Plädoyer für einen verrückten Blick

Russland startet wohl gerade ein Luftmanöver im Nordwesten – so die aktuellen Nachrichten. Was treiben die da eigentlich? Gestern meldete das Land Transnistrien an, es wolle der russischen Föderation beitreten, Putin hielt eine wilde Rede und Hunderttausende bejubeln ihn in seinem Reich Land. Was passiert da eigentlich? Wie ticken eigentlich diese Russen, diese Menschen, was für eine Seele hat dieses Land?

Russisches Grafiti angelehnt an den Pelewin-Roman “Buddhas Kleiner Finger”. V. Vizu, CC-BY-SA 3.0
Russisches Grafiti angelehnt an den Pelewin-Roman “Buddhas Kleiner Finger”. V. Vizu, CC-BY-SA 3.0

Für viele Menschen ist es weit weit weg, nach der Wende und dem Ende der Sowjet-Union, als man ja selbst nun endlich als Sieger aus dem Kalten Krieg hervorging, war es vor allem: egal. Es war ja „besiegt“ und was interessierte einen schon so ein Land, das offenbar von einem Wodkaschluckspecht namens Jelzin regiert wurde (nicht meine Worte – aber ein Bekannter äußerte sich in den Neunzigern einmal in dieser Art über den damaligen russischen Präsidenten)?

In Russland, teilweise Teil des europäischen Kontinents, und um Russland herum passierten Dinge, die wir höchstens einmal kurz in Zusammenhang mit dem Tschetschenien-Krieg wahrnahmen – dann aber ganz schnell wieder verdrängten. Russland erscheint bizarr, fremd, anders.

Schröder hatte als Kanzler immerhin eine enge Freundschaft zu den Russen – wenngleich ich dieses Buddy-System wirklich bis heute sehr sehr strange finde. Aber da konnte man reden, man hat einander respektiert und sich ein bisschen von der Korruption inspirieren lassen… Männerfreundschaft eben. Ich will nicht behaupten, dass ich dieser Buddy-Show hinterhertrauere – herrje, wahrlich nicht! – aber ich finde es mehr als ungenügend, was Merkel für die Integration von und die Kommunikation mit Russland getan hat. Putin triggert sie total – und selbst, wenn ich das rein vom Gefühl her verstehen kann, muss eine Kanzlerin in meinen Augen trotzdem professioneller agieren.

Nun ist das Kind eben im Brunnen und ich will jetzt auch nicht alles besser gewusst haben oder besser wissen. Von der Sorte Schreiberlingen haben wir genügend. Darum bewerbe ich mich nicht. Aber ich möchte dafür werben, sich mit Russland zu befassen, es kennen zu lernen, sich ihm offen und unbefangen zu nähern. Das ist wichtig – verdammt wichtig. Im Juni werde ich erneut nach Breslau fahren und eine Konferenz von Wissenschaftler_innen aus ganz Osteuropa und Russland besuchen – ich bin sehr gespannt darauf und freue mich wirklich sehr. Bei meinem letzten Breslau-Besuch erfuhr ich, dass ein wissenschaftlicher Austausch mit Russland erst seit etwa fünf Jahren überhaupt möglich ist! Und das ist eine dieser mir Mut machenden Nachrichten. Es gibt Anknüpfungspunkte. Russland ist kein anderer Planet!

Aus all diesen Gründen verschlinge ich gerade die Bücher von Viktor Pelewin. Und darüber habe ich dann gestern auch bei der FAZ gebloggt. Pelewin schreibt Bücher, in denen er Tolstoi in einem Computerspiel Zombies jagen lässt, er hat mit „Generation P“ ein mittlerweile auch verfilmtes Buch über junge russische Menschen geschrieben, sozusagen die „Wostkinder“ Russlands oder deren „Dritte Generation Ost“. Man kann aber auch in seinem Fantasy-Roman „Das heilige Buch der Werwölfe“ sehr viel über die russischen Verhältnisse, die Logiken und Schranken der Gesellschaft erfahren. Alles stets in einem rotzigen Ton, die reudigen Facetten der Realität nie aussparend, sondern gebührend beschreibend. Das Werwölfe-Buch habe ich letzte Woche trotz Veranstaltungsmarathon in vier Tagen weggeschmökert – so ein Lesevergnügen!

und danke an Alex aus Moskau, der mich überhaupt erst auf den Pelewin-Trip brachte! Thanx Alex for recommending Victor Pelevin!

