft unentdeckt. Die Idee der Featurette ist es, immer wieder neue Perlen zu finden.

Die Featurette wird von Frau Lila herausgegeben, das sind Susanne Klingner,  Barbara Streidl (Co-Autorinnen des feministischen Manifests „Wir Alphamädchen“ und Mitgründerinnen des Weblogs maedchenmannschaft.net) und ich. Frau Lila ist eine feministische Initiative, unter deren Dach wir feministisch publizieren, Aktionen initiieren, Bündnisse schmieden, Veranstaltungen planen. Wir wollen Frauen ermutigen, sich zu Wort zu melden, politisch zu handeln, sich zu vernetzen, für ihre Rechte und Stimmen zu kämpfen. Und wir halten Emanzipation auch heute noch für aktuell und für notwendig.

Die Bloggerin der Woche findet ihr im Featurette Blog. Und nun: Entdecken, lesen, diskutieren – und bei Fragen stehen die drei Frau Lilas gern Rede und Antwort.

Flattr this!

Sexismus im Sozialismus?

Joachim Rieß: Internationales Jahr der Frauen 1975; Briefmarke in der DDR; via Wikimedia Commons.

In meinem aktuellen Beitrag im Wostkinder-Blog gehe ich der Frage nach, ob es in der DDR auch Alltagssexismus gab, welche Frauenbilder öffentlich waren und welche unter der Oberfläche lagen. Die Frage konnte ich nicht endgültig klären, aber es ist ein Aufschlag. Zitat:

Die Frau im Sozialismus
Die gesellschaftliche Stellung von Frauen war in der DDR wesentlich weniger von Unterordnung und Ausgeliefertsein geprägt, als in Westdeutschland. Ihre Gleichstellung war Teil eines nationalen Narrativs. Dabei wussten „Vater Staat“ und „Mutter Partei“ am besten, was Frauen brauchten, was für sie gut war und was sie wollen sollten. So waren Frauengruppen, die sich auch in der DDR in den 80ern zuerst und vor allem in den größeren Städten bildeten, etwas Unerwünschtes. Denn erstens war, so die einhellige Meinung in Politik und Medien, die Frau doch emanzipiert. Und zweitens ließ man sich ungern durch emanzipatorische Bewegungen aller Art aufzeigen, dass es Risse im sozialistischen Lack gab.“

Den ganzen Artikel gibt es auf FAZ.net/wostkinder. Ich freue mich, wenn ihr dort eure eigenen Geschichten und Erinnerungen teilt.

Flattr this!

Der Latte-Macchiato-Vater

„Wenn es um die Kindererziehung geht, ist die ewige Frage nach der Verteilung von Klugheit und Dummheit auf die Geschlechter deutlich entschieden – zu Ungunsten der Männer selbstverständlich.“ Tillmann Bendikowski hat es trotzdem gewagt und vom Tupperabend bis zur Beckenbodengymnastik nichts ausgelassen.

Das ist Opa, nicht Papa – aber ich fand das Bild so ansprechend. Quelle: CC BY-ND 2.0 von vionaleews via Flickr

Tillmann Bendikowski hat ein Buch geschrieben, das vermutlich vielen nicht gefallen wird. Es rüttelt an allzufesten Überzeugungen, die in diesem Land vielleicht so manifest sind, wie nirgendwo sonst: am Bild der Mutter. Der Mutter an und für sich. Denn Tilmann Bendikowski wurde genau das: eine Mutter.

Seine Mutterwerdung schildert er gleich zu Beginn von Allein unter Müttern, einem Buch, das bisweilen bitterböse ist, aber stets mit einem zwinkerndem Auge und nie ohne den nötigen Respekt für das Allzumenschliche. Zum Beispiel im Massagekurs für Babys, der Ort, an dem Mütterlichkeit regiert. Unhinterfragt.  Konkurrenzlos. Bendikowski drang ein in diese durch und durch weibliche Sphäre und als sein Kind aus nachvollziehbaren Gründen anfing zu brüllen, passierte es: Die Kursleiterin wollte das Kommando übernehmen. Mit den gebieterischen Worten „DAS KIND BRAUCHT EINE MUTTER!“ (sich selbst meinend) schubste sie den jungen Vater dahin, wo er von nun an und für den Rest des Buches sein würde: Seine Antwort lautete „Ich bin die Mutter!“ Er rettete sich und seinen Sohn aus dem Kurs nach Hause. Dort kuschelten Mutter und Kind für den Rest des Tages und mieden fortan solche Kurse, die es für Babys en Masse gibt.

