Versucht’s nochmal

Bildungskolumne Wie angekündigt widmete ich mich dem Buch von Lena Gorelik. Und gebe ihr recht: Die deutsche Integrationspolitik ist nicht existent.

„Man hat mich – und wahrscheinlich noch viele andere – unseres Landes beraubt.“ Lena Gorelik ist eigentlich ein Mensch, den man als „naive Optimistin“ bezeichnen könnte. Doch das hat sich geändert…


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In ihrem Buch „Sie können aber gut Deutsch!“ – Warum ich nicht mehr dankbar sein will, dass ich hier leben darf und Toleranz nicht weiterhilft wird eine Sicht auf Deutschland wiedergegeben, die vor allem das Potential sieht und die Möglichkeiten, wenn sie zu Beginn sagt: „Wir in Deutschland beherrschen von Haus aus einen Umgang mit Vielfalt, von dem viele lernen könnten. Vielfalt ist eine Stärke Deutschlands und gerade sie macht dieses Land schön.“ In diesem Buch gibt es aber ein ungeplantes Kapitel. Thilo Sarrazin hat, so Gorelik, in Deutschland eine Debatte ausgelöst, deren Tonfall sie ihrer Naivität beraubt habe – und damit ist sie sicherlich nicht alleine. Sie fühlte sich so wie sie war nicht mehr willkommen. Den Lena Gorelik ist ein Kind russischer Einwanderer und hat sich ihr Zuhause, Deutschland, mühsam zu ihrem Zuhause gemacht. Sie hatte die Menschen hier zu einem „Wir“ werden lassen. Und dabei eine „Entschämung“ geschafft, durch die sie ihr „russisches Ich“ akzeptieren und lieben gelernt hat. Denn als Kind hat sie sich dafür oft geschämt, hat ein „bemüht deutsches Ich“ entworfen und sich angepasst. Durch Sarrazin, so Gorelik, wurde eine Atmosphäre geschaffen, in der nur noch dieses „bemüht deutsche Ich“ willkommen war. Es ist ein schmerzhafter Bruch, der durch das ungeplante Kapitel in ihrem Buch geschieht. Denn er zeigt, wie zerstörerisch die Debatte um Sarrazin wirklich war.

Null Toleranz

In den ersten Kapiteln erzählt Gorelik ihre eigene Geschichte und koppelt sie zurück an allgemeine Phänomene. Sie kam mit elf Jahren nach Deutschland und lebte mit ihren Eltern zunächst in einem Asylbewerberheim in Schwaben. Sie kam in die Schule und sprach die Sprache nicht. Die Kinder und ihr erster Lehrer reagierten stereotyp, tolerierten sie aber. Diese Toleranz problematisiert Lena Gorelik scharfsinnig und greift die Forderung der Lesben- und Schwulenbewegung nach Akzeptanz auf. In ihr ist ein tiefer Wunsch nach dem Ende dieser Toleranz, die immer bedeutete, untergeordnet zu leben, die sich darin äußerte, dass ihr ihre eigenen Eltern und ihr Zuhause peinlich waren, dass sie sich schämte für die russische Küche, die russische Sprache und ihre mitgebrachte Kleidung oder Schulhefte. Sie setzte stattdessen alles daran, so zu werden, wie die Kinder in ihrer Klasse, daran, akzeptiert zu werden – was ihr als „die Gorelik aus Russland“ nicht gelang. „Bis ich nicht mehr wusste, wer oder was ich war, wo ich hingehörte, wer zu mir gehörte und überhaupt.“ Doch sie lernte.

Es ist ein Lernprozess, aus dem sie viel Kraft zieht und in dem sich sehr viele sehr klare Werte gebildet haben: Angst zerstört – Vertrauen schafft. So könnte eine Quintessenz lauten. Denn Angst hatte auch sie genügend, ihre Kindheitserfahrungen haben diese eingeprägt: Es ist eine Angst vor Toleranz, eine Angst, nicht akzeptiert zu werden. Dabei bemerkt sie, dass die Toleranz in ihrem Leben längst nicht mehr so präsent ist, wie in ihrer Kindheit – sie antizipiert sie oftmals nur.

