Du sollst deine Leser nicht beschämen

Bildungskolumne Ich schreibe nicht nur über Bildung, ich bilde mich auch ab und zu selbst. Diesmal las ich ein Buch über alltäglichen Rassismus in Deutschland.

Bildung funktioniert in meinen Augen immer sehr gut, wenn die Inhalte durch Geschichten transportiert werden können. Das findet auch Lena Gorelik, die mit ihrem Buch Sie können aber gut Deutsch! gegen Diskriminierungen und das Zuschreiben des Andersseins anschreibt. Goreliks Buch werde ich in meiner nächsten Kolumne besprechen, sozusagen als Kontrastfolie oder Ergänzung zu jenem Buch, das ich mir für diese Woche durchgelesen habe: Noah Sow hat es geschrieben. Deutschland Schwarz Weiß heißt es.

Mit ihrem bereits 2007 erschienen Buch, das den Untertitel „Der alltägliche Rassismus“ trägt, will Noah Sow aufklären. Denn, so die Autorin im Vorwort, sie halte Aufklärung „für eine notwendige Voraussetzung, um eine wirkliche gesellschaftliche Veränderung erreichen zu können“. Meine Neugierde trifft eine, die bilden will. Sow will die Geschichte der Beziehung zwischen Schwarzen und Deutschland erzählen.

Unterrichtsstunde im „Weißsein“

Gleich zu Beginn schafft sie es, am Beispiel ihrer eigenen Herkunft die Lesenden mitzunehmen (ich werde diesen AHA-Effekt nicht schmälern, indem ich es ausführlicher schildere – lesen Sie es ruhig selbst!). Das Buch gliedert sich daraufhin in sieben Kapitel, beginnend mit einer Unterrichtsstunde im „Weißsein“, international bekannt unter dem Namen „Critical Whiteness“. Fünf Jahre nach dem Buch gerät die Theorie, die 2007 wohl nahezu unbekannt war (zumindest außerhalb akademischer Diskurse), langsam in Kritik. Sows Ausführungen zeigen, warum diese Theorie so schwierig ist.

Sie ist schwierig, weil sie davon ausgeht, dass eigentlich alle Weißen nicht anders können, als Rassisten zu sein. Der Feind ist überall und dabei wird es schnell undifferenziert und einseitig. Um diese Haltung zu sichern, wird sich des Konzepts der „Definitionsmacht“ bedient, das vermeintlichen Opfern zuspricht, alleine darüber zu bestimmen, wann Handlungen als Gewalt und Diskriminierung zu benennen sind. Das nutzt Noah Sow, versagt damit aber den Lesenden den Respekt, wenn sie schreibt: „Das haben Sie jetzt alles gelesen und finden das wahrscheinlich ebenso schlimm wie ich. Sie wissen aber immer noch ganz genau, dass Sie kein Rassist sind. Woher? Weil Sie keiner sein wollen. Da habe ich leider eine schlechte Nachricht für Si e…“ und nun folgt eine Auflistung an Fakten des Alltagsrassismus in Deutschland (in dem wir ja zugegebenermaßen alle aufgewachsen sind), die unweigerlich dazu führten, dass weiße Deutsche per se privilegiert seien.

Das ist die betreffende Stelle, indem dem/der LeserIn erklärt wird, warum sie nicht kein RassistIn sein könne.

Und nun sei es eben so, dass Rassismus genau da anfange, wo sie ihre Privilegien nicht reflektierten und eingestünden. Sie sagt damit also (sinngemäß): Sie sind deutsch und sagen „ich bin kein Rassist“? – ha! – das ist der Beweis, dass Sie einer sind und sein müssen, denn hätten Sie ihre Privilegien reflektiert, dann wüssten Sie es ja besser.

Generalverdacht statt Respekt

Nein, Noah Sow kennt mich nicht. Ich bin weiß, aber Diskriminierungserfahrungen aufgrund meiner Herkunft habe ich auch gemacht, in meiner Kindheit. Ja, sorry: Ich denke immer noch, dass ich keine Rassistin bin. Da muss ich an das Vorwort denken, wo Sow mir schon ankündigte „auf den folgenden Seiten aber hin und wieder auch ganz schön hart angefasst“ zu werden. „Nehmen Sie’s als Erfahrung“, heißt es dazu nur. Alles klar. Erfahrung gemacht, auf Seite 63.

Ich fühlte mich dennoch nicht wohl. Ich wollte lernen und wurde wegen meiner Hautfarbe unter einen Generalverdacht gestellt. Dabei habe ich als Pädagogin eigentlich das Gegenteil verinnerlicht: Die wirklich guten LehrerInnen respektieren ihre SchülerInnen – das ist doch die Grundvoraussetzung für Lernen und eine gelungene Bildungsbeziehung!

Ich habe dennoch weitergelesen und es fast nicht bereut. Denn ich habe viel Neues gelernt oder vertieft, das bislang eher „gefühltes Wissen“ war. Zum Beispiel, dass es wissenschaftlich gesehen nicht korrekt ist, bei Menschen von „Rassen“ zu sprechen. Darauf folgt ein knapper, aber gehaltvoller Abriss der Kolonialgeschichte Deutschlands. Hier wird gezeigt, wie unglaublich demütigend und arrogant sich deutsche Wissenschaftler, Medien und Politiker gegenüber Schwarzen zwischen 1890 und 1945 verhalten haben. Viele Zitate, Bilder, Skulpturen aus der Zeit und „Forschungsarbeiten“ lassen einen erschauern. Darauf folgt eine Betrachtung zeitgenössischen Alltagsrassismus, sowie eine Stichprobenahme des Rassismus in den deutschen Massenmedien. Am besten gefallen hat mir neben dem anschaulichen Einstieg, der konkrete Zwölf-Punkte-Plan am Ende des Buches. Hier geht um konkrete Taten, die dazu beitragen können, den Rassismus abzubauen.

Dieser Definition von Rassismus (ein paar Seiten weiter) schließe ich mich vollumfänglich an.

Ein Bärendienst

Das Buch hat das Aufklärungs-Versprechen also wirklich eingelöst. Es könnte sehr stark sein, sollte mehr rezipiert werden. Noah Sow allerdings erweist ihrem Anliegen mit dem Kapitel zum „Weißsein“ einen Bärendienst. Ein Kapitel, das in ihrer aktuellen antirassistischen Arbeit offenbar noch mehr Platz einzunehmen begonnen hat, als im Buch. Ein Kapitel, das derzeit viele Diskussionen auslöst und die antirassistische Szene auf eine Art spaltet, wie es zuletzt der Israel-Palästina-Konflikt vermochte.

Das lässt viele ratlos zurück. Doch in dieser Ratlosigkeit wollen wir nicht verharren! In der kommenden Kolumne werde ich Lena Goreliks Ansichten auf das pluralistische Deutschland besprechen und damit einen Ansatz, dem es darum geht, eine Vision zu entwerfen. Wir leben längst in einer multi-ethnischen Gesellschaft, ist ihre Analyse. „Wir müssen nur dahin kommen, es als Stärke zu begreifen und davon zu profitieren.“

(Der Spruch „du sollst deine Schüler nicht beschämen“ gilt als die Grundregel der LehrerInnen in Finnland)

(Dieser Text erschien zuerst als Kolumne auf freitag.de)

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