Knallenlassen statt MiMiMi

Zur Emanzipation braucht es viel Stolz. Wer sich nicht wehrt, der ändert auch nichts. Ein Mutmach-Plädoyer zum Frauentag.

Katharina Rutschky war eine Frau, die gerne gegen den feministischen Strom schwomm. Von ihrem Buch „Im Gegenteil“ lacht sie uns herausfordernd an und der Untertitel „politisch unkorrekte Ansichten über Frauen“ kündet vom Spiel mit der Provokation. So betrachtet sie argwöhnisch das Phänomen der sexuellen Belästigung (der Text ist aus dem Jahr 1999 – aber ich finde ihn bis heute aktuell). Sie las in der Zeitung, dass 2/3 der Frauen am Arbeitsplatz schon belästigt worden seien, gab sich aber mit dieser schockierenden Zahl nicht zufrieden. Sie schaute genauer hin und fand heraus, dass je nach geografischer Lage die Zahl enorm schwankte. In Bonn waren es 72 Prozent der befragten Frauen, in Berlin nur „schlappe“ 34 Prozent, die Erfahrungen mit sexuellen Belästigungen am Arbeitsplatz machten. Und ganze 12 Prozent der Berlinerinnen waren sich nicht sicher. Rutschkys provokante These: „Sie hatten kein Problem, das ihnen zu schaffen machte, sondern, bei aller Gutwilligkeit, ein Klassifikationsproblem.“ Es offenbar sich hier ein generelles Problem: Das Sexuelle ist in unserer Kultur immer irgendwie „drüber“ – wir lavieren ständig zwischen den Extremen „Prüderie“ und „Pornofizierung“. Ein entspannter Umgang, der auch zwischenmenschliche Komplikationen, Missverständnisse und Fehler zulässt, ist nicht immer ganz leicht. Vor allem, wenn es um das Zwischenmenschliche in nicht-intimen Beziehungen geht, ums Flirten oder: um sexuelle Avancen im Alltag.

Mit Rutschky gedacht kommt es also auf das an, was wir selbst über das Geschehene denken: Machen wir daraus eine Mücke oder einen Elefanten? Muss der Staat eingreifen, oder kann eine Frau einfach selbst die Dinge in die Hand nehmen und einem wie auch immer übergriffigen Kollegen seine Grenzen aufzeigen? Rutschky wirft einige tief verankerte Dogmen einfach über den Haufen. „Ein Kaninchen ist eben nicht dämonisch.“ Sagt sie. Eine Politik, die auf Druck von woher auch gegen alles Mögliche Gesetze erlassen würde, das als „übergriffig“ oder „Belästigung“ empfunden wird, wäre jedenfalls furchtbar. So furchtbar und kontraproduktiv, wie es das Beschützer-Bedürfnis von Eltern sein kann, die am liebsten die ganze Welt in Matratzen polstern würden, damit kleine Kinder sich nicht mehr ihre Arme brechen können. So weit, so richtig. Womit wir auch wieder bei Judith Butler angekommen wären: Die Verletzung birgt gleichzeitig die Chance zur Wendung. Das Fehlaneignen einer Verletzung kann ein emanzipatorischer Akt sein, denn er widersprich den gesellschaftlichen Grundprämissen, die da lauten: Die Frauen können sich nicht selbst wehren. Es ist mir als Grüne ein bisschen peinlich, aber wie ich bei Katharina Rutschky las, war es einzig jemand aus der CDU, der Frauen empfahl, bei Belästigungen mit Ohrfeigen zu reagieren. Knallen lassen, statt Mimimi. Feindkontakt, statt petzen. Wehre dich!

