Triggerwarnungspolitik und Frausein

nach langer Stille lebt eine alte Rubrik wieder auf: DER KLUGE KOMMENTAR

Ich habe dabei zwei sehr kluge und hilfreiche Kommentarstränge herausgesucht, die mir in den vergangenen Tagen über den Weg gelaufen sind.

Bei Antje Schrupps Auseinandersetzung mit der Frage, ob Frauen nicht eigentlich vielmehr seien, als weiblich sozialisierte Menschen, warf Susanna zwei Einwände in die Debatte (sie warf noch mehr ein, aber ich zitiere mal die für mich prägnantesten):

 Bei “weiblich sozialisierter Mensch” denke ich immer an eine “typische” Frau, aber damit fühle ich mich nicht gemeint. (Vermutlich fühlen sich nur wenige Frauen damit gemeint.) Wenn ich mich als Frau bezeichne, fühle ich mich weniger eingeschränkt.

Das ist genau deswegen spannend, weil sie damit sagt: Aus meiner Perspektive geschieht bei der Nutzung der Floskel weiblich sozialisierter Mensch genau das Gegenteil des intendierten. (Notiz an mich: Mehr über nicht-intendierte Effekte lesen und schreiben).

weiter sagt sie:

Natürlich kann keine Frau den Bildern von Frauen, die in unserer Kultur herumgeistern, völlig entgehen. Jede entwickelt ihre eigene Mischung aus Anpassung und WIderstand.

was für mich den Nagel eines feministischen Kernproblems auf den Kopf trifft.

Der Joachim Losehand macht dann noch einen sehr interessanten Beitrag für die andere Seite (oder nein: Er ist eher unentschieden.), der von Irene aufgegriffen und wiederum kommentiert wird:

(Zitat Joachim Losehand) Der Begriff der “weiblich sozialisierte Person” – “WSP” – entspringt meiner Meinung nach zwei Motivationen: 1) “Geschlecht” anti-naturalistisch als Kategorie und Konstrukt von Menschen für Menschen bestimmt zu verstehen, 2) möglichst umfassend inklusive Begriffe für bestimmte Gruppen von Menschen zu finden, die (sebstbestimmt) in der ein oder anderen Weise sich einem “Konstrukt” zugehörig fühlen bzw. sich so definieren.(/Zitat)

Inklusion entsteht aber nicht dadurch, sozialwissenschaftliche Fachsprache als allgemeines Neusprech etablieren zu wollen.

hier finde ich mitnehmenswert, dass neue Sprache immer auch der Reflexion bedarf: Schafft sie das, was sie soll, oder schwingen zu viele nicht-intendierte Effekte mit? Ein weiteres Beispiel wäre für mich die Nutzung einer „besonders inkusiven“ Sprache unter der Frage: Welche Ausschlüsse erzeugt sie aber neuerlich?

Die zweite Debatte, die ich quasi selbst eröffnet habe, dreht sich um Triggerwarnungen. Bei puzzlestücke wurde mein Artikel kritisch beäugt und zum Anlass genommen, die Debatte grundsätzlicher zu führen (was ich sehr begrüßenswert finde). Die Debatte ist lang, wie anzunehmen ist, aber ich freute mich vor allem über einen sehr konkreten Verfahrensvorschlag, der – juchuu – tatsächlich aus der Ecke der Betroffenen-Foren kommt, nämlich von einem/r dortigen ModeratorIn, Robin Urban:

Triggerwarnungen halte ich für sehr sinnvoll und Splats ebenfalls, auch wenn ich davon selbst nicht betroffen bin. Es haben mir schon so viele Betroffene versichert, dass es tatsächlich einen Unterschied macht, ob man beispielsweise r*tzen oder ritzen schreibt, dass ich das einfach glauben muss, auch wenn es vielleicht schwer nachvollziehbar erscheint. Der Einwand hingegen, dadurch würde ein Text unlesbar, ist mMn lächerlich.

Vor langer, langer Zeit musste ich als Moderatorin in einem Forum festlegen, vor welchen Inhalten eine Triggerwarnung gehört und vor welchen nicht. Es war eine der heftigsten Diskussionen, die dieses Forum jemals erlebt hat. Manche, die sehr gerne bl*tige Szenen zeigten, fühlten sich vom Hinweis, dass dies viele triggert, eindeutig angegriffen und konterten damit, dass ja auch niemand Rücksicht auf IHRE Gefühle nimmt, denn obwohl sich einsam fühlten und ungern daran erinnert würden, dass andere ihr Liebesglück gefunden haben, würde vor Texten mit solchen Inhalt ja auch keine Triggerwarnung gesetzt.

