Wostkinder: Das Rumkauen auf Komplexitäten

timthumbDas Wostkinder-Projekt gibt es nun schon eine ganze Weile und man kann auch eine gewisse Entwicklung erkennen: Es geht immer mehr um die Komplexitäten in dieser Welt, um globale politische und wirtschaftliche Debatten, um die Demokratie und ihre Zukunft. Das hat insofern mit der DDR-Vergangenheit und unserer Doppelrolle zu tun, weil der Rückblick helfen kann, für die Zukunft die richtigen Fragen zu stellen.

Wir sind nie angetreten sind, um überheblicher Weise zu behaupten, wir würden jetzt mal den anderen die Geschichte der DDR erklären, wir waren von Anfang an selbst auf einer Entdeckungsreise, ohne fertige Ergebnisse und Antworten präsentieren zu können. Bei dieser Reise haben wir Gesprächspartnerinnen über ihre Erfahrungen ausgefragt. Und der Aktuellste war auch der, der uns selbst am meisten aufrüttelte. Wenn man in einem Gespräch merkt, wie wenig man wusste und wie komplex die Welt ist – was kann es dann Wertvolleres geben?

Genau so war es mit Herrn Andreas. In der DDR gehörte er zur Elite, er war Diplomat und später auch beim Außengeheimdienst der DDR, der HVA, aktiv. Wie er diese Zeit erlebte, welchen inneren Konflikten er ausgesetzt war, was die Wende mit ihm machte und wie er heute mit dieser Vergangenheit lebt – all das erzählt er im aktuellen Wostkinder-Podcast.

„Immer nur Fragen – die machen es sich leicht“

Die zweite Anmerkung gilt einem sehr sehr langen Kommentar, den ich heute morgen als Antwort auf einen Kommentator zu meinem letzten Text über die Grenzer des Kapitalismus verfasste. Wir hören immer wieder, dass wir nur kritisieren, ab doch nie konkrete Vorschläge zur Lösung der Probleme machen würden. Das ist richtig, und ich möchte hier zweitveröffentlichen, was ich dazu denke. Weiterlesen

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„Sisterhood is Powerful. It kills. Mostly sisters.“

Dieser Satz ist der feministischen Aktivistin Ti-Grace Atkinson zuzuschreiben. Er betrifft die Frauenbewegung der 70er und 80er Jahre. Heute allerdings könnte sich die Geschichte wiederholen.

Das Thema ist in diesem Blog hier schon öfters angesprochen worden: Feministinnen gegen Feministinnen. Ausschlüsse. Das Versagen von Respekt. Das Austragen von Konflikten auf einer persönlichen Ebene – statt auf einer politischen.

Jill Filipovic hat im Guardian letzten Mai eine Auseinandersetzung mit dem Thema verfasst:

„Trashing each other and exclusion have been hallmarks since the movement began, and each generation of feminist activists seems to suffer the same in-fighting.“

und die aktuelle Ausgabe des Magazins „The Nation“ hat den internen Kampf im Feminismus als Titelthema. In einem fünf Seiten langem Text analysiert die Autorin, wie derzeit eine Gruppe von Menschen und dem Argument der Intersektionalität versucht, andere zum Schweigen zu bringen und/oder in eine Ecke zu stellen: weiß, rassistisch, privilegiert, cis-hetero oder sonst etwas. Jedenfalls: Schlechte Menschen. Diese Aktionen nennen sich „Trashing“.

„Though Mukhopadhyay continues to believe in the empowering potential of online feminism, she sees that much of it is becoming dysfunctional, even unhealthy. “Everyone is so scared to speak right now,” she says.“

Im aktuellen Lila Podcast haben Susanne und ich versucht, das schwierige Thema aufzugreifen. Unser Eindruck: Wir müssen darüber reden, wir müssen Wege suchen, die da raus führen. Denn sonst „überleben“ im Feminismus immer nur die ganz hartgesottenen Haudegen. Alle anderen werden im feminist burnout demoralisiert.

Darüber hinaus sprechen wir über sexistische Werbung, über den Steuerfall Alice Schwarzer, über Chick Lit, die feministischer werden sollte, über Vorbilder wie die Philosophin Agnes Heller und vieles mehr. Also hört doch mal rein. Und gerne: Diskutiert mit. Aber bitte dort.

