Moral oder Politik?

Das ist eigentlich nicht die Frage. Eine Replik auf Susannas Blog-Text.

Es gibt Orte der Moral. Und es gibt Orte der Politik. It’s as easy as that. Und es gibt ethische Politik. Und bei der Ethik würde ich zwischen Verantwortungsethik und Gesinnungsethik zu trennen versuchen. Beides hat ja seine Existenzberechtigung. Nur eben zu unterschiedlichen Zwecken.

Moral hat stets einen normativen Anspruch. Den kann Politik durchaus auch haben. Ich selbst bin Grüne und habe Parteipolitik jahrelang miterlebt, innerparteiliche Debatten aus der Warte der  Jugendorganisation beobachtet und teilweise auch mitzugestalten versucht. Dass mein Herz grün ist, das weiß ich eigentlich schon beinahe seit ich 16 Jahre alt bin. Und schon in der Grundschule ging ich für die Rettung der Wale Unterschriften an den Haustüren der BewohnerInnen von Igersheim sammeln. Das Wort „Gutmensch“ wurde nicht nur einmal an mich gerichtet und ich glaube, dass ich teilweise religiösen Eifer an den Tag gelegt habe, wenn es darum ging, Menschen davon zu überzeugen, dass wir die Umwelt zerstören, wenn wir zu viel Auto fahren. Oder Menschen zu erklären, dass es sich lohnt ökologisch Auto zu fahren. Ich war jahrelang eine von diesen grünen „Fundis“ (mittlerweile sind Flügel innerhalb der Partei für mich einfach nur noch eine Last – denn gesinnungsethisch sind sie gleichermaßen). Wenn ich über Bildung diskutiere, werde ich sehr emotional, und wenn ich den Film „Spitze – Schulen am Wendekreis der Pädagogik“ sehe (der mich seit über zehn Jahren verfolgt), dann muss ich weinen. Ich finde gelinde gesagt das deutsche Schulsystem und die Deutsche Art Bildung zu betreiben wirklich: Unmenschlich. Und das ist eine normative Aussage. Wenn ich über die Schulreform-Verhinderer in Hamburg schreibe, werde ich moralisierend, glaube ich. Davor ist nun wahrlich niemand gefeit. Aber:

Wenn ich diese Leute (bleiben wir einmal bei dem Beispiel) thematisiere, dann nehme ich sie ernst. Und wenn ich ihnen vorbete, warum und wieso und weshalb wir ein besseres Bildungssystem brauchen, dann weil ich glaube, dass es notwendig ist, bei einem so massiven Umbau der gesellschaftlichen Struktur so viele Menschen wie möglich mitzunehmen. Es ist ja so: Wenn eine Frau XY oder ein Vorstandsvorsitzender Blupp argumentieren, dass ihr Kind von einem Arbeiterkind nichts lernen könne – umgekehrt aber schon, dann drückt dies eine aus Elternperspektive erstmal legitime Sorge aus, die ich berücksichtigen muss, wenn ich am Schulsystem rumschrauben will. Dann kann ich zwar sagen: Ich halte das für eine egoistische Einstellung. Aber meine Hauptaussage ist in dem Zusammenhang immer die gleiche: Die haben es einfach noch nicht kapiert, dass ALLE Kinder davon profitieren würden, hätten wir ein Bildungssystem wie in Skandinavien. Und weil sie es nicht kapieren, weil sie einfach uninformiert sind und sich selbst zusammenreimen, wie das wohl sein muss, wenn wir plötzlich so ein Schulsystem bekommen, „wie in der DDR“  („Sozialismus“!) – fahren sie zur Selbstverteidigung die Krallen aus. Hätten sie mal den Film von Reinhard Kahl gesehen, dann würden sie vielleicht anders denken. Natürlich liegt es für eine Linke wie mich nahe, diese HambugerInnen zu schlechten Menschen zu erklären. Aber: Für mich liegt es näher, zu sagen, dass sie es nicht besser wissen und dass ihr eigener Horizont halt noch etwas eingeschränkt ist. Das ist dann eine politische Herangehensweise. Noch politischer wird diese, wenn ich darum weiß, dass meine eigene Vision von Bildung auch Schwachstellen haben kann, die ich nicht berücksichtige – die mir aber von meinen politischen Gegnern vorgehalten werden könnten. Das Ernstnehmen hat somit den doppelten Zweck einerseits die Demokratie zu stabilisieren und andererseits aus Extremen auch eine mehr oder weniger gesunde Mitte zu basteln.

