Feminismus, Sex und Revolution

London, Anfang September 2015. Caitlin Moran wohnt in London. Es ist für mich eine neue Stadt und so steige ich in den Bus, der in genau die andere Richtung fährt. Erst viel zu spät merke ich, was passiert ist, steige in eine Bahn, weil die App das sagt und schreibe Caitlin eine DM auf twitter, dass ich es total verpeilt habe. Sie schreibt sofort zurück, dass ich „armes Ding“ mir keine Sorgen machen solle und als ich ankomme, werde ich erst einmal fest geherzt und in das schöne Haus willkommen. Die Kinder gucken Die Simpsons im Fernsehen, auf dem Klavier steht die „Beatles Complete“-Notensammlung, ich habe die auch und sie fragt mich, ob ich einen Tee will, bevor wir auf die Terrasse gehen, um zu quatschen. Es ist alles, als würde ich zu einer alten Freundin kommen und wir würden wieder einmal über Gott und die Welt quatschen. Wir trinken Tee und sie dreht mir Zigaretten, denn obwohl ich extra noch eine Schachtel besorgt hatte, weil ich ja weiß, dass sie da eine Leidenschaft hat und weil ich auch etwas zurückgeben wollte – die habe ich im Hotel liegen lassen. „Natürlich“, sagt der Mann abends. „Natürlich hast du die liegen lassen.“

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Das Gespräch

Caitlin: Ich muss mich im Voraus entschuldigen: Ich rede sehr schnell und ich fluche eine Menge. Also wenn du das irgendwann transkribierst: ES TUT MIR SEHR LEID!

Katrin: Sie fluchen in Ihrem Buch auch sehr viel…

Ja. Das kommt, wenn man mit so vielen Geschwistern aufwächst und nie zur Schule geht und nie in einem Büro arbeitet. Außerdem sind meine Vorfahren irisch. In Irland flucht einfach jeder und niemand bemerkt, dass er flucht. Das ist einfach Teil des Rhythmus‘ und der Sprache und du versuchst, beim Fluchen so kreativ zu sein, wie es nur geht. Mir war das gar nicht bewusst, bis ich mehr in den Medien war und Leute zu mir sagten: ‚Du kannst im Tagesradio nicht so fluchen, das Wort ‚Fuck‘ geht einfach nicht und ‚cunt‘ auch nicht‘. Und ich sagte ‚Oh fuck, es tut mir leid – oh scheiße, – oh fuck, sorry! Okay‘. Das war das schwierigste, als ich bei der Times anfing: Ich musste einen neuen Weg zu schreiben finden und nun nutze ich eine Menge viktorianische Arten zu fluchen, das ist besser.

Gibt es ein Wörterbuch für viktorianisches Fluchen?

Ich habe viele Romane aus dem 19. Jahrhundert gelesen, das ist eine große Quelle.

Wie ist die Familie dann in Wolverhampton gelandet?

Meine Großeltern sind von Irland nach Liverpool gekommen, mein Großvater wollte Minenarbeiter sein. Sie hatten acht Kinder. Mein Vater ging irgendwann nach Wolverhampton, er war ein Kind der Arbeiterklasse und wurde geboren, als „Wohlfahrt“ in England gerade erfunden wurde. Meine Eltern sind eigentlich Hippies, mein Vater macht Musik und meine Mutter wollte nur den ganzen Tag zuhause sein, Bücher lesen und ihre Kinder unterrichten. Aber Wolverhampton ist kein guter Ort, um ein Hippie zu sein. Sie waren die einzigen Hippies dort.

Leben sie dort immernoch?

Nein, sie sind verdammt nochmal weggezogen! Als ich 18 wurde, zog ich weg, nach London. Es war das Geburtstagsgeschenk meines Vaters, mich nach London zu fahren. Und dann zog die ganze Familie zwei Jahre später nach Brighton, eine wundervolle Hippie-Stadt am Meer, wo ich eine großartige Kindheit hätte haben können. Also danke! Danke, dass ihr gewartet habt bis ich gegangen bin, bevor ihr weggeht!

