Ich diskriminiere Eltern, weil die Gesellschaft mich diskriminiert

Dieser Artikel enthält neue Ergänzungen

Disclaimer
Sorry. Aber es muss raus. Alle, die es nicht mehr ertragen können, wie ich mich angeblich an Nadine Lantzsch abarbeite (ein Vorwurf, der mir gemacht wurde, den ich nachvollziehen kann, aber den ich nachher nochmal kurz zurückweisen möchte) lesen bitte einfach nicht weiter.

Alle anderen seien willkommen. Ich möchte auch – wenngleich ich mich sehr ärgere, weil ich bei dem Thema eine Betroffenheit verspüre – versuchen mich strikt an die Inhalte zu halten (was ich IMHO auch in der Vergangenheit getan habe, aber für Gegenbeweise bin ich sehr offen, denn auch ich möchte an mir weiter arbeiten. Und mir ist einfach der Diskurs wichtig! deswegen schreibe ich ja auch wieder. Achso – das war eigentlich auch schon das Zuückweisen der Kritik. Ich schreibe solche Texte hier nicht, weil ich was gegen die Person Nadine Lantzsch habe, sondern weil ich das Gefühl habe, dass man ihren Inhalten etwas entgegen setzen muss. Ich schreibe oft dann nicht, wenn andere das eh tun. Aber oftmals sagt halt niemand was – also kann ich nicht anders).

Berichte vom Gendercamp

Ich las in verschiedenen Blogs Berichte vom Gendercamp. Weil ich selbst nicht dort war, aber aus netzfeministischen Gründen durchaus Interesse daran habe, nahm ich mir dafür sogar verhältnismäßig viel Zeit, um ein einigermaßen rundes Bild von den Eindrücken zu bekommen. Angefangen habe ich bei Suzanna, die den Dominanz-Vorwurf problematisiert hat (sehr empfehlenswert! ein für mich ziemlich wichtiger Beitrag zu einer Debatte, die mich auch zerknirscht macht. aber off topic hier). Mehrere Leute verlinkten in ihren Posts auf Medienelite. Also sortierte ich das als “wichtig” ein und landete dann doch dort (denn ja: ich versuche, dem Vorwurf aus dem Weg zu gehen, ich würde mit “Allianzen” und “Methoden” böses gegen sie tun… das kann ich aber nur, indem ich es nicht lese… was gut funktioniert – vermutlich für beide Seiten netter so).

Der Text war zuerst auch für mich recht unproblematisch. Die Autorin fühlte sich auf dem Gendercamp weitestgehend wohl. Das ist doch gut. Denn die meisten anderen auch. Wie ich aber auch anderswo schon las, scheinen die Kinder dort eine wahnsinnige Irritation gewesen zu sein. Aus der Ferne scheint es, als seien ganz schön viele völlig menschliche Verhaltensweisen dramatisiert und dann stigmatisiert worden. Nicht jedeR mag Kinder, nicht jedeR kann mit Kindern. Und wenn ein Mann sich etwas zurückhaltend verhält, wenn es an die Aufteilung der Betreuung geht, weil er keinerlei Erfahrung und in dem Bereich wenig Selbstvertrauen hat (zumindest weniger, als in anderen Bereichen), dann ist es IMHO recht unwirsch, diesem dann Kackscheiße-Verhalten an den Kopf zu knallen. Wie war das mit der Dominanz? Vielleicht gibt es irgendwo auch einen Punkt, an dem die Problematisierung von allem und jedem Verhalten so dominant wird, dass es ausgrenzend wird. (Eine These, die ich an die These knüpfen möchte, dass eine inhaltliche Debatte in der Kategorie der Moral zwangsläufig dazu führt, dass mindestens ein Teil der Debatte beendet wird).

Bei Medienelite aber stand mir dann doch der Mund offen. Es beginnt damit, dass konstatiert wird es solle

für alle(!) nachvollziehbar sein, wenn Menschen sich mit Kindern unwohl fühlen, und zwar, weil ihnen der Elternstatus, das Recht auf Familie abgesprochen wird oder schlicht körperlich nicht in der Lage sind/sein dürfen, Kinder zu bekommen oder zu erziehen/zu betreuen.

So weit, so nachvollziehbar. Es folgt eine kurze Erklärung, warum die Autorin selbst Betroffene ist und wie das System es ihr als Lesbe – und vielen anderen – erschwert, Kinder zu haben. Dann wird es aggressiver:

Mich nervt es, wenn Menschen mit Kindern sich als HeteroKleinfamilie inszenieren müssen vor anderen. Die eigene Performance darf im Zusammenhang mit Privilegien als (körperlich) unversehrter CisMensch und in einer heterosexuellen, monogamen Beziehung lebend ruhig überdacht werden.

