auf twitter will ich nur reinen Stoff

gut. ich bin geladen. vielleicht liegts an Weihnachten. oder an anderen Dingen, jedenfalls: Ja, ich bin unausgeglichen und aufgekratzt und leicht reizbar. Aber:

Geht’s noch sektuöser?!?
Als ich twitter den Rücken kehrte, war einer der Hauptgründe die Denunziationskultur dort und die Art, wie manche mit Leuten umgingen, die eine um 2 Prozent abweichende Meinung von der eigenen haben. Ich ging, weil ich das Gefühl hatte, dass nicht nur alles, was man sagt uminterpretiert wird, sondern dass dort in solch einem Maß social-medialer Druck erzeugt werden kann, dass sensiblere Gemüter die Schnauze halten. twitter aktiv zu nutzen hat meinen Gedanken Ketten angelegt…

aber das ist hier eigentlich egal. Die Emanzipation ist mir ja geglückt, um mich geht es nicht mehr. Ich hätte nur wahrlich nicht gedacht, dass mein etwas überempfindliches Sensorium über twitter derart deutlich untermauert und bewiesen werden könnte, wie es gestern geschehen ist.

Maike von Wegen ist eine taffe Frau. im Podcast Erscheinungsraum habe ich lange mit ihr über ihre Erfahrungen, ihre Lebenseinstellung und ihre politischen Ansichten debattiert und wenn man eines über sie sagen kann, dann dass sie mutig, unbequem und gerechtigkeitsorientiert denkt und handelt. Ja – handelt! denn im Gegensatz zu so manch anderen Gestalten schafft es Maike, ihren „Aktivismus“ über eine ständige Empörorgie auf twitter hinaus zu gestalten. Das ist ja heutzutage nicht mehr selbstverständlich.

gut. nun gibt es also aber eben diese Empöria und die sucht sich immer neue Betätigungsfelder und Methoden, um maximaler Beschämung und Denunziation zum Zwecke des eigenen besserwohl-Fühlens ausüben zu können. Legendär wurden vor exakt einem Jahr die sogenannten Creeper Cards auf dem 29C3. Und dieses Jahr sollen wir nicht ohne ein Weihnachtsgeschenk aus dieser Ecke ausgehen: Man richtete nun einen Account auf twitter ein, der einander „empfiehlt“, bestimmte Leute auf twitter „präventiv“ zu blocken, bevor diese mit schlimmen, pöhsen und – worst case! – der eigenen Ansicht widersprechenden tweets in Timeline oder gar Mention-Spalte auftauchen.

We perfectionized our denunziation tools! Yay!

und dieser sympathische Account empfiehlt nun also, Maike von Wegen zu blocken. Weil diese sich dafùr einsetzte, dass man für eine politisch zweifelhafte Petition NICHT zuallererst auf den Betreibern des Petitionsdienstes herumhackt. Das ganze kann in der Debatte um folgenden tweet nachvollzogen werden:

https://mobile.twitter.com/blockempfehlung/status/416213620536520704

es geht also um saubere Timelines für Leute, deren Leben sich derart auf twitter eingeschossen und zentriert hat, dass man es scheinbar nicht mehr aushält, in diesem öffentlichen Kommunikationsmedium mit Andersdenkenden konfrontiert zu werden.

Mein Punkt ist: ja, dieser Account namens Blockempfehlung ist grotesk lächerlich. Was müssen das für traurige Gestalten sein, die ihre eigene Bedeutungslosigkeit mit solchen Maßnahmen aufpimpen müssen. Mich erinnert das an meinen Nachbarn, der nie Gesellschaft – also Freunde zu Besuch hat – und der mir für die vor meiner Wohnungstüre stehenden Stiefel droht. Das sollte man in der Regel alles – wie sagt man so schön: Nicht mal ignorieren.

Nein – das Problem sind nicht die einzelnen Nachbarn, im Treppenhaus oder im Stream der Belanglosigkeiten. Das Problem ist diese Weltlosigkeit, die ich als um sich greifendes Phänomen jenseits von Einzelfällen wahrnehme. Weltlosigkeit – ein Begriff von Hannah Arendt und ich habe einen Draft in diesem Blog begonnen, in dem ich diesen Begriff ausführlicher beleuchten will. Das kommt noch, wird nachgeliefert. Aber ich will es trotzdem kurz erklären: bei Hannah Arendts Weltbegriff geht es um die gemeinsam von Menschen geteilte öffentliche Welt. Da geht es um Austausch und Pluralismus. Um das Miteinander im Denken und im Handeln. Es ist eine Art große Agora, wie die Griechen sie kannten. Und wozu ist sie gut? Sie ist ein politischer Raum, der dazu da sein sollte, ein Miteinander von Menschen zu ermöglichen. Dafür braucht es Kommunikation und Diskurs. Weltlosigkeit ist eine Verweigerung. Sie ist ein Statement gegen die gemeinsame Welt und für Arendt die Wurzel des Totalitären. Ein Abschotten. Und ich reagiere mittlerweile extrem empfindlich darauf, denn sie scheint angesichts der – verständlicherweise – überfordernden Komplexität sehr verlockend. Ansteckend.

Sie zeigt sich immer dann, wenn eine Person daherkommt und ganze zusammenhänge implodieren. Es ist nie nur die Schuld dieser einzelnen Person. Es ist das Phänomen der Ansteckung anderer, die plötzlich überall den Feind sehen. Es ist der Spirit des gegenseitigen Misstrauens, der Denunziation. Man beäugt die anderen nicht mehr als Teil der eigenen Welt, in der man sich wie die anderen als Menschen unter Menschen sieht, sondern nur noch auf mögliche Verfehlungen hin. die sofort angeprangert gehören. Man will in seinem Feminismus dann keine Leute mehr, die Critical Whiteness hinterfragen. Man will die „reine Lehre“. Man will seinen Stoff gefälligst ohne die störenden Sandpartikel im Getriebe. Auch wenn man ansonsten Sand im Getriebe total geil findet – aber nur, wenn man es selbst sein darf. und nur, wenn das widerspruchsfrei bleibt.