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auf twitter will ich nur reinen Stoff

gut. ich bin geladen. vielleicht liegts an Weihnachten. oder an anderen Dingen, jedenfalls: Ja, ich bin unausgeglichen und aufgekratzt und leicht reizbar. Aber:

Geht’s noch sektuöser?!?
Als ich twitter den Rücken kehrte, war einer der Hauptgründe die Denunziationskultur dort und die Art, wie manche mit Leuten umgingen, die eine um 2 Prozent abweichende Meinung von der eigenen haben. Ich ging, weil ich das Gefühl hatte, dass nicht nur alles, was man sagt uminterpretiert wird, sondern dass dort in solch einem Maß social-medialer Druck erzeugt werden kann, dass sensiblere Gemüter die Schnauze halten. twitter aktiv zu nutzen hat meinen Gedanken Ketten angelegt…

aber das ist hier eigentlich egal. Die Emanzipation ist mir ja geglückt, um mich geht es nicht mehr. Ich hätte nur wahrlich nicht gedacht, dass mein etwas überempfindliches Sensorium über twitter derart deutlich untermauert und bewiesen werden könnte, wie es gestern geschehen ist.

Maike von Wegen ist eine taffe Frau. im Podcast Erscheinungsraum habe ich lange mit ihr über ihre Erfahrungen, ihre Lebenseinstellung und ihre politischen Ansichten debattiert und wenn man eines über sie sagen kann, dann dass sie mutig, unbequem und gerechtigkeitsorientiert denkt und handelt. Ja – handelt! denn im Gegensatz zu so manch anderen Gestalten schafft es Maike, ihren „Aktivismus“ über eine ständige Empörorgie auf twitter hinaus zu gestalten. Das ist ja heutzutage nicht mehr selbstverständlich.

gut. nun gibt es also aber eben diese Empöria und die sucht sich immer neue Betätigungsfelder und Methoden, um maximaler Beschämung und Denunziation zum Zwecke des eigenen besserwohl-Fühlens ausüben zu können. Legendär wurden vor exakt einem Jahr die sogenannten Creeper Cards auf dem 29C3. Und dieses Jahr sollen wir nicht ohne ein Weihnachtsgeschenk aus dieser Ecke ausgehen: Man richtete nun einen Account auf twitter ein, der einander „empfiehlt“, bestimmte Leute auf twitter „präventiv“ zu blocken, bevor diese mit schlimmen, pöhsen und – worst case! – der eigenen Ansicht widersprechenden tweets in Timeline oder gar Mention-Spalte auftauchen.

We perfectionized our denunziation tools! Yay!

und dieser sympathische Account empfiehlt nun also, Maike von Wegen zu blocken. Weil diese sich dafùr einsetzte, dass man für eine politisch zweifelhafte Petition NICHT zuallererst auf den Betreibern des Petitionsdienstes herumhackt. Das ganze kann in der Debatte um folgenden tweet nachvollzogen werden:

https://mobile.twitter.com/blockempfehlung/status/416213620536520704

es geht also um saubere Timelines für Leute, deren Leben sich derart auf twitter eingeschossen und zentriert hat, dass man es scheinbar nicht mehr aushält, in diesem öffentlichen Kommunikationsmedium mit Andersdenkenden konfrontiert zu werden.

Mein Punkt ist: ja, dieser Account namens Blockempfehlung ist grotesk lächerlich. Was müssen das für traurige Gestalten sein, die ihre eigene Bedeutungslosigkeit mit solchen Maßnahmen aufpimpen müssen. Mich erinnert das an meinen Nachbarn, der nie Gesellschaft – also Freunde zu Besuch hat – und der mir für die vor meiner Wohnungstüre stehenden Stiefel droht. Das sollte man in der Regel alles – wie sagt man so schön: Nicht mal ignorieren.

Nein – das Problem sind nicht die einzelnen Nachbarn, im Treppenhaus oder im Stream der Belanglosigkeiten. Das Problem ist diese Weltlosigkeit, die ich als um sich greifendes Phänomen jenseits von Einzelfällen wahrnehme. Weltlosigkeit – ein Begriff von Hannah Arendt und ich habe einen Draft in diesem Blog begonnen, in dem ich diesen Begriff ausführlicher beleuchten will. Das kommt noch, wird nachgeliefert. Aber ich will es trotzdem kurz erklären: bei Hannah Arendts Weltbegriff geht es um die gemeinsam von Menschen geteilte öffentliche Welt. Da geht es um Austausch und Pluralismus. Um das Miteinander im Denken und im Handeln. Es ist eine Art große Agora, wie die Griechen sie kannten. Und wozu ist sie gut? Sie ist ein politischer Raum, der dazu da sein sollte, ein Miteinander von Menschen zu ermöglichen. Dafür braucht es Kommunikation und Diskurs. Weltlosigkeit ist eine Verweigerung. Sie ist ein Statement gegen die gemeinsame Welt und für Arendt die Wurzel des Totalitären. Ein Abschotten. Und ich reagiere mittlerweile extrem empfindlich darauf, denn sie scheint angesichts der – verständlicherweise – überfordernden Komplexität sehr verlockend. Ansteckend.

