Stereotype und Stigmata – die Deutschen und Osteuropa

800px-William_Holman_Hunt_-_The_ScapegoatFür die Wostkinder frage ich „Ist der Bayer reif für die Einheit“ – im Blick habe ich die CSU, allen voran Horst Seehofer und natürlich meine ich die europäische Einheit. Wenngleich ich finde, dass die Westdeutschen und ihr Umgang mit der Deutschen Einheit einen kleinen Vorgeschmack auf das bieten, was der Deutsche von den Leuten hält, die noch weiter im Osten, noch weiter bei Russland wohnen und dann nichtmal seine Sprache sprechen.

Der Begriff „Armutseinwanderung“ macht derzeit die Runde. Was für ein „praktischer“ Begriff – er transportiert so viel mit, alles in einem Wort: Da wäre die Unterstellung, dass alle in Osteuropa arm sind – ärmer als wir – und vor allem die armen Leute hier herkommen. Was auch die Frage nach dem „Warum?“ beantwortet – die wollen halt Geld – UNSER Geld!!1!!

Und das muss man denen natürlich verweigern. EU? – Freizügigkeit? Naja, wer Geld hat, der darf freizügig sein. Oder so. DAS ist mal echter Klassismus – aber davon liest man in den üblichen Blogs jetzt grade nichts. Was etwas über Horizonte aussagt. Aber das wiederum ist (dieses Mal) nicht Thema.

Da man mein Blog dieses Mal bislang nicht so recht beachtet und es unterzugehen droht, bin ich sehr froh, dass im Feuilleton der FAZ heute ein sehr deutlicher Artikel sehr sichtbar prangt, von Dirk Schümer, der alles noch einmal zuspitzt: Faul seien nicht etwa die Einwanderer

Faul und indolent sind hingegen deutsche Behörden, die ihre Arbeit nicht oder schlecht erledigen und damit die Bevölkerung auch noch pauschal gegen die übergroße Mehrheit der Zuwanderer aufbringen, die dem deutschen und dem europäischen Sozialetat durch ihre Arbeit Profite einbringen.

und – was auch mein Punkt immer wieder ist und ich finde, der Kern der Debatte, den sich viele nicht anschauen wollen:

Die saturierten Alteuropäer, die eine Öffnung für ihre Produkte und Ferienziele nach Osteuropa selbstverständlich finden und deren Konzerne oft genug mit den Billiglöhnen im Osten gutes Geld verdienen, sollten den Menschen vom Balkan nicht noch die verbliebene Würde und den Stolz auf ihre großen Leistungen seit 1989 nehmen. Es ist wenig genug übriggeblieben.

Für so einen differenzierten und deutlichen Artikel lasse ich mein Wostkinderblögchen gern zur Seite treten. Aber vielleicht mag die/der eine oder andere von euch ja doch noch lesen…

Bild: The Scapegoat – der Sündenbock. Von William Holman Hunt. Via Wikimedia Commons. Unter Public Domain.

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Versucht’s nochmal

Bildungskolumne Wie angekündigt widmete ich mich dem Buch von Lena Gorelik. Und gebe ihr recht: Die deutsche Integrationspolitik ist nicht existent.

„Man hat mich – und wahrscheinlich noch viele andere – unseres Landes beraubt.“ Lena Gorelik ist eigentlich ein Mensch, den man als „naive Optimistin“ bezeichnen könnte. Doch das hat sich geändert…


CC-BY-SA: Some rights reserved by Das blaue Sofa

In ihrem Buch „Sie können aber gut Deutsch!“ – Warum ich nicht mehr dankbar sein will, dass ich hier leben darf und Toleranz nicht weiterhilft wird eine Sicht auf Deutschland wiedergegeben, die vor allem das Potential sieht und die Möglichkeiten, wenn sie zu Beginn sagt: „Wir in Deutschland beherrschen von Haus aus einen Umgang mit Vielfalt, von dem viele lernen könnten. Vielfalt ist eine Stärke Deutschlands und gerade sie macht dieses Land schön.“ In diesem Buch gibt es aber ein ungeplantes Kapitel. Thilo Sarrazin hat, so Gorelik, in Deutschland eine Debatte ausgelöst, deren Tonfall sie ihrer Naivität beraubt habe – und damit ist sie sicherlich nicht alleine. Sie fühlte sich so wie sie war nicht mehr willkommen. Den Lena Gorelik ist ein Kind russischer Einwanderer und hat sich ihr Zuhause, Deutschland, mühsam zu ihrem Zuhause gemacht. Sie hatte die Menschen hier zu einem „Wir“ werden lassen. Und dabei eine „Entschämung“ geschafft, durch die sie ihr „russisches Ich“ akzeptieren und lieben gelernt hat. Denn als Kind hat sie sich dafür oft geschämt, hat ein „bemüht deutsches Ich“ entworfen und sich angepasst. Durch Sarrazin, so Gorelik, wurde eine Atmosphäre geschaffen, in der nur noch dieses „bemüht deutsche Ich“ willkommen war. Es ist ein schmerzhafter Bruch, der durch das ungeplante Kapitel in ihrem Buch geschieht. Denn er zeigt, wie zerstörerisch die Debatte um Sarrazin wirklich war.

