Schoßgebete

Vor gut drei Jahren las die Freitag-Community das Buch „Schoßgebete“ von Charlotte Roche. Und ich las mit. Jetzt wurde nach „Feuchtgebiete“ auch der zweite Roman Charlotte Roches verfilmt und ich durfte ihn mir ansehen.

Im Buch gibt es gleich zu Beginn eine lange Szene, die ausführlichst schilderte, wie die Protagonistin Elisabeth Kiel ihrem Mann einen blies. Bis ins letzte Detail beschrieb Roche diesen Vorgang, all die Finessen und Tricks, die Elisabeth anwendete, um es ihrem Mann so gut es nur geht zu besorgen. All das wird im Film jedoch weggelassen. Sönke Wortmann, Regisseur und Drehbuchautor, hatte sich aus Gründen dagegen entschieden. Stattdessen startet der Film mit einer Sequenz, in der Elisabeth als Profikillerin in die Redaktion der „DRUCK“-Zeitung eindringt und alle Redakteure abknallt. Ein Traum. Einer, der sie aber tief befriedigen dürfte.

In Schoßgebete hat Charlotte Roche den tödlichen Unfall ihrer Brüder verarbeitet. Damals hatte die BILD-Zeitung Roche und ihre Familie bedrängt und Bilder des Unfallortes veröffentlicht. Schoßgebete darf ruhig als Abrechnung der Autorin mit der Zeitung angesehen werden.

Wie ich schon damals in der Besprechung beim Freitag herausstrich, ist das Thema Tod neben der Therapie ein zentrales Thema im Buch. Und ich Trottel hatte das vergessen. Ich konnte mich eigentlich schon vom Buch nicht abgrenzen, es hat mich mitgenommen, es hat weh getan und einige Passagen habe ich überblättern müssen, weil sie mir zu sehr unter die Haut gegangen waren. Nun saß ich in diesem Film, mit Weiterblättern is da nix und die Bilder dringen unbarmherzig über den Sehnerv ins Gehirn, man könnte höchstens die Augen schließen, wenn man denn daran denkt. Auch das habe ich vergessen. Die Darstellung des Unfalls und die Krankenhausszenen sind wirklich nichts für Zartbesaitete.

Irgendwo hat neulich jemand diesen Film als langatmig und langweilig bezeichnet. Das kann ich nicht verstehen! gut: Da ist weniger schmutziger Sex drin, als manche vielleicht erwartet haben. Wie auch im Buch sind Tod und Therapie die Leitmotive, Sex ist der einzige Bereich, in dem sich Elisabeth freimachen kann, vergessen kann, entspannen kann. Sie, die sonst besessen davon ist, alles unter Kontrolle zu haben. als Elisabeth mit ihrem Mann in den Puff geht, wird der Film nicht gleich zum Hardcore-Porno. Dafür bin ich durchaus dankbar, er hat mich schon genug gefordert und ich ging mit stark klopfendem Herzen aus dem Kino.

Die Besetzung mit Lavinia Wilson und Jürgen Vogel finde ich im Großen und Ganzen gelungen. Wenngleich es eine Fehlentscheidung gewesen sein könnte, dass Wilson wortwörtlich Passagen aus dem Buch aufsagt, denn so klingt es manchmal: wie aufgesagt, unnatürlich und etwas gestelzt.

tl;dr: Schoßgebete ist nichts für Sensible und das Gegenteil von langweilig. Wie das Buch geht auch der Film dahin, wo’s wehtut. Nur der Sex kommt etwas kürzer, als in der Romanvorlage.

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Viva la Vagina!

Das mag komisch klingen, was da als die Intention des neuen Buches „Frauenkörper neu gesehen“ geschildert wird: „den Schatz sexuell bestärkender, bewusstseinserweiternder Erfahrungen zu orten – und zu bergen.“ Worum geht es da?

In einem Satz zusammengefasst geht es der Herausgeberin Laura Méritt, die den frauenbewegten Klassiker der 70er neu gestaltet hat, um Aufklärung. Das Werk ist ein Selbsthilfebuch zur Erkundung der eigenen Weiblichkeit, realistische Zeichnungen von Beatriz Higòn untermalen die verschiedenen Themen. Es ist in einer feministischen Sprache geschrieben und es enthält neue Bezeichnungen für Teile des weiblichen Körpers, die bislang mit einer Sprache und damit auch Symbolik leben müssen, die manchmal erniedrigend oder entmündigend ist.