Sie zeigt sich immer dann, wenn eine Person daherkommt und ganze zusammenhänge implodieren. Es ist nie nur die Schuld dieser einzelnen Person. Es ist das Phänomen der Ansteckung anderer, die plötzlich überall den Feind sehen. Es ist der Spirit des gegenseitigen Misstrauens, der Denunziation. Man beäugt die anderen nicht mehr als Teil der eigenen Welt, in der man sich wie die anderen als Menschen unter Menschen sieht, sondern nur noch auf mögliche Verfehlungen hin. die sofort angeprangert gehören. Man will in seinem Feminismus dann keine Leute mehr, die Critical Whiteness hinterfragen. Man will die „reine Lehre“. Man will seinen Stoff gefälligst ohne die störenden Sandpartikel im Getriebe. Auch wenn man ansonsten Sand im Getriebe total geil findet – aber nur, wenn man es selbst sein darf. und nur, wenn das widerspruchsfrei bleibt.

Weltlosigkeit ist keine Lappalie, sie ist der Anfang von Extremen und hat zerstörerische Kräfte. und deswegen weiß ich einfach nicht, ob ignorieren als Umgang damit wirklich noch reicht. Vielleicht könnten wir das mal debattieren.

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Das Internet vergisst nichts

Richtig – umso wichtiger ist es, dass wir lernen zu verzeihen.

Ich gelte als „manchmal nicht so diplomatisch“(und schlimmeres), weil ich (obgleich in der Regel recht respektvoll und fair agierend) wenn ich wirklich wütend bin, manchmal harte Worte finde. Das ist nicht häufig, aber vielleicht gerade deswegen erschreckend. Denn von mir erwartet man das scheinbar nicht. Und außerdem bin ich eine Frau. Frauen erledigen sowas hintenrum. Fand ich immer schon scheiße.

Andere Menschen sind sehr viel unverholener nicht diplomatisch. Die harten Worte sind ihr Handwerk. Täglich.

Wieder andere Menschen sind in der Regel wie ich, aber manchmal geht es mit ihnen durch und anstatt die Sache zu reflektieren und von mehreren Seiten zu beläuchten, platzt es aus ihnen raus. Undifferenziert wird in alle Richtungen geschlagen, alles kurz und klein – was gerade da ist.

Das Netz ist in solchen Situationen nicht unser Freund. Es vergisst niemals und wenn wir in drei Jahren zu einem Thema etwas zu sagen haben, kann es gut sein, dass jemand unsere Sünden von heute heraussucht. All das kennen wir schon aus dem analogen Leben, den Grünen fliegen gerade Fehler von vor dreißig Jahren um die Ohren. Während man bei der CDU/CSU sehr schnell verzeihen kann. Und das ist vielleicht ihre Stärke. Weiterlesen

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Politisch oder ideologisch?

In letzter Zeit fiel mir häufiger auf, dass Menschen zwei Begriffe recht wahllos durcheinander würfeln und den einen wie den anderen zu benutzen scheinen. Diese beiden Begriffe sind „politisch“ und „ideologisch“. Das falsche Verwenden findet in zwei Richtungen statt: Während die einen ihr ideologisches Denken, Schreiben und Argumentieren als „politisch“ euphemisieren, nutzen andere den Begriff „ideologisch“ um damit gegensätzliche politische Meinungen zu diskreditieren.

Doch zuvor und einleitend möchte ich mit den Begriffen „totalitär“ und „extrem“ anfangen, die teilweise schon synonym verwendet werden, zumindest haben sie eines gemeinsam: Sie akzeptieren keine andere Meinung neben der eigenen. Wie Isaiah Berlin schreibt, ist für ihn „totalitär“ (er spricht allerdings von „despotisch“) das Gegenteil von „pluralistisch“ und in meinen Augen damit auch das Gegenteil von „politisch“ (da ich behaupten würde, dass Pluralismus eine Grundeigenschaft des Politischen ist). Den Ursprung von Extremismus und totalitärem Denken sieht er im Monismus, dem Gegenpart zum Pluralismus. Dies ist Denken in der Art „meine Clique ist besser als deine“ und „ich weiß, wie die Welt sein sollte und du hast dich dem zu beugen, weil du es nicht weißt“ (Berlin S. 39). „Allein mein Wissen vermag die bestmögliche Welt zu schaffen“ – deswegen muss sich alles dem widersprechende als falsch und schlechter unterwerfen lassen. Man hat’s halt noch nicht kapiert. Dieses „Es“ ist das, was eine Ideologie ausmacht. Aber schließen wir diesen ersten Teil mit einem zusammenfassenden Wort ab: Wer totalitär oder extrem denkt, akzeptiert neben seiner Weltanschauung keine andere und handelt monistisch, auf dieser Basis sich überlegen fühlend. Weiterlesen

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„Ich glaube nicht an Glück als Zustand“

Juli Zeh im Gespräch mit Daniel Cohn-Bendit
Sie sprechen über Bosnien, Verantwortung, Parteien und Politikverdrossenheit, können wir uns noch in Gruppen hineindenken? Was ist mit den Millenials? Ist Ich-Zentrierung ein Problem?