(Bild: CC BY-NC 2.0; Suzanne Gerber via flickr.com: http://www.flickr.com/photos/wurzeltod/231699247/)

Aber war es nicht schon Hedwig Dohm, die mit ihrem auffordernden „Mehr Stolz, ihr Frauen!“ die Lösung vieler unserer Leiden in der Hand gehalten hat? Und ist es etwa ein Zufall, dass es immer genau jene Frauen sind, die dieses Mimimi ablegen und mit Humor, mit Schlagkraft und Feindkontakt die meisten hochgezogenen Augenbrauen und Schmähungen ernten? Wohl kaum: Es sind vielleicht jene Frauen, die den einzig wirklich wirksamen Schlüssel zur Entmachtung der Rollenstereotype gefunden haben: den Stolz und die Kampfeslust der „braven Frauen“, die am Gefährlichsten für die eingefahrenen Verhaltensmuster in der Gesellschaft sind. Emanzipation braucht immer jene, die Ausbrechen. Und diese brauchten immer schon ein dickes Fell. Die hohe Kunst dabei ist es nur, nicht in eine Art hyperventilierenden Wettkampf zu geraten, darum, wer die Stärkste und Tollkühnste ist. Nicht jene zu vergessen und abzuhängen, die es aus eigener Kraft diesen Stolz nicht mehr aufbringen. Das gilt nicht nur im Feminismus, sondern für alle Arten der Emanzipation.

Was Rutschky, und nach ihr noch viele andere starke Frauen, zuletzt Bascha Mika, bei aller Sympathie verkennen: Die meisten Frauen sind genau dazu überhaupt nicht erzogen worden. In vielen von uns gibt es eine Art innere Barriere, wenn wir auf Konfrontation gehen müssten. Wir schicken lieber andere vor. Oder wir fügen uns. Eine neuere Erscheinungsform ist es, Konfrontationen im realen Leben komplett zu vermeiden, immer die Klappe zu halten und dafür im Internet ordentlich vom Leder zu ziehen – ich nehme mich da mal überhaupt gar nicht aus. Rutschky verkennt, weil sie selbst wohl tatsächlich die Emanzipation von vielen Zwängen geschafft hat, dass es ein langer und harter Kampf der Frauen gegen sich selbst ist. Ein Kampf, der nicht zu unterschätzen ist und der die Frauen, die ihn Kämpfen, eben nicht immer sofort mit Ruhm und Ehre belohnt. Frauen, die am Arbeitsplatz lauter, dominanter und kämpferischer sind, das zeigen Studien, gelten schnell als „stutenbissig“ und „unkollegial“ – während dieses Verhalten bei Männern akzeptiert oder sogar erwartet wird. Und auch jene, die es schafften, sich von Alltagszwängen qua Geschlecht zu befreien, baden immer wieder wie in Flash-Backs in kleinen Pfützen ihres Selbsthasses und in Selbstzweifeln, wenn die Umwelt sie sanktioniert – oder sie dies nur erwarten. „Krieg mal deinen Arsch hoch, mach den Mund auf und wehr dich – anstatt nur zu heulen.“ – ist eine vielleicht gut gemeinte Ansage, aber viele Menschen, nicht nur Frauen, können das nicht umsetzen und fühlen sich gerade dadurch noch degradierter. Das Kunststück ist es, ganz nach dem Pippi Langstrumpfschen Grundsatz „Wer stark ist, muss auch gut sein“, an einem Strang zu ziehen. Was Rutschky und Mika machen ist: erwarten, dass wir alle Pippi Langstrumpf werden, bei gleichzeitiger Abwertung der „Annikas“ unter uns. Bei Astrid Lindgren aber waren Pippi, Tommy und Annika Freunde. Sie hielten zusammen wie Pech und Schwefel. Und das ist sicher kein Zufall. Denn am Ende sollten wir alle keine EinzelkämpferInnen sein – nur in der Masse werden wir die Gesellschaft verändern können.

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3 Gedanken zu „Knallenlassen statt MiMiMi“

  1. Ich habe schon im Freitag kommentiert (und mich extra dazu registriert), aber ich wollte noch einmal hier kommentieren, schon um die Kommentare abonnieren zu können.

    Ich fange einmal mit den Kinderbuchfiguren an. Ich weiß nicht, ob eine Unterteilung von Frauen in „Annika“ und „Pippi“ erstrebenswert ist. Ich muss jetzt gestehen, dass ich Pippi Langstrumpf nur als Kind gelesen habe, und zwar als Grundschulkind. Ich habe das Buch auch nie als Erwachsene einem Kind vorgelesen, also ist meine Erinnerung nicht mehr besonders gut.

