Ab heute im Handel: Das alles und noch viel mehr…!

Wie wäre es, wir Bürger würden auch ein Wahlprogramm zur Bundestagswahl im September 2013 vorlegen? Welches sind die Vorhaben, die mehr als 80 Prozent der Bevölkerung von der nächsten Regierung umgesetzt wissen wollen? In dreißig Kapiteln werden über alle Ressorts hinweg die wichtigsten und dringendsten Gesetzesvorlagen beschrieben – von der Finanztransaktionssteuer über die Lohnpolitik bis zum Naturschutz.

Peter Zudeick, bekannt für seinen wunderbaren satirischen Wochenrückblick, hat eine bunte Auswahl an Autorinnen (darunter meine Wenigkeit) zusammengetrommelt, die konkrete Änderungen für die Politik auf den Tisch legen: Es geht, sofort eine bessere Gesellschaft zu machen. Man muss nur entscheiden. Das alles und noch viel mehr würden WIR machen, wenn wir Kanzler_innen von Deutschland wär’n!

Mit Beiträgen von Brigitte Baetz, Jens Berger, Mathias Bröckers, Christoph Butterwegge, Jürgen Döschner, Bettina Gaus, Klaus Gietinger, Ulrike Herrmann, Wolfgang Hetzer, Wolfgang Lieb, Claus-Peter Lieckfeld, Wolfang Neskovic, Sven Plöger, Ines Pohl, Stefan Reinecke, Katrin Rönicke, Claudia Roth, Tom Schimmeck, Ulrich Schneider, Rudolf L. Schreiber, Werner Seidel, Hanjo Seißler, Sahra Wagenknecht, Ulrike Winkelmann.

Mein Beitrag behandelt unter dem Titel „Starke Kitas – Starke Familien“ den Komplex der Vorschulpolitik. In drei konkreten Schritten würde ich als Kanzlerin von Deutschland die Kitas deutlich verbessern und stärken. Gleichzeitig aber müssen auch die Familien als „echte“ Betreuungs- und Beziehungsinstitutionen ernst genommen und gestärkt werden. Eigentlich ganz einfach – und doch verlangen diese Änderungen viel Engagement. Wie es klappen kann, wenn die Prioritäten anders gesetzt werden, das beschreibe ich in meinem Beitrag.

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Ich diskriminiere Eltern, weil die Gesellschaft mich diskriminiert

Dieser Artikel enthält neue Ergänzungen

Disclaimer
Sorry. Aber es muss raus. Alle, die es nicht mehr ertragen können, wie ich mich angeblich an Nadine Lantzsch abarbeite (ein Vorwurf, der mir gemacht wurde, den ich nachvollziehen kann, aber den ich nachher nochmal kurz zurückweisen möchte) lesen bitte einfach nicht weiter.

Alle anderen seien willkommen. Ich möchte auch – wenngleich ich mich sehr ärgere, weil ich bei dem Thema eine Betroffenheit verspüre – versuchen mich strikt an die Inhalte zu halten (was ich IMHO auch in der Vergangenheit getan habe, aber für Gegenbeweise bin ich sehr offen, denn auch ich möchte an mir weiter arbeiten. Und mir ist einfach der Diskurs wichtig! deswegen schreibe ich ja auch wieder. Achso – das war eigentlich auch schon das Zuückweisen der Kritik. Ich schreibe solche Texte hier nicht, weil ich was gegen die Person Nadine Lantzsch habe, sondern weil ich das Gefühl habe, dass man ihren Inhalten etwas entgegen setzen muss. Ich schreibe oft dann nicht, wenn andere das eh tun. Aber oftmals sagt halt niemand was – also kann ich nicht anders).

Berichte vom Gendercamp

Ich las in verschiedenen Blogs Berichte vom Gendercamp. Weil ich selbst nicht dort war, aber aus netzfeministischen Gründen durchaus Interesse daran habe, nahm ich mir dafür sogar verhältnismäßig viel Zeit, um ein einigermaßen rundes Bild von den Eindrücken zu bekommen. Angefangen habe ich bei Suzanna, die den Dominanz-Vorwurf problematisiert hat (sehr empfehlenswert! ein für mich ziemlich wichtiger Beitrag zu einer Debatte, die mich auch zerknirscht macht. aber off topic hier). Mehrere Leute verlinkten in ihren Posts auf Medienelite. Also sortierte ich das als „wichtig“ ein und landete dann doch dort (denn ja: ich versuche, dem Vorwurf aus dem Weg zu gehen, ich würde mit „Allianzen“ und „Methoden“ böses gegen sie tun… das kann ich aber nur, indem ich es nicht lese… was gut funktioniert – vermutlich für beide Seiten netter so).