Frauen führen hier das Regiment

Dass Bendikowski sich fortan als „Mutter“ bezeichnet ist vermutlich ein Affront – gegenüber Müttern wie Konservativen gleichermaßen. Wer sich hieran stört, wird das Buch insgesamt als eine Frechheit betrachten. Es spart nicht mit Hohn und Spott. Es ist ein Einblick in eine Welt, die bislang nur der einen Hälfte der Bevölkerung theoretisch offensteht: Die Welt der Alltagsorganisation rund um Kinder und Familie. Eine Welt, in der Frauen das Regiment führen, in der man Männer für das dumme Geschlecht hält. Eine Welt, die bislang fast ausnahmslos von Müttern selbst betrachtet wurde. In der Literatur, im Fernsehen, im Film – immer sahen wir durch die Augen einer Frau.

Mit Bendikowski aber sehen wir mit den Augen einer „männlichen Mutter“. Wir erleben Kinderschuh-Käufe, bei denen sich die Verkäuferin qua Geschlecht über die Kompetenz der männlichen Mutter erhebt. Nur eine von vielen übergriffigen Aktionen gegen sie. Wir erkunden, warum und wie Frauen über Frauen und Mütter über Mütter herziehen. Wie sich mittels Impfdebatte und Bio-Laden gegeneinander abgegrenzt wird. Und wie „normal“ das Ritual des Sich-Abgrenzens mittlerweile ist – so beliebt sogar, dass Buzzwords wie „Latte Macchiato-Mutter“ und „Feigheit der Frauen“ Bücher und Talkshows füllen. Bendikowski verschont niemanden, dennoch solidarisiert er sich mit Müttern. Er ist ja eine von ihnen.

Dass Geschlecht schon von den ersten Tagen an „gemacht“ wird, regt ihn ebenso auf, wie die moderne Erziehungshysterie und die Inszenierung von glücklicher Kindheit beim Kindergeburtstag (den man, was ich gar nicht wusste, von Menschen schon so organisieren lassen kann, wie eine Hochzeit von einem Wedding Planner). Bendikowski hat mich während des Lesens oft zum Lachen gebracht. Nahezu auf jeder Seite. Der Humor ist seine Waffe gegen alle festgefahrenen Gesetze der Mutterschaft. Und davon gibt es viele: Angefangen bei der Reinlichkeit im Haushalt, über die Frage „Kekse oder Kuchen“, bis hin zur gesunden Ernährung – Mütter haben strenge Verhaltenskodizes entworfen. Sich ihnen zu widersetzen, kommt einer moralischen Bankrotterklärung gleich.

Das kommt nicht von ungefähr: Der Druck der Gesellschaft lastet schwer auf ihren Schultern. Sie tragen nahezu allein die Verantwortung über das Wohl und Wehe der lieben Kleinen. Sie sind im Zweifel schuld. Schuldgefühle – der Autor hat ein feines Gespür für diese subtile aber wirkungsvolle Waffe, die wie ein Damoklesschwert ständiger Begleiter einer Mutter ist.

Was der Autor schafft, ist, durch die Beschreibung dieser Kodizes, durch ihre Überspitzung und das zwinkernde Auge einen Raum zu eröffnen, in dem man darüber lachen darf. Indem man es in Frage stellen darf. Und damit: Es selbstbewusst auch einmal anders machen. In Bendikowski fand ich einen Verbündeten. Einen der es genauso fragwürdig findet, Söhne ausnahmslos zum Fußballtraining schicken zu müssen. Der als einer von ganz wenigen den Instrumente-Zwang und die Unhinterfragbarkeit musikalischer Früherziehung skeptisch beäugt.

