Moralisierung und Abgrenzung

Ich fragte euch neulich, wo für euch das Politische in dieser Digitalen Medienwelt ist. Viel Feedback kam da ja nicht.

Mittlerweile bin ich fast geneigt: Es gibt hier nichts Politisches. Oder: Man muss es mit der Lupe suchen. Politisch ist für mich nämlich nicht, mit anderen heititei zusammen an der heilen Welt zu basteln – ungeachtet der Tatsache, dass es Feinde meiner Ideale gibt. Es heißt für mich: Zu versuchen mich gegen diese Kontrahenten, gegen die Leute, die in meinen Augen gegen meine Ideale handeln, durchzusetzen. HEGEMONIE erlangen wollen. Und ich weiß: Also dieses Wort! He-ge-mo-nie.- böses Wort… O_o

Ich könnte auch behaupten: Die digitale Medienwelt zerstört in ihren momentanen sozialen Auswüchsen das Politische. Ein Indiz dafür sind die florierenden Rage-Accounts auf twitter (ja, ich habe auch einen), wo die Menschen sich dann in einem kleinen, protecteten Millieu noch trauen, auch mal „böse“ Dinge zu sagen. Da ich hier auf ein Problem zu sprechen komme, das eine große Kontroverse auslösen könnte, möchte ich erst einmal definieren, was ich unter „dem Politischen“ verstehe. Angelehnt an Chantal Mouffe, die sich wiederum auf den „bösen“ Carl Schmitt beruft, sehe ich darin die Existenz und die nicht-moralische Austragung von Konflikten. Von Agonismen. Mit nicht-moralisch meine ich, dass es nicht darum geht, auf einer moralischen Ebene zu argumentieren und damit der anderen Meinung komplett die Existenz-Berechtigung zu entziehen, sondern eben darum, politische Auseinandersetzungen zu führen.

„Ich würde tatsächlich behaupten, daß es keine Theorie der Politik im Liberalismus gibt und daß an dem zeitgenössischen, sogenannten politischen, Liberalismus nichts politisch ist, weil er einen Versuch darstellt, die Moral auf die Sphäre des Öffentlichen anzuwenden und einzuführen, was zur Folge hat, daß die Dimension des Konflikts und des Antagonismus in Wahrheit getilgt wird. Dagegen schlage ich vor, den Kampf, der innerhalb einer moralischen demokratischen Gesellschaft vor sich gehen sollte, in Begriffen dessen anzusehen, was ich als agonistischen Pluralismus bezeichne. Ein Pluralismus, der nicht wie im Fall von Rawls oder Habermas in die Privatsphäre abgeschoben wird, damit ein rationaler politischer Konsens in der Sphäre der Öffentlichkeit möglich wird, sondern der anerkennt, daß es für die Menschen sehr wichtig ist, eine Möglichkeit zu besitzen, sich in der öffentlichen Sphäre mit tatsächlich unterschiedlichen Positionen zu identifizieren.“ (Chantal Mouffe; Quelle: episteme.de)

Ich aber habe mittlerweile das Gefühl: Dieses Netz kann vor allem moralisch. Politisch ist irgendwie Mangelware, wurde nicht gelernt oder ist zu anstrengend. Denn politisch agieren bedeutet immer auch, der Haltung des Anderen einen gewissen Respekt einzuräumen, sie ernst zu nehmen, sich mit ihr zu befassen und sie nicht einfach nur mit disqualifizierenden Buzz-Wörtern zu verdammen. Oder sie in den Keller zu schicken, sich gefälligst unöffentlich zu äußern…

Der zweite Grund warum das Netz kein „politisch“ kann, ist dieses ewige Rumgeflausche und Liebgehabe. Ich nehme mich da jetzt mal nicht aus: Es allen Recht machen wollen. Dorobaer und Schmidtlepp. Oder Stephan Urbach und Guttenberg. Das ist wie der fehlende Dislike-Button auf Facebook. „Hallo, ich sehe das komplett anders, als du! Wollen wir das mal in einer hitzigen Diskussion ausbattlen? Hätt ich voll Bock drauf.“ – habe ich fast noch nie gehört. Zuletzt kam so etwas Ähnliches von Christian, der Alles-Evolution-Schreiber. Und ja: ich setze mich gerne mit der „anderen Seite“ auseinander. Das ist nämlich politisch! Aber sofort kam über twitter die Maßregelung, dass ich „mit *dem*“ ernsthaft eine Auseinandersetzung führe – also nä…!

