Warum es hier kein Disqus gibt und auch nicht geben wird

Auf App.net hatte ich vor einiger Zeit eine längere Debatte über Disqus. Ich stimmte aus einem Bauchgefühl heraus jemandem zu, der Disqus ablehnte. Teils aus rechtlichen, teils aus ethischen Gründen. Das förderte eine Debatte über diesen Service – bei dem sich die Geister ziemlich spalteten. Disqus sei so nützlich, sortiere die Kommentare nicht so häufig in den Spam wie etwa die WordPress-Plugins. Okay. Nützlich. Aber so nützlich fand ich es gar nicht, denn ich hatte schon manches Mal Probleme, weil man mich vor dem Kommentieren zwang, mich irgendwo anzumelden. Und ich fand den Einwand besorgniserregend, dass das Disqus-Plugin sämtliche Kommentare importiert – auch die vor der Installation abgegebenen. Es ist auch kein Geheimnis, dass hinter den Bühnen Algorithmen über diese Kommentare laufen – das berichtet etwa Evgeny Morozov. Und wer vor der Installtion kommentiert hat, der hat diesem Speichern auf Disqus-Servern gar nicht zugestimmt.

Die rechtlichen Sorgen waren dann in der Diskussion recht schnell ausgeräumt: Durch das Abgeben eines Kommentars stimmt man automatisch den AGBs von Disqus zu. Auch, wenn man nur als Gast kommentiert. Diese AGBs beinhalten etwa, dass die angegebene Mailadresse wie auch der Kommentar selbst bei Disqus auf Servern gespeichert werden. Wer vorher kommentiert hat, hat dies ohnehin öffentlich getan. Kommentare können auch abonniert werden – und somit auch vorher schon gespeichert. Die Sache mit der Mailadresse wurde aber nicht ganz klar: Wird die auch von jenen Kommentaren importiert, die vorher abgegeben wurden? – Da bin ich mir nach der Recherche nicht so ganz sicher. Wenn ihr da mehr wisst – das würde mich noch interessieren.

Die ethischen Sorgen wiegen aber für mich ohnehin schwerer. Wer bei Disqus einen Kommentar abgibt, der Stimmt etwas zu, was hinter einem kleinen (sehr sehr kleinen) Fragzeichen-Button erklärt wird:

oben rechts sieht man das kleine Fragezeichen. Darunter ein kleiner Hinweis, was das hier alles eigentlich soll.

Ihre E-Mail-Adresse ist sicher. Aber was sind denn “optionale Benachrichtungen”. Und warum hat man das mit google-Übersetzung machen lassen? Fragen über Fragen…

Man kann dann klicken, dass man die AGBs lesen will – aber AGBs sind das nicht wirklich. Es sind Terms of Service - sprich: Da ist alles auf Englisch. Pech gehabt, wenn man das nicht versteht. Dann muss man einfach so gewievt sein zu wissen, dass sich hinter der netten Formulierung: “Ihre E-Mail-Adresse ist bei uns sicher. Sie wird nur für Moderation und optionale Benachrichtigungen verwendet.” versteckt: Du kriegst von unseren Servicepartnern, die uns dafür bezahlen, dass wir deine Mail-Adresse sammeln, Spam. Klar – rechtlich alles supi: man kann sich ja informieren. Hier steht es dann ja in den Terms and Policies:

To use the Disqus service, an email address, username and password are required. That’s it. We use personally identifiable information to deliver the Service, to comply with reasonable requests of law enforcement and recommend additional content to you, some of which may include content from advertisers.

Es geht also – wie immer – um Werbung. Und wieder wirst du zum Produkt. Mit dir wird gehandelt – ob du nun willst oder nicht.

Ich mache das hier nicht. Viele meiner Kommentatoren geben ihre echte Mail-Adresse an und das aus gutem Grund: Manchmal schreibe ich ihnen. Oder sie kommentieren mit einem anderen Namen, wollen aber, das wenigstens ich sehe, dass sie es sind… oder oder oder… Ich schreibe in meiner Netiquette, dass es mein Vertrauen in sie stärkt, wenn sie die angeben. Aber was ist mit dem Vertrauen der Kommentatoren in die Blogger?