Juli Zeh hat ein Faible für die Freiheit. Das ist nicht neu. Aber wie kann man auf allen Ebenen die eigene Freiheit und gleichzeitig miteinander in Verantwortung leben? Interessanter Weise ein sehr konservatives Verständnis von Beziehung, das bei ihr herauskommt. Die eigene Individualität soll hinter der Sicherheit von Beziehungen zurücktreten?

„Fühl dich zuhause sicher, dann hast du draußen nicht so viel Angst!“

Wirklich sehr spannendes Gespräch. Empfehlenswert.

Ich halte es übrigens in Parteien auch nicht so ganz aus. Die Parteien haben einen Panzer – Daniel Cohn-Bendit bringt es auf den Punkt.

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Die innere Kritikerin zum Schweigen bringen

Vielleicht habt ihr schon mitbekommen, dass ich ein kleines Fangirl von Laura Lejeune bin. Laura hat einen Youtube-Kanal zum Thema Selbsthilfe bei Depressionen und Selbstverletzung.
Eines der ersten Videos, das ich von ihr fand, war „Silencing your inner critic“, das sie letzten Oktober aufgenommen hat. Ich war durch die Recherche zum Fall von Amanda Todd auf sie gestoßen.
Hier also das Video:

[youtube http://www.youtube.com/watch?v=HSI6YiJ0Rb0]

Sie sagt, sie wollte ein leichtes Video zur Verfügung stellen. Ich finde es nicht so wirklich leicht. Denn mir stellen sich bis heute einige Fragen – dennoch komme ich nicht umhin einzusehen, dass etwas anderes an vielen Stellen nicht hilft. Oder?

Wer ist die innere Kritikerin?

„Die innere Kritikerin ist die Stimme, die deine Zuversicht sabotiert. […] Es ist diese Stimme, die dir erzählt, was du falsch gemacht hast, was du hättest tun sollen, was du sein solltest. […] Schritt Nummer eins ist akzeptieren, dass die Stimme von dir kommt“

Es ist ein bisschen schwierig, diese Stimme so nach innen zu verlagern. Was mich zum Beispiel umtreibt, ist die Frage nach der Grenze. Wo beginnt dieses Innen und wo endet das Außen. In der Kürze des Videos wird diese Frage überhaupt nicht geklärt. Diese Stimme kommt schließlich oft genug von außen. Ziemlich viele, sehr konkrete äußere Stimmen wissen ziemlich oft, was man so alles falsch gemacht hat. Stimmen, die nach innen wandern können. Und bin ich dann wirklich selbst verantwortlich? Im Grunde ist das eine Sicht, die alle Verantwortung zu denjenigen schiebt, die leiden. „Nicht deine Eltern, nicht deine Bullies, nicht deine Freunde – du bist es!“ sagt Laura. Immer wieder blieb ich beim Betrachten des Videos daran hängen. Für mich eine der deprimierendsten Stellen. Denn wer die Stimmen nach innen wandern lässt, hätte ja gerne, dass sie von außen verstummen, etwas anderes sagen. Die Eltern, die Bullies, die Freunde.

In der Welt in der wir leben, die eine schlechte ist, führt leider kein Weg daran vorbei, diese Stimmen nicht mit nach innen zu nehmen. Das ist die bittere Erkenntnis. Welche Stimmen innen drin sind, das bestimmen wir selbst. Die da draußen, die liegen außerhalb unseres Einflussbereichs und die müssen wir im Zweifelsfall loslassen. Das schwierige daran ist der Balanceakt zwischen „ich lasse es los und höre nicht mehr hin“ und „ich nehme ernst, was andere sagen, denn das haben sie verdient“. Oder besser: Es ist wahnsinnig schwierig, zu entscheiden, wann man welche Reaktion wählen soll. Muss ich das ernstnehmen oder kann das weg? Über dieses Problem könnte ich mir ewig den Kopf zerbrechen (und werde ich vermutlich auch). Tendentiell jedoch, das weiß ich und deswegen finde ich dieses Video hilfreich, muss ich mit meiner konkreten Disposition, lernen, Dinge abzuschütteln und nicht so nah an mich ranzulassen. Abgrenzung.

