Julian Assange auf dem #30C3: Wenn Hackerträume und feministische Hypes kollidieren

CC-BY-SA 2.0: New Media Days: Peter Erichsen

Derzeit gibt es eine sehr heiße Auseinandersetzung um den Video-Talk des Wikileaks-Gründers Julian Assange auf dem 30. Congress des CCC am Ende dieses Jahres in Hamburg. Die Auseinandersetzung dreht sich im Wesentlichen um die Frage: Ist Assange ein Vergewaltiger? Darf man einen Vergewaltiger auf einem Congress reden lassen, ihm eine Bühne erteilen?

Zwei stereotype Antworten lassen sich auf diese Frage identifizieren:

  • Natürlich ist er ein Vergewaltiger, denn er hat ja selbst Dinge zugegeben, seine Verteidigung hat Dinge zugegeben, die ich/wir als Vergewaltigung klassifizieren. Also besteht keine Frage und wer so einen einlädt ist einfach nur ekelhaft, misoygyn und antifeministisch. (so in etwa die Argumentation von Leuten, die einen feministischen Hype anzetteln.*).
  • Natürlich ist er kein Vergewaltiger solange er nicht verurteilt ist! In dubio pro Reo! Ihr blöden Feminazis könnt ja eure Creeper-Cards mitbringen und heulen. (so der Chor der aufgestachelten Hacker, die sich in einen Heiligen Krieg für die Freiheit und die Bürgerrechte stürzen, oder so)

Sollte es jetzt so wirken, als käme eine der beiden Argumentationen besser hier weg, als die andere – tut mir leid! Das war nicht meine Absicht, denn ich finde beide denkbar … ungenügend. Setzen: Sechs.

Ich bin Feministin. Und einige meiner Freunde sind Hacker. Und ich behaupte mal, dass ich ganz gut beide Welten sehen kann – und außerdem noch klar denken. Deswegen versuche ich mich an einer Standort-Bestimmung jenseits von Hype und Heiligem Krieg.

Was ist Vergwaltigung?

Vergewaltigung ist ein mit Gewalt oder Drohung erzwungener Geschlechtsverkehr – und zwar hier wie auch in Schweden. Die Gesetze in Schweden sind da überhaupt nicht anders. Das können noch so viele Blogger und Assange-Fanboys behaupten, es wird dadurch nicht wahrer. Könnte der Grund sein, warum man in Schweden den Vorwurf der Vergewaltigung hat fallen lassen. Denn – ach lest selbst:

“The appellant’s physical advances were initially welcomed but then it felt awkward since he was ‘rough and impatient’ … AA was lying on her back and Assange was on top of her … AA felt that Assange wanted to insert his penis into her vagina directly, which she did not want since he was not wearing a condom … she did not articulate this. Instead she therefore tried to turn her hips and squeeze her legs together in order to avoid a penetration …

“AA tried several times to reach for a condom which Assange had stopped her from doing by holding her arms and bending her legs open and try to penetrate her with his penis without using a condom. AA says that she felt about to cry since she was held down and could not reach a condom and felt this could end badly.”

(Quelle: The Guardian)

Dies ist ein Fall im klassischen Graubereich*** – irgendwo zwischen Vergewaltigung und Sex – aber es ist keine Vergewaltigung. Wenn sich ein Typ so verhält, dann ist das für eine Frau erniedrigend, demütigend und das Verhalten kann man nichts anderes als ekelhaft und den Typen nicht anders als Arschloch nennen. Aber das ist keine Vergewaltigung und das wird es auch nicht dadurch, dass man diese Behauptung immer wieder und wieder wiederholt.

Die Sache geht noch weiter: Eine andere Frau hat mit Assange auch die Erfahrung nicht-konsensualen Sexes gemacht. Und es wird nicht einfacher, zu entscheiden. Schon gar nicht, wenn man nur irgend eine Bloggess ohne Jura-Studium ist, keine Richterin und keine Anwältin. Was Assange danach nämlich tat ist noch etwas weiter im Graubereich, als bislang:

They fell asleep and she woke up by his penetrating her. She immediately asked if he was wearing anything. He answered: “You.” She said: “You better not have HIV.” He said: “Of course not.” She may have been upset, but she clearly consented to its [the sexual encounter's] continuation and that is a central consideration.

(Quelle: The Guardian)

Eine feministische Lesart der Geschichte ist, dass der Sex während die Frau schläft natürlich und total klar Vergewaltigung sei. Aber auch hier möchte ich Einspruch erheben. Ich bin Feministin, aber ich hatte durchaus schon sexuelle Beziehungen, in denen das eben nicht der Fall war. Da wäre es angesichts aller Rahmenbedingungen, Vertrauen, auf Augenhöhe sein, eine rauschhafte Nacht erleben und und und… durchaus denkbar gewesen, dass so etwas konsenuell passieren konnte. Es ist absolut falsch zu behaupten, es sei ja völlig klar, dass so eine Handlung generell Vergewaltigung sei. Es kommt auf die Rahmenbedingungen an und auf die Beziehung.

Die Aussagen der betroffenen Frau legen nahe, dass es hier keinen Konsens gab. Dass es gegen ihren Willen geschah und dass es genau die Demütigung für sie war, von der ich oben sprach. Ich habe selbst schon so eine Demütigung erlebt und ich schleppe diese Erfahrung bis heute mit mir herum, auch wenn sie schon über zehn Jahre zurückliegt. Das ist eine Erfahrung, die keiner der Hacker je machen wird, je nachvollziehen können wird oder auch nur in Betracht ziehen wird, wenn er im Heiligen Krieg für die Freiheit den Feministinnen eins überbrät. Und dass sollte ihnen bewusst sein. Die Erfahrungen von nicht-konsensualem Sex wird in den meisten Fällen von Frauen gemacht und es ist ein Einschnitt in ihre Seele. Es begleitet sie in jeder folgenden sexuellen Beziehung und es verhindert, sich in ein sexuelles Abenteuer einfach unbefangen hineinstürzen zu können. Es legt einen Keuschheitsgürtel um die innere Lust, einfach aus der Angst heraus, je wieder so mies behandelt zu werden. Und so etwas sollte euch Hackern nicht egal sein – denn auch ihr könnt einer Frau begegnen, der so etwas passier ist. Denn es passiert viel zu oft.

Der Graubereich im Rechtssystem

Rechtlich ist dieser Graubereich genau das, was schon der Name sagt: Ein uneindeutiges Gebiet, auf dem es verdammt schwer ist, irgendwelche Urteile zu fällen. Würde Julian Assange sich der Anklage stellen – die keinesfalls wegen Vergewaltigung gegen ihn läuft, diese wurde wie gesagt eingestellt, es geht um sexuelle Nötigung und sexuelle Belästigung, wurde also deutlich abgeschwächt – wäre der Ausgang völlig offen. Es stünden Aussage gegen Aussage. Denn – und das unterschlagen vergessen meine feministischen Freundinnen zu gern: Die Aussage der betroffenen Frau steht gegen die Aussage Assanges (lest euch die Texte im Guardian einfach komplett durch). Und damit haben die Hacker leider recht: Hier ist noch kein Urteil gefällt, in dubio pro reo. Und es wird verdammt schwer zu beweisen sein, dass Assange das Arschloch ist, für das wir ihn alle halten. Rechtlich gesehen – und dieses Recht impliziert dann auch eine Ethik – ist die Sache also immer noch offen.

Wenn Hackerträume eigentlich platzen sollten

was ist so geil an Assange, dass alle Beteiligten, die jetzt im Heiligen Krieg sind, so abgehen? Eigentlich ist es ganz einfach und ich bitte alle Feministinnen und Allies derselben, wenigstens zu versuchen nachzuvollziehen, was der große Traum ist, den Assange verkörpert.
Dabei brauchen wir drei Basislegungen:

  1. Wir beenden ein Jahr, in dem wir mit einer unendlichen Ohnmacht konfrontiert wurden. Und als nichts anderes kann man die netzpolitische Lage nach Snowden bezeichnen. Auch und gerade wie unsere Bundesregierung in diesem Krieg agiert, nämlich sich an die Seite der USA stellend, macht nicht gerade optimistisch. Wir leben gerade eine Dystopie und auch wenn die meisten Feministinnen die ich kenne diesen Zustand noch nicht als solchen realisieren: Die Hacker-Community beschäftigt sich seit Äonen damit. Die Verschwörungstheorien, die sie hegten, ihre kleine Paranoia – alles hat sich als wahr herausgestellt! (ich übertreibe und überspitze, aber nur, weil es mir wichtig ist, dass ihr diesen Punkt mitschneidet!)
  2. Julian Assange ist der gelebte Widerstand gegen eine Welt, die sich in Regierungen, Geheimdiensten, Kriegen (deren Führung oftmals jenseits der Menschenrechtkonventionen liegt, aber das hält man gemeinsam geheim), Gemauschel hinter den Kulissen und Bündnissen jenseits von Demokratie abspielt. Assange hat mit Wikileaks den Mächtigen dieser Welt das Fürchten beigebracht. Er hat ihnen gezeigt, dass nur einer daherkommen muss, der keine Skrupel hat – schon wackelt die ganze Welt ein bisschen. Was Wikileaks damals auslöste ist ein Orkan, wie er heute an den Küsten dieses Landes herumfegt – aber der Wikileaks-Orkan fegte um die ganze Welt.
  3. Es ist der 30. Kongress, ein Jubiläum.

Okay, die letzte Basislegung mag banal klingen. Aber das ist sie nicht, denn Jubiläen erfordern immer etwas, das über dem “typischen”, dem “bekannten” liegt. An einem 30. Jubiläum muss etwas ganz besonderes passieren. Da kommen Basislegung eins und zwei zusammen: Wir leben die Dystopie und realisieren, dass da ein Krieg stattfindet, für den wir bislang noch keinen Namen haben (und verschont mich mit “Cyberwar” – was für ein seltendümmlicher Begriff). Zu dieser Dystopie brauchen wir – Frank Rieger brachte es voll auf den Punkt – einen HELDEN (gern auch eine Heldin, aber welche?), der (die) Hoffnung gibt. Und wenn man einigermaßen frisch denken kann, alle anderen Einwände einmal kurz beiseite lässt und sich auf die Suche begibt, eine_n Held_in zu finden, einen Widerstand zur Dystopie: Es gibt nur diesen einen. Es ist Assange. Es ist Wikileaks.

Und jetzt muss ich leider Einspruch erheben: Es ist nicht Wikileaks. Der Traum ist eine Blase und eigentlich sollte man diese Blase platzen lassen. Nicht aus feministischen Gründen. In der Geschichte der Menschheit gab es viele Helden, die Arschlöcher waren und vielleicht auch Vergewaltiger. Helden schnappen schnell über und meine Meinung über Assange ist, dass er übergeschnappt ist und dass er deswegen Frauen scheiße behandelte. Da gibt es vielleicht des öfteren eine Verbindung. Dennoch möchte man auf die Taten dieser Helden nicht verzichten und es ist wichtig, dass sie darüber sprechen. Das mag jetzt scheiße klingen, aber angesichts von weltweiten Problemen kann es wichtiger sein, einem Arschloch zuzuhören, politisch wichtiger, als auf die moralische Umsetzung von feministischen Grundsätzen zu pochen**.

