Politisch oder ideologisch?

In letzter Zeit fiel mir häufiger auf, dass Menschen zwei Begriffe recht wahllos durcheinander würfeln und den einen wie den anderen zu benutzen scheinen. Diese beiden Begriffe sind „politisch“ und „ideologisch“. Das falsche Verwenden findet in zwei Richtungen statt: Während die einen ihr ideologisches Denken, Schreiben und Argumentieren als „politisch“ euphemisieren, nutzen andere den Begriff „ideologisch“ um damit gegensätzliche politische Meinungen zu diskreditieren.

Doch zuvor und einleitend möchte ich mit den Begriffen „totalitär“ und „extrem“ anfangen, die teilweise schon synonym verwendet werden, zumindest haben sie eines gemeinsam: Sie akzeptieren keine andere Meinung neben der eigenen. Wie Isaiah Berlin schreibt, ist für ihn „totalitär“ (er spricht allerdings von „despotisch“) das Gegenteil von „pluralistisch“ und in meinen Augen damit auch das Gegenteil von „politisch“ (da ich behaupten würde, dass Pluralismus eine Grundeigenschaft des Politischen ist). Den Ursprung von Extremismus und totalitärem Denken sieht er im Monismus, dem Gegenpart zum Pluralismus. Dies ist Denken in der Art „meine Clique ist besser als deine“ und „ich weiß, wie die Welt sein sollte und du hast dich dem zu beugen, weil du es nicht weißt“ (Berlin S. 39). „Allein mein Wissen vermag die bestmögliche Welt zu schaffen“ – deswegen muss sich alles dem widersprechende als falsch und schlechter unterwerfen lassen. Man hat’s halt noch nicht kapiert. Dieses „Es“ ist das, was eine Ideologie ausmacht. Aber schließen wir diesen ersten Teil mit einem zusammenfassenden Wort ab: Wer totalitär oder extrem denkt, akzeptiert neben seiner Weltanschauung keine andere und handelt monistisch, auf dieser Basis sich überlegen fühlend.

Die Ideologie ist nun diese Weltanschauung kombiniert mit daraus resultierenden „Rezepten“, wie man die Welt besser machen kann. Jede_r von uns ist immer auch ideologisch – in irgend einem Bereich, darum geht es gar nicht. Ideologien kommen eigentlich selten ohne einen Anspruch auf Umsetzung von konkreten Maßnahmen daher, sie speisen sich eher selten aus sich selbst oder ihrer bloßen theoretischen Existenz.

Das ist eine recht neutrale Definition von Ideologie. Quasi: Ich habe eine Sicht auf die Dinge an die ich glaube (ein gewisser Glaube ist immer notwendig, das impliziert auch, gewisse andere Dinge nicht zu glauben), eine Weltanschauung (und von einer Weltanschauung muss zum Beispiel die Theorie, oder die These unterschieden werden, denn sie ist nicht beliebig veränder- oder anpassbar; mit Popper gesagt ist eine Weltanschauung schlicht nicht falsifizierbar – zumindest nicht für den- oder diejenige_n, der oder die daran glaubt) und auf Basis dieser Sicht entwerfe ich Rezepte, die Dinge zu bessern. Diese Rezepte entfalten ihre Wirkung aber meist nur dann, wenn sie für alle Gültigkeit haben. Es besteht also ein Anspruch, sich ihnen zu unterwerfen, zum Besten für das große Ganze.

Und nun das Politische. Darüber könnte man sehr lange schwadronieren, was ist eigentlich „politisch sein“? Es gibt von Arendt, über Schmitt, über Mouffe oder auch Sternberger (und viele andere) darüber lange Schriften. Da muss man sich schon entscheiden, was man eigentlich will. Ich habe mich entschieden, dass das Politische etwas ist, das a) zwischen Menschen stattfindet b) von öffentlichem Belang ist (öffentlich aber verstanden im Sinne Arendts, diese Form der „Öffentlichkeit“ muss nicht groß sein, kann auch in einer kleineren Gruppe stattfinden) und c) nicht vereindeutigt wird, es hat also – zumindest potentiell – eine agonistische Komponente, das bedeutet, das Widerspruch (und im Handeln auch Widerstand) legitim möglich ist. Das bedeutet nicht, dass etwas erst durch Widerspruch „politisch“ wird, nein: Die Möglichkeit des Widerspruchs, die Möglichkeit eines agonistischen Streits macht die Sache politisch, auch wenn sich die betreffende Öffentlichkeit einig sein sollte. Widersprüche nicht einem Konsens unterzukehren, sondern auszutragen – das ist politisch für mich, und wie manche_r merken wird, ist das stark angelehnt an Mouffe.