Der Text war zuerst auch für mich recht unproblematisch. Die Autorin fühlte sich auf dem Gendercamp weitestgehend wohl. Das ist doch gut. Denn die meisten anderen auch. Wie ich aber auch anderswo schon las, scheinen die Kinder dort eine wahnsinnige Irritation gewesen zu sein. Aus der Ferne scheint es, als seien ganz schön viele völlig menschliche Verhaltensweisen dramatisiert und dann stigmatisiert worden. Nicht jedeR mag Kinder, nicht jedeR kann mit Kindern. Und wenn ein Mann sich etwas zurückhaltend verhält, wenn es an die Aufteilung der Betreuung geht, weil er keinerlei Erfahrung und in dem Bereich wenig Selbstvertrauen hat (zumindest weniger, als in anderen Bereichen), dann ist es IMHO recht unwirsch, diesem dann Kackscheiße-Verhalten an den Kopf zu knallen. Wie war das mit der Dominanz? Vielleicht gibt es irgendwo auch einen Punkt, an dem die Problematisierung von allem und jedem Verhalten so dominant wird, dass es ausgrenzend wird. (Eine These, die ich an die These knüpfen möchte, dass eine inhaltliche Debatte in der Kategorie der Moral zwangsläufig dazu führt, dass mindestens ein Teil der Debatte beendet wird).

Bei Medienelite aber stand mir dann doch der Mund offen. Es beginnt damit, dass konstatiert wird es solle

für alle(!) nachvollziehbar sein, wenn Menschen sich mit Kindern unwohl fühlen, und zwar, weil ihnen der Elternstatus, das Recht auf Familie abgesprochen wird oder schlicht körperlich nicht in der Lage sind/sein dürfen, Kinder zu bekommen oder zu erziehen/zu betreuen.

So weit, so nachvollziehbar. Es folgt eine kurze Erklärung, warum die Autorin selbst Betroffene ist und wie das System es ihr als Lesbe – und vielen anderen – erschwert, Kinder zu haben. Dann wird es aggressiver:

Mich nervt es, wenn Menschen mit Kindern sich als HeteroKleinfamilie inszenieren müssen vor anderen. Die eigene Performance darf im Zusammenhang mit Privilegien als (körperlich) unversehrter CisMensch und in einer heterosexuellen, monogamen Beziehung lebend ruhig überdacht werden.

Das ist eine Darstellung, die sowohl gegenüber den Adressierten, als gegenüber den Lesenden zutiefst unfair ist. Denn hier wird ein Urteil gefällt, ohne dass Beweise geliefert werden. Was genau ist eigentlich diese „Inszenierung“? Ich kann mir darunter absolut gar nichts vorstellen? Wie machen Menschen das – und noch viel wichtiger: Was genau stellt sich die Autorin vor, wie sich zwei sich liebende Menschen mit einem Kind zu verhalten haben, wenn sie mit diesem unterwegs sind? Wohin soll diese Kritik genau laufen?

Dann von jenen noch unterstellt zu bekommen, eine selbst sei kinderfeindlich, das Thema Kinder sei tabuisiert oder die Anwesenheit von Kindern werde von denen ohne Kinder als heterosexistisch interpretiert, da war für mich echt Ende im Gelände. Hier zeigte sich ganz offensichtlich die wenig queer-sensible bzw. heteronormative Struktur des Camps und ja, diese Vorwürfe und Umkehrungen sind nichts anderes als heterosexistische und transphobe Kackscheiße und ja, sie sind diskriminierend. Dieses Camp ist kein Ort, der außerhalb von Gesellschaft steht, insofern spiegeln sich in diesem Ort die gleichen Mechanismen, die auch außerhalb dessen Gesellschaft gewaltvoll strukturieren. Ergänzung 1: Dass gerade unter diesem Aspekt, Kinder als “problematisch für andere” von einigen Erziehenden konstruiert wurden, empfand ich als Unverschämtheit. Die eigentlichen Konflikte wurden auf die Kinder übertragen, Kinder wurden instrumentalisiert zur Konfliktumkehrung und Verschiebung von eigener Verantwortlichkeit.

