Stereotype, Hormone und die sogenannten „Beweise“ – alles Evolution?

Ganz schön geschickt, von diesem Christian. In seiner Anrufung an „die“ Piratenpartei, einem strangen Artikel, hat er so viele Ping-Back-Verlinkungen platziert, dass alle Verlinkten sich über seinen Artikel hermachen und auch noch kommentieren. Seine Botschaft hat er damit gekonnt unter die Leute gebracht: Hütet euch vor dem Feminismus – ihr Piraten!

Nein: Man muss sich diesen Artikel nicht wirklich durchlesen. Ich fasse einfach kurz zusammen:
Piraten sind eine junge Partei, die noch ihren Weg sucht – und einen Kegelclub hat. Also fühlt er sich genötigt, zu intervenieren und gebetsartig Sätze wie „Ihr seid sachlich denke (sic!) Personen“ oder “ Ihr denkt in Fakten, nicht in Beliebigkeiten“ – er appelliert an die Ratio der „Nerds“ um zu schließen mit: „Wer gegen die Auswirkungen verschiedener Spielarten des Feminismus ist, insbesondere den Genderfeminismus, der ist nicht frauenfeindlich.“

Nein nein! Nehmt euch jetzt nicht die Zeit, das zu lesen. Das ist es auch wiederum nicht wert (ich lese den Christian eigentlich recht oft, ich geb euch dann einfach Bescheid, wenn mal was Wichtiges, oder gar Gewinnbringendes drin steht). Lest doch lieber einmal diese Zusammenfassung einer sehr spannenden Studie, die so ein bisschen einmal alles auseinander nimmt und ad absurdum führt, was Leute wie Christian als einzig „wahre“ Erklärung für alle Unterschiede zwischen den Geschlechtern akzeptieren. Oder sagen wir: Als zentrale Erklärung für alles Mögliche – was wiederum eine Erklärung dafür ist, dass Testosteron (ich liebe btw Testosteron! ich glaube, ich habe davon auch sehr viel – harr harr) und die Lust eine sehr große Rolle in den Artikeln in seinem Blog spielen.

Biological and social factors have been shown to affect cognitive sex differences. For example, several studies have found that sex hormones have activating effects on sex-sensitive tasks. On the other hand, it has been shown that gender stereotypes can influence the cognitive performance of (gender-) stereotyped individuals. However, few studies have investigated the combined effects of both factors. The present study investigated the interaction between sex hormones and gender stereotypes within a psychobiosocial approach. One hundred and fourteen participants (59 women) performed a battery of sex-sensitive cognitive tasks, including mental rotation, verbal fluency, and perceptual speed. Saliva samples were taken immediately after cognitive testing. Levels of testosterone (T) were analysed using chemiluminescence immunoassay (LIA). To activate gender stereotypes, a questionnaire was applied to the experimental group that referred to the cognitive tasks used. The control group received an identical questionnaire but with a gender-neutral content. As expected, significant sex differences favouring males and females appeared for mental rotation and verbal fluency tasks, respectively. The results revealed no sex difference in perceptual speed. The male superiority in the Revised Vandenberg and Kuse Mental Rotations Tests (MRT-3D) was mainly driven by the stereotype-active group. No significant sex difference in MRT-3D appeared in the control group. The MRT-3D was also the task in which a strong gender-stereotype favouring males was present for both males and females. Interestingly, T levels of the stereotype-activated group were 60% higher than that of male controls. The results suggest that sex hormones mediate the effects of gender stereotypes on specific cognitive abilities.

Das ist die Zusammenfassung einer Studie mit dem Titel „Interactive effects of sex hormones and gender stereotypes on cognitive sex differences—A psychobiosocial approach“, die zu dem Ergebnis kommt, dass die tatsächliche Auswirkung sogenannter „Hormone“ auf unser Verhalten, die tatsächlich messbaren Unterschiede, davon abhängen, wie stark wir selbst Gender-Stereotype gefressen haben – oder eben nicht. Ich habe die Studie vor einem Jahr komplett gefressen, da sie ein Bestandteil meiner Vorbereitungen zum Vortrag „Stereotype, Sichtbarkeit und Wettkampf – Diversity in der Digitalen Gesellschaft“ war. Deswegen habe ich sie auch schon vor vielen Monaten auf Nachfrage an Christian getwittert – eine Antwort bekam ich allerdings nie. Naja – das Blöde ist wohl einfach auch, dass die Basis seines gesamten Blogs, das recht ausführlich und regelmäßig geschrieben wird, mit einem Ernstnehmen solcher Ergebnisse wegfallen würde. Kartenhaus und so. Aber vielleicht ist bei dieser jungen Partei, die doch so wissenschaftlich sein und denken soll, die sich kein X für ein U vormachen lässt, jemand ambitioniert, das Ding zu lesen. Ich lasse der-/demjenigen dann gerne eine Privatkopie davon zukommen.

Gute Nacht!

PS: Ja – es sieht anders aus hier. Ich brauchte einen Tapetenwechsel. Ich hoffe sehr, dass es gefällt.

