Gelesen: „Tussikratie“ von Friederike Knüpling und Theresa Bäuerlein

Tussikratie? Was soll das denn sein? Auf dem Einband des Buches steht es hinten drauf, was das sein soll. Verkürzt und etwas provokativ:

Foto 1

1. pseudofeministische, eigentlich aber sexistische Diskursherrschaft
2. Weltbild, in dem Männer a) das traurige Beiwerk oder b) übermächtige Gegner sind
3. Verschleierung von Klassendifferenzen als Frauenproblem

Was dem Buch wahrscheinlich am allermeisten schadet, ist das Feindbild, das die Autorinnen konstruiert haben. Es prangt vom Titel, der Teaser, vermutlich nicht von ihnen, lässt schlimmstes vermuten. Frau Dingens mutmaßte in ihrem Stern-Blog, die „Tussi“, das sei eben die Feministin. Das ist aber falsch, was sie hätte wissen können, hätte sie das Buch auch gelesen, über das sie schrieb.

Am Anfang tat ich mich selbst schwer mit dem Feindbild. Das Vorwort war für mich nicht leicht zu lesen, denn dort definieren sie dieses Feindbild genauer aus und ich bin eigentlich immer eher geneigt, in der Sache zu debattieren und nicht entlang eines Feindes – der in diesem Fall ja auch noch konstruiert ist.

Aber im Laufe des Lesens merkte ich, was damit bezweckt wird: Die „Tussi“ ist nur das Konstrastmittel, mit dem die Geschwüre in den Gedärmen der Gesellschaft sichtbar gemacht werden. Das wird deutlich, wenn sie im Laufe des Buches immer seltener auftaucht, weil die Autorinnen an der Sache diskutieren und die gesellschaftliche Lage beleuchten – aber eben doch immer wieder nötig um darauf hinzuweisen, dass die „Tussi“-Argumente, die ja real existieren, in der Debatte nicht zu der Lösung des Problems führen, sondern schlimmstenfalls nur neue Probleme eröffnen. Die „Tussi“ ist für mich daher eher so ein Weberscher Idealtypus, den es so natürlich in Reinform gar nicht gibt, der aber dazu führt, dass Verschwommenes differenziert werden, diskutierbar gemacht werden kann. „Gelesen: „Tussikratie“ von Friederike Knüpling und Theresa Bäuerlein“ weiterlesen

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Geschlecht und die Responsibility to Protect: Analysen und Ansätze zur Berücksichtigung der Strukturkategie Gender in der internationalen Friedenssicherung.

Hausarbeit: Humboldt-Universität zu Berlin, Institut für Sozialwissenschaften, Lehrstuhl Theorie der Politik
Seminar: Humanitäre Militärische Intervention; Dozentin: Dr. Maja Bächler

Inhaltsverzeichnis

I.       Einleitung.
II.      Die Responsibility to Protect als neues Paradigma.
1.      Die Geschichte der Responsibility to Protect.
2.      Kritik an der R2P.
III.         Geschlechterperspektiven auf und für die R2P.
1.      Geschlecht als Strukturkategorie.
2.      Rollen und Stereotype in der R2P.
3.      Friedenssicherung als Care.
Zwischenfazit.
5.      Frieden durch Prävention.
IV.         Fazit.
Literatur.
Anhang.

I.                   Einleitung

Ende November im Jahr 2012 berichtete die BILD-Zeitung von Massenvergewaltigungen im Kongo[1]. Das ist insofern überraschend, als es nicht gerade zum Markenzeichen Deutschlands meistgelesener Zeitung gehören dürfte, sich zu Konflikten in Afrika zu Wort zu melden und dann auch noch ein spezifisches Problem der dortigen Frauen in den Fokus zu nehmen. Massenvergewaltigungen in bewaffneten Konflikten sind immer häufiger Gegenstand von Berichten in den Medien, es wird auf unzähligen Konferenzen über die Zunahme der Gewalt gegen Frauen debattiert und auch der Politphilosoph Herfried Münkler schrieb  in seinem Buch Die neuen Kriege: „Die gegen die Zivilbevölkerung ausgeübte Gewalt der neuen Kriege ist vor allem eine Gewalt gegen Frauen.“[2] Es ist eines der Kennzeichen der neuen Kriege, dass die Trennung von Kombattanten und Nonkombattanten aufgehoben ist[3]. Diese Aufhebung beschäftigte auch die internationalen Organisationen, namentlich die UN. So werden die Internally Displaced People, also die in ihren eigenen Staaten nicht mehr sicheren Menschen, der Auslöser für einen Report und der Auslöser für einen Paradigmenwechsel in der internationalen Friedens- und Sicherheitspolitik: Responsibility to Protect, Schutzverantwortung. Autor_innen verschiedener Publikationen und Artikel (von Münkler, über Bellamy, Butler, Tronto uvam.), sind sich einig, dass Interventionen zum Schutz von Menschenrechten und zur Beendigung von Bürgerkriegen der Ausdruck eines verantwortlichen Handelns seien. Verantwortlichen Handelns in einer Welt, in der die Art der Kriegsführung sich ebenso geändert hat, wie die Beziehung der Staaten untereinander.

Spätestens seit dem Ende des Kalten Krieges, so erklärt Joan Tronto, habe sich die Lage in der Welt entscheidend gewandelt: Die Staaten wüssten übereinander ziemlich gut Bescheid und bekämen davon mit, wenn einer von ihnen durch einen Konflikt oder einen Bürgerkrieg destabilisiert würde. Das führt zu einer neuen Konstellation: Wir haben uns durch unser Wissen nicht selten auch die Frage zu stellen, ob wir handeln, ob wir helfen können. Die Antwort auf diese Frage ist zudem in den meisten Fällen positiv zu beantworten: Es gibt durch die internationalen Organisationen Vereinte Nationen (UN) und NATO eine Infrastruktur, die bei der gegenseitigen Hilfe im Konfliktfall eingesetzt werden kann und es gibt in vielen Ländern der Welt Menschen, die dazu ausgebildet werden in solchen Konflikten zu helfen. Dies, so Tronto sind die beiden Bedingungen für Verantwortung: Man müsse wissen und man müsse eine Antwort geben können – handeln können. Im Falle der Schutzverantwortung, die häufig mit der Erfahrung des Genozids in Ruanda als Beispiel für Verantwortungslosigkeit der westlichen Mächte in Verbindung gebracht wird, ist es eine Pflicht geworden, für die Menschen auf der Welt, über deren Schicksal Bescheid gewusst wird, Verantwortung zu übernehmen. Tronto spricht hier von den Kapazitäten zu sehen und den Kapazitäten einzugreifen.