Von Verantwortung und Respekt

Ich werde als heterosexuelle Mutter hiermit direkt aufgefordert, dass ich immer, wenn ich mit Kind unterwegs sei, verantwortlich dafür sei, dass ich „dahingehend Sensibilität zu entwickeln“ soll – also umsichtig damit umgehen soll, wenn sich andere unwohl fühlen, wegen meiner Kinder. Ähm – wie genau jetzt nochmal: Ach ja, ich weiß: Ich darf nicht „Heterokleinfamilie inszenieren“ o_O
Ja: Es macht mich wirklich sprachlos. Denn anknüpfend an so vielen wahren Problemen der gesellschaftlichen Diskriminierung wird hier in meiner Lesart nichts anderes betrieben als umgekehrt genau das. Denn wäre ich mit meinen Kindern auf dem Gendercamp gewesen, hätte ich dort diese Konflikte erlebt, dann hätte ich mit sicherheit genauso einen Text, der so ähnlich wie das folgende sein könnte, geschriebenschreiben können:

Es sollte für alle(!) nachvollziehbar sein, wenn Menschen mit Kindern sich unwohl fühlen, da man ihnen permanent, überall – egal ob in der S-Bahn, im Supermarkt oder im Gehaltsgespräch mit dem Chef („Sie haben ja ziemlich oft gefehlt, weil Ihr Kind so oft krank war“) – das Gefühl gibt: Ihr stört und du hast dein Kind und dein Leben nicht im Griff. Ich selbst bin Betroffene eines Systems, das mir ein selbstbestimmtes Muttersein zumindest sehr erschwert, mich aus allen gesellschaftlichen Bereichen ausschließt, in denen es Voraussetzung ist, zeitlich absolut flexibel zu sein und komplett selbstbestimmt; das mir kaum Möglichkeiten gewährt, zu einem ausreichenden Lohn zu arbeiten UND genügend Zeit für die Kinder – und am Ende auch mal für MICH zu haben. Ich bin sehr oft traurig deswegen und mache mir schon seit Jahren Gedanken darüber, und kämpfe politisch dafür, diese Arbeitsstrukturen, aber auch das schwierige Miteinander von Eltern und Nicht-Eltern zu verbessern. Viele Kinderlose blicken überhaupt nicht kritisch auf den eigenen sozialen Status. Viele entscheiden sich beispielsweise gegen “eigene” Kinder oder Erziehungsarbeit, weil sie die Verantwortung scheuen – zurecht: Die ist nämlich Riesengroß! Ich sehe eigentlich alle Menschen in der Pflicht dahingehend Sensibilität zu entwickeln: Wie fühlen sich Eltern? Welche Probleme haben sie und wie kann ich vielleicht mal ein Schärflein dazu beitragen, dass sie nicht permanent überfordert sind und sich ein Bein nach dem anderen rausreißen? Mich nervt es, wenn Menschen ohne Kindern so tun, als seien eigene Kinder auch „eigene Schuld“. Wenn die eigene Performance und Selbstdarstellung wichtiger ist, als auch einmal Rücksicht auf die Gefühle anderer zu nehmen, wenn der Respekt einfach mal wieder komplett verloren geht, aus lauter Selbstreferentialität.

Dieses Camp ist kein Ort, der außerhalb von Gesellschaft steht, insofern spiegeln sich in diesem Ort die gleichen Mechanismen, die auch außerhalb dessen Gesellschaft gewaltvoll strukturieren. Ergänzung: Die eigentlichen Konflikte wurden auf die Kinder übertragen, Kinder wurden instrumentalisiert zur Konfliktumkehrung und Verschiebung von eigener Verantwortlichkeit.

Dieser Text auf Medienelite ist leider komplett blind für die gesellschaftlichen Probleme von Eltern und spielt eine Diskriminierung gegen die andere aus. Das ist für mich zutiefst erschütternd. Als Mutter geht es mir so, dass ich ein tiefes Bedürfnis nach Solidarität empfinde, wenn ich andere Menschen mit Ausgrenzungserfahrungen treffe. In den vergangenen Jahren habe ich gelernt, dass diese sich mitnichten nur auf Race, Class oder Gender beziehen, sondern dass wir einen tiefsitzenden Sozialdarwinismus, gepaart mit einer turbokapitalistischen Arbeitskultur haben, die ganz bestimmte Menschen einfach abhängt. Einfach abhängt – oder zumindest dafür sorgt, dass diese weit weit hinter ihren Möglichkeiten leben. Ich habe so viele komplett resignierte Menschen kennen gelernt.