Beispiele machen das Verständnis einfacher, deswegen ein Beispiel, in dem etwas Politisches als ideologisch diffamiert und eines in dem etwas ideologisches und extremes als politisch euphemisiert wird:

1.)    Ich schreibe meine Texte meistens mit irgendeiner Art der Genderung und das seit über zehn Jahren. Zunächst mit dem Binnen-I, heute mit dem Gender_Gap und andere nutzen ein Sternchen. Diese Schreibweise ist für mich ein politisches Projekt, das für mich dazu dient darauf hinzuweisen, dass auch Sprache Widersprüche produziert, die nicht undiskutiert oder unbeachtet unter dem gemeinsamen Konsens von „das macht man so“ gekehrt werden können. Ich bekomme im Gehirn eine Art Schluckauf, wenn sich vor mich eine Frau stellt und sich selbst als „Lehrer“ oder als „Leser“ bezeichnet. Da passen Aussage und Bild nicht zusammen. Nun wurde mir jüngst an einem Text in dem ich den Gender_Gap benutzte bemängelt, dass dies ja ideologisch sei. „Übertriebener Ideologie-Spuk“. Was aber ist daran eigentlich ideologisch, wenn man selbst eine Sprache benutzt, die Frauen nicht unsichtbar werden lässt? Es ist das Aufgreifen eines Widerspruchs, das Sichtbarmachen. Ideologisch wäre, wie es ja in der Tat auch viele tun, das Nicht-Benutzen von Genderung als „gewaltvolle“ Sprache zu betiteln. Denn das entspricht einer Weltanschauung, in der es keine (im pluralistischen Sinne gedachte) andere Sprache geben dürfte. Der Gender_Gap wird zum Rezept, das alle benutzen sollen um die bessere Welt zu erschaffen. Es zu benutzen und zu begründen warum man es benutzt ist ein politisches Statement. Es akzeptiert neben sich aber auch andere Meinungen, Mittel und Wege mit Sprache umzugehen.

Das heißt nicht, dass es die eigene Praxis als beliebig empfindet. Es entspringt einer Haltung, einer politischen Haltung, die man für richtig hält. Aber man hält diese nicht für die einzig wahre.

2.)    An der Kinderbuch-Debatte kann man sehr gut verfolgen, wo die Grenze zwischen ideologisch und politisch in umgekehrter Richtung verfolgt. Politisch ist es, sich dafür einzusetzen und stark zu machen, dass Wörter, die einen rassistischen Hintergrund haben, wie das Wort „Neger“, nicht in Kinderbüchern erscheinen sollten. Der Oetinger Verlag hat aus diesem Grund, weil das politisch durchaus seine Meinung ist, das Wort „Neger“ in einigen Büchern durch andere Begriffe, etwa die „Südseeprinzessin“ bei Pippi Langstrumpf, ersetzt. Manche gingen nun weiter: Der gesamte Gedanke einer weißen Prinzessin, die über Schwarze auf einer Insel quasi „regiert“ (nun muss man sich natürlich fragen, ob das bei Pippi wirklich ein „Regieren“ und Befehlen wäre, vermutlich nicht, das entspräche nicht ihrem Charakter, aber lassen wir das…), sei kolonialistisch geprägt und das ganze Buch sollte deswegen vom Markt. Und dann gibt es die Gegenseite. Die findet, dass gerade alte Bücher, die schon lange vor einer Reflexion über den Begriff „Neger“ geschrieben wurden, nicht verändert werden sollen. Da sie nicht nur die Geschichte selbst, sondern immer auch ihren eigenen Kontext, den Geist der Zeit widerspiegeln. Wer politisch denkt und handelt wird sich am Ende für eine Position entscheiden und einsetzen. Wer ideologisch denkt und handelt und sich etwa dafür entscheiden möchte, alle „Neger“, „Zigeuner“ und „kolonialrassistischen Passagen“ aus Büchern und gerade Kinderbüchern zu verbannen, wird es nicht dabei belassen, sondern sogar so weit gehen, bis dahin „verbündete“ im Kampf gegen Rassismus nun als „rassistisch“ abzuwatschen, wenn sie sich für eine andere Haltung in dieser Frage entscheiden. Auch das ist passiert und das hat mit „politisch“ dann nicht mehr viel zu tun.