Puh, genug abgeschwiffen. Zurück zur Ausgangsfrage: Wie viel Moral verträgt die Politik?

Mouffe geht das schon sehr weit: Am Beispiel von Bush und seiner „Achse des Bösen“ kann man es schon ganz gut erklären. Da werden Menschen entwertet und man darf dann mit denen nicht mehr reden. Tut man es doch, dann gilt: „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns“. Schnell entwickelt sich so ein Brass auf eine komplette Nation, die einem nichts, aber auch wirklich g a r  n i c h t s  getan hat: Frankreich. „Freedom Fries“ – das ist das Ergebnis. Für Frankreich ist das nicht so tragisch. Die Grünen druckten – helle wie sie sind – Aufkleber mit dem Slogan „Old Europe“ – eine Wendung, eine Fehlaneignung nach bester Butlerscher Art J Aber George W. Bush ist mit Sicherheit die lebende Anschauungsfläche des Mechanismus‘, was passiert wenn einer, der Politiker sein und verantwortungsethisch handeln soll, zum Moralisten aufschwingt und gesinnungsethisch argumentiert.

Dass Moral, Normen und Gerechtigkeitsempfinden einen wichtigen Stellenwert in der Gesellschaft haben – und damit auch im Netz – das möchte ich gar nicht wegdiskutieren. Sie haben auch wichtige Funktionen – oder wie Susanna schreibt: „Ich möchte mich hier nicht für Rassismus und Homophobie etc. einsetzen. Aber ich möchte mich dafür einsetzen, dass auch solchen Menschen mit Argumenten und nicht mit Beschimpfung begegnet wird.“ Dass wir zum Beispiel klar sagen: Rassismus, Sexismus und Elitismus wollen wir gerne vermeiden – das ist nicht unbedingt moralisch. Je nach Kontext ist es nichts als das politische Anliegen, Menschen, die bislang ausgeschlossen sind (nämlich meist genau aufgrund von Normativismen, von (scheinbarer) Moral („die Ausländer nehmen den Deutschen die Arbeitsplätze weg“)  und anhand von Gesinnungs-Argumenten) einzuschließen in einen Diskurs. Der Unterschied ist genau der: Politisches Handeln muss eigentlich immer versuchen, so viele Menschen wie möglich mit in den Diskurs einzubeziehen. Der Schwurbelbegriff „Pluralismus“ drückt das ganze Konzept schon recht gut aus. Und Chantal Mouffe geht in der Tat in „Über das Politische“ so weit zu erklären, dass man eben selbst mit den Nazis reden muss, wenn man demokratisch handeln will. Dass es nicht okay ist, die als „Böse“ oder schlechte Menschen abzutun und sich dann mit ihren Argumenten nicht mehr auseinander zu setzen.

Nachvollziehbarer ist diese Forderung vielleicht an Menschen, die der eigenen Meinung recht nahe liegen, aber dann doch „ausscheren“. Genau das wiederum habe ich erlebt, wenn Menschen im linken Flügel der Grünen jene, die in einer bestimmten inhaltlichen Frage (nehmen wir mal den Afghanistan-Einsatz; oder den Kosovo-Krieg) nicht die gleiche Meinung hatten, wie die Mehrheit der Linken: Das Wort „Verräter“ fiel in solchen Zusammenhängen nicht nur ein Mal. Und damit war man durch ein moralisches Manöver politisch – für die Linken – tot.

