Öffentliche Empörung bringt Klicks – geil!

Hi,

es sollte einmal ein kleines (offenes) Geheimnis ausgesprochen werden: Wenn ich mich über bestimmte Personen in diesem Blog empörte, brachte es mir meistens gute Klickzahlen. Kritik wird gern gelesen. Vor allem dann, wenn es in den anderen vielleicht auch schon brodelt, es sich aber noch niemand „getraut“ hat, es auszusprechen. Das Brodeln der Anderen ist dabei ein sehr problematisches Phänomen. Letztendlich ist es genau der Punkt, der die vielen Klicks generiert. Es zu nutzen (also aktiv) stellt daher immer ein zu hinterfragendes Problem dar. Es sollte nicht der Hauptgrund sein, eine Kritik aufzuschreiben.

Warum ich das schreibe? Nun: Ich schreibe es, weil ich im Internet durch diese selbst gemachte Erfahrung und Beobachtung immer sehr gut nachvollziehen kann, wenn mit dem Brodeln der anderen sozusagen „gespielt“ wird. Das ist in politischen Fragen auch völlig legitim. Wenn aber nicht eine Sache oder ein Inhalt, sondern eine Person zum Zielpunkt wird, dann geht es los mit dem Bereich, den ich schwierig finde. Wir alle kennen doch diese Texte (oder Podcasts, oder Youtube-Videos): Person X wird anvisiert, man hackt einfach ein bisschen auf sie ein, stellt sie als lächerlich dar und lasst kein gutes Haar an ihr – Klicks – Klicks – Klicks! Ne ziemlich „sichere Sache“. Es gibt Menschen, die haben sich darauf spezialisiert, sich an Leuten abzuarbeiten und damit Aufmerksamkeit zu generieren.

Meine These: Wenn es bestimmten Personen nicht gut geht, dann ist es eben ein sehr günstiges Mittel, andere auszuwählen, über die man sich qua
– politischer
– historischer
– intelligenzquotientaler
– moralischer
– [setzt doch ein, was ihr wollt]
Überlegenheit dann wieder groß, besser, stärker fühlen kann.

Menschlich, dieses Bedürfnis. Kenn ich ausm Kindergarten, aus der Grundschule und aus meiner Pubertät – hab ich oft genug hingehalten für. Im Kindergarten und in der Schule spricht man von Mobbing oder Bullying. Wenn Erwachsene das im Netz tun, dann schaffen sie es aber meistens ganz gut, es so zu verschleiern, dass sie scheinbare Legitimität generieren: Argumentiert wird meistens mit der öffentlichkeit der Person, die zur Zielscheibe gemacht wird. Diese habe doch eine sehr weite Reichweite. Wenn die Person etwas öffentlich sage, müsse sie doch damit rechnen, dass es Kritik gäbe. Wenn die Person sich eventuell auch noch in einer politischen Partei auf was für einem Posten auch immer engagiere, sei man quasi in der Pflicht, sie „auseinanderzunehmen“. Das mache man doch in dieser Demokratie mit allen parteipolitischen Personen.

Ja. Mancherorts ist das üblich. Kampagnen gegen Personen gibt es meistens in der BILD und ihren niveaugleichen Regionaläquivalenten. Es ist eine Methode, die sich neben dieser besonderen Ecke der Journaille im Internet vor allem sogenannte Maskulisten in ihren Foren angeeignet haben. Sie arbeiten sich mit Vorliebe an Texten von Feministinnen ab. Sinnentstellung, Verkürzung von Aussagen und andere Arten des unfairen Diskutierens können hier in meisterhafter Perfektion nachvollzogen werden. Maskulisten führen eine personenzentrierte Auseinandersetzung mit dem Feminismus. Sie ergötzen sich dann an Textteilen und heizen sich gegenseitig auf, bestätigen sich dadurch letztendlich in einem Fort, um sich dann groß und stark – und männlich zu fühlen.