Am Ende sollte auch vermerkt werden, dass „radikal“ etwas anderes ist, als „extrem“. Wer „radikal“ ist oder denkt, der versucht nicht nur Symptome von Problemen zu behandeln, sondern sie gleich bei der Wurzel anzugehen, denn von „Wurzel“ (radix) kommt ja auch der Begriff radikal. Was extrem hingegen ist, erschließt sich durch eine kleine Lektüre in der aktuellen APuZ, die bezeichnender Weise die Begriffe „radikal“ und „extrem“ so synonymisiert, dass alles Radikale zum Extremen wird (was ich anprangere):

„Am Anfang der Radikalisierung gesellschaft­licher Gruppen (Ethnien, Religionsgemein­schaften und Klassen usw.) stehen in der Regel Erfahrungen von Benachteiligung, Demüti­gung, Bedrohung, Fremdherrschaft oder Ver­treibung. Oft findet sich rasch eine Ideologie, die dem jeweiligen Kollektiv helfen will, sich zu wehren und sich als Subjekt der Geschich­te (des Stammes, der Nation, des Glaubens oder der Menschheit) zu erkennen. Dieses „Kollektivsubjekt“ gilt es dann zu verteidigen oder voranzubringen. Im Kampf wird häu­fig eine neue Solidarität als Kameradschaft oder Brüderlichkeit erfahren. Dieser Enthu­siasmus wird in der Regel auch auf die zu er­kämpfende Zukunftsgesellschaft projiziert: die „befreite Nation“, die „klassenlose Gesell­schaft“, die „Umma“ eines Kalifats, die „Hin­du-Nation“ sollen es dann jeweils sein, in der die gemeinschaftliche Solidarität alle Beein­trächtigungen und Egoismen überwindet. Aktivisten ziehen aus ihrem Auftrag das Wis­sen, auserwählt zu sein. Der überindividuelle und überzeitliche Sinn ihres Handelns verän­dert ihre subjektiven Präferenzen und Wer­tigkeiten grundlegend: Er macht Leiden wert­voll, Sterben würdig und überhöht den Alltag durch die Emphase der Sendung. Insofern ist anzunehmen, dass solche Generalisierun­gen immer wieder als attraktive Angebote auf dem Markt der Sinngebungen auftauchen und nachgefragt werden. Wenn mit ihnen nicht nur „positive Pflichten“ (etwa die Nächsten­liebe in der Eigengruppe) übernommen wer­den, sondern die „negativen Pflichten“ gegen­über jedem Menschen (Du sollst nicht töten!) ausgeschaltet werden, wenn Recht, Freiheit und Demokratie (als Rechte auch der Gegner) grundsätzlich dem Kampf geopfert werden, dann hat sich der Einsatz für die gedachte Ei­gengruppe zum Extremismus übersteigert.“

 

In einem kurzen Blogartikel sind natürlich nicht alle Diskussionen, die es um die genannten Begriffe gibt, abzubilden, deswegen bitte ich gerne um eigene Einschätzungen, Meinungen und Erfahrungen dazu. Mir war aber wichtig, einmal zu versuchen, die Krankheit des Vermischens und des Verwischens anzugehen, die ich allzu oft beobachte. Man selbst, klar, ist davon natürlich nicht gefeit! Bitte postet auch gerne eure ergänzenden Links, falls es welche gibt.

Literatur:
Berlin, Isaiah, Die Macht der Ideen. Berlin verlag 2000.

