Gelesen: „Tussikratie“ von Friederike Knüpling und Theresa Bäuerlein

Tussikratie? Was soll das denn sein? Auf dem Einband des Buches steht es hinten drauf, was das sein soll. Verkürzt und etwas provokativ:

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1. pseudofeministische, eigentlich aber sexistische Diskursherrschaft
2. Weltbild, in dem Männer a) das traurige Beiwerk oder b) übermächtige Gegner sind
3. Verschleierung von Klassendifferenzen als Frauenproblem

Was dem Buch wahrscheinlich am allermeisten schadet, ist das Feindbild, das die Autorinnen konstruiert haben. Es prangt vom Titel, der Teaser, vermutlich nicht von ihnen, lässt schlimmstes vermuten. Frau Dingens mutmaßte in ihrem Stern-Blog, die „Tussi“, das sei eben die Feministin. Das ist aber falsch, was sie hätte wissen können, hätte sie das Buch auch gelesen, über das sie schrieb.

Am Anfang tat ich mich selbst schwer mit dem Feindbild. Das Vorwort war für mich nicht leicht zu lesen, denn dort definieren sie dieses Feindbild genauer aus und ich bin eigentlich immer eher geneigt, in der Sache zu debattieren und nicht entlang eines Feindes – der in diesem Fall ja auch noch konstruiert ist.

Aber im Laufe des Lesens merkte ich, was damit bezweckt wird: Die „Tussi“ ist nur das Konstrastmittel, mit dem die Geschwüre in den Gedärmen der Gesellschaft sichtbar gemacht werden. Das wird deutlich, wenn sie im Laufe des Buches immer seltener auftaucht, weil die Autorinnen an der Sache diskutieren und die gesellschaftliche Lage beleuchten – aber eben doch immer wieder nötig um darauf hinzuweisen, dass die „Tussi“-Argumente, die ja real existieren, in der Debatte nicht zu der Lösung des Problems führen, sondern schlimmstenfalls nur neue Probleme eröffnen. Die „Tussi“ ist für mich daher eher so ein Weberscher Idealtypus, den es so natürlich in Reinform gar nicht gibt, der aber dazu führt, dass Verschwommenes differenziert werden, diskutierbar gemacht werden kann.

Im Großen und Ganzen bin ich dann ganz bei den beiden Autorinnen, aber das ist auch kein Wunder, denn ich gelte eh als „männerfreundliche“ Feministin und dieser Titel ist nicht nett gemeint. Aber ich nehme ihn als „nett“, denn ich finde das kein Vergehen.

Kommen wir zu ein paar inhaltlichen Ausschnitten aus dem Buch, angefangen mit dem Kapitel: „Gehirnpop. Was uns die Natur (nicht) über Männer und Frauen lehrt“ von Theresa Bäuerlein.
Mit Neurobiologie beschäftige ich mich selbst seit vielen Jahren. Ich habe drei Jahre lang Biologie studiert und deswegen geht mir das Verständnis dafür nicht ab. Die Autorinnen wagen sich auch auf das Gebiet und haben sich Mühe gemacht, den aktuellen Stand der Debatte wiederzugeben. Heraus kam unter anderem, dass Männer- und Frauenhirne derzeit nicht gleich sind – eine Erkenntnis, die in die Sozialwissenschaften oft nicht hineingelassen wird. Der Satz „Die Unterschiede zwischen den Geschlechtern lassen sich zwar teilweise verallgemeinern – aber nur im Durchschnitt“ ist ein Volltreffer. Ich war einmal zu Gast in einem Vortrag von Manfred Spitzer zu genau diesem Thema und er differenzierte gut, dass bestimmte Verhaltensweisen nachweislich durch den Stereotype Threat erzeugt werden und andere wohl eher angeboren sein müssten. Am Ende fragte ich ihn, was er denke: Ob auch dann, wenn alle Kinder gleich aufgezogen und keine geschlechtergetrennten Rollenstereotype mehr vermittelt würden, ob dann nicht vielleicht die Unterschiede in den Erwachsenen-Gehirnen anders ausfallen könnten. Seine ehrliche Antwort: „Das kann man nicht wissen.“
Das trifft auch etwa die Erkenntnisse von Lise Eliot, die ich in „Tussikratie“ zum ersten Mal traf – ein wichtiger Lesetipp, der an mir trotz Faible für Neurodiskurse zu dem Thema bislang vorbeigegangen war. Danke! „Etwas muss also in der Zeit der Heranwachsens passieren, das die Gräben zwischen den Geschlechtern aufreißen lässt“, denkt Theresa Bäuerlein und hier einzugestehen, dass wir nicht genau wissen, *was* von diesem Etwas Nature ist, und was Nurture – das ist so schwer, für Biologie wie für Gender Studies. Dabei wäre es so wichtig zu sagen: Wir wissen es nicht, wir *können* es noch nicht wissen. Auch weil man damit wieder mehr Möglichkeiten schafft, mehr Freiräume und weniger Vergnatztheit.