Rituale des Verzeihens und des Loslassens

„Du kannst die Zeit nicht zurückdrehen. […]Du kannst nichts dagegen machen, du kannst es nicht mehr ändern.“

Hier denke ich: Nein. Zeit zurückdrehen natürlich nicht. Aber wenn ich an etwas zu knabbern habe, das in der Vergangenheit liegt – ist es dann wirklich sinnvoll, es einfach so ab zu tun?
Ich las vor einigen Wochen einen ähnlichen Tipp in meinem Entrümpelkalender. Der Kalender war nicht nur für meine Wohnung gedacht, sondern immer wieder gab er mir Tipps um Gedanken- und Gefühlsballast zu entrümpeln. Diese Idee scheint mir interessant. Zum Beispiel sollte ich, dem Kalender zufolge, Leuten verzeihen. Aufschreiben, wie sie mich verletzt oder wie sie mich wütend gemacht haben und in einem echten Ritual verzeihen. Mir kam das komisch vor. Aber ich habe es getan – ich habe aktiv verziehen. (Dummerweise hat das insofern nichts gebracht, als dass die Verletzung einfach wiederholt wurde… Aber warum nicht das Ritual zu gegebener Zeit auch wiederholen?). Aktives Verzeihen ist keine Hexenkunst, scheint es. Dennoch können die meisten Menschen das heute nicht mehr. Bringen wir es unseren Kindern eigentlich noch bei?
Der zweite Kalendertipp war, sich in einem ähnlichen Ritual seiner Stärken und seiner Schwächen bewusst zu werden und im Zusammenhang mit den Schwächen auszuloten, ob sie änderbar sind, ob man sie ändern will und wenn es nicht zu ändern ist: Sie loszulassen. Sich so sein lassen. Das eigene So-sein akzeptieren. Auch Laura empfiehlt, die negativen Gedanken über sich selbst aufzuschreiben und mit etwas Abstand, eine Woche oder mehr, darauf zurückzukommen, es zu lesen und zu schauen, ob es wirklich immer noch so dramatisch scheint. In der Hoffnung, dass es das dann nicht mehr tut.
Das heißt nicht, und kann nicht heißen, dass eine Geschichte aus der Vergangenheit einfach ausradiert wird. Gelöscht. Sie ist das. Sie ist ein Teil von uns. Vielleicht denken wir manchmal an sie und mit Sicherheit haben wir durch sie etwas gelernt.

Die innere Kritikerin – nicht nur die Böse

Im Großen und Ganzen hat Laura einen Punkt. Es liegt bei uns, wie wir mit unserer inneren Kritikerin umgehen. Aber sie zum schweigen bringen – in aller Radikalität – wird selten gelingen. Zudem scheint es mir nicht erstrebenswert. Ich mag meine innere Kritikerin auch ein bisschen. Sie erlaubt es mir, mich selbst in Frage zu stellen. Sie macht, dass meine Skepsis nicht vor mir selbst halt macht. Dass ich auch mich selbst skeptisch betrachten kann und mich frage, ob ich einen Fehler gemacht habe. Dass ich mich nicht nur an anderen abarbeite.
Sie hat für mich eine gute und eine schlechte Seite. Die schlechte Seite zeigt sich meistens abends, wenn sie wie in einer Willi Wiberg Geschichte als ein Ungeheuer abends unter meinem Bett liegt und zu Gedankenkreisen führt. Und verhindert, dass ich zu angemessener Zeit die Augen zumache. Sie zeigt sich aber auch von ihrer guten Seite, wenn ich durch das lange nächstliche Nachdenken am nächsten morgen vielleicht müde bin, aber dennoch ein bisschen mehr einschätzen kann und ein bisschen eine bessere Ahnung habe, wo meine Fehler wirklich liegen. Das Ungeheuer liegt ja nicht immer völlig grundlos unterm Bett. Manchmal bin ich ungezogen und manchmal bin ich nett. So wie alle Menschen.

Aber wenn die Stimmen von außen meinen Schlaf bestimmen, wenn sie so laut werden, dann führt genauso oft kein Weg daran vorbei, sie zum Schweigen zu bringen – zumindest was die eigene innere Resonanz darauf betrifft. I am the Master of my Mind.

„Du musst mit dem arbeiten, was du hast. […] Du musst diese Gedanken herausfordern. Sie sagen dir vielleicht, dass du hässlich bist, aber du bist niemals gut genug! Du bist never ever gut genug. Sie sagen dir, du seist minderwertig im Vergleich zu anderen Leuten. Dass du nicht gut genug bist. – DU BIST GUT GENUG!