Dass das Thema Kinder so prominent auf dem Camp verhandelt wurde, lag auch daran, wer für sich in Anspruch nehmen kann, Dinge zu thematisieren und wer die eigenen Probleme als permanent verhandelbar betrachten kann und wer nicht.

*schnipp*
Es macht mich einfach ratlos. Und das nicht erst seit diesem Artikel.

Die Eltern-vs-Nicht-Eltern-Kiste – please do not reload

Vor fünf Jahren echauffierte ich mich schon über diese schwierige Eltern-nicht-Eltern-Kiste. Sie ist nun wirklich nicht neu, wobei auch ich zugeben muss: Was da vom Gendercamp an Erfahrungen überschwappt hat selbst mich nochmal überrascht! Das hat echt nochmal eine neue Qualität. Als ich aber damals bei Neon.de darüber schrieb, kam ein ziemlich kluger Kommentar, den ich euch zu lesen empfehle, indem ich hier seine Conclusio zitiere:

Jede Form eines Dogmatismus, der Andersartigkeit verurteilt, unterdrückt und bekämpft, ist stets Ursache von Unzufriedenheit und Leid. Wahre Freiheit erlangt man erst durch Toleranz des eigentlich Unerträglichen. Dann gäbe es auch keinen Grund mehr, zwischen Rauchern/Nichtrauchern, Eltern/Kinderlosen, Jungen/Alten, Linken/Rechten, Schwarz/Weiß, Schwarz/Rot, Gold/Gelb, zwischen Gut und Böse unterscheiden zu müssen: Alles wäre Eins.

das klingt vielleicht naiv und nicht machbar. Aber als Vision und Maxime meines Handelns ist es sinnvoll: Wer mir unterstellt ich inszenierte HeteroKleinfamilie ist nicht auf Dialog und Respekt bedacht, der erzeugt nur neue Unzufriedenheit und neues Leid – zuallererst in sich selbst, über das Aufschreiben dann auch bei anderen.

Ergänzungen 21:47 Uhr, 23.05.2012: Die Blogs, die ich außerdem las waren Antje Schrupp, Glücklich Scheitern, Simon Kowalewski, Adrian Lang. Das darf hier gerne als Leseempfehlung interpretiert werden.

Änderung 24.05.2012, 19:15 Uhr: den letzten Absatz würde ich so vermutlich nicht nochmal schreiben. der ist eigentlich überflüssig, zu pathetisch und wirr…

Ergänzung 25.05.2012, 12:51 Uhr: Einen sehr ausführlichen und lesenswerten Beitrag aus Sicht eines Menschen der sowohl dem AwarenessOrga-team angehörte als auch ein Kind dabei hatte möchte ich noch empfehlen: „Das GenderCamp war kein Ponyhof“. Spannend finde ich vor allem die zwischen den Zeilen hervorkommende Feststellung dass man sich nicht einerseits über „Unsichtbarkeit“ beklagen und andererseits einfach nichts sagen kann. Und die Bitte, Kritik doch am besten in einem Gespräch miteinander anzubringen, weil das ein Weg sei, der anderen Möglichkeiten eröffnet, zu Handeln. Problematisch finde ich, wenn der Eindruck entsteht, ein Elternpaar, das Händchen hält, würde HeteroKleinfamilie inszenieren – was mir am Ende des Blogposts ein bisschen so ging. Hier würde ich immer noch gerne mehr diskutieren, was das sein soll, dieses „Inszenieren“ (Henning Wötzel-Herber, dem Autor, war es letztendlich auch nicht klar, was konkret das heißen soll). Problematisch finde ich daran weiterhin, dass die Verantwortung (in meinen Augen unzulässiger Weise) auf die Eltern verschoben wird (siehe dazu auch den Schluss des Kommentars von A.S. weiter unten).

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Die Mutter aller Sorgen

Am Muttertag fiel wieder auf: Mütter und Töchter – das kann eine ganz schwierige Kiste sein. Wobei das ein ziemlich geschlechterstereotypes Denkmuster ist. Oder?
 