Null Toleranz

In den ersten Kapiteln erzählt Gorelik ihre eigene Geschichte und koppelt sie zurück an allgemeine Phänomene. Sie kam mit elf Jahren nach Deutschland und lebte mit ihren Eltern zunächst in einem Asylbewerberheim in Schwaben. Sie kam in die Schule und sprach die Sprache nicht. Die Kinder und ihr erster Lehrer reagierten stereotyp, tolerierten sie aber. Diese Toleranz problematisiert Lena Gorelik scharfsinnig und greift die Forderung der Lesben- und Schwulenbewegung nach Akzeptanz auf. In ihr ist ein tiefer Wunsch nach dem Ende dieser Toleranz, die immer bedeutete, untergeordnet zu leben, die sich darin äußerte, dass ihr ihre eigenen Eltern und ihr Zuhause peinlich waren, dass sie sich schämte für die russische Küche, die russische Sprache und ihre mitgebrachte Kleidung oder Schulhefte. Sie setzte stattdessen alles daran, so zu werden, wie die Kinder in ihrer Klasse, daran, akzeptiert zu werden – was ihr als „die Gorelik aus Russland“ nicht gelang. „Bis ich nicht mehr wusste, wer oder was ich war, wo ich hingehörte, wer zu mir gehörte und überhaupt.“ Doch sie lernte.

Es ist ein Lernprozess, aus dem sie viel Kraft zieht und in dem sich sehr viele sehr klare Werte gebildet haben: Angst zerstört – Vertrauen schafft. So könnte eine Quintessenz lauten. Denn Angst hatte auch sie genügend, ihre Kindheitserfahrungen haben diese eingeprägt: Es ist eine Angst vor Toleranz, eine Angst, nicht akzeptiert zu werden. Dabei bemerkt sie, dass die Toleranz in ihrem Leben längst nicht mehr so präsent ist, wie in ihrer Kindheit – sie antizipiert sie oftmals nur.

Auch die Konsument_innen der deutschen Medien, so Gorelik, müssten einmal massiv an ihren Ängsten arbeiten. Denn die werden durch eine überzeichnete und dramatisierte Scheinrealität, welche in den Medien geschaffen wird, immer nur geschürt. 30 Prozent der Berichte über Migrant_innen, handeln von Kriminalität; weitere 25 Prozent handeln von Terrorismus. Das schürt Ängste. Vor „Überfremdung“; vor Gewalt; vor „Sozialschmarotzern“ – ja, gar vor einer „Einführung der Scharia in Deutschland“. Die Medien missachten ihre klare Verantwortung, kritisiert Lena Gorelik. Getreu dem Motto „Bad News is Good News“ würden Randphänomene zu Allgemeinheiten aufgebaut. Wie fänden Sie es denn, wenn die Medien immer berichteten, dass alle Deutschen Nazis wären, fragt sie.

Angst als Zustand

Kommt mal klar, liebe Medien und liebe Zuschauer_innen. Denn es wird ein komplett irres und gefährliches Bild der Realität gemacht, das keiner realen Gegebenheit entspricht. „Worst Case: Muslime“ stichelt sie lapidar, und legt den Finger noch ein bisschen tiefer in die Wunde. Scharfsinnig ermittelt sie die Mechanismen einer sich immer weiter ausbreitenden Islamophobie. Begriffe wie „islamisch“, „muslimisch“ und „islamistisch“ würden völlig unreflektiert in einen Topf geworfen. Da gilt eine Frau mit Kopftuch als Ausdruck für Unterdrückung. Es werde kaum mehr differenziert zwischen den fanatischen Anhängern und den friedlichen (für Medien wohl leider zu langweiligen) Anhänger_innen einer Religion. In Deutschland sind alle Christen und wie die drauf sind, sieht man ja an der Piusbruderschaft. Oder so? Angst – immer wieder Angst – die medial, politisch und publizistisch geschürt wird und die zu immer mehr Hass führt. „Diese Angst und dieser Hass sind nicht nur salonfähig geworden, sondern als Zustand akzeptiert worden.“

Gefühlvoll, stark, gnadenlos, hoffnungsvoll, resigniert, optimistisch – Lena Goreliks Buch ist all das, von der ersten bis zur 240. Seite. Das alles und noch viel mehr. Hans Joas beschreibt Werte lapidar als „emotional besetzte Vorstellungen vom Guten“ – das Buch ist voll davon und das ist heute leider selten geworden. Sie verharrt nicht auf der entlarvenden Analyse – die sie treffsicher und wachrüttelnd zu liefern bravourös beherrscht. So stellt sie lakonisch fest: Die deutsche Integrationspolitik sei mitnichten gescheitert. Nein, denn etwas nicht-existentes könne schließlich nicht scheitern. Ein vernichtendes aber absolut berichtigtes Urteil. Sie nimmt die Verantwortlichen in die Pflicht: Wahlrecht, Bildungspolitik, Sozialpolitik, Innenpolitik und nicht zuletzt – die Integrationsbeauftragte. Es gebe einen Integrationspolitikplan, der beinhalte die geplante Erstellung eines Aktionsplanes, und in diesem Verfahren müssten auch Maßnahmen gefunden werden. Ja nee – is klar! Einen Integrationsindikatorenbericht habe man auch in Auftrag gegeben – Ergebnisse von über fünf Jahren „Integrationspolitik“. Ich muss an Loriot denken. „Nichts weiter als Staffage“ – Gorelik findet treffende Worte für diese Begriffsbildungen. Das beweise „dass die Politik und insbesondere die Regierung nicht genau wissen, wie sie mit dem Thema umgehen sollen.“