In der Welt, wie sie vor dem Ende des Kalten Krieges war, wussten die Staaten und Völker schon vieles übereinander, aber vieles war auch nicht bekannt, wurde verschleiert oder man musste den Informationen, die man bekam, misstrauen. Daran hat sich einiges geändert – wenngleich Medien und Bilder immer noch manipulative Wirkungen und Intentionen haben können. Doch die Manipulationen sind unterwanderbar. Reale Bilder strömen mit dem Handy aufgenommen durch das Internet in die ganze Welt. Blogger_innen setzen staatlich kontrollierter Berichterstattung eine andere Sicht auf die Dinge entgegen. Wir sehen mehr von unserer Welt, denn je. Wir sehen und wir bekommen mit diesem Sehen auch eine neue Art der Beziehung zueinander. Mit dieser neuen Beziehung, so die These, geht auch eine neue Forn der Verantwortung einher. Denn wir müssten nun aktiv wegsehen, wenn wir das gefährdete Leben an anderen Orten auf dieser Erde nicht sehen wöllten.

Die vorliegende Arbeit wird sich dem Phänomen dieser neuen Verantwortung widmen, die als Schutzverantwortung, im englischen Responsibility to Protect Einzug in die internationale Politik und die Ausrichtung der Friedens- und Sicherheitspolitik der Vereinten Nationen gehalten hat. Der besondere Fokus der Arbeit wird dabei auf der Rolle der Geschlechter-Perspektive liegen. In Rückgriff auf sowohl Autor_innen, die einerseits Expert_innen für die Internationale Politik, und die R2P im Besonderen sind, ergänzt durch die Perspektive feministischer Wissenschaftlerinnen und Autorinnen, soll der Frage nachgegangen werden, in wie weit die Schutzverantwortung in ihrer bisherigen Konzeptualisierung und Operationalisierung die weithin bekannte und mittlerweile auch über die Gender Studies hinaus anerkannte Strukturkategorie Geschlecht berücksichtigt. Ausgehend von der Analyse dieser Frage sollen Konzepte diskutiert werden, die Vorschläge zum Ausbau und zur eventuellen Verbesserung der Berücksichtigung der Strukturkategorie Geschlecht in der R2P und in den internationalen Friedensmissionen machen. Auf diesen Aspekten wird ein größeres Augenmerk liegen, dennoch soll zu Beginn zunächst eine kurze Einführung in die Entstehungsgeschichte der Schutzverantwortung, und auch eine Diskussion möglicher Kritik oder Legitimationsprobleme vorgenommen werden. Diese ist deswegen für die vorliegende Arbeit zentral, weil gerade aus feministischer Sicht der legitime Einsatz der humanitären Militärischen Intervention als Mittel der internationalen Politik stark angezweifelt wird und der Vorwurf, die Schutzverantwortung sei nichts anderes als ein „Wolf im Schafspelz“ schnell bei der Hand ist. Die vorliegende Arbeit macht es sich nicht zur Aufgabe, diesen Vorwurf zu bestärken oder zu entkräften. Nach einer kurzen und werturteilsfreien Betrachtung dieser Bedenken wird im weiteren Verlauf der Arbeit aus Gründen der Konzeptionalisierbarkeit von der Nullhypothese der prinzipiellen Möglichkeit einer legitimen humanitären Intervention ausgegangen. Welche Faktoren aus einer feministischen Perspektive und unter der Berücksichtigung der Strukturkategorie Geschlecht zu einer größeren Legitimation beitragen können – das ist die eigentliche und zentrale Frage dieser Arbeit. „Geschlecht und die Responsibility to Protect: Analysen und Ansätze zur Berücksichtigung der Strukturkategie Gender in der internationalen Friedenssicherung.“ weiterlesen

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Klarstellung zum Bundesforum Männer-Tweet

Liebe LeserInnen,

ich fühle mich ein bisschen unwohl, denn ich muss einen Fehler eingestehen, diesen will ich aber auch sogleich wieder relativieren – was grundsätzlich schwierig ist.

Am 15.10.2012 twitterte ich folgendes im Zusammenhang mit dem Bundesforum Männer:

von wegen, „Bundesforum Männer geht mit Maskulisten ins Bett“ – quark! die machen dort emanzipatorische Männerpolitik! http://t.co/j2bmUKOy

@dieKadda

Katrin Roenicke

Gestern sah ich durch Zufall (bzw. ich wurde darauf hingewiesen), dass sich auf twitter eine Debatte über meine Kolumne im freitag entsponn, darunter folgender tweet von acid23:

@ @ @ ich fand diesen Tweet von @ wirklich nicht toll http://t.co/JQBkMMqc

@acid23

Acid, Sprawl Scholar

ich glaube, ich habe etwa eine halbe Stunde gebraucht, um zu verstehen, was er meinte. Er hatte mueslikind, die nachgefragt hatte wegen des Statements geantwortet:

@ Den Text muss ich jetzt doch nicht lesen? Worum gehts?

@mueslikind

mueslikind

@ Nich wirklich. Darum, dass die Brüder von Agens & Manndat ja bedauerlicherweise nicht mitspielen weil sie Basics nich anerkennen

@acid23

Acid, Sprawl Scholar

Ich las das Statement daraufhin noch einmal in aller Ruhe durch, um acid23 zu widerlegen. Dann fand ich folgende Stelle:

Es ist bedauerlich, dass Organisationen wie Agens oder MannDat, sich bis heute nicht zu einer Mitgliedschaft entschließen konnten, weil sie nicht bereit waren, der Plattform unserer Zusammenarbeit zuzustimmen.

Das wird mir jetzt wieder niemand glauben: Aber die hatte ich bei meinem ersten Lesen überlesen. -.- Diese Stelle war mir als solche nicht aufgefallen und schon gar nicht aufgestoßen – ich muss sie wirklich total überlesen haben (am Schluss habe ich einfach auch gar nicht mehr so aufmerksam gelesen… mea culpa). Mich hat das gestern dann wirklich sehr erschüttert und es ist mir wichtig, an dieser Stelle klarzustellen: mein Fehler!