Wie macht man es besser?

Ein Versuch, ein paar „Anstandsregeln“ zu entwerfen: Wenn ich einmal wirklich wütend war, während ich Kritik formulierte, schickte ich Relaitivierungen und Rechtfertigungen voraus. Den eigenen Standpunkt relativieren kann ein Mittels sein – andererseits sehe ich darin zwei Probleme: Eigentlich sollte man keine Kritik formulieren und Personen damit adressieren, wenn man wirklich wütend ist. Außerdem sollte man den eigenen Standpunkt nicht relativieren – er ist doch wichtig. Andererseits muss die Aktualität und der Bezug zur *inhaltlichen* Debatte noch gegeben sein. Denn klar: Manchmal geht es nicht, dass man das, was öffentliche Personen so schreiben, sagen, tun – und dafür noch Applaus ernten – so stehen lässt. Der eigene inhaltliche und politische Standpunkt ist wichtig. Der eigene Standpunkt sollte das zentrale Anliegen sein – nicht das Niedermachen des anderen Standpunkts. Hier sollte man abwägen. Muss der Text wirklich jetzt sofort sein, oder lasse ich ihn noch eine Nach „liegen“ und arbeite dann noch einmal entschärfend daran? Wenn es wirklich sofort sein muss, dann sollte man darauf achten, dass die Inhalte zentral sind – nicht das bashing der Person. Natürlich sind die Grenzen verschwimmend, man kann nie ganz genau sagen, was jetzt genau der Sinn ist. Was die Intention. Außerdem sind manchmal die emotionalen Texte die besten – keine Frage. Aber:

1. Dosiert eure personenzentrierten Rants bitte wohl.

2. Nehmt es euch nicht zu sehr zu Herzen, wenn ihr gerantet werden. Schaut euch die Ranter-Seite an: Vermutlich seid ihr nicht die einzigen, die es dort trifft. Und wenn ja: Okay – vielleicht mal über die Inhalte nachdenken. Und dann auch wieder loslassen.

3. Offline mehr nutzen! – wenn ihr negative Gefühle habt, die allzumenschlich sind, dann schreibt sie doch in euer Tagebuch. Und wenn euch digital jemand anpupst, geht offline und knuddelt reale Menschen.

Und für twitter: Vergesst Twitter-Rants. Das Gemotze, das Gemecker, jeder kleinste Frustpups – alles landet dort. Immer wieder mal ausschalten und Pause machen und eine „Timeline-Psychohygiene“-Strategie entwickeln.

Flattr this!

Die Featurette ist beta – immerhin

dieser Tweet bringt es auf den Punkt. Wir werden die Farben noch einmal gründlich überdenken. Wir werden noch ein bisschen an den Widgets schrauben. Wir werden weitere Bloggerinnen hinzufügen und außerdem werden wir noch viel viel viel mehr LeserInnen anlocken.

Bis dahin könnt ihr das Projekt weiterhin unterstützen. Einfach mal da unten rumklicken und Gutes tun. Dankeschön :)

Flattr this!

Treffen und hören: die Kadda auf der re:publica 12

Auch dieses Jahr werde ich mich wieder aktiv auf der re:publica einmischen. Und es ist mir eine besondere Freude, denn dieses Jahr darf ich das tolle Projekt Featurette von Frau Lila vorstellen. Vielleicht erinnern sich einige von euch noch an meinen letzten Vortrag auf der re:publica: Ich sprach über Stereotype, über Sichtbarkeit und Wettkampf – und wie das alles sich auf ein unausgeglichenes Macht- und Einflussverhältnis zwischen den Geschlechtern in der digitalen Gesellschaft auswirkt. Bei Blogger_innen im Gespräch (Link führt zum Video) mit Philipp Banse erklärte ich das alles auch noch einmal in Kurzform.

