Moralisierung und Abgrenzung

Ich fragte euch neulich, wo für euch das Politische in dieser Digitalen Medienwelt ist. Viel Feedback kam da ja nicht.

Mittlerweile bin ich fast geneigt: Es gibt hier nichts Politisches. Oder: Man muss es mit der Lupe suchen. Politisch ist für mich nämlich nicht, mit anderen heititei zusammen an der heilen Welt zu basteln – ungeachtet der Tatsache, dass es Feinde meiner Ideale gibt. Es heißt für mich: Zu versuchen mich gegen diese Kontrahenten, gegen die Leute, die in meinen Augen gegen meine Ideale handeln, durchzusetzen. HEGEMONIE erlangen wollen. Und ich weiß: Also dieses Wort! He-ge-mo-nie.- böses Wort… O_o

Ich könnte auch behaupten: Die digitale Medienwelt zerstört in ihren momentanen sozialen Auswüchsen das Politische. Ein Indiz dafür sind die florierenden Rage-Accounts auf twitter (ja, ich habe auch einen), wo die Menschen sich dann in einem kleinen, protecteten Millieu noch trauen, auch mal „böse“ Dinge zu sagen. Da ich hier auf ein Problem zu sprechen komme, das eine große Kontroverse auslösen könnte, möchte ich erst einmal definieren, was ich unter „dem Politischen“ verstehe. Angelehnt an Chantal Mouffe, die sich wiederum auf den „bösen“ Carl Schmitt beruft, sehe ich darin die Existenz und die nicht-moralische Austragung von Konflikten. Von Agonismen. Mit nicht-moralisch meine ich, dass es nicht darum geht, auf einer moralischen Ebene zu argumentieren und damit der anderen Meinung komplett die Existenz-Berechtigung zu entziehen, sondern eben darum, politische Auseinandersetzungen zu führen.
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Schule macht dumm

Gut: Diese Überschrift ist vielleicht ein kleines bisschen übertrieben. Aber wie in folgendem schönen Video gezeigt wird, kann Schule vieles kaputt machen.

Schauen wir nun also in diesem RSA Animate Video (how f**king great is this method?!), wie Sir Ken Robinson innerhalb von gut zehn Minuten alle Bedenken in Bezug auf Bildungsstandardisierung, die ich teile, auf den Tisch bringt.

In meiner Bachelorarbeit untersuchte ich den Sinn und Unsinn von zunehmender Standardisierung der Bildung und ich blieb bis zum Schluss skeptisch: Auch wenn die Ziele hinter Bildungsstandards nobel sein mögen – entsprechen sie doch vielmehr der Ökonomisierung aller Lebensbereiche, als der Entwicklung eines Menschen, als dem Potential eines jeden Kindes. So schrieb ich abschließend:

Bildung umfasst die Wechselwirkung zwischen einem Individuum mit seiner (Um-)Welt und den sich daraus ergebenden Veränderungen im kognitiven, aber auch emotionalen geistigen Zustand der Menschen. In diesem Sinne ist sie nicht standardisierbar.

Es ist schon ein kleines bisschen frustrierend, dass die Arbeit von einem kompletten Monat, eingesperrt in eine Bibliothek, so anschaulich in zehn Minuten zusammengefasst werden kann. Ach quark: Es ist total toll! Dieser Mann hat absolut recht – und dank dieser wunderbaren Animation spricht er alle Sinne an. Chapeau.

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Fukushima: Pietät und Verarbeitung.

Die Emotio
Ich schätze campact wirklich. Sie organisieren politische Kampagnen zu Themen, die mir am Herzen liegen.
Doch wie sie angesichts der Katastrophe in Japan Parolen ausgraben und verbreiten, das missfällt mir, wie ich auch auf Twitter ausdrückte:

„ja: es ist verlockend, #fukushima für campaigning gegen akws zu nutzen. aber nein: es fühlt sich nicht „korrekt“ an. @campact

Dabei ist für völlig klar: Natürlich will ich den Ausstieg. Natürlich reagierten Merkel und Röttgen daneben. Natürlich hatten alle in der Anti-AKW-Bewegung recht, warnten zurecht vor den Gefahren. Aber ist es wirklich die Stunde, Rechthabereien und Parolen auszupacken?