Ich lese es dennoch anders

Dann las ich aber weiter. Und ich kann nach ungefähr fünfmaligem Lesen nur feststellen, dass die Zusammenfassung, es ginge im Statement des Bundesforum Männer

Darum, dass die Brüder von Agends und Manndat bedauerlicherweise nicht mitspielen

echt falsch ist. Reißt man die von mir überlesene Stelle (und ja, es ist mir wirklich wirklich peinlich!) aus dem restlichen Zusammenhang, dann bleibt kein anderer Schluss als: Oh, das Bundesforum Männer ist traurig, dass MANNdat und Agens nicht mitspielen. Das halte ich aber für unzulässig und den Text auf diese Aussage zu reduzieren halte ich beinahe für eine böswillige Absicht. Eine Absicht, die sich bereits vor zwei Jahren in Buh-Rufen ergoss, als das Bundesforum Männer sich auf dem Forum Männer herausgrüdete.

In meiner Lesart – die nicht richtig sein *muss*, aber die für mich die einzige logische Erklärung für den Binnenwiderspruch im Text ist – handelt es sich hier um Sarkasmus. Natürlich weiß ich nicht, ob ich damit richtig liege – die Nullhypothese scheint ja momentan zu sein, das Bundesforum Männer will diese Leute ins Boot holen. Aber meine Antithese lautet: Nein, alles im Text und in der Ausrichtung des Forums spricht gegen diese Hypothese. Vielleicht grenzen sie sich für manche Geschmäcker ein bisschen zu sehr vom Feminismus ab – kann man ja finden. (ich finde, sie machen es ganz geschickt und lassen viele Optionen offen. Das Ziel ist wohl größtmögliche Anschlussfähigkeit für unterschiedliche Männergruppen. Und ich muss euch nicht erzählen, das Feminismus auch für viele Menschen, denen grundsätzlich an Geschlechterdemokratie liegt, ein rotes Tuch ist, oder?)

Gleichzeitig machen sie mehr als klar, worum es ihnen im Kern geht: Um Geschlechtergerechtigkeit. Und sie machen sich in meiner Lesart über jene eher lustig, die jetzt gerade rumplärren, die aber ansonsten auch gerne mal in den Medien sofort zur Stelle sind, wenn man zum Beispiel MANNdat als frauenfeindlich bezeichnet (was ich bereits tat): Dann erscheint irgendein Herr Maus, der ganz entschieden gegen so eine Verleumdung eintreten will. Das gefährliche an MANNdat und Agens ist, dass viele nicht erkennen, was deren Pudelskern ist. Den aber macht das Bundesforum Männer in seinem Statement durch die Hintertür klar, in dem sie nach den Gründen fragen, warum eigentlich die beiden genannten Männerclubs nicht beigetreten sind:

Warum nicht? Was ist männerpolitisch nicht konsensfähig daran, dass wir uns

gegen jegliche geschlechtliche Diskriminierung …
auf umfassende gesellschaftliche Gleichstellung der Geschlechter in ihren jeweiligen Entwicklungen, Identitäten und der Vielfalt ihrer Lebensentwürfe …
auf konstruktiven Dialog zwischen den Geschlechtern …
auf die Ermutigung und Unterstützung von Männern, ihre Rolle als aktive Väter wahrzunehmen und als positive Vorbilder und verlässliche Bezugspersonen für Jungen und Mädchen zur Verfügung zu stehen …
auf eine Arbeit mit Jungen, die Jungen Handlungsoptionen und Zukunftsperspektiven jenseits patriarchaler und einengender Rollenvorstellungen ermöglichen …
auf den Respekt vor der Vielfalt sexueller Identitäten und vor dem Recht auf sexuelle Selbstbestimmung …
auf die Überwindung von Gewalt und die Überwindung des Tabus des Mannes als Opfer von Gewalt …

verpflichten?

Wer diesen Grundsätzen nicht folgen kann, sollte dies auch in aller Öffentlichkeit deutlich machen, damit die Frauen und Männer in Deutschland wissen, woran sie sind. Wir haben die Prämisse unseres politischen Selbstverständnisses offengelegt: Geschlechtergerechtigkeit.

Zugegeben: Vorschusslorbeeren

Das Forum Männer hat von mir von der ersten Stunde an Vorschuss-Vertrauen erhalten. Denn es gründete sich unter anderem aus einer Gruppe, die dem Gunda-Werner-Institut bzw. der Heinrich-Böll-Stiftung nahestand. Und ich kannte einige der Männer aus der Gründungszeit durch gemeinsame Debatten und durch das lesen ihrer Texte. Und noch einmal: Die Ziele waren von Anfang an total klar: Geschlechterdemokratie.

Was für mich durch meinen kleinen Schock hängen geblieben ist: Ich muss das Vorschuss-Vertrauen auf jeden Fall überdenken und ich werde mich kundig machen, ob meine Vermutung, dass es Sarkasmus ist, stimmt. Erst wenn ich mir genügend Überblick über das Bundesforum Männer verschafft habe, um gewisse Dinge, die jetzt durch tweets wie oben von acid23 im Raum stehen, ausgeschlossen werden können, werde ich mich wieder positiv über den Verein äußern.

Nur dann bleibe ich mir wirklich treu. Ihr wisst ja: Offen, aber wachsam.

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Der Latte-Macchiato-Vater

„Wenn es um die Kindererziehung geht, ist die ewige Frage nach der Verteilung von Klugheit und Dummheit auf die Geschlechter deutlich entschieden – zu Ungunsten der Männer selbstverständlich.“ Tillmann Bendikowski hat es trotzdem gewagt und vom Tupperabend bis zur Beckenbodengymnastik nichts ausgelassen.

Das ist Opa, nicht Papa – aber ich fand das Bild so ansprechend. Quelle: CC BY-ND 2.0 von vionaleews via Flickr

Tillmann Bendikowski hat ein Buch geschrieben, das vermutlich vielen nicht gefallen wird. Es rüttelt an allzufesten Überzeugungen, die in diesem Land vielleicht so manifest sind, wie nirgendwo sonst: am Bild der Mutter. Der Mutter an und für sich. Denn Tilmann Bendikowski wurde genau das: eine Mutter.

Seine Mutterwerdung schildert er gleich zu Beginn von Allein unter Müttern, einem Buch, das bisweilen bitterböse ist, aber stets mit einem zwinkerndem Auge und nie ohne den nötigen Respekt für das Allzumenschliche. Zum Beispiel im Massagekurs für Babys, der Ort, an dem Mütterlichkeit regiert. Unhinterfragt.  Konkurrenzlos. Bendikowski drang ein in diese durch und durch weibliche Sphäre und als sein Kind aus nachvollziehbaren Gründen anfing zu brüllen, passierte es: Die Kursleiterin wollte das Kommando übernehmen. Mit den gebieterischen Worten „DAS KIND BRAUCHT EINE MUTTER!“ (sich selbst meinend) schubste sie den jungen Vater dahin, wo er von nun an und für den Rest des Buches sein würde: Seine Antwort lautete „Ich bin die Mutter!“ Er rettete sich und seinen Sohn aus dem Kurs nach Hause. Dort kuschelten Mutter und Kind für den Rest des Tages und mieden fortan solche Kurse, die es für Babys en Masse gibt.

