Das Internet vergisst nichts

Richtig – umso wichtiger ist es, dass wir lernen zu verzeihen.

Ich gelte als „manchmal nicht so diplomatisch“(und schlimmeres), weil ich (obgleich in der Regel recht respektvoll und fair agierend) wenn ich wirklich wütend bin, manchmal harte Worte finde. Das ist nicht häufig, aber vielleicht gerade deswegen erschreckend. Denn von mir erwartet man das scheinbar nicht. Und außerdem bin ich eine Frau. Frauen erledigen sowas hintenrum. Fand ich immer schon scheiße.

Andere Menschen sind sehr viel unverholener nicht diplomatisch. Die harten Worte sind ihr Handwerk. Täglich.

Wieder andere Menschen sind in der Regel wie ich, aber manchmal geht es mit ihnen durch und anstatt die Sache zu reflektieren und von mehreren Seiten zu beläuchten, platzt es aus ihnen raus. Undifferenziert wird in alle Richtungen geschlagen, alles kurz und klein – was gerade da ist.

Das Netz ist in solchen Situationen nicht unser Freund. Es vergisst niemals und wenn wir in drei Jahren zu einem Thema etwas zu sagen haben, kann es gut sein, dass jemand unsere Sünden von heute heraussucht. All das kennen wir schon aus dem analogen Leben, den Grünen fliegen gerade Fehler von vor dreißig Jahren um die Ohren. Während man bei der CDU/CSU sehr schnell verzeihen kann. Und das ist vielleicht ihre Stärke.Auch im Netz erscheinen oft die als besonders stark, die sich eine Teflon-Schicht zugelegt haben. Aber wollen wir das? Gibt es keine Alternativen, solche die unsere Wut nicht stigmatisieren?

Ein Patentrezept habe ich nicht. Aber ich denke, dass wir lernen müssen, aktiv zu verzeihen, wenn wir nicht wollen, dass uns das Internet auseinandertreibt, wo wir zusammen stehen sollten. Gleichzeitig treibt es aber auch zusammen, weil in Hypes alle wie Lemminge in eine Richtung rennen. Es ist schwieriger geworden, bei sich selbst zu bleiben. Darauf zu fokussieren, was wirklich Freund und was wirklich Feind ist. Überhaupt zu fokussieren. Wir fasern aus.

Hinzu kommt der ausufernde Narzissmus. Narzisstische Persönlichkeiten sind so lange dein Freund, wie du sie nicht kritisierst. Die zweite Seite dessen ist das Überhandnehmen von

Wie geht aber verzeihen? Verzeihen geht in der Theorie so: Wir müssen uns fragen, ob wir wirklich eine Person aufgrund eines einzigen Fehlers (in unseren Augen – wichtig ist auch, zu versuchen die Position des anderen nachvollziehen zu können, aber ich weiß, wie viele Menschen daran scheitern) verbannen wollen. Wollen wir in einer Welt leben, in diesem Netz, in dem unsere Verbindungen sich durch Absolutismus nach Innen und absolutes Misstrauen nach außen kennzeichnen? Misstrauen, das verständlicherweise erwächst in einer Welt voller Kontingenz. Einer Welt voller Hypes, die mehr durch Reflexe bestimmt wird, als durch Reflexionen. Durch Differenzbetonung und Auseinanderdifferenzieren, als durch einfach nur differenzieren.

Wenn wir nicht verzeihen lernen, werden wir in die Extreme verfallen. Wer nicht verzeihen kann, kann in der Regel auch nicht gut kritisieren. Denn jede Kritik enthält die potentielle Gefahr, sich außerhalb eines Kreises zu stellen, dem man angehören möchte. Nicht unbedingt eines Freundeskreises, aber eines Diskurskreises. Nichtverzeihen und Kritikunfähigkeit sind nah verwandt. Beide führen zu Diskurskreisen, die sich gegen Kritik immunisieren möchten. In Zeiten einer immer größeren Öffentlichkeit, die durch das Netz ausufert, und damit einhergehend immer größerer Kontingenz eine aberwitzige Entwicklung. Denn je breiter die empfangende Öffentlichkeit, desto größer die Wahrscheinlichkeit für Kritk – egal ob konstruktiv oder destruktiv.