Auch die Konsument_innen der deutschen Medien, so Gorelik, müssten einmal massiv an ihren Ängsten arbeiten. Denn die werden durch eine überzeichnete und dramatisierte Scheinrealität, welche in den Medien geschaffen wird, immer nur geschürt. 30 Prozent der Berichte über Migrant_innen, handeln von Kriminalität; weitere 25 Prozent handeln von Terrorismus. Das schürt Ängste. Vor „Überfremdung“; vor Gewalt; vor „Sozialschmarotzern“ – ja, gar vor einer „Einführung der Scharia in Deutschland“. Die Medien missachten ihre klare Verantwortung, kritisiert Lena Gorelik. Getreu dem Motto „Bad News is Good News“ würden Randphänomene zu Allgemeinheiten aufgebaut. Wie fänden Sie es denn, wenn die Medien immer berichteten, dass alle Deutschen Nazis wären, fragt sie.

Angst als Zustand

Kommt mal klar, liebe Medien und liebe Zuschauer_innen. Denn es wird ein komplett irres und gefährliches Bild der Realität gemacht, das keiner realen Gegebenheit entspricht. „Worst Case: Muslime“ stichelt sie lapidar, und legt den Finger noch ein bisschen tiefer in die Wunde. Scharfsinnig ermittelt sie die Mechanismen einer sich immer weiter ausbreitenden Islamophobie. Begriffe wie „islamisch“, „muslimisch“ und „islamistisch“ würden völlig unreflektiert in einen Topf geworfen. Da gilt eine Frau mit Kopftuch als Ausdruck für Unterdrückung. Es werde kaum mehr differenziert zwischen den fanatischen Anhängern und den friedlichen (für Medien wohl leider zu langweiligen) Anhänger_innen einer Religion. In Deutschland sind alle Christen und wie die drauf sind, sieht man ja an der Piusbruderschaft. Oder so? Angst – immer wieder Angst – die medial, politisch und publizistisch geschürt wird und die zu immer mehr Hass führt. „Diese Angst und dieser Hass sind nicht nur salonfähig geworden, sondern als Zustand akzeptiert worden.“

Gefühlvoll, stark, gnadenlos, hoffnungsvoll, resigniert, optimistisch – Lena Goreliks Buch ist all das, von der ersten bis zur 240. Seite. Das alles und noch viel mehr. Hans Joas beschreibt Werte lapidar als „emotional besetzte Vorstellungen vom Guten“ – das Buch ist voll davon und das ist heute leider selten geworden. Sie verharrt nicht auf der entlarvenden Analyse – die sie treffsicher und wachrüttelnd zu liefern bravourös beherrscht. So stellt sie lakonisch fest: Die deutsche Integrationspolitik sei mitnichten gescheitert. Nein, denn etwas nicht-existentes könne schließlich nicht scheitern. Ein vernichtendes aber absolut berichtigtes Urteil. Sie nimmt die Verantwortlichen in die Pflicht: Wahlrecht, Bildungspolitik, Sozialpolitik, Innenpolitik und nicht zuletzt – die Integrationsbeauftragte. Es gebe einen Integrationspolitikplan, der beinhalte die geplante Erstellung eines Aktionsplanes, und in diesem Verfahren müssten auch Maßnahmen gefunden werden. Ja nee – is klar! Einen Integrationsindikatorenbericht habe man auch in Auftrag gegeben – Ergebnisse von über fünf Jahren „Integrationspolitik“. Ich muss an Loriot denken. „Nichts weiter als Staffage“ – Gorelik findet treffende Worte für diese Begriffsbildungen. Das beweise „dass die Politik und insbesondere die Regierung nicht genau wissen, wie sie mit dem Thema umgehen sollen.“

Sie werden es nicht lesen

Wenn man das Buch am Ende zuklappt und das Gelesene zu verdauen beginnt, bleibt das Gefühl, dass Lena Gorelik lieber das Deutschland hätte, dessen Potentiale sie sieht. Doch diese bleiben systematisch ungenutzt. Im Wege stehen, so mein Eindruck, tatsächlich die geschürten Ängste und weniger die „harte Realität“. Und es bleibt der Eindruck, dass Deutschland ziemlich doll auf dieser Toleranz-Idee hängen geblieben ist. Deswegen sprechen wir auch nach wie vor von Integration – statt von Inklusion. Wir haben nicht verstanden, dass Akzeptanz uns bereichert und wir haben auch nicht verstanden, wie sie zu leben ist. Gorelik weiß es und es ist mein einziger Kritikpunkt an ihrem wunderbaren Buch: Sie schreibt es auf 240 Seiten auf, von denen man nicht erwarten können wird, dass die Urheber_innen der Integrationspolitikstaffage sich die Mühe machen werden, diese Seiten von vorne bis hinten aufmerksam zu lesen. Dann wüssten sie, wie man das mit der Akzeptanz lebt: „Interesse nicht nur zeigen, sondern haben. Es geht so einfach, man muss nur die eine oder andere Frage stellen.“ Und zuhören.