Aber Ihre Kindheit hat Sie zu dem gemacht, was Sie sind…

Ja, total! Es hat mir total viel Stoff zum Schreiben gebracht! Und ich habe eine Verbindung zu den Leuten. Es war etwas seltsam, als ich Standup-Touren zu ‚How tob e a Woman‘ gemacht habe und die ganzen jungen Mädchen hatten das gelesen und beschlossen, aus meinen Fehlern zu lernen. Deswegen standen sie alle auf und schrien und kreischten, wenn sie mich sahen. Das war so komisch, weil ich ja ganz viel über Marxismus und Feminismus geschrieben hatte und dann kommen die ganzen kreischenden Teenage-Mädchen und rufen ‚Yeah – die Revolution ist da! ‘. Ich erzähle dann immer: Das Leben teilt sich in zwei verschiedene Kategorien: Die einen Dinge sind großartig, wenn sie passieren. Die zweiten Dinge sind schlimm, wenn sie passieren, aber sie verwandeln sich in unglaubliche Anekdoten. Ich kenne durch meinen Job viele Musiker und Schriftsteller und fast alle Leute, die eine schlimme Kindheit hatten, sind heute am Schreiben. Denn das sind deine besten Anekdoten später. You need to live a terrible life bevor you’ve got anything to write. Also: Ich bin heute froh, dass alles so passierte, aber ich würde für keine verfickte Million dahin zurückgehen, Jesus fucking Christ!

Kam aus diesen Erfahrungen mit dem ersten Buch die Idee, ein weiteres Buch für ein Teenage-Publikum zu schreiben?

Als ich anfing den Roman zu schreiben, da merkte ich, dass ich es für ein Teenage-Mädchen schrieb. Die ganze Zeit stellte ich mir vor, wie ich den Arm um sie legte und ihr sagte, dass alles gut werden würde. Am Ende des Buches stellte ich fest: Das Teenage-Mädchen, für das ich dieses Buch schrieb und dem ich sagte, alles werde gut – das war ich. Im Film, den wir drehen werden, machen wir das sichtbar: Mein heutiges Ich wird der Teenage-Johanna erscheinen. Wir setzen einen Wunschtraum vieler Teenage-Mädchen um: Dass dein Ich aus der Zukunft kommt und dir Ratschläge gibt. ‚Schlaf nicht mit diesem Jungen! Schneid dir keinen Pony – das wird dir überhaupt nicht stehen‘.

In Deutschland gibt es viele Kriege innerhalb des Feminismus, vor allem im Netz und einige Freundschaften sind schon darüber zerbrochen…

Es ist hier ganz ähnlich. Einer der Gründe warum ich nach „How to be a woman“ anfing TV-Shows zu machen und diese ganzen Sachen: Du musst Humor reinbringen und du musst ganz nah am Leben sein. Du kannst nicht immer nur wütend sein. Da ist so viel Wut im Netzfeminismus. Das blöde ist: Wenn du im Internet immer wütend bist, hört dir keiner mehr richtig zu. Die hören nur den Ton in deiner Stimme und reagieren selbst mit Wut und dann gibt es eine Menge wütender Leute, die eigentlich auf der selben Seite kämpfen sollten. Gerade auf twitter ist es so schwer, scherzhaft und entspannt zu bleiben. Was man dann immer bedenken sollte: Feminismus ist wirklich sehr jung. Wir hatten zehntausende Jahre Patriarchat und Feminismus ist so jung. Na klar sind wir uns da nicht ständig einig. Und immer wenn Frauen sich nicht einig sind, wird das gleich als Ende des Feminismus ausgelegt. Wenn Männer sich nicht einig sind, ist das einfach ein Gespräch…

Wenn Männer sich streiten, trinken sie hinterher zusammen ein Bier…

Ja genau! Und zweitens ist das Internet noch ziemlich jung. Genauer gesagt ist es ein Kleinkind! Mit allen seinen Verhaltensweisen! Es schreit rum, wird schnell wütend und liebt Fotos von Katzen. Wir müssen erst lernen und aneinander wachsen. Es ist ein bisschen wie mit Frankensteins Monster: Als es zum ersten Mal zum Leben erweckt wurde, marodierte es überall herum und war wirklich gruselig. Wir sind gerade erst am Anfang, ein globales Bewusstsein zu entwickeln, das wird einige Zeit brauchen, aber am Ende vielleicht die neue große menschliche Revolution sein. Ich habe deswegen einen festen Glauben an das Internet. Es wird nicht weggehen.

Und das Buch, das ich morgen fertig geschrieben haben werde, ist ein Buch über die Politik der Zukunft. Es geht viel um das Internet und es sind auch viele Kapitel drin, wie der Feminismus ständig streitet, wie ich das beobachte. Mir geht darum zu gucken, wie wir es ändern können. Ich sage: Hey – das ist Work in Progress. Es heißt noch lange nicht, dass wir die ganze Idee kaputt gemacht haben. Nur weil es grade nicht richtig läuft, verwirft man doch nicht ganze Idee – man muss sich dran machen, es besser zu machen. Du reißt es nicht ab – du baust was Neues! The Internet is infinite! Wir haben so viel Platz jetzt – wir müssen nicht um den Platz kämpfen. Nicht im Internet.