Das ist die neue Netzhygiene: Ich lasse niemanden in mein kleines Flauschi-Paradies, der meine Inhalte infrage stellt. Es ist auch völlig unmöglich, zumindest mancher-internet-orts, noch irgendeinen inhaltlichen Disput zu führen. Die Moralkeule hängt gleich drüber und *boing* hat‘se dich. Denn es gibt mittlerweile ganz schön viele etablierte Tabus. Blabla-ismen überall! Außert sich dann meistens in Ausschlüssen oder Ausschluss-Versuchen, zum Beispiel eine Spackeria, die einen kontroversen Hippie auslädt. Neulich auch: Da fiel in meinem Blog als Kommentar zum China-Blog eines Bekannten von mir, das „Reisbetriebene Roboter“ heißt, innerhalb kürzester Zeit „Rassist“. Rassist, Sexist, Blabla-ist. Und alles ist inakzeptable Kackscheiße. Naming and Blaming. Nicht falsch verstehen: Nichts gegen eine gute und harte politische Glosse. Einen herzhaften Seitenhieb in die Rippe des Gegners. Eine ehrliche Empörung über einen politischen Zustand.

Hab ich alles schon einmal niedergeschrieben: Moralische Entwertung – Debatte tot – aber ich gehe heute noch einen Schritt weiter: Alles moralin, Debatte tot – das bedeutet auf lange Sicht, wenn sich diese Art, in diesem Netz miteinander umzugehen weiter durchsetzt, dass das Politische in diesem Netz keine Zukunft hat. Und in der Tat: Die politischen Kämpfe werden offline ausgetragen. Bei twitter wird geschmust, im parlamentarischen Hinterzimmer geht es heiß her. PolitikerInnen aller Parteien geben sich höchstens noch den Anschein, dass sie ernsthaft so etwas wie einen „Dialog“ mit uns suchen – sowas wie die Youtube-Kanzlerin. Der Anschein aber ist dann auch alles – nach bester machiavellistischer Art.

Natürlich übertreibe ich. Das alles ist maßlos überspitzt und polemisch. Aber es steckt ein ernstes Anliegen, eine echte Sorge dahinter: Es wird keine politische Partizipation für diese Netzgemeinde geben, wenn sie nicht bereit ist, im Zweifel die Flauschosphäre zu verlassen und für ihre Anliegen zu kämpfen. Also richtig. Nicht nur hie und da ne Demo. Ran an den Feind – ja: Feind! Politisch sein heißt, seinen politischen Gegner zu kennen und ihn auch ernst zu nehmen, ihn politisch auseinander nehmen zu wollen, ihn politisch fertig machen zu wollen. Echt jetzt. Klingt schlimm – macht aber sogar Spaß. Es hört halt bloß genau dort auf, Spaß zu machen, wo die ganze Auseinandersetzung dann moralisiert wird. Und wenn ich ehrlich bin schreibe ich das nur deswegen: Weil mich meine eigene Obsession für diese unpolitischen Orte bald um den Verstand bringt. Ich schaffe es nämlich in der Regel absolut nicht, mich davon abzugrenzen, nicht mehr hinzugehen, es einfach zu ignorieren. Davon abgesehen, dass man dieses Naming und Blaming in meinem Blog auslebt, was ich als weiteres Indiz für seine Ausbreitung ansehe.
Das birgt sehr großes Verletzungspotential. Moral ist wichtig, Ethik schön und gut. Dennoch – und ich wiederhole mich jetzt ganz schamlos:

„Das Austragen von Agonismen auf einer politisch-institutionellen Ebene bietet Vorteile gegenüber den Antagonismen, die durch eine Gegnerschaft im Register der Moral geschaffen wird: Gegnerschaft im Politischen und im Rahmen demokratischer Strukturen erhält dieselben und trägt zu deren Stabilität bei. Gegnerschaft auf der Ebene der Moral – folglich eine Deklarierung „absoluter Feinde“, mit denen man nicht reden kann – hingegen verlässt diese politisch-institutionelle Basis und ist dadurch in der Lage, die Demokratie zu untergraben, wodurch sie ihr sogar gefährlich wird.“

20 Kommentare

  1. Christian sagt:

    Schöner Artikel! Ich bin der Auffassung, dass man seine Meinung immer für eine Diskussion offen halten sollte.
    Wer als Poststrukturalist meint, dass es keine Wahrheit, sondern nur Diskurs gibt nimmt hingegen folgerichtig an, das er damit allenfalls Möglichkeiten gibt, den Diskurs zu beherrschen

  2. Benni sagt:

    Das was Du politisch nennst, ist doch eher die institutionalisierte Politik. Politikvermittlung. Klar, die Krise der Vermittler, die das Netz ganz allgemein angestoßen hat, trifft auch hier.

    Ich finde in der ganzen Flauscherei und Shitstormerei schon auch viel politisches, wenn man Politik eben etwas allgemeiner fasst als gesellschaftlichen Verständigungsprozeß, wie wir zusammen leben wollen.

    Die alten Trennungen von Öffentlich und Privat funktionieren heute eben nicht mehr und da muss sich auch und gerade Politik neu erfinden.

  3. susanna sagt:

    Finde, dass du in einigen Punkten recht hast, aber nicht in allen. Ich habe auch den Rückzug in die eigene flauschige Ecke erlebt, wo man sich nur noch mit solchen Leuten umgibt, die ohnehin der eigenen Meinung sind wie man selbst, allerdings mehr im “Fandom” (Livejournal und Dreamwidth) als auf Twitter. Ich bin zu Twitter und wordpress gewechselt, weil ich von dieser Flauschigkeit genug hatte. Vielleicht muss man aber auch Verständnis für Fans haben, die sich einfach nur an Geschichten erfreuen wollen und an einer differenzierten Auseinandersetzung kein Interesse haben.

    Begleitet wird die Flauschigkeit von einer Aggression gegen die, die nicht die eigenen Meinungen teilen, und von einer Neigung, die Meinungen anderer nicht argumentativ auseinander zu nehmen, sondern sie zu beschuldigen, die eigenen Gefühle zu verletzen.

    Ich glaube allerdings, dass du der Moral und moralischen Debatten Unrecht tust, indem du sie nicht gegen ihre Karrikaturen und Schwundformen abgrenzt. In einem Aufsatz von Herlinde Studer-Pauer habe ich die folgende Abgrenzung von Moralisierung und Moral gefunden: “Was hier im Auge zu behalten ist, ist der Unterschied zwwischen Moral und Moralisierung, zwischen der Reflexion of moralische Gründe einerseits und der manipulativen Instrumentalisierung moralischer Begrifflichkeiten und Argumentationsformen für politische und ideologische Zwecke andererseits.” (aus: “Transformationen der Normativität”, S. 79, in Werner Konitzer, Raphael Gross “Moralität des Bösen”, 2009.)

    Ich teile deine Kritik an Verhaltensweisen wie Tabuisierung, Ausschlüssen und Beschimpfungen als “Rassist, Sexist” etc. Das hat nichts mit Moral oder einer moralischen Diskussion zu tun (und auch nicht mit echtem Naming and Shaming, dies müsste nämlich mit Argumenten und Fakten unterfüttert sein), sondern nur mit der Etablierung eines Gut-Böse-Schemas, wo man selbst automatisch auf Seite der Guten steht und dafür sorgt, dass niemand dies in Frage stellt.