Aber Wikileaks ist mehr als problematisch. Es klebt Blut an den Händen Assanges. Das lässt sich nicht wegleugnen. Ich halte Wikileaks wirklich nicht für die Lösung. Seine Whistleblower mögen die eine Seite der Sache sein. Eine andere Seite ist, wie ich aus einer Quelle im Europaparlament erfuhr, dass man davon ausgehen kann, dass in beispielsweise Syrien unzählige Menschen getötet wurden, weil man ihre Namen in Leaks fand, die einen Zusammenhang mit den USA herstellten. Damit waren sie für das Assad-Regime Verräter. Auch im Libanon hat Wikileaks zu einer Destabilisierung der Lage geführt und das kostet immer Menschenleben. So etwas ist Assange egal. Ich habe damals ein längeres Gespräch mit Herfried Münkler über Wikileaks geführt, der damals sehr stark dagegen anschrieb (zum Beispiel in der Süddeutschen) und dessen Meinung ich zu Anfang des Gesprächs nicht teilte. Aber: Er hat Recht in einer ganz wichtigen Sache: Wikileaks übernimmt null Verantwortung. Es pustet Informationen in die Welt, ungeachtet der Konsequenzen, die diese Informationen haben. Konsequenzen, die Menschenleben sein können. Hunderte, tausende, hunderttausende.

Was man meiner Meinung nach hätte tun sollen – und damit will ich auch zum Schluss kommen, ich freue mich für alles Weitere einfach auf eine rege Diskussion, die ich aber streng moderieren werde:

Den Guardian und Snowden lobpreisen

Der CCC sollte anstatt sich hinter Assange zu stellen, den Guardian und Snwoden gebührend huldigen. In meinen Augen ist das, was dort dieses Jahr gelaufen ist, Whistleblowing at its best. Wir haben einen Journalismus, der sich nicht erpressen lässt, der einem Menschen den nötigen Platz einräumt und der gleichzeitig auch die Verantwortung für die Informationen trägt (IMHO der Grund, warum die Infos so stückchenweise aus dem Guardian kommen, und nicht wie bei Wikileaks alles auf einmal rausgeballert wird). Und wir haben einen Edward Snowden, der ein perfekter Held ist. Keine Ahnung, wie die realen Chancen stünden, ihn für einen Video-Talk zu bekommen. Aber irgend jemanden aus diesem Umfeld könnte man sicher bekommen, oder den Chefredakteur des Guardian. Oder gar eine Frau, die Snowden monatelang begleitete: die Wikileaks-Journalistin Sarah Harrison. Hier liegt für mich so viel mehr Hoffnung, als in einem Assange, an dessen Händen Blut klebt.

Ich kann mir vorstellen, wie verdammt schwer das für euch ist. Aber lasst Assange los. Er ist nicht der Held, den diese dystopischen Zeiten brauchen. Ihm fehlen entscheidende Heldenqualitäten und ich persönlich vermute die Ursache liegt in seinem Ego.

* Was ein Hype ist, erklären Marco Herack und ich in einem Vortrag auf der Open Mind 2012.
** dies ist eine gute Gelegenheit, den Hackern das “Yes means Yes”-Blog ans Herz zu legen

*** vor einigen Jahren wurde auf jetzt.de die Debatte über diesen Graubereich durch eine Userin ausgelöst, die über ihre Erfahrungen schrieb. Das SZ-Magazin griff die Debatte auf und sprach dazu mit einem Sexualpädagogen. Beides ist als Zusatzlektüre lesenswert – und hilft hoffentlich ein bisschen zu verstehen, was ich mit Graubereich meine.

Zusatz: bitte denken Sie daran, dass ich hier mit “die Hacker” nicht den CCC oder die Orga meine. Nach meinen Kenntnissen ist in diesen Kreisen Assange nicht gerade beliebt.

2. Zusatz: Ich konstruiere hier mit “die Hacker” und “die Feministinnen” so eine Art Webersche Idealtypen-Gegenüberstellung. Das hat den einfachen Grund, dass ich einen Punkt damit klarmachen will. Es dient einfach der Zuspitzung. Dabei nehme ich wissend in Kauf, dass sich diese beide Idealtypen auch je einem Geschlecht zuordnen – im Text. Auch wenn das in der Realität natürlich nicht so ist. Es gibt sowohl weibliche Hackerinnen als auch männliche Feministen und die Argumentationslinien dieser können durchaus von dem hier dargestellten Idealtypus abweichen. Mein Anliegen ist es nicht, Stereotype festzuschreiben. Mein Anliegen ist es, die Botschaft des Textes herauszustreichen, plastischer zu machen. Ich wurde mehrmals darauf hingewiesen, dass dies negativ ankommt. Das tut mir leid und ist nicht meine Absicht.

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66 thoughts on “Julian Assange auf dem #30C3: Wenn Hackerträume und feministische Hypes kollidieren

  1. Ich halte einige der (nicht bestrittenen) Verhaltensweisen schon für zumindest sexuelle Nötigung und aus diesem Grund habe ich Verständnis dafür, dass eine Menge Leute mit dem Vortrag ein Problem haben.
    Aber deine anderen Ausführungen treffen genau: es gibt bessere “Star”-Sprecher für den 30. Kongress. Sarah Harrison ist ein sehr guter Vorschlag.
    Und du hast auch sehr schön den Unterschied zwischen Wikileaks und Snowden/Guardian herausgearbeitet.
    Wikileaks war wichtig; aber es wurden offensichtlich Fehler gemacht. Aus diesen Fehlern sollten wir lernen. Danke Wikileaks, aber wir ziehen weiter…
    Schade nur, dass die Stimmung für den 30C3 jetzt schon wieder vergiftet ist.

  2. Guter Text, der m.E. einen Fehler hat: Assange und Appelbaum sind nicht die Keynote. Die Keynote ist der Star. Wer Assange zum Star macht, macht Assange zum Star. Das hat aber nicht die CCC-Orga gemacht – oder hast du hierfür Anhaltspunkte?

    • nein. ich habe keine Anhaltspunkte und das wäre für mich jetzt auch nicht entscheidend. aber danke für die Klärung, die in meinem Text zugegebenermasen fehlt. Die Keynote ist der Star und das ist nicht Assange.

  3. Zum Grundsatz (Ende des Hypes durch nicht auflösbare Widersprüche) fällt mir nur noch ein: Brenne, Netzutopie, brenne.

    Aber vielleicht ist im Frühjahr ja auch alles wieder schön. Man weiß es nicht.

    Die Kritik an Wikileaks übrigens ist, wie ich denke, Ansichtssache. Ich denke, dem Club blieb nur die Wahl zwischen Vortrag annehmen (und dann wird es – aus Sicht der Presse und der Teilnehmer – ein Highlight) oder ablehnen (und das wäre m.E. ungerecht gewesen – ich habe aber, wie gesagt, auch eine andere Meinung, was Wikileaks betrifft).

    Schöne Grüße

  4. Assange hat sich schon selbst zum Star gemacht. Im Übrigen hat der Kleinkrieg zwischen Hackern und Nerdcore-Piraten und alarmistischen Radikalfeministinnen schon einen z.T. bizarren Charakter. Wiedermal: Déja vu. PorNo-Debatte 1988, Vergewaltung-in-linken-Zusammenhängen-Debatte 1987-91, ASTA-Dauer-Durchlauferhitzer 1990-95, immer wieder und wieder und wieder. Demgegenüber ist die ausgewogene und detaillierte Darstellungsweise von Dir, Kadda ausgesprochen wohltuend.

  5. guter text.

    @julia seelinger: ich sehe assange auch nicht als “gewollter star”, sondern schlicht als einen von vielen, die einen vortrag halten; sein name ist nur bekannter, wodurch sein vortrag mehr auffällt.

    • This article is citing yet another Guardian hit piece without questioning the allegations (just like the Guardian). The most sensational aspects of these allegations are wheeled out, without any of the evidence which prove there is, and was, much more going on. The only possible reason for such biased selectivity is to misinform people. Some balance from Julian Assange’s affidavit:

      96. My lawyers in Sweden, Per E. Samuelson and Thomas Olsson, were able to review the phone records that are part of the investigation, including SMS traffic between the two women and between SW and some of the witnesses. My lawyers notified me via email on 8 December 2011 of the content of twenty-two of these messages.

      97. While the younger woman was at the police station on 20 August 2010, her phone records show that she wrote that she:

      did not want to put any charges on JA but that the police were keen on getting a grip on him (sv: få tag på honom) (14:26);

      and that:

      she was “chocked [sic: shocked] when they arrested JA because she only wanted him to take a test (17:06)”.

      98. The woman concerned told a friend that she felt that she had been “railroaded by police and others around her”, according to the latter’s police statement.

      99. According to the younger woman’s phone records, who the ‘rape’ allegation is associated to, she wrote at 07:27 on 21 August 2010 that she

      “did not want to accuse JA for anything”;

      and at 22:25 that

      “it was the police who made up the charges”.

      100. Although the police initially opened an investigation into ‘rape’ in relation to woman AA, there was no allegation in her testimony that she had been raped. She expressed in her statement to the police that she consented to sex (“frivilligt gått med på att ha sex med Assange”) and subsequently tweeted on 22 April in 2013 “I have not been raped”.

      101. The press was immediately and unlawfully informed that there was a warrant for my arrest for the “rape of two” women. The Swedish government prosecutor unlawfully, and without any subsequent explanation or remedy, immediately confirmed to the press that there was a live warrant for my arrest. The prosecutor’s breach triggered an avalanche of news reports. Within days there were millions of references online which associated my name with the word ‘rape’. Immediately the police accusations were used to attack WikiLeaks’ work and my reputation as its publisher. US Defense Secretary Robert Gates celebrated the news of my arrest warrant with a smile, telling reporters that the arrest “sounds like good news to me”. Various twitter accounts officially associated with the Pentagon spread descriptions of me as a “rapist” and a “fugitive”.

  6. Für mich ist das ganz klar eine Vergewaltigung.
    “Instead she therefore tried to turn her hips and squeeze her legs together in order to avoid a penetration …”
    Nonverbal hat sie ganz deutlich “Nein!” gesagt. Und wenn das nicht gilt, dann muss ich fragen, ob man stumme Frauen gar nicht vergewaltigen kann, weil sie sich ja auch nur nonverbal ausdrücken können. Oder wenn man eine Frau knebelt und sie dann gegen ihren körperlichen Widerstand penetriert. Ist das dann auch keine Vergewaltigung?

    Maßgeblich ist aber die Rechtslage in Schweden und das Urteil der schwedischen Justiz.