Haben Sie Erfahrungen mit Hass und Wut gegen Ihre Person im Netz gemacht?

Ich habe viele Frauen interviewt und beobachtet, die im Netz öffentlich waren und versucht, aus ihren Fehlern zu lernen. Daher war ich vorbereitet und habe mir überlegt, wie ich mich darstellen werde, damit es anders läuft. Ich werde fast nie wütend und bleibe immer scherzhaft und relaxed. Ich versuche immer vernünftig zu sein. Verglichen mit allen anderen Frauen im Netz bin ich daher sehr glimpflich davongekommen. Nur die sechs Monate nach dem Erscheinen von „How tob e a woman“, als ich ÜBERALL war, da wurde ich sechs Monate lang als rassistisch, transphob, homophob und ableistisch bezeichnet. Obwohl ich explizit zu all dem geschrieben hatte.

Als ich ein Feature zu Lena Dunham gemacht habe, wurde ich darauf hingewiesen zu fragen, warum ‚Girls‘ so rassistisch sei und keine Schwarzen drin vorkämen. Und ich dachte nur: Nee, ich gebe einen Scheiß darauf. Es ist eine Sendung über verkorkste weiße Frauen in New York. Und ich finde es immer total peinlich, wenn weiße Autoren versuchen, Schwarze Charaktere in so einer Art Checklisten-Manier zu entwerfen. Ich habe davon aber auch viel gelernt. Ich lernte, dass Rassismus in den USA eine komplett andere Dimension hat, als hier. Ich habe mich selbst weitergebildet, habe viel über diese Differenzen gelernt und über die Geschichte. Habe Kontakt zu neuen Leuten gesucht und diese Dinge mehr in mein eigenes Schreiben integriert. Es war irre lehrreich! Aber ich denke, es gibt so viele Leute, die nie wieder eine Zeile geschrieben hätten nach diesem Krawall – es macht den Leuten Angst. Deswegen ist das nicht der Weg, Informationen zu verbreiten und Dinge zu ändern. Für mich war es gar nicht schlecht, aber ich habe gesehen, wie eine Menge andere Leute davon zerquetscht wurden. Aber wieder: Eine schreckliche Erfahrung – und du drehst sie zu etwas, aus dem andere lernen können und machst zu einem Teil deiner Arbeit!

Ist das Medium entscheidend? Sind Bücher besser, als etwa Twitter, um ein Anliegen zu vermitteln?

Das Medium ist total wichtig! Ich schreibe zum Beispiel für die ‚Times‘. Das meiste steht dann hinter ein Paywall, was total nervig sein kann, weil es dann niemals so viral geht wie ein Text im Guardian. Aber ich weiß auch, dass es die Zeitung ist, die von hochrangigen Politikern gelesen wird. In meinen Texten nutze ich die Chance, ihnen auch ein bisschen über Marxismus und Feminismus zu erzählen, sowas bekommen die sonst ja nicht. Und in den Büchern wende ich mich eher an junge Leute – genauso mit den Fernsehsendungen. Es ist eigentlich ziemlich großartig, so zu arbeiten und würden Zigaretten keinen Krebs verursachen, wäre mein Leben total perfekt! Eine Tasse Tee neben mir stehen zu haben, zu Rauchen und den ganzen Tag zu schreiben ist meine Vorstellung von absolut fucking Heaven! Schreibblockaden sind mir fremd. Ich denke immer: Verdammt – da sind verdammte tausend Themen, über die gerade niemand schreibt! Oder ich habe einen komplett anderen Ansatz für all die uralten Dinge, über die die ganze Zeit geschrieben wird. Oft denke ich: Aha, das sind also all die Dinge, die getan werden – aber was wird eigentlich alles nicht gemacht? Und das ist ein Kontinent von Dingen, die wir noch nicht getan haben – ein Kontinent von Problemen. Und daher bin ich mir total sicher, dass ich schreiben werde bis ich tot bin! Und das mit Liebe und Freude und nicht rumschreien, sondern optimistisch sein und eine Lösung anbieten. Mein neues Buch ist ein politisches Manifest, mein Moranifest! Es geht darum, wie wir Dinge tun sollten, was für eine Zukunft die Politik hat, wie groß das Potential der Menschheit ist – es war so eine verdammte Freude, das zu schreiben! Der größte Spaß, den ich je hatte.

