“Meine Skepsis bewahrt mich davor, Fanatiker zu werden. Wovor noch kein Glaube je geschützt hat.”
Helke Sander ist empört. Empört über die Laudatio-Rednerin beim Anne-Klein-Preis der Heinrich-Böll-Stiftung: Birgit Rommelspacher. Was Sander stört, ist ein von Rommelspacher konstruiertes Feindbild, das diese recht definitionslos “Orthodoxer Feminismus” nennt. Dieser besteht offenbar in erster Linie aus Menschen wie Alice Schwarzer und all jenen Feministinnen, die in ihrer Religionskritik politisierte IslamauslegerInnen genauso wenig aussparen, wie die Katholische Kirche. Zur Erinnerung: Es ist bei manchen von uns Tradition, 1.000 Kreuze in die Spree zu werfen. Religionskritik ist uns wichtig!
“Wer zu den orthodoxen Feministen gehört, ist nicht nur altmodisch, sondern, wie im späteren Text suggeriert wird, vor allem rechtslastig, dogmatisch, konservativ, auf die eigene Herkunft fixiert und unfähig, fremde Kulturen in ihrer Eigenart zu akzeptieren.”
Sprich: Solche Menschen sind im Grunde völlig unmöglich. Also schnell davon abgegrenzt! Geschickt ist an diesem Zug, dass durch die Konstruktion des sogenannten “Orthodoxen” die eigene Position in einem sehr hellen Licht erstrahlt. Wie praktisch. Dass dann eine gestandene Professorin in – wie Sander bemerkt – “guttenbergscher” Manier unvollständige Quellenangaben macht und ihre Definition von Orthodoxie einfach einmal weglässt, das sehen in der Tat viele Rezipientinnen wohl eher nicht.
Orthodoxie, so hätte Rommelspacher dann nämlich erkennen müssen, bezeichnet eine sehr strenge und meist an eine ursprüngliche Form des Glaubens angelegte Auslebung eines religiösen Glaubens. Die Wikipedia hätte geholfen – oder eben ein Blick in den Brockhaus. Jeder wissenschaftlichen Arbeit sollte eine Klärung ihrer zugrunde gelegten Begriffe doch vorangestellt sein, oder? Wie dem auch sei, der zentrale Punkt, den auch Sanders anreißt, aber IMHO zu wenig in den Mittelpunkt zu rücken versteht, sollte sein:
Es wird sich gegen eine Orthodoxie innerhalb des Feminismus’ gewendet; wohingegen tatsächliche religiöse Orthodoxien keiner legitimen Kritik mehr zur Verfügung stehen sollen.
Was ich damit meine: Rommelspacher sieht den eigenen Standpunkt als einzig ismen-freien und damit einzig legitimen, während sie jegliche Kritik an den politisierten Formen von Religionen (sie betrachtet wohlgemerkt nur die Islamismus-Kritik – nicht die Kritik an der katholischen oder jüdischen Religion, die es aber sehr wohl im Feminismus ebenso gibt) de-legitimiert.
Das ist hoch problematisch. Denn plötzlich werden in die feministische Debatte um Machtungleichheiten, politische Unterdrückung und Gewalt gegen Frauen Tabus eingeführt: Die genannten Problemfelder sind nur noch in der eigenen Kultur kritisierbar (die Rommelspacher sodenn “Dominanzkultur” nennt – welche die Entwertung dieser Ideale gleich mit beinhaltet). Wendet man die gleichen Ideale, die gleichen Maßstäbe auch anderswo an, wird dieses Handeln als “rassistisch” entwertet.