Sie werden es nicht lesen

Wenn man das Buch am Ende zuklappt und das Gelesene zu verdauen beginnt, bleibt das Gefühl, dass Lena Gorelik lieber das Deutschland hätte, dessen Potentiale sie sieht. Doch diese bleiben systematisch ungenutzt. Im Wege stehen, so mein Eindruck, tatsächlich die geschürten Ängste und weniger die „harte Realität“. Und es bleibt der Eindruck, dass Deutschland ziemlich doll auf dieser Toleranz-Idee hängen geblieben ist. Deswegen sprechen wir auch nach wie vor von Integration – statt von Inklusion. Wir haben nicht verstanden, dass Akzeptanz uns bereichert und wir haben auch nicht verstanden, wie sie zu leben ist. Gorelik weiß es und es ist mein einziger Kritikpunkt an ihrem wunderbaren Buch: Sie schreibt es auf 240 Seiten auf, von denen man nicht erwarten können wird, dass die Urheber_innen der Integrationspolitikstaffage sich die Mühe machen werden, diese Seiten von vorne bis hinten aufmerksam zu lesen. Dann wüssten sie, wie man das mit der Akzeptanz lebt: „Interesse nicht nur zeigen, sondern haben. Es geht so einfach, man muss nur die eine oder andere Frage stellen.“ Und zuhören.

Dieser Artikel erschien zuerst als Kolumne auf freitag.de.

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Der Latte-Macchiato-Vater

„Wenn es um die Kindererziehung geht, ist die ewige Frage nach der Verteilung von Klugheit und Dummheit auf die Geschlechter deutlich entschieden – zu Ungunsten der Männer selbstverständlich.“ Tillmann Bendikowski hat es trotzdem gewagt und vom Tupperabend bis zur Beckenbodengymnastik nichts ausgelassen.

Das ist Opa, nicht Papa – aber ich fand das Bild so ansprechend. Quelle: CC BY-ND 2.0 von vionaleews via Flickr

Tillmann Bendikowski hat ein Buch geschrieben, das vermutlich vielen nicht gefallen wird. Es rüttelt an allzufesten Überzeugungen, die in diesem Land vielleicht so manifest sind, wie nirgendwo sonst: am Bild der Mutter. Der Mutter an und für sich. Denn Tilmann Bendikowski wurde genau das: eine Mutter.

Seine Mutterwerdung schildert er gleich zu Beginn von Allein unter Müttern, einem Buch, das bisweilen bitterböse ist, aber stets mit einem zwinkerndem Auge und nie ohne den nötigen Respekt für das Allzumenschliche. Zum Beispiel im Massagekurs für Babys, der Ort, an dem Mütterlichkeit regiert. Unhinterfragt.  Konkurrenzlos. Bendikowski drang ein in diese durch und durch weibliche Sphäre und als sein Kind aus nachvollziehbaren Gründen anfing zu brüllen, passierte es: Die Kursleiterin wollte das Kommando übernehmen. Mit den gebieterischen Worten „DAS KIND BRAUCHT EINE MUTTER!“ (sich selbst meinend) schubste sie den jungen Vater dahin, wo er von nun an und für den Rest des Buches sein würde: Seine Antwort lautete „Ich bin die Mutter!“ Er rettete sich und seinen Sohn aus dem Kurs nach Hause. Dort kuschelten Mutter und Kind für den Rest des Tages und mieden fortan solche Kurse, die es für Babys en Masse gibt.

Frauen führen hier das Regiment

Dass Bendikowski sich fortan als „Mutter“ bezeichnet ist vermutlich ein Affront – gegenüber Müttern wie Konservativen gleichermaßen. Wer sich hieran stört, wird das Buch insgesamt als eine Frechheit betrachten. Es spart nicht mit Hohn und Spott. Es ist ein Einblick in eine Welt, die bislang nur der einen Hälfte der Bevölkerung theoretisch offensteht: Die Welt der Alltagsorganisation rund um Kinder und Familie. Eine Welt, in der Frauen das Regiment führen, in der man Männer für das dumme Geschlecht hält. Eine Welt, die bislang fast ausnahmslos von Müttern selbst betrachtet wurde. In der Literatur, im Fernsehen, im Film – immer sahen wir durch die Augen einer Frau.

Mit Bendikowski aber sehen wir mit den Augen einer „männlichen Mutter“. Wir erleben Kinderschuh-Käufe, bei denen sich die Verkäuferin qua Geschlecht über die Kompetenz der männlichen Mutter erhebt. Nur eine von vielen übergriffigen Aktionen gegen sie. Wir erkunden, warum und wie Frauen über Frauen und Mütter über Mütter herziehen. Wie sich mittels Impfdebatte und Bio-Laden gegeneinander abgegrenzt wird. Und wie „normal“ das Ritual des Sich-Abgrenzens mittlerweile ist – so beliebt sogar, dass Buzzwords wie „Latte Macchiato-Mutter“ und „Feigheit der Frauen“ Bücher und Talkshows füllen. Bendikowski verschont niemanden, dennoch solidarisiert er sich mit Müttern. Er ist ja eine von ihnen.