ABC der Vielfalt

Das Jungfernhäutchen heißt hier „Vaginalkrone“, der G-Punkt „Genussfläche“. Zudem schreiben die Autor_innen mit dem Gender Gap, einem Unterstrich zwischen Männlicher Form und dem weiblichen „innen“, der ausdrückt, dass es neben den zwei Geschlechtern noch vieles anderes gibt. Ansonsten aber wurde sich (meistens auch recht pragmatisch) einer einfachen Sprache bedient, einer liebevollen und einer, die nicht krawallig, sondern einfühlsam ist. Frau kann sich sorgenlos fallenlassen.

Angefangen wird mit einem „ABC der sexuellen Orientierungen“, dem eine schnelle und verständliche Unterscheidung zwischen Sex und Gender vorangestellt ist. Es ist positiv hervorzuheben, dass neben bi-, cis-, homo-, pansexuell und queer auch über Asexualität gesprochen wird.

Weiter geht es mit der guten alten feministischen Tradition der Selbstuntersuchung. In den 70ern stellten die bewegten Frauen irgendwann fest, dass sie es satt haben, dass ihr Gynäkologe zwar regelmäßig in das Innere ihrer Vagina blickte und so auch wusste, dass es dort von Frau zu Frau extreme Unterschiede geben konnte – sie selbst aber keinen blassen Schimmer darüber hatten, wie es aussah und ob sie eigentlich „normal“ waren. Denn eine Frau hat schnell den Eindruck, dass es bei ihr untenrum vielleicht etwas „seltsam“ aussieht, sich komisch anfühlt oder auch einfach eine starke Scheu, sich dort zu berühren.

Dieser Eindruck und diese Scheu können (und wurden damals von sehr vielen Frauen) abgebaut werden: In einer Art vergleichenden Selbsterkundung. Damals waren das die Spekulum-Sessions, Treffen, bei denen Frauen sich gegenseitig mit dem Instrument, das einen Blick in die Vagina gewährt, ansehen konnten. Hier wurden die Vielseitigkeit und die Anatomie der Frauen „untenrum“ erkundet. Und dadurch auch besser verstanden. Wie das genau geht? Auch das kann in „Frauenkörper neu gesehen“ nachgelesen werden. In Zeiten des Internets ist es dann auch möglich, dass Aussehen des Gebärmuttermundes aufzuzeichnen und mit anderen zu teilen.

Die meisten jungen Frauen, die ich kenne, werden das eklig oder abartig finden. Leider. Genau hier liegt ein sehr großes Problem. Frauen wissen auch im Jahr 2012 noch nicht viel mehr über ihr Untenrum-Innenleben, als vor vierzig Jahren. Dass ein Frauenarzt bei der Vaginaluntersuchung mit Kamera auch der Frau einen Blick auf den Bildschirm werfen lässt und ihr zeigt, wie das dort aussieht, dürfte noch nicht zum Standard gehören (Danke an die Praxis Dr. Pett in der Adalbertstr. Berlin Kreuzberg!).

Was ist normal?

Stattdessen werden Frauen mit getrimmten inneren Labien (im Buch heißen sie „Venuslippen“ bzw. einfach nur „Lippen“ – das furchtbare Wort „Scham“ hat man ihnen entfernt) in der Pornografie konfrontiert. Selbst in der Wikipedia haben Bilder Einzug gehalten, in denen solche Lippen zu sehen sind. Dass sie bis zu 11 cm lang werden können empfinden die meisten Frauen vermutlich als puren Horror. Was „rausguckt“ wird als unschön empfunden – das Schönheitsideal für „Untenrum“ gebietet innere Lippen, die sich in den äußeren Venuslippen verborgen halten. Genital-Schönheits-OPs sind entsprechend im Aufwind.

Die meisten Frauen, die sich nach einer plastischen Umgestaltung ihres Intimbereichs sehnen und diese dann auch durchführen, geben als Hauptsehnsucht an, „normal“ sein zu wollen. Und das ist absurd. Dass die inneren Lippen herausspicken ist häufiger, als dass sie drinnen sind. Eine Tatsache, die man im ungezwungenen Vergleich zwischen Frau und Frau einfach feststellen – und damit sehr viele Ängste beseitigen kann. Könnte.