Ein böser Mensch ist auch Carl Schmitt. Klar. Aber die Anführungszeichen in meinem ursprünglichen Text hatten schon ihren Sinn. Genau wie bei vielen anderen Denkern könnte man, gesinnungsethisch, oder eben moralisch argumentierend, sagen: Den darf man nicht als Bezugsquelle irgendeiner Theorie benutzen. Von der Sorte Denker gibt es viele. In abgeschwächter Form ist das auch bei Machiavelli so. Oder bei Clausewitz. Oder auch bei Konrad Lorenz. Ich habe sie trotzdem alle gelesen. Teilweise freiwillig, teilweise als Pflichtlektüre im Politikstudium. Teilweise beides. Und immer, wirklich immer, habe ich viel gelernt. Dass jeder dieser Autoren/Denker/Politiker/Wissenschaftler oder eben schlechten Menschen kritisch gelesen werden muss, versteht sich ja (eigentlich) von selbst. Und doch: Gerade diejenigen, die völlig abwegige Theorien und Weltbilder entworfen haben können gerade weil sie komplett anders denken als man selbst, einen Blickwinkel auf die eigene Weltsicht aufzeigen, auf den man selbst nicht kommen würde. Und bei Schmitt ist es eben diese Erkenntnis: Politik bedeutet, dass man zwischen „Freund“ und „Feind“ unterscheidet. Dass man Agonismen hat – und auch erhält. Dass man nach Hegemonie für die eigenen Ziele strebt. So interpretiert – und Chantal Mouffe tut dies – kann man Schmitts Argumente (die wirklich in seinem Gesamtkonstrukt wenig mit Menschenrechten zu tun haben) als Begründung für eine radikale Demokratisierung in Zeiten von undemokratischen politischen Auseinandersetzungen sehen. Das klingt wahrscheinlich irre – ist aber clever.

„Für Mouffes Vision eines politischen Diskurses oder Dialogs sind der Antagonismus (also der Widerspruch, angelehnt an Hegels und Marx‘ Dialektik) und der Agonismus (in der Ethologie alle Verhaltensweisen, die in Zusammenhang mit Auseinandersetzung stehen) zentral. Das Politische kann sie ohne diese beiden Bestandteile nicht denken. Mouffe nennt Antagonismus die Beziehung zwischen Feinden und Agonismus die Beziehung zwischen Gegnern (s. 69 ff). Gegner, so Mouffe weiter, kämpften gegeneinander bisweilen erbittert, aber nach einem gemeinsamen Regelkanon. Eine agonistische Demokratie sei demnach eine, in der es permanent darum ginge, die Machtverhältnisse zu verändern und eine bestehende Hegemonie durch eine neue zu ersetzen. Damit setzt sich Mouffe für eine radikale Form der Demokratie ein, wie sie sie mit Ernesto Laclau bereits 1985 in ihrem Gemeinschaftswerk Hegemonie und radikale Demokratie konzipiert habe. Gegnerschaft darf dabei nicht ausgeschlossen werden oder durch den vermeintlich höheren Wert von Konsensen überdeckt. Im Gegenteil: Wenn sich die Machtverhältnisse tatsächlich immer wieder ändern lassen können sollen, so wie Mouffe und Laclau dies in ihrer Vision von radikaler Demokratie beschreiben, dann muss es nicht nur eine Gegnerschaft zur bestehenden Hegemonie geben, sondern es muss dieser Gegnerschaft real möglich sein, durch „die Schaffung einer Kette von Äquivalenzen“ zwischen verschiedenen demokratischen Bewegungen einen „kollektiven Willen“ zu formen, welchen Mouffe das „Wir“ der radikalen demokratischen Kräfte nennt.“*