Das wirklich tolle ist, dass aus all den dort angestoßenen Ideen und Diskussionen wirklich weiterführende Projekte und Lösungsansätze erwachsen sind. So kann ich euch dieses Jahr das von Susanne Klingner, Barbara Streidl und mir (AKA Frau Lila) entworfene Webmagazin Featurette vorstellen, das genau am Problem der mangelnden Sichtbarkeit ansetzt und eine Lösung versucht. Die Featurette wird ein Portal, das gute Webinhalte stärker herausstreicht, indem es sie in einem Webmagazin präsentiert. Im Falle der Featurette sind das Inhalte von Bloggerinnen zu einer großen Themenbreite.

nullEin zweiter wichtiger Schritt ist unser Kontakt und Austausch mit Wikimedia e.V. zur Frage der Gender Gap in der Wikipedia. Auch hierzu wird es auf der re:publica eine Diskussionsrunde geben. Denn Wikimedia e.V. hat sich zum Ziel gesetzt, den Frauenanteil in der Wikipedia zu verdoppeln (er liegt jetzt bei ca. 9 Prozent). International gibt es viele tolle Ansätze und die Vernetzung nimmt richtig Fahrt an. Diesen Vibe wollen wir auch für Deutschland nutzen und gemeinsam diskutieren, wo genau die Probleme liegen, welche Ideen innerhalb der Community existieren und welche gesellschaftspolitischen Auswirkungen die Gender Gap hat. Es diskutieren:
Susanne Patzelt (Journalistin)
Andreas Kemper (Autor)
Anja Ebersbach (Präsidium Wikimedia Deutschland)
Dirk Franke (Präsidium Wikimedia Deutschland, Wikipedianer)
Stefanie Senger (Wikipedianerin)

ich habe die Ehre der Moderation.

Beide Veranstaltungen finden am Mittwoch, 02. Mai, statt.

Ich freue mich!

Flattr this!

Moralisierung und Abgrenzung

Ich fragte euch neulich, wo für euch das Politische in dieser Digitalen Medienwelt ist. Viel Feedback kam da ja nicht.

Mittlerweile bin ich fast geneigt: Es gibt hier nichts Politisches. Oder: Man muss es mit der Lupe suchen. Politisch ist für mich nämlich nicht, mit anderen heititei zusammen an der heilen Welt zu basteln – ungeachtet der Tatsache, dass es Feinde meiner Ideale gibt. Es heißt für mich: Zu versuchen mich gegen diese Kontrahenten, gegen die Leute, die in meinen Augen gegen meine Ideale handeln, durchzusetzen. HEGEMONIE erlangen wollen. Und ich weiß: Also dieses Wort! He-ge-mo-nie.- böses Wort… O_o

Ich könnte auch behaupten: Die digitale Medienwelt zerstört in ihren momentanen sozialen Auswüchsen das Politische. Ein Indiz dafür sind die florierenden Rage-Accounts auf twitter (ja, ich habe auch einen), wo die Menschen sich dann in einem kleinen, protecteten Millieu noch trauen, auch mal „böse“ Dinge zu sagen. Da ich hier auf ein Problem zu sprechen komme, das eine große Kontroverse auslösen könnte, möchte ich erst einmal definieren, was ich unter „dem Politischen“ verstehe. Angelehnt an Chantal Mouffe, die sich wiederum auf den „bösen“ Carl Schmitt beruft, sehe ich darin die Existenz und die nicht-moralische Austragung von Konflikten. Von Agonismen. Mit nicht-moralisch meine ich, dass es nicht darum geht, auf einer moralischen Ebene zu argumentieren und damit der anderen Meinung komplett die Existenz-Berechtigung zu entziehen, sondern eben darum, politische Auseinandersetzungen zu führen.
Weiterlesen

Flattr this!

Stereotype, Hormone und die sogenannten „Beweise“ – alles Evolution?