Tja, wie damit umgehen? Ich entschied mich für folgende Vorgehensweise:
Triggerwarnungen gehören vor Inhalte, die sogar von psychisch völlig gesunden Personen als verstörend, widerlich oder verletzend empfunden werden können und (und jetzt kommts:) DIE IM WAHREN LEBEN VERMEIDBAR SIND. Dazu gehören bl*tige Szenen z.B. in Filmen, die Darstellung von Gewalt, SVV oder Verg*w*lt*gung, Pornographie etc. pp. Denn, wenn man mit solchen Inhalten nicht klar kommt, dann kann man ihnen aus dem Weg gehen: Man sieht keine Auslandsnachrichten, man kuckt sich keine Horrorfilme oder Pornos an. Wer sein Fernsehen vor 22 Uhr abschaltet, muss damit nicht konfrontiert werden. Das meiste davon deckt sich mit dem FSK16.
Wenn man sich dagegen von verliebten Pärchen, Liebe allgemein oder, um eines deiner Beispiele zu nennen, Schokolade getriggert fühlt… nun, das ist bedauerlich, aber damit muss der Betroffene wohl versuchen, klar zu kommen. So wie man keine knutschende Pärchen auf der Straße davon abhalten kann, ihre Liebe zu zeigen oder Lindt davon abbringen kann, ihre Schokolade im Kaufhaus anzubieten, so sinnlos ist es, diese ständig präsenten Inhalte ausgerechnet in einem Forum/Beitrag etc. mit einer Triggerwarnung zu versehen.

Mit dieser Politik ließ sich immer gut fahren.

Die Sache mit den Auslandsnachrichten würde ich noch einmal kritisch hinterfragen.

Ansonsten finde ich es aber wirklich hilfreich, sich so zu orientieren. Als ich den Artikel ursprünglich für meine Kolumne im Freitag verfasste, war ich auf vielen Blogs, in denen Triggerwarnungen absolut sinnvoll waren, da Selbstverletzungen an der Tagesordnung waren – bebildert. Ich muss gestehen, dass mich die stundenlange Beschäftigung mit diesen Inhalten (von Teenagern) ziemlich fertig gemacht haben. Gleichzeitig aber haben sie mir ziemlich eindrücklich vor Augen geführt, warum der Artikel so wie er ist, wichtig war und ist. Im Gegensatz zu puzzlestückes Suggestion geht es mir um eine Differenzierung um dem ursprünglichen Anliegen auch irgendwo gerecht zu werden. Denn die inflationäre Verwendung verwässert die Idee. Wie reagieren denn traumatisierte Menschen wohl, wenn sie auf twitter alle naselang mit „Triggerwarnungen“ konfrontiert werden, hinter denen aber nur Texte oder Aussagen stecken, die der/die Warnende politisch für Falsch hält? Deswegen empfinde ich es auch nicht als verantwortliches Handeln, die Debatte von sich zu weisen.

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Ein Rückblick mit Anti-Flausch-Komponente

Noch schnell vor Ostern und vor dem Umzugsstress eine kleine Linkschleuder, damit das einfach mal erwähnt ist, was in meinem Instapaper geduldig wartend herumliegt:

Giving Women the Access Code
>> Sehr guter Artikel über die verschiedenen Probleme im Bereich Frauen und Informatik. Mit dem tollen Schlusssatz einer, die es durchgezogen hat:

“If you’re constantly pushing yourself, and putting yourself in new environments, you’ll feel it over and over again,” she said. “So the only really important thing is not to let it stop you.”

es östert sehr. Bild (CC BY-NC-SA 2.0) von 30003019 via Flickr: http://www.flickr.com/photos/30003019/425477231/

Changing our culture of consumption
>> Oh ja – spannend, spannend! Wie färben sich Klasse und Kultur eigentlich auf unsere Einstellung zur Umwelt ab? In Salon spricht die Autorin von „True Wealth“ darüber, wie sich Konsum und Umweltschutz gegenseitig bedingen. Wie man am Konsum ansetzen muss, wenn man die Umwelt schützen will. Lang aber lesenswert.

Überlegungen zur repräsentativen Demokratie
>> Auch Antje Schrupp denkt über die repräsentative Demokratie nach und ist zuerst kurz überrascht, dass es doch auch ganz passabel damit läuft – auch wenn diese positive Überraschung nicht länger als einen Blogpost halten mag.

Presse und Freiheit
>> Julia Schramm ist Piratin. Und manchmal auch schnell auf 180. So wie viele PiratInnen. Impulskontrolle ist nicht immer deren beste Disziplin – aber das macht nichts. Das ist unterhaltsam. Nun schlägt Julia oftmals auch sehr nachdenkliche und politisch sinnierende Töne an. Besonders gut gefallen hat mir ihre Reflexion über die Presse, die bösen Schlagzeilen und wie damit umzugehen sei.

