Wostkinder: Das Rumkauen auf Komplexitäten

timthumbDas Wostkinder-Projekt gibt es nun schon eine ganze Weile und man kann auch eine gewisse Entwicklung erkennen: Es geht immer mehr um die Komplexitäten in dieser Welt, um globale politische und wirtschaftliche Debatten, um die Demokratie und ihre Zukunft. Das hat insofern mit der DDR-Vergangenheit und unserer Doppelrolle zu tun, weil der Rückblick helfen kann, für die Zukunft die richtigen Fragen zu stellen.

Wir sind nie angetreten sind, um überheblicher Weise zu behaupten, wir würden jetzt mal den anderen die Geschichte der DDR erklären, wir waren von Anfang an selbst auf einer Entdeckungsreise, ohne fertige Ergebnisse und Antworten präsentieren zu können. Bei dieser Reise haben wir Gesprächspartnerinnen über ihre Erfahrungen ausgefragt. Und der Aktuellste war auch der, der uns selbst am meisten aufrüttelte. Wenn man in einem Gespräch merkt, wie wenig man wusste und wie komplex die Welt ist – was kann es dann Wertvolleres geben?

Genau so war es mit Herrn Andreas. In der DDR gehörte er zur Elite, er war Diplomat und später auch beim Außengeheimdienst der DDR, der HVA, aktiv. Wie er diese Zeit erlebte, welchen inneren Konflikten er ausgesetzt war, was die Wende mit ihm machte und wie er heute mit dieser Vergangenheit lebt – all das erzählt er im aktuellen Wostkinder-Podcast.

„Immer nur Fragen – die machen es sich leicht“

Die zweite Anmerkung gilt einem sehr sehr langen Kommentar, den ich heute morgen als Antwort auf einen Kommentator zu meinem letzten Text über die Grenzer des Kapitalismus verfasste. Wir hören immer wieder, dass wir nur kritisieren, ab doch nie konkrete Vorschläge zur Lösung der Probleme machen würden. Das ist richtig, und ich möchte hier zweitveröffentlichen, was ich dazu denke. „Wostkinder: Das Rumkauen auf Komplexitäten“ weiterlesen

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Kinderbetreuung: Paradigmenwechsel bitte!

In dieser Woche war wieder einmal ich mit dem bloggen für unser FAZ-Blog „Wostkinder“ dran. Das war nicht einfach. Seit ein paar Wochen, oder Monaten dreht sich bei mir vieles um die Betreuung meiner Kinder. Die leider etwas … naja. Schlechter geworden ist. Ich möchte da jetzt gar nicht ins Detail gehen. Meine private Situation wird in Krisensitzungen und Elternabenden derzeit genügend besprochen. Aber ich bekomme das Thema seither nicht mehr aus dem Kopf.

Passender Weise sollte ich vor einigen Wochen einen Beitrag zum Thema Vorschulpolitik abliefern. Ein Thema, das mich ja selbst betrifft und bei dem ich wirklich stark meine Meinung geändert habe. Ja: Auch ich habe gejubelt, als Ursula von der Leyen den Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz durchgesetzt hat. Aber ich frage mich mittlerweile, wie das eigentlich gehen soll, wenn eh schon Erzieher_innen-Mangel an der Tagesordnung ist. Dass wir nicht mehr meinen, „das Beste für das Kind ist die Mutter“ war ein wichtiger notwendiger Paradigmenwechsel. Aber der darf jetzt nicht alles sein, was uns zum Thema Kinderbetreuung einfällt.

Jesper Juul fragt in seinem aktuellen Essay, der beim BELTZ Verlag erschienen ist: „Wem gehören unsere Kinder?“ – dem Staat, den Eltern oder sich?

Sich natürlich! Aber das ist in vielen Kindertagesstätten und Krippen, in Schulen übrigens ebenso, nicht wirklich möglich. Sie sollen möglichst ganztags betreut sein und da spricht zunächst einmal gar nichts dagegen. Es muss aber ein weiterer Paradigmenwechsel hinzukommen und der lautet: „Krippenplätze für alle wären ja schön – aber bitte nur, wenn sie kindgerecht sind!“ Und darunter mag ja jede_r was anderes verstehen. Schon klar. Darüber sollten wir dann halt streiten. Ich denke, dass jetzt unbedingt und dringend über die Qualität gesprochen werden muss – der Aktionismus in Sachen Quantität ist bereits in voller Fahrt. Die Auswirkung des ersten Paradigmenwechsels ist, dass ich eigentlich nur noch Eltern kenne, die sagen „klar will ich einen Platz für mein Kind“ und wir alle in wahnsinniger und geradezu irrer Konkurrenz miteinander stehen. Aber wenn man mal schaut, was einem an Einrichtungen tatsächlich qualitativ und pädagogisch zusagt, dann muss man feststellen, dass man leider keine wirkliche Chance hat, da reinzukommen. Und das ist bitter.