Das ist eine Darstellung, die sowohl gegenüber den Adressierten, als gegenüber den Lesenden zutiefst unfair ist. Denn hier wird ein Urteil gefällt, ohne dass Beweise geliefert werden. Was genau ist eigentlich diese “Inszenierung”? Ich kann mir darunter absolut gar nichts vorstellen? Wie machen Menschen das – und noch viel wichtiger: Was genau stellt sich die Autorin vor, wie sich zwei sich liebende Menschen mit einem Kind zu verhalten haben, wenn sie mit diesem unterwegs sind? Wohin soll diese Kritik genau laufen?

Dann von jenen noch unterstellt zu bekommen, eine selbst sei kinderfeindlich, das Thema Kinder sei tabuisiert oder die Anwesenheit von Kindern werde von denen ohne Kinder als heterosexistisch interpretiert, da war für mich echt Ende im Gelände. Hier zeigte sich ganz offensichtlich die wenig queer-sensible bzw. heteronormative Struktur des Camps und ja, diese Vorwürfe und Umkehrungen sind nichts anderes als heterosexistische und transphobe Kackscheiße und ja, sie sind diskriminierend. Dieses Camp ist kein Ort, der außerhalb von Gesellschaft steht, insofern spiegeln sich in diesem Ort die gleichen Mechanismen, die auch außerhalb dessen Gesellschaft gewaltvoll strukturieren. Ergänzung 1: Dass gerade unter diesem Aspekt, Kinder als “problematisch für andere” von einigen Erziehenden konstruiert wurden, empfand ich als Unverschämtheit. Die eigentlichen Konflikte wurden auf die Kinder übertragen, Kinder wurden instrumentalisiert zur Konfliktumkehrung und Verschiebung von eigener Verantwortlichkeit.

Von Verantwortung und Respekt

Ich werde als heterosexuelle Mutter hiermit direkt aufgefordert, dass ich immer, wenn ich mit Kind unterwegs sei, verantwortlich dafür sei, dass ich “dahingehend Sensibilität zu entwickeln” soll – also umsichtig damit umgehen soll, wenn sich andere unwohl fühlen, wegen meiner Kinder. Ähm – wie genau jetzt nochmal: Ach ja, ich weiß: Ich darf nicht “Heterokleinfamilie inszenieren” o_O
Ja: Es macht mich wirklich sprachlos. Denn anknüpfend an so vielen wahren Problemen der gesellschaftlichen Diskriminierung wird hier in meiner Lesart nichts anderes betrieben als umgekehrt genau das. Denn wäre ich mit meinen Kindern auf dem Gendercamp gewesen, hätte ich dort diese Konflikte erlebt, dann hätte ich mit sicherheit genauso einen Text, der so ähnlich wie das folgende sein könnte, geschriebenschreiben können:

Es sollte für alle(!) nachvollziehbar sein, wenn Menschen mit Kindern sich unwohl fühlen, da man ihnen permanent, überall – egal ob in der S-Bahn, im Supermarkt oder im Gehaltsgespräch mit dem Chef (“Sie haben ja ziemlich oft gefehlt, weil Ihr Kind so oft krank war”) – das Gefühl gibt: Ihr stört und du hast dein Kind und dein Leben nicht im Griff. Ich selbst bin Betroffene eines Systems, das mir ein selbstbestimmtes Muttersein zumindest sehr erschwert, mich aus allen gesellschaftlichen Bereichen ausschließt, in denen es Voraussetzung ist, zeitlich absolut flexibel zu sein und komplett selbstbestimmt; das mir kaum Möglichkeiten gewährt, zu einem ausreichenden Lohn zu arbeiten UND genügend Zeit für die Kinder – und am Ende auch mal für MICH zu haben. Ich bin sehr oft traurig deswegen und mache mir schon seit Jahren Gedanken darüber, und kämpfe politisch dafür, diese Arbeitsstrukturen, aber auch das schwierige Miteinander von Eltern und Nicht-Eltern zu verbessern. Viele Kinderlose blicken überhaupt nicht kritisch auf den eigenen sozialen Status. Viele entscheiden sich beispielsweise gegen “eigene” Kinder oder Erziehungsarbeit, weil sie die Verantwortung scheuen – zurecht: Die ist nämlich Riesengroß! Ich sehe eigentlich alle Menschen in der Pflicht dahingehend Sensibilität zu entwickeln: Wie fühlen sich Eltern? Welche Probleme haben sie und wie kann ich vielleicht mal ein Schärflein dazu beitragen, dass sie nicht permanent überfordert sind und sich ein Bein nach dem anderen rausreißen? Mich nervt es, wenn Menschen ohne Kindern so tun, als seien eigene Kinder auch “eigene Schuld”. Wenn die eigene Performance und Selbstdarstellung wichtiger ist, als auch einmal Rücksicht auf die Gefühle anderer zu nehmen, wenn der Respekt einfach mal wieder komplett verloren geht, aus lauter Selbstreferentialität.

