Solidarität und Entpolitisierung: Amina und die Empörten

Bei den Ausrufern schreibt der Ed2Murrow einen sehr lesenswerten Beitrag über die Debatte des Falls Amina Sboui, die im Netz Bilder ihres nackten Oberkörpers gepostet hatte und nun in Tunesien im Gefängnis sitzt. Ein Urteil von vier Monaten Haft für drei Femen-Frauen hängt derzeit wie ein schlechtes Omen über Aminas Schicksal.

Nacktheit ist interessanter Weise etwas, das derzeit die Gesellschaft spaltet – und zwar auch und gerade hier in Europa, wenn über die Ereignisse in Tunesien oder die Haltung von Femen debattiert wird. Der Umgang mit Femen ist erstaunlich. Das findet auch Ed2Murrow. In Deutschland sei eine Meinung zu all dem sehr häufig und in verschiedenen Zeitungen zu lesen gewesen: „Die radikalen und einseitigen Ansichten von Femen unterscheiden sich nicht besonders von der Einstellung jener, die Aminas Bestrafung forderten.“ Es ist so einfach, sich zu empören und Femen als rassistische Krawalltruppe darzustellen. Das ist eine Einstellung die auch und gerade in feministischen Kreisen sehr populär geworden ist. Hinterfragt man diese Einstellung gilt man schnell selbst als rassistisch oder sonstwie „istisch“

Ed2Murrow machte sich hingegen die Mühe, einen Aufsatz ins Deutsche zu übersetzen, der in der französischen Le Monde abgedruckt war, geschrieben von Hélé Béji. Als eine der wenigen schreibt sie mit großer Sorge über die Allianzen, die sich über die Lager hinweg durch „die stille Macht der Wohlanständigkeit“ bildeten.

Die Mehrheit verurteilt ihre Taten, um die eigene instinktive Grenze von Normalität zu schützen, die die alten Bräuche gezogen haben; andere erleben sie als Gewissenskonflikt einer Philosophie, die zwar die Pflicht zum Gehorsam eingerissen hat, nicht aber die traditionellen Tabus, die zu überschreiten nun eine unerschrockene junge Frau die Kühnheit besitzt, indem sie alleine den schrecklichen Weg geht, all die Folgen auf sich zu nehmen, die sich aus dem Verstoß gegen gute Sitten und moralische Ordnung ergeben.

Béji ist in Frankreich schon durch eine sehr eigenwillige Einmischung in die Burka-Debatte aufgefallen. Sie vertrat hier eine Position, die ich nur unterstützen kann, die sich aber zwischen alle Stühle setzt:

„Gesetze gegen die Burka? Sie und sie alleine zu verbieten in einer umfänglich gewährenden Gesellschaft, die mit Blasiertheit jede Ausuferung beäugt? Mit welcher Berechtigung will man da die eine Übertretung ahnden und nicht auch die andere?“

Bitte lest selbst drüben bei den Ausrufern: Ed2Murrow sei überschwänglich gedankt, sich die Mühe gemacht zu haben, einen Text zu übersetzen, den man sonst so in der deutschen Debatte sicherlich nicht zu lesen bekommen würde. Denn „die auch in Deutschland um sich greifende Bigotterie“ (Ed2Murrow) in Zusammenhang mit dem Nacktprotest scheint eine Debatte derzeit erfolgreich zu blockieren, die über den Horizont einer knienden Ameise hinaus nach den Interessen und Konsequenzen fragt, die hinter all diesen Debatten stecken.

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Feminismus auf und um die Ohren

Wer es noch nicht über einen der üblichen verdächtigen Kanäle mitbekommen haben sollte: Susanne Klingner und ich haben den Lila Podcast gestartet. Wann immer wir die Zeit finden, werden wir uns ab jetzt gemeinsam über aktuelle Debatten aus feministischer Perspektive unterhalten. Die erste Folge unter dem Titel „Feministischer Frühling“ bespricht ausgehend von verschiedenen Debatten in den Medien und im Netz die Kritk an Femen, die Kritik an „Neofeministinnen“ – und wir fragen uns, warum hier derart Welten aufeinander prallen. Wir sprechen über Nacktheit. Wie steht es gerade um den Feminismus im Netz – war früher alles besser oder hat sich doch einiges getan?
Hört doch einfach mal rein.

Interessant ist in dem Zusammenhang auch der Blogpost bei Che, der den Spiegel-Artikel aufgreift und sich darüber ärgert, dass hier in der medialen Verkürzung und Klischee-Huberei:

Plattheiten wie der Frage, wer sich die Achselhaare rasiert oder auch nicht haben nun wirklich nichts mit einer Debatte über Inhalte zu tun; das ist Bild-Niveau.

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