Am Sonntag (13. Mai) war Muttertag, und ich kenne viele Freundinnen, die auf verschiedene Art und Weise an diesem Tag zu knabbern haben. Und sie haben auch unterschiedliche Strategien entwickelt, damit umzugehen. Die eine ruft bei ihrer Mutter an und weiß, dass es Kritik hageln wird, warum sie nicht öfters anrufe und dass sie ihre Mutter missachte. Die andere ruft erst gar nicht an, weil der Muttertag für sie keine Relevanz mehr hat; die Mutter ist keine besonders wichtige Frau in ihrem Leben mehr, eher eine Frau von vielen anderen, die man alle halbe Jahre einmal kontaktiert. Die dritte hat keinen Kontakt mehr zu ihrer Mutter. Die vierte ist am Muttertag auf jeden Fall bei ihrer Mutter zu Besuch und feiert mit ihr das gute Verhältnis und quatscht in einem fort mit ihr über das Leben.

Foto: CC BY-SA 2.0, Josef Türk Jun., via Flickr.com

Schon 2008 brachte Claudia Haarmann mit Mütter sind auch Menschen. Was Mütter und Töchter voneinander wissen sollten (Orlanda,
Neuauflage 2012) ein Werk heraus, das aufklären sollte, „was Töchter und Mütter voneinander wissen sollten“. Jetzt erschien die erweiterte Neuauflage. Dabei untersucht Haarmann interessanterweise nur die Beziehung zwischen Müttern und Töchtern. Natürlich könnte ich das kritisieren. Wo sind die Väter? Was ist mit den Söhnen? Warum werden beide einfach ausgelassen? – Das kann doch nicht gut sein, das stabilisiert doch bloß alte Klischees. Diese Einwände mögen alle richtig sein.

Doch das Buch trifft einen Nerv, es behandelt ein real existierendes Problem – und dieses Problem ist sehr eindeutig abgrenzbar von Themenfeldern wie „Mütter und Söhne“, „Väter und Kinder“ und „Elternkonflikte allgemein“. Haarmann selbst schreibt eigentlich nur auf, was sie einerseits selbst als Tochter beschäftigte, was sie in ihrer Praxis erlebte und was sie erfuhr, als sie sich umhörte und Frauen nach ihrem Verhältnis zur Mutter befragte: Es gibt einfach „etwas“, das diese Beziehung stärker prägt und in vielen Fällen belastet, als alle anderen Beziehungen in unserer Alltags- und Lebensrealität. Diesem „Etwas“ geht Haarmann auf die Spur, und auch wenn sie das nicht expliziert: Damit begibt sie sich gleichzeitig auf die Spurensuche nach einem Geschlechterparadigma, das vielleicht eines der hartnäckigsten in unserer Kultur ist.

Das „Etwas“

Dabei dröselt sie zunächst feinsinnig die vielfältigen Erwartungen an Mütter auf und fokussiert damit bereits einen Quell dieses „Etwas“. Eine Mutter sei bereit, „die Folgen jeder Fehlentwicklung auf sich zu nehmen“. Was sehr pathetisch klingt, ist natürlich nicht ganz von der Hand zu weisen: Selbst wenn eine Mutter diese Verantwortung von sich weisen mag, ist sie doch bis heute für die Gesellschaft die Hauptverantwortliche für das Wohlergehen ihrer Kinder. Haarmann analysiert: „Unsere Rollendefinition von Mütterlichkeit rechtfertigt Erwartungen, die nie ein Ende finden.“

Das Neue aber ist (und das kommt bei Haarmann noch nicht vor), dass diese Verantwortung sich mittlerweile auch auf die Väter ausweitet. Von „Helikoptereltern“ ist die Rede, von Eltern, die aufgrund dieser Verantwortung, die man ihnen zuschreibt und die sie – ganz wichtig! – auch annehmen, permanent wie Helikopter über den Aktivitäten ihrer Kinder kreisen. Es ist ein anderes Kapitel dieser Geschichte, dass daraus bereits eine sehr lukrative private Förderindustrie erwachsen ist. Auch steht auf einem anderen Blatt, dass der Hyperfokus der ökonomischen Verwertbarkeit von Menschen und ihren Kompetenzen vielleicht einer der zentralen Kulturmerkmale der westlichen Gesellschaften geworden ist, ein Universalismus nahezu, der sich in Bildungsstandards, weltweiten Vergleichstests und nicht zuletzt auf dem Ratgebermarkt zu Elternschaft, Bildungsförderung und Erziehung ausdrückt.