Spielt das Thema Flucht und Flüchtlinge eine Rolle darin?

Ja, es ist ein großes Thema darin. Ich habe versucht, alle meine Kolumnen dazu zusammen zu packen und klarzumachen, dass wir die größte Veränderung der westlichen Welt seit dem zweiten Weltkrieg vor uns haben. Ich glaube, dass die neue Politik weder links noch rechts sein wird, sondern ein neues Ding. Es ist nicht nur Kapitalismus, nicht nur Wohlfahrt, sondern alles das zusammen. Der zweite Weltkrieg war ein perfektes Beispiel dafür, da war eine riesige Gefahr, wir hatten unglaublichen Druck und alle arbeiteten zusammen, denn es ging um unser Leben, um die Zukunft der freien Welt! Und nun müssen wir realisieren, dass wir einer Bedrohung gegenüberstehen, die genauso groß ist. Das ist das Schicksal der Welt: Wir werden auf massive politische Instabilität auf der ganzen Welt schauen, denn es gibt den Klimawandel und große politische Veränderungen, ein neuer Fundamentalismus steht vor der Tür. Und das sollte genug Bedrohung sein, um unsere verfickten Ärsche hochzukriegen und zusammenzuarbeiten – wir kämpfen für uns selbst! Das ist gerade ein Schlüsselmoment in der Politik. Wir müssen anfangen, Politik komplett anders zu denken. Da ist so viel Erfahrung und Wissen in der Welt, die wir noch nicht eingewoben haben. Wir brauchen so etwas wie eine Wikipedia der Politik, wo all diese neuen Ideen zusammengefügt werden – von rechts und von links – und dann startet man daraus eine neue politische Partei. Im Crash 2008 war es nicht so, dass Leute fragten: Hm, ich weiß auch nicht – sollten wir Austerität durchziehen, oder eher auf Keynesianische Ökonomie setzen? Nein, man hat versucht, so weiter zu machen, wie hundert Jahre zuvor. Man kann sich nicht vorstellen, dass Apple ohne Updates in seinem Betriebssystem auskommen könnte, ständig wird upgedatet, aber es gibt kein einziges Update im Kapitalismus! Kein Update im Staatsdenken! Also müssen wir das Wissen zusammentragen und etwas ändern! Jeden Tag kreieren Millionen von Menschen Informationen – aber die werden nur von zwei großen Firmen genutzt, Google und Facebook, um Werbung zu pushen! Hallo, Jungs! Wir könnten diese Informationen auch viel besser nutzen, um der Menschheit zu helfen!

Es ist eine neue Welle der Grassroots, oder? In Deutschland sehen wir gerade, wie die Leute direkt vor Ort handeln, dort wo sie sind und wo sie etwas tun können. Die Politik hingegen agiert dagegen sehr langsam.

Das britische Parlament ist noch in den Ferien! Die machen gar nichts! Und dann siehst du auf twitter all die Leute, die einfach losorganisieren! Die Leute müssen sich mit dieser Flüchtlingskrise beschäftigen. Denn sie kommt zu jedermanns Haustür. Das müssen wir erstmal akzeptieren. Und dann geht’s los. Die Politik drückt sich vor dem Thema, das hat ideologische Gründe, denn keiner von denen traut sich, über Migration und Klimawandel zu sprechen. Wenn wir jetzt zeigen könnten, dass wir das lösen können, wenn wir auf die sozialen Medien gingen und dort Sachen teilen und organisieren – Schulen, Kirchen und Zelte – wenn wir Systeme und Orte schaffen, an denen wir das tun – könnten wir dann nicht auch den Rest wuppen? Könnten wir nicht ordentlich in die Politik ziehen? – Ich glaube, das könnte eine ziemliche Masse an Leuten aktivieren. Das ist auch die notwendige Reaktion zu kompletter politischer Apathie. Wenn diese Leute nur auf ihren Ärschen sitzen und nix verändern, dann merken die Menschen: Okay, wir müssen uns selbst was überlegen. Und komischerweise ist das eine ziemlich rechte Sache, das ist die rechte Ideologie: Die Leute werden schon selber klarkommen. ABER: Es wird im Interesse der Menschheit geschehen, in einem linken Interesse – es geht darum, denen zu helfen und genug zu geben, die weniger Glück hatten. Das meinte ich damit, dass sich rechts und links vermischen.

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Wollen wir noch ein bisschen über das aktuelle Buch, über ‚All about a girl‘ reden?

