Aktivismus zwischen Burnout und Selbstzerfleischung

Florenz_2013Kurz und knapp: ich habe vor über einer Woche den Vortrag von Teresa Bücker auf der re:publica 2014 auf youtube geschaut und finde, das solltet ihr auch tun. Sie erklärt einige wichtige Dinge in Zusammenhang mit Aktivismus im Netz und welche Schwierigkeiten und Probleme er mit sich bringt.

Der Text von Susanne, den sie als Reaktion darauf schrieb, bringt sehr vieles zum Ausdruck, was auch in Bezug auf die Thematik empfinde. 

Man kann die Sache auch noch weiterspinnen, weitere Fragen aufwerfen: Das ist etwa die Frage nach der Macht, die durch Ausschlüsse erzeugt wird; das ist die Frage nach der Wirkung von Aktionen; und die Frage nach der Debattenkultur: Darf man gar nicht mehr kritisieren? Oder ist es vielleicht okay, die Mittel zu kritisieren, wenngleich man das gleiche Ziel verfolgt? Welche Kritik ist überhaupt legitim, wenn man doch vermeintlich auf der „gleichen Seite“ steht? Was bedeutet es, wenn Leute vor allem ad hominem kritisieren?

Fragen über Fragen und deswegen empfehle ich ergänzend zu Tessas sehr gutem Vortrag außerdem den Podcast Alternativlos 31  in dem Linus, Frank und Fefe wie ich finde treffend diese und andere verschiedene Aspekte beleuchten – gerade die zweite Hälfte, die ich nun heute auch endlich mal fertig gehört habe, ist sehr wohltuend. Weil die nötigen Unterscheidungen getroffen werden (auch großes Thema im aktuellen Erscheinungsraum, dass Unterscheiden sehr wichtig und hilfreich sein kann) und die aktuellen Entwicklungen gerade im Netz systematisch untersucht werden.

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2014 ist das Jahr der Bloggerin

Das Webmagazin Die Featurette ernennt 2014 zum Jahr der Bloggerin. Vom 6. Januar bis zum 31. Dezember werden auf www.featurette.de tolle deutschsprachige Netzautorinnen vorgestellt. Bisher schreiben in der Featurette gut 40 Autorinnen, im Laufe von 2014 sollen es über 50 werden. Im Jahr der Bloggerin bekommen unsere Bloggerinnen eine weitere Bühne: Jede Woche wird eine von ihnen, ihre Texte und ihr Blog kurz vorgestellt.

Die Autorinnen der Featurette schreiben über Politik, Wirtschaft, Alltag, Stilfragen, Umweltthemen, Alltagsbeobachtungen oder übers Selbermachen. Zusammen entsteht aus ihren Texten jeden Tag ein neues Webmagazin. Dieses Magazin soll Frauen im Netz sichtbarer machen, es will gute Webinhalte stärker herausstreichen, damit jede und jeder mehr als nur die Alphablogs des Internets kennen lernen kann – vor allem auch tolle Seiten von Bloggerinnen zu einer großen Themenbreite. Das Webmagazin Featurette will Überraschendes bieten, Denkanstöße geben, vorsortieren, gewichten. Jede Woche stellen wir eine Bloggerin und ihr Blog ausführlicher vor. Den Anfang macht Ninia LaGrande, eine Bloggerin aus der Großstadt, die über Großstadtgeschichten, Feminismus, Kunst, Musik und vieles mehr bloggt – hier stellt sich Ninia selbst vor:
http://www.youtube.com/watch?v=XNwLYpdIvs8

Klar ist: Im Netz wird unendlich viel geredet und geschrieben, so dass viele gute Texte schnell mal untergehen. Wer viele Leserinnen oder Follower hat, gewinnt auch stetig neue hinzu, doch wer in einer „Nische“ schreibt, bleibt oft unentdeckt. Die Idee der Featurette ist es, immer wieder neue Perlen zu finden.