Frauen führen hier das Regiment

Dass Bendikowski sich fortan als „Mutter“ bezeichnet ist vermutlich ein Affront – gegenüber Müttern wie Konservativen gleichermaßen. Wer sich hieran stört, wird das Buch insgesamt als eine Frechheit betrachten. Es spart nicht mit Hohn und Spott. Es ist ein Einblick in eine Welt, die bislang nur der einen Hälfte der Bevölkerung theoretisch offensteht: Die Welt der Alltagsorganisation rund um Kinder und Familie. Eine Welt, in der Frauen das Regiment führen, in der man Männer für das dumme Geschlecht hält. Eine Welt, die bislang fast ausnahmslos von Müttern selbst betrachtet wurde. In der Literatur, im Fernsehen, im Film – immer sahen wir durch die Augen einer Frau.

Mit Bendikowski aber sehen wir mit den Augen einer „männlichen Mutter“. Wir erleben Kinderschuh-Käufe, bei denen sich die Verkäuferin qua Geschlecht über die Kompetenz der männlichen Mutter erhebt. Nur eine von vielen übergriffigen Aktionen gegen sie. Wir erkunden, warum und wie Frauen über Frauen und Mütter über Mütter herziehen. Wie sich mittels Impfdebatte und Bio-Laden gegeneinander abgegrenzt wird. Und wie „normal“ das Ritual des Sich-Abgrenzens mittlerweile ist – so beliebt sogar, dass Buzzwords wie „Latte Macchiato-Mutter“ und „Feigheit der Frauen“ Bücher und Talkshows füllen. Bendikowski verschont niemanden, dennoch solidarisiert er sich mit Müttern. Er ist ja eine von ihnen.

Dass Geschlecht schon von den ersten Tagen an „gemacht“ wird, regt ihn ebenso auf, wie die moderne Erziehungshysterie und die Inszenierung von glücklicher Kindheit beim Kindergeburtstag (den man, was ich gar nicht wusste, von Menschen schon so organisieren lassen kann, wie eine Hochzeit von einem Wedding Planner). Bendikowski hat mich während des Lesens oft zum Lachen gebracht. Nahezu auf jeder Seite. Der Humor ist seine Waffe gegen alle festgefahrenen Gesetze der Mutterschaft. Und davon gibt es viele: Angefangen bei der Reinlichkeit im Haushalt, über die Frage „Kekse oder Kuchen“, bis hin zur gesunden Ernährung – Mütter haben strenge Verhaltenskodizes entworfen. Sich ihnen zu widersetzen, kommt einer moralischen Bankrotterklärung gleich.

Das kommt nicht von ungefähr: Der Druck der Gesellschaft lastet schwer auf ihren Schultern. Sie tragen nahezu allein die Verantwortung über das Wohl und Wehe der lieben Kleinen. Sie sind im Zweifel schuld. Schuldgefühle – der Autor hat ein feines Gespür für diese subtile aber wirkungsvolle Waffe, die wie ein Damoklesschwert ständiger Begleiter einer Mutter ist.

Was der Autor schafft, ist, durch die Beschreibung dieser Kodizes, durch ihre Überspitzung und das zwinkernde Auge einen Raum zu eröffnen, in dem man darüber lachen darf. Indem man es in Frage stellen darf. Und damit: Es selbstbewusst auch einmal anders machen. In Bendikowski fand ich einen Verbündeten. Einen der es genauso fragwürdig findet, Söhne ausnahmslos zum Fußballtraining schicken zu müssen. Der als einer von ganz wenigen den Instrumente-Zwang und die Unhinterfragbarkeit musikalischer Früherziehung skeptisch beäugt.

Eine kleine Hoffnung

Man muss nicht fragen, ob es einen Mann brauchte, diese Dinge in Frage zu stellen. Das brauchte es sicherlich nicht – viele Mütter vor ihm haben diese Fragen schon gestellt. Konnten darüber lachen. Doch genau wie er, waren auch sie oft ein bisschen die Außenseiterinnen – auf Spielplätzen, bei Elternabenden, im Kiez. Wer gewisse „Trends“ und „Sitten“ nicht mitmacht, ist oftmals ein kleiner Alien. Ob Mutter oder Vater. Was aber nach der Lektüre des Buches als Hoffnungsschimmer für uns Außenseiter-Mütter bleibt: Die Chance, dass ein Mehr an männlichen Müttern ein Weniger an Verhaltenskodizes mit sich bringen könnte. Eine schwache kleine Hoffnung.

Am Ende hat Bendikowski ein echtes Mutmachbuch geschrieben. Ein Lustmachbuch auf das „Abenteuer Familie“, das allen Überspitzungen zum Trotz, eingebettet in die ganz alltägliche Absurdität des Menschlichen, als ein lohnenswertes Unterfangen geschildert wird. Ein Unterfangen, dass vielleicht noch ein bisschen spaßiger werden könnte, wenn mehr männlich-mütterliche Gelassenheit Einzug hielte in das Reich der heiligen Brüste.

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Männliche Seilschaften als Vorbild für Frauen | von ideefix

In der Diskussion um meine letzte Kolumne beim Freitag entspannen sich wieder sehr interessante und beachtenswerte Dialoge und Einwürfe. ideefix sei herausgegriffen, da ich seine Einschätzung klassischer männlicher Seilschaften so bemerkenswert wie gruselig fand. Dennoch vermute oder besser: befürchte ich, dass er absolut Recht hat. Und dass hier eine der härtesten Stützpfeiler der Gläsernen Decke im Fokus steht:

@Donna

beachte bitte, daß die Seilschaften von Männern auch ein paar kleine Nebenwirkungen in Gestalt von Gruppenzwängen haben.

Für Führungskräfte, nur die sind Teil davon – die anderen haben die A-Karte, bedeutet das a die Priorisierung des Beruflichen zuungunsten des Familiären.
Es bedeutet b Mitmachen in Connections deren wesentliches Merkmal Homophobie und kultivierte Verachtung von Frauen und „Schwächlingen“ (d.h. Männer die nicht mitmachen oder mithalten können) ist.