Dieser Artikel erschien zuerst als Kolumne auf freitag.de.

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Du sollst deine Leser nicht beschämen

Bildungskolumne Ich schreibe nicht nur über Bildung, ich bilde mich auch ab und zu selbst. Diesmal las ich ein Buch über alltäglichen Rassismus in Deutschland.

Bildung funktioniert in meinen Augen immer sehr gut, wenn die Inhalte durch Geschichten transportiert werden können. Das findet auch Lena Gorelik, die mit ihrem Buch Sie können aber gut Deutsch! gegen Diskriminierungen und das Zuschreiben des Andersseins anschreibt. Goreliks Buch werde ich in meiner nächsten Kolumne besprechen, sozusagen als Kontrastfolie oder Ergänzung zu jenem Buch, das ich mir für diese Woche durchgelesen habe: Noah Sow hat es geschrieben. Deutschland Schwarz Weiß heißt es.

Mit ihrem bereits 2007 erschienen Buch, das den Untertitel „Der alltägliche Rassismus“ trägt, will Noah Sow aufklären. Denn, so die Autorin im Vorwort, sie halte Aufklärung „für eine notwendige Voraussetzung, um eine wirkliche gesellschaftliche Veränderung erreichen zu können“. Meine Neugierde trifft eine, die bilden will. Sow will die Geschichte der Beziehung zwischen Schwarzen und Deutschland erzählen.

Unterrichtsstunde im „Weißsein“

Gleich zu Beginn schafft sie es, am Beispiel ihrer eigenen Herkunft die Lesenden mitzunehmen (ich werde diesen AHA-Effekt nicht schmälern, indem ich es ausführlicher schildere – lesen Sie es ruhig selbst!). Das Buch gliedert sich daraufhin in sieben Kapitel, beginnend mit einer Unterrichtsstunde im „Weißsein“, international bekannt unter dem Namen „Critical Whiteness“. Fünf Jahre nach dem Buch gerät die Theorie, die 2007 wohl nahezu unbekannt war (zumindest außerhalb akademischer Diskurse), langsam in Kritik. Sows Ausführungen zeigen, warum diese Theorie so schwierig ist.

Sie ist schwierig, weil sie davon ausgeht, dass eigentlich alle Weißen nicht anders können, als Rassisten zu sein. Der Feind ist überall und dabei wird es schnell undifferenziert und einseitig. Um diese Haltung zu sichern, wird sich des Konzepts der „Definitionsmacht“ bedient, das vermeintlichen Opfern zuspricht, alleine darüber zu bestimmen, wann Handlungen als Gewalt und Diskriminierung zu benennen sind. Das nutzt Noah Sow, versagt damit aber den Lesenden den Respekt, wenn sie schreibt: „Das haben Sie jetzt alles gelesen und finden das wahrscheinlich ebenso schlimm wie ich. Sie wissen aber immer noch ganz genau, dass Sie kein Rassist sind. Woher? Weil Sie keiner sein wollen. Da habe ich leider eine schlechte Nachricht für Si e…“ und nun folgt eine Auflistung an Fakten des Alltagsrassismus in Deutschland (in dem wir ja zugegebenermaßen alle aufgewachsen sind), die unweigerlich dazu führten, dass weiße Deutsche per se privilegiert seien.

Das ist die betreffende Stelle, indem dem/der LeserIn erklärt wird, warum sie nicht kein RassistIn sein könne.

Und nun sei es eben so, dass Rassismus genau da anfange, wo sie ihre Privilegien nicht reflektierten und eingestünden. Sie sagt damit also (sinngemäß): Sie sind deutsch und sagen „ich bin kein Rassist“? – ha! – das ist der Beweis, dass Sie einer sind und sein müssen, denn hätten Sie ihre Privilegien reflektiert, dann wüssten Sie es ja besser.