Eckert, Roland, Radikalisierung – eine soziologische Perspektive. In: Aus Politik und Zeitgeschichte, 63. Jahrgang, 29-31/2013. Juli 2013.

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13 commentaires sur “Politisch oder ideologisch?

  1. Hallo, das sind interessante Überlegungen zu einem wichtigen Thema, danke!

    Ein paar Fragezeichen habe ich zu deiner Umkreisung der Pluralität. Ich denke, dass die Grenze zur Ideologie nicht da liegt, ob man die andere Meinungen akzeptiert, denn es gibt gute Gründe, andere Meinungen nicht zu akzeptieren, zum Beispiel faschistische. Die Nähe oder Ferne zum Mainstream kann auch nicht das Kriterium sein.

    Ich würde sagen, die Grenze ist da, wo man sich nicht realistisch der Tatsache stellt (und sie also als Fakt akzeptiert), dass es andere Meinungen gibt (unabhängig davon, ob man das gut findet). Die Pluralität ist ja eben eine Tatsache, die wahr ist, unabhängig davon, ob ich sie akzeptiere.

    Unpolitisch wird es da, wo ich die Notwendigkeit bestreite, meine eigene Auffassung zu vermitteln, weil ich sie zum Beispiel nicht als politische Position, sondern als wissenschaftlich erwiesene Tatsache behaupte. Dieses Problem stellt sich vor allem in Zusammenhang mit der Macht, das heißt, wenn welche die Möglichkeit haben, andere Auffassungen tatsächlich zu unterdrücken.

    Wenn einige also „sogar so weit gehen, bis dahin „verbündete“ im Kampf gegen Rassismus nun als „rassistisch“ abzuwatschen, wenn sie sich für eine andere Haltung in dieser Frage entscheiden“ – dann ist das imho nicht per se ideologisch, sondern es kann auch eine radikale politische Position sein.

    Ideologisch wird es dann, wenn die eigene politische Idee nicht mehr als Versuch gesehen wird, die Welt zu analysieren und zu gestalten, sondern selbst zum Zentrum wird, also die Idee an die Stelle der Welt und der Realität tritt. Dann muss sich die Idee nämlich nicht mehr im Austausch mit der Realität udn der Welt bewähren und kann somitnicht mehr hinterfragt werden.

    • Liebe Antje,

      danke, dass du den ball aufnimmst, deine Fragen gefallen mir!

      zur Pluralität: Es ist natürlich dringend und zwingend notwendig, die anderen zu kritisieren, und es ist erlaubt, sich zu wehren. Egal, ob das nun Faschismus ist oder eine im Mainstream verhaftete Meinung – da gebe ich dir absolut Recht. Pluralismus ist nicht gleich dasselbe wie Relativismus. Beim Pluralismus geht es um das Anerkennen, dass andere Menschen andere Werte haben und wenn man gut ist, kann man sich auch hineinversetzen, wie diese Werte zustandekommen. Pluralismus ist also zunächst einmal tatsächlich nur die theoretische Zurkenntnisnahme der unterschiedlichen Werte der anderen und die Akzeptanz, dass diese Werte auch durch ein menschliches Leben, Erfahrungen etc. entstanden sind. Sie sind nicht „unmenschlich“. Sie sind aber vielleicht absolut falsch – in meinen Augen, und auch in ihrem Wirken, da sie Gruppen von Menschen schaden etc… Und ich habe deswegen vielleicht keine andere Wahl, als gegen diese Werte, je nach dem Ausmaß ihrer Auswirkungen, zu kämpfen.

      Dann kommt es irgendwo an eine Grenze, bis wohin es eben ein politische Kampf ist. Oder eben ein nicht mehr politisch seien könnender, weil es schon notwendig geworden ist, mit anderen Mitteln zu kämpfen.

      Der Begriff Ideologie ist vielleicht auch zu schwammig. Ich weiß, dass es Menschen gibt, Alain Badiou etwa, die sehen darin gar nichts schlechtes. Sie finden, es sollte viel mehr Ideologien geben – mir scheint das, was da gemeint ist aber eher als radikale politische Meinung. Jetzt müsste man in die Begriffe-Abgrenzung noch den Dogmatismus einsortieren, vielleicht käme man damit weiter, als mit Ideologie?