Es bedeutet c, daß in männl. Seilschaften nicht nur verbale sondern auch sehr reale Nötigungen zu ritualisierten Sexismen bestehen, wozu die leader auf informeller Ebene einladen.
Konkret: nach dem Geschäftsessen folgt die saunatische Entspannung in Vorbereitung auf den Night-Club/Bordellbesuch zur Feier des xyz-Abschlusses…

Witzig ist das nicht.

Witzig auch nicht, daß soviel weibl. Personal für die Pflege männl. Seilschaften wie oben beschrieben bereitwillig verfügbar ist.

Ich fürchte du ahnst gar nicht, wie viele Männer einen von Pornographie und Prostitution gelenkten Blick auf Frauen internalisiert und habitualisiert haben. Sexismus ist nur der Ausfluss dessen.

Hast du immer noch Bock auf den männl. analoge weibl. „Seilschaften“?

Wieviel auf weibl. Kundschaft abonnierte männl. Prostituierte gibt es zur Unterlegung dieser Phantasie?

Was schätzt du?

LG
I.

Natürlich sollte man vorsichtig sein, Männer hier unter einen Generalverdacht zu stellen. Darum geht es hier mit Sicherheit nicht. Es geht vielmehr um ein besonders festes Bindeglied, eine Art Vertrauenskitt und Selbstbestärkungselement, das sich innerhalb einer rein männlichen Besetzung von Unternehmen mit großem Einfluss und großzügigem Budget breit machen konnte – siehe VW, ERGO (und hinter vorgehaltener Hand auch weitere Großkonzerne).

Solche Praxen stabilisieren die Geschlechterhierarchie extrem zuverlässig. Wer noch glaubt, man komme dagegen rein mit kompetenten Frauen an, die sich durch ihre Qualifikation beweisen, muss in Wolkenkuckucksheim leben. Es ist vielleicht eines der schmierigsten, aber auch eines der eindeutigsten Argumente für die Quote: Es liegt in der Natur der Sache, dass wir nicht wissen können, ob und wo solchen Praktiken überall Anwendung finden. Vielleicht sind VW und ERGO Einzelfälle gewesen – vielleicht die Spitze des Eisbergs. Reine Männerbünde jedenfalls können offenbar sehr eigene, sehr tiefe Dynamiken entwickeln – mit Tendenzen, aus Gründen!, unter sich bleiben zu wollen.

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„Erstmal das Einander-Respektieren und Zuhören“

Zu meiner vorletzten Kolumne mit dem Titel „Zusammenerziehend!“ gab es eine sehr schöne, lange und auch produktive Debatte – wie ich finde. Besonders engagiert diskutierte Ideefix, der sogar eine längere Antwort in Form eines Blogtextes formulierte (leider nicht mehr verfügbar). Ideefix hat entlang der geschlechterstereotypen Rollenaufteilung bei der Kinderziehung die Erfahrung gemacht, wie diese sich mindestens ebenso negativ auf seine Ausgestaltung einer aktiven Vater-Rolle auswirkte, wie ich sie allzu oft bei den Müttern erlebe. Er berichtet somit von der zweiten – nur seltener thematisierten – Seite der selben Medaille. Ich finde diese Sichtweise in der momentanen Debatte um Väterkultur – wie sie in einem klassischen Negativbeispiel derzeit bei der SZ nachzulesen ist – so wichtig, dass ich euch hier Auszüge aus seinen Kommentaren anbieten möchte. Mehr davon gibt es dann wie gesagt unterhalb meiner Kolumne. Und hoffentlich irgendwann auch andernorts wieder.

[…]

Meine Konsequenz daraus war übrigens, die Hauptverantwortung in der Erziehung zu übernehmen, aber nicht nur als häuslich präsenterer Elternteil, sondern als Realvater – auch für unseren Jüngsten (andere Mutter).
Glauben Sie meine Ex hat sich ab dem Moment auch nur eine Sekunde auf Zusammenerziehung eingelassen? Nene. Sie wollte weiter die Leitlinien machen, in Vorgaben gehen und die Ziele bestimmen – da sie als Frau meinte sie habe Anrecht auf die Anerkennung eines ihr durch die Mutterschaft zukommenden Definitions – und Deutungshoheitsanspruchs, der einem Führungsanspruch in Fragen der Erziehung gleichkommt.

Damit hängt zusammen, dass es auch eine nicht unbeträchtliche Beschämung darstellen kann, wenn eine Mutter in Fragen der Aufzucht und Erziehung nicht die gewohnte Hauptrolle spielt und sich die Aberkennung des o.g. mütterlichen Anspruchs dann z.B. in Denunziationen des Vaters auslebt.

Zusammenerziehung wäre eine schöne Vision, leider bricht sie sich zu oft an inkorporierten und internalisierten Übermütterlichkeiten, welche mir synonym zu weiblichen Hamsterrädern erscheinen.

und: „„Erstmal das Einander-Respektieren und Zuhören““ weiterlesen

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Kolumne: Zusammenerziehend!

Warum denken bei dem Wort „alleinerziehend“ alle nur an Frauen? Ich plädiere für ein weitergefasstes Verständnis von Erziehung – gerade bei Trennungen.

Wenn eine Frau, die zusammen mit einem Mann ein oder mehrere Kinder hat, sich von diesem Mann trennt oder gar nie fest mit ihm zusammen war, dann nennt man sie „alleinerziehend“ – egal, wer die Kinder erzieht. Zwar ist es in der deutschen Muttermythos-Gesellschaft nach wie vor typisch, dass eine Mutter in dieser Situation mehr oder weniger (mutterseelen-)allein erzieht. Trotzdem ist es gleichzeitig symptomatisch, wenn es für andere Konzepte gar kein Wort gibt. Wenn also zwei oder mehrere Menschen an der Erziehung von Kindern teilhaben, ohne eine Paarbeziehung zwischen sich, wie nennt man das dann eigentlich? Da reden viele von „Patchwork“ – aber niemand bezeichnet sich selbst als „patchworkend“. Oder wenn Kinder zwischen zwei Orten „pendeln“, zwei Zuhause haben – von denen keines mehr oder weniger wichtig für sie ist? All diese Lebenskonzepte werden unter „alleinerziehend“ subsummiert. Das Wort „zusammenerziehend“ ergibt keine relevanten Suchmaschinen-Treffer. Geschweige denn, dass es für dieses Wort eine statistische Kategorie gäbe!