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Normschön? Rassistisch?

Ich hadere in meiner letzten Kolumne mit neuer „innerfeministischer“ Kritik und frage mich, ab wann eine Frau als „weiß und normschön“ gilt. Und ob das ein Nachteil sein kann.

mein #609060 von heute morgen. und? normschön?

Es ist legitim, zu fragen, welche Menschen in einem Diskurs zu Wort kommen, und welche nicht. Doch wenn man Menschen aus Aussehen, Herkunft oder Alter einen Strick dreht, schwächt man unter Umständen ein Anliegen.

Wer feministisch agieren will und diese Haltung in seine Arbeit hinein trägt, begibt sich häufig allein deswegen auf glattes Eis, weil andere sich nicht widergespiegelt sehen. Aussehen, Alter, Herkunft und Bildung – das sind nur einige Kategorien, entlang derer sich ja auch wirklich einige Ausgrenzungen in der Gesellschaft abspielen. Es wird aber zu einem Dilemma, wenn man überall nur noch absichtliche Ausgrenzungen sieht. Ein Beispiel: In einem feministischen Popkulturmagazin, das sich immer wieder auch mit Mode befasst, werden Kleidungsstücke vorgestellt. Die Frauen, die man hierfür ablichtet sind keine Models, sondern vielleicht Freundinnen oder Bekannte der Blattmacherinnen, die man eben dazu überreden konnte. Es wird dann eventuell vorkommen, dass kritische LeserInnen des Magazins sich darüber beschweren, dass nur „normschöne“, weiße Frauen eines bestimmten Alters dargestellt würden. Das ist eine Art und Form der innerfeministischen Kritik, die momentan sehr in Mode ist.

Einfach „sein“

So zu lesen etwa in einem Vortrag über Intersektionale Perspektiven auf den Slutwalk: „Von weißen normschönen Heteras, die für ihr Recht sexy sein zu dürfen auf die Straße gingen“. Aber ab wann ist eine Frau eigentlich „normschön“? Muss ich mich selbst auch so einordnen und darf ich deswegen nicht mehr so präsent sein?  In den Augen mancher bin ich vielleicht eine „normschöne“ Feministin. So wie die jungen Frauen, die in meinem eingangs geschilderten Beispiel, in der Modestrecke im feministischen Magazin, auch „normschön“ waren. Aber magersüchtig bin weder ich, noch sie. Wir haben uns nicht operieren lassen, oder liften. Darf man noch „einfach sein“, also wie man ist?

Ob als Feministin, als Amateur-Model, als Politikerin, als Wissenschaftlerin, als Vegetarierin oder Veganerin in einem Online-Forum: Ist das in Ordnung? Oder muss man wirklich allein deswegen jetzt irgendwo fern bleiben, weil man jung, weiß und angeblich „normschön“ ist und damit wieder einmal dazu beigetragen hat, dass alle, die diesem Bild nicht entsprechen, unsichtbar gemacht werden?

Eine ähnliche Debatte erlebte ich jüngst im Zusammenhang mit dem fünften Geburtstag des feministischen Blogs Mädchenmannschaft. Auf der Veranstaltung, die ein Mix aus Workshops und Party war, gab es einen Workshop von einer der Autorinnen der Mädchenmannschaft, Hannah Wettig. Sie ist professionelle Journalistin und als solche regelmäßig in Nord-Afrika unterwegs. Die arabische Revolution hat sie vor Ort miterlebt und so bot sie einen Workshop zur Rolle der Frauen in den Arabischen Revolutionen an (in Analyse & Kritik hat sie dazu auch schon einen ausführlichen Artikel veröffentlicht). Im Nachhinein warf man ihr vor, dass eine Weiße hier über die (nicht anwesenden) arabischen Frauen geredet habe. Dies sei Rassismus.

Vielfalt als Wert an sich

Es sind Konflikte wie diese, die zeigen, dass man kein Umkehrargument daraus machen kann. Weder aus dem Aussehen, der Herkunft noch dem Alter oder dem Bildungsgrad sollte man denen, die sich engagieren – sei es nun feministisch, antirassistisch, für mehr soziale Gerechtigkeit und Bildungsgerechtigkeit – einen Strick drehen. Denn sie engagieren sich und wollen die Welt verändern. Darauf kommt es an. Das finden auch die Autorinnen eines weiteren Artikels aus der Analyse & Kritik, der sich kritisch mit dem Konzept der Critical Whiteness auseinandersetzt. „Ein Antirassismus, in dem nur diejenigen zu Wort kommen sollen, die als ‚Opfer‘ davon betroffen sind, reduziert den gesamten emanzipatorischen Inhalt eines solchen Projekts auf eine Art Interessenvertretung oder sogar Generalversammlung eines Mainstreams der Minderheiten.“ Finden die Autorinnen und setzen sich dagegen ein, dass Menschen nur, weil sie weiß seien, nicht an den Diskursen teilhaben dürften.

