Ich diskriminiere Eltern, weil die Gesellschaft mich diskriminiert

Dieser Artikel enthält neue Ergänzungen

Disclaimer
Sorry. Aber es muss raus. Alle, die es nicht mehr ertragen können, wie ich mich angeblich an Nadine Lantzsch abarbeite (ein Vorwurf, der mir gemacht wurde, den ich nachvollziehen kann, aber den ich nachher nochmal kurz zurückweisen möchte) lesen bitte einfach nicht weiter.

Alle anderen seien willkommen. Ich möchte auch – wenngleich ich mich sehr ärgere, weil ich bei dem Thema eine Betroffenheit verspüre – versuchen mich strikt an die Inhalte zu halten (was ich IMHO auch in der Vergangenheit getan habe, aber für Gegenbeweise bin ich sehr offen, denn auch ich möchte an mir weiter arbeiten. Und mir ist einfach der Diskurs wichtig! deswegen schreibe ich ja auch wieder. Achso – das war eigentlich auch schon das Zuückweisen der Kritik. Ich schreibe solche Texte hier nicht, weil ich was gegen die Person Nadine Lantzsch habe, sondern weil ich das Gefühl habe, dass man ihren Inhalten etwas entgegen setzen muss. Ich schreibe oft dann nicht, wenn andere das eh tun. Aber oftmals sagt halt niemand was – also kann ich nicht anders).

Berichte vom Gendercamp

Ich las in verschiedenen Blogs Berichte vom Gendercamp. Weil ich selbst nicht dort war, aber aus netzfeministischen Gründen durchaus Interesse daran habe, nahm ich mir dafür sogar verhältnismäßig viel Zeit, um ein einigermaßen rundes Bild von den Eindrücken zu bekommen. Angefangen habe ich bei Suzanna, die den Dominanz-Vorwurf problematisiert hat (sehr empfehlenswert! ein für mich ziemlich wichtiger Beitrag zu einer Debatte, die mich auch zerknirscht macht. aber off topic hier). Mehrere Leute verlinkten in ihren Posts auf Medienelite. Also sortierte ich das als „wichtig“ ein und landete dann doch dort (denn ja: ich versuche, dem Vorwurf aus dem Weg zu gehen, ich würde mit „Allianzen“ und „Methoden“ böses gegen sie tun… das kann ich aber nur, indem ich es nicht lese… was gut funktioniert – vermutlich für beide Seiten netter so).

Der Text war zuerst auch für mich recht unproblematisch. Die Autorin fühlte sich auf dem Gendercamp weitestgehend wohl. Das ist doch gut. Denn die meisten anderen auch. Wie ich aber auch anderswo schon las, scheinen die Kinder dort eine wahnsinnige Irritation gewesen zu sein. Aus der Ferne scheint es, als seien ganz schön viele völlig menschliche Verhaltensweisen dramatisiert und dann stigmatisiert worden. Nicht jedeR mag Kinder, nicht jedeR kann mit Kindern. Und wenn ein Mann sich etwas zurückhaltend verhält, wenn es an die Aufteilung der Betreuung geht, weil er keinerlei Erfahrung und in dem Bereich wenig Selbstvertrauen hat (zumindest weniger, als in anderen Bereichen), dann ist es IMHO recht unwirsch, diesem dann Kackscheiße-Verhalten an den Kopf zu knallen. Wie war das mit der Dominanz? Vielleicht gibt es irgendwo auch einen Punkt, an dem die Problematisierung von allem und jedem Verhalten so dominant wird, dass es ausgrenzend wird. (Eine These, die ich an die These knüpfen möchte, dass eine inhaltliche Debatte in der Kategorie der Moral zwangsläufig dazu führt, dass mindestens ein Teil der Debatte beendet wird).

Bei Medienelite aber stand mir dann doch der Mund offen. Es beginnt damit, dass konstatiert wird es solle

für alle(!) nachvollziehbar sein, wenn Menschen sich mit Kindern unwohl fühlen, und zwar, weil ihnen der Elternstatus, das Recht auf Familie abgesprochen wird oder schlicht körperlich nicht in der Lage sind/sein dürfen, Kinder zu bekommen oder zu erziehen/zu betreuen.