Eine kleine Hoffnung

Man muss nicht fragen, ob es einen Mann brauchte, diese Dinge in Frage zu stellen. Das brauchte es sicherlich nicht – viele Mütter vor ihm haben diese Fragen schon gestellt. Konnten darüber lachen. Doch genau wie er, waren auch sie oft ein bisschen die Außenseiterinnen – auf Spielplätzen, bei Elternabenden, im Kiez. Wer gewisse „Trends“ und „Sitten“ nicht mitmacht, ist oftmals ein kleiner Alien. Ob Mutter oder Vater. Was aber nach der Lektüre des Buches als Hoffnungsschimmer für uns Außenseiter-Mütter bleibt: Die Chance, dass ein Mehr an männlichen Müttern ein Weniger an Verhaltenskodizes mit sich bringen könnte. Eine schwache kleine Hoffnung.

Am Ende hat Bendikowski ein echtes Mutmachbuch geschrieben. Ein Lustmachbuch auf das „Abenteuer Familie“, das allen Überspitzungen zum Trotz, eingebettet in die ganz alltägliche Absurdität des Menschlichen, als ein lohnenswertes Unterfangen geschildert wird. Ein Unterfangen, dass vielleicht noch ein bisschen spaßiger werden könnte, wenn mehr männlich-mütterliche Gelassenheit Einzug hielte in das Reich der heiligen Brüste.

Flattr this!

Arte Dossier: “Ehe … es kracht!”

Bedeutet Ehe gleiches Recht für Mann und Frau?

Das ist nur der Vorspann eines Ehe-Dossiers bei Arte, das ganz spannend und unterhaltsam zu werden verspricht. Start ist heute, 21.12.2010, um 20.15 Uhr. Die Online-Beiträge sind auch lesenswert:

Port…

Bedeutet Ehe gleiches Recht für Mann und Frau?

Das ist nur der Vorspann eines Ehe-Dossiers bei Arte, das ganz spannend und unterhaltsam zu werden verspricht. Start ist heute, 21.12.2010, um 20.15 Uhr. Die Online-Beiträge sind auch lesenswert:

flattr this!

Flattr this!

Frauen mit Bart – Selbstinszenierung und Ironisierung im Web 2.0

“Flickernde Jugend”: Was Jungen und Mädchen mit ihren durchschnittlich 13 Stunden pro Woche im Internet für eine Bilderwelt erzeugen, wurde nun erstmals wissenschaftlich untersucht. Heutige Jugendliche sind mit dem Internet aufgewachsen. Sie gehen anders damit um, als die heute 30-Jährigen oder ältere Generationen. Manchmal ist ihr Umgang damit für uns schwer verständlich, manchmal fast verstörend: […]

“Flickernde Jugend”: Was Jungen und Mädchen mit ihren durchschnittlich 13 Stunden pro Woche im Internet für eine Bilderwelt erzeugen, wurde nun erstmals wissenschaftlich untersucht.

Bild: Libri.deHeutige Jugendliche sind mit dem Internet aufgewachsen. Sie gehen anders damit um, als die heute 30-Jährigen oder ältere Generationen. Manchmal ist ihr Umgang damit für uns schwer verständlich, manchmal fast verstörend: Wenn Jugendliche in der U-Bahn auf einen Menschen einschlagen und davon triumphierend ein Handy-Video machen, das sie bei Youtube einstellen, erschüttert uns das. Vielleicht kommt es uns auch so vor, als würden die jungen Frauen heute nur noch sexuell aufgeladene Profilbilder von sich ins Internet stellen? Prügelnde Jungen, sexy Playboy-Häschen – Welche Rolle spielen Geschlechterrollen in den Bildern der Jugendlichen? Was machen die da eigentlich die ganze Zeit, wenn sie – wie Studien ergeben – im Durchschnitt 13 Stunden pro Woche im Internet sind? „Flickernde Jugend – rauschende Bilder. Netzkulturen im Web 2.0“ heißt eine frisch herausgegebene Untersuchung über das Verhalten von Jugendlichen in den typischen Online-Bild-Plattformen wie Flickr und Youtube. Birgit Richard, Professorin für Neue Medien am Institut für Kunstpädagogik der Universität Frankfurt, hat mit ihrem Team die Plattformen besucht und akribisch durchstöbert. Sie legen erstmals eine Studie vor, die nachzeichnet, was Jugendliche im Netz mit Selbst- und Fremdbildern inszenieren.