Dass Geschlecht schon von den ersten Tagen an „gemacht“ wird, regt ihn ebenso auf, wie die moderne Erziehungshysterie und die Inszenierung von glücklicher Kindheit beim Kindergeburtstag (den man, was ich gar nicht wusste, von Menschen schon so organisieren lassen kann, wie eine Hochzeit von einem Wedding Planner). Bendikowski hat mich während des Lesens oft zum Lachen gebracht. Nahezu auf jeder Seite. Der Humor ist seine Waffe gegen alle festgefahrenen Gesetze der Mutterschaft. Und davon gibt es viele: Angefangen bei der Reinlichkeit im Haushalt, über die Frage „Kekse oder Kuchen“, bis hin zur gesunden Ernährung – Mütter haben strenge Verhaltenskodizes entworfen. Sich ihnen zu widersetzen, kommt einer moralischen Bankrotterklärung gleich.

Das kommt nicht von ungefähr: Der Druck der Gesellschaft lastet schwer auf ihren Schultern. Sie tragen nahezu allein die Verantwortung über das Wohl und Wehe der lieben Kleinen. Sie sind im Zweifel schuld. Schuldgefühle – der Autor hat ein feines Gespür für diese subtile aber wirkungsvolle Waffe, die wie ein Damoklesschwert ständiger Begleiter einer Mutter ist.

Was der Autor schafft, ist, durch die Beschreibung dieser Kodizes, durch ihre Überspitzung und das zwinkernde Auge einen Raum zu eröffnen, in dem man darüber lachen darf. Indem man es in Frage stellen darf. Und damit: Es selbstbewusst auch einmal anders machen. In Bendikowski fand ich einen Verbündeten. Einen der es genauso fragwürdig findet, Söhne ausnahmslos zum Fußballtraining schicken zu müssen. Der als einer von ganz wenigen den Instrumente-Zwang und die Unhinterfragbarkeit musikalischer Früherziehung skeptisch beäugt.

Eine kleine Hoffnung

Man muss nicht fragen, ob es einen Mann brauchte, diese Dinge in Frage zu stellen. Das brauchte es sicherlich nicht – viele Mütter vor ihm haben diese Fragen schon gestellt. Konnten darüber lachen. Doch genau wie er, waren auch sie oft ein bisschen die Außenseiterinnen – auf Spielplätzen, bei Elternabenden, im Kiez. Wer gewisse „Trends“ und „Sitten“ nicht mitmacht, ist oftmals ein kleiner Alien. Ob Mutter oder Vater. Was aber nach der Lektüre des Buches als Hoffnungsschimmer für uns Außenseiter-Mütter bleibt: Die Chance, dass ein Mehr an männlichen Müttern ein Weniger an Verhaltenskodizes mit sich bringen könnte. Eine schwache kleine Hoffnung.

Am Ende hat Bendikowski ein echtes Mutmachbuch geschrieben. Ein Lustmachbuch auf das „Abenteuer Familie“, das allen Überspitzungen zum Trotz, eingebettet in die ganz alltägliche Absurdität des Menschlichen, als ein lohnenswertes Unterfangen geschildert wird. Ein Unterfangen, dass vielleicht noch ein bisschen spaßiger werden könnte, wenn mehr männlich-mütterliche Gelassenheit Einzug hielte in das Reich der heiligen Brüste.

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Kickt und inszeniert euch, Frauen!

Alle sind im Rausch – dem des Männerfußballs. Wer denkt da noch an die Frauen-WM 2011? Was der Frauenfußball braucht, um an seinen Glanz vom vergangenen Jahr anzuknüpfen.

Dieser Text erschien zuerst in meiner Kolumne auf freitag.de.

Wenn Deutschland gegen Italien spielt, werden viele Menschen vor dem Fernseher sitzen, von denen ich weiß, dass sie Fußball eigentlich uninteressant finden. Für mich ist das ein Hinweis darauf, dass der Hype sehr sehr groß ist:  Während des Spiels wird es vermutlich wieder Feuerwerk über meiner Stadt geben. Vuvuzelas werden erklingen (und das Wort „Vuvuzela“ wird nicht einmal von meiner Rechtschreibkorrektur moniert – im Gegensatz zu „Hype“). Die Menschen über meiner Wohnung werden wieder laut aufspringen und brüllen. Menschen, die ich sonst nur durch Klavierspielen höre. Alle schauen Fußball. Männerfußball. Selbst ich habe mir drei Spiele angesehen, obwohl ich eigentlich keine bin, die Sport gerne im Fernsehen schaut.

Was mich aber interessiert, ist die Gender-Frage hinter diesem Phänomen. Denn Feminismus, wie er in der Encyclopedia Britannica definiert wird, ist: „the belief in the social, economic, and political equality of the sexes“, also „der Glaube an die soziale, ökonomische und politische Gleichheit der Geschlechter“. Ungleicher als beim Fußball geht nur schwer.

Davo leben kann keine

Foto: CC BY-NC 2.0 via http://www.flickr.com/people/curoninja/ 黒忍者

Ökonomisch ist der Frauenfußball jenseits der WM kaum interessant, während die Kassen nicht nur zur „Männer-EM“ klingeln, klingeln, klingeln. Sportpolitisch wird in Sachen Frauenfußball kein dringender Handlungsbedarf formuliert – obwohl er besteht. Zudem gibt es einen eklatanten Geschlechter-Bias in der Frage der Inszenierung. Was ich dieser Tage beobachte ist ein stark männlich orientiertes Fan-Verhalten. Knallen, saufen, gröhlen. Ist nicht böse gemeint Jungs: Aber ich kenne nicht wenige Frauen, die beim Stadion-Besuch während der Frauen-WM 2011 irre überrascht waren – und zwar im positiven Sinn – wie angenehm und zivilisiert dort gefeiert wurde. Eben anders.