Doch Menschen ohne Macken – wo bitte soll es die geben? Das Leben ist voller Brüche und Irrtümer. Psychotherapeuten sind heute eine der gefragtesten Berufsgruppen. Meistens sind sie auf Monate ausgebucht. Wir haben so viele Macken, dass wir ständig neue Syndrome und Störungsbilder (er)finden, die man therapeutisch, manchmal auch medikamentös, behandeln lassen kann. Wir gehen dermaßen in uns und unsere Geschichte, dass wir ausgehend von unseren aktuellen Problemen nicht anders können, als die Gründe zu suchen, die Verantwortlichen zu finden, die uns am stärksten prägten und formten. Kulturell bedingt sind das für heutige Erwachsene die Mütter. Und auch Studien zeigen, dass die Mutter den größten Einfluss auf die Mathematiknoten eines Kindes hat. Haarmann sagt dazu: „Damit sind wir in der folgenreichsten Dynamik […]: der Schuld.“

Die Mutter als Frau

Sie unternimmt eine recht spannende Reise zur Ursache und auch zur möglichen Auflösung dieses Konflikts. Sie verortet die Ursache in früheren Traumata, die von Generation zu Generation weitergegeben werden, zum Beispiel Kriegserfahrungen. Und das ist eine Theorie, die sich langsam zu mausern beginnt. Sie sucht in der Neurobiologie nach Erklärungen für gelingende und misslingende Beziehungen, und schlussendlich stellt sie ihre Leserinnen vor eine sehr große Mutprobe: Sie thematisiert den echten und offenen Kontakt zu unseren Müttern. Indem wir nach der Geschichte unserer Mutter als Frau fragten, so legt Haarmann nahe, ermöglichten wir es uns und ihr, in mehr gegenseitigem Verstehen auch einen entkrampfteren Kontakt zu bekommen.

Das Buch nimmt dabei die gesetzten Rollenerwartungen an Frauen – seien sie Mütter, Töchter oder beides – erst einmal als gegeben hin. Es ist wirklich nicht Haarmanns Ziel, diese zu sprengen. Wenngleich man diese Herangehensweise kritisieren könnte, bin ich nach langem Hadern zum Schluss gekommen, dass dies eine große Stärke dieser Analyse sein könnte: Sie holt die Menschen dort ab, wo sie stehen, und lässt sie so sein, wie sie nun einmal sind. Sie vermeidet damit, aufs Neue die Beziehung zweier Menschen mit einer übergroßen und schwierigen Aufgabe zu überladen. Schön aber, dass das Buch Haarmanns Sohn gewidmet ist.

Dieser Text erschien zuerst als Kolumne auf freitag.de.

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„Erstmal das Einander-Respektieren und Zuhören“

Zu meiner vorletzten Kolumne mit dem Titel „Zusammenerziehend!“ gab es eine sehr schöne, lange und auch produktive Debatte – wie ich finde. Besonders engagiert diskutierte Ideefix, der sogar eine längere Antwort in Form eines Blogtextes formulierte (leider nicht mehr verfügbar). Ideefix hat entlang der geschlechterstereotypen Rollenaufteilung bei der Kinderziehung die Erfahrung gemacht, wie diese sich mindestens ebenso negativ auf seine Ausgestaltung einer aktiven Vater-Rolle auswirkte, wie ich sie allzu oft bei den Müttern erlebe. Er berichtet somit von der zweiten – nur seltener thematisierten – Seite der selben Medaille. Ich finde diese Sichtweise in der momentanen Debatte um Väterkultur – wie sie in einem klassischen Negativbeispiel derzeit bei der SZ nachzulesen ist – so wichtig, dass ich euch hier Auszüge aus seinen Kommentaren anbieten möchte. Mehr davon gibt es dann wie gesagt unterhalb meiner Kolumne. Und hoffentlich irgendwann auch andernorts wieder.

[…]

Meine Konsequenz daraus war übrigens, die Hauptverantwortung in der Erziehung zu übernehmen, aber nicht nur als häuslich präsenterer Elternteil, sondern als Realvater – auch für unseren Jüngsten (andere Mutter).
Glauben Sie meine Ex hat sich ab dem Moment auch nur eine Sekunde auf Zusammenerziehung eingelassen? Nene. Sie wollte weiter die Leitlinien machen, in Vorgaben gehen und die Ziele bestimmen – da sie als Frau meinte sie habe Anrecht auf die Anerkennung eines ihr durch die Mutterschaft zukommenden Definitions – und Deutungshoheitsanspruchs, der einem Führungsanspruch in Fragen der Erziehung gleichkommt.

