Sexismus im Sozialismus?

Joachim Rieß: Internationales Jahr der Frauen 1975; Briefmarke in der DDR; via Wikimedia Commons.

In meinem aktuellen Beitrag im Wostkinder-Blog gehe ich der Frage nach, ob es in der DDR auch Alltagssexismus gab, welche Frauenbilder öffentlich waren und welche unter der Oberfläche lagen. Die Frage konnte ich nicht endgültig klären, aber es ist ein Aufschlag. Zitat:

Die Frau im Sozialismus
Die gesellschaftliche Stellung von Frauen war in der DDR wesentlich weniger von Unterordnung und Ausgeliefertsein geprägt, als in Westdeutschland. Ihre Gleichstellung war Teil eines nationalen Narrativs. Dabei wussten „Vater Staat“ und „Mutter Partei“ am besten, was Frauen brauchten, was für sie gut war und was sie wollen sollten. So waren Frauengruppen, die sich auch in der DDR in den 80ern zuerst und vor allem in den größeren Städten bildeten, etwas Unerwünschtes. Denn erstens war, so die einhellige Meinung in Politik und Medien, die Frau doch emanzipiert. Und zweitens ließ man sich ungern durch emanzipatorische Bewegungen aller Art aufzeigen, dass es Risse im sozialistischen Lack gab.“

Den ganzen Artikel gibt es auf FAZ.net/wostkinder. Ich freue mich, wenn ihr dort eure eigenen Geschichten und Erinnerungen teilt.

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All Sexism sucks!

Ich habe ziemlich lange an einer für mich passenden Definition gearbeitet, die wiedergibt, was Sexismus für mich ist. Angefangen hat alles einmal damit, dass ich im Jahr 2010 für die Grüne Bundestagsfraktion zum Netzpolitischen Kongress den Leuten etwas über Sexismus im Netz erzählen sollte.

Die meiste Arbeit machte bei der Vorbereitung der Erklär-Teil: Was ist eigentlich Sexismus? Recht schnell merkte ich, dass es dazu überhaupt keine eindeutige Definition gab und ich sah, dass sich der Begriff über die Jahrzehnte hinweg steter Wandlung unterworfen hatte. Die Definition von Sexismus, das kann als erstes festgestellt werden, ist damit nie an einem Ende.

Das Männliche als Norm

Doch die Geschichte des Feminismus, der den Sexismus als solchen überhaupt erst thematisiert hat, ist dabei nicht unwichtig. Käthe Schirmacher sagte etwa: „Mit der dem Menschen eigenen Subjektivität hat der Mann sich, seine Vorzüge, Fehler und Leistungen als die Norm, das Normale, das „Seinsollende“, das Ideal gesetzt: das Männliche war, in der Sprache wie anderswo, das Massgebende. […]“ und trifft damit einen Kern dessen, woher der Begriff ursprünglich kommt, warum er notwendig geworden ist und warum es bis heute viele Menschen, gerade auch FeminstInnen, gibt, die meinen: Es gibt Sexismus nur gegen Frauen. Damit hadere haderte ich, da wollte ich nicht stehen bleiben. So kam es schlussendlich dazu, dass ich die Sexismus-Definition, die in der Studie „Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ der Universität Bielefeld verwendet wurde nahm, und einfach umschrieb in: „Sexismus betont die Unterschiede zwischen den Geschlechtern im Sinne einer Demonstration der Überlegenheit des einen Geschlechts über das andere und fixierter Rollenzuweisungen an beide.”

So definierte ich nach einem kurzen geschichtlichen Rückblick in meinem Vortrag also Sexismus. Das war 2010 und das war einigermaßen naiv von mir. Denn ich habe es nicht für notwendig gehalten, zu rechtfertigen, wie ich dazu kam, es so abzuändern.

Bereits im Jahr 2007 schrieb ich eine Hausarbeit über Männerbildung und stellte mir die Frage, in wieweit sie dazu geeignet sein könnte, einen Beitrag zur Geschlechterdemokratie zu leisten. Männerbildung ist deswegen interessant, weil sie zu einem übergroßen Teil darauf ausgelegt ist, Männer (noch) professioneller zu machen und ihre (berufliche) Macht zu erweitern. An Familienbildung nahmen Männer zumindest damals in einem verschwindend geringen Umfang teil.