Am unverschämtesten fand ich ein Blog, über das ich heute stolperte, das auch mit Disqus arbeitet: Hier darf man sich nicht einmal mehr als GAST mit falscher Mailadresse anmelden. Man MUSS sich mit einem sozialen Netzwerk oder mit Disqus selbst anmelden. Ich könnte jetzt von blankem Hohn reden, weil es um das Blog einer politisch aktiven Netzpersönlichkeit (inkusive Buch über das Netz) geht. Aber vielleicht nutze ich es umgekehrt und weniger gehässig als das, was mein eigentliches Anliegen für diesen Beitrag hier ist: Ich habe mich aus Gründen gegen Disqus entschieden und wünsche mir von anderen, dass sie wenigstens noch einmal drüber nachdenken. Und wenn sie meinen, ohne Disqus ginge es nicht: Dann klärt fairer Weise eure Kommentator_innen über die Sache auf. Auf Deutsch.

flattr this!

9 thoughts on “Warum es hier kein Disqus gibt und auch nicht geben wird

  1. Hallöchen Katrin!

    Danke, mehr kann man dazu eigentlich fast nicht schreiben! “Disqus” wird es auch bei mir nicht geben, das kommt auf meinem Blog garantiert nicht zum Einsatz. Eventuell werde ich darüber demnächst selbst noch einen Artikel schreiben, mal sehen.

    Ich halte es wie du:

    * Name
    * E-Mail-Adresse
    + Optional die Website

    Alles andere ist unwichtig, Statistiken führe ich auf meinem Blog eh nicht.

    Mach weiter so.

    Mike, TmoWizard

    • Hey,

      Danke. Genau – Statistiken hab ich auch nicht. Es lebt sich so gut ohne :)

      Ich glaube das Thema sollte man wirklich weiter verbreiten.
      Viele Grüße

  2. Gute Erklärung. Kann deine Entscheidung nachvollziehen.

    Für mich ist aber auch klar, dass ich bei Diskus bleibe. Weil es das beste System für Leute ist, die fremd hosten. Da habe ich die Kommentare eh auf fremden Servern liegen.Über eine Abschaffung von Diskus kann ich frühestens nachdenken, wenn ich mein Blog selber hoste. Ich weiss aber nicht, ob ich mir diesen Klotz ans Bein binden will …

    • Lieber egghat,
      Ist das problematischer, wenn man nicht selbst hostet? Da ist natürlich dann schwierig. Wie gesagt: wenn man sich aus guten Gründen für Disqus entscheidet, soll man es tun. Mir sind vor allem Infos wichtig

      Generell steht uns wohl eine Zeit bevor, in der es immer mehr darum geht, sich zwischen Datensouveränität und Komfort entscheiden zu müssen.

      Liebe Grüße
      Kadda

  3. Disqus kommt in keines meiner Blogs – und ich kommentiere auch nicht bei Disqus.

    Ganz einfach, weil ich gerne selbst die Kontrolle über Kommentare habe und die nicht einer Firma anvertrauen will, die ja einfach mal verschwinden kann.

    In meinem Hauptblog gibt es lange, intensive Kommenargespräche, die den Artikel quasi im kleinen Kreis weiter schreiben. Des öfteren ist der Beitrag selber nur ein “Schreibimpuls” und in den Kommentaren geht es erst richtig zur Sache.

    Insofern ist ein Blogposting OHNE das folgende Kommentargespräch für mich unvollständig. Sie gehören zum Blog, es ist mein “Salon” – nicht Überwachungsmodul irgend eines Unternehmens, das gerne Daten quer über viele Seiten sammelt.

    Inwiefern soll es übrigens bzgl. Disqus einen Unterschied machen, ob man selber hostet oder nicht? Sobald Disqus eingebunden ist, “gehören” die Kommentare auch Disqus – und werden auch nicht mehr in der “eigenen” Blogdatenbank gespeichert. Lassen sich bei “Umzug” also nicht mitnehmen.

    Ein weiterer Nachteil: Zum Namen der Kommentierenden wird nicht mehr deren Blog (falls sie es angeben wollen) verlinkt, sondern eine Profilseite bei Disqus.

    Kurzum: für mich hat Disqus nur Nachteile. Es reiht sich ein in eine ganze Reihe von Diensten, die gerne alles an sich raffen und wir sollen nurmehr die Inhalte zuliefern. Nein danke!

    • Wenn man den Gedanken zuende denkt, darf man auch nicht bei Blogs posten, die bei blogspot.com liegen (das ist Google). Und auch nicht bei WordPress.com. (und auch nicht bei Tumblr oder Twitter oder ADN). Alle krallen sich die Kommentare.

      Aus meiner Erfahrung kann ich dann in gefühlt 80% der Blogs meine Kommentare sein lassen. Anders gesagt: Den Großteil der Blogs, auf denen ich kommentiere, würde es gar nicht geben, wenn das nicht o einfach aufzusetzen wäre.

      (Ganz nebenbei können 99,5% der Internetuser überhaupt nicht unterscheiden, ob er gerade auf einem selbstgehosteten WordPress oder einem bei WordPress.com ist.)