In Zeiten, in denen die Medien vom Stichwort „Generation Porno“ nur so wimmeln, kommt einem Selbsterkundungsbuch wie diesem gewiss auch noch eine weitere sehr wichtige Bedeutung zu: In der Flut der Bilder, in denen es (zumindest was den kostenlosen Content im Netz angeht) zu 90 Prozent bloß darum geht, wie ER möglichst viel von der Sache hat und seine Dominanz ausdrücken kann, fehlen oft die Ideen und Anleitungen für eine Suche nach dem eigenen, dem weiblichen Vergnügen. Junge Männer wissen oft gar nichts über die Art und Weise, eine Frau zu beglücken, wie auch Cindy Gallop in ihrem legendären Vortrag auf der re:publica 2012 beschrieb. „Make Love not Porn“ und auch das hierzulande erschienene Aufklärungsbuch „Make Love“ von Ann-Marlene Henning setzen diesen Bildern reales Wissen entgegen.

[youtube http://www.youtube.com/watch?feature=player_embedded&v=uACi1QbbNjM]

Sie sind für Jungen und Mädchen, für Frauen und Männer gleichermaßen gedacht. Doch sie sind weder in einem Ansinnen geschrieben, beziehungsweise aufgezogen, dass eine queere Perspektive jenseits von Mann und Frau als „Normpaar“ mitdenkt. Noch gehen sie derart in die Tiefe (im wahrsten Sinne des Wortes!) und sprechen mit Frauen so Unverblümt über Klitoris, das Harnröhrenschwellgewebe und obschöne Worte, wie es „Frauenkörper neu gesehen“ tut.

Aufklärung ganz konkret

Ein drittes und absolut wichtiges Plus an diesem Buch ist seine detaillierte medizinische Hilfestellung. So wird ein Index von sexuell übertragbaren Krankheiten angeboten, es gibt eine sehr ausführliche, ehrliche und dennoch niedrigschwellige Einführung in die Möglichkeiten der Verhütung und auch über Schwangerschaftsabbrüche wird nicht geschwiegen, sondern einfühlsam und hilfestellend gesprochen.

Ich bin ganz froh über dieses Buch. Zum einen konnte ich selbst noch einiges lernen – auch wenn ich nicht gleich ein Spekulum kaufte. Zum anderen ist es ein Buch, das ich neben „Sex – so machen’s die Frauen“ und „Make Love“ für meine Tochter bereit halte.

Das Buch erscheint im Dezember 2012 im Orlanda Verlag. Das Missy Magazine lädt ein zu einer Präsentation des Buches.

(Dieser Text erschien zuerst als Kolumne auf freitag.de

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Leselinks der letzten Woche

Im Instapaper rumgekramt, habe ich dieses Mal folgende Links zum Schleudern parat:

Amerikanische Serien als anspruchsvoller Stresstest?
>> Serien seien die neue Herausforderung in Sachen Geduld, Konzentration und Glaube an das Gesamtwerkt – meint die FAZ. Nach zwei Staffeln Dead like me kann ich nur zustimmen. (Link via mh)

Dossier „Copyright“ auf Freitag.de
>> Es ist wohl nicht erst seit des aufsehenerregenden Artikels eines gewissen Hevelings bekannt, dass die Sache mit dem Urheberrecht einer der zentralen Kämpfe zwischen den BeschützerInnen des Freien Wissens und den BewahrerInnen des Wohlstands der Wenigen sein wird… der Freitag trägt dieser Brisanz mit einem eigenen, ständig fortgeführten Dossier Rechnung (kleine Bitte am Rande: Es wäre hilfreich, wenn man Dossiers abonnieren könnte)

In China, Human Costs Are Built Into an iPad
>> oder anders ausgedrückt: An unseren mobilen Devices klebt Blut. Natürlich nicht nur daran: Die meisten unserer Alltagsprodukte werden unter unmenschlichen Bedingungen produziert. Trotzdem: „“You can either manufacture in comfortable, worker-friendly factories, or you can reinvent the product every year, and make it better and faster and cheaper, which requires factories that seem harsh by American standards,” said a current Apple executive.“ – klingt hart. Ist aber Realität. Lesen – und vielleicht das näxte Mal nachdenken, ob es wirklich jedes Jahr der neueste Scheiß sein muss…

Read Between The Lines! – Media Education, Freedom of Expression and Youth Participation. CDN Seminar 2012
>> Das ist der Titel eines Seminars, dessen Ziel bereits im Titel zusammengefasst ist: Es geht um freie Meinungsäußerung, Medien-Bildung und Jugend-Partizipation. Das Seminar ist für junge Leute unter 35 Jahre und findet in der Türkei statt. Interesse – dann hinne.