„Nur weil ich schwarz bin“
>> Kübra Gümüsay denkt in ihrem fremdwörterbuch ein wenig über die problematischen Implikationen nach, die eine häufige und manchmal unpassende Verwendung dieses Satzes haben kann. Sie denkt sich dabei zurück in ihre eigene Kindheit und holt die damals gemachten Erfahrungen hervor, um aktuelle Diskussionen zu reflektieren. Besonders schön fand ich die Aussage: „Doch wir sagten diesen Satz so oft, gebrauchten ihn so inflationär, dass er seine Wirkung verlor.“

Friedensnobelpreisträgerin verteidigt Homo-Verbot
>> die liberianische Präsidentin Ellen Johnson-Sirleaf hat in einem Interview das Verbot von Homosexualität in ihrem Land verteidigt. 2011 hatte sie für ihren Einsatz gegen die Vergewaltigung von Frauen den Friedensnobelpreis erhalten. queer.de berichtet.

Der erfundene Horror der chinesischen iPad-Fabriken
>> lest es bitte als eine Gegendarstellung einer früheren Meldung einer meiner Linkschleudern – und dankt der FAZ für eine Klärung. Und ich denke mal über das nach, was man einfach so glaubt, glauben muss, schlucken muss und wieviel davon vermutlich einfach nicht stimmt.
(via mh120480)

Chaos der Kulturen
>> So heißt das neue Buch von Necla Kelek, auf das ich mich sehr freue. Ich mag Necla Kelek eigentlich ziemlich gerne, teile ihre Art, an die Dinge heranzugehen bislang beinahe eins zu eins. Der Freitag hat sich hier sehr viel Mühe gemacht und liefert flankierende Artikel und Videos.

„Es gibt eine Menge afrikanischer Blogger, wir hören ihnen nur nicht zu“
>> sagt Ethan Zuckerman und als derjenige, der bereits umsetzt, was ich neulich als „neue“ Idee hatte liefert er einen sehr interessanten Einblick und neuen Standpunkt zu Fragen wie: Was ist eigentlich „Qualitätsjournalismus“? Warum verpasse ich so viel in meiner Filterbubble – und ist das schlimm? Wie überbrücken wir in der Zukunft die Sprachbarrieren, damit das Internet sein Kommunikations- und Informationspotential besser entfaltet. Großes *hach* – und lesen – husch!

Weniger Arbeit für alle!
>> und mit dieser Forderung sprechen die fuckermothers wohl nicht nur mir aus der Seele.

Amerikas unmoralischer Dronen-Krieg in Pakistan
>> ist Thema dieses Salon-Artikels. Eine Debatte, die uns ab jetzt wohl häufiger über den Weg laufen wird. Dronen sind die logische Konsequenz einer „postheroischen Gesellschaft“, sagt Herfried Münkler. Was aber bedeutet das für die Kriege, in denen sie eingesetzt werden? Für die Menschen, die angegriffen werden? Für die Bilder, die um die Welt gehen… 1.000 Fragen.

Feminismus für Fortgeschrittene
>> titelt die Zeit und betrachtet unter diesem Titel die britische Autorin Caitlin Moran und ihr Buch „How to be a woman“. Es ist unter sehr vielen verschiedenen Aspekten gesehen ein sehr interessanter Mensch, der hier schreibt. Aber lest selbst.

Die Entzauberung des Kuschelhormons Oxytocin
>> Solche Artikel mag ich aus Prinzip: Etwas, das Jahrzehntelang als völlig klar galt und fast schon jedem Schulkind bekannt war wird einfach dekonstruiert, weil man quasi das Gegenteil herausgefunden hat. Ja: Oxytocin macht uns irgendwie „flauschiger“ – hach FLAUSCH – aber je flauschiger wir sind, so die Ergebnisse, desto ausgrenzender werden wir. Desto intoleranter gegen das den Flausch störende. Das ist auf so vielen Ebenen spannend! Danke, du Forschung du – du bist eben doch besser, als dein Ruf!

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„We’re gonna stand up and fight!“

Was zu tun bleibt – Kleine Nachlese zum Frauentag
>> Um den Frauentag herum sind vielleicht die Denkfrequenzen mancher Frauen gleich geschaltet oder so?? Denn Antje Schrupp schrieb auf, was ich selbst auch vor einigen Tagen zerdachte (ich habe Zeugen, denn ich sprach es auch aus): Warum ich es nicht mag, von „männlich sozialisierten“ und „weiblich sozialisierten Menschen“ zu sprechen, anstatt Männer und Frauen zu sagen. Thanx!