Das Kapitel „Wer zieht in Barbies Traumhaus. Von Freiheit, die sich nach freiem Fall anfühlt und Gräben, die schon im Kindergarten gezogen werden.“ geht weiter um die Sozialisation entlang von Geschlechterstereotypen. Handelt darüber hinaus aber auch davon, was daraus für die spätere Berufswahl folgt. Es ist ein klassisch feministisches „Ding“, die Abwertung der „Frauenberufe“ zu beklagen. Spannend fand ich aber den Dreh von Bäuerlein, den ich so noch nicht wirklich zu Ende gedacht habe (es war eher so ein Verdacht, der reifte): Dass wir Frauen anfangen, die „Frauenberufe“ selbst gleich mit abzuwerten, wenn wir fordern, dass jetzt mal die Männer da ran müssten. Das ist ein sehr wichtiger Hinweis. Und das ist auch ein gutes Beispiel, an dem man verdeutlichen kann, was „Tussikratie“ will: Es will hinter die Diskurse blicken und wissen, ob das typische „Frauenargument“ zu einer bestimmten Thematik eigentlich logisch und hilfreich ist. Erst gestern las ich im Guardian „Motherhood has become a Olympic Sport“ und kann nicht anders, als zu fragen: Woran liegt das denn? Weil Frauen heute von der Gesellschaft so böse unter Druck gesetzt werden, und von Männern komplett allein gelassen mit den Aufgaben der Kindererziehung? – Ja, das war einmal das Hauptargument, aber das ist im Aufweichen. Der Guardian-Artikel behandelt den Fall Ayelet Waldman, die 2005 einmal gewagt hatte zu behaupten, dass sie ihren Mann mehr liebt, als ihre Kinder. Shitstorm! Drohungen! Wütende Mailfluten! Heute steht sie da und sagt, es sei ein irrwitziger Wettbewerb geworden, zwischen Müttern und wer von ihnen die beste sei. Das beste Kind, die besten selbstgenähten Kleidchen, die besten Kuchen zum Basar in der Schule – die größte Selbstaufopferung. Der Witz ist: Das ist nicht nur ein Frauen- oder Mütterproblem. In „Allein unter Müttern“ beschreibt Tillman Bendikowski, wie jeder Mensch, der sich um Kinder kümmert, in so einen Strudel gerät. Er beschreibt, was viele in der Debatte nicht sehen wollen: Es sind die Frauen selbst, die diesen massiven Druck aufbauen und den Wettbewerb ausrufen. Sie führen das Regiment. Und ich kenne einige Väter, die in die Sache einzustimmen beginnen, wenn sie selbst sich auch mehr um den Nachwuchs kümmern. Es ist keine Frage des Geschlechts, es gibt dahinter eine Ebene, die mit anderen Prämissen diesen Druck und Wahnsinn erzeugt: Der gesellschaftliche Wettbewerb, der schon bei kleinen Kindern anfängt und der Eltern irrwitzig handeln lässt (lesenswert dazu der Artikel von Friederike Haupt in der FAZ über Eltern, die meinen, ihr Kind sei hochbegabt).

Zurück zum Buch und kommen wir zum Kapitel „Zu eng gezirkelt. Über die Gemeinsamkeiten von Frauenzirkeln und Old Boys Network und (tatsächlich!) Anti-Harassment-Strategien“ von Friederike Knüpling: Interessant fand ich es, Lisa kennen zu lernen, die von einem Ladies Lunch berichtet, bei dem die Frauen sich allesamt einig waren, dass sie Opfer sind und dass man unbedingt dafür sorgen müsse, dass sie einen Ausgleich erfuhren. Etwa Erleichterungen bei der Doktorarbeit, was auf Lisa sehr befremdlich wirkte. Allerdings muss ich hier einwerfen, dass ich durchaus auch andere, differenziertere Ladies Lunche kennen gelernt habe (zum Beispiel bei der Heinrich-Böll-Stiftung). Solche, in denen nicht mehr schematisch gedacht wird: Frauen müssen selbstständig sein – deswegen Karriere machen – deswegen pauschal alle Erleichterungen bekommen, etwa bei der Doktorarbeit, weil sie alleinerziehende Mütter sind. Damit will ich überhaupt nicht kleinreden, dass ich finde, dass Alleinerziehende Mütter und ihre Sorgen und Probleme, die Hürden, die sich vor ihnen aufbauen, kein wichtiger Indikator für die Missstände in der Gesellschaft sind. Aber sie sind eben genau das: Ein Indikator für Missstände, die viele Gruppen betreffen und nicht nur Frauen, sondern auch Männer. Nur trifft es die Alleinerziehenden oftmals am schlimmsten.

Im Kapitel „Wer will hier der Boss sein? Über Karriere-Wünsche, die zur hohlen Form werden und Glück, das sich nicht beziffern lässt“ geht unter anderem um Sheryl Sandberg… ich habe ihr Buch ja gelesen und ich bin auch grundsätzlich der Meinung, dass es wichtig ist und dass es seine Berechtigung hat, um Einblick in das zu gewinnen, was in großen Unternehmen, Startups und Milliardenfirmen wie Facebook eigentlich läuft, wie dort der Wind weht und wie man sich dort anzupassen hat, um weiterzukommen. Sie beschreibt das alles wunderbar und akkurat und ihr toller Tipp, eben einfach den „richtigen“ Mann zu heiraten, nämlich den, der zuhause bei den Kindern bleibt, zeigt eigentlich auch schon automatisch auf die Grenzen ihrer Thesen und Ratschläge. Sicher muss eine neue Arbeitswelt gedacht werden, in der nicht nur die glücklich und erfolgreich sind, die es lieben, sich für ihren Job zu verausgaben, sondern in der andere Lebensmodelle gleichwertig lebbar sind, ohne an der Armutsgrenze zu leben. Das ist es auch, was Friederike Knüpling fordert. Ich denke, dass sehr viele Menschen – unabhängig von ihrem Geschlecht – anfangen dies zu denken, zu fordern und selbst zu leben. Aber wir stehen natürlich noch am Anfang der Entwicklung. Das ist auch der Punkt von Friederike Knüpling, die statt der ständigen Karrierefrage einmal die Frage nach Glück und dem guten Leben in den Raum wirft, wie viele das von Antje Schrupp schon kennen. Und das ist auch gut so!