      Zu deinen letzten beiden Absätzen würde ich zustimmend nicken. Außer dass ich anfüge: Wenn es eine Gruppe schafft innerhalb einer bestimmten Öffentlichkeit andere Auffassungen zu unterdrücken, ist das auch schon eine Macht. Dann kann das auch schon sehr unpolitisch sein und eben nicht eine radikale politische Position. Im Fall der ehemaligen Verbündeten im Kampf gegen Rassismus mag man da geteilter Meinung sein. Bei dem Beispiel mit der geschlechtergerechten Sprache allerdings finde ich die Aussage, jede andere Sprache sei Gewalt unpolitisch.

      Viele liebe Grüße
      Katrin

  2. Das entscheidende Kriterium für mich bei der Ideologie wäre ja die Ansammlung von Axiomen, von Grundannahmen. Eine Weltanschauung enthält ja schon als Wort (wie du gesagt hat, nicht falsifizierbare) Annahmen, die die Meinungsbildung schon vor der rational abwägenden Phase beeinflussen.

    • da stellt sich mir die Frage, ob es ohne Grundannahmen geht? Vermutlich nicht. Dass diese gegen Kritik immun gemacht werden sollen ist wohl eher das Problem.

  3. Liebe Kadda,

    vielen Dank fuer diesen sehr klar formulierten Beitrag!

    Ich wollte nur noch gerne etwas zu dem Abschnitt mit der Weltanschauung und dem ‚Glaube‘ hinzufuegen. Weltanschauung ist ein sehr allgemeiner Begriff. Ich wuerde daher die Argumentation an dieser Stelle umdrehen, und ich glaube, das ist nicht nur abstrakt von Belang, sondern sehr wichtig, um sich ueber die Grundlage des Pluralismus klar zu werden:

    Frei waehlbar ist all das, was keine falsifizierbare Aussage macht. Denn falsifizierbare Aussagen koennen objektiv an der Realitaet getestet werden (Es gibt hier natuerlich Kreise, die das nicht ‚glauben‘, aber die haben nur den Unterschied zwischen Wahrheit und Wissen nicht verstanden, und das ist eine andere Diskussion), und sind daher nicht beliebig waehlbar. Daher sind diejenigen Zielvorstellungen originaer frei, welche nicht falsifizierbar sind. Also ist z.B. das politische Ziel einer Gesellschaft mit mehr Chancengleichheit frei waehlbar (oder halt auch nicht), denn dieses (flexible) Ziel hat keine Konsequenz, die in moeglichen Experimenten falsifiziert werden kann. Man kann es vielleicht nie 100%ig erreichen, aber man kann Schritte daraufhin machen, welche das Ziel von *mehr* Chancengleichheit erfuellen. Anders ist es z.B. mit der Zielvorstellung, dass jeder Mensch ganz ohne Hilfsmittel frei und so lange es will direkt ueber der Erdoberflaeche fliegen kann. Nur um ein absurdes Beispiel zu waehlen.