Warum aber sind nicht längst alle Kitas so, wie es die tollen Kinderläden vormachen? Weil der Paradigmenwechsel in der Pädagogik ausgeblieben ist. In der Familienpolitik hat einer stattgefunden – aber der hat nicht die Kinder im Zentrum. Dem geht es um die Erwerbstätigkeit der Mütter.

Ach ja: Was das alles mit meiner Ost-West-Sozialisation zu tun hat, das kann gerne nebenan im FAZ-Blog nachgelesen werden. Und glaubt es mir: Ich finde es selbst frappierend, dass ich davon Abstand nehme, auf Kristina Schröder rumzuhacken ;)

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Sexismus im Sozialismus?

Joachim Rieß: Internationales Jahr der Frauen 1975; Briefmarke in der DDR; via Wikimedia Commons.

In meinem aktuellen Beitrag im Wostkinder-Blog gehe ich der Frage nach, ob es in der DDR auch Alltagssexismus gab, welche Frauenbilder öffentlich waren und welche unter der Oberfläche lagen. Die Frage konnte ich nicht endgültig klären, aber es ist ein Aufschlag. Zitat:

Die Frau im Sozialismus
Die gesellschaftliche Stellung von Frauen war in der DDR wesentlich weniger von Unterordnung und Ausgeliefertsein geprägt, als in Westdeutschland. Ihre Gleichstellung war Teil eines nationalen Narrativs. Dabei wussten „Vater Staat“ und „Mutter Partei“ am besten, was Frauen brauchten, was für sie gut war und was sie wollen sollten. So waren Frauengruppen, die sich auch in der DDR in den 80ern zuerst und vor allem in den größeren Städten bildeten, etwas Unerwünschtes. Denn erstens war, so die einhellige Meinung in Politik und Medien, die Frau doch emanzipiert. Und zweitens ließ man sich ungern durch emanzipatorische Bewegungen aller Art aufzeigen, dass es Risse im sozialistischen Lack gab.“

Den ganzen Artikel gibt es auf FAZ.net/wostkinder. Ich freue mich, wenn ihr dort eure eigenen Geschichten und Erinnerungen teilt.

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Staatsbürgerkunde #SBK016 über Geschlechterrollen


Martin Fischer vom Podcast Staatsbürgerkunde hat mich eingeladen, mit ihm über Geschlechterrollen und Kindheiten in DDR und BRD zu sprechen. Es sind fast zwei Stunden daraus geworden. Auf geht’s zum anhören.

Bitte gerne in Martins Podcast-Blog mitdiskutieren und Erfahrungen teilen, das geht auch per Audio-Kommentar.

Der Staatsbürgerkunde Podcast ist auch jenseits dieser Folge mehr als empfehlenswert und ich höre ihn schon eine ganze Weile. Martin ist ebenfalls ein Wostkind und spricht (in der Regel mit seinen Eltern) über viele kleine und große Phänomene aus DDR-Alltag, DDR-Kultur und wie damals die Gesellschaft aufgebaut und strukturiert war. Im Sendungsarchiv könnt ihr alle bisherigen Themen auf einen Blick sehen und anhören.

Vielen Dank noch einmal an Martin für die Einladung und das offene und angenehme Gespräch. Wieder einmal hat das Podcasten sehr viel Spaß gemacht! <3

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Kindheit in Ost und West in Bildern

Oben zu sehen ist das rostige Karussell auf dem kleinen Spielplatz in unserer Straße. Wir sind 1984 dort hin gezogen, ich war nicht ganz zwei Jahre alt.

Unten zu sehen bin ich 1988 auf meinem ersten Fahrrad, das ich vom Kindergarten geerbt habe. Ich bin sehr glücklich und fahre viel damit die Straßen rauf und runter.