Nach der WM ist vor der WM – zumindest im Frauenfußball, wie der Film Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer, den die Band Maiden Monsters für das Gunda-Werner-Institut gedreht hat, zeigt.
Dort berichten Frauen, wie schwierig es für „Bundesliga-Profis“ ist, Fußball und Leben zu vereinen. Denn davon leben kann eigentlich keine. Am besten vergleichen sich die Damen erst gar nicht mit ihren männlichen Kollegen – denn das würde wohl extrem verbittern. Kaum auszudenken, was für einen Fußball die spielen könnten, wenn sie nur das tun bräuchten!

Die Misere des Frauenfußballs verläuft auf drei verschiedenen Ebenen: Erstens fördern die Sportvereine, wie zum Beispiel der Dortmunder Bundesliga-Meister, den Frauenfußball so gut wie gar nicht. Das ist den deutschen Medien aber keinen Skandal wert. Womit wir bei Problem Nummer zwei wären: Es hapert deutlich an der Inszenierung. 2011 ist diese wunderbar geglückt. Alle haben mitgemacht und an einem Strang gezogen.

Denn man roch das winkende Geld – und die Investitionen haben sich auch tatsächlich gelohnt. Die Quoten waren ein Traum: 17,01 Millionen Zuschauer hingen beim Spiel gegen Japan vor der Glotze. Das Eröffnungsspiel gegen Kanada erreichte mit 60,1 Prozent den höchsten Marktwert – unglaublich! Von solch einer gelungenen Inszenierung hängt viel ab. Sie fortzusetzen wäre unabdingbar für einen Fortschritt im Frauenfußball.

[youtube http://www.youtube.com/watch?v=gOiJiCdBK1w]

Männliche Hegemonie

Doch wer inszeniert denn so einen Sport? Es ist ein Vielklang aus DFB, Medien, teilweise auch Politik und letztendlich auch der  Wirtschaft mit ihrem Marketing. Dass es beispielsweise während der WM 2011 ein Panini-Album gab war das erste Mal bei einer Frauen-Meisterschaft und darf in seiner Auswirkung und Kraft nicht unterschätzt werden. Ein gelungener Hype setzt nämlich im Gehirn der Menschen, höchstwahrscheinlich im Belohnungszentrum an: Je mehr kleine Belohnungsmomente rund um das Event geschaffen werden (und auch wenn es lächerlich klingt, aber Sammelerfolg ist ein großer Belohnungsmoment), desto größer wird der Hype.

Aber jetzt, ein Jahr später, sind wir leider im gleichen Schneckentempo angekommen, das wir schon zuvor hatten. Da stellt sich für mich eigentlich nur die Frage: Na und? Warum sollten wir Frauen, wir FeministInnen, wir GesellschaftskritikerInnen, Fußball wichtig nehmen? Wir könnten doch einfach ganz verächtlich schauen – Gründe werden uns dieser Tage doch genug geliefert: Man führt uns zum wiederholten Male die männliche Hegemonie vor. Die Politik nutzt das Event, um sich gesund zu stoßen. Immer wieder tauchen Skandale um Wetten auf. Unkritische Betrachtungen und Berichte sind die Regel – inklusive des Outing-Verbots für schwule Spieler. Muss man sich dieses „System Fußball“ wirklich antun? Kommerz, Heteronormativität, Krawall und Intrigen?

Ich finde: Ja – aber dabei muss man ja nicht unkritisch werden, wie verschiedene Einwürfe zur WM 2011 gezeigt haben. Professor Dr. Claudia Kugelmann ist Sportpädagogin und leidenschaftliche Befürworterin des Ernstnehmens des Frauenfußballs als Chance: Sichtbarkeit. Macht. Teilhabe. Das sind die drei zentralen Gewinne, die ihrer Ansicht nach hier zu holen sind. Für mich ein Déjà-Vu: Das sind ja die gleichen Gründe, aus denen ich dafür plädiere, dass Frauen sich diese Digitale Gesellschaft zur Heimat machen sollen!

Eingerostete Akteure

Oder Frauen in diese ekelhafte Politik – die gleichen Gründe! Was aber tun? Wie soll das gehen? – Vorbilder! Sagt Kugelmann und ja genau: Das sage ich ja auch immer. Denn letztendlich liegt der politische, der ökonomische und auch der soziale Hund beim Frauenfußball genau da begraben, wo er immer liegt: Bei  schrecklichen Stereotypen.  Das Ringen um Anerkennung gelingt durch Vorbilder. Wir haben Jahrzehnte lang eingeübt, als „richtigen, echten Fußball, wie er sich gehört“ den Männerfußball zu sehen. „Es rührt sich einiges in Deutschland,“ hört man. Und erste Vorbilder erscheinen am Horizont, zum Beispiel Steffi Jones. Doch ich bleibe bei meiner eher verhaltenen Diagnose von vor einem Jahr: Die  Akteure die wir brauchen sind noch zu starr und eingerostet, als dass sich wirklich, und nachhaltig, auf absehbare Zeit etwas ändern könnte. Ich lasse mich natürlich gerne vom Gegenteil überraschen.

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Stereotype, Hormone und die sogenannten „Beweise“ – alles Evolution?