Die Featurette wird von Frau Lila herausgegeben, das sind Susanne Klingner,  Barbara Streidl (Co-Autorinnen des feministischen Manifests „Wir Alphamädchen“ und Mitgründerinnen des Weblogs maedchenmannschaft.net) und ich. Frau Lila ist eine feministische Initiative, unter deren Dach wir feministisch publizieren, Aktionen initiieren, Bündnisse schmieden, Veranstaltungen planen. Wir wollen Frauen ermutigen, sich zu Wort zu melden, politisch zu handeln, sich zu vernetzen, für ihre Rechte und Stimmen zu kämpfen. Und wir halten Emanzipation auch heute noch für aktuell und für notwendig.

Die Bloggerin der Woche findet ihr im Featurette Blog. Und nun: Entdecken, lesen, diskutieren – und bei Fragen stehen die drei Frau Lilas gern Rede und Antwort.

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Learning from Podcast-Mistakes Part 2

Gestern schrieb ich auf, wie ich versucht hatte, meinen Podcast Erscheinungsraum zu retten. Daraufhin bekam ich auf App.net ne Menge Feedback, aber auch hier im Blog. Vielen Dank schon einmal dafür!

Georg von Auphonic hatte sich hier im Blog gemeldet und ich habe ihm die unbearbeitete Audio-Datei daraufhin auch verlinkt. Großartiger Weise hat er sich tatsächlich die Mühe gemacht, dieses Katastrophe zu bearbeiten und sie klingt nun schon tausend Mal besser!

Das Intro dazu gepackt und heraus gekommen ist eine sehr viel hörbare und angenehmere Version des Podcasts.

Georgs Punkt war, dass er meinte bei der Noise Reduction in Audacity seien Artefakte in den Stimmen entstanden. Deswegen hätte er nicht so viel Rausch entfernt, denn der Rausch – äh, das Rauschen ;) – das sei zum Hören wesentlich angenehmer, als die Artefakte in den Stimmen. Und ja, er hat Recht (klar, er ist ja auch der Profi!). Deswegen ist auch vieles aus meinem gestrigen Post Quatsch gewesen – denn in der Tat hat Georg das Audio nur durch Auphonic laufen lassen und mehr nicht!

Ich nehme also alles zurück und behaupte das Gegenteil: Auphonic rules!

Leider ist mir so nun entgangen, was der Ralf Stockmann von den Wikigeeks mit der Datei gemacht hätte. Er sagt, es hätte eine sehr viel schnellere Möglichkeit gegeben, sie zu retten, und zwar mit einem Programm namens Levelator. Wie Levelator arbeitet, wird in diesem Youtube-Video erklärt:

 

Außerdem hat Ralf einen eigenen Screencast namens Ultraschall angefangen, den ihr unbedingt verfolgen solltet, er war schon super fleißig, es finden sich schon ganze vier Folgen und ich habe bereits sehr viel neues dabei gelernt:

Ihr seht, dass hier gerade eine sehr tolle gegenseitige Hilfe am Start ist – ich selbst bin immer noch ein kleines bisschen überwältigt und mich macht das glücklich!

Ach ja – kommt alle auf App.net, dort sind sie nämlich alle, diese hilfsbereiten Menschen und wenn ihr noch nicht wisst, warum ihr da hinwollt: Das habe ich letzte Woche für die FAZ aufgeschrieben. Und dort findet ihr auch einen Invite-Link, App.net ist nämlich Bezahlinternet und der Invite-Link führt zu einem kostenlosen Account (der auch ein paar Einschränkungen hat, aber die tun erst einmal so wenig weh, dass es sich lohnt, vorbeizuschauen).

 

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Bist du ein Sklave des Systems?

Was bedingt, was trägt und was macht man mit: Verschwörungstheorien?

