Von Schubladen und Schubladisierern

Dieser Beitrag erschien in abgeänderter Form als Kolumne auf freitag.de – diese hier ist aber die ursprüngliche (schnoddrigere) Version

Menschen in Schubladen

Es klang wie ein Witz:: Junge Unions-Fraktionäre wollten, dass Menschen ohne Kinder die Sozialsysteme und Bildung in diesem Land stärker finanzieren. Weil sie sonst ja quasi parasitär von jenen Menschen lebten, die sich in Familien und mit kleinen Kindern abrackerten. Dafür soll eine Kinderlosen-Steuer erhoben werden. Während Mitglieder der anti-Intelligentia aka FDP diese Idee als „sozialistisch“ anprangerten, hat inzwischen Kanzlerin Merkel ein Machtwort gesprochen und erklärt, dass es keinen Sinn mache, die Bevölkerung in Kinderlose und Menschen mit Kindern einzuteilen.

Dabei macht es aus Sicht einer politischen Klasse, die immer alle in verschiedene Schubladen sortiert, eigentlich sehr viel Sinn. Es entspricht sozusagen der Denke von Konservativen. Das geht mit dem Elterngeld los. Da unterscheiden wir doch jetzt auch zwischen Menschen mit Arbeit und Menschen, die von Hartz IV leben müssen. Diejenigen, die sowieso schon kaum Geld zum Leben haben, die bekommen nach dieser Logik jetzt noch weniger Geld. Weiter geht das Unterscheiden zwischen Haupt-, Real- und Gymnasial-SchülerInnen – die Guten ins Kröpfchen – oder wie war das? Wir unterscheiden zwischen Verheiratet und Unverheirateten; zwischen Menschen mit und Menschen ohne Staatsangehörigkeit; es gibt die Rechten – die wurden traditionell nicht groß problematisiert; es gibt die Linken – die stehen für Extremismus; – die Liste ist sehr lang. Fehlen darf bei allem natürlich nicht, dass wir sehr regide zwischen Männern und Frauen unterscheiden. Das, liebe Konservative, das lassen wir uns niemals nehmen!

Angela Merkel allerdings war wohl einfach so weise zu erkennen, dass die konservative Praxis der Einteilung der Gesellschaft in verschiedene Klassen, Stände und Schichten schon sehr weit ausgeufert ist. Ihr war klar, dass man dieses Spielchen nicht auf die Spitze treiben darf, weil sonst die Klassifizierung, die Segregation, die Schubladisierung als Ganze am Ende in Frage stehen könnte. Man muss ja maßvoll bleiben, nicht wahr?

(CC BY 2.0; http://www.twitter.com/rvoegtli; http://www.flickr.com/photos/rvoegtli/)

 

Die finanzielle Realität des Sozialen und der Bildung

Halten wir einmal fest: In Deutschland klafft ein Loch in den sozialen Sicherungssystemen und okay: Vielleicht fliegt uns das gesamte Ding irgendwann um die Ohren. Aber vielleicht würde es zum Beispiel dem Gesundheitssystem viel mehr helfen, wenn die Einflussmacht der Pharmalobby begrenzt würde? Aber nein, solche Vorschläge werden dank der CDU schnell „schubladisiert“.
Desweiteren sieht es – das hören wir seit Jahren – mit „unserer Rente“ wirklich nicht gut aus. Wenn Trude-Normalverbraucherin mit mir über diese spricht, dann höre ich meist „… ja, wenn du *überhaupt* mal noch eine kriegst…!“ Klarer Fall, denkt sich da der Wanderwitz – Schuld sind die ganzen Kinderlosen. Die bringen alles zum Wackeln. Keine Kinder, keine Rente.
Ich huste kräftig, ein paar Bröckelchen kommen dabei hoch, denn so viel Doppelmoral lässt mir den Magen sauer werden: War es nicht die CDU, die vor gut zehn Jahren auf den verdammten Niedriglohnsektor setzte, um die Arbeits-Statistiken zu schönen? Tja Leute: Der massive Anstieg der Beschäftigten im Niedriglohnsektor und das massive Problem in den Rentenkassen hängen miteinander zusammen. Dass Menschen, die arbeiten, heute zu einem nicht unerheblichen Teil auch noch mit Hartz IV aufstocken müssen, das verdanken wir euch. Weil ihr mal gedacht habt, das sei dann ja ein super Anreiz, zu arbeiten. Denn: HAUPTSACHE ARBEIT!

Das, was die CDU/FDP als „Bildung“ titulieren, ist a) Aufrechterhaltung des Mythos der Leistungs-Eliten; b) übelste Klientelpolitik überall dort, wo die segragotorischen Elemente des Schulsystems einmal aufgebrochen werden sollen und c) Ökonomisierung ohne Ansehen dessen, was Kinder für das Lernen wirklich brauchen. Es wohl auch kein Zufall, dass aus dem „Bürgerlichen Lager“ auch in Zusammenhang mit skandinavisch-orientierten Werten in der Bildung das Wort „sozialistisch“ genauso empört benutzt wird. Also werde ich entsprechend kritisch beäugen, was ein CDU-Wanderwitz eigentlich für eine „Bildung“ meint, in die er da das Geld von Leuten stecken will, die er für Schmarotzer hält.