Warum geht der Mensch aufs Eis?
>> Fragt Jörg Friedrich auf freitag.de und vermutet: Dahinter steckt die Sehnsucht nach einem Quäntchen Unvernunft. Könnte gut sein: Mutproben, so denke ich ja, stärken unser Selbstbewusstsein.

She called me a „manwhore“!
>> Kennt ihr Tracy Clark-Flory? nein? Großartige Autorin bei Salon.com. Hier ihre Antwort auf die eines Mannes, wie damit umzugehen sein, nunja, „manwhore“ genannt worden zu sein.

Das hier ist für die Philines unter euch: Unsere Romanhelden – Philine
>> die FAZ hat eine Serie, die heißt „unsere Romanhelden“. hier geht es um Philine aus „Wilhelm Meisters Lehrjahren“. Dazu ein Zitat: „Und dann gibt es die Figuren, die man liebt, weil es sie nie und nimmer geben kann, weil sie im Roman aber so erscheinen, als seien solche gelungenen, vollständigen, schönen, klugen, liebevollen Menschen ohne Arg und Falsch eben doch möglich, als könne man ihnen eben doch eines Tages begegnen, weil man ihnen im Roman gerade so glaubwürdig begegnet ist.“ – und genau das sei Philine.

Buch: Political Responsibility for a Globalised World – von Ernst Wolff
>> Falls ihr mir mal ein Buch schenken wollt. Denn diese Frage wälze ich ehrlich gesagt auch ständig: Wie soll das gehen mit der politischen Verantwortung? In so einer komplexen Welt? „The aim of this book is to reflect on the complex practice of responsibility within the context of a globalised world and contemporary means of action.“

ADHD Affects over 15 Million Chinese Children
>> wir haben in der vergangenen Woche viel über ADHS gelesen und diskutiert, und über Burnout. Dabei erzählte ich eine Anekdote meines EWi-Professors, der viel in China lebte, der einmal erklärte, so etwas wie Burnout gäbe es China einfach gar nicht. ADHS aber wohl schon.

Erster Teil der Reihe Erzählte Alltagsdramen: Meine Facebookfamilie und ich
>> Den ideefix vom Freitag habe ich euch schon vorgestellt. Seine Beschreibungen, wie das als Facebook-Abstinenzler mit einer Facebookfamilie und einem dort zur Legende gewordenen Hund so ist, dürft ihr euch nicht entgehen lassen ^^

Hartz IV-Möbel – ein interaktives DIY-Buchprojekt braucht eure Unterstützung
>> „Ein Do It Yourself-Handbuch von Le Van Bo und seiner Community. Mit dabei alle Bauanleitungen der Hartz IV Möbel. Perfekt für Laien! Außerdem: Mit Einrichtungstipps für kleine Wohnungen, Portraits von Menschen aus der DIY-Community. Besonderheit: Via Facebook kann jeder (d.h. die Crowd) den Inhalt des Buches mitbestimmen.“

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Die Hysterie-Maschine

Der Film „In guten Händen“ zeichnet die Erfindung des Vibrators im 19. Jahrhundert nach. Eine aufschlussreiche Geschichte.
 
Die Geschichte des Blicks von Medizin und Psychoanalyse auf die Sexualität der Frau ist eine Geschichte der Pathologisierung von Lust und Unlust. Befassen wir uns damit – und lernen wir daraus. Im Dezember, pünktlich zur Weihnachtszeit, kommt ein interessanter Film in die Kinos: In guten Händen, Originaltitel Hysteria. Der Film setzt sich auf eine humorvolle Art und Weise mit einem Phänomen des 19. Jahrhunderts auseinander: der weiblichen Hysterie, damals offiziell eine Krankheit. Die mögliche Ursache wurde schon in der Antike besprochen:
 