    Nun zu den Weltanschauungen. Es gibt eine bedauerliche Vielzahl von Gedankengebilden, die als Weltanschauung gelten, welche logische Inkonsistenzen enthalten (also noch gruendlicher Scheitern als an falsifizierbaren Zielvorstellungen, also z.B. alle auf dem Idealismus basierende Systeme, wo willkuerliche Annahmen ueber die Realitaet mit einer inkonsistenten Kurzschlusslogik verknuepft werden, der historische Materialismus bietet das beste Beispiel fuer die inhaerente Totalitaet eines solchen Systems. Vom ‚Glauben‘ an unfalsifizierbare ‚Gottheiten‘ und daraus abgeleiteten absoluten Wertmassstaeben ganz zu schweigen), oder welche testbare Theorien ignorieren (z.B. ‚Energie aus Kernfission ist sicher‘). Daher wuerde ich nicht sagen, dass Weltanschauungen nicht falsifizierbar sind, sondern dass diejenigen Weltanschauungen und Zielvorstellungen, die nicht falsifizierbar sind und logisch konsistent (also z.B. keine totalitaeren absoluten Aussagen (oder im Laufe von 2000 Jahren pseudo-weichgewaschene Aussagen) aus nicht-falsifizierbaren Annahmen ableiten, siehe Religion) sind, im politischen Prozess frei waehlbar sind. das ist dann Pluralismus. Wie viel von den miteinander konkurrierenden und sich zum Teil gegenseitig ausschliessenden Zielvorstellungen der am politischen Prozess beteiligten sich dann jeweils umsetzen laesst, das ist dann die Aufgabe des alltaeglichen politischen Prozesses. Aber die Grundlage zu erkennen, dass nicht-falsifizierbare Zielvorstellungen frei sind und nicht trivial (siehe Idealismus) verknuepft sind mit Probloemloesungsstategien, deren Erfolg oder Misserfolg objektiv gemessen werden kann, das ist extrem wichtig, um nicht in Dogmatismus zu verfallen, denn der gruendet sich immer auf einer Absolutsetzung von (oft nicht hinterfragten) Zielvorstellungen, deren Wahlfreiheit willkuerlich negiert wird.

    Was ich nicht so ganz verstanden habe ist das mit dem ‚glauben‘. Was genau muss ich jetzt als Grundlage glauben? Dass meine Ohren, Augen, Tastsinn hinreichend funktionieren, so dass ich nicht dauerhalluziniere und daher Beobachtungen, Experimente oder Kommunikation nicht nur nicht-immer-10%-eindeutig sind (das sind sie oefters) sondern jede Chance des kritischen Testens moeglicher Fehler oder Kommunikationspannen verunmoeglicht werden? Das ist das psychologische Induktionsproblem, aber ziemlich unabhaengig von allem anderen. Um nicht-falsifizierbare Zielvorstellungen frei zu waehlen muss ich definitiv nichts glauben, und um Fehler in formallogischen Systemen zu finden auch nicht.

    Dein
    Philip

    • Nur noch eine Praezisierung: Die logisch inkonsistenten aber zumindestens in ihrer allerweichesten Form nicht-falsifizierbaren Weltanschauungen (also z.B. weichgewaschene Religionen) sind natuerlich auch frei waehlbar. Warum man aber nicht als Crackpot gilt, wenn man das tut, und warum man mit aus logisch inkonsistenen Weltanschauungen ‚abgeleiteten‘ Zielvorstellungen (dummerweise ist in einem logisch inkonsistenten formalien System jede Aussage – und ihr Gegenteil – wahr) im politischen Prozess nicht ausgelacht wird, das ist doch wirklich bemerkenswert.

    • Und weil ich gerade irgendwie im verbose mode bin… noch ein paar Bemerkungen zu Deinen klaren Beispielen:

      Ich denke, man kann den Aspekt, dass nicht alle Weltanschauungen nicht-falsifizierbar und logisch konsistent sind, und damit frei waehlbar, nicht stark genug betonen, denn dieser Aspekt haengt sehr eng mit fast allen Fehlern zusammen, die in dogmatischen und totalitaeren Weltanschauungen vertreten sind. Da ist z.B. der Essentialismus, also die absoluteZuschreibung eines ‚Wesens‘ zu einem Gegenstand, einer historischen Entwicklung oder einem Wort. Als einfachstes, von Dir schon aufgebrachtes Beispiel: Es wird behauptet, das Wort ‚Neger‘ *ist* rassistisch. Das ist natuerlich eine reichlich unfundierte Behauptung, denn eine Ansammlung von Buchstaben, oder eine Ansammlung von Schallwellen kann wohl innerhalb von keiner konsistenten Logik absolut, also unhinterfragbar, als rassistisch gelten. Nun ja, leider reicht es in dieser Debatte nicht, darauf hinzuweisen, dass es keine objektiv hinterfragbare Begruending fuer die Behauptung gibt, ‚Neger‘ *ist* rassistisch, denn die AdressatInnen einer solchen Diskussion scheinen darueber meist nicht reden zu wollen. Daher ein kleines anekdotisches Beispiel: Mein Grossvater hatte extrem dichte, dicke, schwarze und fein-krause Haare, eben so, wie sie ueberpruefbarerweise hauptsaechlich unter den Menschen verbreitet sind, welche aus dem mittleren und suedlichen afrikanischen Kontinent stammen. Es war fuer einen in Mitteleuropa geborenen Menschen wirklich sehr ungewoehnlich. Darauf angesprochen, sagte er ganz selbstverstaendlich jedem (und ohne irgendwelche Evidenz im nicht-vorhandenen Familienstammbaum): ‚Ja klar, da war halt mal ein Neger in der Familie‘. Diese Anekdote zeigt doch sehr offenbar, dass er a.) das Wort ‚Neger‘ benutzt hat, und b.) das ganz offensichtlich nicht rassistisch gemeint haben kann, denn er fand seine Haare toll. Und das in den 70ern und 80ern auf einem schwaebischen Dorf, einer garantiert sehr rassismusdurchseuchten Gesellschaft, ueber deren Bigotterie er sich herrlich aufregen konnte, und die er mit solchen Spruechen gerne foppte. Schon allein aufgrund dieses einen glasklaren Gegenbeispiels, und unabhaengig von der volkommen fehlenden Begruendung der essentialistischen Behauptung der Existenz der eindeutigen Wesenheit eines Wortes, einer Begebenheit, eines Gegenstands: Damit ist es ja schon widerlegt, dass ‚Neger‘ zu sagen rassistisch *ist*. Unabh“angig davon, dass es sehr oft rassistisch gemeint war und ist.

      Was ich mit diesem reichlich laenglichen Beispiel sagen moechte: Die logische Grundlage der Isolation der Ideologie von der kritischen Hinterfragbarkeit (und damit die Grundlage von Dogmatismus und Totalitarismus) liegt meist schon in der logischen Inkonsistenz der Weltanschauung, daher ist es so wichtig, sich klar zu machen, was frei waehlbar ist und was nicht, naemlich nicht-falsifizierbare und selbstwiderspruchsfreie Zielvorstellungen, welche nicht logisch inkonsistent aus begruendungslos absolut gesetzten Axiomen abgeleitet werden.

      An dieser Stelle wird oft auf einen scheinbaren Widerspruch hingewiesen: Klar tut man angeblich pluralistisch sein, aber man wischt ganze Weltanschauungen, noch dazu einige, welche das Mittelalter oder das 20. Jahrhundert so unglaublich lebenswert gemacht haben (Ironiewarnung?), einfach so beiseite, das ist doch wohl ein Widerspruch!

      Ich denke nicht. Da sind wir dann wieder beim Unterschied zwischen Wahrheit und Wissen, der schon vor 2500 jahren von Xenophanes von Kolophon glasklar formuliert, aber offenbar selten verstanden wurde, dabei ist er von unglaublich zentraler Bedeutung. Die Wahrheit im Sinne der eindeutigen vollkommenen Uebereinstimmung aller Vorhersagen einer Theorie mit der Realitaet kann ich nie kennen, aber ich kann wissen, ob eine bestimmte Theorie falsch ist oder moeglicherweise wahr sein koennte. Es liegt also eine fundamentale Asymmetrie in der Induktion begruendet: Es ist intersubjektiv, also objektiv moeglich, sich darueber zu verstaendigen, was logisch falsch oder richtig ist, und was experimentell falsch ist. Aber was unter den nicht oder noch nicht falsifizierbaren Theorien wahr ist, das kann ich nie wissen. Obwohl ich definitiv wissen kann, was falsch ist. Daher gibt es keine Moeglichkeit, eine Aussage darueber zu machen, welche nicht-falsifizierbare logisch konsistente Theorie ‚wahr‘ (gut?) oder ‚falsch‘ (schlecht?) ist, aber wohl eine Moeglichkeit, Zielvorstellungen, philosophische Theoriegebilde, Religionen, Weltanschauungen, etc zu erkennen, welche logische Fehler beinhalten, in etwa in dem oben ausgefuehrten essentialistischen Sinne. Und genau die sind es, welche normalerweise wider den Pluralismus streben. Der Pluralismus lebt auf der Grundlage der Anerkennung der vollkommenenFreiheit der nicht-falsifizierbaren Zielvorstellungen und der Anerkennung der logischen Tatsache, dass es zwischen nicht-falsifizierbaren Zielvorstellungen und praktischen, also gesellschaftlich/plolitisch/oekonomisch testbaren Problemloesungsstrategien keinen ein-eindeutigen logisch vorgegebenen Zusammenhang geben kann. Die wider den Pluralismus strebenden Weltanschauungen indessen tragen zwar oft die ‚Freiheit‘ mit im Titel, aber erkennen eben die Freiheit der Wahl der Ziele nicht an (mir ist kein Beispiel bekannt, wo diese Begruendung logisch konsistent und ohne unbegruendete ad-hoc Annahmen erfolgt), und behaupten meist einen eindeutigen logischen Zusammenhang zwischen Ziel und Problemloesung.