Es gab fünf Dinge, die ich mit dem Buch wollte: Um diese Zeit war ‚Fifty Shades of Gray‘ ziemlich groß. Auf der einen Seite war das eine großartige Nachricht. Jedes Geld, das in Bücher gesteckt wird, ist großartig! Und zweitens haben wir Dekaden darauf gewartet, eine Konversation über weibliche Sexualität zu führen. Und dies war der Weg, wie das in die Popkultur kam und eine Millionen Stücke wurden infolge veröffentlicht und wir hatten eine große Debatte über Sexualität. Das war das Gute. Das Schlechte war: Es ist ein verfickt beschissenes Buch. Es ist nicht nur erbärmlich geschrieben – es geht um Sex, der Frauen schadet! Unterwürfigkeit in Beziehungen ist okay. Aber wenn man normalerweise ein Masochist ist, dann bringt man eine entsprechende Geschichte mit und das ist eine der großen Errungenschaften der Menschheit, daraus Spaß zu ziehen! Anastasia Steele hat keine dieser Voraussetzungen. Sie ist überhaupt nicht an sowas interessiert. Sie hat es sich nie selbst gemacht, sie ist eine Jungfrau …

Startet Ihr Buch deswegen mit …

Seite eins! JA!

[Das Buch startet damit, dass die Hauptfigur, Johanna, masturbiert]

Denn was ich immer wieder in der Popkultur entdeckt habe ist das Bild, dass junge Frauen ihre Sexualität entdeckt bekommen – von Männern. Männer tauchen auf und plötzlich haben sie Gefühle an Stellen, die sie nie wahrgenommen hatten! Das lässt sie Dinge denken, die sie nie zuvor gedacht haben! Und er zeigt ihr dann, wo ihre Möse ist und er zeigt ihr, wie man kommt. Als eine, die selbst masturbiert seit sie 13 ist – und das ist auch die Erfahrung fast all meiner Freundinnen, sage ich: Niemand musste uns das zeigen! Niemand brauchte Hilfe dabei zu entdecken, dass es da ist! Du solltest das selbst finden und falls du das noch nicht getan hast – dann musst du! Das ist eine sehr wichtige Schlüsselkompetenz, die du brauchst, um in der Welt sicher zu sein. Deswegen: Seite eins! Sie geht auf keine verfickte Reise und entdeckt dabei Sexualität, nein: Seite eins, Zeile eins: Sie macht es sich selbst! (Haut die Faust energisch auf den Tisch). Wir befassen uns damit gar nicht weiter. Für manche Leute ist das der ganze Plot, aber nein: Wir haken das hier ab. Und lasst uns jetzt mit dem Buch loslegen! Es geht um Autos und Armut und Ziele und Helden und wie sie dein Leben ändern, es darum, wo man Informationen herbekommt und um die Konstruktion eines Ichs. Und das Ich machst du natürlich erstmal falsch, also wirfst du es wieder über den Haufen und fängst neu an und dann wieder und wieder und wieder – für den Rest deines Lebens. Wenn du ein Teenager bist, ist das dein Job. Darum hast du so unglaublich viel Energie, darum bist du geil, darum gehst du aus, darum brauchst du kaum Schlaf, darum willst du die Welt auffressen! Kapiere, dass du dein bestes Hobby bist – insbesondere als Mädchen! Konstruiere dich selbst bewusst, achte auf die Stimme in deinem Kopf, achte darauf, dass es eine dir freundlich gesinnte Stimme ist und keine Stimme, die entweder Eltern, die Gesellschaft oder Bullies darstellt. Kümmere dich darum, dass du mit einer freundlichen Stimme sprichst. Dass es keine Stimme eines Mannes ist, der dich benutzt. Da ist diese Stelle, wo sie Sex hat und sich nur fragt, was er fühlt – so viele Frauen, die ich kenne, haben das gemacht und ich auch, als ich jünger war! Das ist der Kern, warum so viele Frauen am Arsch sind. Warum sie sich haltlos fühlen und nicht wissen, wer sie sind.

Es gibt eine Sache in Ihrem Buch, die für deutsche Leser bestimmt seltsam ist: Sie sind nicht zur Schule gegangen. Wir haben bei uns eine Schulpflicht.

Gibt es gar keinen Hausunterricht??

Nein.

Wirklich??

Nein. Also vielleicht könnten Sie einmal erzählen, wie es Ihnen geholfen hat und was vielleicht schwierig daran war.