    Das Problem mit Pippi ist, dass sie nicht real ist. Sie ist eine Traumfigur, die für jüngere Kinder, die selbst noch sehr eingeschränkt sind und noch vieles nicht können, sehr amüsant und lustig ist. Auch ihre Frechheit kann Spaß machen, allerdings habe ich manchmal das Gefühl, dass sie aus einer anderen Zeit stammt, als Kinder noch weniger durften als heute. Das Sams ist eine ähnliche Figur, und Pippi hat ebenfalls ein paar Fähigkeiten, die auf Wünsche erfüllen hinauslaufen.

    Ältere Kinder lesen andere Bücher, und in gewisser Weise wundert mich, dass erwachsene Frauen Pippi als Vorbild bezeichnen. (Habe ich selbst mal bei einem Seminar für Kreatives Schreiben erlebt. Ich selbst nannte Ellen Ripley (Sigourney Weaver) aus „Alien“, die ist viel cooler.) Es nennt doch auch keine Frau das Sams als großes Vorbild.

    Ich habe mir überlegt, ob es nicht ein anderes Vorbild bei Astrid Lindgren gäbe: Den jüngeren der beiden Brüder Löwenherz, Karl alias Krümel. Er ist ängstlich, und nicht so perfekt wie sein älterer Bruder (der idealisiert ist und daher auch nicht wirklich als Vorbild taugt), aber er lernt auch mutig zu sein, er lernt, dass sein Bruder auch verletzlich ist, er lernt, dass Mut nicht bedeutet, keine Angst zu haben, sondern zu tun, was getan werden muss, obgleich man Angst hat.

    Ich denke, dies lässt sich lernen, und zwar auch dann, wenn frau nicht dazu erzogen ist. (Ich habe es auch gelernt, beziehungsweise ich bin dabei, es zu lernen.)

    Das zweite, was mir jetzt beim Wiederlesen aufgefallen ist: Ich glaube, es wäre schon viel gewonnen, wenn Menschen (nicht nur Frauen) sich in Situationen, in denen keine echte Gefahr droht (auch nicht die Gefahr, den Job zu verlieren) sich mehr trauen würden. Das fängt damit an, dass man sich traut, etwas zu lernen, was man noch nicht kann, und dabei Fehler zu machen. (Ich habe leider ein paar zu viele Frauen kennengelernt, für die um Hilfe bitten eine gute Alternative ist).

    Es gibt natürlich auch Situationen, in denen Unterstützung nötig ist, etwa, weil man einer Gefahr ausgesetzt ist, der man einfach nicht gewachsen ist, sei es wegen der Machtverhältnisse im Job, oder wegen physischer Überlegenheit des anderen, oder weil Intrigen dafür gesorgt habe, dass man selbst isoliert ist. Ich glaube auch, dass es die Erinnerung an solche Situationen ist, die davon abhält, in gefahrlosen Situationen sich zu Wort zu melden. Ich denke aber, dass diese Konditionierung (nicht Erziehung) überwunden werden kann.

  2. „Das Fehlaneignen einer Verletzung kann ein emanzipatorischer Akt sein, denn er widersprich den gesellschaftlichen Grundprämissen, die da lauten: Die Frauen können sich nicht selbst wehren“

    Ich finde es auch immer wieder erstaunlich, wieviel Angst Frauen durch den Feminismus selbst gemacht wird. Vielleicht sollte man auch da mal die übrigen Kriterien anlegen, mit denen sonst analysiert wird.
    Das übermächtige Patriarchat/die hegemoniale Männlichkeit/die Phallokratie, dass alles sind ja keine Motivationsfaktoren.
    Das die Frau sich nicht wehren kann wird dort als Kulisse ja bereits aufgebaut.

    Ich finde Frauen nicht so schwach, wie sie hier dargestellt werden. Die meisten Frauen können sich durchaus wehren. Ich denke allerdings, dass sie sich (im Schnitt natürlich) mit weniger Konkurrenz und mehr miteinander wohler fühlen, weswegen sie sich entsprechende Jobs etc aussuchen.

    Interessant auch die Wirkung von Testosteron in diesem Zusammenhang: Es steigert unter anderem auch das Selbstvertrauen und die Risikobereitschaft.

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