US-amerikanische und deutsche Flugzeuge pusten mit den Abgasen Aluminiumoxid in die Atmosphäre, um die Folgen des Klimawandels zu mildern bzw. das Ozonloch zu „Stopfen“. Erst kürzlich hat man entdeckt, dass es in der Atmosphäre bislang unbekannte Bakterien gibt, die nun durch dieses Aluminiumoxid zerstört werden. In Wahrheit aber zerstören sie den Himmel.

Diese Theorie wird in einem ausführlichen Artikel der Zeitschrift Raum und Zeit weiter beleuchtet: Einige Hunderttausende Menschen hätten schon beobachten können, wie mehrere Flugzeuge in der Luft Kreuz und Quer geflogen seien und einen Teppich aus Gasen gebildet hätten. Das Sonnenlicht breche sich in diesen Teppichen anders, was auf das Aluminiomoxid im Abgas zurückgeführt wird. Nach wenigen Minuten bräche die Lufttemperatur um bis zu 7 Grad ein, die Luftfeuchtigkeit sinke um 30%, eine einsetzende Kälte und Feuchtigkeit würden noch Tage anhalten.

Diese Methode sei beim Us-amerikanischen Patentamt als “ Welsbach-Anreicherung ” bekannt. Ziel sei es, mit Hilfe der sogenannten „Welsbach-Partikel in der Stratosphäre“ den Klimawandel aufzuhalten. Die „Welsbach-Anreicherung“ sei billiger, als die Einhaltung des Kyoto-Protokolls. Die US-Air-Force versuche zudem, mit dieser und anderen Methoden das weltweite Wetter bis 2025 beliebig zu manipulieren und dies militärisch zu nutzen. Die Autorin spekuliert, ob die Methode schon im Kosovo-Krieg angewandt worden sei, denn „im Frühjahr 1999 herrschten über Serbien wochenlang außergewöhnliche Wetterbedingungen“.

CC-By 2.0 von art_es_anna via Flickr.com

Diese Theorie ist kompletter Blödsinn, doch viele Menschen sind weltweit davon überzeugt und basteln weiter und immer weiter daran, sie zu „sichern“, gegen mögliche Gegenargumente zu immunisieren und jegliche Kritik daran als neuerlichen Beweis für ihre Aufdeckung zu verdrehen. Chemtrails sind eine Verschwörungstheorie. Das sagt sogar Greenpeace.

Jeder Zweifel bestärkt die Gläubigen

Ein klassisches Muster bei Verschwörungstheorien ist die Feststellung, wer der Theorie nicht anhänge, sei vermutlich entweder a) schon zu sehr manipuliert oder b) selbst ein Teil der Verschwörung, Nutznießer_in – Profiteur_in.

Ein zweites, nahezu allen Verschwörungstheorien zugrundeliegendes Element ist die übergeordnete Annahme, meistens in Form der Konstruktion von „die Mächtigen“ und „die Regierung“, denen man nicht trauen könne, die korrupt seien. THEM. In aller Regel wollen „die da Oben“ eine „neue Weltordnung“ und haben sehr ausgefeilte Pläne, die nur darauf abzielten, die Mehrheit der Menschen zu unterdrücken. Armin Tsunami ist ein bekannter und verehrter Rapper. Er thematisiert sehr viele Widersprüche und spricht die Ängste vieler aus:

[youtube http://www.youtube.com/watch?v=MKWg4esLLeo]

Unter dem Video steht:

Wacht auf!
Unser Staat ist nicht souverän!
Die EU führt die Todesstrafe wieder ein!
Zensur ist Alltag!
Chemtrails verpesten unsere Luft!
Die BRD ist eine GmbH!

Bist du ein Sklave des Systems?

Nichts hat Verschwörungstheorien so geholfen, wie das Internet. Dabei ist zu beobachten, dass an ihrer Entstehung und Vertiefung oft eine soziale Gruppe beteiligt ist, die sich genau dort finden konnte: Im Netz. Verschiedene Akteur_innen feilen hier immer weiter an einer Verfeinerung und es werden mehr und mehr Details ausgeschmückt. Irgendwann ist überall ein Muster.

