Das wirkt jetzt vielleicht ein bisschen strange, dass ich diese Dinge nicht direkt mit Julia persönlich kläre, sondern gleich öffentlich. Ursprünglich war dies nicht mein Ansinnen. Ich hätte mich gerne mit Julia auf ein abendliches Bier getroffen und geredet. Aber das war nicht möglich. Seitdem verweigere ich eigentlich die direkte Kommunikation mit ihr. Ich könnte sie auch ignorieren, wenn sie nicht permanent öffentlich ihren persönlichen Zwist mit mir führen wollen würde. Es stehen mir gerade zu viele Dinge unkommentiert im Raum. Damit fühle ich mich unwohl. Deswegen eine Klarstellung. Wer keinen Bock auf “ein dummer Kindergartenstreit zwischen zwei belanglosen Bloggerinnen” hat, der soll hier einfach zu lesen aufhören und bitte auch nicht kommentieren.
Alice Schwarzer
Julias Streit mit mir begann, als ich im März “bei Alice Schwarzer” war. Als sie nur davon hörte und nichts weiter darüber wusste, außer DASS ich dort war, ging es los. Das dürfe man keinesfalls tun! Das stärke die Seite Schwarzers. Ihren Blogbeitrag dazu schrieb sie, bevor sie das Gespräch auch nur gelesen hatte. Die Kritik begann also weit vor der Auseinandersetzung mit der Sache an sich.
Nun wirft sie mir vor, dass ich Alice Schwarzer kritiklos toll fände. Einerseits habe ich bereits vor Jahren einen ausführlichen Begründungsbrief an die EMMA und an Alice geschrieben, warum ich mein Abo kündigte. Auch komme also aus einer durchaus kritischen Richtung, die sich auch mit dem Streit um das Buch “Wir Alphamädchen” zuerst noch verschärft hatte.
Andererseits: ja, im persönlichen Gespräch und sie kennen lernend stellte ich fest: Alice Schwarzer ist ne coole Sau. Einfach als Mensch. Interessant, lustig, gebildet, mit dem Herzen dabei. Außerdem war es ein erstes Kennenlerntreffen. Es diente nicht dazu, alle Kritik und möglichen Spaltungspunkte auf den Tisch zu knallen, sondern entgegen dem medialen Spaltungsdiskurs offen zu schauen, wer wir eigentlich sind. Meine Haltung in Bezug auf Alice würde ich somit als “offen, aber wachsam” beschreiben.
Somit war das Gespräch für die eine Seite gefühlt kritiklos. Für andere, nämlich die EMMA-LeserInnen, im Durchschnitt 35 Jahre alt, war es ein wichtiger Schritt, in einen Diskurs zu kommen und zu schauen, was es auch an jungen feministischen Aktivitäten gibt. Es war ein Anfang. Wo es hinführt steht noch komplett offen. Und ich wehre mich einfach dagegen, mich festlegen zu sollen, Alice abzulehnen. Dazu weiß ich bislang zu wenig. Ich habe viel von ihr gelesen und verstehe sie oft ganz anders, als sie üblicherweise in den Medien rezipiert wird. Und ich behalte mir das Recht vor, eigenständig abzuklopfen, welche Wahrnehmung “richtiger” ist. Meine Meinung steht da noch nicht fest. Aber z.B. habe ich im Gegensatz zu den meisten anderen ihre Kachelmann-Berichte nicht aus Sekundärquellen rezipiert, sondern selbst gelesen. Daher weiß ich, dass Artikel in spiegel, zeit und co, die von der Vorverurteilung Kachelmanns durch Schwarzer sprachen, eine Lüge sind. Primärquellen sind aber nicht jedermenschs Sache, wie ich allzu oft feststelle. Lieber legt man eine altbekannte Meinung, ein altbekanntes Schema auf und hängt sich faul an die Welle der Empörung dran. Dann ist der Beifall auch sicherer. Und mit dem Strom schwimmt es sich auch leichter. Wer war nochmal kritiklos?
Offene Fragen zwischen Schwarzer und mir bleiben: die Sache mit der BILD-Werbung (nicht die Kolumne! da gab es bereits ne Erklärung, die ich akzeptieren kann, die aber off the record stattfand und ich respektiere das, und gebe das nicht weiter). Ob ich ihr Buch “die große Verschleierung richtig interpretiere (sprich: es geht nicht darum, islamfeindlich zu sein, sondern um Wachsamkeit… siehe auch mein Text “Respekt ist eine Zweibahnstraße“). Und das mit der Pornografie ist zwar geklärt, aber wie Schwarzer zu BDSM und Co. steht, weiß ich auch nicht, das wäre mal noch interessant.