Natürlich ist und bleibt es ein Dilemma. Wenn wir Vielfalt und Diversität fördern wollen, dann müssen wir auch aktiv darauf achten, dass Menschen vertreten werden, die man gerne „übersieht“, denen man nicht aktiv eine Stimme in öffentlichen Diskursen einräumt. Dazu gehört es auch, an den entsprechenden Stellen, sei es in den Medien, auf Konferenzen oder in der Vernetzungsarbeit, aktiv daran zu arbeiten, dass nicht nur eine homogene Gruppe unter sich das Feld besetzt. Mehr Vielfalt und Diversität: Das bleibt ein Wert an sich.

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Du darfst nichts sagen!

Gestern sah ich die Talkshow „Roche und Böhmermann“ vom 16.09.2012. Manchmal mag ich diese Sendung, manchmal finde ich sie eher seltsam und nicht so gut. Die vom 16.09. ist gaaaanz großes Kino und wenn ihr irgendwie noch dazu kommt sie zu schauen – macht es! (Ihr findet sie in iTunes – einfach nach „Roche und Böhmermann“ suchen, die Sendung kann als Podcast abonniert werden. [note für Tim: Wie viele Podcasts ich schon hörte und sah, seit ich mir dieses twitter spare! <3]) Ab Minute 48:00 ungefähr entspinnt sich eine interessante Unterhaltung über die Kritikfähigkeit von Musikern (und wie ihre Fans abgehen, wenn man ihre heilige Band kritisiert). Eine Diskussion, die mit dem Abgang von Max Herre in der vorherigen Sendung einsteigt und die dann in einem starken und emotionalen Plädoyer von Olli Schulz gipfelt, das ich hier unbedingt weitergeben muss:

Ich kritisier auch andere Musiker und die machen mich dann voll fertig.

Damit musst du halt einfach leben: Wenn du dich in die Öffentlichkeit stellst und was singst, dann wird das nicht jeder geil finden. Du musst lernen, damit zu leben. Aber trotzdem darfst du auch selber als Musiker sagen, was du gut und scheiße findest. Und das machen viele nicht.

Markus Kavka erzählt dann, wie er Bushido einmal kritisierte und dann bei der Echo-Verleihung von Wandschränken eingeschüchtert wurde. Darauf kommt Olli Schulz richtig in Fahrt:

Das ist so voll schlimm, dass so asoziale Typen sich sone Asi-Lobby gebaut haben und man traut sich nicht mehr, was zu sagen! – Das ist so! *lacht* – ja, das ist das Allerschlimmste!

Es folgt ein knackiger Rant auf die Böhsen Onkelz mit der Konklusio:

Sobald du was sagst, kommen da so 150.000 Asis, weil es gibt halt mehr Arschlöcher, als gute Menschen auf diesem Planeten – das ist Fakt! Und dann musst du gegen die Arschlöcher alle kämpfen. Deswegen muss man sich auch ab und zu zurückziehen.

Du darfst heute nichts mehr sagen! Weil wir leben in einer Zeit – jetzt kommen wir wieder zurück zur Religion! – ich muss mal kurz ein menschliches Plädoyer halten! – viele Menschen wissen nicht mehr, woran sie glauben sollen! Religionen verschwimmen immer mehr. Und dann glauben sie an irgend sone Kackband! Und glauben, dass die Band ihr Leben ist! Das ist noch viel schlimmer als Religion!

Das ist einfach so schlimm, dass Leute das dann so als ihren Lebensinhalt sehen. Ich finde halt: Musik ist so’n gutes Ding um dein Leben zu unterstützen und du solltest das nicht zu ernst nehmen!

Tschackaaa Olli!

Dazu Fiva:

[youtube http://www.youtube.com/watch?v=uedt8eUNqDI]

Warum fand ich das so geil? nun: Ich finde halt: Feminismus ist so’n gutes Ding um dein Leben zu unterstützen und du solltest das nicht zu ernst nehmen!

Edit: 17:55 Uhr: Zum letzten Satz. Der ist missverständlich – ich weiß. Ich gehe einfach mal davon aus, dass ihr alle wisst, wie ernst mir das mit dem Feminismus ist. Der Seitenhieb geht halt in Richtung Leuten, die es *zu ihrem Leben* machen und in die Luft gehen, wenn man ihre Art es zu machen, mal kritisiert.