Moralische Flauschigkeit ist ok

Ich bin okay. Du bist okay. Das ist die Basis für Kommunikation. Was nicht okay ist: Wenn man sich selbst erst einmal klein machen muss, bevor man sich einer bestimmten Gruppe anschließen und mitreden darf. „Ich bin eigentlich ein schlechter, böser und grässlicher Mensch. Aber ich möchte von euch lernen, wie ich besser werden kann. Lasst mich mitspielen.“ Ich selbst lehne es eigentlich ab, mich in solche Gruppen zu begeben, weil das in meinen Augen etwas Sektenartiges hat. Aber: Ich spreche Gruppen, deren moralisches Weltbild mich ausschließt, nicht ihre Existenzberechtigung ab. Ich hatte Sex vor der Ehe, habe nach allem, was ich weiß, die Einstellung, dass man im Kosovo nicht hätte zuschauen dürfen und ich halte auch andere militärische Einsätze in dieser Welt für notwendig – weswegen ich nach wie vor dazu stehe, zu finden, dass es mehr Frauen im Militär geben müsste. Ich finde es in Ordnung, Christen, Juden und Moslems für bestimmte politische Auswüchse ihrer Religionen zu kritisieren. Und auch die unsensible Verwendung von Wörtern oder gar das provozierende Aneignen von Sexismen kann ich manchmal tolerieren (zum Beispiel zieht mein Vater mich gerne mit machoistischen Sprüchen auf – einfach nur, weil er es kann und weil es in der Regel absolut treffsicher funktioniert, dass ich mich empöre. In Wahrheit ist das aber nur ein Spiel und ich kann davon absehen, es weiter zu sanktionieren, oder ihn als guten Menschen in Frage zu stellen). Mein Leben passt nicht in das Weltbild der meisten anderen Menschen auf diesem Planeten – aus 1.000 unterschiedlichen Gründen. Meine Entscheidung für eine bestimmte Denkrichtung bedeutet einen „Verrat“ an den 1.000.000 anderen Ideen und Ansichten, die alternativ zu Wahl gestanden hätten. So ist das nun einmal. Das ist mir sehr bewusst. Während ich meine Entscheidung für richtig halte und meine Perspektive auch gerne einbringen und gesellschaftlich und politisch stark machen möchte, bleibt mir immer bewusst, dass die andere Meinung, die andere Perspektive ebenso Respekt verdient – zumindest verdient, ernst genommen zu werden.

Trotzdem fühle auch ich mich in Gruppen wohler, wo ich eben nicht zum 100.000. Mal diskutieren muss, ob Feminismus nun gut und okay ist, oder Männerhass bedeutet. Ja: ich fühle mich bei der Heinrich-Böll-Stiftung wohler, als bei den Piraten. Da kann ich mich entspannen und das ist aus folgendem Grund wichtig: Während ich bei Letzteren dann auch zum 100.001. Mal bei der feministischen Ursuppe anfangen muss, kann ich bei Ersterer Feminismus als „default“ ansehen und mich ganz anderen Themen zuwenden. Viel weiter denken. Dinge erkunden, die für mich neu sind oder mir andere Perspektiven bieten. Flauschigkeit hat einen Sinn: Man kann sich fallen lassen; den Menschen ein Stück weiter vertrauen; man kann „ungeniert denken“, was man an anderen Orten, wo nicht alle dieser Basis-Meinung sind, nicht einfach so undiskutiert denken „darf“. Ohne sich Abzugrenzen, gegen diejenigen, die anders denken, kann man keine Freiräume für das eigene Denken entwickeln. Ob das nun im Privaten ist, oder ob das entlang von Politik geschieht. Das ist auch der Grund, warum es wichtig ist, dass es verschiedene Parteien gibt (und warum es unerlässlich sein sollte, dass diese auch *wirklich* verschieden sind und nicht nur verschieden von außen angestrichen). Nur: Das Politische besteht genau darin, dass es Treffpunkte zwischen solchen Kollektiven gibt, wo diese darüber streiten, und das am besten nach Regeln, die ich nun einfach mal als „demokratischen Respekt“ bezeichnen möchte, die keine der Gruppen qua Inhalt und qua angelegter moralisch-normativer Messlatte als „böse“ deklariert.

 

*(ich zitiere mich hier selbst: Das ist aus meiner Hausarbeit. Wer sie haben will, möge mich einfach kontaktieren. Oder ach: ich könnte sie auch mal hochladen.)