Ja. Also das Gute ist, dass es eine Erziehung ist, die das Kind leitet. Sicher gibt es viele Wege, das zu tun, manche machen den Job auch, wie er in der Schule gemacht wird. Andere machen alles zu einer Lernerfahrung, gehen in den Wald und unterrichten ihre Kinder über die Natur und die Geschichte. So haben meine Eltern das nicht gemacht. Sie haben uns einfach aus der Schule genommen und das war’s. Wir saßen nur rum, spielten Zeug, guckten Fernsehen und waren echt faul. Das nennt man den ‚Entschulungs-Prozess‘, da geht man etwa ein Jahr durch und denkt einfach: Ich werde hier gar nichts machen, ich muss ja nicht – yay! Es sind Ferien! Und dann wird dir sehr sehr langweilig. Und du nervst deine Eltern total ‚mir ist so langweilig, Mann!‘ und dann fragen sie dich: ‚Willst du zurück in die Schule??‘ und du sagst ‚NEIN!!‘. Und sie sagen ‚dann fuck off und mach irgendwas anderes.‘ Und langsam fängst du an, auf deine eigenen Interessen zu hören. Und du fängst an, dich selbst zu bilden und dafür hast du unendliche Zeit. Du vergisst dich um all die Dinge zu kümmern, die dich nicht interessieren – was einerseits gut ist, andererseits schlecht, ich glaube aber, dass es angesichts der modernen Ökonomie gut ist. Und du spezialisierst dich einfach sehr früh für das, was deine Leidenschaft weckt. Also in Mathe bin ich schrecklich schlecht, aber ich bin super in Englisch und wurde schon früh Autorin. In all den echten Wissenschaften habe ich keine verfickte Ahnung. Ich habe ein geekiges Interesse daran – alles was ich weiß, ist aus ‚Doctor Who‘ und ‚Battlestar Galactica‘. Es heißt also, dass du eines Kindes natürliches Interesse, von etwas besessen zu werden, nutzt. Die Schule, auf die meine Kinder gehen ist auch sehr von den Kindern geleitet. Wir haben den Ort mit den wenigsten Hausaufgaben ausgesucht. So dass sie, wenn sie nachhause kommen, ihren Leidenschaften folgen. Meine Tochter hat sich selbst beigebracht Klavier zu spielen und manchmal sitzt sie da zehn Stunden an einem Tag. Meine andere Tochter hat sich selbst beigebracht, wie man Filme bearbeitet und produziert erstaunliche Filme! Und sie designt Dinge und ist besessen von verschiedenen Schriftarten… Man muss seine Kinder nie zwingen, etwas zu tun. Die sind schlicht begeistert davon, gebildet zu werden! Das ist die gute Seite. Der Grund, dass ist so früh als Autorin erfolgreich wurde, ist, dass ich mich selbst gebildet habe und ich habe angefangen Bücher zu schreiben, als ich 13 Jahre alt war, weil ich so verfickt gelangweilt war! Die negative Seite ist, dass du sozial komplett am Arsch bist. Du bist nicht normal! Und du wirst niemals normal sein!

Aber wer will schon normal sein? – Na gut, man will normal sein, wenn man ein Kind ist…

Der Punkt ist, dass du einfach keine Ahnung von sozialen Situationen hast. Ich habe lange gebraucht, meine sozialen Ängste zu überwinden. Das ist, was dir alle, die zuhause beschult wurden, erzählen. Und du bist natürlich sehr viel mehr in deine Familie eingetaucht. Zum Glück hatten wir keine missbrauchenden, kranken, fundamentalistischen oder religiös-fundamentalistischen Eltern! Aber wenn du solche hast und die lassen dich nicht aus dem Haus… Dann hast du keine Zuflucht da draußen…

Das ist auch der Grund, warum Leute in Deutschland so auf die Schulpflicht pochen.

Aber ich denke, das ist auch für die Konstruktion der Gesellschaft? Nach dem Motto: Wir halten das alles zusammen und stellen sicher, dass jeder die gleiche Bildung hat?

In meinen Augen ist das auch sehr viel: Lasst uns sicherstellen, dass wir Kinder haben, die hinterher für den Arbeitsmarkt und den Kapitalismus möglichst nutzbar sind.