    Ich glaube nicht, dass es hilfreich ist, Moral und Politik gegeneinander auszuspielen. Ich glaube, dass Moral durchaus in die Politik gehört. Allerdings sollte dies auf einer differenzierten und argumentativen Ebene geschehen, nicht durch das Etablieren von Gruppen, in denen sich alle gegenseitig gut finden.

  4. Christoph sagt:

    “Es wird keine politische Partizipation für diese Netzgemeinde geben, wenn sie nicht bereit ist, im Zweifel die Flauschosphäre zu verlassen und für ihre Anliegen zu kämpfen.” Welche Anliegen?

    Ist das jetzt ein Wunsch der Konfrontatisonfähigkeit impliziert oder irgendeine Art Zusammenschluss? Wer ist “der Feind”? Wanna say: Wenn es um Diversität der Ansichten geht, wie kann man dann wieder eventuell von verbindenden Elementen ausgehen[, die es doch weil es halt mal so ist geben muss,...?] wollen? Beißt sich da die Katze nicht in den Schwanz?

  5. Wolfgang, der Nichtraucher sagt:

    Hallo Katrin.

    Für mich ist das Internet (Web 2.0 oder was auch immer) eine
    TOTGEBURT.
    Damit meine ich, daß das IN nichts weiter als ein Brand
    beschleuniger für all die guten und die schlechten Eigen-
    schaften der Menschheit sein wird, wobei die schlechten
    bei weitem überwiegen und durch das Netz wie durch ein
    Brennglas besonder gut sichtbar werden und ihre für die
    Menschheit ungünstige Wirkung nun noch vielviel schneller
    und intensiver entfalten können.

    Der Mensch und all sein Streben und Fühlen, seine Ängste,
    Hoffnungen und Sehnsüchte lassen sich nun mal, sollen sie
    glaubhaft und authentisch bleiben, nicht in Zahlen aus-
    drücken. Und schon hakt es mit dem Internet. Geht nicht.
    Kann man nicht ‘downloaden’. Weder kostenlos noch per
    Paypal. Ätsch.

    Genauso verhält es sich mit der Politik, die ja eigentlich
    von Menschen, denen man vertraut, für Menschen gemacht
    werden soll.
    Da spielen Zahlen natürlich eine große Rolle. Aber genau
    deswegen wird die Politik und all ihre Akteure, egal ob
    unten an der Basis oder erst recht ganz oben, einer großen
    Versuchung ausgesetzt.
    Der Versuchung der Manipulation und Beschönigung.
    Das Internet / die digitale Welt helfen dabei nur in sofern,
    als die Verfälschungen und Betrügereien besonders schnell
    und perfekt gelingen und natürlich auch besonders schnell
    aufgedeckt werden. Nichts weiter.
    Was soll das? Wozu der ganze Aufwand? Reine Energiever-
    schwendung.

    Schlussfolgerung:
    Für mich ist Politik in der heute praktizierten Form ein
    Anachronismus. Letztendlich lässt sich doch das gesamte
    Streben der Menschheit auf den simplen Nenner bringen:
    Wir klammern uns an die Hoffnung, dass es sich lohnt um die
    Verbesserung unserer Welt zu kämpfen. Jeder trägt sein
    kleines Stück dazu bei, so gut er eben kann und in der
    Summe wirkt das dann in einem guten Sinne zusammen.
    Ich finde aber, dass das was die meisten Mächtigen darunter
    z.Zt. verstehen, nichts anderes ist als ein eher vom Zufall
    als vom Verstand geleitetes Herumeiern zwischen zwei
    Extremen:

    1) Wir steuern auf die schlimmste Dystopie zu, die man sich
    überhaupt vorstellen kann, z.B. wie in den Romanen ’1984′
    oder gar ‘Fahrenheit 451′ beschrieben.
    oder
    2) Alles wird gut. Irgendwann in naher Zukunft werden die
    Mächtigen dieser Welt ein Einsehen haben, daß ihr Streben
    nach Hegemonie – geschehe es mehr oder weniger verdeckt -
    keine Aussicht auf Erfolg haben kann.