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Moral oder Politik?

Das ist eigentlich nicht die Frage. Eine Replik auf Susannas Blog-Text.

Es gibt Orte der Moral. Und es gibt Orte der Politik. It’s as easy as that. Und es gibt ethische Politik. Und bei der Ethik würde ich zwischen Verantwortungsethik und Gesinnungsethik zu trennen versuchen. Beides hat ja seine Existenzberechtigung. Nur eben zu unterschiedlichen Zwecken.

Moral hat stets einen normativen Anspruch. Den kann Politik durchaus auch haben. Ich selbst bin Grüne und habe Parteipolitik jahrelang miterlebt, innerparteiliche Debatten aus der Warte der  Jugendorganisation beobachtet und teilweise auch mitzugestalten versucht. Dass mein Herz grün ist, das weiß ich eigentlich schon beinahe seit ich 16 Jahre alt bin. Und schon in der Grundschule ging ich für die Rettung der Wale Unterschriften an den Haustüren der BewohnerInnen von Igersheim sammeln. Das Wort „Gutmensch“ wurde nicht nur einmal an mich gerichtet und ich glaube, dass ich teilweise religiösen Eifer an den Tag gelegt habe, wenn es darum ging, Menschen davon zu überzeugen, dass wir die Umwelt zerstören, wenn wir zu viel Auto fahren. Oder Menschen zu erklären, dass es sich lohnt ökologisch Auto zu fahren. Ich war jahrelang eine von diesen grünen „Fundis“ (mittlerweile sind Flügel innerhalb der Partei für mich einfach nur noch eine Last – denn gesinnungsethisch sind sie gleichermaßen). Wenn ich über Bildung diskutiere, werde ich sehr emotional, und wenn ich den Film „Spitze – Schulen am Wendekreis der Pädagogik“ sehe (der mich seit über zehn Jahren verfolgt), dann muss ich weinen. Ich finde gelinde gesagt das deutsche Schulsystem und die Deutsche Art Bildung zu betreiben wirklich: Unmenschlich. Und das ist eine normative Aussage. Wenn ich über die Schulreform-Verhinderer in Hamburg schreibe, werde ich moralisierend, glaube ich. Davor ist nun wahrlich niemand gefeit. Aber:

Wenn ich diese Leute (bleiben wir einmal bei dem Beispiel) thematisiere, dann nehme ich sie ernst. Und wenn ich ihnen vorbete, warum und wieso und weshalb wir ein besseres Bildungssystem brauchen, dann weil ich glaube, dass es notwendig ist, bei einem so massiven Umbau der gesellschaftlichen Struktur so viele Menschen wie möglich mitzunehmen. Es ist ja so: Wenn eine Frau XY oder ein Vorstandsvorsitzender Blupp argumentieren, dass ihr Kind von einem Arbeiterkind nichts lernen könne – umgekehrt aber schon, dann drückt dies eine aus Elternperspektive erstmal legitime Sorge aus, die ich berücksichtigen muss, wenn ich am Schulsystem rumschrauben will. Dann kann ich zwar sagen: Ich halte das für eine egoistische Einstellung. Aber meine Hauptaussage ist in dem Zusammenhang immer die gleiche: Die haben es einfach noch nicht kapiert, dass ALLE Kinder davon profitieren würden, hätten wir ein Bildungssystem wie in Skandinavien. Und weil sie es nicht kapieren, weil sie einfach uninformiert sind und sich selbst zusammenreimen, wie das wohl sein muss, wenn wir plötzlich so ein Schulsystem bekommen, „wie in der DDR“  („Sozialismus“!) – fahren sie zur Selbstverteidigung die Krallen aus. Hätten sie mal den Film von Reinhard Kahl gesehen, dann würden sie vielleicht anders denken. Natürlich liegt es für eine Linke wie mich nahe, diese HambugerInnen zu schlechten Menschen zu erklären. Aber: Für mich liegt es näher, zu sagen, dass sie es nicht besser wissen und dass ihr eigener Horizont halt noch etwas eingeschränkt ist. Das ist dann eine politische Herangehensweise. Noch politischer wird diese, wenn ich darum weiß, dass meine eigene Vision von Bildung auch Schwachstellen haben kann, die ich nicht berücksichtige – die mir aber von meinen politischen Gegnern vorgehalten werden könnten. Das Ernstnehmen hat somit den doppelten Zweck einerseits die Demokratie zu stabilisieren und andererseits aus Extremen auch eine mehr oder weniger gesunde Mitte zu basteln.

Puh, genug abgeschwiffen. Zurück zur Ausgangsfrage: Wie viel Moral verträgt die Politik? Weiterlesen

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