Ganz schön geschickt, von diesem Christian. In seiner Anrufung an „die“ Piratenpartei, einem strangen Artikel, hat er so viele Ping-Back-Verlinkungen platziert, dass alle Verlinkten sich über seinen Artikel hermachen und auch noch kommentieren. Seine Botschaft hat er damit gekonnt unter die Leute gebracht: Hütet euch vor dem Feminismus – ihr Piraten!

Nein: Man muss sich diesen Artikel nicht wirklich durchlesen. Ich fasse einfach kurz zusammen:
Piraten sind eine junge Partei, die noch ihren Weg sucht – und einen Kegelclub hat. Also fühlt er sich genötigt, zu intervenieren und gebetsartig Sätze wie „Ihr seid sachlich denke (sic!) Personen“ oder “ Ihr denkt in Fakten, nicht in Beliebigkeiten“ – er appelliert an die Ratio der „Nerds“ um zu schließen mit: „Wer gegen die Auswirkungen verschiedener Spielarten des Feminismus ist, insbesondere den Genderfeminismus, der ist nicht frauenfeindlich.“

Nein nein! Nehmt euch jetzt nicht die Zeit, das zu lesen. Das ist es auch wiederum nicht wert (ich lese den Christian eigentlich recht oft, ich geb euch dann einfach Bescheid, wenn mal was Wichtiges, oder gar Gewinnbringendes drin steht). Lest doch lieber einmal diese Zusammenfassung einer sehr spannenden Studie, die so ein bisschen einmal alles auseinander nimmt und ad absurdum führt, was Leute wie Christian als einzig „wahre“ Erklärung für alle Unterschiede zwischen den Geschlechtern akzeptieren. Oder sagen wir: Als zentrale Erklärung für alles Mögliche – was wiederum eine Erklärung dafür ist, dass Testosteron (ich liebe btw Testosteron! ich glaube, ich habe davon auch sehr viel – harr harr) und die Lust eine sehr große Rolle in den Artikeln in seinem Blog spielen.

Biological and social factors have been shown to affect cognitive sex differences. For example, several studies have found that sex hormones have activating effects on sex-sensitive tasks. On the other hand, it has been shown that gender stereotypes can influence the cognitive performance of (gender-) stereotyped individuals. However, few studies have investigated the combined effects of both factors. The present study investigated the interaction between sex hormones and gender stereotypes within a psychobiosocial approach. One hundred and fourteen participants (59 women) performed a battery of sex-sensitive cognitive tasks, including mental rotation, verbal fluency, and perceptual speed. Saliva samples were taken immediately after cognitive testing. Levels of testosterone (T) were analysed using chemiluminescence immunoassay (LIA). To activate gender stereotypes, a questionnaire was applied to the experimental group that referred to the cognitive tasks used. The control group received an identical questionnaire but with a gender-neutral content. As expected, significant sex differences favouring males and females appeared for mental rotation and verbal fluency tasks, respectively. The results revealed no sex difference in perceptual speed. The male superiority in the Revised Vandenberg and Kuse Mental Rotations Tests (MRT-3D) was mainly driven by the stereotype-active group. No significant sex difference in MRT-3D appeared in the control group. The MRT-3D was also the task in which a strong gender-stereotype favouring males was present for both males and females. Interestingly, T levels of the stereotype-activated group were 60% higher than that of male controls. The results suggest that sex hormones mediate the effects of gender stereotypes on specific cognitive abilities.

Das ist die Zusammenfassung einer Studie mit dem Titel „Interactive effects of sex hormones and gender stereotypes on cognitive sex differences—A psychobiosocial approach“, die zu dem Ergebnis kommt, dass die tatsächliche Auswirkung sogenannter „Hormone“ auf unser Verhalten, die tatsächlich messbaren Unterschiede, davon abhängen, wie stark wir selbst Gender-Stereotype gefressen haben – oder eben nicht. Ich habe die Studie vor einem Jahr komplett gefressen, da sie ein Bestandteil meiner Vorbereitungen zum Vortrag „Stereotype, Sichtbarkeit und Wettkampf – Diversity in der Digitalen Gesellschaft“ war. Deswegen habe ich sie auch schon vor vielen Monaten auf Nachfrage an Christian getwittert – eine Antwort bekam ich allerdings nie. Naja – das Blöde ist wohl einfach auch, dass die Basis seines gesamten Blogs, das recht ausführlich und regelmäßig geschrieben wird, mit einem Ernstnehmen solcher Ergebnisse wegfallen würde. Kartenhaus und so. Aber vielleicht ist bei dieser jungen Partei, die doch so wissenschaftlich sein und denken soll, die sich kein X für ein U vormachen lässt, jemand ambitioniert, das Ding zu lesen. Ich lasse der-/demjenigen dann gerne eine Privatkopie davon zukommen.

Gute Nacht!

PS: Ja – es sieht anders aus hier. Ich brauchte einen Tapetenwechsel. Ich hoffe sehr, dass es gefällt.

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Wo sind die Heldinnen?