Spontan trafen sich am Samstag Abend einige Menschen zu einer Demo. Berichten von Freunden zufolge war diese „Demo“ eher ein Schweigemarsch. Andere nannten das angemessen. Das Schweigen. Finde ich auch. Mein Gefühl wehrt sich dagegen, zur Tagesordnung überzugehen, die da heißt: Klare Fronten bilden, Parolen entwerfen, Kampagnen fahren etc… beide Seiten gehen zu dieser Tagesordnung über. Merkel genauso wie campact. Und diese zwei stehen ja nur für jeweils eine ganze Horde von Menschen, die sich eben entweder hier oder dort einordnen.

Andere bleiben still. Ekin Deligöz twitterte:

„Rede auf Veranstaltung Alevitischer Verein Berlin. Fällt schwer nach den Nachrichten aus Japan zum polit. Alltag zu finden“

Es sind genau solche Aussagen von PolitikerInnen, die mir fehlen. Leute die einfach mal sagen, dass sie fassungslos sind. Sprachlos. Geschockt.

Die Ratio
Natürlich regen sich Stimmen, die erklären, man lasse sich nicht den Mund verbieten – die Katastrophe sei der beste Grund, gegen AKWs zu mobilisieren. Ich kann das rational nachvollziehen. Natürlich liegt es nahe. Zudem liegt es mir wirklich fern, anderen den Mund zu verbieten. Erst recht FreundInnen. MitstreiterInnen. Es soll auch nicht als Angriff angesehen werden, wenn ich wie oben twittere, was ich fühle. Vielleicht hat einfach auch jedeR seine/ihre eigene Art, mit solchen wirklich markerschütternden Ereignissen umzugehen. Wahrscheinlich. Also lasst es gut sein. Und macht vor allen Dingen das, was ihr für richtig haltet. Aber lasst mir auch meine widerstrebenden Gefühle.

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Abgesang auf den Mut

Inspiriert von Sibylle Bergs wöchentlicher Kolumne, in der sie schreibt:

„Wir anderen wissen, dass unser Leben sehr kurz ist, und wir wollen die Zeit angenehm und ohne Zwischenfälle verbringen. Wir haben Angst, nicht geliebt zu werden, natürlich, verständlich, denn wir werden nicht geliebt.“

möchte ich zum Samstagabend ein wunderschönes Lied – nein: mein Lieblibgslied! – von Gustav mit auf den Weg geben:


Ein ♥ für alle beide.

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Kluge Menschen vorgestellt: Stephan Lessenich

Die Neuerfindung des Sozialen

Stephan Lessenich, den Namen habe ich mir notiert. Rot und dick eingekringelt. Weil er wirklich kluge Sachen gesagt hat. Auf so einer Veranstalung linker Grüner, bei der er geredet hat. Letzten Herbst war das. Ich habe mir sein Buch gekauft und auch angefangen zu lesen. Ach, aber eigentlich ist er am besten, wenn man ihm zuhören kann (wie das mit klugen Menschen immer ist). Deswegen hier ein kurzes Interview mit ihm, zu sehen bei Youtube.
[youtube http://www.youtube.com/watch?v=xjMS3C2z7as&w=560&h=349]

Bewusstmachung von Underclass-Bashing

Zum ersten Mal fiel mir Lessenich auf, als er im Freitag einen Artikel über sein Thema „Underclass-Bashing“ schrieb und auf den Punkt brachte:

Es ist wieder chic, gegen Gleichheit zu sein – und darüber zu reden.

Treffer versenkt!
Also: lest, hört und seht Stephan Lessenich. Es lohnt sich. Weil er entlarvend ist, wie hier:

Es geht den handelnden Personen um die Freiheit der gesellschaftlichen Eliten, ihre materielle Position kulturell zur Geltung zu bringen. Es geht um die Freiheit, nach den eigenen Maßstäben – jenen des ökonomisch gesicherten Bürgertums – zu leben und diesen Maßstäben allgemeine Anerkennung zu bewahren beziehungsweise wieder zu verschaffen. Um die Freiheit, die Lebensformen und Lebensführungsmuster der gehobenen Stände zur Norm der Verhaltenssteuerung und Umerziehung nicht-bürgerlicher Milieus zu machen. Es geht um eine groß angelegte gesellschaftliche Programmatik der Normierung und Normalisierung.