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Dicker Engel: Mit PiratInnen über Feminismus reden

Es war kein einfaches Gespräch. Es war eine Herausforderung. Zweieinhalb Stunden habe ich mich im Dicken Engel, einem Internet-Diskussionsformat der Piraten NRW, der Kritik am Feminismus gestellt – wie PiratInnen sie üben. Dabei ging es mal wieder viel um Sozialisation, Stereotype, die Quote, die Idee von Post-Gender, ein bisschen um Zeitbudget und Neurobiologie – sowie meine Erfahrungen als „Quotenfrau“ bei der Grünen Jugend.

Der mh hat das Gespräch dankenswerter Weise aufgenommen und in seinem Blog veröffentlicht. Viel Spaß dabei.

Und bitte auch die von ihm moderierte Diskussion zwischen Fabio Reinhard und Matthias Schrade anhören. Aus (aktuellen) Gründen!

Vielen Dank an Kyra für die freundliche Einladung und für die angenehme Moderation (auch an Gormulus).

Mumble ist nun bei mir installiert und vielleicht sieht man sich einmal wieder, im Dicken Engel. Cooles Format – Chapeau!

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Alles klar zur Wende?

 
In der Diskussion um Frauen in der Piratenpartei spiegeln sich alte Geschlechter-Stereotype und die Genügsamkeit der Frauen.
 
Als erstes möchte ich auf den sehr guten Beitrag von Daniel Schweighöfer im Kegelclub hinweisen, der mit den Worten endet: „Die Herausforderungen der Informationsfreiheit verlangen eine zweite, eine richtige Aufklärung der Menschen. Wir alle müssen daran mit arbeiten, wenn wir in der Gesellschaft der Informationsfreiheit zu Hause sein wollen.“ Sein Ende soll mein Anfang sein:

 
Ja: Das Internet und die Piratinnenpartei bieten prinzipiell allen Menschen die Möglichkeit, mitzumachen. Das meistgenannte Argument gegen ein aktiveres Engagement zur Förderung von Frauen in beiden Feldern. Das Internet sei doch schließlich ein Ort, an dem Status, Alter, BMI und Geschlecht keine Rolle mehr spielten, werfen viele gegen einen neuen Netzfeminismus ein. Bei den Piraten ist das doch genauso! Mit dem Begriff „Post-Gender“ wurde eine feministische Diskussion innerhalb der Piratenpartei schon vor über einem Jahr abgewehrt. „Wir sind alle Menschen und das reicht mir als Info! Und selbst mit Aliens hab ich kein Problem so lange die nett zu mir sind.“ – diese Aussage bringt die Einstellung vieler Piraten vermutlich schön auf den Punkt. Das Problem aber ist: Die Gedanken im Internet sind immer an einen Körper in der realen Welt gebunden. Damit unterliegen auch sie gesellschaftlichen Strukturen und Zwängen. Auch sie wurden auf eine sehr typische Weise sozialisiert – selbst wenn die Eltern 68er waren. Auch sie haben Stereotypeverinnerlicht.
 

Quelle: (cc) Joriel "Joz" Jimenez via Flickr
Quelle: (cc) Joriel "Joz" Jimenez via Flickr

 
Stereotype und gesellschaftliche Strukturen wirken auf die Beteiligungs-Möglichkeiten – so frei das Internet auch sein mag. Da ist zum einen das Thema „Doppelte Vergesellschaftung von Frauen“, also die Inanspruchnahme der Frau durch a) Arbeit und b) Haushalt/Familie. Es hat sich längst nicht erledigt.
 
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Frauen, bildet Banden

Abstract aus meinem Beitrag im Böll-Streit-Wert-Blog zu Bündnispolitiken:
 
Vernetzung für Mobilisierung
 
Bündnisse waren und sind seit jeher eine der stärksten Instrumente gezielter und auch erfolgreicher Frauen- und Geschlechterpolitik. Wo Frauen sich verbünden, werden sie stark, sichtbar und hörbarer.[…]
 
Nicht selten aber scheitern Frauen trotzdem immer noch, wenn es um eine Wahrnehmung auf Augenhöhe geht. Die gesellschaftlichen Strukturen hinter ihnen, die Stereotype in den Köpfen aller Beteiligten – all das hat sich in den vergangenen 30 Jahren zwar bewegt, aber nicht grundlegend geändert.[…]
 
Bündnisse können helfen, Stereotype auszuhebeln, indem sie das Bewusstsein der Frauen darauf lenken, was die eigenen Stärken sind. Indem sie Best Practices an die Oberfläche bringen. Mit Vorbildern vernetzen. Eine einzelne Frau im Männer-Reigen reicht nicht – sie würde als „Ausnahme“ klassifiziert. Viele müssen es sein. Diese Regel führt zurück zur Situation der einzelnen Piratin im Berliner Abgeordnetenhaus. Sie ist alleine. Sie ist die Ausnahme schlechthin.[…]
 
Ein Bündnis für mehr politische Präsenz von Frauen in allen Parteien wird sich mit vielen Fragen und Themen befassen, eines der obersten ist die Frauenquote.“
 
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