Zentrales Ergebnis meiner Arbeit war es, dass die Männerbildung genau deswegen ein Schattendasein in der Erwachsenenbildung führte, weil stereotypes Handeln und sehr stereotype Angebote (Kurse zu „weichen“ Themen richteten sich auch bildlich vor allem an Frauen etc…) dem im Weg standen. Die Geschlechter konnten in dieser Aufteilung in einer Art zwei-Säulen-Modell beschrieben werden: Menschen sind Wesen, die einerseits ein „Erwerbs- und Berufs-Ich“ haben und andererseits ein „Soziales Ich“. Die traditionelle Geschlechterrollen-Aufteilung hat aber dazu geführt und sich teilweise in absurder Weise darin „perfektioniert“, diese beiden „Ichs“ auf die beiden Geschlechter zu verteilen. Der „Erwerbs (Arbeits-)Mann“ und der „Macht-Mann“ stemmen dabei die eine Säule. Das wird von Peter Döge als „hegemoniale Männlichkeit“ bezeichnet. Die andere Säule ist die „Hausfrau und Mutter“, die aber darüber hinaus auch alle sozialen Kontakte der Ehe, Partnerschaft oder Familie „managed“. Diese lange tradierte Verteilung von Aufgaben wirkt, so die These von Feminismus, Pädagogik und Soziologie, bis heute nach. Auch wenn sich vieles bereits gelockert hat: Heterosexualität als Norm gerät ins Wanken, Frauen gehen arbeiten und Männer nehmen Elternzeit (die einen mehr, die anderen weniger). Und so weiter.

Jahrtausendealte Tradition

Doch aus der Vogelperspektive betrachtet bleiben Unterschiede bestehen, die stereotypen Rollenzuweisungen nehmen nur langsam ab. Die Soziologen nennen dies die Makro-Ebene. Änderungen auf der Marko-Ebene brauchen nicht selten mehrere Generationen, vor allem, wenn die Tradition, die sich ändern soll, Jahrtausende zum Wachsen hatte. Auf der einen Seite stehen die wirtschaftlichen Realitäten, die offenkundig auch im Jahr 2012 Frauen noch benachteiligen. Der Gender Pay Gap ist bekannt. Die geringe Frauenquote in Führungspositionen ist bekannt. Der große Frauenanteil in den Niedriglohnjobs ist bekannt. Seltener thematisiert: Die andere Seite. Das Göttinger Institut für Männerbildung und Persönlichkeitsentwicklung, ein Pionier auf diesem Gebiet, hat die Dokumentation einer Tagung zu Männerbildung veröffentlicht, die beschreibt, dass ein häufiges Problem von Männern sei, „nicht mit ihrem Innern verbunden“ zu sein.

Und auch die Neurobiologie und die Bildungsforschung weisen darauf hin, dass kleine Jungen von Anfang an anderen Herausforderungen unterliegen, als Mädchen. Jungen haben weniger Kinderbücher und Hörkassetten (CDs) und Eltern lesen Jungen weniger vor. Gerald Hüther wies darauf hin, dass Jungen aufgrund ihrer neurologischen Disposition bei der Geburt mehr Liebe und Halt-bietende Orientierungsangebote benötigten, als Mädchen. Genau das aber wird Jungen eher verwehrt als Mädchen. Er stellt gleichzeitig als einer der wenigen Neurobiologen die biologische Determiniertheit von Geschlecht geschickt und überaus klug in Frage, wenn er nachbohrt: „Wie wird aus dem, was ein Mann werden könnte, schließlich das, wofür sich der Betreffende aufgrund seines Geschlechts hält?“ Hüther hebt damit das soziale Umfeld der Kinder als starken Einflussfaktor hervor und dass dieses ausschlaggebend für die spätere Entwicklung des Gehirnes sei. Doch stereotypes Denken und Handeln stehen dem diametral entgegen – wer es nicht glaubt, werfe einen Blick in einen typischen Spielwarenladen.