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Alphamädchen an die Front!

Am Wochenende war ich im Rahmen meiner Arbeit für den Lehrstuhl Politische Theorie an der Durchführung des Kongresses “Offiziersausbildung für das 21. Jahrhundert” beteiligt. Veranstaltet von der Clausewitzgesellschaft und der Humboldt-Universität zu Berlin befassten sich etwa 130 Männer zwei Tage lang mit der Frage, welche Herausforderungen die Kriege des 21. Jahrhunderts an die Ausbildung von Offizieren stellen. In Retrospektive an Carl von Clausewitz, der in Vom Kriege beschrieb, was gute Kriegsführung bedeutet, und in Betrachtung der Geschichte der Militärausbildung in Deutschland, sollte eine Vision entworfen werden, wie Nato und Bundeswehr auf neue Herausforderungen, zum Beispiel in Afghanistan oder in den schweren Konflikten in Afrika, vorbereiten.

Professor Herfried Münkler, der mit seinem Buch Die Neuen Kriege (Video der Bundeszentrale für Politische Bildung) beschrieben hat, was genau das Neue und Gefährliche an den Kriegen des 21. Jahrhunderts sind, diskutierte mit diesen – hauptsächlich älteren – Männern, es wurden Vorträge von Wissenschaftlern und von Kommandeuren gehalten, und von wissenschaftlichen Kommandeuren und Generälen. Die wenigen Frauen im Publikum waren größtenteils mitgereiste Gattinnen. Nur vereinzelt mischte sich auch einmal eine Frau in die Diskussion ein. Für jemanden wie mich war die Sache zwar überaus spannend, weil ich Einblicke in eine mir sonst fremde Welt bekam, aber ich fragte mich auch, was das für eine moderne Zukunft sein soll, wenn Frauen beim Militär nach wie vor so selten sind.

Ehrlich, was diese Sache angeht, müssen wir echt mal aus den Puschen kommen. Wolf-Dieter Löser, Generaloberst vom Nato Defence College war so mutig, in seiner Vision der neuen Soldat_innen eine Frau zu wählen, die diese Vision verkörperte. Und jetzt kommt’s: Keiner der alten Herren monierte das! Man will uns kluge, junge Frauen gerne dort! Aber wollen wird das denn auch? „Alphamädchen an die Front!“ weiterlesen

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Der Kampf der Herkunftseliten

Nicht nur in Hamburg wird über eine Reform gestritten: Obsiegt beim Volksentscheid der Klassendünkel über die Bildungsgerechtigkeit?
(Dieser Artikel erschien ursprünglich im Freitag)

Ob nach dem Volksentscheid die erste schwarz-grüne Koalition in einem deutschen Landesparlament weiter bestehen kann? Die Lage in Hamburg ist angespannt. Nicht mehr und nicht weniger steht auf dem Spiel, als der Beweis für die Machbarkeit einer schwarz-grünen Zusammenarbeit. Wenn das mit der Schulreform klappt, dann haben wir eine gemeinsame Zukunft, lautete die grüne Devise nach der Senatswahl. Auch die hanseatische CDU kämpfte für diese Zukunft. Mit seinem engagierten Einsatz für die Schulreform brüskierte Bürgermeister Ole von Beust die eigene Klientel und Unionspolitiker aus ganz Deutschland.

Eine Woche vor der brisanten Abstimmung begannen „Parteifreunde“, medienwirksam gegen ihn und seine Schulreform zu wettern. Baden-Württembergs Kultusministerin Marion Schick grätschte gegen von Beust mit den Worten, manche hingen aus ideologischen Gründen der Fantasie an, dass die Gemeinschaftsschule die soziale Schichtung abbauen würde. Kurz vor dem Volksentscheid machten dann auch Spekulationen über einen baldigen Rücktritt des Bürgermeisters die Runde.