Damit hängt zusammen, dass es auch eine nicht unbeträchtliche Beschämung darstellen kann, wenn eine Mutter in Fragen der Aufzucht und Erziehung nicht die gewohnte Hauptrolle spielt und sich die Aberkennung des o.g. mütterlichen Anspruchs dann z.B. in Denunziationen des Vaters auslebt.

Zusammenerziehung wäre eine schöne Vision, leider bricht sie sich zu oft an inkorporierten und internalisierten Übermütterlichkeiten, welche mir synonym zu weiblichen Hamsterrädern erscheinen.

und: „„Erstmal das Einander-Respektieren und Zuhören““ weiterlesen

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Kolumne: Zusammenerziehend!

Warum denken bei dem Wort „alleinerziehend“ alle nur an Frauen? Ich plädiere für ein weitergefasstes Verständnis von Erziehung – gerade bei Trennungen.

Wenn eine Frau, die zusammen mit einem Mann ein oder mehrere Kinder hat, sich von diesem Mann trennt oder gar nie fest mit ihm zusammen war, dann nennt man sie „alleinerziehend“ – egal, wer die Kinder erzieht. Zwar ist es in der deutschen Muttermythos-Gesellschaft nach wie vor typisch, dass eine Mutter in dieser Situation mehr oder weniger (mutterseelen-)allein erzieht. Trotzdem ist es gleichzeitig symptomatisch, wenn es für andere Konzepte gar kein Wort gibt. Wenn also zwei oder mehrere Menschen an der Erziehung von Kindern teilhaben, ohne eine Paarbeziehung zwischen sich, wie nennt man das dann eigentlich? Da reden viele von „Patchwork“ – aber niemand bezeichnet sich selbst als „patchworkend“. Oder wenn Kinder zwischen zwei Orten „pendeln“, zwei Zuhause haben – von denen keines mehr oder weniger wichtig für sie ist? All diese Lebenskonzepte werden unter „alleinerziehend“ subsummiert. Das Wort „zusammenerziehend“ ergibt keine relevanten Suchmaschinen-Treffer. Geschweige denn, dass es für dieses Wort eine statistische Kategorie gäbe!

Unheilvolle Assoziationskette

Das Interessante ist, was nun passiert, wenn eine Frau sich „alleinerziehend“ nennt oder von anderen so genannt wird – was sich dann für eine Assoziationskette in den Köpfen abgespielt! Da ist das vaterlose Kind, das größere Armutsrisiko, die Vielfachbelastung und das alles generiert Mitleid, Bedauern und letztendlich: Schwäche. Diese Frau hat es schwer. Alleinerziehende Väter sind rar, werden aber mehr. Nur: Sie stellt man sich bei der statistischen Zusammenfassung „Alleinerziehende in Deutschland“ gar nicht erst vor. Sie fallen einfach raus. Wenn sie an der Erziehung der Kinder genauso teil haben, wie deren Mütter, dann steht man ihnen zwar bewundernd, aber ohne Begriffe für das, was sie da leisten, gegenüber.

Das Fehlen eines Wortes, so behaupte ich, konstruiert hier eine ganz ungute Dynamik: Es macht Frauen nicht nur Angst, sich in diesen mit lauter negativen Attributen belegten „Zustand“ zu begeben (und damit in ein Armutsrisiko und eine ganz allgemeine Opferrolle) – womit die Vater-Mutter-Kind-Familieals normatives Deutungsmuster wieder einmal gestärkt wäre. Es reproduziert gleichzeitig viele Rollen-Stereotype rund am den ganzen Themenkomplex „Familie“. Trotz aller progressiven Diskussion rund um den Begriff „Familie“, der sich in den vergangenen Jahrzehnten vielerorts entwickeln konnte, werden wir auf diese Weise von hinten durch die Brust ins Auge getroffen: Als „Alleinerziehende“ reproduziert eine Frau den Muttermythos.

Da stellt sich doch die Frage: Warum gibt es eigentlich keine Kultur des Zusammenerziehens?

