Wostkinder: Das Rumkauen auf Komplexitäten

timthumbDas Wostkinder-Projekt gibt es nun schon eine ganze Weile und man kann auch eine gewisse Entwicklung erkennen: Es geht immer mehr um die Komplexitäten in dieser Welt, um globale politische und wirtschaftliche Debatten, um die Demokratie und ihre Zukunft. Das hat insofern mit der DDR-Vergangenheit und unserer Doppelrolle zu tun, weil der Rückblick helfen kann, für die Zukunft die richtigen Fragen zu stellen.

Wir sind nie angetreten sind, um überheblicher Weise zu behaupten, wir würden jetzt mal den anderen die Geschichte der DDR erklären, wir waren von Anfang an selbst auf einer Entdeckungsreise, ohne fertige Ergebnisse und Antworten präsentieren zu können. Bei dieser Reise haben wir Gesprächspartnerinnen über ihre Erfahrungen ausgefragt. Und der Aktuellste war auch der, der uns selbst am meisten aufrüttelte. Wenn man in einem Gespräch merkt, wie wenig man wusste und wie komplex die Welt ist – was kann es dann Wertvolleres geben?

Genau so war es mit Herrn Andreas. In der DDR gehörte er zur Elite, er war Diplomat und später auch beim Außengeheimdienst der DDR, der HVA, aktiv. Wie er diese Zeit erlebte, welchen inneren Konflikten er ausgesetzt war, was die Wende mit ihm machte und wie er heute mit dieser Vergangenheit lebt – all das erzählt er im aktuellen Wostkinder-Podcast.

„Immer nur Fragen – die machen es sich leicht“

Die zweite Anmerkung gilt einem sehr sehr langen Kommentar, den ich heute morgen als Antwort auf einen Kommentator zu meinem letzten Text über die Grenzer des Kapitalismus verfasste. Wir hören immer wieder, dass wir nur kritisieren, ab doch nie konkrete Vorschläge zur Lösung der Probleme machen würden. Das ist richtig, und ich möchte hier zweitveröffentlichen, was ich dazu denke.
Ganz konkret ging es hier um folgende Frage:

Hallo Frau Rönicke,

Ihre weitere Gegenüberstellung der ungleichen Verhaltensweisen gegenüber Flüchtlingen in den beiden betrachteten Fällen legt die Vermutung nahe, Ihre Vorstellung von einer (staatlichen) Ordnung enthält das Konzept der Nation nicht. Denn in Ihrer Argumentation bezogen auf die gewaltsame (tw. tödliche) Zurückweisung der afrikanischen Flüchtlinge taucht die Frage, wann Asyl gewährt werden werden sollte, nicht auf. Und die DDR-Flüchtlinge werden als weiß und deutsch sprechend charakterisiert, die in der BRD herrschende Ansicht, es handele sich um deutsche Staatsbürger, taucht in Ihrer Argumentation nicht auf.

Das kann man so sehen, wie auch die vorhandenen Kommentare zeigen.

Mich würde interessieren wie Sie sich die Ordnung ohne Nationalstaat vorstellen. Gib es das für Sie nur global oder sind auch lokale Lösungen denkbar? Wenn es lokale Lösungen geben sollte, grenzt man sich dann ab oder sind die Grenzen immer offen? Wie verhält man sich, wenn innerhalb des lokalen Gebiets etwas liegt, was Menschen außerhalb dieses Gebiets gerne hätten und die es sich holen wollen? Wie ist die Rechtsordnung? Wahlrecht? Regierungsform? Gibt es das Gewaltmonopol noch?

Ich würde mich freuen, wenn Sie Ihre Vorstellungen kurz skizieren würden.

Gruß

Meine Antwort dazu:

„Global oder Lokal?

meine persönliche Einschätzung, meine bescheidene Meinung, die sich auf das aufbaut, was ich bisher weiß, sehe und wahrnehme – und das ist weniger, als sicherlich die Machthaberinnen dieser welt, die Politiker, die global agierenden Unternehmen und viele NGOs, die sich hauptberuflich mit solchen Fragen befassen, ist:

Es ist zwangsläufig so, dass die Globalisierung voranschreitet. Seit Jahrzehnten ist sie vor allem eine Globalisierung der Wirtschaft. Die Politik hinkt vergleichsweise hinterher und es ist auch so, dass die Politik vor allem versucht, die wirtschaftliche Globalisierung zu verhandeln. Aber es findet auch statt. Und dieser Prozess muss derzeit gestaltet werden. Die globalen Institutionen müssen reformiert, gestärkt und demokratisiert werden. Das bedeutet für mich vor allem eine Reform der UN, aber wir sehen auch auf europäischer Ebene sehr stark, dass eine Stärkung etwa des Parlaments notwendig ist. Demokratisiert bedeutet für mich vor allem, weg von G8, hin zu einer Einbindung der bislang ausgeschlossenen: Indien, die Länder in Afrika in ihrer Proportion an der Weltbevölkerung… Sprich: Die globale Politische Vernetzung, der Aufbau der Institutionen – all das halte ich für sehr sehr wichtig. Auf diesen Ebenen gilt es dann, die Rechte von Menschen, die ich als Bürgerinnen dieser Welt ansehe, zu sichern. Und zu organisieren, dass diese Rechte auch wahrgenommen werden. Es gilt auch, jene Orte zu unterstützen, die Arm, karg, zerbombt, zerstört sind, aufzubauen, zu helfen, dass hier wieder lebenswertes Leben möglich ist. All das findet momentan absolut unzureichend statt. Im Moment erleben wir Besitzstandswahrung der bislang tonangebenden reichen Länder des Westens. Und dass dies ein Ende haben muss, das Tonangeben einiger Reichen Interessens- und Besitzstandswahrer, meine ich mit Privilegien abgeben.