Sehr witzig fand ich Theresas Auseinandersetzung mit den Verhütungsfragen im Kapitel „Quadrillionen aggressiver Spermien. Wie die Pille vom Freiheitsmittel zur Verpflichtung wurde, und warum Männer angeblich selbst schuld sind, wenn sie Sex haben“. Auch hier wieder: Ein klassisches feministisches Thema, das schon X Mal durchgesprochen wurde, aber ein neuer Dreh. Ich musste sehr über die „Pharma“-Macker von Julia Seeliger lachen, die als das enttarnt werden, was sie sind: Eine leicht absurde Verschwörungstheorie (an die Julia nach eigenen Angaben aber auch nicht wirklich glaubt; sie hat sich von den Aussagen in diesem Text distanziert). Aber: Dass es die Pille für den Mann nicht gibt, bleibt natürlich seltsam. Sicherlich muss eins sich deswegen nicht gleich die große Verschwörung gegen die Frauen ausdenken. Dass es vor allem die Frauen sind, die sich ohne groß nachzufragen, die Pille einwerfen, wird eben nicht mit erwähnt, wenn die Männer gebasht werden, weil sie keinen Markt für eine Spritze schaffen wollen. Dass es die Frauen sind, die konsumieren und damit den Markt für die Pille einfach konkurrenzlos bleiben lassen – wen kümmern diese Details? Sicher: Es mag den Mann geben, der Druck auf eine Frau ausübt, weil er Kondome findet wie „Streicheln mit Gummihandschuhen“ (die Worte eines Freundes von Theresa). Aber dann hat man mit solchen eben keinen Sex. Theresa Bäuerlein erklärt gleich mit dazu, dass und wie das geht, wenn es sein muss.

Die Porno-Debatte ist in meinen Augen im Kapitel „Wer hat Angst vor Porno“ auch sehr gut dargestellt gewesen. Auch wenn ich selbst doch meistens sehr viel kritischere Worte dafür finde, was dort passiert. Aber das liegt auch an persönlichen Erlebnissen. Man ist in seiner Perspektive einfach zu sehr durch seine eigenen Erfahrungen geprägt, und ich bin eben durch meine Erfahrungen ein eher verklemmter Mensch. Allerdings bei großer Aufgeschlossenheit für Unverklemmte.
Es geht für mich bei Pornographie nicht in erster Linie darum, dass alles falsch sei was dargestellt wird. Es geht mir vielmehr darum, dass scheinbar nichts anderes dargestellt wird, dass soviel Fantasie und so viele Möglichkeiten und Zwischentöne einfach verloren gehen. Es geht mir nicht darum Dinge die im Pornofilm bislang typischerweise und zu 90 % dargestellt wurden, zu verbieten oder schlecht zu reden. Ein Blowjob hat eine Daseinsberechtigung. Aber genauso hat der Cunnilingus eine Daseinsberechtigung. Den einen sehen wir tausendfach, den anderen müssen wir mit der Lupe suchen gehen und genau das ist das Problem. Es ist oft so, das nicht dass das Problem ist, was wir sehen und was vorhanden ist. Sondern die Probleme entstehen mit den Lücken, die nicht gefüllt werden. So entsteht eine Einseitigkeit, die nicht der Realität gerecht werden kann und damit gleichzeitig eine neue Realität schafft. Ich habe nichts dagegen, wenn es Pornos gibt in denen Frauen untergeordnet zu Männern sind. Denn ich weiß, dass dies eine völlig „normale“ Facette weiblicher Sexualität ist. Ich weiß, dass sich viele Frauen danach sehnen, hart angefasst und eben nicht auf Augenhöhe behandelt zu werden, denn im sexuellen leben viele Menschen – wie Theresa das sehr treffend nennt – das Testen von Grenzen aus. Sex ist oft das lustvolle Erleben von Grenzerfahrungen. Somit gehören viele der Spielarten von Sex, die von früheren Generationen von Feministinnen als pure Gewalt und oder Propaganda von Gewalt an Frauen angesehen wurde, für mich zu einem legitimen Repertoir an sexuellen Spielarten. Ich hätte schlichtweg gerne, dass neben diesen einem typischen Weg Pornographie zu betreiben, auch andere auf der Bildfläche erscheinen und zwar in größeren Zahlen und viel selbstverständlicher, als es bislang der Fall ist.

Das soll erst einmal an Einblick in das Buch genügen, denn sonst ufert mein Text schnell aus. Es wäre schön, wenn das Buch eine Debatte auslösen könnte. Es wäre schön, wenn sich möglichst viele Leute nicht vom Titel abschrecken ließen. Titel sind Schall und Rauch – wir kennen das von „Wir Alphamädchen“ und ich erinnere mich gut, wie schnell damals viele ihr Urteil bildeten, ohne das Buch auch nur angerührt zu haben. Wie oft es mit dem zeitgleich erschienenen „Neue Deutsche Mädchen“ durcheinandergeschmissen wurde.