Ganz schön geschickt, von diesem Christian. In seiner Anrufung an „die“ Piratenpartei, einem strangen Artikel, hat er so viele Ping-Back-Verlinkungen platziert, dass alle Verlinkten sich über seinen Artikel hermachen und auch noch kommentieren. Seine Botschaft hat er damit gekonnt unter die Leute gebracht: Hütet euch vor dem Feminismus – ihr Piraten!

Nein: Man muss sich diesen Artikel nicht wirklich durchlesen. Ich fasse einfach kurz zusammen:
Piraten sind eine junge Partei, die noch ihren Weg sucht – und einen Kegelclub hat. Also fühlt er sich genötigt, zu intervenieren und gebetsartig Sätze wie „Ihr seid sachlich denke (sic!) Personen“ oder “ Ihr denkt in Fakten, nicht in Beliebigkeiten“ – er appelliert an die Ratio der „Nerds“ um zu schließen mit: „Wer gegen die Auswirkungen verschiedener Spielarten des Feminismus ist, insbesondere den Genderfeminismus, der ist nicht frauenfeindlich.“

Nein nein! Nehmt euch jetzt nicht die Zeit, das zu lesen. Das ist es auch wiederum nicht wert (ich lese den Christian eigentlich recht oft, ich geb euch dann einfach Bescheid, wenn mal was Wichtiges, oder gar Gewinnbringendes drin steht). Lest doch lieber einmal diese Zusammenfassung einer sehr spannenden Studie, die so ein bisschen einmal alles auseinander nimmt und ad absurdum führt, was Leute wie Christian als einzig „wahre“ Erklärung für alle Unterschiede zwischen den Geschlechtern akzeptieren. Oder sagen wir: Als zentrale Erklärung für alles Mögliche – was wiederum eine Erklärung dafür ist, dass Testosteron (ich liebe btw Testosteron! ich glaube, ich habe davon auch sehr viel – harr harr) und die Lust eine sehr große Rolle in den Artikeln in seinem Blog spielen.

Biological and social factors have been shown to affect cognitive sex differences. For example, several studies have found that sex hormones have activating effects on sex-sensitive tasks. On the other hand, it has been shown that gender stereotypes can influence the cognitive performance of (gender-) stereotyped individuals. However, few studies have investigated the combined effects of both factors. The present study investigated the interaction between sex hormones and gender stereotypes within a psychobiosocial approach. One hundred and fourteen participants (59 women) performed a battery of sex-sensitive cognitive tasks, including mental rotation, verbal fluency, and perceptual speed. Saliva samples were taken immediately after cognitive testing. Levels of testosterone (T) were analysed using chemiluminescence immunoassay (LIA). To activate gender stereotypes, a questionnaire was applied to the experimental group that referred to the cognitive tasks used. The control group received an identical questionnaire but with a gender-neutral content. As expected, significant sex differences favouring males and females appeared for mental rotation and verbal fluency tasks, respectively. The results revealed no sex difference in perceptual speed. The male superiority in the Revised Vandenberg and Kuse Mental Rotations Tests (MRT-3D) was mainly driven by the stereotype-active group. No significant sex difference in MRT-3D appeared in the control group. The MRT-3D was also the task in which a strong gender-stereotype favouring males was present for both males and females. Interestingly, T levels of the stereotype-activated group were 60% higher than that of male controls. The results suggest that sex hormones mediate the effects of gender stereotypes on specific cognitive abilities.