Weltlosigkeit ist keine Lappalie, sie ist der Anfang von Extremen und hat zerstörerische Kräfte. und deswegen weiß ich einfach nicht, ob ignorieren als Umgang damit wirklich noch reicht. Vielleicht könnten wir das mal debattieren.

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Solidarität und Entpolitisierung: Amina und die Empörten

Bei den Ausrufern schreibt der Ed2Murrow einen sehr lesenswerten Beitrag über die Debatte des Falls Amina Sboui, die im Netz Bilder ihres nackten Oberkörpers gepostet hatte und nun in Tunesien im Gefängnis sitzt. Ein Urteil von vier Monaten Haft für drei Femen-Frauen hängt derzeit wie ein schlechtes Omen über Aminas Schicksal.

Nacktheit ist interessanter Weise etwas, das derzeit die Gesellschaft spaltet – und zwar auch und gerade hier in Europa, wenn über die Ereignisse in Tunesien oder die Haltung von Femen debattiert wird. Der Umgang mit Femen ist erstaunlich. Das findet auch Ed2Murrow. In Deutschland sei eine Meinung zu all dem sehr häufig und in verschiedenen Zeitungen zu lesen gewesen: „Die radikalen und einseitigen Ansichten von Femen unterscheiden sich nicht besonders von der Einstellung jener, die Aminas Bestrafung forderten.“ Es ist so einfach, sich zu empören und Femen als rassistische Krawalltruppe darzustellen. Das ist eine Einstellung die auch und gerade in feministischen Kreisen sehr populär geworden ist. Hinterfragt man diese Einstellung gilt man schnell selbst als rassistisch oder sonstwie „istisch“

Ed2Murrow machte sich hingegen die Mühe, einen Aufsatz ins Deutsche zu übersetzen, der in der französischen Le Monde abgedruckt war, geschrieben von Hélé Béji. Als eine der wenigen schreibt sie mit großer Sorge über die Allianzen, die sich über die Lager hinweg durch „die stille Macht der Wohlanständigkeit“ bildeten.

Die Mehrheit verurteilt ihre Taten, um die eigene instinktive Grenze von Normalität zu schützen, die die alten Bräuche gezogen haben; andere erleben sie als Gewissenskonflikt einer Philosophie, die zwar die Pflicht zum Gehorsam eingerissen hat, nicht aber die traditionellen Tabus, die zu überschreiten nun eine unerschrockene junge Frau die Kühnheit besitzt, indem sie alleine den schrecklichen Weg geht, all die Folgen auf sich zu nehmen, die sich aus dem Verstoß gegen gute Sitten und moralische Ordnung ergeben.

Béji ist in Frankreich schon durch eine sehr eigenwillige Einmischung in die Burka-Debatte aufgefallen. Sie vertrat hier eine Position, die ich nur unterstützen kann, die sich aber zwischen alle Stühle setzt:

„Gesetze gegen die Burka? Sie und sie alleine zu verbieten in einer umfänglich gewährenden Gesellschaft, die mit Blasiertheit jede Ausuferung beäugt? Mit welcher Berechtigung will man da die eine Übertretung ahnden und nicht auch die andere?“

Bitte lest selbst drüben bei den Ausrufern: Ed2Murrow sei überschwänglich gedankt, sich die Mühe gemacht zu haben, einen Text zu übersetzen, den man sonst so in der deutschen Debatte sicherlich nicht zu lesen bekommen würde. Denn „die auch in Deutschland um sich greifende Bigotterie“ (Ed2Murrow) in Zusammenhang mit dem Nacktprotest scheint eine Debatte derzeit erfolgreich zu blockieren, die über den Horizont einer knienden Ameise hinaus nach den Interessen und Konsequenzen fragt, die hinter all diesen Debatten stecken.

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„Ich glaube nicht an Glück als Zustand“

Juli Zeh im Gespräch mit Daniel Cohn-Bendit
Sie sprechen über Bosnien, Verantwortung, Parteien und Politikverdrossenheit, können wir uns noch in Gruppen hineindenken? Was ist mit den Millenials? Ist Ich-Zentrierung ein Problem?

Juli Zeh hat ein Faible für die Freiheit. Das ist nicht neu. Aber wie kann man auf allen Ebenen die eigene Freiheit und gleichzeitig miteinander in Verantwortung leben? Interessanter Weise ein sehr konservatives Verständnis von Beziehung, das bei ihr herauskommt. Die eigene Individualität soll hinter der Sicherheit von Beziehungen zurücktreten?

„Fühl dich zuhause sicher, dann hast du draußen nicht so viel Angst!“

Wirklich sehr spannendes Gespräch. Empfehlenswert.

Ich halte es übrigens in Parteien auch nicht so ganz aus. Die Parteien haben einen Panzer – Daniel Cohn-Bendit bringt es auf den Punkt.

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Ab heute im Handel: Das alles und noch viel mehr…!

Wie wäre es, wir Bürger würden auch ein Wahlprogramm zur Bundestagswahl im September 2013 vorlegen? Welches sind die Vorhaben, die mehr als 80 Prozent der Bevölkerung von der nächsten Regierung umgesetzt wissen wollen? In dreißig Kapiteln werden über alle Ressorts hinweg die wichtigsten und dringendsten Gesetzesvorlagen beschrieben – von der Finanztransaktionssteuer über die Lohnpolitik bis zum Naturschutz.

Peter Zudeick, bekannt für seinen wunderbaren satirischen Wochenrückblick, hat eine bunte Auswahl an Autorinnen (darunter meine Wenigkeit) zusammengetrommelt, die konkrete Änderungen für die Politik auf den Tisch legen: Es geht, sofort eine bessere Gesellschaft zu machen. Man muss nur entscheiden. Das alles und noch viel mehr würden WIR machen, wenn wir Kanzler_innen von Deutschland wär’n!