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Ich wünsche den Autorinnen eine dicke Haut. Ihre Fragen sind wichtig und richtig gestellt.
Es ist ein bisschen, wie bei Willi Wiberg, ein Kinderbuch, das ich sehr liebe und das meine Kinder regelmäßig vorgelesen bekommen: Es gibt da eine Geschichte, die hat den Titel „Willi Wiberg spielt doch nicht mit Mädchen“, denn kleine Jungen, die das tun, werden von den anderen Jungen ausgelacht. „Mädchen sind nämlich blöd und feige und…“ heißt es da. „Ja, sie sagen so manches über die Mädchen. Was die *Mädchen* von Jungen halten, hören sie nicht mal, weil sie so laut schreien.“
Auf twitter schreien sie auch immer alle sehr laut und hören deswegen sehr wenig…

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29 commentaires sur “Gelesen: „Tussikratie“ von Friederike Knüpling und Theresa Bäuerlein

  1. Auf SZ kann man lesen, auf welche Weise den Autorinnen die „Wahlfreiheit“ wichtig ist, ich sehe dies als Zeichen für eine politische Haltung.

    1) Dieses Mal geht es nicht „Jung gegen Alt“, sondern konservativ gegen linksfeministisch. (wenn es um die Sache geht bei dieser Debatte, das wäre noch offen. Artikel wie der auf SpOn lassen daran zweifeln, aber mal sehen)

    2) im Kern richten sich die Autorinnen gegen die „Karriere-Barbie“. Ich versteh dies so, dass die ungelöste Frage der Doppelbelastung Karriere & Care aufgenommen wird – möglicherweise ungewollt – und dass dies einen Teil des Beifalls für das Buch erklärt.

    3) Die vielfach im Zusammenhang mit dem Buch gemachte Behauptung, der Feminismus sei immer weniger fassbar, zweifle ich an. Wenn die Debatte nicht von Konservativen bestimmt wird, dann wird sich dieses Mal vermutlich zeigen, dass Debatten gar nicht so postmodern sind, wie immer behauptet wird.

  2. Da ich das Buch (noch) nicht gelesen habe, nur zwei Dinge angemerkt:

    a) Ich stolpere im Abschnitt, der sich um die Neurobiologie dreht. Mir ist nicht ganz klar, was „Gleichheit“ mit „Gleichberechtigung“ zu tun hat, denn es geht um Letzteres! Natürlich sind Frau und Mann nicht gleich im biologischen Sinne, das spielt m.E. bei der Frage nach der Gleichberechtigung auch keine Rolle. Wir sind Menschen, das ist die entscheidende Gemeinsamkeit, uns als solche sollten wir sowohl Männer als auch Frauen behandeln. Fertig.

    b) Den Wettbewerb unter Müttern, der mir als Mutter natürlich nicht fremd ist, in eine Feminismus-Debatte einfließen und unter „Tussikratie“ laufen zu lassen, empfinde ich als steile These. Darauf muss man erst mal kommen.

    Abgesehen davon weiß ich nicht, was Sie mir sagen wollen, ich lese aus Ihrem Beitrag ein Selbstgespräch; Gedanken, die Sie zum Thema bewegen. Und nun?

    • Hallo und willkommen im Blog,

      zu 1.) es gibt eine sehr große Debatte und weitrechende Infragestellung der neurobiologischen Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Von Evolutionsbiologen, die alles in den Genen und damit auch im Gehirn (beeinflusst vor allem durch Hormone wie Testosteron und Oestrogen) begründet sehen, bis Gender Studies, die all das für ein reines Konstrukt halten.
      die Debatte *muss* man nicht führen, man kann mit dem Satz „zuallererst sind wir wohl alle Menschen“ seinen Standpunkt festmachen. Aber in der Regel ist es doch so, dass man die Geschlechterdebatte nicht ohne eine Stellungnahme dazu führen kann. das ist meine Erfahrung.

      ich begrüße aber grundsätzlich diese Herangehensweise. natürlich sind wir Menschen und alle Menschen verdienen den gleichen Respekt – wozu auch gehört, nicht mit Vorurteilen überflutet zu werden.

      zu 2.) es ging mir darum, dass meist eine reine „Mütterdebatte“ eröffnet wird, dabei ist das große Konkurrenz-Denken eine Elterndebatte. bei gleichsam aktiven Eltern – Mutter und Vater – spielt das Geschlecht bei der Frage, wie viel Druck man erfährt, keine Rolle. er ist da und wenn man daraus eine Mütterdebatte macht und diesd feministisch einordnet, dann werden Väter unsichtbar gemacht, die auch darunter leiden. Das ist der Punkt: es macht hier keinen größeren Sinn, es als reine „Mutterdebatte“ zu führen und unter dem Label „Feminismus“, wie es der Guardian tut. Der Vater meiner Kinder zB spürt wesentlich mehr Druck, als ich.

      ich hoffe, ich konnte ein wenig Klärung bringen. ansonsten gerne nachfragen.

      viele Grüße
      Katrin

      • Hallo Katrin,
        Dankeschön für die Antworten; ja, das erklärt so manches. Noch einmal ja, dieser Wettbewerb unter Müttern ist in Wahrheit einer unter Eltern, dem ich mich (auch das war ein Prozess) inzwischen komplett verweigere. Ich bin lösungsorientiert, d.h. gucken wir doch einfach, was aus den Kindern der kompetitiven Eltern so wird. :-)
        Meine letzte Frage wurde mit der Leseempfehlung ebenfalls beantwortet, doch ich bin unschlüssig. Was ich bisher drüber las, ließ mich eher den Kopf schütteln. Aber gut. Ich überlege noch …
        Grüße aus Köln.