Konservative Politik macht kinderlos

Doch damit sei die ganze Debatte nicht beendet. Der größte Witz ist eigentlich, dass die CDU mit ihrer konservativen Politik gut 16 Jahre lang dieses Land so „bewirtschaftet“ hat, dass eine aus den 68er kommende Generation von Menschen mit all den Idealen, die sie hatte, nur zu dem Schluss kommen *konnte*, dass es wohl besser sei, in diesem Land keine Kinder zu kriegen. Muttermythos, 50-er-Jahre Normalarbeitermodell – mit Kohl erlebte all das nichts, außer einer steten Fortführung. Gut, was ab 1998 dann durch rot-grün angeleiert wurde war teilweise ebenfalls großer Bockmist – siehe Hartz IV, und auch die Familienpolitik aka „Gedöns“ war unterentwickelt – aber dass man nach einer Runde von der Leyen’scher Weg-vom-Muttermythos-Politik jetzt wieder solche Flitzpiepen wie Kristina Schröder, eine Herdprämie und eine CSU-Doro-Bär, die engagiert dafür argumentiert (obwohl sie vermutlich komplett anders lebt) ertragen muss… Da versteht man jedeN einzelneN KinderloseN, wenn sie angesichts der deutschen Infrastruktur in der Vorschul- und Schulbildung keine große Lust auf Kinder verspüren. Schwangerschaft gilt deshalb bis heute „hinter vorgehaltener Hand“ als Emanzipationskiller.

Eine Politik, die wirklich kinderfreundlich ist, sieht anders aus. Oder wie ich andernorts vor Jahren bereits feststellte: kinderfeindlich sind in Wahrheit vor allem die Konservativen mit ihrer Politik. Als wäre es ein Versagen der BürgerInnen, wenn die Politik es nicht gebacken bekommt, die Prioritäten in der Haushaltsplanung so zu legen, dass mehr als nur 4 Prozent des BIP für Bildung ausgegeben wird (im Vergleich zu 6-7 % in den skandinavischen Ländern)! Als hinderte irgend etwas die sogenannte „bürgerliche“ Regierung daran, die starken Schultern in diesem Land steuerlich mehr zu belasten, als die schwachen – die ohnehin keine Steuern zahlen. Steuervergünstigungen für Eltern – gibt es ja längst. Dass davon nur Eltern ab einem ganz schön hohen Haushaltseinkommen profitieren, das wird ja auch in der ganzen Debatte unter den Tisch gekehrt. Nein, wahrlich: In diesem Land sind nicht „die Kinderlosen“ der Sand im Getriebe einer zukunftsorientierten Bildungs- und Sozialpolitik. Es sind Parteien, die auch angesichts noch so klammer Haushaltskassen, angesichts noch so maroder Schulgebäude deutschlandweit nichts anderes in Wahlkämpfen zu versprechen in der Lage sind als: Runter mit den Steuern.

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3 Gedanken zu „Von Schubladen und Schubladisierern“

  1. Wenn Du oder ich ein privates Finanzkonzept auflegen würden, dass im Kern so funktioniert, dass jeder Teilnehmer erst jahrelang eine bestimmte Summe einzahlt und dann 3 oder 4 neue „Mitspieler“ finden muss, die dann wiederum einzahlen müssen, damit eine Auszahlung erfogen kann, würde so etwas relativ schnell als klassisches Schneeballsystem enttarnt und eventuell sogar verboten werden. Denn jedes Schneeballsystem läuft sich irgendwann tot.

    Auch unser Rentensystem ist ein solches Schneeballsystem, denn es basiert auf der Idee, dass jede Generation für die nächste „Teilnehmerrunde“ eine höhere Anzahl von „Mitspielern“ zeugen muss, denn 1 Renterner benötigt zur Auszahlung seiner Rente mehrere aktive Einzahler.

  2. @lawen4cer:

    Nee, es basiert auf der Annahme, dass die Alterstruktur einer Bienenstockform folgt. Dafür muss die Geburtenrate aber lediglich auf dem Ersatzniveau von 2,1 Kindern pro Frau gehalten werden. Denn bis die Teilnehmer das Rentenalter erreicht haben, sind ein paar von denn schon gestorben und es kommen ganz automatisch mehr Einzahler auf einen Rentner…

    1. Ups, da ist wohl beim zitieren was schief gegangen…

      Also nochmal…
      lawen4cer schrieb: „[…]denn es basiert auf der Idee, dass jede Generation für die nächste “Teilnehmerrunde” eine höhere Anzahl von “Mitspielern” zeugen muss,[…]

      Meine Antwort dazu:
      Nee, es basiert auf der Annahme, dass die Alterstruktur einer Bienenstockform folgt. Dafür muss die Geburtenrate aber lediglich auf dem Ersatzniveau von 2,1 Kindern pro Frau gehalten werden. Denn bis die Teilnehmer das Rentenalter erreicht haben, sind ein paar von denn schon gestorben und es kommen ganz automatisch mehr Einzahler auf einen Rentner…

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