So weit, so nachvollziehbar. Es folgt eine kurze Erklärung, warum die Autorin selbst Betroffene ist und wie das System es ihr als Lesbe – und vielen anderen – erschwert, Kinder zu haben. Dann wird es aggressiver:

Mich nervt es, wenn Menschen mit Kindern sich als HeteroKleinfamilie inszenieren müssen vor anderen. Die eigene Performance darf im Zusammenhang mit Privilegien als (körperlich) unversehrter CisMensch und in einer heterosexuellen, monogamen Beziehung lebend ruhig überdacht werden.

Das ist eine Darstellung, die sowohl gegenüber den Adressierten, als gegenüber den Lesenden zutiefst unfair ist. Denn hier wird ein Urteil gefällt, ohne dass Beweise geliefert werden. Was genau ist eigentlich diese „Inszenierung“? Ich kann mir darunter absolut gar nichts vorstellen? Wie machen Menschen das – und noch viel wichtiger: Was genau stellt sich die Autorin vor, wie sich zwei sich liebende Menschen mit einem Kind zu verhalten haben, wenn sie mit diesem unterwegs sind? Wohin soll diese Kritik genau laufen?

Dann von jenen noch unterstellt zu bekommen, eine selbst sei kinderfeindlich, das Thema Kinder sei tabuisiert oder die Anwesenheit von Kindern werde von denen ohne Kinder als heterosexistisch interpretiert, da war für mich echt Ende im Gelände. Hier zeigte sich ganz offensichtlich die wenig queer-sensible bzw. heteronormative Struktur des Camps und ja, diese Vorwürfe und Umkehrungen sind nichts anderes als heterosexistische und transphobe Kackscheiße und ja, sie sind diskriminierend. Dieses Camp ist kein Ort, der außerhalb von Gesellschaft steht, insofern spiegeln sich in diesem Ort die gleichen Mechanismen, die auch außerhalb dessen Gesellschaft gewaltvoll strukturieren. Ergänzung 1: Dass gerade unter diesem Aspekt, Kinder als “problematisch für andere” von einigen Erziehenden konstruiert wurden, empfand ich als Unverschämtheit. Die eigentlichen Konflikte wurden auf die Kinder übertragen, Kinder wurden instrumentalisiert zur Konfliktumkehrung und Verschiebung von eigener Verantwortlichkeit.

Von Verantwortung und Respekt

Ich werde als heterosexuelle Mutter hiermit direkt aufgefordert, dass ich immer, wenn ich mit Kind unterwegs sei, verantwortlich dafür sei, dass ich „dahingehend Sensibilität zu entwickeln“ soll – also umsichtig damit umgehen soll, wenn sich andere unwohl fühlen, wegen meiner Kinder. Ähm – wie genau jetzt nochmal: Ach ja, ich weiß: Ich darf nicht „Heterokleinfamilie inszenieren“ o_O
Ja: Es macht mich wirklich sprachlos. Denn anknüpfend an so vielen wahren Problemen der gesellschaftlichen Diskriminierung wird hier in meiner Lesart nichts anderes betrieben als umgekehrt genau das. Denn wäre ich mit meinen Kindern auf dem Gendercamp gewesen, hätte ich dort diese Konflikte erlebt, dann hätte ich mit sicherheit genauso einen Text, der so ähnlich wie das folgende sein könnte, geschriebenschreiben können:

Es sollte für alle(!) nachvollziehbar sein, wenn Menschen mit Kindern sich unwohl fühlen, da man ihnen permanent, überall – egal ob in der S-Bahn, im Supermarkt oder im Gehaltsgespräch mit dem Chef („Sie haben ja ziemlich oft gefehlt, weil Ihr Kind so oft krank war“) – das Gefühl gibt: Ihr stört und du hast dein Kind und dein Leben nicht im Griff. Ich selbst bin Betroffene eines Systems, das mir ein selbstbestimmtes Muttersein zumindest sehr erschwert, mich aus allen gesellschaftlichen Bereichen ausschließt, in denen es Voraussetzung ist, zeitlich absolut flexibel zu sein und komplett selbstbestimmt; das mir kaum Möglichkeiten gewährt, zu einem ausreichenden Lohn zu arbeiten UND genügend Zeit für die Kinder – und am Ende auch mal für MICH zu haben. Ich bin sehr oft traurig deswegen und mache mir schon seit Jahren Gedanken darüber, und kämpfe politisch dafür, diese Arbeitsstrukturen, aber auch das schwierige Miteinander von Eltern und Nicht-Eltern zu verbessern. Viele Kinderlose blicken überhaupt nicht kritisch auf den eigenen sozialen Status. Viele entscheiden sich beispielsweise gegen “eigene” Kinder oder Erziehungsarbeit, weil sie die Verantwortung scheuen – zurecht: Die ist nämlich Riesengroß! Ich sehe eigentlich alle Menschen in der Pflicht dahingehend Sensibilität zu entwickeln: Wie fühlen sich Eltern? Welche Probleme haben sie und wie kann ich vielleicht mal ein Schärflein dazu beitragen, dass sie nicht permanent überfordert sind und sich ein Bein nach dem anderen rausreißen? Mich nervt es, wenn Menschen ohne Kindern so tun, als seien eigene Kinder auch „eigene Schuld“. Wenn die eigene Performance und Selbstdarstellung wichtiger ist, als auch einmal Rücksicht auf die Gefühle anderer zu nehmen, wenn der Respekt einfach mal wieder komplett verloren geht, aus lauter Selbstreferentialität.

Dieses Camp ist kein Ort, der außerhalb von Gesellschaft steht, insofern spiegeln sich in diesem Ort die gleichen Mechanismen, die auch außerhalb dessen Gesellschaft gewaltvoll strukturieren. Ergänzung: Die eigentlichen Konflikte wurden auf die Kinder übertragen, Kinder wurden instrumentalisiert zur Konfliktumkehrung und Verschiebung von eigener Verantwortlichkeit.

Dieser Text auf Medienelite ist leider komplett blind für die gesellschaftlichen Probleme von Eltern und spielt eine Diskriminierung gegen die andere aus. Das ist für mich zutiefst erschütternd. Als Mutter geht es mir so, dass ich ein tiefes Bedürfnis nach Solidarität empfinde, wenn ich andere Menschen mit Ausgrenzungserfahrungen treffe. In den vergangenen Jahren habe ich gelernt, dass diese sich mitnichten nur auf Race, Class oder Gender beziehen, sondern dass wir einen tiefsitzenden Sozialdarwinismus, gepaart mit einer turbokapitalistischen Arbeitskultur haben, die ganz bestimmte Menschen einfach abhängt. Einfach abhängt – oder zumindest dafür sorgt, dass diese weit weit hinter ihren Möglichkeiten leben. Ich habe so viele komplett resignierte Menschen kennen gelernt.

Dass das Thema Kinder so prominent auf dem Camp verhandelt wurde, lag auch daran, wer für sich in Anspruch nehmen kann, Dinge zu thematisieren und wer die eigenen Probleme als permanent verhandelbar betrachten kann und wer nicht.

*schnipp*
Es macht mich einfach ratlos. Und das nicht erst seit diesem Artikel.