    • ach ja, was will ich sagen: ich will sagen, dass es sich lohnt, das Buch zu lesen. Im Feminismus geht es viel um die Aufmerksamkeit für Doppelstandards und das Buch deckt viele Doppelstandards auf, die in einer Geschlechterdebatte entstanden sind, die sich manchmal verrannt hat.
      ich dass aus meinem Text eine Art Selbstgespräch geworden ist, liegt daran, dass das Buch bei mir sehr viele eigene Gedanken zu den Themen erzeugt hat, ein weiteres Plus wie ich finde – für jedes Buch.

      schöne Grüße
      Katrin

    • ja – lesen kann man es schon.
      missionieren will ich aber nicht. ich denke, dass es ein kluger Debattenbeitrag sein könnte. ich kann nicht behaupten, sehr viel neues gelernt zu haben. Aber: Es könnte ein Buch sein, dass bestimmte Themen und Probleme an Leute bringt, die sich bislang damit noch nicht befasst haben. Und das wäre eigentlich eine super Sache… deswegen wird es wohl auch so vermarktet: etwas schrill, etwas arg provokativ… und das kommt ja auch wirklich gar nicht schlecht an.
      Mir war es wichtig, einfach aufzuschreiben, was ich dazu denke. weil ich den Eindruck habe, dass viel ungerechte Prügel gerade auf die Autorinnen eingehen und weil ich immer lieber an Inhalten arbeite, als an Vorurteilen entlang.

  3. Sind Sie wirklich Feministin? Sie scheinen mir ein clevere Person zu sein, deshalb zweifle ich ob Sie tatsächlich Feministin sind. Dazu musste ich Ihnen beim durchlesen sehr oft zustimmen. Und ich bin wirklich ein echter Anti-Feminist.

    Wieso schreiben Sie nicht eigentlich für ein paar Zeitungen? Sie argumentieren um einiges logischer als diese Witzfiguren die dort rumlaufen.

    • Weil sie clever ist, ist sie Feministin.

      Aber sie ist eben nicht nur Feministin, sondern hat einen deutlich weiteren Gesichtskreis! Das ist es, was ich an ihr besonders mag.

      • Niemand der eine eigennützige Ideologie verfolgt, die sich über Menschen stellt, absichtlich Big Lies konstruiert und tatsächlich versucht damit zu unterdrücken, hat einen „erweiterten Gesichtskreis“. Allein schon die Annahme eines solchen zeigt das Gedankengut auf.

    • ich weiß jetzt auch nicht, was ich sagen soll. vielleicht einfach mal in den Lila Podcast reinhören – oder zum kompletten Einstieg in den CRE zu Feminismus, der links in der Sidebar verlinkt ist. Vielleicht ist danach alles nicht mehr so schwarz-weiß….

      ich schreibe übrigens für den Freitag, wo ich fast vier Jahre lang eine eigene Genderkolumne hatte (haben Sie bestimmt nicht gelesen, weil „Gender“ ;)) und seit gut einem Jahr ein Blog bei der FAZ und hin und wieder auch mal ein Artikelchen. Anfang März sogar zu Feminismus – ist aber nicht online.

      Ich würde mich freuen, wenn Sie sich noch ein wenig mehr überraschen ließen :) deswegen danke für das Feedback

      • Doch, seit diesem #Aufschrei lese ich öfter Sachen über Feminismus und Gender. Das hat mich ja zum Anti-Feministen gemacht. Vorher war ich dem Feminismus wohlgesonnen, auch wenn einige Vertreterinnen ziemlich nervten, habe ich den Feminismus an sich nie in Frage gestellt. Doch jetzt weiss ich es besser.
        Die eine hälfte der Feministen halte ich für Vollidioten, die andere für Gauner. Sie sind nun wirklich eine Ausnahme.

    • Ich finde den Beitrag eigentlich ganz gut.

      Feminismus in der heutigen so ausgeprägten Form halte ich aber für alles andere als unterstützenswert.

      Halte derzeit mich hier an dem Kommentar von Jean Dean auf.

      Vielleicht kann ich meine Haltung mit dem kürzlich auf Youtube veröffentlichten Beitrag eines ersten Interviews von Paul Elam (AVoiceForMen) einer Interviewserie von Janet Bloomfield (aka JudgyBitch) bis hin zur Mens Rights Koferenz in Detroit deutlich machen.

      Sehenswert.

  4. Ich kann mir nicht helfen, aber bei mir hat das Buch bereits mit dem Titel endgültig verloren. Feministinnen (und seien diese noch so idealtypisch gezeichnet für den jeweiligen Debattenzweck) als „Tussies“ zu bezeichnen, das beißt sich bei mir mit meiner Grundwahrnehmung.

    Wobei ich den Gedanken, dass bestimmte feministische Richtungen etwas sehr Rigides an sich haben, nicht zuletzt auch in Richtung der Frauen, nicht unbedingt als fernliegend einstufe. Trotzdem mag ich das unter dieser Überschrift („Tussikratie“) einfach nicht diskutieren.

    Darüber komme ich einfach nicht hinweg.