Was hält so viele Frauen davon ab, ihre politische und ökonomische Wirkungsmacht in der Gesellschaft in gleicher Weise wahrzunehmen, wie die Männer? Eine Ursachensuche
 
Die Frage beschäftigt viele Gemüter – ich nehme mich da nicht aus. Können, oder wollen Frauen und Männer nicht auf gleicher Augenhöhe ihre Wirtschaft, Politik und Gesellschaft gestalten? Können wir nicht alles schaffen? Wir müssen doch nur wollen. Oder? – „Wenn sie nicht will, dann kann sie doch keineR zwingen!“ Das höre ich sehr oft. Das ist richtig. Wir müssen nicht immer wollen, was wir theoretisch können. Aber viele wollen gerne. Sie möchten die Gesellschaft verändern. Sie fordern wirtschaftliche und politische Teilhabe für alle Menschen, unabhängig von Geschlecht und Herkunft. Und sie gehen deswegen durch die Institutionen. Dabei ändern sie sich, ihr Verhalten und ihre Ansichten über die Geschlechterfrage. Oftmals entdecken diese Frauen sehr massiv, dass es die Gläserne Decke noch gibt. Andere verändern die Kultur, die sie in den männlichen Kreisen vorfinden. Die Wirkung ist wechselseitig: Wenn Frauen teilhaben, ändern sich beide: Die Organisationskultur und die Frau. Hier liegt eine Chance.
 
  Manchmal aber wollen Menschen einfach nicht. Dahinter steckt mitnichten Feigheit – es ist eher ein einfaches Kalkül, eine Nutzen-Kosten-Rechnung. Spitzenpolitikerinnendasein, obere Chefetage eines DAX-Unternehmens, Bundeswehrgenerälin, Professorin, Geheimagentin, Jägerin – für all diese Jobs fallen uns viele gute Gründe ein, warum wir sie ablehnen. Sie erfüllen uns nicht, rauben uns aber gerne 60 Stunden unserer Woche. Sie erfordern das Beherrschen ekelhafter Regeln – finden wir. Sie sind geradezu unmenschlich und undankbar. Sie manifestieren geltende Herrschaftsnormen. Wir sollten uns dem nicht anpassen – wir sollten ein eigenes, selbstbestimmtes, freies Leben führen. Dort geht es nicht. Sagen wir. Oder?
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Alles klar zur Wende?

 
In der Diskussion um Frauen in der Piratenpartei spiegeln sich alte Geschlechter-Stereotype und die Genügsamkeit der Frauen.
 
Als erstes möchte ich auf den sehr guten Beitrag von Daniel Schweighöfer im Kegelclub hinweisen, der mit den Worten endet: „Die Herausforderungen der Informationsfreiheit verlangen eine zweite, eine richtige Aufklärung der Menschen. Wir alle müssen daran mit arbeiten, wenn wir in der Gesellschaft der Informationsfreiheit zu Hause sein wollen.“ Sein Ende soll mein Anfang sein:

 
Ja: Das Internet und die Piratinnenpartei bieten prinzipiell allen Menschen die Möglichkeit, mitzumachen. Das meistgenannte Argument gegen ein aktiveres Engagement zur Förderung von Frauen in beiden Feldern. Das Internet sei doch schließlich ein Ort, an dem Status, Alter, BMI und Geschlecht keine Rolle mehr spielten, werfen viele gegen einen neuen Netzfeminismus ein. Bei den Piraten ist das doch genauso! Mit dem Begriff „Post-Gender“ wurde eine feministische Diskussion innerhalb der Piratenpartei schon vor über einem Jahr abgewehrt. „Wir sind alle Menschen und das reicht mir als Info! Und selbst mit Aliens hab ich kein Problem so lange die nett zu mir sind.“ – diese Aussage bringt die Einstellung vieler Piraten vermutlich schön auf den Punkt. Das Problem aber ist: Die Gedanken im Internet sind immer an einen Körper in der realen Welt gebunden. Damit unterliegen auch sie gesellschaftlichen Strukturen und Zwängen. Auch sie wurden auf eine sehr typische Weise sozialisiert – selbst wenn die Eltern 68er waren. Auch sie haben Stereotypeverinnerlicht.
 

Quelle: (cc) Joriel "Joz" Jimenez via Flickr

Quelle: (cc) Joriel "Joz" Jimenez via Flickr


 
Stereotype und gesellschaftliche Strukturen wirken auf die Beteiligungs-Möglichkeiten – so frei das Internet auch sein mag. Da ist zum einen das Thema „Doppelte Vergesellschaftung von Frauen“, also die Inanspruchnahme der Frau durch a) Arbeit und b) Haushalt/Familie. Es hat sich längst nicht erledigt.
 
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Frauen, bildet Banden

Abstract aus meinem Beitrag im Böll-Streit-Wert-Blog zu Bündnispolitiken:
 
Vernetzung für Mobilisierung
 
Bündnisse waren und sind seit jeher eine der stärksten Instrumente gezielter und auch erfolgreicher Frauen- und Geschlechterpolitik. Wo Frauen sich verbünden, werden sie stark, sichtbar und hörbarer.[…]
 
Nicht selten aber scheitern Frauen trotzdem immer noch, wenn es um eine Wahrnehmung auf Augenhöhe geht. Die gesellschaftlichen Strukturen hinter ihnen, die Stereotype in den Köpfen aller Beteiligten – all das hat sich in den vergangenen 30 Jahren zwar bewegt, aber nicht grundlegend geändert.[…]
 
Bündnisse können helfen, Stereotype auszuhebeln, indem sie das Bewusstsein der Frauen darauf lenken, was die eigenen Stärken sind. Indem sie Best Practices an die Oberfläche bringen. Mit Vorbildern vernetzen. Eine einzelne Frau im Männer-Reigen reicht nicht – sie würde als „Ausnahme“ klassifiziert. Viele müssen es sein. Diese Regel führt zurück zur Situation der einzelnen Piratin im Berliner Abgeordnetenhaus. Sie ist alleine. Sie ist die Ausnahme schlechthin.[…]
 
Ein Bündnis für mehr politische Präsenz von Frauen in allen Parteien wird sich mit vielen Fragen und Themen befassen, eines der obersten ist die Frauenquote.“
 
Den kompletten Text lesen…

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Phänomenal oder asozial?