Das zweite, was ich denke, ist dass wir zur selben Zeit, wo wir globale Institutionen reformieren, aufbauen und stärken, lokale Politik stärken müssen. Für lokale Institutionen sehe ich Grenzen nicht als entscheidend an, innerhalb Deutschlands haben wir keine Grenzen, und dennoch starke Unterschiede in Wohlstand, Arbeitsplätzen und so weiter… das muss ja auch geregelt werden, niemand käme auf die Idee, dass man die Bundesländer und Städte wieder gegeneinander abriegelt. Auch wenn sich das vielleicht manche wünschen mögen.

Die lokalen Lösungen basieren auf mehr Entscheidungsspielräumen im lokalen Raum. Bitte entschuldigen Sie nun, meine zeichen sind begrenzt und ich bin sicher, man könnte hier mehrere Doktorarbeiten drüber schreiben: Ich kann das nicht weiter ausführen, was genau sinnvoll wäre, LOKAL zu entscheiden, was national, was global. Das muss eben verhandelt, erforscht, debattiert werden. Und das ist eine primäre Aufgabe der Politik. Aber: Ich bin sicher, dass viel mehr Spielraum auf lokaler Ebene geschaffen werden muss. Dass Entscheidungen dort getroffen werden müssen, wo man ihre Folgen auch trägt. Und das ist für mich auch eine Frage der Demokratie. Wie gesagt: Was Sie mich hier fragen, ist einerseits Aufgabe der Politik, man wird etliche Doktorarbeiten darüber schreiben können. Und man wird die nächsten Jahrzehnte damit verbringen, das auszugestalten. Wenn man sich denn erst einmal dafür entscheidet, diese Dinge so ändern und machen zu wollen.

Wofür ich aber eintreten würde.

Das auch zu der Bemerkung von Herrn Haupts – die ja immer wieder kommt: Keine Antworten. Ja – das liegt in der Natur der Sache. Es geht hier nicht um kleine Entscheidungen oder kleine Reförmchen auf Kommunalparlaments-Ebene. Es geht um globale Fortentwicklung, um die Zukunft einer gemeinsamen Welt. Dass ich mir in einem Text von 10.000 Zeichen deswegen keine Antwort auf diese Frage anmaße, gewissermaßen die Weltformel, das versteht sich für mich von selbst. Vielmehr sind unsere Texte und ist unser Blog eine Aufforderung, gemeinsam zu denken. Eine Aufforderung an die Politik, die Wissenschaft, die Wirtschaft, die Zivilgesellschaft – jeden denkenden Menschen, dem Gerechtigkeit und die Zukunft nicht egal sind.

Lassen Sie mich, um diesen Punkt zu verdeutlichen, einen Vergleich ziehen – und dann auch enden: Man hat vor über 40 Jahren damit angefangen, sich über das Klima Gedanken zu machen. Noch vor zehn Jahren habe ich erlebt, wie Klimaskeptiker mir vorwarfen, ich würde Lügen verbreiten, und außerdem könne man an der Erderwärmung nichts ändern – oder wöllte ich etwa allen Menschen die Autos und den Fortschritt wegnehmen. Es ist gewissermaßen eine andere Form des: „Sie wissen ja auch nicht, wie die Welt zu retten ist, also lassen Sie mich in Ruhe“ – oder auch sehr beliebt war „die Chinesen machen auch keinen Klimaschutz, also warum sollen wir – das macht uns nur die Wirtschaft kaputt!“

Gut, kann man so sehen. Dennoch habe ich mich immer entschieden, zu wollen, dass man das Klima schützt. Und die Ausgestaltung beginnt dann bei einem selbst (kein Auto fahren, Strom sparen, Wasser sparen usw…) und man setzt sich auf lokaler Ebene für eine entsprechende Politik ein und auf nationaler und auf globaler. Es ist doch immer erst einmal eine Entscheidung: Was will ich? Wie will ich leben? und dann sucht man nach Lösungen. Das kann in solchen Dingen schon mal Jahrzehnte brauchen. Ich wurde lange nicht mehr so angegangen, wie vor zehn Jahren. Klimaschutz ist Mainstream geworden. Das hat aber gedauert und ich muss wohl kaum erwähnen, was währenddessen an Forschung, an Verhandlungen und globalen Konferenzen notwendig war.

Und so wird das hier auch sein, da bin ich sehr sicher. Man muss eben einmal mit dem Denken anfangen, sich Fragen stellen (!) und dann auf allen ebenen darüber sprechen, verhandeln, reformieren … Es ehrt mich ja fast ein bisschen, dass man von mir erwartet, das alles solle ich tun und können. Das kann ich aber nicht. Ich kann Denkanstöße geben, unbequeme Fragen stellen. Und das mache ich.“

Flattr this!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.