      • Die großen Bloghoster haben einen Ruf zu verlieren und werden auch nicht mal eben einfach verschwinden, sondern krasse Veränderungen ankündigen, so dass man umziehen kann (sioehe z.B. Google bei Abschalten des GoogleReaders).

        Der springende Punkt ist die Trennung der Kommentare vom Blog, wie sie per Disqus stattfindet. Die werden gar nicht mehr in der Datenbank des Blogs gespeichert, können also auch nicht auf dem eigenen PC gesichert und bei Umzug nicht mitgenommen werden. Das sehe ich als “Enteignung”.

        Bei großen Bloghostern BESITZT man die eigenen Postings inkl. der Kommentare, denn man hat insofern Verfügungegewalt. als dass man sie sich regelmäßig sichern kann:

        Beispiel:
        https://support.google.com/blogger/answer/97416?hl=de

        Das mache ich im übrigen auch mit meinen selbst gehosteten Blogs, denn auch der Provider kann ja mal Opfer einer Katastrophe werden.

        Mit den gesicherten Daten ist jederzeit ein Wechsel des Hosters oder auch der Umstieg auf Selbsthosting möglich. Man ist somit nicht von einer Firma und deren Wohlverhalten abhängig.

  4. Das mit dem Ruf verlieren ist kein Argument. Das gilt für Bloghoster wie für Disqus.

    Wenn es nur um das “ich komme an die Kommentare ran, wenn es sein muss” geht:

    a) Disqus kann mit WordPress syncen. Sprich: Du bekommst jeden Kommentar über Disqus auch in das WordPress geschoben.
    b) Disqus hat ebenfalls eine Exportschnittstelle, die mir (damals beim groben Drüberschauen) besser aussah als die Schnittstelle, die Google mit liefert.

  5. Ich war ja (vermutlich) Teil der Debatte damals. Ich sehe hier drei Aspekte:

    1) der Kommentartext an sich ist per default öffentlich. Ähnlich wie bei Twitter sollte jeder(m) klar sein, dass dies weltweit und auf alle Zeiten verfügbar ist. Darauf sollte immer wieder penetrant hingewiesen werden, ist aber der default-Zustant von Social Media und auch gut so. Will ich das nicht, gehe ich eben in geschlossene Foren zum Gedankenaustausch (PHPBB etc.) die sind genauso schnell aufgesetzt wie Blogs.

    2) es ist ärgerlich, dass DISQUS auf der Herausgabe einer Mailadresse beharrt. Irgendeinen Identifier braucht es schon um Personen über mehrere Debatten identifizieren zu können, einen Gravatar anzuhängen etc. – aber ich sollte selbst entscheiden können, ob die eine OpenID, e-Mail oder wasauchimmer ist. Problem: auch dieses Blog hier fordert meine Mail ein. Warum eigentlich? Selbst wenn ich Kadda die gern anvertraue, gehe ich davon aus, dass dieses Blog hier aufgrund seines aufrührerischen Inhaltes längst auf einem NSA-Indexer liegt. Und damit meine ich auf Datei-/Datenbankebene des Hosters. Die Frage stellt sich für mich also nicht WEM gebe ich die eMail sondern WAS sind Alternativen für wirkliche Anonymität.

    3) der Grund, warum ich persönlich auf all meinen Blogs DISQUS einsetze ist nicht Bequemlichkeit und schon gar nicht Statistiken, sondern ein ganz anderer: alle anderen, insbesondere WP-Internen Lösungen sind FUNKTIONAL KAPUTT. Ich habe meine Mailadresse seit rund 20 Jahren. Damit stehe ich – wie wohl alle aus dieser Generation – auf sämtlichen SPAM-Listen der Welt. Es ist mir schlicht unmöglich, einen Kommentar etwa bei wir. müssen reden, Freakshow, Silencer, Sondersendung oder sonstwo abzusenden, ohne die Betreiber zu bitten die gleich aus dem SPAM zu fischen. DISQUS scheint der einzige Dienst zu sein, der das in den Griff bekommt. Wenn ich als Blogbetreiber das ignoriere, schließe ich systematisch (!) einen guten Teil der DiskursteilnehmerInnen aus. Checkt mal Eure Privilegien! Es ist völlig klar, das eine Open Source Variante hier dringend Not tut, und ich wäre gern bereit erhebliche Mengen Geld auf ein entsprechendes Croudfunding abzuwerfen.

    Zum Stand heute ist die Welt nicht so.
    Ich bin ausgesprochen gespannt, ob mein Kommentar hier durchkommt, sonst q.e.d.

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