Mit Beiträgen von Brigitte Baetz, Jens Berger, Mathias Bröckers, Christoph Butterwegge, Jürgen Döschner, Bettina Gaus, Klaus Gietinger, Ulrike Herrmann, Wolfgang Hetzer, Wolfgang Lieb, Claus-Peter Lieckfeld, Wolfang Neskovic, Sven Plöger, Ines Pohl, Stefan Reinecke, Katrin Rönicke, Claudia Roth, Tom Schimmeck, Ulrich Schneider, Rudolf L. Schreiber, Werner Seidel, Hanjo Seißler, Sahra Wagenknecht, Ulrike Winkelmann.

Mein Beitrag behandelt unter dem Titel „Starke Kitas – Starke Familien“ den Komplex der Vorschulpolitik. In drei konkreten Schritten würde ich als Kanzlerin von Deutschland die Kitas deutlich verbessern und stärken. Gleichzeitig aber müssen auch die Familien als „echte“ Betreuungs- und Beziehungsinstitutionen ernst genommen und gestärkt werden. Eigentlich ganz einfach – und doch verlangen diese Änderungen viel Engagement. Wie es klappen kann, wenn die Prioritäten anders gesetzt werden, das beschreibe ich in meinem Beitrag.

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Bildungsgutscheine und freie Schul-Wahl am Beispiel Chiles:

 

Oder: Wie wirkungsvoll ist das Instrument der ‚Vouchers’?

Hausarbeit vom 15.03.2011 zum Projektseminar: Theorien und Konzepte in der Vergleichenden Bildungsforschung (Wintersemester 2010/2011) bei Dr. Barbara Schulte

Einleitung

In der Vergleichenden Erziehungswissenschaft findet eine ausführliche kritische Betrachtung von Ideen und Instrumenten statt, die weltweit als Mittel gesehen werden, zum Ziel „Fortschritt“ und „Entwicklung“ zu kommen. Wobei allein schon über diese beiden Begriffe eine rege Debatte stattfindet. Da gibt es auf der einen Seite die VertreterInnen einer Idee von „Weltkultur“[1], für die Fortschritt und Gerechtigkeit klar definierte und universelle Werte auf der ganzen Welt sind. Andere theoretische Richtungen, etwa relativistische Theorien[2] oder Ansätze über multiple Modernisierung[3], gehen von kulturspezifischen Rezeptionen und Konzeptionen im Bildungsbereich aus.

In der wissenschaftlichen und politischen Diskussion um die Entwicklung von Bildungssystemen gelten die Instrumente und Ideen der Privatisierung, Dezentralisierung, Schulautonomie, Bildungsstandards und Bildungsgutscheine als beispielhaft für eine universalistische Herangehensweise. Auch ist es gerade in diesem Feld schwer, die politische Dimension von der wissenschaftlichen Arbeit sauber zu trennen: Internationale Organisationen wie OECD, Weltbank und McKinsey haben eigene wissenschaftliche Apparate und geben Studien und Einschätzungen heraus, die stets mit dem Anspruch der Verwirklichung einer bestimmten Politik Hand in Hand gehen. Auch die internationalen Vergleichsstudien wie PISA, IGLU und TIMSS haben die Idee, es gäbe eine universelle Lösung zur Verbesserung von Bildungsangeboten auf der ganzen Welt, weiter verbreitet.  Diese rein Output-orientierte Betrachtung der Bildungssysteme in anderen Ländern und Kulturen basiert gerade auf der Annahme von Standards, die für alle Gültigkeit haben müssten. Kulturelle Disparitäten kommen in dieser Betrachtungsweise nur am Rande vor.

In der vorliegenden Arbeit wird zunächst die Ideengeschichte des Instruments Bildungsgutschein (engl. Voucher) betrachtet, wie sie vom Ökonom Milton Friedman entworfen wurde, unterschiedliche Rezeptionen erfuhr und in der heutigen nationalen und internationalen Debatte stattfindet. Daraufhin wird am sogenannten Muster-Beispiel Chile untersucht, wie Bildungsgutscheine in ihrer konkreten Ausgestaltung konzipiert, umgesetzt und rezipiert werden können. In der abschließenden Diskussion dieser Ergebnisse soll ein möglicher Ausblick auf die weitere Entwicklung dieses bildungspolitischen Instruments gegeben werden. „Bildungsgutscheine und freie Schul-Wahl am Beispiel Chiles:“ weiterlesen

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Beschneidungsdebatte Meta

Ich gehe mit der Ambivalenz hausieren

Die Aufmerksamkeit, die meinem Blog heute zuteil wird, könnte ich nutzen, um in der Debatte um das Thema Beschneidung einen sehr polemischen Beitrag zu platzieren und meine Zugriffe damit vermutlich ins unermessliche zu steigern. So wie viele andere das im Moment scheinbar gerne tun.

Aber ich möchte gerne die nachdenklichen Töne anstimmen, nicht die kreischenden. Für mich stellen sich in der Debatte vier entscheidende Fragen, deren Antworten einander widersprechen. Sich widersprechende Antworten sind für mich oft ein Hinweis darauf, besser erstmal die Klappe zu halten. Wenn es etwas widersprüchlich und ambivalent wird, schlagen aber gerade die, die mit den einfachen Antworten hausieren gehen, besonders gerne zu. Also versuche ich es mal mit der Ambivalenz.

Frage 1: Welche Rechte muss ein Staat denjenigen garantieren und sie für sie auch durchsetzen, die sich noch nicht selbst verteidigen können?

Frage 2: Ist die Beschneidung eines Babyjungen ein Eingriff in seine körperliche Unversehrtheit?

Frage 3: Wie viel Freiheit beinhaltet die Religionsfreiheit und wessen Grenzen müssen ihr Gegenüber gewahrt werden? Wer muss diese Grenzen setzen?

Frage 4: Welche Konsequenzen hat eigentlich das Urteil vom 07.05.12 und wollen wir so die Dinge miteinander verhandeln in dieser Gesellschaft?

„Beschneidungsdebatte Meta“ weiterlesen

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Nicht lesen!