Oben zu sehen bin ich am Tag meiner Einschulung. Nur wenige Monate nachdem ich im lieblichen Taubertal angekommen war. 1989.

Unten bin ich bei meiner ersten Fastnachtsveranstalung in Igersheim zu sehen. Eine von sehr vielen Prinzessinnen. 1990.

Für das Wostkinder-Blog habe ich diese Geschichte versucht aufzuschreiben.

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Habemus FAZ-Blog

Neues Jahr, neues Projekt. Dieses Projekt ist ein FAZ-Blog. Es heißt „Wir Wostkinder“ und ich schreibe es zusammen mit Marco Herack.

 


Grenzgänger zwischen Pittiplatsch und Klassenfeind. (Bild: FAZ)

 

In unserem Blog gehen wir von unserer eigenen Geschichte aus: Wir sind beide, ich noch vor, er nach der Wende, vom Osten in den Westen gegangen. Wir haben beide einen nicht unwichtigen Teil unserer Kindheit, der uns sehr geprägt hat, in der DDR verbracht, in einem System, das wir als Kinder nur schemenhaft und auf einer Gefühlsebene wahrgenommen haben. Es hat uns sehr unterschiedlich stark beeinflusst. Während in meinem Kindergarten kaum Indoktrination passierte, hat Marco die ganze Härte des DDR-Schulsystems zu spüren bekommen. Bei mir war es eher die Trennung von meinem Vater, der 1987 in den Westen gegangen war, die schmerzlich fühlen ließ, dass Freiheit fehlte.

Dann die Krise, in ein gänzlich anderes System, eine gänzlich andere Kultur geworfen zu sein: Baden-Württemberg. Neue Werte und Normen, völlig fremde Ideale und all das erfoderte eine hohe Anpassungsfähigkeit – die wir mal mehr, mal weniger gut bieten konnten. Und irgendwie, so stellten wir beide fest, standen wir bald zwischen den Stühlen. Wir begannen uns für den Osten und die Menschen dort – unsere Familien! – zu schämen und gleichzeitig wurden wir mit der neuen Umgebung nicht gerade leicht warm. Bei mir hat es sieben Jahre gedauert, bis ich mich selbst in all dem Chaos gefunden hatte. Dass in diesen sieben Jahren auch noch eine nicht gerade einfache Pubertät lag, das hat es nicht viel besser gemacht.

In unserem Blog wollen wir verschiedenen Fragen auf den Grund gehen, die uns in der Beschäftigung mit unserer eigenen Geschichte kommen. Wir holen nach, was wir als Kinder noch nicht verstehen konnten: Wie funktionierte das System DDR? Was hat diese Reise aus uns gemacht? Wie erlebten andere Menschen diese Welten? Dabei wollen wir verschiedene Menschen kennen lernen und mit ihnen zusammen ein Mosaik aus Geschichten und Gesprächen, Bildern und Literatur schaffen, bei dem wir an dem jetzigen Punkt selbst noch nicht wissen, was am Ende als Ganzes herauskommen wird.

Ich bin sehr aufgeregt und gespannt und freue mich auf die Arbeit an diesem Projekt. Bitte überfrachtet es nicht gleich mit Erwartungen. Für uns ist das auch irgendwie Neuland und wir werden uns aus unseren Fragen heraus entwickeln – wir sind keine Expert_innen. Wir sind nur wir. Wir haben eine Geschichte. Und mit dieser fangen wir an. Wir freuen uns, wenn ihr uns auf dieser Reise begleitet. Und wir haben einen twitter-Account, der euch über aktuelle Beiträge in unserem Blog auf dem Laufenden halten wird. Heute gibt es jedenfalls unseren ersten Beitrag mit dem Titel „Nicht Fisch und nicht Fleisch“.