Nina Turner ist großartig. Warum? Seht selbst

Visit msnbc.com for breaking news, world news, and news about the economy

>> „We’re gonna stand up and fight!“
(via Jessica Valenti)

Maike von Wegen ist auch großartig
>> und war bei einem spannenden Feature des Deutschlandfunks zum Alleinerziehen mit dabei. Fast jede zweite Ehe scheitert. Immer mehr Frauen ziehen ihre Kinder allein groß. Wie Maike von Wegen. Und Marie von Kuck (Namensähnlichkeit vermutlich zufällig). Dass die Männer in diesem Feature keine aktive Elternrolle einnehmen, kann man kritisieren. Sollte man sicher auch. Man kann sich auch ein Feature über das männliche Zusammen-Erziehend-Role-Model wünschen. Das macht dieses Feature aber nicht schlechter. Kein bisschen.
(via @mh120480)

Linux als Schulfach?
>> Als studierte Pädagogin bin ich tendentiell dagegen, aus allem, aus jedem Fitzelchen, von dem jemand meint, „die Jugend von heute“ sei auf diesem speziellen Gebiet unterbelichtet, ein Schulfach zu machen. Wenn ich diesen Heise-Artikel aber etwas entschärft lese, dann bleibt: Hey – es gibt jetzt ein Lernprogramm für Linux, das ziemlich cool für Schulkinder und Jugendliche geeignet ist. Thumbs up! (Egal ob Schulfach oder nicht. Right?)

Sei doch mal alleine – und cope with it!
>> Christiane Rösinger legt sich ja gerne an. Mit Verschiedenen. Meistens mit so Herzenskonventionen. Das ist oftmals völlig undifferenziert und gemein. Aber auch sehr wohltuend. Ich selbst war seit ich 15 bin ja nie wirklich solo. Das ist sicherlich eine Schwäche von mir :(
(via @ruhepuls)

Habt ihr gedacht, die Debatte um die Kinderlosenmaut sei vom Tisch?
>> Jens Spahn von der Dingens-Gruppe der Union (na ihr wisst schon: Diese gut situierten, vornehmlich Männer, die dank des Konservativseins noch ungestört mehr Kinder verlangen und haben können, die sie dann von einer Frau mit Herdprämie betreuen lassen) macht einen auf ‚tiefgründig‘, holt mächtig weit aus und behaupet stolz, dass er trotz allem kein Pessimist sei… – ich allerdings könnte glatt eine werden!
(via @zeitrafferin)

Feminism is still important in 2012!
>> Sagt die Federation of Young European Greens (FYEG) – und man kann da einfach nur zustimmend nicken. Ist es.

Is it finally time to leave Afghanistan?
>> Gute Frage. Zwischen einer riesigen Verantwortung und einer riesigen Machtlosigkeit in einem riesigen Trümmerhaufen stehend lässt sich diese Frage sicherlich nicht leicht beantworten. Aber es nützt auch niemandem, das alte Konzept nicht als komplett gescheitert anzusehen. Neue Überlegungen und vor allem politische Strategien sind notwendig.

Disclaimer: Die Hier verlinkten Texte und Videos spiegeln nicht zwangsläufig die Meinung oder Denkrichtung der Autorin dieses Blogs wieder. Sie sind einfach nur „interessant“. Wenn sie explizit für „toll“, „großartig“ und „wow“ befunden werden, steht dies dabei. Auch laufen, wie erkenntlich sein dürfte, nicht alle Links unter der Gesamtüberschrift. Denkende Individuen fühlen sich durch diesen Disclaimer eventuell gestört. Dafür möchte sich die Autorin des hiesigen Blogs vorauseilend entschuldigen. Ja: Man kann sich das alles auch selber denken. Wenn man will.

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Gehirnschrittmacher der letzten 14 Tage

Es hat sich einiges angesammelt:

 
 
Too BIG to Fail – McPlanet.com 2012
>> Ich erinnere mich noch gut an meine Arbeit im Kongressbüro zum allerersten McPlanet.com-Kongress und möchte euch deswegen auch den diesjährigen Kongress von attac, Greenpeace, Heinrich-Böll-Stiftung, BUND und vielen anderen empfehlen. Wie der erste findet auch dieser wieder in den Räumen der TU Berlin statt – da werden Erinnerungen wach <3. Bis 11.03. gibt es noch einen FrühbucherInnen-Rabatt bei den Tickets.   Selbstbewusst und stolz und mit Spaß am Feminismus.
>> Auf Facebook und bei G+ beteuert Antje Schrupp, der kämpferische Teaser sei ja nicht von ihr, sondern von der Redaktion. Mir gefällt er aber super gut – er passt sehr gut zu meinen eigenen Gedanken zum 8. März (nachzulesen bei Freitag.de) und auch der Rest des Artikels trifft ganz meinen feministischen Geschmack.
 