Interessant ist die Frage: Warum wollen Menschen an Verschwörungstheorien glauben? Was ist die Motivation? Michael Wood hat in Beliefs in Contradictory Conspiracy Theories das Phänomen Verschwörungstheorie untersucht. Interessant war dabei, dass als Ergebnis klar gezeigt wurde, dass Menschen sogar an mehrere Verschwörungstheorien glauben konnten und wollten, selbst wenn diese einander widersprachen. Er erklärt:

This finding supports our contention that themonological nature of conspiracism (Goertzel, 1994; Swami et al., 2010; Swami et al., 2011) isdriven not by conspiracy theories directly supporting one another, but by the coherence of eachtheory with higher-order beliefs that support the idea of conspiracy in general.

Im Zentrum stehen also nicht die genauen Details der Verschwörungstheorie und auch nicht, ob sie in sich Widerspruchsfrei ist oder logisch – im Zentrum stehen THEM.

Im Interview mit der Standard führt Wood weiter aus, warum Menschen sich so scheinbar irrational verhalten:

Jemand ist eher versucht, an Verschwörungstheorien festzuhalten, wenn er das Gefühlt hat, keine Kontrolle mehr über sein Leben zu haben. Keine Kontrolle zu haben bedeutet in diesem Zusammenhang, dass jemand das Gefühl hat, Dinge würden willkürlich geschehen, und er sich als Opfer dieser Vorgänge fühlt. Als Ausweg macht man sich auf die Suche nach einer Struktur, einer Erklärung, warum Dinge passieren. Eine Verschwörungstheorie kann auf diesem Weg beruhigend wirken.

Ermächtigung und Triumph

Menschen, die sich häufig machtlos fühlen, glauben leichter an Verschwörungen und böse Absichten, als Menschen, die eine Wirkmächtigkeit spüren. Die Verschwörungstheorie kann eine Ermächtigung bedeuten, ja richtige Triumph-Gefühle auslösen: Schließlich sieht man die Dinge viel klarer, als die meisten anderen Menschen. Das Höhlengleichnis von Platon ist schnell bei der Hand – die Erkenner_innen sind erleuchtet und auf dem richtigeren Pfad.

Die Machtlosigkeit ist der Schlüssel zur Erklärung, denn psychologisch gesehen dürfte damit ein höheres Verlangen einhergehen, Sicherheit und Strukturen zu schaffen. Machtlose erkennen Muster, wo es keine gibt – auch das konnte in Studien gezeigt werden.

Ich vermute, dass die Art und Ausgefeiltheit der Verschwörungstheorie eng mit dem Bereich zusammenhängt, in dem ihr_e Urheber_in starke Machtlosigkeit zu spüren bekommen hat. Oft tauchen sie in genau den Bereichen besonders wirkmächtig auf, wo Machtlosigkeit von vielen Menschen geteilt wird. Ein Beispiel hierfür ist die Theorie, dass die Krankheit AIDS von THEM in die Welt gesetzt wurde, um Schwarze und Schwule auszurotten – denn diese seien stigmatisiert und sie waren als erste davon betroffen. Diese Theorie hat alles, was es braucht, um die Welt zu umrunden: Sex, Stigmatisierung, Zweifel und Ängste vor neuen Wissenschaften, THEM.

Verschwörungstheorien sind lustig

Sie nerven. Sie binden sehr viel Energie, spalten Menschen und drängen hart arbeitende Wissenschaftler_innen in eine Rechtfertigungsposition. Michael Wood glaubt nicht, dass man irgend etwas dagegen tun kann, dass sie entstehen. Und nicht jede Verschwörungstheorie ist falsch – manche, zum Beispiel die Watergate-Affäre – stellen sich als richtig heraus. Das ist aber selten. Manche Dinge werden hingegen wohl nie geklärt, wie etwa der mysteriöse Tod des Hackers Tron, dem ich selbst schon auf die Spur zu kommen versucht habe.