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13 commentaires sur “Moral oder Politik?

  1. ich wurde darauf hingewiesen, dass dieser text zwar gut sei, aber total überladen an dingen, die ich immer schon einmal sagen wollte.
    das stimmt.
    außerdem sind viele punkte nur angerissen. ich sollte da mal länger in mich gehen. vllt. doch ein Buch?

  2. Ich muss jetzt mich erst einmal davon zurückhalten, auf die verschiedenen Themen einzugehen, die du anschneidest. Ich glaube, du und ich verstehen unter Moral ziemlich unterschiedliche Dinge, und zwar nicht inhaltlich bezogen auf diesen oder jenen moralischen Grundsatz, sondern bei der Frage, was Moral eigentlich ist.

    • aber ich kann es nur nochmal betonen: ich bin hier noch lange nicht fertig mit denken. erst heute morgen fielen mir noch punkte dazu ein. ich brüte noch weiter an diesen Fragen.
      ich bin einfach dankbar für deinen input – habe mich sehr gefreut.

  3. Danke, an euch beide. Ich habe mir schon zum ersten text den ein oder anderen gedanken gemacht, aber ich komme gerade einfach zu nichts. Die beiden Texte jetzt – also der von Susanna und dieser hier, habe ich über den ganzen Tag verteilt gelesen, darauf herumgekaut und denke noch immer. Wahrscheinlich dauert es noch ewig bis ich auch zu einem Ergebnis komme, also bleibt es mir nur Danke zu sagen. Für den Input, für die Denkanstöße, für die schöne Art der Diskussionsführung. Ich habe jetzt schon eine Menge gelernt.

    Kadda, ja, da steht eine Menge drin in dem Text, aber überladen würde ich es trotzdem nicht nennen.

  4. Ah, danke! Ich war schon erschrocken. Jetzt kann ich auch wieder klarer nachdenken.

    Vielleicht kann ich bei dem Schulbeispiel anfangen. Für mich ist es einfach ein klarer moralischer Grundsatz, dass kein Kind aufgrund seiner Herkunft benachteiligt werden darf. Das ist für mich so etwas wie das Fundament. (Die Herren und Damen Vorstandsvorsitzenden gehen ja in aller Regel selbstverständlich davon aus, dass ihre Kinder begabter sind als Arbeiterkinder, das ist schon mal die erste fehlerhafte Grundannahme.)

    Ein weiterer moralischer Punkt ist die Forderung, dass jedes Kind optimal in der Entwicklung seiner Fähigkeiten und seiner Persönlichkeit gefördert werden soll. Ich muss gestehen, dass ich mir an diesem Punkt nicht mehr sicher bin, und zwar deswegen, weil ich mir nicht mehr sicher bin, ob ich die Grundannahme, die dahintersteckt, nämlich die, dass in jedem Kind eine Persönlichkeit verborgen liegt wie eine Knospe, die sich entfalten will, noch für richtig halte. (Ich habe aber lange an diesen Punkt geglaubt.)

    Da habe ich nun zwei moralische Grundprinzipien, bei einem stehe ich noch hundert Prozent dahinter, beim anderen habe ich Zweifel bekommen. Ich glaube, beim ersten dieser beiden Grundprinzipien könnte ich immer noch grantig werden. (Ja, ist mir schon passiert: wenn ich Eltern begegne, die meinen, ihr Kind habe das Recht, Abitur zu machen, und die ganz selbstverständlich annehmen, dass es an den Lehrern oder dem Schulsystem liegt, wenn es doch nicht klappt.)

    Aber von dort ausgehend entstehen für mich ganz viele Probleme. Es gibt Startvorteile für Kinder aus „bildungsnahen“ Elternhäusern. (Gibt es das Wort? Ich habe bisher nur das Wort „bildungsfern“ gehört), jedenfalls was die Fähigkeiten anbelangt, die über die Schullaufbahn entscheiden. Wie geht man mit diesen Startvorteilen um?