„In den antiken Beschreibungen der Hysterie in altägyptischen Papyri wie bei Platon und Hippocrates wird die Ursache der Krankheit in der Gebärmutter gesehen. Konzeptionell ging man davon aus, dass die Gebärmutter, wenn sie nicht regelmäßig mit Samen gefüttert werde, im Körper suchend umherschweife und sich dann am Gehirn festbeiße. Dies führe dann zum typischen ‚hysterischen‘ Verhalten.“

(Quelle: Wikipedia)
 
Ärzte diskutierten darüber bis in die viktorianische Zeit des 19. Jahrhunderts. Diese Diskussion wird durch In guten Händen erstmals auf die Leinwand gebracht. Der Film zeigt auch, wie man damals noch der festen Überzeugung war, eine Frau könne beim Sex keine Lust empfinden, geschweige denn: einen Orgasmus haben. Aus der heutigen Perspektive eine nahezu wahnwitzige Einstellung. Es muss ja viele Frauen gegeben haben, die Orgasmen hatten. Nur konnten die Höhepunkte ob der mangelnden kulturellen und theoretischen Basis wahrscheinlich einfach nicht „eingeordnet“ werden. Also schuf man ein Krankheitsbild, machte etwas Anormales daraus.
 
Eine heilende Krise
 
Hysterische Frauen wurden ergo in die Hände von Ärzten gegeben. Mit speziellen Massagetechniken sollten sie „geheilt“ werden, wobei die Massage direkt an ihrer Vulva durchgeführt und dadurch eine „hysterische Krise“ hervorgerufen wurde, die als lösend galt (und nichts anderes war als: ein Orgasmus). Daneben wusste man aus Erfahrung, dass Vibrationen etwas mit Frauen „anstellten“. So war der Weg von der manuellen Behandlung der Hysterie in Arztpraxen in einer Zeit, in der die Menschen vernarrt in die Idee waren, für alles eine kleine Maschine zu bauen, hin zu einem (zunächst dampfbetriebenen) Massagegerät, der Hysterie-Maschine, nicht weit. In guten Händen gilt so der Mainstream-Presse als lustiger Film, der mit einer wunderbaren Maggie Gyllenhaal in der Hauptrolle, die Erfindung des Vibrators nachzeichnet. Doch eigentlich sollte uns der Film nachdenklich stimmen. Gyllenhaal sagte bei der Premiere in den USA:

„Man sieht eine Vielzahl von Frauen dabei, wie sie Orgasmen haben – und das ist in unserer Gesellschaft nach wie vor wesentlich schockierender als die Darstellung von Sex.“

(Missy Magazine04/11)
 
Es geht also um mehr, als nur ein paar Lacher. Es geht um Aufklärung. Gyllenhaal, bekannt unter anderem aus dem Film Secretary, sieht es als spannend an, mit ihrer schauspielerischen Arbeit Tabus zu brechen und verschiedene Charaktere mit verschiedenen Sexleben zu verkörpern. Tanya Wexler, Regisseurin von Hysteria sagt: „Es gibt immer noch viele Frauen, die nicht wissen, wie sie sich selbst befriedigen sollen.“ Zu viele wahrscheinlich. Unsere Geschichte spielt dabei eine Rolle.
 
Die Erfindung der Frigidität
 
Ein weiterer Arzt, der mit einer weiteren Diagnose das sexuelle Verhalten der Frauen pathologisierte, war Sigmund Freud, Erfinder der Frigidität. Eine direkte Umkehrung der Erwartungen an Frauen – nun wird es anormal, keinen Orgasmus, keine Freude an Sex zu haben. Oder wie es Margarete Mitscherlich bereits 1977 in der Emma schrieb:
 

„Die Frigidität der viktorianischen Frau war nichts, dessen sie sich schämen musste, sie entsprach wie die gesellschaftliche Ungleichheit der Frau den tradierten Werten. Heute ist die Zahl der frigiden Frauen nicht kleiner, aber die Frau fühlt sich dadurch jetzt in ihrem Wertgefühl zutiefst beeinträchtigt, denn Gebot der Stunde ist nun die Orgasmusfähigkeit.“