    Ansonsten bin ich der Meinung, dass der Typ vielleicht nicht irgendwo auftreten sollte, wo es um Feminismus und ähnliche Themen geht. Aber genauso wie es mir echt Wurscht war, ob Clinton mit seiner Praktikantin geschlafen hat, denn ob er seine Frau betrügt, ist doch Privatsache und was weiß denn ich, ob die eine “offene Beziehung” hatten, was soll das über seine Politik aussagen? Genauso hat Assanges Auftritt nichts mit seinem Straftatenregister zu tun. Wenn es allerdings eine bessere Alternative gegeben hätte, dann verstehe ich nicht, wieso man ihn überhaupt einlädt und damit solch eine Diskussion provoziert.

    Henriette

    • also ich sage ja oben: Es ist im Graubereich. Eine Vergewaltigung sehe ich da eher nicht. Knebeln wäre wohl eine deutlich andere Situation. das ist ja das Schwierige an der Sache.

      es bestand kein Konsens. darüber sind wir uns einig. Und diese Sache ist glaube ich wiederum für viele Hacker nicht verständlich, weswegen ich es ausführe und auf das Yes means Yes Blog verweise (und da gab es schon viele Klicks drauf).

      schöne Grüße

      • Ehrliche Frage: Du schreibst mehrfach das Geschilderte wäre keine Vergewaltigung gewesen, aber ich sehe kein Argument warum nicht? Wir sind uns einig, dass es keinen Konsens gab und oben wird noch dazu beschrieben, wie Assange AA physisch daran hinderte nach einem Kondom zu greifen und versuchte ihre Beine auseinander zu ziehen. Das hört sich für mich nach Gewalt an. Siehst Du das anders? Was ist sonst der Unterschied zwischen dem Beschriebenem und einer Vergewaltigung?

        Rechtsstaatlich gesehen mag es keine gewesen sein, aber wir reden hier von einem Rechtsstaat der bis 1997 überhaupt nicht anerkannte, dass es sowas wie eine Vergewaltigung in der Ehe geben kann. Ich denke, sowohl Feminist*innen als auch der CCC hatten und haben den Anspruch an eine Ethik die oftmals über den rechtlichen Rahmen hinausgeht. Der CCC im Speziellen unterstützt immer wieder Aktionen die rechtlich gesehen nicht einwandfrei um höhere ethische Ziele zu erreichen, hier berufen sich viele seiner Mitglieder aber auf den selben Rechtsstaat der “Hackertools” verbietet, die Vorratsdatenspeicherung für grundrechts-kompatibel hält und vieles mehr. Warum?

          • Etwa die “vorsichtigen Grenzüberschreitungen” von denen der Sexualpädagoge da redet? Grenzüberschreitungen können nicht vorsichtig sein, sie sind mit Gewalt verbunden.

          • Nein. Sind sie nicht. Nicht automatisch. Darum geht es ja gerade – aber das ist eh eine Debatte, die man mal dringend führen muss: was eigentlich Gewalt ist. Da bin ich nämlich auch nicht einer Meinung mit so manchem Standpunkt. Well.

      • Guter Text.

        Leider bis auf Deine Darstellung der Vergewältigungsvorwürfe. Sie erweckt den Eindruck, dass Du glaubst alle drei Zitate seien ein und derselben Zeugin zuzuordnen?
        (Schaut man auf twitter, wo gerade der Blogpost von “sian and crooked rib” die Runde macht, der diesen Irrtum ebenfalls befördert, wärst Du allerdings bei weitem nicht die einzige.)

        Dem ist jedenfalls nicht so. Die Zitate 1 & 2 stammen von der Betroffenen/Zeugin AA. Zitat 3 dagegen stammt von der Betroffenen/Zeugin SW.

        AA wurde von Assange schliesslich (immerhin) gefragt, wie Ihre nonverbalen Signale zu deuten seien:

        “After a while Mr Assange had asked AA what she was doing and why she was squeezing her legs together; AA told him she wanted him to put on a condom before he entered her. Mr Assange let go of AA’s arms and put on a condom which AA found for him. AA felt a strong sense of unexpressed resistance on Mr Assange’ s part against using a condom.” Das Kondom ging dann von AA unbemerkt zu Bruch und sie glaubt, dass seitens Assange Vorsatz im Spiel war.
        ->71. ff http://www.bailii.org/ew/cases/EWHC/Admin/2011/2849.html (so aber auch beim guardian zu lesen)

        Die Betroffene/Zeugin SW hatte wohl mehrmals geschützten, einvernehmlichen Sex mit Assange, bevor er dann, als Sie schlief, ohne Kondom in Sie eindrang:

        “In her statement SW said that she had been captivated by Mr Assange when she had seen him in a TV interview. She had attended a lunch with him and others on 14 August 2010. He had flirted with her over lunch and they had gone out together ending up in cinema where they kissed and fondled. She contacted him on 16 August 2010 and invited him to her house. In the bedroom he took her clothes off; they were naked together on the bed and engaged in sexual foreplay on the bed. He rubbed his penis against her. She closed her legs because she did not want to have intercourse with him unless he used a condom. After a period of some hours, he went to sleep. For a long time she had lain awake, but then she also fell asleep. They then had sexual intercourse with him using a condom. They fell asleep and woke and had sex again. They had breakfast. They had sex again with a condom only on the glans of his penis.

        Her statement then describes in some detail the conduct that forms the basis of Offence 4. She fell asleep, but was woken up by his penetration of her. She immediately asked if he was wearing anything. He answered to the effect that he was not. She felt it was too late and, as he was already inside her, she let him continue. She had never had unprotected sex. He then ejaculated inside her.”
        ->121. http://www.bailii.org/ew/cases/EWHC/Admin/2011/2849.html

        Das ist, wenn es sich so abgespielt hat, alles ziemlich übel. Unrühmlicher, schlimmer & wohl auch rechtlich relevanter Höhepunkt wohl der ungeschütze Sex mit SW gegen deren ausdrücklichen und Assange auch so bekannten Willen.

        Einmahl mehr irritierend aber auch die Meinunungsbildung/verbreitung auf twitter etc.

      • Schade, denn das wäre interessant. Kann den Kongress nicht eine Feministin übernehmen und umwidmen?

        Oder können wir mit einer Aktion rechnen, wie sie in dem Comic (bitte auf den Namen ‘Gan-Chan’ klicken) zu sehen ist, wenn MCP Assange spricht?

  7. Uhm ich weiß ja nicht wer deine Quelle im Europaparlament war, aber er/sie liegt falsch. Den Konflikt in Syrien mit seinen über 100.000 Toten JA anzulasten ist der größte Schwachsinn, den ich seit langer Zeit geghört habe. In Syrien kämpft die zersplitterte Opposition-unter ihen Al Kaida nahe religiöse Fanatiker-gegen das einstige sekuläre Staatsoberhaupt Assad, der mit aller Härte zurückschlägt. Während die Türkei, der Westen (am Anfang) und einige arabische Staaten die Opposition mit Waffen etc. unterstützen, sind Rußland, der Iran und die Hizbollah die engsten Verbündeten von Assad. Da hat genau null komma nichts mit JA oder den von Anonymous und später von WL veröffentlichten emails zu tun. Nicht einmal die US Regierung behauptet das und in deren Interesse würde eine strafrechtliche Handlungweise von JA ganz klar liegen..Übrigends habe ich diesen irrsinnigen Vorwurf auch von sonst niemanden einschließlich namhafter JA-Kritiker gehört.

    PS: WL hat die Dateien von Manning übrigends nicht einfach alle auf einmal ins Internet gestellt. Selbst bei der kritisierten Afghanistanveröffentlichung wurden 15.000 von 80.000 Dateien zurückgehalten, die die meisten Namen enthielten und bis heute nicht veröffentlicht wurden.
    Bei den Irak-Warlogs wurden ALLE Namen entfernt, sodaß sie laut Aussage von Experten nur mehr bedingt für Analyszwecke zu gebrauchen waren. Die diplomatischen Depeschen wurden von den Medienpartnersn WL`s redigiert und WL hat die bearbeiteten dipl.Depeschen dann Stück für Stück ins Netz gestellt. Erst im August 2011 kam es nach Bekanntwerden einer geheimen und verschlüßelten Datei (dank eines Freitag-Artikels der sich auf die Aussagen von DDB stützte und dank der Veröffentlichung des dazugehörigen Paßworts in dem WL-Buch eines Guadian-Journalisten) zu der Veröffentlichung der gesammten unredigierten Cablesdatei zuerst durch die Leakingplattform Cryptome und zwei Tage später durch WL.

    • die Quelle war in Syrien und hat vor Ort mit den Leuten gesprochen. Aber du verdrehst mir auch die Sachen, die ich sage. Den Syrienkonflikt habe ich Assange nicht angelastet. Nochmal lesen vielleicht.

      Für meine Informationen ist es außerdem nicht interessant, ob sie von vielen anderen vertreten wird. Mir reicht im Zweifel eine glaubwürdige Quelle, und dann ist mir auch egal, was zehn andere sagen (die meistens keine Primärquellen sind, sondern nachgeplapper) oder ob andere, die eine bestimmte Information verbreiten dann als “Verschwörung” abgetan werden. Ich erlaube mir immer, mir mein eigenes Urteil zu bilden.

      Für den Rest im PS danke ich. Weil ich natürlich auch nicht alles wissen kann und um Ergänzungen daher immer sehr froh bin.

      • Deine Quelle sagt, “dass man davon ausgehen kann….”. Sind das nur Spekulationen von einigen Oppositionellen vor Ort oder Informationen aus den Kreisen Assads? Denn nur die könnten das zweifelsfrei belegen.

        PS: Allem Anschein nach hat zB. die Al Kaida ihre Drohung, Dorfvorsteher, die Infos an US-Soldaten weitergegeben haben und in den Afghan War Diaries genannt wurden, NICHT getötet. Aus welchem Grund auch immer.
        Weder das Pentagon noch die Ankläger im Manning Prozeß konnten jednfalls auch nur einen einzigen Toten mit den WL Veröffentlichungen in Verbindung bringen.

        • das sind Informationen von Oppositionellen, die ihre Namen – und Namen von Getöteten – in den Veröffentlichungen gefunden haben. Zweifelsfrei kann man das vielleicht nicht belegen. Punkt an dich. Auch hier wieder: Aussage gegen Aussage. Aber gerade das beispiel, das du in den Afghan War Diaries nennst, unterstreicht doch das grundsätzliche Problem. Auch wenn – zum Glück – noch niemand getötet wurde.