    • es ist aber nirgends die Rede davon, dass die Feministinnen gleich Tussis seien. das ist es ja. auch wenn alle das so verstehen (wollen?). nein. es wurde ein eigenes Wort geschaffen, um eben nicht herzugehen und alle Feministinnen um einen Kamm zu kehren und darüber hinaus sagen sie im Buch auch, dass auch in ihnen selbst ein Tussi-Anteil sei. Daher sehe ich das wirklich eher als Idealtypus. Aber gut.
      Andererseits macht es mir verständlich, warum so viel Ablehnung passiert – wenn selbst du über den Titel nicht hinweg kommst.
      Bin mir auch unsicher, in wie weit das Feindbild so clever war. Im Vorwort wirkt das alles sehr abschreckend. Ich hab mich wirklich selbst auch überwinden müssen, weiterzulesen, nur um zu merken, dass da zwei Menschen schreiben, denen ich bis auf Details größtenteils zustimmen kann.

      Was mich momentan etwas beschäftigt, ist die Frage nach dem Debattenbeitrag. Also gestern erst, als ich diesen Blogbeitrag schrieb und mich dabei daran erinnerte, dass es bei „Wir Alphamädchen“ auch viel Gebashe gab (und das war vor der großen Zeit von twitter, ich frage mich, wie die Reaktionen heute auf das exakt gleiche Buch aussähen) – das löste bei mir die Frage aus, was gegenüber „Wir Alphamädchen“ jetzt der große „Gewinn“ sein soll. und… naja. ich habe noch keine Antwort für mich gefunden.

      Ich würde den Autorinnen aber prinzipiell – auch wegen ein paar Entscheidenden Nebensätzen im Buch – unterstellen, dass sie nicht grundsätzlich abgeneigt wären, den Feminismusbegriff zu erhalten… keine Ahnung. ich weiß, dass es bei „Wir Alphamädchen“ ein Kampf mit dem Verlag war, dass auf dem Cover „Feminismus“ steht. Ich weiß, wie solche Bücher lektoriert und vermarktungstechnisch aufgestellt werden… deswegen bin ich immer sehr sehr vorsichtig, mich von irgendwelchen Titel abschrecken zu lassen.

      Aber ich will niemanden missionieren. Man kann auch sehr gut „Wir Alphamädchen“ lesen und dazu „How to be Woman“ und hat vielleicht gar nicht so viel verpasst…

    • Muss man zu allem etwas sagen? Ich habe das Buch gelesen – Frau Shehadeh nicht. Aber auch wenn sie es gelesen hätte: ich kann gut damit leben, wenn Menschen andere Meinungen haben. Es lebe der Pluralismus.

  5. Sexualitätsdiskurse, nicht unwichtig. Nachfrage hierzu:

    Ich weiß, dass sich viele Frauen danach sehnen, hart angefasst und eben nicht auf Augenhöhe behandelt zu werden, denn im sexuellen leben viele Menschen – wie Theresa das sehr treffend nennt – das Testen von Grenzen aus. Sex ist oft das lustvolle Erleben von Grenzerfahrungen. Somit gehören viele der Spielarten von Sex, die von früheren Generationen von Feministinnen als pure Gewalt und oder Propaganda von Gewalt an Frauen angesehen wurde, für mich zu einem legitimen Repertoir an sexuellen Spielarten.

    Ich finde, hier sollte man konkreter werden. „gerne hart angefasst werden“ – ist das deine Sprache? Dies wäre zu reflektieren.

    Bezüglich Pornografie bin ich auf der Seite von Dietmar Dath: Mainstreampornografie treibt Phantasielosigkeit voran. Ich bin gegen ein Verbot, weil ich dies rechtspolitisch bzw. netzpolitisch nicht will.

    Ich finde, wenn man derart mainstreamig den „sexistischen Normalzustand“ re-affirmiert, so sollte man seine doppelte Verneinung nachvollziehbar machen. Sprich: erklären, warum man „Nein“ zum formalisierten Sex der Anti-Rape-Culture-Feministinnen sagt – aber eben das „Nein“ zum phantasie- und lieblosen Sex des sexistischen Normalzustands.

    Ich kenne eine Menge Männer, denen diese Art von Sex, wo sie Frauen „hart anpacken“ sollen, langweilig ist. Auch so genannte „Macker“. Die gehen dann zu Prostituierten, um zu bekommen, was sie sich wünschen.

    • Naja, Kathrin erklärt das doch: sie hält die Bezeichnung sexistisch für diesen Normalzustand offenbar für nich angemessen, weil sie in der Sexualität weibliche (und männliche) Agentur erkennt, im Gegensatz zu den Feministinnen, die hier nur vermeintlich unterdrückende Strukturen zu erkennen vermögen.

      Der letzte Absatz ist doch eine wunderbare Bestätigung genau der These, daß hier individuelles Begehren wichtiger ist als vermeintliche Struktur: Manche/Viele Frauen wollen gerne hart angefasst werden, während manche Männer dann Girlfriend Sex bei Prostitutierten suchen.

  6. Interessant, dann ist das Buch doch besser als sein Titel. Allerdings glaube ich nicht, dass der Titel hier nur Schall und Rauch ist. Er soll vermutlich ganz bewusst eine Anti-Feministische Leserschaft begeistern und wird genau deshalb keine echte Diskussion auslösen können. Wir, die wir dem Feminismus positiv gegenüberstehen, werden das Buch zum größten Teil nicht lesen. Anti-FeministInnen werden es mit dem Feindbild im Kopf lesen und deshalb nicht erkennen, dass vieles gar nicht so kontrovers ist.

    Zum Beispiel der Satz, „Es sind die Frauen selbst, die diesen massiven Druck aufbauen“, dürfte niemanden Überraschen, die oder der sich mit strukturellen Phänomenen beschäftigt hat. Selbstverständlich wird struktureller Sexismus nicht von Männern auf Frauen ausgeübt, sondern ergibt sich im gesellschaftlichen Zusammenspiel auch dort wo Frauen oder Männer größtenteils unter sich sind.