 Diabolisierung des Anderen

Vor bereits vier Jahren, es war 2008, brachte Walter Hollstein eine lange und ausführliche rein männliche Sicht auf die Probleme mit den Geschlechterrollen-Stereotypen in einem Buch heraus, das ich damals auch rezensierte: Rückblickend betrachtet ist klar, warum es für mich in der Vorbereitung meines Vortrags über Sexismus im Netz keine Frage mehr sein konnte, die Definition auch auf Männer auszuweiten: Es ist auch hier genauso, wie mit dem *sehen* der Stereotype und der Abwertung gegenüber Frauen. Wenn man einmal diese „Brille“ aufgesetzt hat, kann man sie nicht mehr nicht sehen. Vor allem habe ich merklich folgenden Satz gefressen und werde ihn auch nie mehr los: „Die Idealisierung des eigenen Geschlechts und die Diabolisierung des je fremden […] verhindert den wahren Blick auf das Andere. Das gilt für Männer wie für Frauen.[…]“. Der Feminismus, wie ich ihn vertrete, setzt hier an.

Ein starker Schub für diesen Ansatz kommt jüngst aus den USA, wo im The Guys Guide to Feminism von Michael Kaufman und Michael Kimmel unter Sexismus frei übersetzt steht: „Wie alle anderen „Ismen“ ist Sexismus eine Sammlung von Einstellungen – es ist ein Set von Vermutungen die beinhalten, dass ein Geschlecht besser und übergeordnet über das andere ist.“

Die beiden fokussieren auf die starke Institutionalisierung von Sexismus, die sich in Rechten und unterschiedlichen Möglichkeiten manifestieren, welche aufgebrochen werden müssen und sagen dazu: „Diesen Teil können Frauen nicht tun (ebenso wie es Schwarze nicht in einer Weißen-dominierten Gesellschaft tun können).“ Aber an diesem Punkt bleiben die Autoren nicht stehen, sie gehen noch einen Schritt weiter: „Es gibt einen weiteren Teil von Sexismus, er besteht in Vorurteilen über das (andere) Geschlecht, die auf Stereotypen basieren – selbst wenn man nicht glaubt, dass das eine Geschlecht dem anderen überlegen ist. Und auch wenn geschichtlich diese Stereotype vor allem Frauen betroffen haben, sollten wir betonen: Wir sind keine Fans von Stereotypen gegen Männer – dass wir natürlicher Weise gewalttätig(er) seien, nur Sex wöllten und dass wir inkompetent sind, wenn wir auf Babies aufpassen sollen. (…) All sexism sucks.“

Dieser Text erschien zuerst als Kolumne auf freitag.de.

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Troll oder Sexismus?

Im Netz können alle (un)möglichen Menschen ihren Senf zu allem beisteuern. Das kann tierisch nerven, vor allem, wenn man nicht weiß, wes Geistes Kind die Urheber sind

Sascha Lobo machte es sich IMHO etwas zu einfach in seinem diesjährigen Vortrag auf der re:publica. Dort redete er über Trollologie, was ein bisschen wie spontan zusammengeschustert wirkte und zwar entertainerisch Spaß machte, aber inhaltlich – naja. Der zentrale Punkt in seinem Vortrag lautete: Trollerei ist Störkommunikation. Und: JedeR von uns könne ein Troll sein – je nach Kontext, Set und Setting. Als ein Jahr zuvor User, die sich alle Bernd nannten, den re:publica-Livestream des Panels über „Sexismus im Netz“ zuschütteten mit ihrem sexistischen Müll, weshalb für mich, die daheim geblieben war, der Stream irgendwann komplett kollabierte, begann die Diskussion: Was ist Sexismus, und was ist ein Troll? Die Bernds aus dem Livestream-Chat seien Trolle, hieß es da schnell. Und wer sich über Trolle aufrege, sei doof.

Die Wikipedia erklärt mir: „Nach Judith Donath ist das Trollen für den Autor ein Spiel, in welchem das einzige Ziel das Erregen von möglichst erbosten und unsachlichen Antworten ist.“ Das klingt durchaus logisch. Ein ähnliches Spiel kenne ich aus der Schule: Während des Erdkunde-Unterrichts gab es einen Wettbewerb, wer innerhalb einer Schulstunde die meisten Umrundungen des Klassenzimmers schaffte. Diese Spielanalogie hilft: Denn die meiste Empörung und Unsachlichkeit werde ich da erregen, wo sensible Themen angesprochen werden. Rassismus, Feminismus und vielleicht in einer digitalen jüdischen Community.