    Und: was sind wirklich die besten Schulen für alle oder auch nur für manche Kinder? Auch hier gibt es eine komplexe Debatte. (Und ich kenne sie noch nicht einmal vollständig. Vor einer Weile habe ich einen Artikel gefunden, in dem jemand sagte, dass die freieren Unterrichtsstile Bildungsunterschiede verstärken (hier: Doch, er ist wichtig), und einmal wieder ist ein Buch auf meine Liste der Bücher gewandert, die ich einmal gern lesen will.)

    Von daher würde ich bei einer so konkreten Frage wie der Hamburger Schulreform wahrscheinlich nicht anfangen, die, die meine Meinung nicht teilen, als unmoralisch zu bezeichnen. (Aber vielleicht liegt es auch nur daran, dass ich selbst keine so klare Meinung habe.) Aber bei einem so grundsätzlichem Punkt wie dem, dass Kinder nicht aufgrund ihrer Herkunft benachteiligt werden sollen, vielleicht schon.

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    George W. Bush ist für mich das perfekte Beispiel von jemandem, der mit sehr viel moralischer Rhetorik daherkommt (Achse des Bösen, Schurkenstaaten), aber von echter Moral keine Ahnung hat, und dazu braucht es m.E. nicht einmal ein besonders verfeinertes oder ausgefeiltes Moralverständnis: Eine platte Lüge zu „Beweisen“ für Massenvernichtungsmitteln kann beim besten Willen nicht moralisch nennen.

    ——–

    Ich muss gestehen, dass ich der Gegenüberstellung von Gesinnungs- und Verantwortungsethik skeptisch gegenüberstehe. Auch Gesinnungsethikern geht es um die Folgen ihrer Handlungen, aber auf andere Weise. (Und ich habe mehr zwar noch keinen Max Weber, aber eine ganze Menge Hannah Arendt gelesen. Sie meint, die Zusammenarbeit mit dem Bösen, konkret mit dem Nazi-Regime, hat nicht zu seiner Zähmung geführt, sondern dazu, dass es noch schlimmer wurde – also auch die Folgen der „Verantwortungsethik waren nicht die gewünschten.)

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    „Dass wir zum Beispiel klar sagen: Rassismus, Sexismus und Elitismus wollen wir gerne vermeiden – das ist nicht unbedingt moralisch. Je nach Kontext ist es nichts als das politische Anliegen, Menschen, die bislang ausgeschlossen sind (nämlich meist genau aufgrund von Normativismen, von (scheinbarer) Moral („die Ausländer nehmen den Deutschen die Arbeitsplätze weg“) und anhand von Gesinnungs-Argumenten) einzuschließen in einen Diskurs. Der Unterschied ist genau der: Politisches Handeln muss eigentlich immer versuchen, so viele Menschen wie möglich mit in den Diskurs einzubeziehen.“

    Hm, daran kann ich vielleicht deutlich machen, dass meine Definition von Moral eine andere ist. Ich halte es auch für eine moralische Forderung, möglichst viele Menschen in den Diskurs miteinzubeziehen. Es ist eine Frage des Respekts und der Anerkennung, und andere Menschen zu respektieren und anzuerkennen ist m.E. nach eine moralische Handlung. „Die Ausländer nehmen uns Deutschen die Arbeitsplätze weg“ ist als erst einmal eine Aussage, die faktisch falsch ist, und zweitens stecken dahinter ein paar ziemlich fragwürdige moralische Annahmen, etwa die, dass die Arbeitsplätze den Deutschen zustehen würden aufgrund ihres Deutschseins. Aber solche Behauptungen kann man auf der moralischen Ebene analysieren und zerlegen.

    Die Zerwürfnisse unter Menschen, deren Ansichten einander verhältnismäßig nahestehen, sind tatsächlich die merkwürdigsten. Meine Theorie: das sind noch Überbleibsel von manchen Formen von Religion, bei denen es auch darum ging, die reine Lehre zu bewahren.