    Für mich ist die menschliche Hoffnung ein Artefakt, das in
    der Psyche durch die Evolution als Teil des Selbsterhal-
    tungstriebs entstanden ist. Das gleiche gilt für die
    Neigung, an (ein) höhere(s) Wesen, z.B. einen Gott zu
    glauben. All das sind durchaus sinnvolle Funktionen des
    menschlichen Gehirns, die uns bis hierher geführt haben.

    ABER NUN IST DIE ZEIT GEKOMMEN, DIESE ANACHRONISMEN
    ABZULEGEN UND SICH AUF DAS WESENTLICHE ZU KONZENTRIEREN:

    Klärung der WIRKLICHEN Bedeutung und Notwendigkeit einiger
    wichtiger Begriffe:

    SOZIAL
    NETZWERK
    POLITIK
    DIGITAL ANALOG
    ENERGIE
    NAHRUNG
    und last but not least
    GELD

    Mit diesen wenigen Begriffen läßt sich die momentane Haupt-
    beschäftigung der Menschheit weitgehend beschreiben.
    Der dazu notwendige Wortschatz ist erschreckend klein.

    Man kann über dieses Thema stundenlang diskutieren und sich
    die Köpfe heiß reden resp. die Finger wund tippen, bis man
    - wenn überhaupt – merkt, daß ein paar immens wichtige
    Begriffe in diesem Themenkreis viel zu selten, schlimmsten-
    falls überhaupt nicht vorkommen:

    NÄHE
    MENSCH
    WÄRME
    FREUNDSCHAFT
    LIEBE
    NÄCHSTENLIEBE

    Die Wertigkeit dieser Begriffe, obwohl sie angeblich das
    Fundament menschlichen Lebens darstellen und ihr Fehlen
    seelische Erkrankungen provoziert, kämpft in unserer
    zunehmend digitalisierten Welt mit einem gravierenden,
    bedrohlichen Problem:

    Sie lässt sich nicht in Zahlen ausdrücken, aber genau die
    sind die unabdingbare Vorraussetzung, um sich in den NETZEN
    und der zunehmend digitalisierten POLITIK
    übertragen / messen / prüfen zu lassen.

    Was nun?

    Vielleicht hilft ja ein weiter entwickelter Datenhelm, der
    die menschliche ANALOGE Sensorik voll übertragbar macht?
    Siehe im Video ‘Projekt Brainstorm’.

    NEIN. Wird nicht funktionieren. Der dazu notwendige Aufwand
    und die dazu notwendige Energie ist nicht bezahlbar.
    Sonst gäbe es das schon längst.

    In Science-Fiction-Filmen wird das Thema schon seit mehreren
    Jahrzehnten ausgiebig behandelt und man findet dabei – wie
    ich finde – erstaunlich fortgeschrittene Varianten einer
    denkbaren Zukunft dieser Menschheit.

    Zwei Beispiele:

    Im StarTrek-Video “First Contact” gibt es eine Szene, in der
    die Figur Jean-Luc Piccard meine Wunschvorstellung von der
    Zukunft der Menschheit – zumindest auf die nächsten 300
    Jahr bezogen – ausdrückt.

    Jean-Luc Piccard zu Lilli: »Die Wirtschaft der Zukunft
    funktioniert ein bisschen anders. Sehen Sie, im 24. Jahr-
    hundert gibt es kein Geld. Der Erwerb von Reichtum ist nicht
    mehr die treibende Kraft in unserem Leben. Wir arbeiten um
    uns selbst zu verbessern und den Rest der Menschheit.«

    Im Film ‘K-PAX – alles ist möglich’ wird dargestellt,
    welchen Stellenwert Familie, Gesetze, Gesetzeshüter und
    Politik im Allgemeinen haben müssen, damit eine Welt wie
    die Erde überhaupt eine langfristige Überlebenschance
    haben kann.