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Das Vertretenheitsgefühl der Deutschen durch die Linkspartei

Essay vom 30.09.2009

Von der PDS zur Linkspartei – rasante Veränderungen

In ihrem Aufsatz „Das Vertretenheitsgefühl der Ostdeutschen durch die PDS: DDR-Nostalgie und andere Erklärungsfaktoren im Vergleich“ beschreiben Katja Neller und Isabell Thaidigsmann die Ergebnisse ihrer Auseinandersetzung mit dem „Phänomen PDS“. Da der Artikel aus dem Jahr 2002, also aus einer Zeit bevor es die WASG gab und bevor die PDS mit dieser zusammen zur Linkspartei fusionierte, befördert der Text Ergebnisse, die heute im Jahr 2009, sieben Jahre später, so vielleicht nicht mehr ganz zu halten sind. Denn im Jahr 2002 sowie die 12 Jahre zuvor war die PDS ein vornehmlich ostdeutschen „Parteienphänomen“, das es so im Westen nicht gab. Mit der aktuellen Wahl zum Deutschen Bundestag vom 27. September 2009 sieht die Parteienlandschaftskarte jedoch anders aus: Die heutige Linkspartei hat festen Fuß in Westdeutschland gefasst. Mehr noch: Es besteht die Möglichkeit, dass sie in ihrem ersten westdeutschen Landesparlament, im Saarland, sogar Regierungsverantwortung übernehmen könnte.

Es fühlen sich heute also nicht nur mehr Ostdeutsche durch die ehemalige PDS, heute Linkspartei vertreten, immer mehr Westdeutsche wandern vor allem von der sich mehr und mehr spaltenden SPD zur Linkspartei.
„Das Vertretenheitsgefühl der Deutschen durch die Linkspartei“ weiterlesen

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Ist eine starke Rolle der „Neuen Sozialen Bewegungen“ in Ostdeutschland ohne das „Feindbild DDR“ noch denkbar?

Eine Auseinandersetzung mit dem Text: „Die Bedeutung der Neuen Sozialen Bewegungen in Ostdeutschland“ von Joachim Badelt (1999) – Essay vom 11.05.2009

Fragestellung der vorliegenden Arbeit

In seinem Text „Die Bedeutung der Neuen Sozialen Bewegungen in Ostdeutschland“, erschienen 1999 in „Politik in Ostdeutschland – Lehrbuch zur Transformation und Innovation“ (Hrsg. Waschkuhn/Thumfart), geht Joachim Badelt der Bedeutung der Neuen Sozialen Bewegungen in Ostdeutschland nach. Diese Analyse betrachtet vor allem drei wesentliche Aspekte: a) Wie die Neuen Sozialen Bewegungen in der DDR entstanden sind, b) welche Rolle sie bei der friedlichen Revolution in der DDR hatten und c) welche mögliche Zukunft und Chancen sie nun nach der Wende haben. Angelehnt an diesen Text möchte ich in meinem Essay der Frage nachgehen, inwieweit die Neuen Sozialen Bewegungen Ostdeutschlands heute noch relevant sein können, wenn doch das frühere „Feindbild“ DDR nicht mehr existiert.

Die Entwicklung der NSB in der DDR

Der Text beginnt mit einer Auseinandersetzung über die Frage, in wie weit man in Ostdeutschland überhaupt von der Existenz sogenannter Neuer Sozialer Bewegungen (NSB) sprechen könne. Um diese Frage zu beantworten, versucht Badelt, zu betrachten, was in der wissenschaftlichen Literatur alles unter NSB verstanden wird (und was nicht). Denn von der jeweiligen Definition hänge schließlich ab, ob auch in Ostdeutschland davon gesprochen werden könne, oder nicht. Einige Autoren lehnten die Anwendung des Begriffs für ostdeutsche oppositionelle Gruppen in all ihrer Heterogenität ab, da das dortige System so eklatant verschieden sei, von dem der Bundesrepublik Deutschland, dass ein Vergleich mit den dortigen NSB, wie der Friedens- und Umweltbewegung, die seit 1968 eine große Relevanz hatten, nicht möglich sei. Eine weitere kritische Frage betrifft die Rolle rechter Strömungen in Ostdeutschland und inwiefern diese auch den NSB zuzurechnen seien. Viele Autoren sträubten sich dagegen, so Badelt, da in den Bewegungen stets Toleranz und Vielfalt zu den obersten Prinzipien gehörten und keine von ihnen nach einer wie auch immer gearteten Führerschaft strebe, wie dies bei den rechten Gruppen der Fall sei. Hier finden wir eine sehr stark normative Aufladung des Begriffs der NSB, die sich auch darin manifestiert, dass in der wissenschaftlichen Literatur die Inhalte