Im Großen und Ganzen ist vor allem ein humorvoller Umgang mit ihnen zu empfehlen. Verschwörungstheorien sind ein Teil der Alltagskultur. Sie sind unterhaltsam und ziemlich lustig.

[youtube http://www.youtube.com/watch?v=hG4O6Sh1vRg]

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Applaus für: Brigitte!

Das ist sie: Die Siegerin des Otto Modelcontests! Aber von vorn: Otto startete über Facebook einen Modelcontest, bei dem UserInnen ihre Fotos hochladen und über den Like-Button von anderen Usern gewählt werden konnten. Über 50.000 UserInnen luden daraufhin ihr Bild hoch und stellten sich zur Wahl. Gestern wurden die GewinnerInnen gekührt. Die Siegerin seht ihr […]

Das ist sie: Die Siegerin des Otto Modelcontests!

Aber von vorn:
Otto startete über Facebook einen Modelcontest, bei dem UserInnen ihre Fotos hochladen und über den Like-Button von anderen Usern gewählt werden konnten. Über 50.000 UserInnen luden daraufhin ihr Bild hoch und stellten sich zur Wahl.
Gestern wurden die GewinnerInnen gekührt. Die Siegerin seht ihr oben strahlen.

Applaus für Brigitte und für die Facebookler, die sich mit ihrer Wahl für Brigitte eingesetzt haben.

Bleibt nur eine Frage: Wird Otto den Mut haben, Brigitte für seinen neuen Katalog abzulichten, wie es der GewinnerIn versprochen wurde? Wir plädieren für ein klares: JA KLAR! – allein schon, um solchen unleidlichen ZeitgenossInnen das Handwerk zu legen, die auf Facebook kommentierten: “häng dich auf schwuchtel fuck alter -.-” – und das auch noch mit Klarnamen.

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Frauen mit Bart – Selbstinszenierung und Ironisierung im Web 2.0

“Flickernde Jugend”: Was Jungen und Mädchen mit ihren durchschnittlich 13 Stunden pro Woche im Internet für eine Bilderwelt erzeugen, wurde nun erstmals wissenschaftlich untersucht. Heutige Jugendliche sind mit dem Internet aufgewachsen. Sie gehen anders damit um, als die heute 30-Jährigen oder ältere Generationen. Manchmal ist ihr Umgang damit für uns schwer verständlich, manchmal fast verstörend: […]

“Flickernde Jugend”: Was Jungen und Mädchen mit ihren durchschnittlich 13 Stunden pro Woche im Internet für eine Bilderwelt erzeugen, wurde nun erstmals wissenschaftlich untersucht.

Bild: Libri.deHeutige Jugendliche sind mit dem Internet aufgewachsen. Sie gehen anders damit um, als die heute 30-Jährigen oder ältere Generationen. Manchmal ist ihr Umgang damit für uns schwer verständlich, manchmal fast verstörend: Wenn Jugendliche in der U-Bahn auf einen Menschen einschlagen und davon triumphierend ein Handy-Video machen, das sie bei Youtube einstellen, erschüttert uns das. Vielleicht kommt es uns auch so vor, als würden die jungen Frauen heute nur noch sexuell aufgeladene Profilbilder von sich ins Internet stellen? Prügelnde Jungen, sexy Playboy-Häschen – Welche Rolle spielen Geschlechterrollen in den Bildern der Jugendlichen? Was machen die da eigentlich die ganze Zeit, wenn sie – wie Studien ergeben – im Durchschnitt 13 Stunden pro Woche im Internet sind? „Flickernde Jugend – rauschende Bilder. Netzkulturen im Web 2.0“ heißt eine frisch herausgegebene Untersuchung über das Verhalten von Jugendlichen in den typischen Online-Bild-Plattformen wie Flickr und Youtube. Birgit Richard, Professorin für Neue Medien am Institut für Kunstpädagogik der Universität Frankfurt, hat mit ihrem Team die Plattformen besucht und akribisch durchstöbert. Sie legen erstmals eine Studie vor, die nachzeichnet, was Jugendliche im Netz mit Selbst- und Fremdbildern inszenieren.