Unheilvolle Assoziationskette

Das Interessante ist, was nun passiert, wenn eine Frau sich „alleinerziehend“ nennt oder von anderen so genannt wird – was sich dann für eine Assoziationskette in den Köpfen abgespielt! Da ist das vaterlose Kind, das größere Armutsrisiko, die Vielfachbelastung und das alles generiert Mitleid, Bedauern und letztendlich: Schwäche. Diese Frau hat es schwer. Alleinerziehende Väter sind rar, werden aber mehr. Nur: Sie stellt man sich bei der statistischen Zusammenfassung „Alleinerziehende in Deutschland“ gar nicht erst vor. Sie fallen einfach raus. Wenn sie an der Erziehung der Kinder genauso teil haben, wie deren Mütter, dann steht man ihnen zwar bewundernd, aber ohne Begriffe für das, was sie da leisten, gegenüber.

Das Fehlen eines Wortes, so behaupte ich, konstruiert hier eine ganz ungute Dynamik: Es macht Frauen nicht nur Angst, sich in diesen mit lauter negativen Attributen belegten „Zustand“ zu begeben (und damit in ein Armutsrisiko und eine ganz allgemeine Opferrolle) – womit die Vater-Mutter-Kind-Familieals normatives Deutungsmuster wieder einmal gestärkt wäre. Es reproduziert gleichzeitig viele Rollen-Stereotype rund am den ganzen Themenkomplex „Familie“. Trotz aller progressiven Diskussion rund um den Begriff „Familie“, der sich in den vergangenen Jahrzehnten vielerorts entwickeln konnte, werden wir auf diese Weise von hinten durch die Brust ins Auge getroffen: Als „Alleinerziehende“ reproduziert eine Frau den Muttermythos.

Da stellt sich doch die Frage: Warum gibt es eigentlich keine Kultur des Zusammenerziehens?

Keine Trennung auf der „Elternebene“

In erster Linie, wird man mit Blick auf die Familienstatistik sagen können, liegt das daran, dass es immer noch keine Kultur des präsenten Vaters gibt. Zumindest nicht in der breiten Masse. Projekte wie der Väterblog brechen diese Lücke auf, werden aktiv, motivieren. Und viele kleine Projekte aka Gleichberechtigte Elternschaft brechen im Kleinen mit der Tradition (wie etwa Susanne Klingner). Der zweite Knackpunkt ist, dass es in Deutschland keine „Trennungskultur“ gibt – wie Mathias Voelchert beklagt. Das bedeutet, dass viele Paare sich heute noch auf die schlechtmöglichste Art und Weise trennen, egal, ob da gemeinsame Kinder sind oder nicht. Sie schlagen in ihrer Wut, Trauer und Enttäuschung alles so kaputt, dass hinter ihnen nur noch ein Scherbenhaufen bleibt, der es dann nicht mehr wirklich ermöglicht, zusammen an einem Strang zu ziehen. Erst langsam setzt sich in dieser Gesellschaft die Idee durch, dass eine Trennung auf der „Paarebene“ noch lange keine Trennung auf der „Elternebene“ bedeuten muss. Letztendlich zeigt es auch, dass eine Beschäftigung mit dem Thema „Trennung mit Kindern“ viel stärker als bislang in die Hände der Väter gehört.

Natürlich sind viel zu viele Frauen alleinerziehend – und können es sich auch nicht wirklich anders aussuchen. Es steckt noch sehr tief in unserer Kultur, dass Frauen sich um die Kinder kümmern (dazu wird demnächst das spannende Buch Mamaland von Sabine Scholl erscheinen; eine erste Impression gibt es in Lettre International). Aber wieso fangen wir nicht endlich an und schaffen mit neuen Wörtern die Startbahn für neue Realitäten? „Zusammenerziehend“ kann dabei vieles bedeuten: Dass zwei Personen, in der Regel die leiblichen Eltern, trotz Trennung auf der „Paarebene“ gemeinsam Verantwortung übernehmen, gleich präsent sind. Oder dass sogar 2+x Personen daran teilhaben.

Familie ist eine Verantwortungsgemeinschaft – das geht weit über Vater, Mutter und Kind(er) hinaus. Der Soziologe Hans Bertram spricht zum Beispiel von einer „multilokalen Mehrgenerationenfamilie“ – ein modernes Konzept, bei dem die Großeltern, wenngleich sie oft weit weg wohnen, sehr aktiv an der Erziehung teilhaben. „Multilokal“ – das kann ja auch auf die Situation der leiblichen Eltern zutreffen. Und dann kommen noch die – wie Jesper Juul sie nennt – „Bonuseltern“ ins Spiel. Schlussendlich sollten wir uns vielmehr die Frage stellen: Wer trägt in einer Gesellschaft die Verantwortung für die Kinder? Und warum ist es für uns so selbstverständlich geworden, diese Verantwortung ins Private, zur Mutter abzuschieben – anstatt dass sich wie in einem afrikanischen Sprichwort „ein ganzes Dorf“ dafür mitverantwortlich fühlt?

 

(Dieser Artikel erschien zuerst als Kolumne auf freitag.de – wo sich eine sehr beachtenswerte Diskussion zum Thema entspann.)

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Grüne Männer in dieser feministischen EMMA(!): @schroeder_k bringt’s nicht

Der Kampf der Geschlechter ist nicht vorbei, er ist aber akzeptierter und moderner geworden. Jetzt kämpfen emanzipierte Frauen und Männer zunehmend gemeinsam gegen den Roll-Back in der Geschlechterpolitik. Um die Rollenkorsette zu überwinden, die auch zum Nachteil der Männer sind, brauchen wir eine Politik, die Frauen fördert. Die nutzt dann auch emanzipierten Männern.

Damit schließt der sehr gute Text von Sven Lehmann, Vorsitzender der Grünen Nordrhein-Westfalen und Sven-Christian Kindler, Bundestagsabgeordneter auf EMMA-Online. Die beiden sind schon bekannt für ihr Grünes Männermanifest.
Kristina Schröder ist keine Ministerin, die der Emanzipation irgend etwas bringt – oder bringen will. Sie kümmert sich nicht um ein Aufbrechen der strukturellen Anreizsysteme für die traditionellen Geschlechterrollen – sie führt sogar noch eine Herdprämie ein.