    Prot ist ein Besucher von einem Sternensystem, das viele
    Lichtjahre von der Erde entfernt ist. Sein Planet heißt
    K-PAX und wird von zwei Sonnen erhellt. Da er wie ein
    Mensch aussieht, wird er als Verrückter eingestuft und in
    eine Anstalt eingeliefert. Dort spielt der folgende Dialog,
    in dem er von dem Psychiater Dr. Powell interviewt wird.

    Dr. Powell: »Haben Sie eine Familie auf K-PAX?«

    Prot: »Die Dinge laufen auf K-PAX anders als hier. So etwas
    wie eine Familie gibt es nicht auf K-PAX. Das wäre ein
    Anachronismus, wie übrigens auf den meisten anderen
    Planeten auch.«

    Dr. Powell: »Mit anderen Worten, Sie haben ihre Eltern
    niemals kennengelernt?«

    Prot: »Auf K-PAX wachsen Kinder nicht bei ihren leiblichen
    Eltern auf, sondern bei allen. Sie ziehen umher, lernen von
    dem was und dann von der …«

    Dr. Powell: »Verstehe. Sonst irgend welche sozialen
    Strukturen? Eine Regierung?«

    Prot: »Daran besteht kein Bedarf.«

    Dr. Powell: »Was ist mit Gesetzen?«

    Prot: »Keine Gesetze, keine Gesetzeshüter.«

    Dr. Powell: »Was ist Recht und was Unrecht?«

    Prot: »Das weiß doch jedes Lebewesen im Universum.«

    Dr. Powell: »Aber was ist, wenn jemand etwas Unrechtes
    gemacht hat, zum Beispiel ein Mord oder eine Vergewaltigung?
    Wie würde der bestraft?«

    Prot: »Ich verrate Ihnen was. Ihr Menschen, jedenfalls die
    meisten, leben nach dem Prinzip Auge um Auge, Zahn um Zahn,
    was im ganzen Universum für seine Idiotie bekannt ist.
    Euer Buddha und euer Christus sahen das auch ganz anders.
    Aber niemand hat das groß beachtet, weder die Buddhisten
    noch die Christen. Ihr Menschen … manchmal fällt es schwer
    zu begreifen, wie ihr es soweit geschafft habt.«

    Ich finde, dem ist – zumindest vorerst – nichts hinzuzufügen.
    Ach doch. Ein Satz aus dem SF-Klassiker ‘Contact’ mit
    Jody Foster:
    “Ihr seid interessante Wesen. Eine interessante Mischung.
    Ihr habt die Fähigkeit zu so wunderbaren Träumen und zu so
    grauenvollen Albträumen. Ihr fühlt Euch so allein, so
    isoliert, so verloren. Das seid ihr gar nicht. Es ist so:
    Auf unserer Suche nach allem, was die Leere erträglich
    macht, haben wir bloß eins gefunden. Einander.”

    In diesem Sinne,
    Wolfgang, der Nichtraucher.

  6. heiliger bimbam sagt:

    Das ist die neue Netzhygiene

    es ist denkhygiene nach dem motto: komm mir bloß nicht mit argumenten. und es ist nicht netzspezifisch. die gesamte political correctness fußt darauf.

  7. [...] meinem Kommentar in Katrins Blog habe ich darauf hingewiesen, dass ein Unterschied zwischen Moral und Moralisierung besteht (oder, [...]

  8. [...] The Leftist Elite » Moralisierung und Abgrenzung: Der zweite Grund warum das Netz kein „politisch“ kann, ist dieses ewige Rumgeflausche [...]

  9. Stimme ich im Prinzip zu, aber man sollte auch vor seiner eigenen Tür kehren. Nicht jede Kritik im Netz ist moralische Schmähkritik.

    Ich denke inzwischen übrigens, unser (persönlicher) Konflikt um Schwarzer ist ein typischer Konflikt um Schwarz-Grün bzw. Bündnisse mit Konservativen. Bayenturm q.e.d.

  10. Ich denke, es ist einfach eine Frage der Software. Einer Software, bzw. Praktiken, die noch gefunden/programmiert werden müssen, um den Offline-Diskurs in Online zu überführen – und zwar so, dass er demokratisch und gerecht ist.

