Plattreden statt verstehen wollen

Es gibt da diesen Mann, der spaltet die so genannte Netzgemeinde. Dieser Mann behauptet, dass das Internet nicht nur und einzig ein Segensbringer ist, sondern hinter den schönen gadgets und wunderbaren kostenlosen Services eine Menge Tücken stecken.

Diesen Mann, Evgeny Morozov, habe ich bei einem Vortrag live erleben können. Davor habe ich schon zahlreiche seiner Kolumnen in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung gelesen. Bei seinem Vortrag erklärte er, was er mit dem Wort „Solutionism“ meint: er versteht darunter die Tendenz, Probleme durch digitale Anwendungen und Apps zu lösen. Ein Beispiel: jemand möchte aufhören mit Rauchen. Anstatt einfach damit aufzuhören, dirigiert er die Verantwortung für seinen Erfolg an eine App namens iQuit Smoking. Diese App überwacht, und dirigiert seinen Alltag, seine Ernährungsgewohnheiten,sogar ein bisschen seine Denkweise. Und zwar in denen sie mehrmals täglich Push Nachrichten sendet, die den Aufhörenden nötigen, einzugeben und festzuhalten, wie er sich in Bezug auf Rauchen, Ernährung und Gedanken in Bezug auf das Rauchen verhält.

Ähnliche Apps und gadgets gibt es für alle möglichen Bereiche des Quantified Self, also Gesundheit, Ernährung und Sport. Eher Zukunftsmusik scheint noch, eine Überwachung der eigenen Mülltrennung verknüpft mit einer App auf dem Smartphone, die meckert wenn man falsch sortiert, und wo man mit seinen Facebook Freunden teilen kann, wenn man seine Mülltrennung perfektioniert hat. Zukunftsmusik, die heute in einem kleinen Umfang schon gespielt wird.

Die Verknüpfung mit sozialen Medien ist ohnehin der Knackpunkt: der soziale Druck soll dazu genutzt werden, am Ball zu bleiben, nicht zu schwächeln und sich bloß keine Blöße zu geben etwas falsch gemacht zu haben.

Evgeny Morozov wendet ein, dass dieses Solutionism eine relevante Richtungsänderung in der Einstellung des Menschen zu: seiner direkten Verantwortung, politischer und struktureller Notwendigkeiten und Verantwortung, sowie sozialer Notwendigkeiten und Überwachung ist. Macht sich in unserer Zukunft jemand verdächtig, der kein Smartphone hat? Machen sich Menschen verdächtig, die soziale Netzwerke meiden? Und kann es sein, dass durch solche Apps befördert wird, dass Probleme deren Lösung eigentlich eine politische Angelegenheit wären, etwa Umweltprobleme, zu einem privaten und individuellen Problem gemacht werden, dessen Lösung durch Apps gesteuert wird?

Die Gedanken des jungen Weißrussen sind klug, und er belegt sie mit zahlreichen Beispielen die in die Richtung weisen, die er befürchtet. Das ist zumindest meine Einschätzung. Doch was ich in der Debatte um seine Thesen und Befürchtungen erlebe, ist Häme Ablehnung, wegignorieren. Die einen Lächeln einfach nur müde und benennen die Thesen als „Quatsch“. Die anderen ranten ganz offen und ohne scheu auf Twitter darüber, dass diesem jungen Mann in einer Zeitung wie der Frankfurter Allgemeinen Platz geboten wird, und behaupten einen Zusammenhang mit der Denkrichtung Frank Schirrmachers, den man gleich mit als hirnrissig abstempelt.

Bei genauerem hinsehen wird deutlich, dass diese starke Abwehr vor allem daher rührt, dass man selbst seit vier Jahren oder noch länger das genaue Gegenteil verkündet und damit das wenige Geld einnimmt, dass man zum Leben noch hat. Das Internet ist super, kostenlos ist toll, Werbung ist Klasse, und wenn die – jetzt hätte ich fast Stasi gesagt – SCHUFA Facebook und Twitter analysiert und in ihre Bewertungen mit einfließen lässt, ist das doch voll toll!

Evgeny Morozov wird dabei systematisch missverstanden. Und systematisch sage ich, weil ich denke dass es System hat, wenn man jemanden nicht liest, jemandem nicht zuhört und sich auf eine Debatte nicht einlässt, allein aus dem offensichtlichen Grund, weil es das eigene Theoriegebäude zum einstürzen bringen könnte.

Marco Herack hat die 600 Seiten des Buches smarte neue Welt von vorne bis hinten komplett gelesen. Im aktuellen Beitrag der Wostkinder erklärt er, was dieses Buch versucht. Ich bitte euch um freundliche zurKenntnisnahme.

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