Kritik und Leid

Wenn mich jemand kritisiert, dann ist mir das vor allem dann sehr unangenehm, wenn es ein Freund oder eine Freundin ist. Jemand, dessen Meinung mir wichtig ist. Eine Person, der ich vertraue. Wenn diese Menschen etwas sagen, wenn sie etwas anprangern und bemängeln, das ich getan habe und das sie nicht gut finden, dann passiert erst einmal folgendes:

Mir wird ganz warm. Diese Wärme kriecht den Hals zum Gesicht hoch. Ich spüre, wie meine Wangen zu glühen anfangen und meine Mundwinkel verziehen sich. Meistens versuche ich es in Richtung „Lächeln“ zu lenken, ein eher gequältes Lächeln, nehme ich an. Eine Art Lächeln.
Mir ist mein eigenes Glühen dann sehr unangenehm, deswegen würde ich mich gerne verstecken. Vielleicht nehme ich eine Hand vor meinen Mund um das seltsame Lächeln zu verstecken, vielleicht nicht. Vielleicht verstecke ich mich wirklich irgendwo (hinter einer Schulter, hinter einem Kissen, hinter einer Speisekarte), vielleicht nicht.
Richtig denken kann ich dann sekundenlang nicht. Könnten auch Minuten sein.
Es ist jedenfalls sehr unangenehm.

Und dennoch: Wenn ich zurückblicke, was ich schon alles gelernt habe, was ich schon alles ändern konnte, verbessern konnte und wiedergutmachen, weil Freunde mich auf Fehler und auf Blödes hingewiesen haben, dann bin ich doch sehr froh, dass ich irgendwann gelernt habe, Kritik auszuhalten und auch nicht so zu tun, als hätte es sie nicht gegeben. Wenn meine Freunde mich kritisieren, dann ist das in meinen Augen ein großer Vertrauensbeweis: Sie trauen mir zu, es auszuhalten. Sie vertrauen mir, dass ich mich nicht gegen sie wende. Und das größte Kompliment ist eigentlich, dass sie darin vertrauen, dass ich mit der Kritik etwas anfangen werde. Dass ich etwas ändere oder etwas zu lernen versuche. Kurz: Sie haben mich noch nicht aufgegeben.

Warum ich all das so aufschreibe?
Gerade heute dachte ich, dass frühere Freunde von mir, deren Verhalten ich kritisierte, vermutlich wesentlich weiter wären als sie es sind, wenn sie statt die Freundschaft zu kündigen diese Kritik irgendwie für so etwas wie „legitim“ oder wenigstens „überdenkenswert“ gehalten hätten und das, was ich meinte, überdacht hätten.
Haben sie aber nicht. Die Freundschaft ist nun hinüber. Was aber nie aufgehört hat, ist dass Leute genau auf diesen Fehlern rumreiten. Andere Leute. Natürlich mache ich das nicht. Das haben längst andere übernommen, andere, denen ebenso aufstößt, was mir aufstieß. Trotz Kündigung der Freundschaft also ist es nicht ruhiger für die Kritisierten geworden. Manchmal denke ich: Im Gegenteil. Es hat sich sogar verschärft. Und heute ist der Tag, an dem ich anfange, das lustig zu finden.

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