Das zentrale Ergebnis der Untersuchung ist, dass ein großer Teil der Jugendlichen, die sich über bewegte und unbewegte Bilder im Netz zeigen, sich an sogenannten Stars orientiert. Ihre Posen, ihre Mimik, ihre Maskerade – all das gilt als Schablone für Jugendliche, wenn sie zum Beispiel ein Profilbild von sich bei Facebook oder ein Selbstporträt bei Flickr einstellen. Anders gesagt: die Pose ist für heutige Jugendliche größtenteils so selbstverständlich, wie Händeschütteln. “Wesentlicher Bestandteil der digitalen Jugendkultur ist die körperbetonte sinnliche Selbstdarstellung” schreiben Richard und ihr Team. Die Visitenkarte des “Ich” im Netz wird in einem aktiven Prozess gestaltet. Noch Interessanter wird die Untersuchung an dieser Stelle, wenn sie auf die Unterschiede bei Jungen und Mädchen eingeht.

Men act – Women appear
“Men act – Women appear” heißt ein Leitsatz von John Berger, der die Repräsentation von Gender in Bildern oder im öffentlichen Leben auf einen Nenner zu bringen versucht. Die WissenschaftlerInnen scheinen diesen Leitsatz in der “flickernden. Jugend” wieder zu finden: Weibliche User ironisieren zum Beispiel mittels gespielter Weiblichkeit und Niedlichkeit, wie zum Beispiel ein unschuldig-schief gelegtes Köpfchen, die geltende Norm von Weiblichkeit. Damit seien Frauen, so die These, in der Lage, Stereotype gezielt zu unterwandern und zu brechen. Männern hingegen sei das verwehrt. Sie träten nicht um der bloßen Erscheinung wegen auf eine Bildfläche, sondern um einer Tätigkeit Willen. Wenn sich also eine sehr große Zahl von Frauen als “kleines Mädchen” inszeniert, so wird hier ein spielerischer, stereotypbrechender Umgang mit dem Selbstbild angenommen. Wenn Männer sich als “starke Männer” inszenieren, gibt es keine subversiven Momente in ihrer Darstellung. Vielleicht liegt es daran, dass junge Männer häufiger gesichtslos bleiben, als junge Frauen?

Beide Geschlechter, so betonen die WissenschaftlerInnen, halten sich gleichermaßen weitestgehend an die Geschlechterordnung der westlichen Gesellschaft. Frauenkörper sind dabei in besonderem Maße dem Qualitätsurteil der Obenflächenmakellosigkeit unterzogen, was sich in Zeiten von Photoshop allerdings mit Links realisieren lässt. Wollen Männer die engen Vorgaben dieser Norm einhalten, so scheint es Common sense zu sein, dass dies vor allem durch muskulöse Oberkörper einzulösen sei. Frauen hingegen erreichen die Norm, wenn sie durch geschicktes Posen ihre Brüste und ihren Po gut zur Geltung bringen können. Sexyness, so die Quintessenz, ist inhärenter Bestandteil einer als erstrebenswert angesehenen Selbstdarstellung bei Flickr. Egoshots bei flickr geben ein buntes Bild jugendlicher Selbstdarstellung wieder: vom “Indie-Boy” bis zum “Macho” sind viele Facetten der Männlichkeit möglich. Beide aber, so resümieren die AutorInnen, sind ernst gemeint, kaum subversiv. Weiblichkeiten reichen von “niedliche Grazie in einer Heilen Welt” zur bewusst “hässlichen”, Grimassen schneidenden “Anti-Heldin”, die alles ändere als weiblich aussieht, wenn sie gerade eine Kotz-Pose einnimmt. Beide aber sind wenig ernst gemeint.