Ich denke, Bildung muss sich ändern. Die Art, wie Kinder unterrichtet werden ist für Jobs, die es so gar nicht mehr gibt. Immer mehr werden zum Beispiel in der IT Kinder besessen werden. Wenn Bill Gates sich nicht vor allem in das gestürzt hätte, was seine Leidenschaft ist… Es wird gut für die Wirtschaft sein, wenn die Kinder viel mehr nach ihren Leidenschaften gehen und sich da besessen reinhängen. Und es würde sicher auch die explodierenden Kosten für psychische Behandlungen senken. Die Statistiken explodieren überall in Europa: Kinder sind unter Stress, sind psychisch belastet, haben Angststörungen und müssen behandelt werden. Weil sie sich immer um ihre Ergebnisse sorgen. Sie sind so eingepfercht. Mit Social Media obendrauf analysieren sie sich die ganze Zeit selbst und lassen nie los, verlieren sich nie in etwas. Gegen die Kostenexplosion in der psychischen Medizin und für die ökonomische Zukunft ist es unerlässlich, Bildung zu ändern. Was wir momentan machen fußt auf den Standards in der viktorianischen Industrialisierung. Und wir trainieren zukünftige Sachbearbeiter und Fabrikarbeiter und andere Jobs, die verschwinden. Also: ich würde meine Kinder nicht aus der Schule nehmen, denn ich möchte, dass sie Freunde haben und sich normal fühlen können. Aber ich habe die Schule gewählt, die dem Hausunterricht am ähnlichsten ist.

Die Art, wie Sie in Ihrem Buch über die Eltern schreiben – Sie sagen ja am Anfang des Buches, dass es nicht Ihre Eltern sind – die könnte einige Leute ärgern, weil es sehr stereotyp wirkt. Das ist die Arbeiterklasse und sie lassen ihre Kinder vor dem Fernseher rumsitzen und geben ihnen schreckliches Essen.

Ja, das ist all das Ungesunde von damals, über das ich nun schreibe. Aber: Da ist aber auch ein Vater, der versucht, Musiker zu sein und der sich seiner Herkunft und der Geschichte der Arbeiterbewegung total bewusst ist. Was heutzutage wirklich verloren gegangen ist. Es ist einfach meine Wahrheit. Und wenn das stereotyp ist …

Es ist auch ein bisschen meine Wahrheit…

(lacht laut)

Ich kam mittags aus der Schule und setzte mich vor den Fernseher und nicht selten hatte ich mir Tiefkühlpizza oder Tütensuppe zu Essen gemacht.

Ja, das ist eben der Deal. Arbeiterkinder mussten das schon immer tun. Ihre Eltern sind zu beschäftigt und haben keine Zeit. Aber Arbeiterkinder sind auch robuster und tendieren dazu, erfinderisch zu sein. Sie haben mehr Antrieb und tun Dinge einfach. Mittelklassekinder gehen zur Universität und wissen oft nicht, wie man kocht und trauen sich nicht auf die Straße und sagen ‚Mami hat immer für mich gekocht! ‘. Arbeiterkinder gehen zur Universität und wissen, wie sie sich um selbst zu kümmern haben. Ja gut, ich war auch immer eine Optimistin, ich hatte immer den Vorteil, positiv zu denken. Und heute ist es mir sehr wichtig, dass ich meine Kinder mit einem Bewusstsein für Klassen erziehe, dass sie wissen, dass sie eine Arbeiterklasse-Herkunft haben. Ich will nicht, dass sie ‚Middleclass Fuck‘ werden. Die sollen bloß nicht denken, dass sie alle Probleme mit einem Anruf lösen können. Manche lernen, dass sie nur ihren Papa anrufen müssen und der regelt alles. Meine lernen, dass sie ihre eigenen Probleme selbst lösen. Und es gibt so wenige Arbeiterkinder in der heutigen Literatur, die sich wacker schlagen und so selten wird die Arbeiterklasse als Vorteil angesehen. Am Ende des Buches ist deswegen auch mein großer Klassenkampf-Rant.

Das ist das gute an Fiktion, oder? Dass man den Kampf nochmal führen und bravourös gewinnen kann?

Ja! Und das ist der Grund, warum man diese Mittelklasse und die Männer immer als die Gewinner sieht, als Leute die Kontrolle haben, denn sie schreiben die Bücher und die Filme, in denen sie die Gewinner sind. Sie gehen zurück und schreiben die Geschichte um und werden die Gewinner und zeigen sich als glorreich. Aber die Arbeiterklasse kriegt seltener diese Chance. Und wenn wir mehr in die Medien gehen, dann schreiben wir unsere Geschichte um und sind nun genauso brillant. Und ich will gar nicht den Mittelklasse Leuten ihre Karriere nehmen – ich will sie nur den Arbeiterkindern auch geben, die sollen auch zeigen, dass sie brillant sind! Weil es dann auch viel mehr Spaß macht! Wir hätten mehr brillante Schauspielerinnen, mehr brillante Geschichten und alles wäre sehr viel bunter und vielfältiger. Das ist die große Chance des Internets, weil Leute einfach hingehen und ihre Geschichten reinstellen, sie machen dort ihre eigenen Filme. So vieles, was ich retweete, sind crowdgefundete Sachen oder Kids, die einfach ihr Ding machen. Mit der Technologie, die man im iPhone hat, kann man so viel machen…

Aber nicht jeder kann sich ein iPhone leisten.