Das zentrale Ergebnis der Untersuchung ist, dass ein großer Teil der Jugendlichen, die sich über bewegte und unbewegte Bilder im Netz zeigen, sich an sogenannten Stars orientiert. Ihre Posen, ihre Mimik, ihre Maskerade – all das gilt als Schablone für Jugendliche, wenn sie zum Beispiel ein Profilbild von sich bei Facebook oder ein Selbstporträt bei Flickr einstellen. Anders gesagt: die Pose ist für heutige Jugendliche größtenteils so selbstverständlich, wie Händeschütteln. “Wesentlicher Bestandteil der digitalen Jugendkultur ist die körperbetonte sinnliche Selbstdarstellung” schreiben Richard und ihr Team. Die Visitenkarte des “Ich” im Netz wird in einem aktiven Prozess gestaltet. Noch Interessanter wird die Untersuchung an dieser Stelle, wenn sie auf die Unterschiede bei Jungen und Mädchen eingeht.

Men act – Women appear
“Men act – Women appear” heißt ein Leitsatz von John Berger, der die Repräsentation von Gender in Bildern oder im öffentlichen Leben auf einen Nenner zu bringen versucht. Die WissenschaftlerInnen scheinen diesen Leitsatz in der “flickernden. Jugend” wieder zu finden: Weibliche User ironisieren zum Beispiel mittels gespielter Weiblichkeit und Niedlichkeit, wie zum Beispiel ein unschuldig-schief gelegtes Köpfchen, die geltende Norm von Weiblichkeit. Damit seien Frauen, so die These, in der Lage, Stereotype gezielt zu unterwandern und zu brechen. Männern hingegen sei das verwehrt. Sie träten nicht um der bloßen Erscheinung wegen auf eine Bildfläche, sondern um einer Tätigkeit Willen. Wenn sich also eine sehr große Zahl von Frauen als “kleines Mädchen” inszeniert, so wird hier ein spielerischer, stereotypbrechender Umgang mit dem Selbstbild angenommen. Wenn Männer sich als “starke Männer” inszenieren, gibt es keine subversiven Momente in ihrer Darstellung. Vielleicht liegt es daran, dass junge Männer häufiger gesichtslos bleiben, als junge Frauen?

Beide Geschlechter, so betonen die WissenschaftlerInnen, halten sich gleichermaßen weitestgehend an die Geschlechterordnung der westlichen Gesellschaft. Frauenkörper sind dabei in besonderem Maße dem Qualitätsurteil der Obenflächenmakellosigkeit unterzogen, was sich in Zeiten von Photoshop allerdings mit Links realisieren lässt. Wollen Männer die engen Vorgaben dieser Norm einhalten, so scheint es Common sense zu sein, dass dies vor allem durch muskulöse Oberkörper einzulösen sei. Frauen hingegen erreichen die Norm, wenn sie durch geschicktes Posen ihre Brüste und ihren Po gut zur Geltung bringen können. Sexyness, so die Quintessenz, ist inhärenter Bestandteil einer als erstrebenswert angesehenen Selbstdarstellung bei Flickr. Egoshots bei flickr geben ein buntes Bild jugendlicher Selbstdarstellung wieder: vom “Indie-Boy” bis zum “Macho” sind viele Facetten der Männlichkeit möglich. Beide aber, so resümieren die AutorInnen, sind ernst gemeint, kaum subversiv. Weiblichkeiten reichen von “niedliche Grazie in einer Heilen Welt” zur bewusst “hässlichen”, Grimassen schneidenden “Anti-Heldin”, die alles ändere als weiblich aussieht, wenn sie gerade eine Kotz-Pose einnimmt. Beide aber sind wenig ernst gemeint.