Frauen mit Bart
Eine besondere, und besonders häufig vertretene Form des Brechens mit stereotyper Weiblichkeit, ist die Frau mit Bart. Die Untersuchung dieses Phänomens nimmt immerhin ein ganzes Kapitel bei Richard und ihrem Team ein. Die Intentionen der Abweichung qua Bart sind vielfältig: bewusster Bruch mit Klischeeweiblichkeit, Parodie von Männlichkeit, echte Mannwerdungsabsichten oder einfach nur Nonsense in Ballermann-Manier – die Frau mit Bart kann viele Motive haben. Eine weitere Dimension der Abweichung ist die aggressive Frau: beispielsweise die sexuell aggressiv auftretende Lady Bitch Ray. Sie provoziert gezielt und erfolgreich eine Abwehrreaktion in den eingespielten Auseinandersetzungen zwischen Männlichkeit, Weiblichkeit und Herrschaftsverhältnissen zwischen beiden. Sowohl eingefleischte Feministinnen, wie auch konservative Männer reagieren alarmiert – was genau die Intention der Protagonistin sein dürfte. Abweichendes Verhalten und dann auch noch derart sexuell aufgeladen – nicht erst im Web 2.0 eine Form des Protests, bereits die Schwulenbewegung wusste, wie man damit einen Protest erfolgreich sichtbar machen und aufheizen kann.

Zusammenfassend kann also festgehalten werden: neben einer Mehrheit, die sich affirmativ an den Rollenbildern von Stars und Ikonen der Moderne orientiert und sie als Vorbilder für die eigene Selbstinszenierung heranzieht, formiert sich eine Bewegung der “Abweicher”, die mit Stereotypen bricht. Frauen inszenieren dieses Abweichen jedoch deutlich häufiger und radikaler, als es Männer bislang tun.

Ein ganzes Kapitel der Untersuchung ist der Betachtung der Phänomene Cyber-Mobbing, Happy Slapping und demütigenden Bildern. Die Ergebnisse sind recht unspektakulär: Während gerade die Medien sowie die Politik diese Phänomene gerne aufbauscht, um eine gewaltbereite, asoziale und unmoralische Jugend zu inszenieren, so kann davon ausgegangen werden, dass sie nichts anderes als eine Art “logische Fortsetzung” von sozialem Verhalten bei Konflikten und Wut, eine nun eben ver-Web-2.0te Form der Rache sind, wie es sie schon immer in und zwischen Peer Groups gab. Öffentliche Demütigung gehörte immer schon dazu – nur war sie nie so öffentlich möglich, wie jetzt. Das ist problematisch, denn sind Bilder einmal im Netz, ist ihre Halbwertszeit nicht zu unterschätzen. Doch eine gewalttätigere, unmoralischere Jugend als früher gibt es nicht. Sie hat jetzt nur andere Mittel, wenn sie Rache übt. Was die AutorInnen jedoch als sehr wohl problematisch empfinden, sind die unterschiedlichen Botschaften, die von Öffentlichkeit und Politik an Jungen und Mädchen gesendet werden.