Dieser Text erschien zuerst als Kolumne auf freitag.de

Eine kleine Geschichte der Triggerwarnung

Triggerwarnungen sind momentan recht häufig zu beobachten, vor allem in diesen sozialen digitalen Medien. Menschen äußern sie und immer häufiger fordern Menschen sie von anderen ein. Thematisch ist die Bandbreite groß. Ursprünglich stammen sie aber aus Selbsthilfeforen für Menschen mit psychischen Erkrankungen. Menschen, die zum Beispiel eine traumatische Erfahrung in ihrem Leben gemacht haben sollen durch Triggerwarnungen davor geschützt werden, Dinge zu lesen, die in ihnen Gefühle auslösen die sie wieder diese Erfahrung durchleben lassen. Denn in Selbsthilfeforen ist es einerseits nötig, dass die dort miteinander kommunizierenden Menschen offen über zum Beispiel Traumata reden können, andererseits ist es wichtig, die Menschen dort davor zu schützen mit den Geschichten anderer derart konfrontiert zu werden, dass es eine neuerliche Krise auslöst.

Foto: CC BY-NC-SA 2.0, http://www.flickr.com/photos/mysteryship/2656817729/sizes/m/in/photostream/ von mysteriship

Von solchen Triggerwarnungen soll im Weiteren nicht die Rede sein. Sie sind so nachvollziehbar und sinnvoll, wie die „Triggerwarnungen neuer Art“ in anderen Kontexten in meinen Augen problematisch sind (diese Differenzierung führte schon zu der Triggerwarnung über eine Triggerwarnung über eine Triggerwarnung). Als ich im April 2008 anfing in der Mädchenmannschaft zu bloggen, war die Triggerwarnung ein auf Selbsthilfeforen beschränktes Phänomen. Seit März 2011 bin ich nicht mehr Autorin in der Mädchenmannschaft und zufällig tauchte um diese Zeit herum zum ersten Mal das Wort „Triggerwarnung“ dort auf. Das Phänomen ist also in den neuen Kontexten gerade einmal ein gutes Jahr alt (anderswo mag es früher los gegangen sein. Das ändert aber nichts daran, dass es einmal nicht so selbstverständlich war, wie heute getan wird. Und damit bleibt die Aufgabe, es kritisch zu reflektieren).

Das Ziel einer Triggerwarnung ist es, Schmerz bei den Betroffenen zu vermeiden und alte Wunden nicht aufreißen zu lassen. Es geht also um die Schaffung eines Safe Spaces. Es sollte eigentlich keine Frage sein, dass es solche Räume geben sollte. Aber es sollte einmal darüber gesprochen werden, wie weit dieser Schutz zu gehen hat, wie weit er in die Öffentlichkeit reichen sollte, oder umgekehrt, wie subjektiv oder privat er bleiben soll. Denn mit Hannah Arendt gedacht ist Öffentlichkeit immer auch ein Ort, der politische Diskurse in Freiheit ermöglicht. Bei ihr geht damit immer auch die Möglichkeit des Scheiterns einher. Es wäre anmaßend, die in Vita Activa dargestellte Vision einer politischen Öffentlichkeit, wie Hannah Arendt sie dachte, hier in wenigen Sätzen zu verkürzen, aber was Kurt Sontheimer über das Werk schreibt könnte genügen, um den Punkt zu verdeutlichen, um den es mir geht: „Dem Menschen den notwendigen Raum für die Politik, das heißt für das freie Handeln offenzuhalten, dies war das wesentliche Ziel von Hannah Arendts politischer Theorie.“ Triggerwarnungen sind damit im Kern unpolitisch. Denn sie sollen Risiken jeder Art abschaffen und schränken damit freies Handeln ein.

Ein selbstversicherndes Ritual

Hinzu kommt, dass in Öffentlichen Räumen und in Diskussionen von moralischen und von politischen Anliegen unterschieden werden sollten. Triggerwarnungen wie sie jüngst in Erscheinung treten beinhalten eine stark moralische Komponente, in der Form, dass sie das, was als „triggernd“ bezeichnet wird, moralisch abwerten. Sie stellen eine vorweggenommene (heftige) Wertung dar, die hinter einer BeschützerInnen-Intention versteckt wird. Abgesehen davon, dass sie wohl kaum wirklich dazu dienen können, dass der Inhalt, über den die Warnung verhängt wird nicht gelesen wird (im Gegenteil: der Effekt ist wohl eher der gleiche wie bei der Aufforderung „denken Sie jetzt nicht an einen rosa Elefanten!“), kommen sie mit der Intention der Undiskutierbarkeit daher. Oder wie Tim Weber (@Scytale) auf twitter kommentierte:

Triggerwarnungen sind Glaubenssache.

@Scytale

Tim Weber

Ähnlich wie andere Glaubenssachen sind sie damit zu einem Ritual geworden. Rituale folgen immer nach bestimmten Regeln, sie sollen Struktur, Orientierung und auch Zusammenhalt einer Gruppe stiften. Es gibt die unterschiedlichsten Rituale. Angefangen beim hysterischen Kreischen von Teenagern in der Gegenwart von Stars, über die Taufe oder Hochzeit, bis hin zu solch profanen Alltagsriten wie einem gemeinsamen Frühstück in einer Familie. Rituale dienen immer auch der Selbstversicherung: Wir sind wir. Damit erzeugt ein Ritual auch immer Rahmen: Symbolisches Wissen, kulturelle Identifikation, räumliche Zugehörigkeit oder auch Normen und Werte werden definiert – es bilden sich Gruppen, die diese Teilen. Und damit entstehen auch Intergruppenbeziehungen (hinter diesem Link versteckt sich ein DOC). Denn mit Triggerwarnungen bildet sich ein WIR. Ein wir, das gekennzeichnet ist durch die Übereinkunft, jene, die sich nicht selbst schützen können, zu schützen; besonders aufmerksam zu sein und besonders befähigt, das potentielle Leid anderer zu partizipieren. Damit entsteht auch ein „die anderen“, alle jene, die keine Triggerwarnungen aussprechen. Warum die einen es tun, die anderen nicht wird dabei nicht thematisiert. Es nicht zu tun wird aber abgewertet. Eine weitere interessante Theorie gesellt sich zu den Erklärungsansätzen über dieses Phänomen: Die „Bedrohungtheorie“, wie sie in „The role of threat in intergroup relations“ beschrieben wird. Bedrohungen werden hiernach von Gruppen definiert und zwar entlang subjektiver Wahrnehmungslinien was diese Bedrohungen angeht. Daniel Geschke sagt dazu: „Weil es dem eigenen Selbstwert dienlich ist, wird versucht, positive Distinktheit der eigenen Gruppe herzustellen.“ (Daniel Geschke: Vorurteile, Differenzierung und Diskriminierung – sozialpsychologische Erklärungsansätze; In: APuZ. Aus Politik und Zeitgeschichte, 16. April 2012). Es ist der gleiche Mechanismus, der in unserer Gesellschaft zu Sexismus, Rassismus, Klassismus und vielen anderen Diskriminierungen und Vorurteilen führt.