 
Die Mär von der Frigidität hat sich in der Tat bis heute gehalten. Besser gesagt: Die Mär davon, dass sexuelle Unlust per Se irgendwie „falsch“ sei. Dass man da etwas nehmen muss, oder sonstwie herumdoktern. Natürlich kann sie behandlungsbedürftig sein. Aber als solche wird sie oft viel zu schnell angesehen. „Es gibt keine gefährlichere Krankheit, als die Diagnose“, mit Manfred Lütz gesprochen. Oder wie Mitscherlich in Bezug auf den gedrehten Wind in der Geschichte der weiblichen Sexualität in der Wahrnehmung männlicher Ärzte zusammenfasst:
 

„Vor dem ersten Weltkrieg wurde der Frau als Zeichen ihrer Weiblichkeit sexuelle Unempfindlichkeit abverlangt, heute ist es das Gegenteil: nun ist es die Fähigkeit zum vaginalen Orgasmus, an der die weibliche Reife gemessen wird.“

 
Noch immer befinden sich viele Frauen auf der Suche nach dem „normalen“ Maß an Sex, Lust und Unlust. Auch die selbstbewusste Plakation „Wir sind alle frigide. Wir sind alle hysterisch. Wir sind alle neurotisch“ des MLF (Mouvement de liberation des femmes) in Frankreich, könnte heute wieder auf einer feministischen Demo hochgehalten werden.

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Das ganze Lieben ist ein Spiel

Mein Freund Paul hatte ein Erlebnis: Eine hübsche junge Frau kam mit zu ihm nach Hause; sie hatten Spaß zusammen und als der Sex zu Ende war, da sagte sie grinsend: „So, nun kann ich dich auch von meiner Liste streichen.“ Schnappte ihre Klamotten, zog sich an und verschwand. „Ich kam mir so benutzt vor“, erzählte mir Paul zerknirscht. Dann faselte er noch etwas von „eigentlich ist das ja umgekehrt“ – womit er meinte, dass dies eigentlich ein typisch männliches Verhalten sei. Um eventuellen Vorurteilen vorzubeugen: Nein – ich empfinde dieses Verhalten nicht als Fortschritt in der weiblichen Emanzipation. Es ist einfach respektlos. Egal ob von Männern oder Frauen ausgeübt.
 
Sexlisten sind auf den ersten Blick völlig daneben. Aber vielleicht sind sie nur die ungeschminkte Variante eines weit verbreiteten, im Normalfall aber besser kaschierten Verhaltens: Der Partner – ob fest oder nur fürs Bett – als persönliche Trophäe. Ein bisschen geht das ja immer so los – das ist wie bei den Makaken, die ihren Lieblingssaft entweder für Bilder von Makakendamenpopos hergeben oder: für Bilder von ranghöheren Männchen. Für Pornos zu zahlen – na gut, das kennen wir. Aber dass auch wir darauf stehen, uns an jenen zu ergötzen, die gefühlt „über“ uns stehen – naja. Das mögen wir nicht gerne einsehen. Aber gäbe es diesen Effekt nicht, gäbe es Super Illu, Gala und wie sie alle heißen auch nicht. Also Klappe zu. So ist das eben.
 
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Macht doch einfach Koitus interruptus

Helge Timmerberg in der aktuellen Neon auf die Frage: „Darf ich das Verhütungsmittel bestimmen?“:

„[…]Man muss sich einigen. Ich zum Beispiel mag keine Kondome, aber habe mit dem Koitus interruptus eigentlich keine Probleme. Das „eigentlich“ bezieht sich auf die Anbetung eines Ideals. Denn natürlich ist das Schönste beim Sex der gemeinsame Orgasmus. Aber wer hat den schon?“

(Neon, Juni 2011, S. 58)

wtf?

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Sex, Arbeit, Drogenfachgeschäft

Im Blog der Aidshilfe schreibt Holger Sweers über die sinnvolle Idee der Drogenfachgeschäfte. Ein interessanter Kommentar dazu von Jürgen Heimchen:

Wir, betroffene Eltern des Bundesverbandes der Eltern und Angehörige für akzeptierende Drogenarbeit e.V. können der Forderung nach Übernahme der Kontrolle durch den Staat nur unterstützen.
Auch wir haben dazu gelernt. Nur die Legalisierung garantiert ein Überleben in Menschenwürde!