Die Kraft der Vorverurteilung
>> Ich finde: Unabhängig von der Causa Wulff stecken in diesem Beitrag von ed2murrow, einem Autor des auch ansonsten sehr lesenswerten Blogs „Die Ausrufer“, sehr viele grundsätzliche und gute Gedanken drin.
 
Stipendien für das WikiWomenCamp in Buenos Aires
>> Der Verein Wikimedia sponsert Frauen die Reise zum WikiWomenCamp, einem internationalen Treffen von Frauen in der Wikimedia, die Reise nach Buenos Aires. „Die Kurzbewerbung sollte darauf eingehen, in welcher Form du in Projekten der Wikimedia oder Wikipedia involviert bist und wie du zum Gelingen des Camps beitragen möchtest.“ heißt es im Blog der Wikimedia. Vielleicht etwas für dich?
 
Die Antwort von Mithu Sanyal auf einen Leserinnenbrief in der Missy
>> Also man muss schon noch ein bisschen mehr gelesen haben, um zu verstehen, worum es hier geht. Ausgangspunkt (leider linklos) war der Artikel „Vergewaltigung gibt es nicht“ im Missy Magazine. Dieser versuchte, eine komplett neue Perspektive auf kulturelle Deutungsmuster im Zusammenhang mit Vergewaltigung einzunehmen. Ich zerdenke das Thema schon seit langem. Auf jeden Fall provozierte der Artikel diesen Leserinnenbrief – und oben eben die Antwort.
 
„Pretty is not something I often feel“
>> Ich kann zu diesem Text von Heather Ryan noch immer nicht viel sagen. Er macht mich traurig. Und hilflos. Vielleicht reicht das ja, fürs erste.
 
Das Offene Köln wurde abgemahnt
>> Und tut das erstmal Richtige: Es spricht sehr ausführlich und detailreich darüber. Die Abmahnenden melden sich auch zu Wort und bekräftigen noch einmal, dass es „Datensozialismus“ mit ihnen nicht geben wird. Ich möchte bitte ein Sozialismus-Bingo, ja? Die ganze Bingo-Karte ist voll nur mit dem Wort Sozialismus – es fällt in letzter Zeit einfach so geil oft.
 
Girls and Video Games: A Feminist Look
>> cooles Video :)
 
[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=7iNSqvCumYk&feature=related&w=550]
 
Über den Nachteil geschützter Räume
>> ich schicke vorweg: Das Blog, das hier verlinkt ist, hat weder Impressum noch sonst irgend eine erkennbare Bezüglichkeit. Es arbeitet sich aber deutlich an der Mädchenmannschaft ab und der Name „elitemedium“ verweist auf „medienelite“ – also Nadine Lantzschs Blog – als irgend einen Stein des Anstoßes, dieses Blog am 06. März komplett neu zu eröffnen. Es wird in der „Wir“-Form geschrieben. Aber der Artikel bezieht sich auf mich und deswegen sei er hier als Mögliche Ergänzung zu „Moralisierung und Abgrenzung“ erwähnt.

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Feminismus ist Bildung

Für eine Veränderung der Gesellschaft bedarf es eines gesellschaftlichen Handelns auf Augenhöhe und mit wechselseitiger Beeinflussung.

Dieser Artikel erschien ursprünglich mit dem Titel „Rendezvous in der Mitte“ auf freitag.de

Zunächst möchte ich nachholen, diese und meine letzte Kolumne in einen Zusammenhang zu stellen: Meine Kolumne „Wo sind die Heldinnen“ entstand inspiriert durch einen Blogbeitrag von Antje Schrupp, der meine Gedanken Anstoß, dem ich so nicht zustimmen mochte. Da ihr Beitrag Sonntag und meiner Montag erschien, war klar, dass meine Überlegungen noch nicht ganz gar sind, was auch in den Kommentaren angemerkt wurde. Doch das Andenken und das Einholen von Diskursinput rechtfertigt IMHO auch mal einen ungaren Text. Zumal Antje in meinem Blog tatsächlich antwortete, was abermals den Anstoß zu weiteren Gedanken gab – die ich hiermit teile.

Trivialisierung des Männlichen?