Die so genannte Primarschule, die in Hamburg am Sonntag beim Volksentscheid zur Abstimmung steht, ist eine sechsjährige Grundschule. In Berlin und Brandenburg ist sie bereits Realität. Im Saarland will das Jamaika-Bündnis ein fünfjähriges Modell einführen. Ursprünglich hatten sich die Grünen in Hamburg, allen voran die heutige Schulsenatorin Christa Goetsch, für neun Jahre gemeinsamen Lernens eingesetzt – was aber deutlich auf sechs Jahre reduziert wurde, um für die CDU kompromissfähig zu sein. Anlass für die Pläne sind Studien wie IGLU oder PISA. Sie zeigen: Eine frühe Selektion wirkt sich vor allem zum Nachteil von Kindern aus sozial schwachem Milieu oder mit Migrationshintergrund aus. „Der Kampf der Herkunftseliten“ weiterlesen

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Potter in die Schule!

Warum die CDU einst für ein Potter-Verbot war, warum der Zauberschüler bald die Schule erobert und wie das einige Miesmuggels auf die Palme treibt.


(Bild: Cindiann via Flickr)

Rückblende ins letzte Jahrtausend: Ein Buch spaltet die Gesellschaft

„Hysterie ist das! Jawohl, im ganz großen Stil! Die spinnen, die Harry-Potter-Fans!“ Ich gebe zu, meine Haltung zu beschriebenem Phänomen, das Ende der Neunziger Massen in seinen Bann zog, war damals nicht gerade differenziert. Das lag aber vor allem daran, dass ich nie der Typ war, der gerne auf einen fahrenden Trend-Zug aufsprang; im Gegenteil: in meiner Jugend lautete das oberste Ziel, das es zu erreichen galt, Anderssein um jeden Preis.
Harry Potter spaltete derweil die Nation in drei Kategorien: „Potter in die Schule!“ weiterlesen

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Und jetzt?! -Deutschland vor der Wahl

So war das 2005, kurz bevor Rot-Grün vor die Hunde ging.

Die Ankündigung vorgezogener Wahlen war ein politischer Paukenschlag, der ordentlich in die sonntagabendliche, deutsche Gemütlichkeit rummste.

Joschka Fischer Wahlplakat
(Foto: Till Westermeyer)

Es war die wohl größte Wahlschlappe in der Geschichte der SPD – ausgerechnet das Stammwählerland der Sozialdemokraten ging an diesem Wochenende an die Union verloren. ‚Wir haben die Schnauze voll von euch!‘ lautete die unmissverständliche Botschaft der Wähler, die schon zuvor angemeldet hatten, dass sie sich über einen frischen Wind im Landtag freuen würden. Doch es war sicherlich nicht die nordrheinwestfälische Landespolitik alleine, die den Wähler in die Arme der CDU trieb, sondern eine deutschlandweite Unzufriedenheit. Der Kanzler selbst war es, der – wie durch ein Wunder – erkannt hatte, wer hier eigentlich in Frage gestellt wurde.

Der Kanzler
Die Parteien bekamen, wie immer als erste, die ersten Hochrechnungen der großen Meinungforschungsinstitute am Sonntag Nachmittag, 15 Uhr, mitgeteilt. Ab da wurden aufgeregte Telefonkonferenzen, die eine Strategie entwickeln und verbreiten helfen sollten, aber auch ein ganz besonderes Vieraugengespräch geführt. Letzteres wird vielleicht einmal als DAS Vieraugengespräch in die Geschichte eingehen, in dem der Kanzler und sein Parteivorsitzender eine Erkenntnis hatten: Alea iacta sunt – die Würfel sind gefallen.

Man habe nach der Entscheidung für Neuwahlen den Vizekanzler informiert. Weder die eigene, noch die Partei des Koalitionspartners, wurde eingeweiht. Vielleicht besser so, sonst wäre noch irgendein Plappermaul auf die Idee gekommen, der Presse einen Tipp zu geben, die grandiose Überraschung wäre missglückt und uns wären die entsetzten Blicke Angela Merkels, Claudia Roths und Klaus Uwe Benneters nicht vergönnt gewesen.
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