  8. ist jan icht nur die vergewaltigung (oder eben nicht), die ihm anhängen. ist hab auch keine lust auf menschen, die rechte / nationale parteien befürworten. ebenso auch nicht auf menschen, die sich gerne mit antisemitischen menschen umgeben.
    aber vielleicht ist es dann einfach nicht mein congress. :/

  9. Danke für den Artikel! Ich hatte gehofft, dass irgendwann darin die Antwort auf die Frage kommt, ob jemand der sich der Gerichtsbarkeit entzieht damit auch das Recht verliert, in einem vollkommen anderen Zusammenhang aufzutreten. Die Frage kann ich mir nämlich selbst nicht beantworten. Deine Antwort basiert jedoch dann wieder nur auf der persönlichen Wertung. Und diese teile ich uneingeschränkt. Da die ursprüngliche Frage aber unbeantwortet bleibt sollte sie auch als unbeantwortet gekennzeichnet werden.

    • nun. ich freue mich, dass jemandem auffällt, dass ich zu einer Frage nichts sage. Das ist die ganze Debatte um die Auslieferung und das Verfahren. Ich schreibe dazu nichts, weil für mich – wie für dich – nicht klar ersichtlich ist, was da “richtig” und was “falsch” ist. Müsste er sich in Schweden stellen? Oder hat aus politischen Gründen keine Chance auf ein rechtstaatliches Verfahren? Ich weiß es nicht. Also schweige ich dazu und muss leider eingestehen, dass ich dazu keine Aussage treffen kann.

  10. 1) Nein, Der Talk ist nicht in der Primetime, und er ist auch keine Keynote. Keynote werden von _Geladenen_ Speakern gehalten. Assange hat, wie viele andere auch, einen Talk aus freien Stücken eingereicht und wurde, wie viele auch, akzeptiert.

    2) Man schaue sich auch mal wissenschaftliche Konferenzen an. Nur, weil jemand für einen Talk akzeptiert wurde, heißt das nicht, dass die Organisatoren sich hinter die Person stellen. Sie haben lediglich gesagt: Das, was du im Abstract schilderst, ist interessant und passt in unser Konferenzschema.

  11. Liebe Katrin,

    vielen Dank für Deinen klugen und unaufgeregten Kommentar. Ich stimme Dir in der Bewertungen von Wikileaks allerdings nicht nicht zu. Münkler ist hier möglicherweise auch kein unbelasteter Kronzeuge, weil er sich selbst in nicht in einer unabhängigen, von den Ideen der Aufklärung geprägten Position sieht, sondern als Teilnehmer in einer bewaffneten Auseinandersetzung zwischen den von den USA geführten Interessen des Westens und dem Rest der Welt. Für Münkler ist jemand wie Assange ein Feind; nicht, weil man die Namen von Kollaborateuren und Agenten niemals nennen dürfte, sondern weil man “unserer” Seite nicht schaden darf. Hätte Assange russische, chinesische oder iranische Geheimnisse verraten und in der Folge Menschen zu Tode gekommen, so wäre Münklers Bewertung eine andere. Münkler sieht sich Teil des kriegsführenden, aggressiven, überwachenden Systems, das Assange angreift.

    Daneben stimmt der Vorwurf, dass an Assanges Händen “Blut klebt” wahrscheinlich nicht. Weder ist er verantwortlich für die unredigierte Veröffentlichung der Cables (das war der Guardian-Redakteur David Leigh, der aus Dummheit und entgegen des Willens von Assange das Paßwort in seinem Buch publizierte), noch kenne ich belastbare Hinweise auf Tötung von Kollaborateuren und Agenten aufgrund dieser Leaks (Manning wurde deswegen auch nicht belangt).

    Bei der schwedischen Affäre fehlt mir außerdem die Erwähnung einiger nicht unwichtiger Details, nämlich den vorher geschriebenen (und später gelöschten) Blogpost einer der beiden Frauen, in dem diese ein Drehbuch für die Rache an Exbeziehungen (inklusive erfundener Vergewaltigungsbezichtigung) skizzierte, und Tweets derselben Frau, die nahelegen, dass die Bewertung der Beziehung zu Assange erst einige Tage nach der fraglichen Nacht änderte, nämlich als herauskam, dass Assange noch weitere sexuelle/romantische Kontakte hatte. Das relativiert für mich nicht die von Dir vorgetragene und von mir geteilte Ablehnung von Assanges Paarungsverhalten, aber macht die Bewertung der Nötigungsvorwürfe nochmals uneindeutiger.

    Nochmals vielen Dank für Deine Aufklärungsarbeit. Ich vermute aber, dass sie nicht viel nützen wird, denn, wie eine der Assangehasserinnen so treffend schreibt: “Menschen, die nicht verstehen wollen, erreicht man nicht.”

  12. Ein wenig sollte man den Kontext in Assanges Leben mitberücksichtigen, bevor man ihn als Helden oder das Gegenteil davon stilisiert. Daraus ergibt sich, dass er ein Egomane ist, dem es meistens nicht um die Sache, sondern nur um sich geht. Beispiele dazu gibt es sowohl aus der Anfangszeit von Wikileaks bis zu den ‘rechten’ Bestrebungen betreffend die Parteigründung genug. Informanten hat Assange ins Messer laufen lassen und aus der Spendengeldkasse von Wikileaks hat er sich auch reichlich bedient, um seine private, persönliche Rechtsanwaltsgarde zu finanzieren.

    Was die Vergewaltigung oder den Graubereich angeht, erlaube ich mir, Dir Katrin, zu widersprechen. In einer substanziellen Beziehung können “Spielchen” á la “Penetration while sleeping” durchaus im Rahmen des Möglichen sein. Frau AA hat diese Vorstellung aber offenbar nicht vorher einvernehmlich kundgetan.
    Auch die Penetration ohne Kondom ist exakt ab dem Moment eine Vergewaltigung, ab dem Frau AA mit dem Fortgang nicht mehr einverstanden war. So ist Vergewaltigung IMO klar und deutlich definiert. Wie auch sonst?

    Mir ist schon klar, dass misogyne Gemüter in solchen Fällen mit sehr vielen Ausreden ankommen. Ob es nun die Kleidung, die langen Jahre der Ehe oder Beziehung davor, der Alkoholpegel, das Ich-dachte-die-will-es-so, das altbekannte “No by Girls means Yes” oder was auch immer noch, sein mag.

    Unglücklicherweise bekommen dann in einem Gerichtsprozess meistens die Vergewaltiger “im Zweifel” recht und gehen ungestraft von dannen. Das muss sich ändern! Deshalb würde ich alles von der Aussage der Frau, als Opfer dieses schändlichen Verbrechens, abhängig machen. Wenn es für die betroffene Frau eine Vergewaltigung war, dann war es eine Vergewaltigung – egal welche absurden Ausreden und Lügen (de facto lügen fast alle Vergewaltiger) der Täter auch gebrauchen mag. Diese Vorgangsweise würde das Rechtssystem insgesamt stärken und in diesem Bereich für mehr Gerechtigkeit sorgen, denn Vergewaltigungen sind das Kapitalverbrechen mit der niedrigsten Rate an Falschbeschuldigungen, während gleichzeitig die Dunkelziffer sehr hoch ist.

    • Die von dir vorgeschlagene Vorgehensweise würde keine Stärkung, sondern eine Schwächung im Sinne eines fairen Verfahrens bedeuten.

      Wenn Zweifel an der Schuld eines Angeklagten bestehen, darf dieser nicht verurteilt werden – das ist bei zwei gegenteiligen Aussagen oft der Fall, wenn keine weiteren Beweise zur Verfügung stehen. Das kann schmerzhaft sein, man ist in unserer langen Rechtsgeschichte aber zu der Überzeugung gelangt, dass dies eher hinnehmbar ist, als Strafprozesse für Manipulation und Missbrauch zu öffnen und Unschuldige zu verurteilen.

      Wenn du letzteres als “gerecht” empfinden würdest, hast du eine seltsame Vorstellung von Gerechtigkeit. Bedenke, dass fundamentale Grundsätze wie eben “In dubio pro reo” auch nicht einfach für besonders “schändliche” Straftatbestände ausgesetzt werden können.

      Kein Rechtssystem ist perfekt. Damit müssen wir leider leben.

      • Man kann Ungerechtigkeiten schon “hinnehmen”, wenn sie durch eine fehlerhafte oder lückenhafte Regelung nicht Überhand nehmen und am Ende ein Gesetz wirkungslos machen. Bei der Vergewaltigung ist dies der Fall und man muss nachbessern. Deshalb muss man nicht gleich auch alle anderen Paragraphen ändern oder altbewährte Rechtsgrundsätze aufgeben.

        Fakt ist, dass es bei Vergewaltigungen fast nie mehr zu einer Verurteilung kommt, da bei diesem Verbrechen immer Aussage gegen Aussage steht und der Täter immer in seinem Sinne lügt (wie es die Strafprozessordnung ermöglicht bei Angeklagten). Also muss etwas geschehen! Diesen Zustand sind einige Menschen und ich nicht mehr länger bereit “hinzunehmen”!

        Das kein Rechtssystem zu 100 % gerecht oder perfekt sein kann, ist logisch. Wenn aber ein Verbesserungsbedarf und die Verbesserungsmöglichkeit besteht, dann sollte auch logisch und klar sein, dass entsprechend gehandelt wird.

        • So, wie du es dir offenbar vorstellst, würde man eben doch einen Rechtsgrundsatz mit Verfassungsrang aufgeben müssen.

          Und Fakt ist nur deine Schwarzweißmalerei. Es steht nicht immer Aussage gegen Aussage, es werden Menschen wegen Vergewaltigung verurteilt. Es gibt Kriminalstatistiken im Netz, schau nach, bevor du alles generalisierst. Dass die Zahl der Verurteilten im Vergleich zu den vermutlich begangenen Vergewaltigungen zu niedrig ist, will ich nicht bestreiten.

          Sorry, die Diskussion hat keinen Sinn. Du hast dich offensichtlich kaum mit dem Rechtssystem beschäftigt oder wenig bis nichts verstanden. Es war mir nur ein Bedürfnis, deinen Kommentar nicht einfach so stehen zu lassen.

  13. @ Julia Seeliger

    Ich bin da anderer Meinung als du. Wer Assange als Sprecher zum CCC einlädt, der weiß, dass er sich damit einen “Star” einfängt bzw. ein entsprechend großes Medienevent.

    Ich denke, anders als du, das ist durchaus gewollt. Ich halte es auch nicht für doof, denn der Kongress des CCC hat es mit seinen Themen – zumal in diesen Zeiten – allemal verdient, viel Medieninteresse auszulösen. Wenn das alles von Assange überlagert werden sollte, wird das vielleicht ein Schuss in den Hintern – aber die Gefahr schätze ich als nicht so hoch ein bzw. den Nutzen der Einladung von Assange höher als den Schaden.

    Ich bin aber kein “Medienprofi” u.ä., um das wirklich beurteilen zu können.

    @ Kadda

    Danke für deinen sorgfältig durchdachten, gut recherchierten und gut argumentierenden Text! Finde ich großartig. Im Übrigen hast du damit meine eigene Meinung deutlich beeinflusst. Vorher hatte ich die Vorwürfe gegen Assange stärker abgetan.