Einen Schritt zurück

Wir sind alle Menschen und wir neigen alle dazu, uns in Gruppen zu begeben, die uns unser Selbst versichern und die uns gegen potentielle Bedrohungen absichern. Es ist, wie neue Forschungen zeigen, ein Mechanismus, der vermutlich sogar in unsere Gene eingeschrieben ist (nach innen „flauschen“, nach außen beißen – ForscherInnen aus Amsterdam weisen nach, dass Oxytocin dabei eine sehr ambivalente Rolle spielt). Umso wichtiger aber scheint es mir, dass gerade die, die sich gegen die genannten Diskriminierungsformen nach eigener Selbstbeschreibung einsetzen wollen, bewusst die Konstruktion neuer Sozialer Identitäten umgehen (einen kleinen Abriss über die Theorie der Sozialen Identität findet sich bei wiseGEEK und in der Wikipedia – entschuldigung, dass ich noch ein Fass aufmache, aber ich möchte das Thema gerne von verschiedenen Perspektiven ausleuchten. Die Links in diesem Text sind dazu ein Angebot des Weiterlesens – keinesfalls ein Muss). Denn ja: Es gibt viele Reale Probleme, die im öffentlichen Raum verhandelt werden sollten. Es gibt auch reale Traumata und psychische Erkrankungen. Menschen erleiden viel Schmerz. Menschen werden abgehängt und diskriminiert. Es muss möglich bleiben, diese Dinge zu differenzieren. In meinen Augen verwässert man die Ernsthaftigkeit hinter der Idee von Triggerwarnungen, indem man sie inflationär benutzt. Und gleichzeitig werden Ausgrenzungen erzeugt, die entlang moralischer statt politischer Kategorien geschehen. Beide Effekte können nach meinem Kenntnisstand nicht das Anliegen derjenigen sein, die heute zu diesem Mittel greifen. Es ist ja aber auch noch sehr jung. Denken wir darüber nach – und vielleicht finden wir andere Wege, Ärger und politische Meinungsverschiedenenheit auszudrücken.

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Ich diskriminiere Eltern, weil die Gesellschaft mich diskriminiert

Dieser Artikel enthält neue Ergänzungen

Disclaimer
Sorry. Aber es muss raus. Alle, die es nicht mehr ertragen können, wie ich mich angeblich an Nadine Lantzsch abarbeite (ein Vorwurf, der mir gemacht wurde, den ich nachvollziehen kann, aber den ich nachher nochmal kurz zurückweisen möchte) lesen bitte einfach nicht weiter.

Alle anderen seien willkommen. Ich möchte auch – wenngleich ich mich sehr ärgere, weil ich bei dem Thema eine Betroffenheit verspüre – versuchen mich strikt an die Inhalte zu halten (was ich IMHO auch in der Vergangenheit getan habe, aber für Gegenbeweise bin ich sehr offen, denn auch ich möchte an mir weiter arbeiten. Und mir ist einfach der Diskurs wichtig! deswegen schreibe ich ja auch wieder. Achso – das war eigentlich auch schon das Zuückweisen der Kritik. Ich schreibe solche Texte hier nicht, weil ich was gegen die Person Nadine Lantzsch habe, sondern weil ich das Gefühl habe, dass man ihren Inhalten etwas entgegen setzen muss. Ich schreibe oft dann nicht, wenn andere das eh tun. Aber oftmals sagt halt niemand was – also kann ich nicht anders).

Berichte vom Gendercamp

Ich las in verschiedenen Blogs Berichte vom Gendercamp. Weil ich selbst nicht dort war, aber aus netzfeministischen Gründen durchaus Interesse daran habe, nahm ich mir dafür sogar verhältnismäßig viel Zeit, um ein einigermaßen rundes Bild von den Eindrücken zu bekommen. Angefangen habe ich bei Suzanna, die den Dominanz-Vorwurf problematisiert hat (sehr empfehlenswert! ein für mich ziemlich wichtiger Beitrag zu einer Debatte, die mich auch zerknirscht macht. aber off topic hier). Mehrere Leute verlinkten in ihren Posts auf Medienelite. Also sortierte ich das als „wichtig“ ein und landete dann doch dort (denn ja: ich versuche, dem Vorwurf aus dem Weg zu gehen, ich würde mit „Allianzen“ und „Methoden“ böses gegen sie tun… das kann ich aber nur, indem ich es nicht lese… was gut funktioniert – vermutlich für beide Seiten netter so).

Der Text war zuerst auch für mich recht unproblematisch. Die Autorin fühlte sich auf dem Gendercamp weitestgehend wohl. Das ist doch gut. Denn die meisten anderen auch. Wie ich aber auch anderswo schon las, scheinen die Kinder dort eine wahnsinnige Irritation gewesen zu sein. Aus der Ferne scheint es, als seien ganz schön viele völlig menschliche Verhaltensweisen dramatisiert und dann stigmatisiert worden. Nicht jedeR mag Kinder, nicht jedeR kann mit Kindern. Und wenn ein Mann sich etwas zurückhaltend verhält, wenn es an die Aufteilung der Betreuung geht, weil er keinerlei Erfahrung und in dem Bereich wenig Selbstvertrauen hat (zumindest weniger, als in anderen Bereichen), dann ist es IMHO recht unwirsch, diesem dann Kackscheiße-Verhalten an den Kopf zu knallen. Wie war das mit der Dominanz? Vielleicht gibt es irgendwo auch einen Punkt, an dem die Problematisierung von allem und jedem Verhalten so dominant wird, dass es ausgrenzend wird. (Eine These, die ich an die These knüpfen möchte, dass eine inhaltliche Debatte in der Kategorie der Moral zwangsläufig dazu führt, dass mindestens ein Teil der Debatte beendet wird).