In ihrem Kommentar sagt Antje, dass das Handeln von Frauen schon immer die Basis unserer Zivilisation gewesen sei. Es werde eben trivialisiert und marginalisiert. Im ersten Punkt wird mein Widerspruch ansetzen. Beim zweiten gehen wir völlig d’accord. Was Antje schlussfolgernd und angelehnt an Ina Praetorius fordert: Eine Trivialisierung des Männlichen. Sie schließt damit an die Intention ihres ursprünglichen Textes an:

„Viele Frauen (mehr Frauen als Männer) stehen einfach einer Repräsentationslogik […] skeptisch gegenüber: Diesem Prinzip von „Einer übernimmt ein Amt und spricht dann im Namen der Vielen“. Das […] ist ein Einfallstor für Macht und Hierarchien, also für Un-Politik. Die Politik der Frauen basiert auf anderen Regeln; auf dem Sprechen in erster Person, dem Von sich selbst ausgehen.“

Was sie bevorzugt.
Um die Bauchschmerzen, die ich mit solchen Forderungen habe, zu bebildern, möchte ich einen kurzen Abstecher in die allgemeine Pädagogik machen. Warum? Weil ich glaube, dass wir, wenn wir alle schwurbeligen Fachbegriffe destillisieren und die Kernfrage in den Mund nehmen, übrig behalten: Was ist mehr wert? Das „Männliche“, oder das „Weibliche“ – und wer sollte sich eigentlich wem anpassen und unterordnen? Es geht also um eine Hierarchie. Selbst die Position, die von sich behauptet, sie wende sich gegen Hierarchien, und sich als „das Weibliche“ kennzeichnet, kämpft darum, in der gesellschaftlichen Hierarchie aufzusteigen. Das ist das Paradoxon herrschaftskritischer Feministinnen. Statt der Hierarchisierung der hier dichotom (also in genau zwei Welten eingeteilten) Handlungsweisen, möchte ich gerne eine Wechselwirkung zu denken beginnen. Das ist der Kernpunkt meiner Herangehensweise – und damit ist sie pädagogisch. Denn eine Wechselwirkung menschlichen Handelns mit etwas anderem hat nahezu immer mit Bildung zu tun.

Die Praxen sind gleich viel wert

Dietrich Benner, Allgemeinpädagoge an der Humboldt-Universität zu Berlin, zieht mit folgenden zwei Paradigemen die Orientierungslinie einer von ihm – und auch von mir – favorisierten Bildungstheorie:
1. Sie muss die verschiedenen gesellschaftlichen Praxen in einem nicht-hierarchischem Verhältnis denken. Dabei geht es im Kern darum, anzuerkennen, dass wir eine Vielzahl gesellschaftlicher Praxen haben, Politik, und Wirtschaft und Religion und Pädagogik etc. pp., die alle gleichermaßen notwendig sind, diese Gesellschaft am Laufen zu halten und den in ihr Lebenden Individuen zugute zu kommen. Sie voranzubringen. Wichtig ist nun, dass von all diesen Praxen keine „mehr wert“ ist, als alle anderen. Oder dass die eine – zum Beispiel die Bildung und Erziehung – nur existiert, um die andere – zum Beispiel die Wirtschaft – zu bedienen. Was wir aber momentan vorfinden, und wie wir momentan leben, ist eine Hierarchizität, die dadurch entstanden ist, dass Männer über die Jahrtausende bestimmt haben, was „wertvoll“ ist. Indem sie Kultur gestaltet und geprägt haben. Worum es daher gehen muss: Diese Hierarchie zwischen den „weiblichen“ und den „männlichen“ Praxen muss aufgebrochen werden.
Dass dieses Aufbrechen zwangsläufig mit einer Trivialisierung, also Abwertung, des sogenannten „Männlichen“ einhergehen muss, ist in meinen Augen ein Denkfehler. Wie kann ich zwei Konzepte auf Augenhöhe stellen, wenn ich das eine von beiden erst einmal Abwerte? Das geht nicht.
Es ist vielmehr notwendig, die gesellschaftlichen Praxen, die sich in vielen Bereichen immer noch in „typisch männlich“ und „typisch weiblich“ unterteilen und damit eher auf- oder eher abgewertet sind, zu „queeren“. Damit meine ich weniger die im Deutschen gebräuchliche Verwendung von „queer“ als Synonym für schwul oder lesbisch, sondern vielmehr die politische Dimension, wie sie im angloamerikanischem Raun deutlich an Verbreitung gewinnt: Das Aufbrechen von Geschlechternormen; das Infragestellen dessen, was – bestimmt über die Kategorie Geschlecht – „normal“ und was nicht „normal“ ist. Ich gehe noch einen Schritt weiter und hoffe, man verzeiht es mir: Anstatt nur die Körperlichkeit in den Focus zu nehmen, finde ich, dass man auch Handeln queeren muss. Ein Mann in einer Kita, ein Vater, der den Haushalt schmeißt – „normal“ ist das in unserer Gesellschaft längst noch nicht. Mit den alten Stereotypen muss gebrochen werden: Politik und Wirtschaft sind weiterhin „männlich“ konnotiert, Erziehung und Soziales „weiblich“.