Frauen mit Bart
Eine besondere, und besonders häufig vertretene Form des Brechens mit stereotyper Weiblichkeit, ist die Frau mit Bart. Die Untersuchung dieses Phänomens nimmt immerhin ein ganzes Kapitel bei Richard und ihrem Team ein. Die Intentionen der Abweichung qua Bart sind vielfältig: bewusster Bruch mit Klischeeweiblichkeit, Parodie von Männlichkeit, echte Mannwerdungsabsichten oder einfach nur Nonsense in Ballermann-Manier – die Frau mit Bart kann viele Motive haben. Eine weitere Dimension der Abweichung ist die aggressive Frau: beispielsweise die sexuell aggressiv auftretende Lady Bitch Ray. Sie provoziert gezielt und erfolgreich eine Abwehrreaktion in den eingespielten Auseinandersetzungen zwischen Männlichkeit, Weiblichkeit und Herrschaftsverhältnissen zwischen beiden. Sowohl eingefleischte Feministinnen, wie auch konservative Männer reagieren alarmiert – was genau die Intention der Protagonistin sein dürfte. Abweichendes Verhalten und dann auch noch derart sexuell aufgeladen – nicht erst im Web 2.0 eine Form des Protests, bereits die Schwulenbewegung wusste, wie man damit einen Protest erfolgreich sichtbar machen und aufheizen kann.

Zusammenfassend kann also festgehalten werden: neben einer Mehrheit, die sich affirmativ an den Rollenbildern von Stars und Ikonen der Moderne orientiert und sie als Vorbilder für die eigene Selbstinszenierung heranzieht, formiert sich eine Bewegung der “Abweicher”, die mit Stereotypen bricht. Frauen inszenieren dieses Abweichen jedoch deutlich häufiger und radikaler, als es Männer bislang tun.

Ein ganzes Kapitel der Untersuchung ist der Betachtung der Phänomene Cyber-Mobbing, Happy Slapping und demütigenden Bildern. Die Ergebnisse sind recht unspektakulär: Während gerade die Medien sowie die Politik diese Phänomene gerne aufbauscht, um eine gewaltbereite, asoziale und unmoralische Jugend zu inszenieren, so kann davon ausgegangen werden, dass sie nichts anderes als eine Art “logische Fortsetzung” von sozialem Verhalten bei Konflikten und Wut, eine nun eben ver-Web-2.0te Form der Rache sind, wie es sie schon immer in und zwischen Peer Groups gab. Öffentliche Demütigung gehörte immer schon dazu – nur war sie nie so öffentlich möglich, wie jetzt. Das ist problematisch, denn sind Bilder einmal im Netz, ist ihre Halbwertszeit nicht zu unterschätzen. Doch eine gewalttätigere, unmoralischere Jugend als früher gibt es nicht. Sie hat jetzt nur andere Mittel, wenn sie Rache übt. Was die AutorInnen jedoch als sehr wohl problematisch empfinden, sind die unterschiedlichen Botschaften, die von Öffentlichkeit und Politik an Jungen und Mädchen gesendet werden.

ANZEIGE:
Das Buch über diesen Link zu bestellen, unterstützt die Mädchenmannschaft.

libri Flickernde Jugend – Rauschende Bilder jetzt bestellen

flattr this!

Flattr this!