Die Svens hingegen legen klare Forderungen vor:

  • Elterngeld in voller Höhe nur bei einer Aufteilung der Elternzeit zu gleichen Teilen
  • Einführung einer verbindlichen Frauenquote für die Aufsichtsräte
  • Flächendeckender Mindestlohn – denn dies ist ein wirksames Instrument für mehr Lohngerechtigkeit
  • Abschaffung des Ehegattensplittings

 
Danke für nichts, liebe @schroeder_k

Die beiden hoffen allerdings in dieser Sache nicht auf einen Sinneswandel der Ministerin:

Diese Politik, das ist klar, wird nicht von Kristina Schröder ausgehen. Ganz im Gegenteil. Emanzipierte Frauen und Männer werden es selbst in die Hand nehmen müssen: in der Wirtschaft, im alltäglichen Leben und auch und besonders in der Politik.

So ist es leider: Angela Merkel hat eine Frau auf diesen Posten gesetzt, die im Privilgienparadies lebt und nicht glaubt, dass irgend eine Frau noch Feminismus braucht – sie braucht ihn doch auch nicht!

Auch die Fuckermothers fordern ein radikales Umdenken in der Arbeitspolitik. Sie wenden den Blick bewusst weg von Kristina Schröder hin zu ihrer Vorgängerin: Ursula von der Leyen. Hin zum Arbeitsministerium. Zitat:

Der Arbeitsmarkt ist schließlich keine unveränderte Naturkonstante, Arbeitszeitmodelle können variiert werden. Unternehmen können dazu gebracht werden, mehr Teilzeitstellen einzurichten, Quoten zu etablieren, vielleicht sogar Modelle jenseits von Teilzeit und Vollzeit einzurichten – beispielsweise 70 oder 80 Prozent-Stellen. Und all das ist nicht unbedingt und nicht ausschließlich Sache der ‚Familienpolitik‘, wie so oft geäußert wird. Es ist vor allem Sache der Arbeitspolitik.

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Feminismus ist Bildung

Für eine Veränderung der Gesellschaft bedarf es eines gesellschaftlichen Handelns auf Augenhöhe und mit wechselseitiger Beeinflussung.

Dieser Artikel erschien ursprünglich mit dem Titel „Rendezvous in der Mitte“ auf freitag.de

Zunächst möchte ich nachholen, diese und meine letzte Kolumne in einen Zusammenhang zu stellen: Meine Kolumne „Wo sind die Heldinnen“ entstand inspiriert durch einen Blogbeitrag von Antje Schrupp, der meine Gedanken Anstoß, dem ich so nicht zustimmen mochte. Da ihr Beitrag Sonntag und meiner Montag erschien, war klar, dass meine Überlegungen noch nicht ganz gar sind, was auch in den Kommentaren angemerkt wurde. Doch das Andenken und das Einholen von Diskursinput rechtfertigt IMHO auch mal einen ungaren Text. Zumal Antje in meinem Blog tatsächlich antwortete, was abermals den Anstoß zu weiteren Gedanken gab – die ich hiermit teile.

Trivialisierung des Männlichen?

In ihrem Kommentar sagt Antje, dass das Handeln von Frauen schon immer die Basis unserer Zivilisation gewesen sei. Es werde eben trivialisiert und marginalisiert. Im ersten Punkt wird mein Widerspruch ansetzen. Beim zweiten gehen wir völlig d’accord. Was Antje schlussfolgernd und angelehnt an Ina Praetorius fordert: Eine Trivialisierung des Männlichen. Sie schließt damit an die Intention ihres ursprünglichen Textes an:

„Viele Frauen (mehr Frauen als Männer) stehen einfach einer Repräsentationslogik […] skeptisch gegenüber: Diesem Prinzip von „Einer übernimmt ein Amt und spricht dann im Namen der Vielen“. Das […] ist ein Einfallstor für Macht und Hierarchien, also für Un-Politik. Die Politik der Frauen basiert auf anderen Regeln; auf dem Sprechen in erster Person, dem Von sich selbst ausgehen.“

Was sie bevorzugt.
Um die Bauchschmerzen, die ich mit solchen Forderungen habe, zu bebildern, möchte ich einen kurzen Abstecher in die allgemeine Pädagogik machen. Warum? Weil ich glaube, dass wir, wenn wir alle schwurbeligen Fachbegriffe destillisieren und die Kernfrage in den Mund nehmen, übrig behalten: Was ist mehr wert? Das „Männliche“, oder das „Weibliche“ – und wer sollte sich eigentlich wem anpassen und unterordnen? Es geht also um eine Hierarchie. Selbst die Position, die von sich behauptet, sie wende sich gegen Hierarchien, und sich als „das Weibliche“ kennzeichnet, kämpft darum, in der gesellschaftlichen Hierarchie aufzusteigen. Das ist das Paradoxon herrschaftskritischer Feministinnen. Statt der Hierarchisierung der hier dichotom (also in genau zwei Welten eingeteilten) Handlungsweisen, möchte ich gerne eine Wechselwirkung zu denken beginnen. Das ist der Kernpunkt meiner Herangehensweise – und damit ist sie pädagogisch. Denn eine Wechselwirkung menschlichen Handelns mit etwas anderem hat nahezu immer mit Bildung zu tun.

Die Praxen sind gleich viel wert

Dietrich Benner, Allgemeinpädagoge an der Humboldt-Universität zu Berlin, zieht mit folgenden zwei Paradigemen die Orientierungslinie einer von ihm – und auch von mir – favorisierten Bildungstheorie:
1. Sie muss die verschiedenen gesellschaftlichen Praxen in einem nicht-hierarchischem Verhältnis denken. Dabei geht es im Kern darum, anzuerkennen, dass wir eine Vielzahl gesellschaftlicher Praxen haben, Politik, und Wirtschaft und Religion und Pädagogik etc. pp., die alle gleichermaßen notwendig sind, diese Gesellschaft am Laufen zu halten und den in ihr Lebenden Individuen zugute zu kommen. Sie voranzubringen. Wichtig ist nun, dass von all diesen Praxen keine „mehr wert“ ist, als alle anderen. Oder dass die eine – zum Beispiel die Bildung und Erziehung – nur existiert, um die andere – zum Beispiel die Wirtschaft – zu bedienen. Was wir aber momentan vorfinden, und wie wir momentan leben, ist eine Hierarchizität, die dadurch entstanden ist, dass Männer über die Jahrtausende bestimmt haben, was „wertvoll“ ist. Indem sie Kultur gestaltet und geprägt haben. Worum es daher gehen muss: Diese Hierarchie zwischen den „weiblichen“ und den „männlichen“ Praxen muss aufgebrochen werden.
Dass dieses Aufbrechen zwangsläufig mit einer Trivialisierung, also Abwertung, des sogenannten „Männlichen“ einhergehen muss, ist in meinen Augen ein Denkfehler. Wie kann ich zwei Konzepte auf Augenhöhe stellen, wenn ich das eine von beiden erst einmal Abwerte? Das geht nicht.
Es ist vielmehr notwendig, die gesellschaftlichen Praxen, die sich in vielen Bereichen immer noch in „typisch männlich“ und „typisch weiblich“ unterteilen und damit eher auf- oder eher abgewertet sind, zu „queeren“. Damit meine ich weniger die im Deutschen gebräuchliche Verwendung von „queer“ als Synonym für schwul oder lesbisch, sondern vielmehr die politische Dimension, wie sie im angloamerikanischem Raun deutlich an Verbreitung gewinnt: Das Aufbrechen von Geschlechternormen; das Infragestellen dessen, was – bestimmt über die Kategorie Geschlecht – „normal“ und was nicht „normal“ ist. Ich gehe noch einen Schritt weiter und hoffe, man verzeiht es mir: Anstatt nur die Körperlichkeit in den Focus zu nehmen, finde ich, dass man auch Handeln queeren muss. Ein Mann in einer Kita, ein Vater, der den Haushalt schmeißt – „normal“ ist das in unserer Gesellschaft längst noch nicht. Mit den alten Stereotypen muss gebrochen werden: Politik und Wirtschaft sind weiterhin „männlich“ konnotiert, Erziehung und Soziales „weiblich“.