Alle mir im Netz nahegewesenen Gruppen und Verbände haben es in den vergangenen drei Jahren erfolgreich geschafft, sich zu zerlegen. Es ist kein Streit – denn Streit und Verzeihen, Kritik und Kritisiertwerden sind längst abhanden gekommen. Es ist unpolitisch geworden, alles wird moralisiert. Es ist daher einfach nur Gezänk.

Das Internet vergisst nicht. Weil das richtig ist, müssen wir verdammt schnell lernen, den richtigen Menschen zu verzeihen und Kritik auszuhalten.

PS: Und manchmal genügt es, eine andere Meinung neben der eigenen stehen lassen zu können.

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5 Gedanken zu „Das Internet vergisst nichts“

  1. Ein schöner und richtiger Artikel. Zumal keine_r frei ist von Fehlern oder Dinge, für die man sie oder ihn kritisieren könnte. Das Absolute der eigenen Weltsicht verbaut einem selbst auch oft die Möglichkeit, sich das Ganze mal aus anderen Augen anzuschauen. Es gibt Dinge, die sind nur schwer oder für manche auch gar nicht zu verzeihen sind, bei anderen lohnt es sich, das zu versuchen. Denn zwischen 0 und 1 ist viel Platz und was die beiden Pole sind, muss jeder für sich selbst rausfinden. Aber es gibt sie.

  2. Die „Unverzeihlichkeit“ und das mitunter sehr penetrante Ankreiden/Schlechtmachen anderer durch gewisse politische Gruppierungen ist vielleicht auch das Ergebnis der Offenheit des Internets, und zwar in dem Sinne, dass besondere weltanschauliche Gruppen in diesem Internetzeithalter eigentlich größere Probleme haben, sich abzugrenzen.

    Und so dienen dann Wut, Zorn, Unversöhnlichkeit und Verächtlichmachung dann als doppeltes Mittel, um diesem Trend entgegenzuarbeiten, einerseits als Kitt für die eigene, eigentlich nur lose Internetgruppe, andererseits eben als Abgrenzungsmechanismus.

    Ich denke: Das funktioniert. Allerdings dürfte das zugleich auch ziemlich kraftraubend sein, schlimmer noch, es verhagelt die Wahrnehmung der Anhänger derartiger Gruppierungen: Über alles müssen sie, geradezu zwanghaft, dann ihre Negativfolie legen, in der sie zwar dann die ständige Bestätigung für ihre Weltsicht extrahieren. Nur eben zu einem Preis:

    Einerseits den selbstlähmenden, selbstfrustrierenden Wirkungen, welche mit rein negativistischen Sichtweisen einher gehen, andererseits in Form einer „Nichtanschlussfähigkeit“ zum Mainstream, allerdings auch zu anderen Gruppierungen mit vielleicht ähnlichen Zielsetzungen.

    In dem dann intensiver werdenen internen, gruppendynamischen Prozess bilden sich dann Meinungsführer/innen heraus, an denen derartige Gruppen ihren Halt (gerade auch wegen der ständig vorhandenen Abgrenzungsbedürfnisse) suchen – und als Gruppe merken sie kaum noch, da längst nicht mehr für eine offene Diskussion zugänglich, wenn einzelne ihrer Standpunkte skurril und völlig unhaltbar geworden sind.

    Wie gesagt: Das alles hat seinen Preis. Es hat aber auch seinen Lohn, i.d.R. besteht der in einer besondere Glaubensgewissheit, mit den gruppenspezifischen, stark abgrenzenden Sichtweisen nämlich besondere, und auch besonders sichere Wahrheiten zu vertreten.

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