  11. lawen4cer sagt:

    “Das ist die neue Netzhygiene: Ich lasse niemanden in mein kleines Flauschi-Paradies, der meine Inhalte infrage stellt.”

    Und das kritisierst DU? Als Mitglied der “Mädchenmannschaft”? Diese Form der Netzhygiene ist dort unter dem Kommando von Nadine L. doch inzwischen gängige Praxis geworden. Und so sehen die “Diskussionen” dort inzwischen auch aus. Spannend wie ein selbstkritischer Beitrag am Pioniernachmittag.

    • Katrin sagt:

      hallo,
      ich bin seit einem jahr kein mitglied der mädchenmannschaft mehr und das aus gründen. vielleicht ist es trotz allem noch nicht bemerkt worden, aber eigentlich bin ich auch öffentlich sichtbar inhaltlich sehr anderer meinung – und ich gebe auch zu, gerade die dortige art des umgangs mit obigem text unter anderem im blick gehabt zu haben (anderes auch).
      von daher…

      • lawen4cer sagt:

        Oh Sorry, das geht aus der Website der Mädchenmannschaft so nicht hervor.

        Übrigens: Im Blog “High on Cliches” gibt es einen aktuellen Beitrag zur Frage der Notwendigkeit von Kommentarrichtlinien und der Schaffung safer spaces. Weil ich es passen fand habe ich dort auf Deinen hiesigen Blogbeitrag hingewiesen und daraus zitiert.

        Mein Kommentar wurde prompt gelöscht.

        https://highoncliches.wordpress.com/2012/02/29/eine-sache-der-sicherheit/

        • Katrin sagt:

          puh. ich kann stolz behaupten, noch keinen Kommentar gelöscht zu haben, der nicht spam war :D aber das kann sich natürlich auch ändern.
          ich handhabe das so: Ich gebe nicht alle kommentare sofort frei, manche erst nach 1-2 Wochen – denn sie würden die Diskussion nicht bereichern. Aber frei gab ich bislang alle. Irgendwann eben.
          Weil es hier aber sowieso sehr zivilisiert und respektvoll zugeht – im großen und ganzen – habe ich die Einstellungen erst vor ein paar Tagen gelockert und wer hier schon kommentiert hat, wird direkt frei geschaltet. Fühlt sich gut an bisher :)

  12. heiliger bimbam sagt:

    Ich denke, es ist einfach eine Frage der Software.

    gut gelacht!

  13. Bimbam, kannst du in deiner Kritik vielleicht konkreter werden? Noch gibt es keine richtige Software, um vernünftig zu debattieren, finde ich. Deswegen ist es natürlich auch eine Frage der Software. (hab ich das nicht so geschrieben?). Natürlich ist das auch individuell. Ich meine damit zB auch, dass man seinen Kommentarbereich so gestaltet (grafisch, design), dass die Kommentare freundlich sind ud dass vernünftig diskutiert wird. Das ist auch Community-management, aber auch Software.

    Natürlich brauchen wir Software, die unsere Kommunikation optimiert. Und, da sei mal eine Bemerkung gestattet – Rage-Accounts sehe ich nicht als sinnvollen Weg bei der Lösung der angesprochenen Probleme. Rage-Accounts erfordern ja zum einen, dass man in Wut dann schnell den Account wechselt. Halte ich für ne Art Persönlichkeits-Abspaltung, die (in tendenzell postprivaten Zeiten) nicht nachhaltig hilfreich ist.