    Auch dass wir über Nature vs. Nurture keine abschließende Aussage machen können. Dass wir schlicht nicht wissen können, wie viele Unterschiede zwischen Frauen und Männern angeboren und wie viele erworben sind, halte ich für weder neu noch überraschend.

  7. Ich halte das Buch für verdammt klug. Und das liegt meines Erachtens daran, daß es etwas ist, was die meisten Feministischen/Maskulinistischen Diskurse nicht sind: dialektisch. Es bemüht sich, von der ersten bis zur letzten Seite, die starre Gegenüberstellung der Dichotomie Frauen / Männer aufzulösen.

    Deshalb gefiel mir auch das Kapitel „Krampf der Geschlechter“, in dem Freiderike Knüpling über ihre Erfahrungen als Boxerin berichtet, am allerbesten. Denn hier werden in schönem Wechsel These und Antithese gegeneinandergestellt, ohne sich in einem wohlgefälligen einerseits / andererseits aufzulösen.

    Knüpling hat geboxt – war also in einem „Männer“-Sport aktiv. Das ist aus feministischer Sicht eine gute Sache, denn damit löste sie Rollenklischees auf. Das hätte sie aber, wie sie schreibt, nicht gemacht, wenn sie in der Frage „genderbewußt“ gewesen wäre: Denn das Wissen um die mögliche Diskriminierung in einem „Männer“-Sport hätte sie wahrscheinlich davon abgehalten. Das ist die erste Volte: Sie konnte sich nur „feministisch“ verhalten, weil sie die feministischen Diskurse ignorierte.

    Dann aber berichtet sie von den realen Diskriminierungen, die sie erfahren hat – in der Sprache, beim Sparring… Dagegen setzt sie den (späteren) Besuch beim Berliner Boxgirls-Projekt, wo Mädchen/Frauen in einem „mädchenfreundlichen Umfeld“ trainieren können. Das ist, wie sie schreibt, eine durchaus gute Sache. Oder auch nicht: Denn damit wird wiederum zementiert, daß Boxen ein „Männer“-Sport ist, wenn die Frauen einen eigenen Schutzraum brauchen, um diesen Sport zu betreiben.

    Und so weiter. Das Ping-Pong der Argumente und Überlegungen in diesem Kapitel führt dann dazu, daß einem zwar während der Lektüre das Hirn schwurbelt, man am Ende aber mit einem differenzierten Begriff herausgeht, der sich der Eindeutigkeit eines entweder – oder verweigert, ohne an Präzision zu verlieren.

    Was dieses Kapitel macht, ist exemplarisch für das komplette Buch, auch wenn es nicht überall ganz so präzise ist. Im Gesamtzusammenhang ist das einfach klasse. Und scheiß auf den Titel…

    • @AlterBolschewik (Teil 1)

      Dein Eindruck trügt – in diesem Buch gibt es weder Dialektik, noch historischen Materialismus.
      Es ist die Fortsetzung eines bloß revidierten feministischen Selbstgesprächs und um die genaue Benennung der Ursachen für den Positionswechsel wird ein großer Bogen gemacht.

      Du schreibst dazu treffend: „Das ist die erste Volte: Sie konnte sich nur “feministisch” verhalten, weil sie die feministischen Diskurse ignorierte.“

      Und jetzt im Kontrast dazu deine Aussage aus dem ersten Absatz, das Buch bemühe sich: „die starre Gegenüberstellung der Dichotomie Frauen / Männer aufzulösen.“

      Die starre Gegenüberstellung von Mann und Frau als Klassenverhältnis, in dem Mann = Bourgeois und Frau = Proletariat ist der Ideologie des *radikalen Feminismus* eigen. Damit wird ein Kollektivsubjekt „Frau“ behauptet, in welchem keine Differenzen und differierenden Interessen nach sozialen Positionen existieren.
      Der Glauben an ein Dominanzverhältnis (male dominance vs. female submission) zieht sich durch die *gender studies*, die sich nicht damit begnügen festzustellen, dies oder jenes Verhalten sei „männlich“ oder „weiblich“ konnotiert, sondern dieses Verhalten in ein Hierarchiesystem einbauen, welches wiederum die Existenz des Dominanzverhältnisses „beweist“.
      D.h. sie schreiben die Dichotomien des radikalen Feminismus nur fort. Und – ironisch, jedoch zwangsläufig – werden genau damit die Geschlechterstereotype reproduziert, die diese vorgeblich auflösen wollen.
      Diese Diskurse waren und sind in eine feministische Politik eingebettet, die aus der „wissenschaftlichen“ Feststellung kollektiver weiblicher „Opferschaft“ ein moralisches Kapital generiert, welches wiederum Forderungen für das Kollektivsubjekt an die Gesellschaft generiert, die sich in bare Münze umsetzen lassen. Und genau deshalb gibt es diese – samt den Stellvertreterinnen, die für das Kollektivsubjekt Frau (als Opfer der Verhältnisse) sprechen.

      Das sind die *realen*, tautologischen Voraussetzungen dieses Buches in Sachen Feminismus in knappen Worten.
      Es sind also Kollateralschäden immer noch aktueller *feministischer* (!!! nicht gesellschaftlicher) Diskurse, von denen sie sich abgrenzen, ohne jedoch klar Ross und Reiterin zu nennen.