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8 Gedanken zu „Plädoyer für einen verrückten Blick“

  1. Ganz ohne Nationalismus/Nationalstolz/Patriotismus kommt kein Staatschef aus. …nicht einmal Stalin, als er den Großen Vaterländischen Krieg in Szene setzte. …aber sonst: wirr? Was ist an dieser Rede wirr? Du solltest mal den Banderovcy in der Ukraine zuhören, also den Leuten, die in Kiew derzeit an der Theke sind! Wenn ich das, was die den ganzen Tag so von sich geben, ins Deutsche übersetzen würde, wäre das hierzulande Volksverhetzung. Ich rede hierbei nicht nur von Svoboda, den ausgewiesenen Faschisten, sondern durchaus auch von Funktionären der Vaterlandspartei. Vielleicht sollte Katrin die mal verarzten.

    1. ich schrieb ja auch nicht wirr, sondern wild. damit meinte ich, dass er sich in der Rede nicht so verhält, wie es der Westen als zivilisiert ansehen würde.

      1. oder sagen wir angemessen – „zivilisiert“ ist sicher missverständlich. vor allem demonstrierte er mit der Rede, dass er sich nicht an die Leine nehmen lässt – also so in etwa dachte ich, als ich alles in das Wort „wild“ packte :)

    2. Seine Rede ist nicht wild sondern eher – na, ja – diplomatisch. Trotz alles seines Traditionalismus kommt keine ethnische oder religiöse Gruppe schlecht weg, sondern er fühlt sich für deren Geschichte verantwortlich, etwa für das Schicksal der Krimtataren während des Großen Vaterländischen Krieges. Putin und seine Russen sind ja auch keine Wilden. Putins Politik ist ordinärer Macchiavellismus. …nichts dolles also. Putins Politik ist vielleicht ein etwas ehrlicherer Macchiavellismus als der Macchiavellismus anderer Mächte etwa der Politik der Westmächte, die ein ganzes Aufgebot von moralischen Werten aufbieten, um einen Staatsstreich zu rechtfertigen, der zweifelhafte Menschen an die Macht brachte, und bei dem die Zivilgesellschaft droht, vor die Hunde zu gehen.

      1. Bevor wir anfangen, die Russen zu verarzten, wäre es möglicherweise sinnvoll, die russische Zivilgesellschaft zu untersuchen, etwa indem man deren Blogs liest. Meine letzte Russisch-Stunde liegt bereits ein Vierteljahrhundert zurück. Vielleicht nützen mir diese Kenntnisse. Danach könnte man fragen, woher der Konservatismus kommt, der im Westen so von sich reden macht? Putin behauptet, er nehme Rücksicht auf die Tschetschenen, also auf deren Heißblütigkeit. Was denken die gewöhnlich in eher matriarchalistischen Clans lebenden Tschetschenen über Homosexualität, Feminismus, ihre eigene und russische Geschichte etc.? Gibt es da solche und andere? Gibt es in den offiziell homosexuellenfeindlichen Religionsgemeinschaften unterschiedliche Standpunkte? …

        …natürlich wären auch Lettland, Ungarn, Griechenland, Kroatien und nun auch die Ukraine eine Reise wert, um den erschreckenden Haß auf Linke, Homosexuelle und andere Außenseiter einmal aus der Nähe zu betrachten.

        1. verarzten klingt auch wieder etwas von oben herab – aber was du dann schreibst, kann ich nur unterstreichen.
          ich las gerade ein Buch über Dagestan – die russische Mauer heißt es – und peinlicher Weise muss ich gestehen, dass ich vorher noch nie von Dagestan gehört hatte. Alissa Ganijewa ist die Autorin. Wenn man sich dran gewöhnt hat, sehr vieles nicht zu verstehen, ist es ein sehr lesenswertes Buch, eines, das man ruhig zwei Mal lesen kann.

          Es gibt viel zu lernen und zu entdecken. Man kann ja dieses berühmte sowohl als auch-Prinzip anwenden: ich muss meine Werte, wie etwa die Akzeptanz von LGBTI, nicht aufgeben. Ich kann aber dennoch zunächst werturteilsfrei auf andere zugehen.
          ich finde es gut, dass bestimmte Stiftungen, etwa die Böll-Stiftung, die Bewegung vor Ort unterstützen. Es ist gut, das zu stärken, was dort von selbst erwächst. es ist nicht gut, Dinge überzupfropfen.

  2. Russland besser kennen lernen- ja gerne! Aber das was Putin gerade abzieht kann man nicht mehr unterstüzen. Das geht gar nicht! Der meint wohl, er könnte so mit allen Menschenrechten spielen wie er will. Ich denke man sollte sich schon ein grobes Bild von allem schaffenn bevor man urteilt. Aber Putins Handlungen sind nicht mehr zu rechtfertigen. Meiner Ansicht nach von keinem einzigen Standpunkt aus.

    1. aha – ist der Kommentar ernst gemeint, oder wurde er nur abgeschickt, um Werbung für eine Reifenseite (Link habe ich gelöscht) zu machen?

      meine Güte…

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