    Es handelt sich, wenn ich das richtig weiß, um zwei Frauen, die Vorwürfe gegen Assange erhoben haben. Mich hat allein schon dieser Umstand, in Verbindung damit, dass eine der beiden Frauen in Twitter vorher regelrechte Jubelmeldungen über ihren Fang abgesetzt hat, ziemlich skeptisch gestimmt. Einen Rest Skepsis habe ich da ímmer noch – möglich erscheint mir, beispielsweise (Vorsicht: Privat-VT!) dass bestimmte Dienste an die Kontakte von Assange gezielt heran getreten sind, nicht zuletzt, damit derartige Vorwürfe fabriziert werden.

    Die Snowden-Veröffentlichungen machen deutlich, dass ein derartiges Handeln für diese “Dienste” durchaus im Bereich des Wahrscheinlichen liegt.

    Aber angenommen, es hat sich genau so zugetragen, wie es im Guardian-Artikel dargestellt wird, dann passt das – leider – zu meinem Bild, das ich von Assange hatte, nämlich das Bild eines rücksichtslosen Narzissten. Die Angelegentheit wird in meinen Augen dadurch noch schwieriger in der Beurteilung, weil es nach der ersten Grenzüberschreitung von Assange (Sex ohne Kondom) offenbar einen (in meinen Augen etwas schiefen) Konsens seitens der Frau zur Fortsetzung des gemeinsamen Sex gab. Als Mann finde ich das Verhalten von Assange ziemlich unmöglich.

    Ich glaube allerdings nicht ,dass sein Verhalten – sogar unabhängig von der Aussage-gegen-Aussage-Problematik – ausreichend ist für eine Verurteilung infolge sexueller Nötigung. Ich denke, wer sich im Bett wie Assange verhält, der kränkt seine Partnerin – auch unabhängig davon, dass sie im Nachhinein bzw. während des Sexualverkehrs nachträgliche Konsens-Signale gegeben hat. Vermutlich (wie gesagt unter der Voraussetzung, dass die Vorwürfe stimmen) steigt die kränkende Wirkung dann sogar und liefert die Grundlage für das Gefühl, benutzt worden zu sein.

    Ob Assange (und seinen zahlreichen Helfern/innen!) wegen Wikileaks Vorwürfe gemacht werden können, finde ich schwer zu entscheiden – auch wenn es sicher ist, dass eine Reihe von Menschen infolgedessen gestorben sind. Eventuell ließe sich auch argumentieren, dass die Offenlegung der mörderischen Praktiken des US-Militärs Leben gerettet hat, und außerdem die Praxis der Verschleppungen in Geheimgefängnisse deutlich reduziert hat.

    Für mich persönlich sehr wertvoll waren z.B. die zuvor geheim gehaltenen Hinweise darauf, dass die Brüder von Westerwelle allesamt Unternehmer sind, und auch sein Lebenspartner teils von Westerwelles Politkontakten profitierten. Das fand ich ziemlich interessant.

    In anderen Fällen (z.B. den US-Kontakten im Nahen Osten) war es absehebar, imho, dass die komplette Offenlegung Leben kosten wird. Dass auch hier das Quellmaterial nicht – teils – verfremdet/unlesbar gemacht wurde, halte ich auch für einen schweren Fehler der Wikileaks-Veröffentlichungen. Snowden zeigt imho, wie man es besser macht.

    Aber vielleicht haben die Wikileaks-Erfahrungen zuvor einfach gefehlt. Inzwischen sind wir alle klüger. Wikileaks inklusive, nehme ich an. Und ganz generell ist das Thema “Whistleblowing” ein ganz wichtiges, auch im Rahmen vom CC.

    Insofern kann ich gut verstehen, dass der CCC Assange sprechen lässt. Übergeschnappten bzw. selbstkritikunfähgigen Feminismus aus dem Umfeld der Mae-Mannschaft halte ich eher für eine Art popkulturelle Inszenierung und nehme ich – von Ausnahmen abgesehen – inhaltlich ohnehin kaum noch ernst.

    P.S.
    Um so mehr aber zählt für mich, wenn Frauen wie Julia Seeliger oder Kadda sich äußern!

    • Hey John,

      das ist evtl. ein Missverständnis, das in den Kommentaren eigentlich schon aufgeklärt wurde: Assange wurde nicht “durch den CCC eingeladen”, er hat mit Jacob Appelbaum einen Talk eingereicht. Meiner Ansicht nach sollten für ein Redeverbot hohe Hürden gelten.

      Schöne Grüße

      Julia

  14. Guter Text, beschreibt die Situation zutreffend. Ein Aspekt fehlt mir noch: recht viele aus den Hacker-Kreisen sind überzeugt, das die Vergewaltigungsgeschichte nach Handbuch inszeniert wurde, um Assange zu diskreditieren.

    Ist er ein Egomane? Ja, es hat den Eindruck wenn man sich seine Äusserungen durchliest. Ist er eindeutig ein “klassischer” Vergewaltiger? Nein, es ist eine Grauzone. Hatte der Vorwurf den gewünschten Erfolg? Klares ja, er ist seit Jahren festgesetzt, und wo immer er sich zu Wort meldet stehen sofort Feministinnen auf und fordern Verfolgung/Ausladung/Verurteilung.
    Das die Leaks Menschen umgebracht haben, ist selbstverständlich auch ohne Beleg sicher richtig, weil es ja plausibel klingt. In US-Spielfilmen wird dieses Bild (nein, wie überraschend) bestätigt. “Green Mile” zeigt deutlich, warum die Todesstrafe richtig ist, “Zero Dark Thirty” beweisst das Folter funktioniert und deswegen ok ist, und “Inside Wikileaks” zeigt uns das wahre Bild von Assange. Glaubt ihr das wirklich?

    Wikileaks ist erledigt, alle Mitarbeiter und Infos sind diskreditiert, “Mission Accomplished”. Das einzig gute daran ist, das Snowden wohl klar ist, das er besser im Zölibat lebt.

    • Die Beweise *gegen* eine Verschwörungstheorie sind hier zu gross. Man muss sich nur mit den Aussagen und Ansagen von Assange der letzten Jahre beschäftigen und auch die Relativierungen seiner Anwälte mit berücksichtigen.

      Das war dann vielleicht ein netter Versuch einer “Show”, aber überzeugen konnte es wohl die wenigsten.

  15. Nachbemerkung:

    Die Kommentare hier (von Boxi, Susamme Maier, Joschi und andere) sind echt nicht schlecht. Habe in einem Blog selten ein so hohes Kommentar-Niveau vorgefunden.

    • Da hast du absolut recht und ich bin wirklich sehr dankbar, dass sich alle außerordentlich konstruktiv verhalten hier. Das ist – wenn man sich mal umschaut, was für ein Ton anderswo in der Sache herrscht – schon bemerkenswert. Und die angekündigte strenge Moderation war in der Tat bislang gar nicht nötig.

      Vielen Dank an alle!

  16. Liebe Kadda,
    als ich den Text las, musste ich an einigen Stellen echt schlucken. Ich hatte/habe mich nicht sehr ausführlich mit den Vergewaltigungsvorwürfen gegen Assange auseinandergesetzt. Weil mir das alles zu vage ist, als dass ich mir da ein Urteil drüber bilden könnte. Dementsprechend bezieht sich das folgende auf deinen Text und ist keine Beurteilung der konkreten Vorwürfe gegen Assange.
    Die Zitate in deinem Text lesen sich so, als sei JA über die körperlich eindeutigen Signale hinweg und gegen den klar ausgedrückten Willen von AA ohne Kondom in sie eingedrungen.
    Diese Beschreibung für sich genommen beschreibt eine Vergewaltigung. Da sehe ich keinen Graubereich. Ein Nein muss nicht verbal geäußert werden, wegdrehen und Beine zusammenkneifen sind nun wirklich eindeutig genug.
    Weiter im Text liest es sich dann so, als habe er die gleiche Frau anschließend im Schlaf ohne Kondom penetriert. Auch hier habe ich Schwierigkeiten, einen Graubereich zu sehen, wenn ich einfach nur die von dir zitierten Textstellen zugrunde lege. Nein, eigentlich kann ich klar sagen: das ist kein Graubereich! Diese beiden Situationen, so wie sie in deinem Text durch die eingebetteten Guardian-Zitate geschildert sind, als Graubereich zu bezeichnen ist für mich Relativierung.
    Mittlerweile ist die Diskussion hier ja schon deutlich weiter, es gab verschiedene Kommentatorinnen, die mehr Kontext geliefert haben und vor allem die Information, dass im Falle von AA schlussendlich wohl doch ein Kondom benutzt wurde, macht für mich nachvollziehbar, wie du diese Situation als Graubereich bezeichnen konntest.

    Weshalb ich mich mit dem konkreten Fall Assange so gut wie nicht auseinander gesetzt habe und deshalb eben nur die Informationen, die du in deinem Text gegeben hast, bewerten konnte liegt daran, dass es hier ja nicht wie z.B. bei Kachelmann nur darum geht, Aussage gegen Aussagen gegeneinander abzuwägen, sondern es potentiell Dritte gibt, die durch gezielte Manipulation Einfluss auf mein Urteil nehmen. Das macht leider für Verschwörungstheorien anfällig. Und weil ich das nicht möchte, setze ich mich besser gar nicht weiter damit auseinander ;) (also mit den Vorwürfen gegen Assange kann ich mich nicht objektiv auseinandersetzen, mit dem NSA-Skandal setze ich mich sehr wohl auseinander, nicht, dass hier Missverständnisse entstehen)

    Ansonsten haben die Kommentare hier meiner Meinung nach viele gute Einwände und Ergänzungen geliefert, danke dafür.

    Außerdem hatte ich noch einen ganz tollen Gedanken, warum diese konkrete Situation mit Assange aus ganz anderen Gründen interessant ist, der mir leider nicht mehr einfällt. Ich werde versuchen, ihn sofort aufzuschreiben, falls er wiederkommt… (aber vielleicht hat er sich auch im Zuge der Diskussion hier in Wohlgefallen aufgelöst bzw. wurde schon von wem anderes thematisiert und Wiederholungen langweilen mich…)

  17. “Ich bin Feministin, aber ich hatte durchaus schon sexuelle Beziehungen, in denen das eben nicht der Fall war. Da wäre es angesichts aller Rahmenbedingungen, Vertrauen, auf Augenhöhe sein, eine rauschhafte Nacht erleben und und und… durchaus denkbar gewesen, dass so etwas konsenuell passieren konnte. Es ist absolut falsch zu behaupten, es sei ja völlig klar, dass so eine Handlung generell Vergewaltigung sei. Es kommt auf die Rahmenbedingungen an und auf die Beziehung.”