Dieses Camp ist kein Ort, der außerhalb von Gesellschaft steht, insofern spiegeln sich in diesem Ort die gleichen Mechanismen, die auch außerhalb dessen Gesellschaft gewaltvoll strukturieren. Ergänzung: Die eigentlichen Konflikte wurden auf die Kinder übertragen, Kinder wurden instrumentalisiert zur Konfliktumkehrung und Verschiebung von eigener Verantwortlichkeit.

Dieser Text auf Medienelite ist leider komplett blind für die gesellschaftlichen Probleme von Eltern und spielt eine Diskriminierung gegen die andere aus. Das ist für mich zutiefst erschütternd. Als Mutter geht es mir so, dass ich ein tiefes Bedürfnis nach Solidarität empfinde, wenn ich andere Menschen mit Ausgrenzungserfahrungen treffe. In den vergangenen Jahren habe ich gelernt, dass diese sich mitnichten nur auf Race, Class oder Gender beziehen, sondern dass wir einen tiefsitzenden Sozialdarwinismus, gepaart mit einer turbokapitalistischen Arbeitskultur haben, die ganz bestimmte Menschen einfach abhängt. Einfach abhängt – oder zumindest dafür sorgt, dass diese weit weit hinter ihren Möglichkeiten leben. Ich habe so viele komplett resignierte Menschen kennen gelernt.

Dass das Thema Kinder so prominent auf dem Camp verhandelt wurde, lag auch daran, wer für sich in Anspruch nehmen kann, Dinge zu thematisieren und wer die eigenen Probleme als permanent verhandelbar betrachten kann und wer nicht.

*schnipp*
Es macht mich einfach ratlos. Und das nicht erst seit diesem Artikel.

Die Eltern-vs-Nicht-Eltern-Kiste – please do not reload

Vor fünf Jahren echauffierte ich mich schon über diese schwierige Eltern-nicht-Eltern-Kiste. Sie ist nun wirklich nicht neu, wobei auch ich zugeben muss: Was da vom Gendercamp an Erfahrungen überschwappt hat selbst mich nochmal überrascht! Das hat echt nochmal eine neue Qualität. Als ich aber damals bei Neon.de darüber schrieb, kam ein ziemlich kluger Kommentar, den ich euch zu lesen empfehle, indem ich hier seine Conclusio zitiere:


Jede Form eines Dogmatismus, der Andersartigkeit verurteilt, unterdrückt und bekämpft, ist stets Ursache von Unzufriedenheit und Leid. Wahre Freiheit erlangt man erst durch Toleranz des eigentlich Unerträglichen. Dann gäbe es auch keinen Grund mehr, zwischen Rauchern/Nichtrauchern, Eltern/Kinderlosen, Jungen/Alten, Linken/Rechten, Schwarz/Weiß, Schwarz/Rot, Gold/Gelb, zwischen Gut und Böse unterscheiden zu müssen: Alles wäre Eins.

das klingt vielleicht naiv und nicht machbar. Aber als Vision und Maxime meines Handelns ist es sinnvoll: Wer mir unterstellt ich inszenierte HeteroKleinfamilie ist nicht auf Dialog und Respekt bedacht, der erzeugt nur neue Unzufriedenheit und neues Leid – zuallererst in sich selbst, über das Aufschreiben dann auch bei anderen.

Ergänzungen 21:47 Uhr, 23.05.2012: Die Blogs, die ich außerdem las waren Antje Schrupp, Glücklich Scheitern, Simon Kowalewski, Adrian Lang. Das darf hier gerne als Leseempfehlung interpretiert werden.

Änderung 24.05.2012, 19:15 Uhr: den letzten Absatz würde ich so vermutlich nicht nochmal schreiben. der ist eigentlich überflüssig, zu pathetisch und wirr…

Ergänzung 25.05.2012, 12:51 Uhr: Einen sehr ausführlichen und lesenswerten Beitrag aus Sicht eines Menschen der sowohl dem AwarenessOrga-team angehörte als auch ein Kind dabei hatte möchte ich noch empfehlen: “Das GenderCamp war kein Ponyhof”. Spannend finde ich vor allem die zwischen den Zeilen hervorkommende Feststellung dass man sich nicht einerseits über “Unsichtbarkeit” beklagen und andererseits einfach nichts sagen kann. Und die Bitte, Kritik doch am besten in einem Gespräch miteinander anzubringen, weil das ein Weg sei, der anderen Möglichkeiten eröffnet, zu Handeln. Problematisch finde ich, wenn der Eindruck entsteht, ein Elternpaar, das Händchen hält, würde HeteroKleinfamilie inszenieren – was mir am Ende des Blogposts ein bisschen so ging. Hier würde ich immer noch gerne mehr diskutieren, was das sein soll, dieses “Inszenieren” (Henning Wötzel-Herber, dem Autor, war es letztendlich auch nicht klar, was konkret das heißen soll). Problematisch finde ich daran weiterhin, dass die Verantwortung (in meinen Augen unzulässiger Weise) auf die Eltern verschoben wird (siehe dazu auch den Schluss des Kommentars von A.S. weiter unten).

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