Die Eltern-vs-Nicht-Eltern-Kiste – please do not reload

Vor fünf Jahren echauffierte ich mich schon über diese schwierige Eltern-nicht-Eltern-Kiste. Sie ist nun wirklich nicht neu, wobei auch ich zugeben muss: Was da vom Gendercamp an Erfahrungen überschwappt hat selbst mich nochmal überrascht! Das hat echt nochmal eine neue Qualität. Als ich aber damals bei Neon.de darüber schrieb, kam ein ziemlich kluger Kommentar, den ich euch zu lesen empfehle, indem ich hier seine Conclusio zitiere:

Jede Form eines Dogmatismus, der Andersartigkeit verurteilt, unterdrückt und bekämpft, ist stets Ursache von Unzufriedenheit und Leid. Wahre Freiheit erlangt man erst durch Toleranz des eigentlich Unerträglichen. Dann gäbe es auch keinen Grund mehr, zwischen Rauchern/Nichtrauchern, Eltern/Kinderlosen, Jungen/Alten, Linken/Rechten, Schwarz/Weiß, Schwarz/Rot, Gold/Gelb, zwischen Gut und Böse unterscheiden zu müssen: Alles wäre Eins.

das klingt vielleicht naiv und nicht machbar. Aber als Vision und Maxime meines Handelns ist es sinnvoll: Wer mir unterstellt ich inszenierte HeteroKleinfamilie ist nicht auf Dialog und Respekt bedacht, der erzeugt nur neue Unzufriedenheit und neues Leid – zuallererst in sich selbst, über das Aufschreiben dann auch bei anderen.

Ergänzungen 21:47 Uhr, 23.05.2012: Die Blogs, die ich außerdem las waren Antje Schrupp, Glücklich Scheitern, Simon Kowalewski, Adrian Lang. Das darf hier gerne als Leseempfehlung interpretiert werden.

Änderung 24.05.2012, 19:15 Uhr: den letzten Absatz würde ich so vermutlich nicht nochmal schreiben. der ist eigentlich überflüssig, zu pathetisch und wirr…

Ergänzung 25.05.2012, 12:51 Uhr: Einen sehr ausführlichen und lesenswerten Beitrag aus Sicht eines Menschen der sowohl dem AwarenessOrga-team angehörte als auch ein Kind dabei hatte möchte ich noch empfehlen: „Das GenderCamp war kein Ponyhof“. Spannend finde ich vor allem die zwischen den Zeilen hervorkommende Feststellung dass man sich nicht einerseits über „Unsichtbarkeit“ beklagen und andererseits einfach nichts sagen kann. Und die Bitte, Kritik doch am besten in einem Gespräch miteinander anzubringen, weil das ein Weg sei, der anderen Möglichkeiten eröffnet, zu Handeln. Problematisch finde ich, wenn der Eindruck entsteht, ein Elternpaar, das Händchen hält, würde HeteroKleinfamilie inszenieren – was mir am Ende des Blogposts ein bisschen so ging. Hier würde ich immer noch gerne mehr diskutieren, was das sein soll, dieses „Inszenieren“ (Henning Wötzel-Herber, dem Autor, war es letztendlich auch nicht klar, was konkret das heißen soll). Problematisch finde ich daran weiterhin, dass die Verantwortung (in meinen Augen unzulässiger Weise) auf die Eltern verschoben wird (siehe dazu auch den Schluss des Kommentars von A.S. weiter unten).

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Orthodoxie und Skepsis

„Meine Skepsis bewahrt mich davor, Fanatiker zu werden. Wovor noch kein Glaube je geschützt hat.“

Helke Sander ist empört. Empört über die Laudatio-Rednerin beim Anne-Klein-Preis der Heinrich-Böll-Stiftung: Birgit Rommelspacher. Was Sander stört, ist ein von Rommelspacher konstruiertes Feindbild, das diese recht definitionslos „Orthodoxer Feminismus“ nennt. Dieser besteht offenbar in erster Linie aus Menschen wie Alice Schwarzer und all jenen Feministinnen, die in ihrer Religionskritik politisierte IslamauslegerInnen genauso wenig aussparen, wie die Katholische Kirche. Zur Erinnerung: Es ist bei manchen von uns Tradition, 1.000 Kreuze in die Spree zu werfen. Religionskritik ist uns wichtig!