Den Kreis der Wirksamkeit erweitern

Meine naiv-optimistische Hoffnung ist, dass sich dabei die verschiedenen gesellschaftlichen Praxen verändern. Durch eine geschlechtliche Durchmischung derselben ziehen ganz neue Kulturen in bislang streng geregelte Bereiche ein. Ich stelle mir das immer wie einen interessanten und unvorhersagbaren Domino-Effekt vor – der in manchen Studien über den Gewinn von Diversity langsam Berücksichtung findet. Und hier kommt das zweite Bennersche Paradigma ins Spiel:
2. Die unbestimmte Bildsamkeit des Menschen, die Humboldt sehr treffend beschreibt:

„Daher entspringt sein [des Menschen] Streben, den Kreis seiner Erkenntnis und seiner Wirksamkeit zu erweitern, und ohne dass er sich selbst deutlich dessen bewusst ist, liegt es ihm nicht eigentlich an dem, was er von jener erwirbt, […]. Rein und in seiner Endabsicht betrachtet, ist […] seine ganze äussre Geschäftigkeit überhaupt aber nur ein Streben, nicht in sich müssig zu bleiben.“

Es ist also ganz natürlich, wenn viele Frauen und viele Männer sich eigentlich für all jene „Welten“ interessieren, die eher außerhalb dessen liegt, was ihnen gesellschaftlich als „normal“ angeboten wird. Auf meinem Weg habe ich sehr viele Frauen getroffen, die Spaß an Machtkämpfen, an Politik und an Maschinenbau oder Informatik hatten. Und einige Männer, die ihre Erfüllung im sozialen Bereich suchen, oder auch in der Grundschule (die ja stark dahin tendiert, ein weiblicher Raum zu werden). Überall, wo die Menschen sich um ein dichotomes, stereotypes Geschlechterdenken einen feuchten Kehricht scherten, wo sie einfach mitmachten und mit der ihnen eher nicht zugeschriebenen Fähigkeit, in Bereichen die eigentlich dem anderen Geschlecht „gehörten“ Verantwortung zu übernehmen und zu wachsen, traf ich bislang die bei weitem interessantesten Menschen – und die hoffnungsvollsten Debatten.
Es kann nicht darum gehen, jene Frauen, die ins Militär gehen oder Bock drauf haben, sich in der Wirtschaft mit den Platzhirschen zu messen – die Wettkampf lieben gelernt haben und die sich selbstbewusst und laut zu Wort melden – zu diffamieren, indem man solche Praxen an sich abwertet. Statt der Abwertung möchte ich die Chance der Umgestaltung, der Veränderung durch Partizipation in den Mittelpunkt der Debatte rücken. „Soll heißen: Eine feministische Reaktion auf Sexismus gegen Frauen, kann nicht Sexismus gegen Männer sein.“

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„lesbisches Kontinuum“ – Frauen vor, Männer zum Sex – oder so

Hab sehr viel um die Ohren grade. Aber dieser Kommentar ist toll! Er stammt von Antje Schrupp (mal wieder, aber so ist das eben – Gutes setzt sich durch!). Sie steuerte ihn dem heiß-kommentierten Text von Nadine in der Mädchenmannschaft mit dem Po-pieksendem Titel „Warum es manchmal okay ist, Heteros doof zu finden“ bei:

In der 70er Jahre Frauenbewegung gab es ja auch noch die so genannten “Bewegungslesben”, also Frauen, die sich bewusst bzw. aus politischen Gründen für lesbisches Leben entschieden haben. Ich fand das – als überwiegend Hetera – immer eine ganz befreiende Perspektive. Ich habe nämlich meine lesbischen Freundinnen immer etwas beneidet, weil sie, hm, die Verhältnisse immer schon durch ihr ganz normales Leben herausgefordert haben, während man mich wegen der Männerbeziehungen immer für “normal” hielt, was ich ja um Himmels Willen nicht sein wollte (was natürlich auch etwas albern war).
Und dann gibt es ja noch die Idee von einem “lesbischen Kontinuum”, ich glaube, von Adrienne Rich, und wir haben heftig darüber diskutiert, ob eine Frau, auch wenn sie mit Männern Sex hat oder sogar Liebesbeziehungen, trotzdem eine Lesbe sein kann, in dem Sinne, dass sie trotzdem den (politischen, freundschaftlichen) Beziehungen zu anderen Frauen Vorrang gibt.
Lange Rede, kurzer Sinn: Die Frage nach dem Verhältnis von lesbisch/hetera ist vieldimensional, denn man hat ja nie nur Beziehungen zu einem Menschen und die Frage ist auch, welche Bedeutung “die eine” Beziehung im Verhältnis zu all den anderen Beziehungen hat.
Aber das führt jetzt vielleicht auch etwas ab vom Thema.

ich finde das so schön! Da gibt es mal wieder ein echtes Konzept für einen Traum, den ich in meiner Jugend meinte selbst erfunden zu haben. Als ich 18 war, wollte ich mit meiner damaligen besten Freundin ganz genau so leben: Wir sind uns bis an unser Lebensende treu und „halten“ uns nebenher Männer für den Sex. Bis heute träume ich manchmal davon. #hach – aber sagt das nicht meinem Mann!