Bei Medienelite aber stand mir dann doch der Mund offen. Es beginnt damit, dass konstatiert wird es solle

für alle(!) nachvollziehbar sein, wenn Menschen sich mit Kindern unwohl fühlen, und zwar, weil ihnen der Elternstatus, das Recht auf Familie abgesprochen wird oder schlicht körperlich nicht in der Lage sind/sein dürfen, Kinder zu bekommen oder zu erziehen/zu betreuen.

So weit, so nachvollziehbar. Es folgt eine kurze Erklärung, warum die Autorin selbst Betroffene ist und wie das System es ihr als Lesbe – und vielen anderen – erschwert, Kinder zu haben. Dann wird es aggressiver:

Mich nervt es, wenn Menschen mit Kindern sich als HeteroKleinfamilie inszenieren müssen vor anderen. Die eigene Performance darf im Zusammenhang mit Privilegien als (körperlich) unversehrter CisMensch und in einer heterosexuellen, monogamen Beziehung lebend ruhig überdacht werden.

Das ist eine Darstellung, die sowohl gegenüber den Adressierten, als gegenüber den Lesenden zutiefst unfair ist. Denn hier wird ein Urteil gefällt, ohne dass Beweise geliefert werden. Was genau ist eigentlich diese „Inszenierung“? Ich kann mir darunter absolut gar nichts vorstellen? Wie machen Menschen das – und noch viel wichtiger: Was genau stellt sich die Autorin vor, wie sich zwei sich liebende Menschen mit einem Kind zu verhalten haben, wenn sie mit diesem unterwegs sind? Wohin soll diese Kritik genau laufen?

Dann von jenen noch unterstellt zu bekommen, eine selbst sei kinderfeindlich, das Thema Kinder sei tabuisiert oder die Anwesenheit von Kindern werde von denen ohne Kinder als heterosexistisch interpretiert, da war für mich echt Ende im Gelände. Hier zeigte sich ganz offensichtlich die wenig queer-sensible bzw. heteronormative Struktur des Camps und ja, diese Vorwürfe und Umkehrungen sind nichts anderes als heterosexistische und transphobe Kackscheiße und ja, sie sind diskriminierend. Dieses Camp ist kein Ort, der außerhalb von Gesellschaft steht, insofern spiegeln sich in diesem Ort die gleichen Mechanismen, die auch außerhalb dessen Gesellschaft gewaltvoll strukturieren. Ergänzung 1: Dass gerade unter diesem Aspekt, Kinder als “problematisch für andere” von einigen Erziehenden konstruiert wurden, empfand ich als Unverschämtheit. Die eigentlichen Konflikte wurden auf die Kinder übertragen, Kinder wurden instrumentalisiert zur Konfliktumkehrung und Verschiebung von eigener Verantwortlichkeit.

Von Verantwortung und Respekt

Ich werde als heterosexuelle Mutter hiermit direkt aufgefordert, dass ich immer, wenn ich mit Kind unterwegs sei, verantwortlich dafür sei, dass ich „dahingehend Sensibilität zu entwickeln“ soll – also umsichtig damit umgehen soll, wenn sich andere unwohl fühlen, wegen meiner Kinder. Ähm – wie genau jetzt nochmal: Ach ja, ich weiß: Ich darf nicht „Heterokleinfamilie inszenieren“ o_O
Ja: Es macht mich wirklich sprachlos. Denn anknüpfend an so vielen wahren Problemen der gesellschaftlichen Diskriminierung wird hier in meiner Lesart nichts anderes betrieben als umgekehrt genau das. Denn wäre ich mit meinen Kindern auf dem Gendercamp gewesen, hätte ich dort diese Konflikte erlebt, dann hätte ich mit sicherheit genauso einen Text, der so ähnlich wie das folgende sein könnte, geschriebenschreiben können:

Es sollte für alle(!) nachvollziehbar sein, wenn Menschen mit Kindern sich unwohl fühlen, da man ihnen permanent, überall – egal ob in der S-Bahn, im Supermarkt oder im Gehaltsgespräch mit dem Chef („Sie haben ja ziemlich oft gefehlt, weil Ihr Kind so oft krank war“) – das Gefühl gibt: Ihr stört und du hast dein Kind und dein Leben nicht im Griff. Ich selbst bin Betroffene eines Systems, das mir ein selbstbestimmtes Muttersein zumindest sehr erschwert, mich aus allen gesellschaftlichen Bereichen ausschließt, in denen es Voraussetzung ist, zeitlich absolut flexibel zu sein und komplett selbstbestimmt; das mir kaum Möglichkeiten gewährt, zu einem ausreichenden Lohn zu arbeiten UND genügend Zeit für die Kinder – und am Ende auch mal für MICH zu haben. Ich bin sehr oft traurig deswegen und mache mir schon seit Jahren Gedanken darüber, und kämpfe politisch dafür, diese Arbeitsstrukturen, aber auch das schwierige Miteinander von Eltern und Nicht-Eltern zu verbessern. Viele Kinderlose blicken überhaupt nicht kritisch auf den eigenen sozialen Status. Viele entscheiden sich beispielsweise gegen “eigene” Kinder oder Erziehungsarbeit, weil sie die Verantwortung scheuen – zurecht: Die ist nämlich Riesengroß! Ich sehe eigentlich alle Menschen in der Pflicht dahingehend Sensibilität zu entwickeln: Wie fühlen sich Eltern? Welche Probleme haben sie und wie kann ich vielleicht mal ein Schärflein dazu beitragen, dass sie nicht permanent überfordert sind und sich ein Bein nach dem anderen rausreißen? Mich nervt es, wenn Menschen ohne Kindern so tun, als seien eigene Kinder auch „eigene Schuld“. Wenn die eigene Performance und Selbstdarstellung wichtiger ist, als auch einmal Rücksicht auf die Gefühle anderer zu nehmen, wenn der Respekt einfach mal wieder komplett verloren geht, aus lauter Selbstreferentialität.