„Wer zu den orthodoxen Feministen gehört, ist nicht nur altmodisch, sondern, wie im späteren Text suggeriert wird, vor allem rechtslastig, dogmatisch, konservativ, auf die eigene Herkunft fixiert und unfähig, fremde Kulturen in ihrer Eigenart zu akzeptieren.“

Sprich: Solche Menschen sind im Grunde völlig unmöglich. Also schnell davon abgegrenzt! Geschickt ist an diesem Zug, dass durch die Konstruktion des sogenannten „Orthodoxen“ die eigene Position in einem sehr hellen Licht erstrahlt. Wie praktisch. Dass dann eine gestandene Professorin in – wie Sander bemerkt – „guttenbergscher“ Manier unvollständige Quellenangaben macht und ihre Definition von Orthodoxie einfach einmal weglässt, das sehen in der Tat viele Rezipientinnen wohl eher nicht.

Orthodoxie, so hätte Rommelspacher dann nämlich erkennen müssen, bezeichnet eine sehr strenge und meist an eine ursprüngliche Form des Glaubens angelegte Auslebung eines religiösen Glaubens. Die Wikipedia hätte geholfen – oder eben ein Blick in den Brockhaus. Jeder wissenschaftlichen Arbeit sollte eine Klärung ihrer zugrunde gelegten Begriffe doch vorangestellt sein, oder? Wie dem auch sei, der zentrale Punkt, den auch Sanders anreißt, aber IMHO zu wenig in den Mittelpunkt zu rücken versteht, sollte sein:

Es wird sich gegen eine Orthodoxie innerhalb des Feminismus‘ gewendet; wohingegen tatsächliche religiöse Orthodoxien keiner legitimen Kritik mehr zur Verfügung stehen sollen.

Was ich damit meine: Rommelspacher sieht den eigenen Standpunkt als einzig ismen-freien und damit einzig legitimen, während sie jegliche Kritik an den politisierten Formen von Religionen (sie betrachtet wohlgemerkt nur die Islamismus-Kritik – nicht die Kritik an der katholischen oder jüdischen Religion, die es aber sehr wohl im Feminismus ebenso gibt) de-legitimiert.

Das ist hoch problematisch. Denn plötzlich werden in die feministische Debatte um Machtungleichheiten, politische Unterdrückung und Gewalt gegen Frauen Tabus eingeführt: Die genannten Problemfelder sind nur noch in der eigenen Kultur kritisierbar (die Rommelspacher sodenn „Dominanzkultur“ nennt – welche die Entwertung dieser Ideale gleich mit beinhaltet). Wendet man die gleichen Ideale, die gleichen Maßstäbe auch anderswo an, wird dieses Handeln als „rassistisch“ entwertet.

„BR soll den Begriff Dominanzkultur entwickelt haben. Angehörige dieser Dominanzkultur, die orthodoxen Feministinnen, würden diese eigene Kultur nun den anderen aufzwingen. Die von BR geschmähte Halina Bendkowski hat vor vielen Jahren den Begriff der Geschlechterdemokratie eingeführt, die durchzusetzen sich die Heinrich-Böll-Stiftung in ihrer Eigenaussage bemüht. Ich hoffe, dass diese Institution fähig ist, die wirklichen Widersprüche zu analysieren, sonst unterstützt sie nichts weiter als Denunziation.“ Quelle: Helke Sander: Othodoxer Feminismus – eine Chimäre

(Bild via http://www.flickr.com/photos/goliveira/ flickr/goliveira - CC BY-NC-ND 2.0)