“BR soll den Begriff Dominanzkultur entwickelt haben. Angehörige dieser Dominanzkultur, die orthodoxen Feministinnen, würden diese eigene Kultur nun den anderen aufzwingen. Die von BR geschmähte Halina Bendkowski hat vor vielen Jahren den Begriff der Geschlechterdemokratie eingeführt, die durchzusetzen sich die Heinrich-Böll-Stiftung in ihrer Eigenaussage bemüht. Ich hoffe, dass diese Institution fähig ist, die wirklichen Widersprüche zu analysieren, sonst unterstützt sie nichts weiter als Denunziation.” Quelle: Helke Sander: Othodoxer Feminismus – eine Chimäre

(Bild via http://www.flickr.com/photos/goliveira/ flickr/goliveira - CC BY-NC-ND 2.0)
Sander spricht mir aus der Seele und aus, was seit gut zwei Jahren in mir gärt, was ich mich aber als “Angehörige der Dominanzkultur” und als weiße Feministin nicht mehr auszusprechen traute, bevor ich eben nicht wirklich wissenschaftlich ein paar Wochen über der Thematik gebrütet hätte. Doch schon im Oktober 2010 las ich einen um die 30 Seiten langen Text von eben dieser Rommelspacher, der von lantzschi auf twitter als “das muss man gelesen haben, um mitreden zu können” verbreitet wurde (er ist leider nicht mehr online, aber lantzschi hat ihn in einem ihrer Blogposts auch erwähnt und bezieht hier ebenfalls Stellung zu der Thematik). Dieser Text war für mich auf jeder einzelnen Seite problematisch und ich murmelte ständig “aber…” in mich hinein. Es waren so viele ungeklärte und strittige Voraussetzungen darin – genau wie es Sanders auch beschreibt. Ich bin deswegen hier einfach mal froh, dass ich mit dem Magengrummeln (hey, zwei Jahre Magengrummeln ist auch wirklich quasi schon Reizdarmsyndrom, oder? ;P) nicht ganz alleine dastehe.
Weil das Interesse an der Thematik mich natürlich trotz Schweigens nicht losgelassen hat, sitze ich übrigens gerade an einer Hausarbeit zum Thema “Intersektionale Diskursverschränkungen und Ethnisierung von Sexismus in Alice Schwarzer Islamismus-Kritik” – wo ich wirklich noch einmal genauer hinschauen will, wie “schlimm” diese Alice nun wirklich sein soll. Ihre “Große Verschleierung” habe ich ja auch schon völlig anders rezipiert, als die meisten anderen Feministinnen um mich herum (damals) und dafür auch schon einiges auf meinen Deckel bekommen (die Mädchenmannschaftskolleginnen haben den Text damals nicht im Blog haben wollen. Was für mich der Anfang vom Ende war und die innere Trennung für mich persönlich einläutete [was ich aber auch erst in der Nachbetrachtung realisiert habe]).
Update (05.03.2012): Zu der Frage, ob das mit der Denunziation nun völlig übertrieben sei, oder eben gerechtfertigt, habe ich eine eigene Meinung: Ich finde den Begriff in diesem Zusammenhang – gerade auch in Betracht der Debatte um Alice Schwarzer – überhaupt nicht daneben oder übertrieben. Vor allem im Zusammenhang mit der willkürlichen Benutzung einer Pseudo-Definition wie “Othodoxer Feminismus”. In der Wikipedia steht dazu (auch wenn der Artikel nicht mit ausreichenden Belegen versehen ist – vielleicht kann da eineR helfen…):
“Klatsch und Denunziation sind eng miteinander verwobene Kommunikationsprozesse, die häufig der Ausgrenzung Einzelner dienen. Die Denunziation zeichnet dabei die Besonderheit aus, dass sie an eine übergeordnete Instanz (Vorgesetzte, Partei, staatliche Stellen) ergeht, von der – in aller Regel unausgesprochen – Sanktionen gegen die Betroffenen erwartet werden. Insofern ist sie ein Mittel der sozialen Kontrolle, das die „höhere Instanz“ gern zu instrumentalisieren versucht. Nicht selten treten Neid und Rachegefühle als Motive für Denunziation zu Tage, die dann als gesellschaftspolitisches oder gar staatserhaltendes Anliegen verbrämt wird.”
In meinen Augen trifft das hier sehr wohl zu. Auch wenn man über den Punkt mit der übergeordneten Instanz dann recht weit fassen müsste, insofern es sich eben um eine gesamtgesellschaftliche Debatte handelt.