    Diesen Absatz finde ich nach wie vor sehr problematisch. Das ist in meinen Augen Relativierung. Es kommt immer auf die Rahmenbedingungen an und auf die Beziehung. Ich muss nur an BDSM Beziehungen denken, wo das, was in anderen Kontexten massive Grenzüberschreitungen wären, Teil des konsensuellen sexuellen Spiels sein können.
    Eine Begegnung, die 2 Tage alt ist, in der es scheinbar die ganze Zeit einen Konflikt über die Benutzung von Kondomen gab, ist mMn nicht vergleichbar mit einer Situationen in Beziehungen, One Night Stands, whatever, wo es spontan zu Missverständnissen und allfälligen daraus resultierenden Grenzüberschreitungen kommen kann. Das geplante Verschieben einer Grenze bis über den klar kommunizierten Punkt hinaus ist nicht das gleiche wie im Rausch etwas zu tun, was nicht abgesprochen und dann “zufällig” grenzüberschreitend war

    • Liebe Miriam,
      Diese Stelle steht dort so, weil ich an mehreren Stellen las, dass es zu 100% klar sei: eine Frau, die man penetriert während sie schläft, werde immer vergewaltigt.
      Und das ist eben nicht immer so. Ja : es ist ein Relativieren. Denn die Umstände spielen immer eine Rolle. Auch wenn man sich erst kurz kennt.

      Was ich allerdings nicht will: dass mein Text gelesen würde, als würde ich mich auf Assanges Seite stellen. Ich weiß schlicht nicht, was in beiden Situationen passiert ist. Ich war nicht dabei und es stehen Aussage gegen Aussage. Die Aussage Assanges ist in beiden Fällen: es war Konsens. Die Aussagen der Frauen: es war kein Konsens.

      Und da kommt die Sache mit dem Graubereich ins Spiel: ich glaube, dass es zwischen Menschen im Sexuellen Situationen geben *kann*, in denen der eine da subjektive Gefühl hat, vergewaltigt worden zu sein. Und der andere hat das subjektive Gefühl, dass alles konsensuell geschehen ist. Und beide subjektiven Gefühle sind für sich genommen “richtig”. Das ist, was mich so ärgert, dass kaum jemand so differenziert und dies sieht. Ich *weiß* nicht, ob es im Fall Assange so war. Ich bin nicht befugt, ich bin aufgrund meines (fehlenden) Wissens auch nicht in der Lage, das zu entscheiden.

      Alles was ich mir wünsche war, und deswegen der Text, zu sagen: alle die grade am lautesten schreien, wissen es genauso wenig. Sie wiederholen lediglich, dass alles 100% sicher und klar sei. Aber durch diese Wiederholung wird es nicht richtiger.

      Und ich wollte den Text nicht noch länger machen – außerdem ist es urheberrechtlich schwierig mehr zu zitieren. Deswegen steht meine mehrfache Aufforderung, die Quellen im Guardian vollständig zu lesen. Vielleicht hätte ich noch deutlicher Kennzeichnen sollen, dass beide Aussagen von zwei unterschiedlichen Frauen kommen. Das werde ich nochmal überarbeiten.

      Danke jedenfalls für deinen Kommentar. Viele Grüße
      Kadda

      • Liebe Kadda,

        “Und da kommt die Sache mit dem Graubereich ins Spiel: ich glaube, dass es zwischen Menschen im Sexuellen Situationen geben *kann*, in denen der eine da subjektive Gefühl hat, vergewaltigt worden zu sein. Und der andere hat das subjektive Gefühl, dass alles konsensuell geschehen ist. Und beide subjektiven Gefühle sind für sich genommen “richtig”. Das ist, was mich so ärgert, dass kaum jemand so differenziert und dies sieht. Ich *weiß* nicht, ob es im Fall Assange so war. Ich bin nicht befugt, ich bin aufgrund meines (fehlenden) Wissens auch nicht in der Lage, das zu entscheiden. ”

        Word!
        Ich weiß, dass es im Prinzip oben schon so stand, aber so, wie du es hier geschrieben hast, ist es nochmal so viel klarer. Danke, dass du es nochmal erklärt hast. Ich finde es enorm wichtig, dass man Unklarheiten anspricht, nachfragt, etc. um Missverständnisse auszuschließen. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass irgendwer auf dieser Welt schonmal einen Text geschrieben hat, der von *jeder* Rezipientin auf Anhieb genau so verstanden wurde, wie er gemeint war. Nur weil ich *meine* zu wissen, wie du diesen Text gemeint haben *musst*, heißt es nicht, dass ich Recht habe. Kommunikation hilft da. Deshalb nochmal Danke!, dass du mich zum kommentieren ermuntert hast (ich tat es zuerst nicht, weil ich mir irgendwie nicht so richtig vorstellen konnte, dass du das so gemeint haben kannst, wie ich es gelesen habe und dich deshalb nicht plötzlich für eine Vergewaltigungsrelativiererin halte. Da es aber viele andere Menschen nun zu tun scheinen, dachte ich mir, ich frage vielleicht doch nochmal nach. Ich fürchte leider, dass sich auch deine ausführlichen Ausführungen nachträglich nicht mehr auf das von Anderen bereits gefällte Urteil auswirken :( )

      • Deine Relativierung teile ich prinzipiell. Auch wenn mir persönlich die Beschreibung des angeblichen Paarungsverhaltens JAs, außerhalb von vereinbarten Mustern in Beziehungen kräftiges Unbehagen macht: wenn alle Beteiligten das akzeptabel finden, ist es ihre Sache und interessiert mich auch nicht weiter. Ob das tatsächlich so war, ist für Außenstehende vermutlich sehr schwer herauszufinden.

        In der Diskussion spielt aber wohl das “Definitionsmacht”-Konzept eine Rolle. Entscheiden, ob eine Vergewaltigung oder Nötigung stattgefunden hat, darf demzufolge nur diejenige, die sich als Opfer sieht; ein Infragestellen von AAs Perspektive oder ihrer Glaubwürdigkeit angesichts ihres späteren Stimmungswandels ist prinzipiell unzulässig. Das erklärt möglicherweise die heftige und oft geradezu haßerfüllte Reaktion auf die Entscheidung der Kuratoren des 30c3 oder Deinen Text.

        • keine Frage lieber Joscha: mir macht das auch sehr sehr kräftiges Unbehagen. und meine persönliche Meinung ist, dass dieser Mensch ein Arschloch ist. ich würde einen riesen Bogen um so jemanden machen. darum ging es mir ja ua auch im Text: ich habe Erfahrungen solcher Art gemacht und das kann man nicht einfach wegwischen. mir sind da manche Leute zu wirsch gegen Feministinnen, die hier Einwände haben und aufzeigen wollen, wie schlimm nicht-konsensualer Sex für betroffene Menschen ist.

  18. Darf ich noch etwas sagen zum aktuellen Posting von Dir, Kadda?

    Aus meiner Sicht ist eine Penetration während die Frau schläft, immer eine Vergewaltigung. Es sei denn, sie macht es vorher deutlich, dass sie eine reale Umsetzung dieser ‘Phantasie’ wünscht. Dann kann man sich mit viel Gefühl an die Umsetzung, die in der Regel auch von anderen Dingen, wie Tagesverfassung etc. abhängig ist, machen. Diese Konstellation war bei Frau AA und Assange unbestritten nicht gegeben!

    Will man nun auf einen Graubereich kommen, muss man fast schon alle Indizien und Beweise beiseite wischen und sich allein auf die Aussagen konzentrieren. Mit Indizien und Beweisen meine ich, dass Frau AA erst nach gründlicher Überlegung sich bei der Polizei beraten hat lassen und selbst gar keine Anzeige angestrebt hat; dass es von Assange auch Statements gibt, die relativ eindeutig sind; dass Assange sich auf eine seltsame Weise der Justiz entzogen hat.

    Letztlich geht es aber um die beiden Aussagen. Ein beschuldigter Vergewaltiger leugnet die Tat fast immer. Sind die Beweise offensichtlich, dann relativiert er, bringt SM ins Spiel oder beteuert, dass er bester Absicht war und die Signale der Frau nicht so verstanden hat, wie sie selbst. War es jemals anders? Kann mir irgendjemand einen Fall nennen, wo es anders war? Selbst wenn ein Vergewaltiger im ersten Moment alles gesteht, beginnt die Relativierung mit seinem Anwalt.

    Entsprechend fallen die Strafen aus, falls es überhaupt welche gibt.

    Deshalb kommt es in erster Linie auf die Aussage der Frau an! Wenn es für sie eine Vergewaltigung war, dann war es eine Vergewaltigung, denn emotional und für die Psyche dieser Frau ist es in diesem Fall eine Vergewaltigung. Egal, was ihr irgendwelche anderen Leute einreden oder erzählen wollen. Die betroffene Frau hat dann unter den Folgen einer Vergewaltigung zu leiden. Eine Verurteilung des Täters mögen die Folgen abmildern. Ein Gerichtsurteil, dass Aussage gegen Aussage im Zweifel für den Angeklagten gesprochen wurde, verschlimmern die Folgen.

    Selbst wenn es einen ganz ähnlichen Fall mit einer anderen Frau gibt, die das dann als Graubereich (und nicht als Vergewaltigung) wahrnimmt, bleibt es doch für die Frau im ersten Beispiel eine Vergewaltigung.

    Deshalb wünsche ich mir, dass die Aussage der Frau entsprechend höher gewichtet wird, denn wenn es für sie so war, dann ist es für sie auch so. Der Angeklagte darf und wird in der Regel lügen, um sich nicht selbst zu belasten. Das funktioniert bei offensichtlichen Beweisen (z. B. Mord mit Zeugen und DNA, Blut …) dann hoffentlich nicht. Bei Vergewaltigungen gibt es allerdings selten Zeuginnen und es gibt immer den Ausweg zu sagen, dass sie es so wollte oder dass man nicht gewusst hätte, dass sie es nicht so wollte.

    • “Wenn es für sie eine Vergewaltigung war, dann war es eine Vergewaltigung, denn emotional und für die Psyche dieser Frau ist es in diesem Fall eine Vergewaltigung.”

      Das ist eine rein psychologische Aussage, die für das Strafrecht vollkommen irrelevant ist. Ebenso ist es ggf irrelevant für Menschen, die sich für völlig andere Aspekte der angeklagten Person interessieren. Es ist deren gutes Recht, strafrechtliche Maßstäbe an die Beurteilung der Fragestellungen anzulegen, die mit dem Thema des Congresses nichts zu tun haben.
      Es wäre ein sehr wenig erstrebenswertes Rechtssystem in dem ein Empfinden jedweder Art, egal von wem, maßgeblich für eine Verurteilung wäre

      “Egal, was ihr irgendwelche anderen Leute einreden oder erzählen wollen.”
      Andersrum wird da aber ebenso ein Schuh draus. Man kann einer Person ebenso einreden, dass die Situation, die sie als unangenehm empfunden hat, als Vergewaltigung zu empfinden sei und den psychischen Schaden einer solchen Manipulation mag ich mir ehrlich gesagt nicht vorstellen.