Meine ehemalige Nachbarin erwartet ihr sechstes Kind. Ihr sechstes? Ja, richtig gelesen. Ein persönlicher Blick auf Kinderreichtum

 

In meiner früheren Wohnung hatte ich eine fünfköpfige Familie als direkte Nachbarn. Sie lebte mit Hund in einer Dreizimmerwohnung direkt auf der anderen Seite der Treppe, erstes Obergeschoss, Vorderhaus. Der Mann war tendenziell unfreundlich, fand ich. Oder schlichtweg unkommunikativ. Aber das tut hier nichts zur Sache. Ebensowenig wie die Haarpracht der Frau, die ihre langen hennaroten Rastas stets zusammengebunden trug. Oder das ständige Gejaule des Hundes, wenn die Familie abwesend war. Was einen anderen Nachbarn einmal dazu veranlasste, bei uns zu klingeln und uns erst über mangelnden Tierschutz aufzuklären, um dann irgendetwas zu unternehmen. Was auch immer das war – jedenfalls hatte er wenige Wochen später wohl eine vollgekackte Windel in seinem Briefkasten. Denn die Familie hatte Zuwachs bekommen, war nun also sechsköpfig geworden, und der Zuwachs lieferte solcherlei Munition.

Die Grenze des "Normalen" sind heute häufig schon zwei Kinder. (Quelle: (cc) Eddy Van 3000 - via Flickr)

Die Grenze des "Normalen" sind heute häufig schon zwei Kinder. (Quelle: (cc) Eddy Van 3000 - via Flickr)

Davon abgesehen war das Nebeneinander dieser Familie und uns eher ignorant. Typisch Berlin, eben. Vielleicht hielten sie uns für Yuppies, und naja: wir hielten sie eben für kühl und unkommunikativ. Außerdem bekamen wir auch keine Chance, uns näher zu beschnuppern, denn aufgrund eigener Fortpflanzung brauchten wir mehr Raum und zogen weg. Doch vergangenen Sommer, als ich mit meinem eigenen zweiten Baby viel Zeit auf einem hiesigen Spielplatz verbrachte, sah ich sie oft wieder. Sie waren noch einer mehr geworden – nun also fünf Kinder. Ich muss sagen: die Fortpflanzungsaktivitäten anderer gehen mich absolut nichts an – aber beeindruckend fand ich das schon.
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Piraten, Feminismus & Klischeedenken

„Feministinnen machen sich selbst zu Opfern“ – wenn es einen Satz gibt, von dem ich mir wünsche, dass er einfach mit knallpeng für immer explodiert und nie wieder kommt, dann dieser. Mit all seinen Nebenimplikationen. Aber so einfach geht das leider nicht. Es denken ja viel zu viele, noch dazu recht kluge Menschen, dass Feminismus eine Opferrollen-Erschaffung des gesamten weiblichen Geschlechts sei. Dass Freiheit und Selbstbestimmung die zentralen Grundziele der feministischen Haltung sind – interessiert nicht. Auch eine tiefergehende Betrachtung der Wirkung von Stereotypen in allen Bereichen – im Geschlechterverhältnis aber im Besonderen – findet nicht statt. Es ist aber eben auch komplex. Die Opferrolle ist übrigens auch nichts als ein Stereotyp – eines über FeministInnen. Schublade auf, FeministIn rein, Schublade zu. Wie hier (Piratenkeks: Die destruktive Wirkung des Opferfeminismus):

„Diese Viktimisierung der Frau im vorliegenden Beispiel ist kein Einzelfall. Schaut man sich die typischen, öffentlich wahrgenommenen Themen des Feminismus der letzten Zeit an, wird sie gar zum wiederkehrenden Motiv. Es gibt so wenige Frauen in Führungspositionen, weil sie Opfer des von Männern gebauten Systems sind. Der Staat soll wie ein übergeordneter Gottesersatz eingreifen. Natürlich existiert dieser Missstand, aber wieso wird in der öffentlichen Debatte nie die Frage nach der Rolle der Frauen beim Erhalt dieses System gestellt?

Ein anderes Beispiel zeigt es noch deutlicher: Feministinnen beschweren sich seit Jahr und Tag über Machos. Gleichzeitig weiß wohl jeder: Der nette Junge kriegt das Mädchen nur im Film. In der Realität hingegen, sind es die Machos, die ein geregeltes Sexualleben haben, während die netten Kerle, die Frauen so zuvorkommend behandeln wie ihre Mütter und die Medien (auch die Bravo) es ihnen beigebracht haben, immer nur »Lass uns Freunde sein« zu hören kriegen. Geschlechterstereotypen würden einige sagen, Realität sagen wir.“

Das ist besonders witzig, wenn man sich den Abschluss dieses Feminismus-Bashings anschaut:

„Aber ein Feminismus, der seinen eigenen Zielen und Maßstäben gerecht werden will, muss hier in besonderem Maße differenziertes Denken an den Tag legen.“

Ja. Äh. Differenziertes Denken. Genau.
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