Generalverdacht statt Respekt

Nein, Noah Sow kennt mich nicht. Ich bin weiß, aber Diskriminierungserfahrungen aufgrund meiner Herkunft habe ich auch gemacht, in meiner Kindheit. Ja, sorry: Ich denke immer noch, dass ich keine Rassistin bin. Da muss ich an das Vorwort denken, wo Sow mir schon ankündigte „auf den folgenden Seiten aber hin und wieder auch ganz schön hart angefasst“ zu werden. „Nehmen Sie’s als Erfahrung“, heißt es dazu nur. Alles klar. Erfahrung gemacht, auf Seite 63.

Ich fühlte mich dennoch nicht wohl. Ich wollte lernen und wurde wegen meiner Hautfarbe unter einen Generalverdacht gestellt. Dabei habe ich als Pädagogin eigentlich das Gegenteil verinnerlicht: Die wirklich guten LehrerInnen respektieren ihre SchülerInnen – das ist doch die Grundvoraussetzung für Lernen und eine gelungene Bildungsbeziehung!

Ich habe dennoch weitergelesen und es fast nicht bereut. Denn ich habe viel Neues gelernt oder vertieft, das bislang eher „gefühltes Wissen“ war. Zum Beispiel, dass es wissenschaftlich gesehen nicht korrekt ist, bei Menschen von „Rassen“ zu sprechen. Darauf folgt ein knapper, aber gehaltvoller Abriss der Kolonialgeschichte Deutschlands. Hier wird gezeigt, wie unglaublich demütigend und arrogant sich deutsche Wissenschaftler, Medien und Politiker gegenüber Schwarzen zwischen 1890 und 1945 verhalten haben. Viele Zitate, Bilder, Skulpturen aus der Zeit und „Forschungsarbeiten“ lassen einen erschauern. Darauf folgt eine Betrachtung zeitgenössischen Alltagsrassismus, sowie eine Stichprobenahme des Rassismus in den deutschen Massenmedien. Am besten gefallen hat mir neben dem anschaulichen Einstieg, der konkrete Zwölf-Punkte-Plan am Ende des Buches. Hier geht um konkrete Taten, die dazu beitragen können, den Rassismus abzubauen.

Dieser Definition von Rassismus (ein paar Seiten weiter) schließe ich mich vollumfänglich an.

Ein Bärendienst

Das Buch hat das Aufklärungs-Versprechen also wirklich eingelöst. Es könnte sehr stark sein, sollte mehr rezipiert werden. Noah Sow allerdings erweist ihrem Anliegen mit dem Kapitel zum „Weißsein“ einen Bärendienst. Ein Kapitel, das in ihrer aktuellen antirassistischen Arbeit offenbar noch mehr Platz einzunehmen begonnen hat, als im Buch. Ein Kapitel, das derzeit viele Diskussionen auslöst und die antirassistische Szene auf eine Art spaltet, wie es zuletzt der Israel-Palästina-Konflikt vermochte.

Das lässt viele ratlos zurück. Doch in dieser Ratlosigkeit wollen wir nicht verharren! In der kommenden Kolumne werde ich Lena Goreliks Ansichten auf das pluralistische Deutschland besprechen und damit einen Ansatz, dem es darum geht, eine Vision zu entwerfen. Wir leben längst in einer multi-ethnischen Gesellschaft, ist ihre Analyse. „Wir müssen nur dahin kommen, es als Stärke zu begreifen und davon zu profitieren.“

(Der Spruch „du sollst deine Schüler nicht beschämen“ gilt als die Grundregel der LehrerInnen in Finnland)

(Dieser Text erschien zuerst als Kolumne auf freitag.de)

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Normschön? Rassistisch?

Ich hadere in meiner letzten Kolumne mit neuer „innerfeministischer“ Kritik und frage mich, ab wann eine Frau als „weiß und normschön“ gilt. Und ob das ein Nachteil sein kann.

mein #609060 von heute morgen. und? normschön?

Es ist legitim, zu fragen, welche Menschen in einem Diskurs zu Wort kommen, und welche nicht. Doch wenn man Menschen aus Aussehen, Herkunft oder Alter einen Strick dreht, schwächt man unter Umständen ein Anliegen.