Dieses Camp ist kein Ort, der außerhalb von Gesellschaft steht, insofern spiegeln sich in diesem Ort die gleichen Mechanismen, die auch außerhalb dessen Gesellschaft gewaltvoll strukturieren. Ergänzung: Die eigentlichen Konflikte wurden auf die Kinder übertragen, Kinder wurden instrumentalisiert zur Konfliktumkehrung und Verschiebung von eigener Verantwortlichkeit.

Dieser Text auf Medienelite ist leider komplett blind für die gesellschaftlichen Probleme von Eltern und spielt eine Diskriminierung gegen die andere aus. Das ist für mich zutiefst erschütternd. Als Mutter geht es mir so, dass ich ein tiefes Bedürfnis nach Solidarität empfinde, wenn ich andere Menschen mit Ausgrenzungserfahrungen treffe. In den vergangenen Jahren habe ich gelernt, dass diese sich mitnichten nur auf Race, Class oder Gender beziehen, sondern dass wir einen tiefsitzenden Sozialdarwinismus, gepaart mit einer turbokapitalistischen Arbeitskultur haben, die ganz bestimmte Menschen einfach abhängt. Einfach abhängt – oder zumindest dafür sorgt, dass diese weit weit hinter ihren Möglichkeiten leben. Ich habe so viele komplett resignierte Menschen kennen gelernt.

Dass das Thema Kinder so prominent auf dem Camp verhandelt wurde, lag auch daran, wer für sich in Anspruch nehmen kann, Dinge zu thematisieren und wer die eigenen Probleme als permanent verhandelbar betrachten kann und wer nicht.

*schnipp*
Es macht mich einfach ratlos. Und das nicht erst seit diesem Artikel.

Die Eltern-vs-Nicht-Eltern-Kiste – please do not reload

Vor fünf Jahren echauffierte ich mich schon über diese schwierige Eltern-nicht-Eltern-Kiste. Sie ist nun wirklich nicht neu, wobei auch ich zugeben muss: Was da vom Gendercamp an Erfahrungen überschwappt hat selbst mich nochmal überrascht! Das hat echt nochmal eine neue Qualität. Als ich aber damals bei Neon.de darüber schrieb, kam ein ziemlich kluger Kommentar, den ich euch zu lesen empfehle, indem ich hier seine Conclusio zitiere:

Jede Form eines Dogmatismus, der Andersartigkeit verurteilt, unterdrückt und bekämpft, ist stets Ursache von Unzufriedenheit und Leid. Wahre Freiheit erlangt man erst durch Toleranz des eigentlich Unerträglichen. Dann gäbe es auch keinen Grund mehr, zwischen Rauchern/Nichtrauchern, Eltern/Kinderlosen, Jungen/Alten, Linken/Rechten, Schwarz/Weiß, Schwarz/Rot, Gold/Gelb, zwischen Gut und Böse unterscheiden zu müssen: Alles wäre Eins.

das klingt vielleicht naiv und nicht machbar. Aber als Vision und Maxime meines Handelns ist es sinnvoll: Wer mir unterstellt ich inszenierte HeteroKleinfamilie ist nicht auf Dialog und Respekt bedacht, der erzeugt nur neue Unzufriedenheit und neues Leid – zuallererst in sich selbst, über das Aufschreiben dann auch bei anderen.

Ergänzungen 21:47 Uhr, 23.05.2012: Die Blogs, die ich außerdem las waren Antje Schrupp, Glücklich Scheitern, Simon Kowalewski, Adrian Lang. Das darf hier gerne als Leseempfehlung interpretiert werden.

Änderung 24.05.2012, 19:15 Uhr: den letzten Absatz würde ich so vermutlich nicht nochmal schreiben. der ist eigentlich überflüssig, zu pathetisch und wirr…

Ergänzung 25.05.2012, 12:51 Uhr: Einen sehr ausführlichen und lesenswerten Beitrag aus Sicht eines Menschen der sowohl dem AwarenessOrga-team angehörte als auch ein Kind dabei hatte möchte ich noch empfehlen: „Das GenderCamp war kein Ponyhof“. Spannend finde ich vor allem die zwischen den Zeilen hervorkommende Feststellung dass man sich nicht einerseits über „Unsichtbarkeit“ beklagen und andererseits einfach nichts sagen kann. Und die Bitte, Kritik doch am besten in einem Gespräch miteinander anzubringen, weil das ein Weg sei, der anderen Möglichkeiten eröffnet, zu Handeln. Problematisch finde ich, wenn der Eindruck entsteht, ein Elternpaar, das Händchen hält, würde HeteroKleinfamilie inszenieren – was mir am Ende des Blogposts ein bisschen so ging. Hier würde ich immer noch gerne mehr diskutieren, was das sein soll, dieses „Inszenieren“ (Henning Wötzel-Herber, dem Autor, war es letztendlich auch nicht klar, was konkret das heißen soll). Problematisch finde ich daran weiterhin, dass die Verantwortung (in meinen Augen unzulässiger Weise) auf die Eltern verschoben wird (siehe dazu auch den Schluss des Kommentars von A.S. weiter unten).

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Moral oder Politik?

Das ist eigentlich nicht die Frage. Eine Replik auf Susannas Blog-Text.

Es gibt Orte der Moral. Und es gibt Orte der Politik. It’s as easy as that. Und es gibt ethische Politik. Und bei der Ethik würde ich zwischen Verantwortungsethik und Gesinnungsethik zu trennen versuchen. Beides hat ja seine Existenzberechtigung. Nur eben zu unterschiedlichen Zwecken.