Also: natürlich konnte längst nicht alles geklärt werden. Aber das war auch nicht der Sinn des Gesprächs. Ich behaupte, EMMA und mich – und viele andere – verbindet mehr, als uns trennt. Das Gegenteil müsste erst bewiesen werden, und nicht umgekehrt.Das heißt aber auch, dass ich offen dafür bleibe, dass man mir das Gegenteil beweist. Ich bin ja weder der einen, noch der anderen Seite verpflichtet, sondern allein mir.
Stereotype
Der zweite Zwist-Faktor sind die von mir immer wieder diskutierten Stereotype. Ich habe den Eindruck, dass Julia denkt, ich würde Frauen und Männer als Gruppen denken. So Pinker-Style. Frauen können nicht gut einparken. Männer nicht zuhören. Oder so. Ich hasse die Pinker. Sie greift vorhandene Phänomene auf – statistische “Wahrheiten” – und onthologisiert sie. Statistische “Wahrheiten” greife ich auch auf, wenn ich sage “Männer nutzen Technik, Computer und Internet anders, als Frauen” – nämlich nach dem Motto “fix it and master it”. Frauen hingegen benutzen sie als “tool”, um Dinge zu erledigen. So wurde es einmal in einer repräsentativen US-Studie ausgedrückt. In meinem kurzen Vorstellungsvortrag von Netzfeminismus beim netzpolitischen Abend der Digiges greife ich das auf und versuche es mit der Analogie “Männer frickeln gern mit Linux, Frauen benutzen das praktische iPad” überspitzt zu bebildern. Mir geht es aber nicht um eine Affirmation dieser Rollenstereotype. Ich nenne sie, weil es sie gibt, weil sie ein bestehendes Phänomen sind – das ich aufbrechen will. Denn diese stereotyp unterschiedliche Herangehensweise an Technik hat folgen. Z.B. dass Nerdetten im einstelligen Prozentbereich rangieren. Dass Frauen im Internet weniger sichtbar sind etc… das kann alles lang und breit anderswo nachgelesen werden, dazu habe ich bereits viel geschrieben.
Julia wirft mir nun vor, ich würde solche Klischees affirmieren. Warum kann ich nicht nachvollziehen. Wie soll man etwas ändern, wenn man es nicht benennen darf? Das verstehe ich nicht.
Mit Lotterleben möchte ich gerne auf dem 28C3 einen Workshop anbieten, der die gesellschaftspolitische und die technische Dimension von Netzfeminismus zusammenbringt. Ich will Nerdetten und Feministinnen zusammen denken. Nach dem Vorbild der mir von Anne Roth näher gebrachten Genderchangers Stereotype aufbrechen. Deswegen thematisieren andere und ich auch immer wieder frauenlose Podien, die Gender-Gap in der Wikipedia, die Blogosphäre der Alphamännchen (sorry guys, ich mein das nicht als Vorwurf, sondern als Hinweis auf eine Unbalance – auf eine To-Do-Liste) etc etc…
Sex
Zum Schluss diese ganze Sex-Diskussion… Da poste ich auf netzfeminismus.org das Video zum re:publica-Vortrag von Jaclyn Friedman, der den Titel “How online feminist Activism is like the clitoris” trägt und bekomme ernsthaft von Julia Tweets, ich wöllte damit wieder den Streit zwischen klitoralem und vaginalem Orgasmus aufmachen. Hallo? Sie hat sich das Video offensichtlich nichtmal angesehen, wenn sie so reagiert. Dann wüsste sie, dass es nicht um Sex geht, sondern nur eine Metapher benutzt wird.
Und zum Schluss eine Frage an euch – ganz offen und ehrlich: habt ihr den Eindruck, ich und die Frauen hinter Netzfeminismus und bei Frau Lila machen einen Feminismus gegen und ohne Männer?
wirklich?
Das wirkt jetzt vielleicht ein bisschen strange, dass ich diese Dinge nicht direkt mit Julia persönlich kläre, sondern gleich öffentlich. Ursprünglich war dies nicht mein Ansinnen. Ich hätte mich gerne...