Wer feministisch agieren will und diese Haltung in seine Arbeit hinein trägt, begibt sich häufig allein deswegen auf glattes Eis, weil andere sich nicht widergespiegelt sehen. Aussehen, Alter, Herkunft und Bildung – das sind nur einige Kategorien, entlang derer sich ja auch wirklich einige Ausgrenzungen in der Gesellschaft abspielen. Es wird aber zu einem Dilemma, wenn man überall nur noch absichtliche Ausgrenzungen sieht. Ein Beispiel: In einem feministischen Popkulturmagazin, das sich immer wieder auch mit Mode befasst, werden Kleidungsstücke vorgestellt. Die Frauen, die man hierfür ablichtet sind keine Models, sondern vielleicht Freundinnen oder Bekannte der Blattmacherinnen, die man eben dazu überreden konnte. Es wird dann eventuell vorkommen, dass kritische LeserInnen des Magazins sich darüber beschweren, dass nur „normschöne“, weiße Frauen eines bestimmten Alters dargestellt würden. Das ist eine Art und Form der innerfeministischen Kritik, die momentan sehr in Mode ist.

Einfach „sein“

So zu lesen etwa in einem Vortrag über Intersektionale Perspektiven auf den Slutwalk: „Von weißen normschönen Heteras, die für ihr Recht sexy sein zu dürfen auf die Straße gingen“. Aber ab wann ist eine Frau eigentlich „normschön“? Muss ich mich selbst auch so einordnen und darf ich deswegen nicht mehr so präsent sein?  In den Augen mancher bin ich vielleicht eine „normschöne“ Feministin. So wie die jungen Frauen, die in meinem eingangs geschilderten Beispiel, in der Modestrecke im feministischen Magazin, auch „normschön“ waren. Aber magersüchtig bin weder ich, noch sie. Wir haben uns nicht operieren lassen, oder liften. Darf man noch „einfach sein“, also wie man ist?

Ob als Feministin, als Amateur-Model, als Politikerin, als Wissenschaftlerin, als Vegetarierin oder Veganerin in einem Online-Forum: Ist das in Ordnung? Oder muss man wirklich allein deswegen jetzt irgendwo fern bleiben, weil man jung, weiß und angeblich „normschön“ ist und damit wieder einmal dazu beigetragen hat, dass alle, die diesem Bild nicht entsprechen, unsichtbar gemacht werden?

Eine ähnliche Debatte erlebte ich jüngst im Zusammenhang mit dem fünften Geburtstag des feministischen Blogs Mädchenmannschaft. Auf der Veranstaltung, die ein Mix aus Workshops und Party war, gab es einen Workshop von einer der Autorinnen der Mädchenmannschaft, Hannah Wettig. Sie ist professionelle Journalistin und als solche regelmäßig in Nord-Afrika unterwegs. Die arabische Revolution hat sie vor Ort miterlebt und so bot sie einen Workshop zur Rolle der Frauen in den Arabischen Revolutionen an (in Analyse & Kritik hat sie dazu auch schon einen ausführlichen Artikel veröffentlicht). Im Nachhinein warf man ihr vor, dass eine Weiße hier über die (nicht anwesenden) arabischen Frauen geredet habe. Dies sei Rassismus.

Vielfalt als Wert an sich

Es sind Konflikte wie diese, die zeigen, dass man kein Umkehrargument daraus machen kann. Weder aus dem Aussehen, der Herkunft noch dem Alter oder dem Bildungsgrad sollte man denen, die sich engagieren – sei es nun feministisch, antirassistisch, für mehr soziale Gerechtigkeit und Bildungsgerechtigkeit – einen Strick drehen. Denn sie engagieren sich und wollen die Welt verändern. Darauf kommt es an. Das finden auch die Autorinnen eines weiteren Artikels aus der Analyse & Kritik, der sich kritisch mit dem Konzept der Critical Whiteness auseinandersetzt. „Ein Antirassismus, in dem nur diejenigen zu Wort kommen sollen, die als ‚Opfer‘ davon betroffen sind, reduziert den gesamten emanzipatorischen Inhalt eines solchen Projekts auf eine Art Interessenvertretung oder sogar Generalversammlung eines Mainstreams der Minderheiten.“ Finden die Autorinnen und setzen sich dagegen ein, dass Menschen nur, weil sie weiß seien, nicht an den Diskursen teilhaben dürften.

Natürlich ist und bleibt es ein Dilemma. Wenn wir Vielfalt und Diversität fördern wollen, dann müssen wir auch aktiv darauf achten, dass Menschen vertreten werden, die man gerne „übersieht“, denen man nicht aktiv eine Stimme in öffentlichen Diskursen einräumt. Dazu gehört es auch, an den entsprechenden Stellen, sei es in den Medien, auf Konferenzen oder in der Vernetzungsarbeit, aktiv daran zu arbeiten, dass nicht nur eine homogene Gruppe unter sich das Feld besetzt. Mehr Vielfalt und Diversität: Das bleibt ein Wert an sich.