Sander spricht mir aus der Seele und aus, was seit gut zwei Jahren in mir gärt, was ich mich aber als „Angehörige der Dominanzkultur“ und als weiße Feministin nicht mehr auszusprechen traute, bevor ich eben nicht wirklich wissenschaftlich ein paar Wochen über der Thematik gebrütet hätte. Doch schon im Oktober 2010 las ich einen um die 30 Seiten langen Text von eben dieser Rommelspacher, der von lantzschi auf twitter als „das muss man gelesen haben, um mitreden zu können“ verbreitet wurde (er ist leider nicht mehr online, aber lantzschi hat ihn in einem ihrer Blogposts auch erwähnt und bezieht hier ebenfalls Stellung zu der Thematik). Dieser Text war für mich auf jeder einzelnen Seite problematisch und ich murmelte ständig „aber…“ in mich hinein. Es waren so viele ungeklärte und strittige Voraussetzungen darin – genau wie es Sanders auch beschreibt. Ich bin deswegen hier einfach mal froh, dass ich mit dem Magengrummeln (hey, zwei Jahre Magengrummeln ist auch wirklich quasi schon Reizdarmsyndrom, oder? ;P) nicht ganz alleine dastehe.

Weil das Interesse an der Thematik mich natürlich trotz Schweigens nicht losgelassen hat, sitze ich übrigens gerade an einer Hausarbeit zum Thema „Intersektionale Diskursverschränkungen und Ethnisierung von Sexismus in Alice Schwarzer Islamismus-Kritik“ – wo ich wirklich noch einmal genauer hinschauen will, wie „schlimm“ diese Alice nun wirklich sein soll. Ihre „Große Verschleierung“ habe ich ja auch schon völlig anders rezipiert, als die meisten anderen Feministinnen um mich herum (damals) und dafür auch schon einiges auf meinen Deckel bekommen (die Mädchenmannschaftskolleginnen haben den Text damals nicht im Blog haben wollen. Was für mich der Anfang vom Ende war und die innere Trennung für mich persönlich einläutete [was ich aber auch erst in der Nachbetrachtung realisiert habe]).

Update (05.03.2012): Zu der Frage, ob das mit der Denunziation nun völlig übertrieben sei, oder eben gerechtfertigt, habe ich eine eigene Meinung: Ich finde den Begriff in diesem Zusammenhang – gerade auch in Betracht der Debatte um Alice Schwarzer – überhaupt nicht daneben oder übertrieben. Vor allem im Zusammenhang mit der willkürlichen Benutzung einer Pseudo-Definition wie „Othodoxer Feminismus“. In der Wikipedia steht dazu (auch wenn der Artikel nicht mit ausreichenden Belegen versehen ist – vielleicht kann da eineR helfen…):

„Klatsch und Denunziation sind eng miteinander verwobene Kommunikationsprozesse, die häufig der Ausgrenzung Einzelner dienen. Die Denunziation zeichnet dabei die Besonderheit aus, dass sie an eine übergeordnete Instanz (Vorgesetzte, Partei, staatliche Stellen) ergeht, von der – in aller Regel unausgesprochen – Sanktionen gegen die Betroffenen erwartet werden. Insofern ist sie ein Mittel der sozialen Kontrolle, das die „höhere Instanz“ gern zu instrumentalisieren versucht. Nicht selten treten Neid und Rachegefühle als Motive für Denunziation zu Tage, die dann als gesellschaftspolitisches oder gar staatserhaltendes Anliegen verbrämt wird.“

In meinen Augen trifft das hier sehr wohl zu. Auch wenn man über den Punkt mit der übergeordneten Instanz dann recht weit fassen müsste, insofern es sich eben um eine gesamtgesellschaftliche Debatte handelt.

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Respect by Default

in diesem artikel von mh wird sehr gut geschildert, welches problem mit dem sogenannten #weldinggate an die oberfläche trat, warum es eine sollbruchstelle war und wieso es wichtig ist, das ernst zu nehmen. bezeichnend sind auch die kommentare derjenigen, die zugeben, sich aus gründen (die alle sehr gut zusammengefasst werden) vom jungen feminismus oder von frauenthemen insgesamt abgewendet zu haben.
 