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    Klar sollte man auch Texte von Leuten lesen, denen man nicht zustimmt, und Carl Schmitt steht jetzt auch auf meiner Leseliste, schon damit ich besser weiß, was ich da kritisiere und mich nicht auf Sekundärliteratur beschränken muss. Für mich war es bisher vor allem Morgenthau, den ich gelesen habe – als Pflichtlektüre, aber auch mit Interesse und Neugier – und den ich jetzt doch innerlich habe, und zwar nicht als unmoralisch, sondern als unlogisch, da zirkulär argumentierend. („Politik ist Macht“ erst als Definition und dann als „bahnbrechende“ Erkenntnis – was soll das?)

    ——-

    Mit dem Zitat über Mouffe (aus deiner Hausarbeit?) kann ich etwas anfangen. Wie gesagt, ihr Buch steht ungelesen in meinem Regal. Demokratie bedeutet Auseinandersetzung, bedeutet, dass es unterschiedliche Positionen gibt. (Die gegenwärtige faktische Allparteienkoalition unter Ausschluss der Linken finde ich eher bedenklich und ein Symptom des Sachzwangdenkens, und ich hoffe, dass sie nur einen vorübergehenden Zustand darstellt: Meine Vorstellung ist die, dass nach der FDP sich auch die CDU selbst auflöst und dass dann der Weg frei ist, die Konflikte zwischen der Linken, den Grünen, der SPD und eventuell auch den Piraten ohne die Forderung nach Solidarität gegen die Konservativen voll und ganz auszutragen.)

    Aber ich habe immer noch Zweifel, wie sich eine solche Position auf Carl Schmitt stützen kann. Mein Eindruck (aus zweiter Hand, ich gebe es zu) ist der, dass er Homogenität nach innen fordert, um sich gegen die Feinde im außen zusammenzuschließen – und wer nicht in die Homogenität im Inneren passt, wird zur Ermordung freigegeben. Das hat mit Gegnerschaft innerhalb einer Demokratie nichts zu tun.

    (Das mit den Anführungszeichen tut mir jetzt ein wenig leid. Ich glaube, da sind mir die Pferde durchgegangen. Ich weiß nicht, ob ich ihn wirklich als „böse“ bezeichnen würde, oder ob ich eigentlich nicht eher sagen würde, dass ich sein Position klar ablehne.)

    ——

    „Ich bin eigentlich ein schlechter, böser und grässlicher Mensch. Aber ich möchte von euch lernen, wie ich besser werden kann. Lasst mich mitspielen.“

    Ich kenne das vor allem von Psychogruppen, die dann wirklich etwas sektenhaftiges haben. Ich bin meistens wieder rechtzeitig rausgekommen, aber verunsichert war ich dann doch. Eine Freundin von mir habe ich auch nach einem solchen Wochenende wieder aufbauen müssen – sie ist rechtzeitig geflohen, aber es bedeutete doch, dass sie etwas aufgab (Kinästhesie für Fortgeschrittene), in das sie schon eine ganze Menge investiert hatte, und zwar nicht nur Geld.

    ———

    Orte, wo man davon ausgehen kann, dass alle einen bestimmten Grundkonsens haben, sind auf jeden Fall wichtig, damit man über diesen Grundkonsens hinausgehen kann und weiterdenken kann. Schwierig wird es, wenn man nicht hin und wieder sich aus diesen Gruppen hinausbegibt, und dann vergisst, dass man diesen Grundkonsens begründen muss.

    (Ist mir so gegangen. Während ich in Bremen lebte, war ich praktisch nur unter Menschen unterwegs, für die es selbstverständlich war, dass Homosexualität genauso okay ist wie Heterosexualität. Als ich umgezogen war und nach neuen Leuten suchte, musste ich erst einmal damit umgehen, dass dies nicht für alle Menschen selbstverständlich ist. Ich musste also wieder lernen, diese meine Selbstverständlichkeit zu begründen, oder zumindest kundzutun.)