      • Liebe Miriam,
        Der Focus liegt sowieso schon beim Täter und allen geht es nur darum herauszufinden, wieso er das getan hat und wie man ihn möglichst rasch wieder in die Gesellschaft integrieren kann. Mich interessiert primär das Opfer und der Täter nur insoweit, wie ich zukünftige Verbrechen vermeiden kann und dem Opfer eine schnellere Regeneration verschaffen kann. Wenn das strafrechtlich nicht gewürdigt wird, dann sollten wir die Gesetze anpassen oder findest Du nicht auch? Immerhin sind das Gesetze von Männern für Männer, die gar nicht wussten oder wissen wie sich eine Vergewaltigung anfühlt und welche Folgen daraus entstehen. Ich kann mir gut vorstellen, dass bei dem Verbrechen der Vergewaltigung auch das Opfer in die Kompensations-Entscheidung miteinbezogen werden sollte. Das ist gut für die Psyche und Seele der betroffenen Frau und hilft ihr schneller darüber hinweg zu kommen.
        Gesetze sind nicht in Stein gemeisselt!

        • Liebe Gan-Chan,
          ich schrieb es oben bereits: In einem Rechtsystem, in dem ein Empfinden einer Person maßgeblich an der Urteilsfindung beteiligt ist, möchte ich nicht leben. Es hat gute Gründe, dass Selbstjustiz in Rechtsstaaten nicht vorgesehen ist. Natürlich sind Richterinnen nicht objektiv, natürlich ließe sich viel daran verbessern, wie strafrechtliche Aufklärung stattfindet. Eine 100% objektive Justiz ist eine Utopie, aber die Alternative kann meiner Meinung nach nicht eine von vornherein subjektive Instanz sein. Deshalb bin ich entschieden der Meinung, dass im Strafrecht(!) tatsächlich die Täterin im Mittelpunkt stehen sollte. Das heißt aber nicht, dass z.B. die Medien das genauso handhaben sollten. Da kann durchaus die Opferperspektive wichtig sein, um zukünftige Straftaten zu verhindern. Ebenso ist auch nichts dagegen einzuwenden, dass es institutionalisierte psychologische Betreuung für das Opfer gibt, bei der das Opfer im Mittelpunkt steht.

        • Ich finde einen Gedanken in der Frage, wie mit Vergewaltigungen vor Gericht umgegangen wird, sehr sehr wichtig. Und gerade bei Kachelmann (und auch bei Strauß-Kahn, aber auch bei Assange) hat man gesehen, wie es nicht laufen sollte:

          In dubio pro reo – finde ich sehr sehr wichtig. Was aber passiert ist, dass die Leute anfangen aus “in dubio pro reo” eine Schuldvermutung des Opfers zu basteln. Aus “man muss davon ausgehen, dass der Täter es nicht wahr”, wird: “Man muss davon ausgehen, dass das Opfer hinterhältig und listig ist und lügt”.
          Das finde ich hochschlimm.

          Denn: Die gleichen Leute, die “in dubio pro reo” so hochhalten und auf den Altar heben, beschuldigen gleichzeitig jemanden einer Tat, ohne dafür jegliche Beweise zu haben. Anders ausgedrückt: Für das Opfer, das nun angeschuldigt wird, gilt “in dubio pro reo” plötzlich nicht! Und so wird es auch behandelt! Daher rührt so unendlich viel Schikane und Psychischer Terror in unserem Rechtssystem! Wie gesagt: Bei Kachelmann konnte man das beobachten, wie sich alle möglichen “Journalist_innen” bereits zu Beginn des Prozesses GANZ SICHER waren, dass das Opfer lügt.

          Und Kachelmann hat NACH dem Prozess noch einen drauf gesetzt mit seinem ganz ganz schlimmen Buch der “Opferindustrie”.

          • Deshalb finde ich es gerade bei Vergewaltigungs-Verbrechen das Prinzip IN DUBIO PRO VICTIMA nicht ausser Acht zu lassen.

            Ansonsten ist mir ein IN DUBIO PRO FEMINA sehr wünschenswert.

  19. Liebe Kadda,

    tl; dr: Wer Helden braucht, soll antike Mythen lesen oder WoW spielen gehen.

    Dein Text ist ein ganz guter Beitrag zur Meinungsfindung, auch wenn er mir persönlich noch nicht abschließend weitergeholfen hat. Der Hinweis, dass es um einene gemeinsamen Talk von @ioerror und JA geht und nicht um eine Keynote ist mir persönlich wichtig – aber wird Kritiker*innen von ‘rape culture’ nicht zufriedenstellen.

    Was ich aber ja so gar nicht verstehe: Heldenverehrung? W/o.Ot\?
    Formulierungen wie “Meritokratie” (von dir nicht benutzt, THX!) und “Heldenverehrung” sind a) nicht wirklich kompatibel und b) kontraproduktiv. Frank hat mit seinem tweet echt danebengegriffen, und die Debatte so mit abgefacht. Es braucht keine “Helden”. Wen die Moderne, und Postmoderne, und post-Postmoderne uns irgendwas klargemacht hat, dann doch wohl das: es gibt keine “fehlerlosen” Helden. Helden sind was für Mythen. Heroes will fail and fall. Auch Nobelpreisträger*innen, die besten Forscher*innenpersönlichkeiten, Entdecker*innen: ihr öffentliches Bild ist verzerrt, und sie sind fehlbar. Manche sind sogar riesige Arschlöcher, Egoman*innen, Autokrat*innen, Soziopath*innen.

    Vorbilder, Leitbilder, Persönlichkeiten: such dir was aus. Aber Helden: NO WAY.
    Mir wären Persönlichkeiten (auch definiert durch ihre Verdienste) genehm. Dazu gehört auch, ihre Fehler eben nicht auszublenden. Und im Zweifel auch mal zu sagen, das es ein Problem mit den sonstigen Facetten einer Person gibt.

    Für’n 3C wäre mit ja sowas sowas recht gwesen wie: Ey, Julian, wir akzeptieren euren Talk, aber kann Jacob den bitte alleine halten? Weil, you know, Heldenverehrung ist schon lange fehl am Platz. Und dann gibt’s da noch diese Vergewaltigungsvorwürfe, die dich für ca. 50% der Weltbevölkerung ziemlich schwer erträglich machen – und bei der du auch ohne Verurteilung echt keine ganz gute Figur machst.
    Würde wohl einen anderen shitstorm auslösen. Vielleicht auch keinen produktiven.

  20. Sehr guter Text!

    Was mich schockiert, ist diese unglaubliche Schwarzweißmalerei. Assange ist wohl eine schwierige Person, man bezeichnet ihn als Egomane, aber hat auch unbestreitbare Verdienste mit Wikileaks (= Wikileaks hat nicht zuletzt dank seines selbstbewussten Auftretens diese Aufmerksamkeit erhalten, auch wenn anonyme Whistleblower die eigentliche Arbeit gemacht haben). Muss man ihn als Helden bezeichnen, vergöttern? Nein. Und ihn sicher nicht pauschal von Schuld freisprechen. Aber man sollte ihm zuhören. Der CCCongress ist schließlich ein Ort, wo es nicht darum geht, Personen zu feiern, sondern um zu diskutieren und zu lernen. Und das beinhaltet auch, zu hören, was kontroverse Persönlichkeiten zu sagen haben. Man muss Assange nicht mögen, man kann ihn menschlich hassen, aber man kann ihm trotzdem zuhören, sich eine Meinung bilden, und versuchen, seine Denkweise zu verstehen.

    Wie konnte es eigentlich so weit kommen, dass auf dem CCCongress auf eine derartige Weise Menschen vorverurteilt und in “gut” oder “böse” einsortiert werden? Dass man umstrittenen Personen ein Redeverbot erteilen will, anstatt deren Denkweise zu verstehen? Das finde ich das eigentlich Erschreckende hier.

    Assange hat übrigens so einen Videovortrag schon diesen Sommer auf der “Observe. Hack. Make.” in Holland gehalten; ich habe nur kurz reingeschaut, und fand seinen Vortragsstil sehr ermüdend. Ach ja, als Held wurde er dort sicherlich nicht gefeiert, sondern es war nur ein Vortrag von vielen, der anscheinend kein besonderes Aufsehen erregt hat.

  21. Kompliment für das nüchterne Aufzeigen wichtiger Differenzierungen. Einige Ergänzungen jenseits der Diskussion um den Vergewaltigungsbegriff:

    Wenn gefragt wird, ob Anschuldigungen wegen Vergewaltigung ein Grund sein sollten, jemanden von Symposien und Kongressen auszuschließen oder ob man wegen seinem Beitrag zum Gemeinwohl derartige Zweifel ruhen lassen sollte, findet eine Güterabwägung statt. Ob man diese auf sehr subjektiver, affektiver Ebene trifft oder sachlich und kritisch reflektiert: Werte werden dabei bedingungslos und eher kühl gegeneinander ausgespielt und aufgerechnet. Sachleistung gegen Sittlichkeit, Gesetzesbruch gegen Gemeinwohl, Machterhalt gegen Menschenleben, ein Menschenleben gegen drei.

    Assange trägt eindeutig narzisstisch-elitäre Züge, leidet schwer an Selbstüberschätzung – die hier wiederholten Übergriffe der Frau gegenüber sind glaubwürdig. – Die Frage ist: Erklärt sich, wer Assange glorifiziert, protegiert oder auch nur die Folgen seiner Handlungen befürwortet, automatisch einverstanden mit seinen sexuellen Grenzüberschreitungen? Und womit noch so, mit allen Aspekten seiner Persönlichkeit überhaupt? Was mich betrifft: Nicht einmal, wenn es sich um meinen besten Freund handelte, wäre eine von ihm begangene Vergewaltigung etwas, von dem ich sagen könnte “Damit war ich einverstanden, weil ich ja auch mit ihm als Freund einverstanden war”.

    Was mich an diesen naiven, spiegelfechterischen Debatten stört ist nicht nur, wie sie moralisches Begründen und Wahrheitssuche sowie die Person Assanges und die Folgen seiner Handlungen durcheinanderbringen, sondern die verfehlte Einschätzung der ethischen Ausgangssituation: Der Glaube, man könne auch dann noch auf sittlich makellosen Weltverbesserern bestehen, wenn die etablierten Mächte routinemäßig und in eklatanter Weise wissentlich und wiederholt gegen jede Sittlichkeit und jedes Gesetz verstossen haben, dass man jederzeit damit rechnet. Er ist ähnlich lächerlich und luxuriös verwirrt wie die Vorstellung, man könne mit Sitzblockaden Regierungen stürzen, wenn man nur lange genug sitzen bliebe.
    Wer sich derart blindsüchtig moralischer Ideale bedient, um reale (und gute) Veränderungen in der Welt für sich zu verordnen, beweist einen Mangel an Pragmatismus, der ihn für politische Betrachtungen disqualifiziert.

    Ich bin überrascht, wie eindeutig Sie die Frage beantworten, ob Assange Ermordungen direkt zu verantworten hat.