„Sex, Arbeit, Drogenfachgeschäft“ weiterlesen

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Let’s talk about McSex

Der Konsum von “Fast Sex” im Internet schlägt auf die Psyche, gerade so wie Fast Food sich auf den Körper auswirkt. Was wir brauchen, ist eine neue sexuelle Befreiung. Internet-Sex ist ungesund! – Diese These klingt in der sogenannten modernen Welt absurd und abwegig. Ein Mensch, der Pornos im Internet schaut, gilt als normal. Dabei […]

Der Konsum von “Fast Sex” im Internet schlägt auf die Psyche, gerade so wie Fast Food sich auf den Körper auswirkt. Was wir brauchen, ist eine neue sexuelle Befreiung.

(c) Frl. Zucker

Internet-Sex ist ungesund! – Diese These klingt in der sogenannten modernen Welt absurd und abwegig. Ein Mensch, der Pornos im Internet schaut, gilt als normal. Dabei ist es unerheblich, welches Ausmaß der Konsum annimmt. Oder welche Praktiken in den Filmen dargestellt werden. Pornografie ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Pornografie-Kritik gilt als gestrig. Diese Sichtweise basiert auf zwei grundsätzlichen Annahmen:

  • Der Mensch ist ein Triebwesen, er “braucht” das einfach. Und es ist eine große Befreiung, das endlich in allen Facetten ausleben zu können.
  • Das sogenannte “Appetitmachen” in der Cyberwelt steht in keiner Beziehung zum “Zuhauseessen”. Pornokonsum und gelebte sexuelle Beziehung haben keine Verbindung miteinander, sie sind sauber getrennt.

Oder?

Für die britische Feministin Natasha Walter ist diese Bagatellisierung und Normalisierung des Konsums von Internetpornografie eine Gefahr – ein Angriff auf die Würde der Frauen und ein Angriff auf tatsächliche Intimität in sexuellen Beziehungen. Laut ihrer Einschätzung “ist es nicht von der Hand zu weisen, dass der übermäßige Konsum von Pornographie tatsächlich viele erotische Beziehungen bedroht”. Überdramatisierung? Hysterie? Zwei Vokabeln, die schnell zur Hand sind, wenn jemand die Harmlosigkeit von Internet-Sex infrage stellt. Und dann auch noch eine Feministin!

Die therapeutische Praxis

Erotische Beziehungen sind das Spezialgebiet von Hannie van Rijsingen. Die Sexualtherapeutin behandelt seit dem Erscheinen ihres Buches Seks, alles of niets (erschienen auf Niederländisch) viele Paare, in denen Männer ein zweites Sexualleben im Internet begonnen haben. Die Männer kommen freiwillig in ihre Praxis, oder werden von ihren Frauen “geschickt” – van Rijsingen gilt als Expertin auf diesem sehr delikaten Gebiet. Dabei wollte sie ursprünglich etwas ganz anderes wissen: Ihr Verlag hatte sie gebeten, ein Buch über Männer zu schreiben, die keine Lust mehr auf ihre Partnerin haben.

Sie fand schnell heraus, dass ein Großteil dieser Männer nur auf diese spezielle Partnerin keine Lust mehr hatten – im Geheimen aber ein Sexleben führten: mit dem Computer. Van Rijsingen fiel es wie Schuppen von den Augen: “Das hatte ich früher nicht gesehen!”, sagt sie heute. “Das kommt häufig vor.” Dabei ist van Rijsingen weit entfernt davon, die Männer an den Pranger zu stellen. Ihr geht es um Veränderung und um Hilfe. Unter ihrer Leitung trifft sich eine Gruppe Männer, um in einem geschützten Raum ihre Erfahrungen auszutauschen. Alle sind internetsexsüchtig.

Van Rijsingen hat aus ihren Gesprächen zwei wesentliche Erkenntnisse mitgenommen:

  • Jeder der Männer, die übermäßig häufig Pornografie im Internet konsumieren (also in der Regel täglich mehrere Stunden), tat dies als Flucht. Sie alle flohen vor Schwierigkeiten und Stress am Arbeitsplatz oder in der Beziehung.
  • Jeder dieser Männer trug die Bilder, die sich in seinem Kopf festsetzten, in die Sexualbeziehung mit der Partnerin hinein. Rief sie ab, wenn er “leisten” sollte – brauchte sie, um leisten zu können. “Der Kontakt mit der Partnerin geht verloren”, stellt die Therapeutin fest, “denn man hat nun Kontakt mit den Bildern. Zwei Personen sind damit beschäftigt, einen Orgasmus zu erreichen, aber der Kontakt zwischen ihnen fehlt.” Der Sex wird zum Stress-Ventil. Um ein erfülltes körperliches erleben mit der Partnerin geht es kaum noch. Die Männer versuchen ein emotionales Loch zu füllen.