      Gerade an ihrem Begriff der „Tussikratie“, den sie aus der Figur der Kleistschen Thusnelda in der „Hermannsschlacht“ gewonnen haben wollen lässt sich das ironischerweise nachweisen.
      Ihre „Lesart“ beruht auf einem feministischen layer von Literatur, welches Opferdasein von „Frau“ in einen Text hineinliest, in dem faktisch das komplette Gegenteil steht – ich kann jederzeit beweisen, dass diese „Lesart“ wissentlich und willentlich *falsch* ist.
      Sie lesen hinein, was sie hinauslesen *wollen*: die Frau als Kollektivopfer von Männerherrschaft.

      Dies ist damit eine rein rhetorische Volte: *aktuelle* politische Positionen und politische INTERESSEN werden in eine scheinbare Vorzeit transferiert (Thusnelda, Kleist). Von diesen so historisierten Positionen kann man sich als damit „unmoderne“ Positionen leichthin abgrenzen – und rehabilitiert diese zugleich als historisch notwendig.
      Vermieden wird damit also eine theoretische Auseinandersetzung.
      Die nächste Volte ist, diese Theorie und die politischen Positionen und politischen Interessen zu personalisieren als „Tussi“, als „Big Sister“.
      Von denen man immerhin einräumt, sie „gingen durch uns alle“ oder „steckten in uns allen“ – was ein Farce ist, denn damit wird ein WIR konstruiert, das nicht existiert und nie existiert hat.

      • (Teil 2)

        Damit kommen wir zu ihrer (peinlich vermiedenen) Auseinandersetzung mit dem Maskulismus – ich bin übrigens Linksmaskulist.

        Der offene Brief „Liebe Männer“ dokumentiert wunderschön, dass auch der revidierte (Neo- oder Neoneo-) Feminismus die Diskursherrschaft über das Geschlechterverhältnis beizubehalten gedenkt und keineswegs eine offene Auseinandersetzung sucht.
        Dazu hat Lucas Schoppe auf seinem „mantau“-Blog in seiner Rezension des Buches eigentlich alles gesagt.

        Was mich richtig ärgert – und was er nur zartfühlend andeutet – ist, dass das gesamte Buch erkennbar eine Auseinandersetzung mit Thesen und Theorien von Warren Farrell, Christoph Kucklick und Arne Hoffman ist – die aber nicht die Ehre haben wörtlich zitiert und in den Quellen genannt zu werden.
        Und die Jahre, bzw. und Jahrzehnte *vor* den Autorinnen – aus männlicher Perspektive – genau das Gleiche gesagt haben.

        Ich zähle ersatzweise ihre Werke hier auf:

        1. Warren Farrell: „The Myth of Male Power“ (1993)
        2. Arne Hoffmann: „Sind Frauen bessere Menschen?“ (2001)
        3. Christoph Kucklick: „Das unmoralische Geschlecht“ (2008)

        Dass in diesem Brief an „die“ Männer das Schweigen „der“ Männer beklagt wird, jedoch „sprechende Männer“ (=Maskulisten) aus dem Diskurs offensichtlich und explizit ausgeschlossen werden sollen kann ich nur als Hohn auffassen. Und es scheint Trend der Zeit zu sein, dass Frauen „neue“ Debattenbeiträge liefern, die lediglich die weibliche und oder feministische Verwurstung dieser Klassiker sind.

        Wer das ebenfalls 2014 erschienene Buch von Arne Hoffmann: „Plädoyer für eine linke Männerpolitik“ liest, wird spontan verstehen, warum diese offene Auseinandersetzung vermieden wird. Er liefert eine politische Analyse der Verhältnisse und kommt zu politischen Lösungsvorschlägen, die auf einem „integralen Antisexismus“ beruhen und betreibt keine subjektivistische Nabelschau.

        Schönen Gruß, crumar

        • Hallo Crumar,
          Kann es sein, dass Sie früher auch meine Genderkolumne im Freitag des öfteren kommentiert haben?

          Nun: die Einseitigkeit würde ich eher bei Ihrer Betrachtung von Feminismus festmachen. Fast alle Ihre Annahmen würde ich als unzutreffend ansehen. Die Dichotomie mag von einzelnen Feministinnen aufrecht erhalten werden, aber von meinem feministischen Umfeld kann ich das nicht behaupten.

          Ich finde es ja interessant, dass Sie wie Arne Hoffmann Linksmaskulist sind. Eine wenig beachtete Bewegung. Vielleicht würde einer die Zurkenntnisnahme weniger schwer fallen, wenn es mehr um eigene Ansichten und Positionen/Ziele ginge, als zum 100. Mal Abarbeitung an einer Feminismusstrohpuppe zu lesen.

          Besten Gruß, Herr Crumar,

          Und volle Zustimmung, Herr Bolschewik. Danke!

  8. obwohl ich erst ein Jahr später dieser Diskussion hinzukomme, habe ich alle Kommentare mit großem Interesse verfolgt. Wäre interessant was sich aus sicht der Kommentatoren und des Autors seither an der Sicht der Dinge verändert hat oder nicht.. Danke für den guten Beitrag. lg Karla :-)

  9. Der blog scheint nicht mehr aktiv zu sein! Sehr schade denn er ist sowohl inhaltlich sehr gut und auch findet man am Seitenrand alles sortiert wieder. Sehr schade! Dennoch wollt ich mich für diesen Beitrag ganz besonders herzlichst bedanken! Ava

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