  • Politische Partizipation
  • Soziale Emanzipation
  • Transformation der Gesellschaft

als nahezu unabdingbar gelten. Damit könne der Begriff nicht auf rechtsextreme Strömungen ausgedehnt werden. Im Gegenteil: die NSB seien vielmehr ein politisch-ethischer Gegenpol, eine „Streitkraft“ gegen ebendiese. Zusammenfassend kommt Badelt zu dem Schluss, dass der Begriff Neue Soziale Bewegungen sehr wohl als Erklärungsmodell für DDR-Oppositionsgruppen, Protestgruppen, Widerstandsgruppen, sozialethisch orientierten Gruppen und Initiativen, sowie deren heterogenen Konfliktlagen dienen könne. Auch die rechten Strömungen will er aus diesem Begriff nicht endgültig ausschließen. Die Analyse seines Textes befasst sich daraufhin ausführlich mit der Betrachtung der Entstehung der NSB und wie sie zunächst „im Stillen“ und im „Kleinen“ arbeiteten, in einer Art Nischengesellschaft. In der nächsten Etappe wächst plötzlich ihre Relevanz und sie sollen eine zentrale Rolle im Kristallisationspunkt 1989 spielen, wenn es schließlich darum geht, die Massenproteste zu mobilisieren. Danach kommt es zum Umbruch der äußeren gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen, was natürlich nicht ohne Auswirkungen auf die NSB bleiben kann. Irritationen und Unsicherheiten, eine Art „Überrollt-werden“ durch teilweise externe (bundesrepublikanische) Akteure und Strategien, ohne eine eigene gefestigt zu haben und dadurch letztendlich eine Marginalisierung, die bis heute das Schicksal der NSB im Osten Deutschlands sind, trüben die einst so aussichtsreiche Zukunft der einstigen Protest- und Oppositionsgruppen der DDR. Badelt behandelt diese Entwicklungen ausführlich, um seine Analyse optimistisch zu beenden. Ich jedoch möchte behaupten, dass das Bild, das er entwirft, ein wenig zu romantisch und zu wenig realistisch ist: Er betont ausdrücklich die guten Chancen der NSB Ostdeutschlands, die Menschen in einem Identitätsfindungsprozess zu einen und sie wieder gegen ungerechte Politik und mangelnde demokratische Mitbestimmung auf die Straße bringen zu können. Anhand von vier Themenfeldern möchte ich beleuchten, ob und inwiefern diese Einschätzung Badelts realistisch sein kann.

Spielten die NSB jemals eine große Rolle?

Als erste Frage sollte gestellt werden, ob die NSB in Ostdeutschland tatsächlich und jemals eine wirklich große Rolle innehatten. Waren sie ein kleines Rinnsal, das selbst zum reißenden Strom wurde? Ja, würde Badelt sagen. Doch er zitiert auch Pollack, der der Meinung war, das Rinnsal sei einfach von einem Dammbruch bei Partei, Staatssicherheit und Polizei, mitgerissen worden und gar nicht selbst zum Strom geworden. Vielmehr habe im gesamten System längst ein Überdruck geherrscht, welcher sich irgendwo Raum schaffen musste. Dieser Überdruck habe in den Fälschungen bei den Kommunalwahlen 1989, in der allgemeinen Erosion der Legitimität der Staatsführung, den Ausreisewellen und last but not least in einem „Hunger“ nach Wohlstand, wirtschaftlicher Teilhabe und „ökonomischen Wohltaten“, wie sie in der BRD winkten, bestanden. All das hätte wahrscheinlich alleine auch genug Aktionspotential in der Bevölkerung bewirken können, wenn überhaupt, dann waren die NSB vielleicht höchstens eine Art Katalysator. Dafür spricht auch, dass die Ziele der NSB nie die der Masse waren. Die Bewegungen wollten zum Beispiel eine Reform der DDR. Die Masse wollte die Vereinigung mit der BRD. So wurde auch bald aus dem Slogan „Wir sind das Volk“, den man auf den Montagsdemos hören konnte, ein „Wir sind ein Volk!“ Selbstkritisch äußerte Erhard Neubert bei unserem gemeinsamen Gespräch am 05.05. zudem, dass in den NSB nie eine besonders große ökonomische Kompetenz vertreten gewesen sei. Eigentlich wollte man dort auch am Sozialismus festhalten. Irgendwie. Das Volk aber, so könnte man rückwirkend behaupten, war sehr an den Gütern und am Konsum interessiert, beides Verlockungen, mit denen ihnen der Kapitalismus winkte.
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