    … Quelle im Europaparlament erfuhr, dass man davon ausgehen kann, dass in beispielsweise Syrien unzählige Menschen getötet wurden, weil man ihre Namen in Leaks fand, die einen Zusammenhang mit den USA herstellten

    Keine Zahlen, keine Namen, nur Extreme (“unzählige Menschen getötet”), aber man kann “davon ausgehen”, dass es geschehen ist – ohne Sie oder Ihre Quelle angreifen zu wollen, ich finde das vage bis unentschlossen, es klingt reichlich vorbeeinflusst. Fakt ist, dass die USA dieses Argument weit über Gebühr gegen Assange in Stellung gebracht haben; Fakt ist, dass sie diesbezüglich behaupten können, was sie wollen (Stichwort verhinderte Terroranschläge) – wir können es nicht überprüfen. Ich bezweifle, dass zwischen der Veröffentlichung eines Leaks und seiner vollständigen Sichtung (hier kommt es darauf an, wer schneller ist) kein Zeitfenster besteht, die Mehrheit der gefährdeten Personen aus ihren Einsatzgebieten abzuziehen.

    Aber angenommen, es stimmte:
    Dann wären Assanges Leaks tatsächlich hinreichende Bedingung dafür, dass Menschen wegen ihrer angenommenen Verbindung mit den USA umgebracht wurden, und es bestünde ein unmittelbarer kausaler Zusammenhang. Die Frage der Verantwortung aber ist nicht zu lösen ohne eine Betrachtung der Entwicklungen, die dazu geführt haben, dass Menschen in einem Land allein deshalb umgebracht werden weil man annimmt, sie stünden im Sold der USA. Wenn fremde Mächte in Syrien einen Krieg anzetteln und Menschen dafür bezahlen, versteckt für sie zu arbeiten, haben sie damit die notwendige Bedingung dafür geschaffen, dass diese Leute bei Enttarnung ermordet werden (und das beginnt nicht erst mit dem Bürgerkrieg in Syrien, sondern mit der interventionistischen und imperialistischen Außenpolitik der USA seit dem Ende des zweiten Weltkrieg). Deswegen ist Assange nicht unschuldig, aber ihm alleine die politische und moralische Verantwortung für diese angeblichen Ermordungen aufzuzwängen, schlägt fehl – gesetzt den Fall, dass diese Dinge überhaupt vorgekommen sind.

    Um auf den Aspekt der Güterabwägung zurückzukommen: Sollten wir Leaks ablehnen, weil wir fürchten, dadurch kämen Personen ums Leben? Die andere Seite dieser Frage lautet: Ist der Erhalt des status quo eine Alternative? Denn darauf läuft die Ablehnung der Leaks hinaus. Jeden Tag sterben, wie gesagt, zig Menschen in von den USA fabrizierten Kriegen oder kriegsähnlichen Szenarios, jeden Tag werden die Leben von zig Hinterbliebenen irreparabel beschädigt. Die Geheimhaltung ist eine zentrale Stütze des Machterhalts, und die Leaks haben diese Stütze angesägt; das ist die notwendige psychologische Voraussetzung für politische Veränderungen. Die Güterabwägung lautet also: Ist uns der Bruch der bestehenden Machtverhältnisse ein paar hundert Menschenleben wert? Oder verharren wir in einem status quo, der seit über einem halben Jahrhundert Millionen von Menschenleben gefordert hat? Die Antwort gibt sich selbst.

    Niemand möchte die Frage in dieser Form öffentlich stellen, aber darauf würde es hinauslaufen. Nicht für die USA-amerikanischen Eliten, sondern für die Befürworter einer freieren Welt; und konsequent bringen die USA diesen Vorwurf als argumentative ultima ratio gegen Assange in Stellung: Seht her, der bringt Menschenleben in Gefahr. – Wieviel die Banditen selbst haben sterben lassen, findet mit keinem Wort Erwähnung.

    • Die Theorie Assange verantwortlich für Tote in Syrien zu machen halte ich auch für sehr gewagt. Bestenfalls kann man über eine moralische Mitschuld sprechen. Aber selbst diese sehe ich bei Assange hier nicht. Allerdings habe ich den Eindruck, dass ihm seine Informanten egal waren, nachdem er die Informationen hatte, die er veröffentlichen konnte. Da würde ich eher ansetzen.

      Auch halte ich nichts von absoluten Wahrheiten, wie die USA würden Kriege anzetteln. Da gibt es ganz andere Fälle und die USA war da auch oft bemüht zu helfen. Im Moment ist es eben schlecht, weil Obama in der Aussenpolitik versagt hat.

  22. TL:DR
    Ich bin seitdem 16c3 dabei, aber ich bin von den Femnazis aufm 29c3 so verschreckt worden, das ich erstmal nicht mehr zu ccc veranstaltungen kommen werde. :(

    • Ach – lass dich doch nicht vergraulen. Ich glaube, dieses Jahr würde die Orga damit auch nicht so überrumpelt werden und eingreifen.

  23. Danke fuer diesen guten Text, dem ich in weiten Teilen zustimmen kann. Nur zwei Anmerkungen:
    Die hervorgehobene Pauschalisierung “Das ist eine Erfahrung, die keiner der Hacker je machen wird, …” ist in ihrem absolutem Anspruch schlicht falsch. Nur weil Frauen haeufiger Opfer sexueller Gewalt sind, sind sie bei weitem nicht allein(*). Dies zu behaupten ist nicht nur Unsinn sondern insb. im hoechstem Mass verletzend fuer maennliche Opfer sexueller Gewalt (Feministen wuerden das wohl Trigger nennen?).
    Zur “Heldenverehrung” von Assange und Snowden sei doch der bessere Held: Ich glaube, da spielen zwei Faktoren eine Rolle. Zum einen: Ich kann mir gut vorstellen, das Snowden sich nicht als Redner in den Vordergrund spielen will, da dies der Bedeutung seiner Nachrichten abtraeglich ist (und es Gegnern ermoeglicht ihn und seine Sache mit “er will doch nur Ruhm” anzugreifen). Ich kann mir vorstellen, das Snowden _deshalb_ nicht fuer einen Vortag zur Verfuegung stand (zumindest so lange wie die Veroeffentlichungen anhalten). Aber sicher: Snowden ist der perfekte Held — und genau deshalb wuerde ich insb. bei dem Topic eine Laudatio von Assange und Applebaum auf Snowden erwarten — eine “Staffeluebergabe”, der alten Garde an die junge. Und das funktioniert eben genau _nicht_ wenn Snowden selbst der Redner ist. Zum “Das ist keine Keynote” hat Julia schon alles gesagt und es ist ein weiteres Indiz fuer “Laudatio/Staffeluebergabe”.

    (*) oh, und: und nicht alle Hacker sind maennlich

    • Hallo,

      Ich wurde schon mehrfach auf die Stelle hingewiesen, wo ich behaupte, Hacker würden so eine Erfahrung nicht machen. Deswegen: ja. Du hast Recht. Das ist zu pauschal und das ist der Überspitzung im Text geschuldet. Nur dass es an dieser Stelle nicht sein müsste. tut mir leid. Ich werde es ggf ergänzen, wenn ich noch einmal überarbeite.

      Auch dass es Hackerinnen gibt ist natürlich richtig. Aber in meiner Wahrnehmung ist es ein Graben, der weitestgehend – nicht zu 100%, aber weitestgehend – zwischen den Geschlechtern verläuft.

      Auch hier: Zuspitzung meinerseits. Auch die Feministinnen sind auf diese Weise zugespitzt und damit konstruiert. Es gibt etliche Männer und auch ein paar Hacker, die stellen sich nicht minder laut auf diese Position, dass Assange ohne Zweifel als Vergewaltiger zu bezeichnen sei.

      Also danke für deine Ergänzungen. Und sorry für die Überspitzung

  24. “Das ist eine Erfahrung, die keiner der Hacker je machen wird, je nachvollziehen können wird oder auch nur in Betracht ziehen wird, wenn er im Heiligen Krieg für die Freiheit den Feministinnen eins überbrät.”

    Nein, die wird kein Hacker je machen? Das finde ich zutiefst vorverurteilend und an der Realität vorbei.

    Been there, someone has done that to me.

    Ich würde mir wünschen, dass du in Zukunft etwas mehr überlegst wie du zu deinen Urteilen kommst und ob sie denn genau auch so zutreffen. Verstehe mich nicht falsch, der Artikel ist super, nur in diesem einen Punkt liegst du so falsch wie du nur liegen kannst. Jedenfalls was meine persönliche Vergangenheit angeht.

    Viel Spass auf dem Congress ;) Schön auch mal so differenzierte, wenn auch klar orientierte Meinungen zu hören.

    • hallo,

      du hast recht. ich schrieb es schon weiter oben und schreibe es gerne noch einmal: das war zu pauschal. und es tut mir leid, da Erfahrungen wie deine mit weggeredet zu haben.

      viele Grüße

  25. in dubio pro reo aufweichen ist kontraproduktiv… denn durch die in gesetz und verfassung verankerte gleichbehandlung öffnet man damit Tür und Tor für sonderregelungen aller gruppen: und das wollen wir dann wirklich nicht!

    Denn die opfer auf allen ebenen sind meist nicht die mit großen lobbying budgets… daher brauchen gerade einfache Bürgerinnen das prinzip aus Selbstschutz. ..

  26. „Ich bin Feministin.“

    Es gibt keinen ersichtlichen Grund, jetzt noch weiterzulesen.

    Als Kind der neunziger war das ja lange keine Frage für mich: Feminismus = gut. Oder notwendig. Oder sogar beides.

    Nicht mehr. Er ist hässlich geworden, Vergleiche zur Religionen drängen sich auf. Eine einzige Anklage- und Vorwurfsmaschine gerichtet gegen die — alle — Männer, welche dann, oh Graus, doch den ganzen Laden schmeissen. Man stelle sich vor sie streikten doch mal irgendwann.

    Feministinnen gehen ja gemeinhin davon aus, dass er die Frauen befreit hat. Aber das ist nicht, wie die Dinge sind. Technologie ist dafür verantwortlich. Die Technologie der weißen Männer. Das ist sicher schmerzhaft.

    Feminismus, nein danke.

    • hallo karl,

      ich weiß nicht, ob es dich dann übhaupt interessiert, denn wenn du nicht weiterliest, warum dann noch anderweitig mit Feminismus befassen? abwr ich habe zwei Dinge zu deinen Ausführungen zu sagen:

      1.) wäre es ein bisschen ironisch, wenn du mit “er ist hässlich geworden” genau das meinst, was mich selbst immer wieder aufregt, worüber ich selbst auch oft genug gebloggt habe und das mich aus vielen Kreisen des Feminismus (vor allem im Netz) herausgedrängt hat.

      2.) wenn du doch weitergelesen haben solltest und vielleicht gemerkt hast, dass ich versuche differenziert zu sein und rational an die Sache ranzugehen, könntest du als zweiten Schritt den Lila Podcast hören. und vielleicht ein paar Vorurteile abbauen.

      der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung ändern kann… :)

      viele Grüße

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