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Darf man „Fotze“ sagen?

In der feministischen und antirassistischen Debatte spielen Worte eine wichtige Rolle. Doch wann werden sie beleidigend? Und wie viel Zensur verträgt ein freier Diskurs?

Dieser Artikel erschien zuerst als Kolumne auf freitag.de – dort gab es eine sehr ausführliche Debatte

In Hass sprich – zur Politik des Performativen setzt sich Judith Butler intensiv mit dem Verletzungspotential von Sprache auseinander. Sie dreht und wendet die Frage, wie Herrschaftsverhältnisse durch Sprechakte immer wieder hergestellt und somit verstetigt werden. Butler ist vielen vor allem als Vertreterin der Queer Theory bekannt – mit ihrem Werk Das Unbehagen der Geschlechter wendete sich die Philosophin gegen eine binäre Codierung der Geschlechter und damit gegen das Bollwerk der sogenannten „Modernen Wissenschaften“: Die Naturalisierung von (Macht-)Unterschieden qua Geschlecht.

Hate Speech in den USA
Butler thematisiert die Verletzung qua Sprechakt; untersucht, wann ein Sprechakt eine Handlung ist; geht der Frage nach, wohin es führt, wenn staatliche Eingriffe Sprache verbieten ... ein sehr interessantes Werk: Hass Spricht Foto: Bob With aka D.C. Atty via Flickr.com

Bis heute werden WissenschaftlerInnen weltweit nicht müde, die „Beweise“ für die Differenzen zwischen Männern und Frauen zu liefern – zentraler Angelpunkt sind dabei meistens die Hormone. (In einer recht anschaulichen amerikanischen Studie fanden ForscherInnen derweil heraus, dass je nach Grad des Glaubens an Stereotype sich auch die tatsächliche Ausprägung und Wirkung von Sexualhormonen verändere ; an anderer Stellebesprach ich derweil schon die Differenzen der hierzulande breit rezipierten Vertreterinnen einer Hormon-gesteuerten Theorie der großen Unterschiede zwischen den Geschlechtern und wie sich die ganze Sache aus der Perspektive der Neurowissenschaften darstellt).
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Respect by Default

in diesem artikel von mh wird sehr gut geschildert, welches problem mit dem sogenannten #weldinggate an die oberfläche trat, warum es eine sollbruchstelle war und wieso es wichtig ist, das ernst zu nehmen. bezeichnend sind auch die kommentare derjenigen, die zugeben, sich aus gründen (die alle sehr gut zusammengefasst werden) vom jungen feminismus oder von frauenthemen insgesamt abgewendet zu haben.
 
ich würde mir sehr wünschen, dass diese debatte nicht darauf reduziert wird, dass die genannten argumente einzig und allein darauf abzielten, dass rassismus klein geredet werden soll – das ist mitnichten der fall.
ich würde mir auch wünschen, dass dem wunsch nach mehr respekt und weniger abgrenzung vielleicht mal ein öhrchen geschenkt wird.
dass nicht nur abgeblockt wird.
weil ich fürchte, dass sich sonst immer mehr menschen aus dem feministischen diskurs zurückziehen werden, die den diskurs bereichnern würden.
die angesprochenen ausgrenzungen und die oft auftretende aggression sind ein bärendienst (grinsel) am feministischen diskurs. sie werfen denjenigen unnötig steine in den weg, die einen offeneren feminismus leben.
es wäre zudem auch wirklich toll, wenn die offenen nicht als „die, die mit dem feind schlafen“ abgewatscht würden.
 
es steht ja nicht zur debatte, dass ein exklusiver raum für nicht-mainstream-feministinnen notwendig und richtig ist. manche leute sind in den intersektionalitätsdebatten und der rassismusforschung eben weiter. denken viel mehr über privilegien nach und sind sensibilisierter.
aber: der respekt gegenüber leuten, die diesen habitus nicht antrainiert haben, die nicht alle die dazugehörigen akademischen diskurse gefressen haben, die offen, aber ahnungslos, naiv und nicht so verbittert sind; das ernstnehmen all jener menschen, die lernen wollen, diskutieren wollen und auch mal „dumme“ fragen stellen – die dürfen darunter nicht leiden.
 
RESPECT BY DEFAULT

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