  5. Wow, Susanna.
    ich kann dir an allen Punkten folgen und glaube, dass wir uns wirklich vor allem an den Definitionen von Begriffen trennen. Und da behandele ich manche Begriffe (wie neben Moral und Verantwortungs- und Gesinnungsethik) vielleicht zu sehr nach dem Prinzip Überspitzung oder Idealtypus, um meinen Punkt klar zu machen. Was dann wiederum zu Ausschlüssen führt. Aber das nehme ich jetzt einfach als okay hin, weil ich merke, dass wir in der Sache offenbar das gleiche Problem sehen und kennen.

    Vielleicht kommen wir ja wirklich am ehesten bei der Unterscheidung zwischen Gegner und Feinde zusammen?

    Mir kamen inzwischen noch einige Gedanken zur eventuellen „Lösung“ der Probleme und ich landete wieder einmal bei Jesper Juul, der ungefähr so argumentiert: wenn zwei Parteien (jetzt nicht nur politische Parteien, sondern zwei Menschen in egal welcher Beziehung) unterschiedliches Wollen, unterschiedliche Ansichten haben, wie etwas geschehen sollte, dann soll jede Partei sagen: „ICH WILL… „. Dann wird wohl keine bekommen, was sie tatsächlich will, aber es wurde einmal klar gemacht und dann geht es ums Verhandeln, was man konkret macht. Wichtig ist, dass dabei keine Entwertungen und Urteile entstehen, die lauten könnten „Du willst…?! Das ist typisch für dich! Immer bist du egoistisch und nie kümmerst du dich um andere.“ oder in der Art.

    Das ist aber ein Respekt-Gebot zwischen zwei Menschen, die zwar Gegner sind, aber in Beziehung bleiben sollten – eine persönliche Beziehung. Auf politischer Ebene ist es eher Kommentkampf, wenn der Brüderle zur SPD sagt, was sie mache sei „Sozialismus“. Das ist dann aber auch alles nur mit dem Anschein von Moral versehen, wenn in Bundestagsdebatten solche Dinge kommen. Wobei: Viele meinen es sicherlich auch wieder ernst.

    …..
    ich mach hier mal aus Zeitgründen einen ersten Schlussstrich. Aber zu ende ist das alles noch nicht. Also für mich. Ich werde mal weiter brüten und vielleicht wird daraus noch eine längere Geschichte.

    Auf jeden Fall verbeuge ich mich für die respektvolle und wertvolle Auseinandersetzung :) das ist toll

    • Danke auch an Dich!

      Gegner und Feinde könnte eine sinnvolle Unterscheidung sein.

      Ich folge dem Twitter-Account von Jesper Juuls Einrichtung @familylab und bin mittlerweile eher genervt, möglicherweise, weil ich lange auf solche „weisen Sprüche“ stand und nicht merkte, dass sie nicht wirklich unterfüttert waren. Seine längeren Texte mag ich aber nach wie vor.

      Nur zweifle ich, ob „ich will“ tatsächlich eine gute Grundlage ist. Ich habe in Seminaren ein bisschen über „Verstängigungsrhetorik“ (oder gewaltfreie Kommunikatioon) gelernt, unter anderem Punkte wie „Ich-Botschaften“, und das scheint mir dieses „Ich will“ zu sein. Ich war auch mal mit einem Sozialpädagogen liiert, und als es kriselte, haben wir uns auch in Ich-Botschaften geübt, was ihn dann doch nicht daran hinderte, manche Eigenschaften von mir als „unnormal“ hinzustellen (wandern oder spazierengehen ohne Landkarte.) Gleichzeitig schrieb ich um die Zeit die Einleitung zu meiner Diss, und meine Betreuerin strich mir alle Formulierung à la „ich sehe das so“ und „ich meine“ und „aus meiner Perspektive“ heraus: Ich solle schreiben „das ist so“, und wer anderer Meinung ist, soll sich streiten.

      Also, ich glaube, dass das, was für eine Liebesbeziehung angemessen ist (rote oder blaue Vorhänge?) nicht wirklich zu politischen Debatten passt.

      Was aber ausbleiben sollte: Persönliche Entwertungen, die den anderen als ganzes treffen.

      Also noch mal, danke.

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