Den Kreis der Wirksamkeit erweitern

Meine naiv-optimistische Hoffnung ist, dass sich dabei die verschiedenen gesellschaftlichen Praxen verändern. Durch eine geschlechtliche Durchmischung derselben ziehen ganz neue Kulturen in bislang streng geregelte Bereiche ein. Ich stelle mir das immer wie einen interessanten und unvorhersagbaren Domino-Effekt vor – der in manchen Studien über den Gewinn von Diversity langsam Berücksichtung findet. Und hier kommt das zweite Bennersche Paradigma ins Spiel:
2. Die unbestimmte Bildsamkeit des Menschen, die Humboldt sehr treffend beschreibt:

„Daher entspringt sein [des Menschen] Streben, den Kreis seiner Erkenntnis und seiner Wirksamkeit zu erweitern, und ohne dass er sich selbst deutlich dessen bewusst ist, liegt es ihm nicht eigentlich an dem, was er von jener erwirbt, […]. Rein und in seiner Endabsicht betrachtet, ist […] seine ganze äussre Geschäftigkeit überhaupt aber nur ein Streben, nicht in sich müssig zu bleiben.“

Es ist also ganz natürlich, wenn viele Frauen und viele Männer sich eigentlich für all jene „Welten“ interessieren, die eher außerhalb dessen liegt, was ihnen gesellschaftlich als „normal“ angeboten wird. Auf meinem Weg habe ich sehr viele Frauen getroffen, die Spaß an Machtkämpfen, an Politik und an Maschinenbau oder Informatik hatten. Und einige Männer, die ihre Erfüllung im sozialen Bereich suchen, oder auch in der Grundschule (die ja stark dahin tendiert, ein weiblicher Raum zu werden). Überall, wo die Menschen sich um ein dichotomes, stereotypes Geschlechterdenken einen feuchten Kehricht scherten, wo sie einfach mitmachten und mit der ihnen eher nicht zugeschriebenen Fähigkeit, in Bereichen die eigentlich dem anderen Geschlecht „gehörten“ Verantwortung zu übernehmen und zu wachsen, traf ich bislang die bei weitem interessantesten Menschen – und die hoffnungsvollsten Debatten.
Es kann nicht darum gehen, jene Frauen, die ins Militär gehen oder Bock drauf haben, sich in der Wirtschaft mit den Platzhirschen zu messen – die Wettkampf lieben gelernt haben und die sich selbstbewusst und laut zu Wort melden – zu diffamieren, indem man solche Praxen an sich abwertet. Statt der Abwertung möchte ich die Chance der Umgestaltung, der Veränderung durch Partizipation in den Mittelpunkt der Debatte rücken. „Soll heißen: Eine feministische Reaktion auf Sexismus gegen Frauen, kann nicht Sexismus gegen Männer sein.“

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Alles klar zur Wende?

 
In der Diskussion um Frauen in der Piratenpartei spiegeln sich alte Geschlechter-Stereotype und die Genügsamkeit der Frauen.
 
Als erstes möchte ich auf den sehr guten Beitrag von Daniel Schweighöfer im Kegelclub hinweisen, der mit den Worten endet: „Die Herausforderungen der Informationsfreiheit verlangen eine zweite, eine richtige Aufklärung der Menschen. Wir alle müssen daran mit arbeiten, wenn wir in der Gesellschaft der Informationsfreiheit zu Hause sein wollen.“ Sein Ende soll mein Anfang sein:

 
Ja: Das Internet und die Piratinnenpartei bieten prinzipiell allen Menschen die Möglichkeit, mitzumachen. Das meistgenannte Argument gegen ein aktiveres Engagement zur Förderung von Frauen in beiden Feldern. Das Internet sei doch schließlich ein Ort, an dem Status, Alter, BMI und Geschlecht keine Rolle mehr spielten, werfen viele gegen einen neuen Netzfeminismus ein. Bei den Piraten ist das doch genauso! Mit dem Begriff „Post-Gender“ wurde eine feministische Diskussion innerhalb der Piratenpartei schon vor über einem Jahr abgewehrt. „Wir sind alle Menschen und das reicht mir als Info! Und selbst mit Aliens hab ich kein Problem so lange die nett zu mir sind.“ – diese Aussage bringt die Einstellung vieler Piraten vermutlich schön auf den Punkt. Das Problem aber ist: Die Gedanken im Internet sind immer an einen Körper in der realen Welt gebunden. Damit unterliegen auch sie gesellschaftlichen Strukturen und Zwängen. Auch sie wurden auf eine sehr typische Weise sozialisiert – selbst wenn die Eltern 68er waren. Auch sie haben Stereotypeverinnerlicht.
 

Quelle: (cc) Joriel "Joz" Jimenez via Flickr
Quelle: (cc) Joriel "Joz" Jimenez via Flickr

 
Stereotype und gesellschaftliche Strukturen wirken auf die Beteiligungs-Möglichkeiten – so frei das Internet auch sein mag. Da ist zum einen das Thema „Doppelte Vergesellschaftung von Frauen“, also die Inanspruchnahme der Frau durch a) Arbeit und b) Haushalt/Familie. Es hat sich längst nicht erledigt.
 
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