Moral hat stets einen normativen Anspruch. Den kann Politik durchaus auch haben. Ich selbst bin Grüne und habe Parteipolitik jahrelang miterlebt, innerparteiliche Debatten aus der Warte der  Jugendorganisation beobachtet und teilweise auch mitzugestalten versucht. Dass mein Herz grün ist, das weiß ich eigentlich schon beinahe seit ich 16 Jahre alt bin. Und schon in der Grundschule ging ich für die Rettung der Wale Unterschriften an den Haustüren der BewohnerInnen von Igersheim sammeln. Das Wort „Gutmensch“ wurde nicht nur einmal an mich gerichtet und ich glaube, dass ich teilweise religiösen Eifer an den Tag gelegt habe, wenn es darum ging, Menschen davon zu überzeugen, dass wir die Umwelt zerstören, wenn wir zu viel Auto fahren. Oder Menschen zu erklären, dass es sich lohnt ökologisch Auto zu fahren. Ich war jahrelang eine von diesen grünen „Fundis“ (mittlerweile sind Flügel innerhalb der Partei für mich einfach nur noch eine Last – denn gesinnungsethisch sind sie gleichermaßen). Wenn ich über Bildung diskutiere, werde ich sehr emotional, und wenn ich den Film „Spitze – Schulen am Wendekreis der Pädagogik“ sehe (der mich seit über zehn Jahren verfolgt), dann muss ich weinen. Ich finde gelinde gesagt das deutsche Schulsystem und die Deutsche Art Bildung zu betreiben wirklich: Unmenschlich. Und das ist eine normative Aussage. Wenn ich über die Schulreform-Verhinderer in Hamburg schreibe, werde ich moralisierend, glaube ich. Davor ist nun wahrlich niemand gefeit. Aber:

Wenn ich diese Leute (bleiben wir einmal bei dem Beispiel) thematisiere, dann nehme ich sie ernst. Und wenn ich ihnen vorbete, warum und wieso und weshalb wir ein besseres Bildungssystem brauchen, dann weil ich glaube, dass es notwendig ist, bei einem so massiven Umbau der gesellschaftlichen Struktur so viele Menschen wie möglich mitzunehmen. Es ist ja so: Wenn eine Frau XY oder ein Vorstandsvorsitzender Blupp argumentieren, dass ihr Kind von einem Arbeiterkind nichts lernen könne – umgekehrt aber schon, dann drückt dies eine aus Elternperspektive erstmal legitime Sorge aus, die ich berücksichtigen muss, wenn ich am Schulsystem rumschrauben will. Dann kann ich zwar sagen: Ich halte das für eine egoistische Einstellung. Aber meine Hauptaussage ist in dem Zusammenhang immer die gleiche: Die haben es einfach noch nicht kapiert, dass ALLE Kinder davon profitieren würden, hätten wir ein Bildungssystem wie in Skandinavien. Und weil sie es nicht kapieren, weil sie einfach uninformiert sind und sich selbst zusammenreimen, wie das wohl sein muss, wenn wir plötzlich so ein Schulsystem bekommen, „wie in der DDR“  („Sozialismus“!) – fahren sie zur Selbstverteidigung die Krallen aus. Hätten sie mal den Film von Reinhard Kahl gesehen, dann würden sie vielleicht anders denken. Natürlich liegt es für eine Linke wie mich nahe, diese HambugerInnen zu schlechten Menschen zu erklären. Aber: Für mich liegt es näher, zu sagen, dass sie es nicht besser wissen und dass ihr eigener Horizont halt noch etwas eingeschränkt ist. Das ist dann eine politische Herangehensweise. Noch politischer wird diese, wenn ich darum weiß, dass meine eigene Vision von Bildung auch Schwachstellen haben kann, die ich nicht berücksichtige – die mir aber von meinen politischen Gegnern vorgehalten werden könnten. Das Ernstnehmen hat somit den doppelten Zweck einerseits die Demokratie zu stabilisieren und andererseits aus Extremen auch eine mehr oder weniger gesunde Mitte zu basteln.

Puh, genug abgeschwiffen. Zurück zur Ausgangsfrage: Wie viel Moral verträgt die Politik? „Moral oder Politik?“ weiterlesen

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Moralisierung und Abgrenzung

Ich fragte euch neulich, wo für euch das Politische in dieser Digitalen Medienwelt ist. Viel Feedback kam da ja nicht.

Mittlerweile bin ich fast geneigt: Es gibt hier nichts Politisches. Oder: Man muss es mit der Lupe suchen. Politisch ist für mich nämlich nicht, mit anderen heititei zusammen an der heilen Welt zu basteln – ungeachtet der Tatsache, dass es Feinde meiner Ideale gibt. Es heißt für mich: Zu versuchen mich gegen diese Kontrahenten, gegen die Leute, die in meinen Augen gegen meine Ideale handeln, durchzusetzen. HEGEMONIE erlangen wollen. Und ich weiß: Also dieses Wort! He-ge-mo-nie.- böses Wort… O_o

Ich könnte auch behaupten: Die digitale Medienwelt zerstört in ihren momentanen sozialen Auswüchsen das Politische. Ein Indiz dafür sind die florierenden Rage-Accounts auf twitter (ja, ich habe auch einen), wo die Menschen sich dann in einem kleinen, protecteten Millieu noch trauen, auch mal „böse“ Dinge zu sagen. Da ich hier auf ein Problem zu sprechen komme, das eine große Kontroverse auslösen könnte, möchte ich erst einmal definieren, was ich unter „dem Politischen“ verstehe. Angelehnt an Chantal Mouffe, die sich wiederum auf den „bösen“ Carl Schmitt beruft, sehe ich darin die Existenz und die nicht-moralische Austragung von Konflikten. Von Agonismen. Mit nicht-moralisch meine ich, dass es nicht darum geht, auf einer moralischen Ebene zu argumentieren und damit der anderen Meinung komplett die Existenz-Berechtigung zu entziehen, sondern eben darum, politische Auseinandersetzungen zu führen.
„Moralisierung und Abgrenzung“ weiterlesen

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