Keine Trennung auf der „Elternebene“

In erster Linie, wird man mit Blick auf die Familienstatistik sagen können, liegt das daran, dass es immer noch keine Kultur des präsenten Vaters gibt. Zumindest nicht in der breiten Masse. Projekte wie der Väterblog brechen diese Lücke auf, werden aktiv, motivieren. Und viele kleine Projekte aka Gleichberechtigte Elternschaft brechen im Kleinen mit der Tradition (wie etwa Susanne Klingner). Der zweite Knackpunkt ist, dass es in Deutschland keine „Trennungskultur“ gibt – wie Mathias Voelchert beklagt. Das bedeutet, dass viele Paare sich heute noch auf die schlechtmöglichste Art und Weise trennen, egal, ob da gemeinsame Kinder sind oder nicht. Sie schlagen in ihrer Wut, Trauer und Enttäuschung alles so kaputt, dass hinter ihnen nur noch ein Scherbenhaufen bleibt, der es dann nicht mehr wirklich ermöglicht, zusammen an einem Strang zu ziehen. Erst langsam setzt sich in dieser Gesellschaft die Idee durch, dass eine Trennung auf der „Paarebene“ noch lange keine Trennung auf der „Elternebene“ bedeuten muss. Letztendlich zeigt es auch, dass eine Beschäftigung mit dem Thema „Trennung mit Kindern“ viel stärker als bislang in die Hände der Väter gehört.

Natürlich sind viel zu viele Frauen alleinerziehend – und können es sich auch nicht wirklich anders aussuchen. Es steckt noch sehr tief in unserer Kultur, dass Frauen sich um die Kinder kümmern (dazu wird demnächst das spannende Buch Mamaland von Sabine Scholl erscheinen; eine erste Impression gibt es in Lettre International). Aber wieso fangen wir nicht endlich an und schaffen mit neuen Wörtern die Startbahn für neue Realitäten? „Zusammenerziehend“ kann dabei vieles bedeuten: Dass zwei Personen, in der Regel die leiblichen Eltern, trotz Trennung auf der „Paarebene“ gemeinsam Verantwortung übernehmen, gleich präsent sind. Oder dass sogar 2+x Personen daran teilhaben.

Familie ist eine Verantwortungsgemeinschaft – das geht weit über Vater, Mutter und Kind(er) hinaus. Der Soziologe Hans Bertram spricht zum Beispiel von einer „multilokalen Mehrgenerationenfamilie“ – ein modernes Konzept, bei dem die Großeltern, wenngleich sie oft weit weg wohnen, sehr aktiv an der Erziehung teilhaben. „Multilokal“ – das kann ja auch auf die Situation der leiblichen Eltern zutreffen. Und dann kommen noch die – wie Jesper Juul sie nennt – „Bonuseltern“ ins Spiel. Schlussendlich sollten wir uns vielmehr die Frage stellen: Wer trägt in einer Gesellschaft die Verantwortung für die Kinder? Und warum ist es für uns so selbstverständlich geworden, diese Verantwortung ins Private, zur Mutter abzuschieben – anstatt dass sich wie in einem afrikanischen Sprichwort „ein ganzes Dorf“ dafür mitverantwortlich fühlt?

 

(Dieser Artikel erschien zuerst als Kolumne auf freitag.de – wo sich eine sehr beachtenswerte Diskussion zum Thema entspann.)

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Das Y-Chromosomen hat nicht die Hosen an

(Dieser Text erschien zuerst als Kolumne auf Freitag.de)

Der Sohn unser Kolumnistin hat sich einen Rock ausgesucht. Als Feministin sollte sie das freuen. Aber so einfach ist das nicht mit der geschlechtersensiblen Erziehung

Tatsächlich wächst Leo seit eh und je zumindest von unserer Seite ohne geschlechtsspezifische soziale Vorgaben auf. Ich kenne viele Menschen, die fest glauben, dass Jungen von Natur aus am liebsten mit Autos spielen, aggressiver sind und nicht so gerne malen, wohingegen Mädchen sich gerne kümmern, sozialer sind und rosa brauchen. „Alles in den Genen.“ Für mich sind das Märchen.

Deswegen lasse ich beiden Kindern ihre Freiräume, in denen sie sich einfach entwickeln können, wie es ihnen passt. Das Gute ist, dass ich mit einem Jungen und einem Mädchen gesegnet bin. „Du und dein kleines Gender-Experiment“, sagt mein Mann immer schmunzelnd, wenn ich mich darüber freue, weil ich so an den beiden ausprobieren kann, ob und wie geschlechtersensible oder „-neutrale“ Erziehung funktioniert. „Das Y-Chromosomen hat nicht die Hosen an“ weiterlesen

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