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Sexismus im Netz – ein ganz alltäglicher Kampf

Müssen wir wirklich immer noch über Sexismus im Netz reden? Gibt es dazu noch viel Neues zu sagen? Diese Frage stellte ich mir, als ich für einen Workshop zu genau diesem Thema angefragt wurde, den ich im Rahmen des Netzpolitischen Kongresses der Grünen am 13.11.2010 zusammen mit Monika Lazar und Leena Simon gestalten soll. Also […]

Müssen wir wirklich immer noch über Sexismus im Netz reden? Gibt es dazu noch viel Neues zu sagen?
Diese Frage stellte ich mir, als ich für einen Workshop zu genau diesem Thema angefragt wurde, den ich im Rahmen des Netzpolitischen Kongresses der Grünen am 13.11.2010 zusammen mit Monika Lazar und Leena Simon gestalten soll.
Also habe ich mich hingesetzt, um zunächst noch einmal eine Definition von Sexismus herauszuarbeiten, anhand derer man sich Orientierung im überquellenden Angebot des WWW verschaffen kann. Was ist denn Sexismus? Gibt es mehrere Auslegungen, was das sein soll?
Die gibt es durchaus! Der einfachheit halber verwende ich die recht aktuelle Definition der Universität Bielefeld, die in ihrer Studie “Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit” auch Sexismus untersuchte:

“Sexismus betont die Unterschiede zwischen den Geschlechtern im Sinne einer Demonstration der Überlegenheit des Mannes und fixierter Rollenzuweisungen an Frauen. Sexismus ist ein Sonderfall, weil es hierbei nicht, wie bei den anderen Gruppen, um die Ungleichwertigkeit einer zahlenmäßigen Minderheit, sondern einer Mehrheit der Bevölkerung geht.”

Davon ausgehend suchte ich den Sexismus im Netz.
Womit sucht man Dinge im Netz? – Genau, mit Google! Die Ergebnisse der Sucherergebnisse für “Frauen” und “Männer” sind erschreckend unterschiedlich und verdeutlichen in einer sehr ernüchternden Art und Weise die Alltäglichkeit und Normalität von Sexismus im WWW. Frauen werden dabei vor allem als Sexobjekte “gefunden”. Oder als Idioten, die man in Videos und Witzen verballhornen kann (Stichwort “Frau am Steuer”). Die Suche ergab auch zwei Frauen-Portale, die sich beide an den Stereotypen abarbeiten, die als typisch weibliche Interessen gelten: Liebe, Kochen, Kinder, Diäten und Abnehmen, Dekoration der Wohnung und Schminktipps.
Die Suche bei Youtube mit dem Suchwort “Frauen” endet ähnlich traurig. Gerade, wenn ich die Sucherergebnisse für Männer vergleichend daneben halte, die doch wesentlich positiver und vor allem nicht so sexualisiert ausfallen.

Eine zweite Quelle für Sexismus im Netz sind die knapp 1.600 Kommentare hier im Blog, die nicht freigeschaltet wurden, die wir aber “sammeln”. Ich schätze etwa 70 Prozent von ihnen als unter der obigen Definition betrachtet sexistisch ein. Anna hat darüber ja schon einmal geschrieben.

Was also tun gegen den Sexismus im Netz, der so alltäglich geworden ist, dass eine einfache google-Suche ihn sofort sichtbar machen kann? Wie umgehen mit offenem Sexismus als Reaktion auf Frauen, die sich trauen, Missstände anzuprangern? Wie post-gender ist denn das Netz? Und was passiert, wenn feministische Positionen gepostet werden? Wer kommt eigentlich zu Netzkongressen? Und wer liest überhaupt Blogs von Frauen? Wie sind die Potenziale des Netzes zur Herstellung einer feministischen Öffentlichkeit?

Das alles würde ich gerne mit Monika, Leena und euch diskutieren.
Und für alle, die nicht kommen können, steht hier die Kommentarfunktion zur Verfügung!
Sagt mir eure Meinung.

Veranstaltungs-Infos:
Der Netzpolitische Kongress der Grünen im Bundestag:
Workshop im Netzpolitischen Labor II, 13.11., 15.15—16.45 Uhr, Paul-Löbe-Haus
Alles eine Frage der Macht: Sexismus im Netz
Mit Monika Lazar MdB, Sprecherin für Frauenpolitik
Leena Simon, FoeBuD e.V.
Katrin Rönicke, Journalistin

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