    • Katrin sagt:

      Julia,

      es ist sicher auch eine Frage der Software. aber darum geht es in diesem Text nicht. (und um dich auch nicht (mehr) ;p)

      es geht vielmehr um Mechanismen, die ja auch offline schon da sind und die online – IMHO – noch potenziert werden: Moralisierung die zu Ausgrenzung führt und das – was entscheidend ist! – an Orten, wo es politisch zugehen sollte. Jüngstes Beispiel: Herumhacken auf Julia Schramm. Nicht etwa eine Ausandersetzung mit ihren Inhalten, sondern der Versuch, sie als Person komplett für unmöglich zu erklären. weil sie angeblich diese und jene “bösen” Dinge tut – bei gleichzeitigem Absprechen jeglicher POLITISCHER Kompetenz. und man mag zu ihren Inhalten ja stehen, wie man will: aber seicht und oberflächlich ist das nicht. das hat schon alles irgendwo Tiefgang und die Frau ist klug… (hinzu kommt wohl, dass sie sich typisch “politischer Mann” verhält, was scheinbar ein unglaublicher Affront ist.. aber das ist dann wieder ein anderes, ein Feminismus-Thema!)

      so nochmal zurück: dass solche Leute sich Rage-accs zulegen liegt schlichtweg daran, dass das Netz nicht offen für Sprüche und Äußerungen ist, die nicht in ein gaaaaanz enges normatives Korsett passen. gerade WENN man politisch sein, agieren will, fliegen einem dann Dinge schnell um die Ohren, die man mal gesagt hat. der Kontext wird dann völlig unerheblich! siehe Gauck. siehe Julia Schramm und viele andere. Kennst du das nicht auch, Julia?

      umgekehrt, und jetzt komme ich zu MEINEM ganz persönlichen Problem, steht das “Abgrenzung” oben im Totel dann dafür, wie schwer es sein kann, sich diesem “moralischen Sog” zu entziehen. ich habe ernsthafte Probleme, mich davon abzugrenzen. wegzusehen, es zu ignorieren. es wird mir auch permanent in meine Timeline gespült. und dann fühle ich mich verantwortlich, angesprochen usw.. auch deswegen der Rage-Account: er ist völlig “unpolitisch”, im Sinne von: niemand ist beleidigt, wenn ich ihm da nicht folge. er ist NUR privat und auf der Basis von vertrauen. dieKadda folgt politisch… und muss daher auch die normen-erwartungen eher erfüllen… bla. der Weisheit letzter Schluss ist das mit Sicherheit alles nicht. aber ein Anfang. und nein: ich glaube nicht mehr an diese ubiquitäre des Webs. ich schätze die privaten Räume sehr. und ich schätze es auch sehr, dass andere, die so andere strenge normen haben, als ich, sich abgrenzen und nicht mehr ganz so öffentlich zu mir gespült werden.

  14. Julia Schramm, tja, ich nehme an, das sind die typischen Reaktionen, wenn jemand sagt: ich find Macht ok und ich nehme sie, wenn ich sie haben kann. Ich bekam bezüglich ihr auch schon fragende Mails. Geht wohl gerade ab, ist ja auch bald Bundestagswahl. Das ist aber dann ein frauenpolitisches/feministisches Thema und keines des Netzes.

    Bezüglich der Frage, ob im Netz rummoralisiert wird und eine politische Debatte via Twitter erschwert: Nein, ich stimme dir nicht zu. Gerade aus meiner Erfahhrung kann ich dir sagen: ja es gibt viele Spinner und hier reproduziert sich was von Offline, nämlich dass man die Spinner und ihre Einstellungen schriftlich sehen kann. Nein, man kann sich mit Software (Blocken) und Community-Management (Klare Regeln) davor schützen.

    Ich kann mit 4000 Freunden bei Facebook vernünftig diskutieren. Das frappiert mich immer noch. Wenn ich mit Piraten- oder sonstigen Ragern diskutiere (und ihre Meinungen so sichtbar mache), dann weiß ich vorher, dass es unangenehm wird. Und stelle mich darauf ein, denn es wird jedes Mal wieder unangenehm.

    Ich meine überdies: dislike-Buttons fehlen nicht. Ich mag konstruktives Feedback und finde es sehr gut, dass Facebook das so gestaltet hat. Aber Facebook sollte man eh nicht so als “Raum” für politische Diskussion sehen, finde ich. Nur als Stimmungsbarometer.

  15. [...] hat einen sehr guten Text über das Thema politisches “Handeln im Internet” geschrieben. Das Fazit ist natürlich [...]

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