ich würde mir sehr wünschen, dass diese debatte nicht darauf reduziert wird, dass die genannten argumente einzig und allein darauf abzielten, dass rassismus klein geredet werden soll – das ist mitnichten der fall.
ich würde mir auch wünschen, dass dem wunsch nach mehr respekt und weniger abgrenzung vielleicht mal ein öhrchen geschenkt wird.
dass nicht nur abgeblockt wird.
weil ich fürchte, dass sich sonst immer mehr menschen aus dem feministischen diskurs zurückziehen werden, die den diskurs bereichnern würden.
die angesprochenen ausgrenzungen und die oft auftretende aggression sind ein bärendienst (grinsel) am feministischen diskurs. sie werfen denjenigen unnötig steine in den weg, die einen offeneren feminismus leben.
es wäre zudem auch wirklich toll, wenn die offenen nicht als „die, die mit dem feind schlafen“ abgewatscht würden.
 
es steht ja nicht zur debatte, dass ein exklusiver raum für nicht-mainstream-feministinnen notwendig und richtig ist. manche leute sind in den intersektionalitätsdebatten und der rassismusforschung eben weiter. denken viel mehr über privilegien nach und sind sensibilisierter.
aber: der respekt gegenüber leuten, die diesen habitus nicht antrainiert haben, die nicht alle die dazugehörigen akademischen diskurse gefressen haben, die offen, aber ahnungslos, naiv und nicht so verbittert sind; das ernstnehmen all jener menschen, die lernen wollen, diskutieren wollen und auch mal „dumme“ fragen stellen – die dürfen darunter nicht leiden.
 
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Piraten, Feminismus & Klischeedenken

„Feministinnen machen sich selbst zu Opfern“ – wenn es einen Satz gibt, von dem ich mir wünsche, dass er einfach mit knallpeng für immer explodiert und nie wieder kommt, dann dieser. Mit all seinen Nebenimplikationen. Aber so einfach geht das leider nicht. Es denken ja viel zu viele, noch dazu recht kluge Menschen, dass Feminismus eine Opferrollen-Erschaffung des gesamten weiblichen Geschlechts sei. Dass Freiheit und Selbstbestimmung die zentralen Grundziele der feministischen Haltung sind – interessiert nicht. Auch eine tiefergehende Betrachtung der Wirkung von Stereotypen in allen Bereichen – im Geschlechterverhältnis aber im Besonderen – findet nicht statt. Es ist aber eben auch komplex. Die Opferrolle ist übrigens auch nichts als ein Stereotyp – eines über FeministInnen. Schublade auf, FeministIn rein, Schublade zu. Wie hier (Piratenkeks: Die destruktive Wirkung des Opferfeminismus):

„Diese Viktimisierung der Frau im vorliegenden Beispiel ist kein Einzelfall. Schaut man sich die typischen, öffentlich wahrgenommenen Themen des Feminismus der letzten Zeit an, wird sie gar zum wiederkehrenden Motiv. Es gibt so wenige Frauen in Führungspositionen, weil sie Opfer des von Männern gebauten Systems sind. Der Staat soll wie ein übergeordneter Gottesersatz eingreifen. Natürlich existiert dieser Missstand, aber wieso wird in der öffentlichen Debatte nie die Frage nach der Rolle der Frauen beim Erhalt dieses System gestellt?

Ein anderes Beispiel zeigt es noch deutlicher: Feministinnen beschweren sich seit Jahr und Tag über Machos. Gleichzeitig weiß wohl jeder: Der nette Junge kriegt das Mädchen nur im Film. In der Realität hingegen, sind es die Machos, die ein geregeltes Sexualleben haben, während die netten Kerle, die Frauen so zuvorkommend behandeln wie ihre Mütter und die Medien (auch die Bravo) es ihnen beigebracht haben, immer nur »Lass uns Freunde sein« zu hören kriegen. Geschlechterstereotypen würden einige sagen, Realität sagen wir.“

Das ist besonders witzig, wenn man sich den Abschluss dieses Feminismus-Bashings anschaut:

„Aber ein Feminismus, der seinen eigenen Zielen und Maßstäben gerecht werden will, muss hier in besonderem Maße differenziertes Denken an den Tag legen.“

Ja. Äh. Differenziertes Denken. Genau.
„Piraten, Feminismus & Klischeedenken“ weiterlesen

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