Das ist die Zusammenfassung einer Studie mit dem Titel „Interactive effects of sex hormones and gender stereotypes on cognitive sex differences—A psychobiosocial approach“, die zu dem Ergebnis kommt, dass die tatsächliche Auswirkung sogenannter „Hormone“ auf unser Verhalten, die tatsächlich messbaren Unterschiede, davon abhängen, wie stark wir selbst Gender-Stereotype gefressen haben – oder eben nicht. Ich habe die Studie vor einem Jahr komplett gefressen, da sie ein Bestandteil meiner Vorbereitungen zum Vortrag „Stereotype, Sichtbarkeit und Wettkampf – Diversity in der Digitalen Gesellschaft“ war. Deswegen habe ich sie auch schon vor vielen Monaten auf Nachfrage an Christian getwittert – eine Antwort bekam ich allerdings nie. Naja – das Blöde ist wohl einfach auch, dass die Basis seines gesamten Blogs, das recht ausführlich und regelmäßig geschrieben wird, mit einem Ernstnehmen solcher Ergebnisse wegfallen würde. Kartenhaus und so. Aber vielleicht ist bei dieser jungen Partei, die doch so wissenschaftlich sein und denken soll, die sich kein X für ein U vormachen lässt, jemand ambitioniert, das Ding zu lesen. Ich lasse der-/demjenigen dann gerne eine Privatkopie davon zukommen.

Gute Nacht!

PS: Ja – es sieht anders aus hier. Ich brauchte einen Tapetenwechsel. Ich hoffe sehr, dass es gefällt.

Flattr this!

Piraten, Feminismus & Klischeedenken

„Feministinnen machen sich selbst zu Opfern“ – wenn es einen Satz gibt, von dem ich mir wünsche, dass er einfach mit knallpeng für immer explodiert und nie wieder kommt, dann dieser. Mit all seinen Nebenimplikationen. Aber so einfach geht das leider nicht. Es denken ja viel zu viele, noch dazu recht kluge Menschen, dass Feminismus eine Opferrollen-Erschaffung des gesamten weiblichen Geschlechts sei. Dass Freiheit und Selbstbestimmung die zentralen Grundziele der feministischen Haltung sind – interessiert nicht. Auch eine tiefergehende Betrachtung der Wirkung von Stereotypen in allen Bereichen – im Geschlechterverhältnis aber im Besonderen – findet nicht statt. Es ist aber eben auch komplex. Die Opferrolle ist übrigens auch nichts als ein Stereotyp – eines über FeministInnen. Schublade auf, FeministIn rein, Schublade zu. Wie hier (Piratenkeks: Die destruktive Wirkung des Opferfeminismus):

„Diese Viktimisierung der Frau im vorliegenden Beispiel ist kein Einzelfall. Schaut man sich die typischen, öffentlich wahrgenommenen Themen des Feminismus der letzten Zeit an, wird sie gar zum wiederkehrenden Motiv. Es gibt so wenige Frauen in Führungspositionen, weil sie Opfer des von Männern gebauten Systems sind. Der Staat soll wie ein übergeordneter Gottesersatz eingreifen. Natürlich existiert dieser Missstand, aber wieso wird in der öffentlichen Debatte nie die Frage nach der Rolle der Frauen beim Erhalt dieses System gestellt?

Ein anderes Beispiel zeigt es noch deutlicher: Feministinnen beschweren sich seit Jahr und Tag über Machos. Gleichzeitig weiß wohl jeder: Der nette Junge kriegt das Mädchen nur im Film. In der Realität hingegen, sind es die Machos, die ein geregeltes Sexualleben haben, während die netten Kerle, die Frauen so zuvorkommend behandeln wie ihre Mütter und die Medien (auch die Bravo) es ihnen beigebracht haben, immer nur »Lass uns Freunde sein« zu hören kriegen. Geschlechterstereotypen würden einige sagen, Realität sagen wir.“

Das ist besonders witzig, wenn man sich den Abschluss dieses Feminismus-Bashings anschaut:

„Aber ein Feminismus, der seinen eigenen Zielen und Maßstäben gerecht werden will, muss hier in besonderem Maße differenziertes Denken an den Tag legen.“

Ja. Äh. Differenziertes Denken. Genau.
Weiterlesen

Flattr this!

Antje Schrupp, Fortschritt, Magda

Als Einstieg in die neue Serie, heute drei Kommentare, die sich alle im feministischen Umfeld tummeln.