Sexismus ist normal

„Das Netz“ ist in meinen Augen ein Ort, an dem Sexismus an der Tagesordnung ist. Immer wenn ich das sage, wird mir unterstellt, diese Sichtweise könne ich bloß deshalb haben, weil ich mich in feministischen Kreisen herumtreibe – anderswo sei das alles nicht so schlimm. Abgesehen davon, dass die schlimmsten Frauenhasser sich im Heise-Forum herumtreiben – einem explizit nicht mit Feminismus befassten Ort – ist das Netz jenseits von feministischen Diskussionen sexistisch, wie ein einfacher Blick in seine meistgenutzte Suchmaschine zeigt, die quasi den Mainstream offenbart. Gebe ich dort den Suchbegriff Frauen ein, sind die ersten beiden Treffer „Private Erotik-Kontakte – Sie sucht ihn zum Fremdgehen“ und „Frauen auf Partnersuche | Frauen.Partnersuche.de“. Die Bilder, die mir als nächstes zu Frauen angeboten werden, sind sich lasziv auf einem Auto räkelnde halbangezogene Frauen und ähnliche Playboy-hafte Fotos. Und wenn ich den Link „Frau – Stupipedia“ anklicke (trigger-Warnung!), immerhin das sechste Suchergebnis, wird mir schlecht.

Dass Antje Schrupp und das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend auf meiner ersten Trefferseite auftauchen – beide eingebettet zwischen Frauen aus Polen, Russland und der Frau, die 70 Orgasmen am Tag hat – dürfte der Personalisierung zu verdanken sein, die meine Suchmaschine mir mittlerweile in kleinen Dosen angedeihen lässt, wenn ich etwas suche. Das Ganze mit dem Suchbegriff Männer durchzuspielen überlasse ich Euch und Ihnen – es ist anders (der Wikipedia-Eintrag steht an der ersten Stelle und nicht hinter zwei Sex- und Partnerbörsen erst an dritter), aber nicht unbedingt besser. Kurz: Sexismus ist irgendwie normal. In dieser Gesellschaft. Und damit in diesem Netz.

Hass organisiert sich

So wundert es also auch nicht, dass sich Menschen mit Sexismus auch in der direkten Kommunikation herumschlagen müssen. Ich verlinke mit Sicherheit nicht auf eines der bekannteren Maskulisten-Foren, aber ein Blick dahin zeigt: Auch der Hass, die Misogynie und der Sexismus haben sich Orte im Netz geschaffen, wo sie sich austauschen, vernetzen und gegenseitig befeuern können. Dort werden dann Gespräche geführt, die nicht selten nach dem folgenden Schema ablaufen: Eine irgendwie emanzipatorische Person wurde im Netz gefunden (Text, Bild oder Video) – wird zur Schau gestellt (eine Art Pranger) – alle finden etwas Ekelhaftes dazu zu sagen und wünschen der Person die Pest an den Hals – abschließend wird die Person für unfickbar erklärt. Oder untervögelt. Oder beides.

Den Grund dafür habe ich bereits vor einem guten Jahr im Radio erklärt bekommen: „Männer, die sich in irgend einer Weise in ihrer Männlichkeit herabgesetzt fühlen, reagieren darauf in einer sexualisierten Weise.“ Sagte damals Kriminalbiologe Dr. Mark Benecke. Doch das ist auch schon alles, was einen ob der geballten Ladung Hass schmunzeln lässt, wie sie seit diesem Jahr auf hatr.org dokumentiert ist. Diese Leute beginnen mittlerweile gezielt, Kommentar-Diskussionen bei den etablierten Medien zu besetzen. Somit tauchen Kommentare wie „Als die Unterwerfung der Frau (unter den Mann) noch als normal galt, war der Fortbestand ‚der Gesellschaft‘ – richtiger: des Volkes – gesichert“ nun überall auf. Auch im englischsprachigen Raum setzen sich Frauen zunehmend mit der Problematik der direkten Misogynie auseinander. Bloggerinnen rufen laut Guardian zum Stopp des Hass-Trollens auf. Eine breite Debatte um die Anonymität wird damit wieder aufgemacht – wie sie auch hiesige Konservative führen, vermeintlich um Opfer von Mobbing und Stalking zu schützen.

Dabei wird verkannt: Sexismus ist kein Trollen. Und Trollen ist selten wirklich misogyn. Und nicht jeder Kommentar, der mir nicht passt, ist automatisch ein Troll. Nur: Die Unterschiede zu erkennen ist manchmal sehr schwer. Da hilft dann oftmals nur noch: Rechner aus und meditieren gehen. Am nächsten Tag sieht man manchmal klarer.

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