Liebevolle Sexualität statt McSex

Myrthe Hilkens ist eine junge und bekannte Musikjournalistin. Sie schrieb mit McSex – Die Pornofizierung unserer Gesellschaft eine Streitschrift gegen die Kontaklosigkeit, die Macht der Bilder und den bulimischen Konsum von Pornografie im Internet. Sie hat Männer interviewt, die ihr erzählten: “Seit ich 14 bin, kann ich mir nicht mehr ohne Porno einen runterholen.” Oder: “Wenn ich zu Pornos masturbiere, hat das nichts mit Leidenschaft zu tun oder mit sexuellem Verlangen.” Ähnlich wie die Männer in van Rijsingens Praxis bemerken sie, dass etwas nicht stimmt. Es fühlt sich verkehrt an. Sie spüren eine Leere.

Hilkens betrachtet aber nicht nur die Männer. Einer von drei Besuchern von Sex-Websites ist heute eine Frau. In sexuell angehauchten Sex-Chatrooms sind zweimal mehr Frauen als Männer; 17 Prozent der Frauen sind pornografiesüchtig; und 13 Prozent der 9,4 Millionen Frauen, die Sex-Websites besuchen, tun dies während ihrer Arbeitszeit (Hilkens zitiert hier die Pornography Statistics). In Internetforen tauschen sich jetzt bereits Männer unter dem Betreff “Hilfe, meine Frau schaut Pornos” aus.

Die Autorin geht noch einen Schritt weiter: sie wünscht sich mehr “gute Pornos”. “Unvollkommenheiten, wahre Gefühle und echte Menschen” sind davon ein genauso wichtiger Bestandteil wie “Hängebrüste, Fettröllchen, Kondome, sogar Liebe”. Solche Filme erleben eine Renaissance. Doch davon sind 99 Prozent der kostenlosen und schnell erklickten Angebote im Internet weit entfernt. Im Gegenteil: In der Welt, in der es “nichts nicht gibt”, sind Schamhaare schon zur Rarität geworden.

Wir brauchen eine neue Sexuelle Befreiung!

Walter, van Rijsingen und Hilkens sind vielleicht die Sex-positivsten Menschen, die man lesen kann. Weder sind sie prüde noch hysterisch. Sie beschreiben eine gesellschaftliche Realität, die aus Sexualität eine Ware, ein Stress-Ventil gemacht hat, welche von Bildern dominiert ist – nicht von Kontakt, Liebe und Intimität. Was als Befreiung und Ermächtigung verkauft wird, ist nichts anderes als neue Fesseln. Fesseln, die mit der gegenseitigen Entfremdung der Menschen in ihren Paarbeziehungen einhergehen. So lautet denn der letzte Satz in Hilkens Buch: “Es ist, kurz gesagt, Zeit für eine neue sexuelle Revolution.” Fangen wir an!

Literatur:

 

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(Dieser Artikel erschien als Kolumne auf freitag.de)

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Dieser Artikel erschien als Kolumne auf Freitag.de

Der Konsum von „Fast Sex“ im Internet schlägt auf die Psyche, gerade so wie Fast Food sich auf den Körper auswirkt. Was wir brauchen, ist eine neue sexuelle Befreiung

Internet-Sex ist ungesund! – Diese These klingt in der sogenannten modernen Welt absurd und abwegig. Ein Mensch, der Pornos im Internet schaut, gilt als normal. Dabei ist es unerheblich, welches Ausmaß der Konsum annimmt. Oder welche Praktiken in den Filmen dargestellt werden. Pornografie ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Pornografie-Kritik gilt als gestrig. Diese Sichtweise basiert auf zwei grundsätzlichen Annahmen:

1. Der Mensch ist ein Triebwesen, er „braucht“ das einfach. Und es ist eine große Befreiung, das endlich in allen Facetten ausleben zu können.

2. Das sogenannte „Appetitmachen“ in der Cyberwelt steht in keiner Beziehung zum „Zuhauseessen“. Pornokonsum und gelebte sexuelle Beziehung haben keine Verbindung miteinander, sie sind sauber getrennt.

Oder? „Let’s talk about McSex“ weiterlesen

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