Antje Schrupp schreibt bei Julia Seeliger unter „Alice und der Sex“:

Man muss allerdings mit berücksichtigen, dass es damals in den Achtzigern noch überhaupt keine Vorstellung davon gab, dass Sex auch ANDERS als durch Penetration möglich ist. Ich war damals um die zwanzig und kann mich noch genau erinnern, wie mir durch Schwarzers Formulierungen wirklich überhaupt erst einmal klar wurde, dass Sex mehr sein könnte als sich einen reinstecken lassen. Es war wie Tomaten von den Augen fallen, denn niemals hatte mir irgend jemand etwas dergleichen gesagt. Im Gegenteil, ich hatte mehrere Begegnungen mit Männern (netten Männern, Freunden von mir), die mir ein schlechtes Gewissen machten, wenn ich sie “erst anmachte und dann nicht reinstecken ließ”. Und es war sehr, sehr, sehr, sehr schwer bis unmöglich, es damals normalen durchschnittlichen Männern zu erklären, dass das Reinstecken eventuell nicht alles am Sex sein könnte. Mir wurde, wenn ich das verweigerte, mehrmals und von vielen Seiten vorgehalten, ich sei doch “frigide”. Also ich bin wahrlich kein Fan von Schwarzer, aber diese Relativierung der Gleichung Sex = Reinstecken war sehr wichtig, jedenfalls für mich persönlich auf jeden Fall.

Weiterlesen

Flattr this!

Wir sind das Netz

Ohne es zu wollen, bestärken Männer wie Frauen den Mythos, das Internet sei ein digitaler Männerspielplatz. Angewandte Heldinnenforschung kann das ändern. Ein Vorschlag

Unser Handeln und Denken wird in hohem Maße von den Erwartungen bestimmt, die wir haben. Erwartungen wiederum sind eine Folge unserer Erfahrungen. Unterbewusst und schnell greift unser Gedächtnis auf sie zurück, und so kann ich beispielsweise diesen Text in einem Affentempo wegtippen. Mein Gehirn weiß, wie die Tasten auf der Tastatur angeordnet sind. Genauso automatisch wie das Tippen laufen Sortierungen in unserem Kopf ab – kurz: unser Schubladendenken. Wir merken oft gar nicht, wenn wir Männer für die besseren Naturwissenschaftler halten oder glauben, dass Frauen schlechter einparken.

In Deutschland ist der stereotype Blogger ein Mann. Er ist weiß, um die 40 Jahre alt und bloggt über „harte“ Themen wie Politik oder Technik. Spreeblick, Netzpolitik und Bildblog stehen repräsentativ dafür. Alles tolle Blogs, keine Frage. Warum aber sind Blogs von Frauen durch die Bank weniger präsent? Warum werden sie weniger verlinkt und fahren längst nicht so viele Einnahmen ein wie die so genannten Alpha-Blogger? Und warum kommen uns Blogs zu „Frauenthemen“ weniger wichtig vor?

Es ist unser Assoziationsgedächtnis, das uns einen Strich durch die Rechnung macht: Begriffe, die ständig zusammen gedacht werden wie „Politik und Männer“, „Mode und Frauen“ oder „Frauen und Gedöns“ sind nur mit viel Mühe umzusortieren. Es ist Gewohnheit, die uns auf die Alpha-Blogs führt, wenn wir Politisches lesen wollen. Man könnte auch sagen: Faulheit.

Netzhabitus – ein männliches Spiel?

Nicht nur die Seite des Empfängers führt in der Internetgesellschaft zu einem Ungleichgewicht in der Sichtbarkeit. Auch die Akteursseite, die Sender, haben an der Produktion von Stereotypen teil: Friedfertigkeit, Genügsamkeit und Zurückhaltung gelten als typisch weiblich und sind im Verhalten von Frauen deutlich häufiger zu finden als bei Männern.

(weiterlesen auf Freitag.de)

Flattr this!