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Scham?, Liebe, Spackeria-Selbstkritik

Julia Schramm schreibt sich selbst eine Kritik – eine gute Kritik – denn sonst hat es ja keiner hinbekommen! Alles muss frau selbst machen. mspro nimmt ihre Gedanken auf und denkt sie weiter. Alles spannend, ein bisschen elfenbeinturmig – aber doch: #revolutionär!

mspro Says:
Hmm, hier gäbe es viel zu sagen. Ich beschränke mich nur auf einen Absatz:

“Privatsphäre bedeutet die ìnstitutionalisierte Sphäre des Ichs, meine Welt, die so unabhängig und unbeeinflusst sein sollen darf wie möglich.”

Im Grunde ist das, recht gut auf den Punkt gebracht, der eigentliche Kern der abendländischen Pivatsphärenerzählung. Ich nenne das eine Metaphysik der Innerlichkeit. Es wird angenommen, dass es einen, von aller Umwelt, sozialem und Technik unaffizierten Kern des Menschliches gibt, der sowas wie der Kern des Indiviuums und seiner Identität ausmacht. Um diesem Kern Raum zu geben, sich zu entfalten, braucht es den unbeobachteten Raum.

Ich halte das für sehr ideologisch aber in allen Köpfen tief eingebaut und für den Postprivacydiskurs ist es die schwierigste Nuß, die es zu knacken gilt. Da hängt ja noch ne ganze Menge dran: der ganze traditionelle Humanismus, könnte man sagen.

Soweit ich weiß versucht @Plom dem entgegenzutreten, indem er diese Vorstellung aus dem Christentum herleitet und so weltanschuerisch diskreditiert. Das mag stimmen, aber es wird nicht reichen. Hier muss richtige Dekonstruktion geleistet werden. Die Widersprüche müssen aufgezeigt und das Konzept gegen sich selbst gewendet werden. Ich bin mir sicher- glaube sogar, dass Derrida da bestimmt schon was geleistet hat – komm aber auch nicht drauf.

Dazu müsste man dann eine Erklärung finden, die ganz ohne diesen Kern auskommt, was aber nicht allzuschwierig sein muss, denn soweit ich das überblicke, ist er eigentlich für nichts eine besonders wichtiger Erklärungsansatz. Der Mensch bildet seinen Individualismus über seine soziale Umwelt aus. Das sehe ich gar keinen Widerspruch.

Ansonsten, schöner Text. Und Kopf hoch. Du machst das großartig!

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Antje Schrupp, Fortschritt, Magda

Als Einstieg in die neue Serie, heute drei Kommentare, die sich alle im feministischen Umfeld tummeln.

Antje Schrupp schreibt bei Julia Seeliger unter „Alice und der Sex“:

Man muss allerdings mit berücksichtigen, dass es damals in den Achtzigern noch überhaupt keine Vorstellung davon gab, dass Sex auch ANDERS als durch Penetration möglich ist. Ich war damals um die zwanzig und kann mich noch genau erinnern, wie mir durch Schwarzers Formulierungen wirklich überhaupt erst einmal klar wurde, dass Sex mehr sein könnte als sich einen reinstecken lassen. Es war wie Tomaten von den Augen fallen, denn niemals hatte mir irgend jemand etwas dergleichen gesagt. Im Gegenteil, ich hatte mehrere Begegnungen mit Männern (netten Männern, Freunden von mir), die mir ein schlechtes Gewissen machten, wenn ich sie “erst anmachte und dann nicht reinstecken ließ”. Und es war sehr, sehr, sehr, sehr schwer bis unmöglich, es damals normalen durchschnittlichen Männern zu erklären, dass das Reinstecken eventuell nicht alles am Sex sein könnte. Mir wurde, wenn ich das verweigerte, mehrmals und von vielen Seiten vorgehalten, ich sei doch “frigide”. Also ich bin wahrlich kein Fan von Schwarzer, aber diese Relativierung der Gleichung Sex = Reinstecken war sehr wichtig, jedenfalls für mich persönlich auf jeden Fall.

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