Sexismus im Netz – ein ganz alltäglicher Kampf

Müssen wir wirklich immer noch über Sexismus im Netz reden? Gibt es dazu noch viel Neues zu sagen? Diese Frage stellte ich mir, als ich für einen Workshop zu genau diesem Thema angefragt wurde, den ich im Rahmen des Netzpolitischen Kongresses der Grünen am 13.11.2010 zusammen mit Monika Lazar und Leena Simon gestalten soll. Also […]

Müssen wir wirklich immer noch über Sexismus im Netz reden? Gibt es dazu noch viel Neues zu sagen?
Diese Frage stellte ich mir, als ich für einen Workshop zu genau diesem Thema angefragt wurde, den ich im Rahmen des Netzpolitischen Kongresses der Grünen am 13.11.2010 zusammen mit Monika Lazar und Leena Simon gestalten soll.
Also habe ich mich hingesetzt, um zunächst noch einmal eine Definition von Sexismus herauszuarbeiten, anhand derer man sich Orientierung im überquellenden Angebot des WWW verschaffen kann. Was ist denn Sexismus? Gibt es mehrere Auslegungen, was das sein soll?
Die gibt es durchaus! Der einfachheit halber verwende ich die recht aktuelle Definition der Universität Bielefeld, die in ihrer Studie “Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit” auch Sexismus untersuchte:

“Sexismus betont die Unterschiede zwischen den Geschlechtern im Sinne einer Demonstration der Überlegenheit des Mannes und fixierter Rollenzuweisungen an Frauen. Sexismus ist ein Sonderfall, weil es hierbei nicht, wie bei den anderen Gruppen, um die Ungleichwertigkeit einer zahlenmäßigen Minderheit, sondern einer Mehrheit der Bevölkerung geht.”

Davon ausgehend suchte ich den Sexismus im Netz.
Womit sucht man Dinge im Netz? – Genau, mit Google! Die Ergebnisse der Sucherergebnisse für “Frauen” und “Männer” sind erschreckend unterschiedlich und verdeutlichen in einer sehr ernüchternden Art und Weise die Alltäglichkeit und Normalität von Sexismus im WWW. Frauen werden dabei vor allem als Sexobjekte “gefunden”. Oder als Idioten, die man in Videos und Witzen verballhornen kann (Stichwort “Frau am Steuer”). Die Suche ergab auch zwei Frauen-Portale, die sich beide an den Stereotypen abarbeiten, die als typisch weibliche Interessen gelten: Liebe, Kochen, Kinder, Diäten und Abnehmen, Dekoration der Wohnung und Schminktipps.
Die Suche bei Youtube mit dem Suchwort “Frauen” endet ähnlich traurig. Gerade, wenn ich die Sucherergebnisse für Männer vergleichend daneben halte, die doch wesentlich positiver und vor allem nicht so sexualisiert ausfallen.

Eine zweite Quelle für Sexismus im Netz sind die knapp 1.600 Kommentare hier im Blog, die nicht freigeschaltet wurden, die wir aber “sammeln”. Ich schätze etwa 70 Prozent von ihnen als unter der obigen Definition betrachtet sexistisch ein. Anna hat darüber ja schon einmal geschrieben.

Was also tun gegen den Sexismus im Netz, der so alltäglich geworden ist, dass eine einfache google-Suche ihn sofort sichtbar machen kann? Wie umgehen mit offenem Sexismus als Reaktion auf Frauen, die sich trauen, Missstände anzuprangern? Wie post-gender ist denn das Netz? Und was passiert, wenn feministische Positionen gepostet werden? Wer kommt eigentlich zu Netzkongressen? Und wer liest überhaupt Blogs von Frauen? Wie sind die Potenziale des Netzes zur Herstellung einer feministischen Öffentlichkeit?

Das alles würde ich gerne mit Monika, Leena und euch diskutieren.
Und für alle, die nicht kommen können, steht hier die Kommentarfunktion zur Verfügung!
Sagt mir eure Meinung.

Veranstaltungs-Infos:
Der Netzpolitische Kongress der Grünen im Bundestag:
Workshop im Netzpolitischen Labor II, 13.11., 15.15—16.45 Uhr, Paul-Löbe-Haus
Alles eine Frage der Macht: Sexismus im Netz
Mit Monika Lazar MdB, Sprecherin für Frauenpolitik
Leena Simon, FoeBuD e.V.
Katrin Rönicke, Journalistin

flattr this!

Flattr this!