Ja, aber jeder kennt jemanden, von dem man eins leihen kann. Oder man klaut halt eins. Für die Sache! Für die Kunst! Und dann bringst du es später dahin zurück, wo du es gefunden hast. Aber die Technologie erlaubt es uns, dass wir nun alle senden. Wir haben all diese Youtube-Stars. Und die sprechen über ganz viele soziale Dinge. Über Angst, über psychische Krankheiten, LGBT-Rechte. Sie starten einfach und machen immer mehr und mehr und so wird das weitergehen. Sie machen jetzt oder bald Fernseh-Verträge, Film-Verträge. Wenn das System dich nicht reinlässt – tja, es war immer schon so, dass die Leute dann Wege gesucht und gefunden haben, wie sie reinkommen.

Ich las, dass Sie vorhaben, mehr mit diesem Mädchen anzustellen.

Ja. Das war der erste Teil einer Trilogie. Hoffentlich nächste Woche werde ich anfangen, den zweiten Teil zu schreiben, wenn ich heute hoffentlich mein Moranifest fertig geschrieben habe. Und dann mache ich das Film-Skript nächste Woche fertig. Und dann starte ich direkt mit dem zweiten Buch. Es ist so ein SPASS! „How to build a girl“ ist das Arbeitermädchen, das aus Nichts kommt. Das zweite Buch ist „How tob e famous“. Sie geht nach London und geht in die Kreativszene, sieht wie Film geht, sieht wie Medien gehen und wie Fame geht. Im ersten Buch geht es darum, dass sie schlechten Sex hat. Die einzige, die sie kommen lässt, ist sie selbst. Und in diesem Buch geht es los, dass sie und John zusammenkommen und es wird sich alles um großartiges Ficken drehen. Ich will unbedingt großartige Pornografie schreiben! Unsere gesellschaftliche Sexualität dreht sich nur um Ärsche und Titten. Ich finde, wir sollten Männern beibringen, wie man fickt – Frauen sollten Männern beibringen, wie man fickt. Denn wir sind viel komplexer! Also sagt SIE: Tu dies, tu das. – Wir sind komplexe Maschinen! WIR sollten die sein, die sagen, wo es langgeht. Wir können die ganze Nacht kommen. Wir haben eine viel bessere Phantasie. Wir sind fast schon cineastisch! Wir sind trippig und psychedelisch! Ich will all das aufschreiben!

Sie sind ein bisschen sexistisch…

(Lacht sehr laut und winkt mit breiter Geste ab) Das können die ab! Und die profitieren doch total! Sie werden eine verfickte Menge Scheiß lernen – das wird eine total lustige, inspirierende, wunderschöne Pornografie! Im dritten Buch treffen wir Johanna 20 Jahre später, also heute, und sie fangen an, eine politische Partei zu gründen, schreiben ein politisches Manifest und fangen an, all die Ideen zusammenzubringen. Dieses Mädchen, dass aus dem Nichts kam, wird also ihren Weg durch ihr Leben gegangen sein und sich sagen: Ich könnte das doch tun: Ich könnte die nächste Premierministerin werden! Ich will eine Anleitung für Jungs und Mädchen haben, die zeigt: Dieses Mädchen hatte nicht den richtigen Hintergrund, sie hatte nicht die richtige Bildung, nicht die Connections – aber wenn du clever bist, und wenn du hart arbeitetest und denkst, dass du Dinge kannst und denkst, die sonst keiner kann und denkt, dann ist das vermutlich auch so! Hör auf die Stimme in deinem Kopf! Es ist wie mit Batman – er war der Held, den Gotham niemals wollte, aber verdammt nochmal gebraucht hat! Und so ist es mit uns, mit Arbeiterklasse-Frauen, LGBTI-Menschen, allen möglichen Minderheiten – wir sind die Helden, die Gotham niemals wollte, aber verdammt nochmal braucht! Alle Minderheiten zusammen sind die Mehrheit! Und sie haben Milliarden über Milliarden Brainpower – das bringen wir zusammen.

 

 

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2 Gedanken zu „Feminismus, Sex und Revolution“

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