    • Lieber Philip,

      in aller Kürze: Danke fürs Mitdenken!
      So ganz klar abgrenzbar ist das alles immer nicht, auch John Dean hat schon einiges hinzugefügt. Insofern ist das ohnehin ein Essay, also ein Versuch.
      Ich freue mich ja, wie hier diskutiert wird. Das ist bestes denkfutter!

  4. Mich gruselt es ein wenig, dass du ausgerechnet Isiaja Berlin rezipierst. Ich halte ihn für einen „gefährlichen“ Autoren, und zwar in dem Sinne, dass er selber ausgesprochen einseitig und ideologisch argumentiert (was er teils sehr geschickt verbirgt) – und sich zugleich in die Pose des Ideologiekritikers wirft, vorzugsweise, um damit linkes Denken zu entkräften.

    Nun ist es einerseits gut, wenn jemand ideologische Strukturen und Verkürzungen linken Denkens entblößen möchte – und dies recht intelligent tut. Das finde ich sogar sympathisch – obschon es mich an manchen Stellen etwas ärgert.

    Das eigentliche Ärgernis ist aber, wenn er – was seine Spezialität war – eine Art politische Philosophie aufbaut, oder grundlegende Gedanken verbreitet, diese dann als überideologisch darstellt –

    …aber im Kern geht es ihm darum, jegliches linkes politisches Denken zu diskreditieren und seine eigene Ideologie eines radikalen Paläo-Liberalismus als Allgemeinverbindlich hinzustellen.

    Da bin ich dann schon etwas empfindlich. Berlins Überlegungen zum Begriff der Freiheit stehen auf sehr wackeligen Füßen (und stehen intellektuell z.B. weit hinter denen von Hannah Arendt, imho), und seine Entgegensetzung von „Pluralismus“ zu „Totalitarismus“ hat ebenfalls einen falschen Spin – finde ich.

    „Totalitarismus“ ist nach meinem Verständnis das Durchdringen aller Lebensbereiche (oder sehr vieler) durch ein einseitiges politisches Denken (also: Ideologie), sowie eine entsprechend umfassende Macht- und Gewaltausübung – welche in der Konsequenz die Freiheiten von Individuen und Gruppen vermindert.

    Man könnte demnach sagen: „Der“ Kapitalismus als grundlegender Wirtschaftsentwurf mit starker Ausstrahlung auf die Gestaltung von Gesellschaft und sogar individuellen Beziehungen lässt sich – sicher mit wichtigen Einschränkungen – als totalitärer Mechanismus der heutigen Zeit verstehen. Genauer gesagt, er hat totalitäre Züge entwickelt. Zugleich bietet „der“ Kapitalismus Wahlmöglichkeiten, zum Beispiel einen Pluralismus auf Konsum-Ebene, aber auch einen gewissen Pluralismus bei der Gestaltung der eigenen Berufswahlentscheidungen usw.

    Man könnte also sagen, ein in sich eigentlich plurales System („Kapitalismus“) kann totalitäre Züge entfalten, ja mehr noch, es kann die gesellschaftlichen und ökonomischen Wahlmöglichkeiten von schwächeren Marktteilnehmern (z.B. von prekär Beschäftigten, von Menschen mit Behinderungen oder von weniger entwickelten Staaten) auf eine geradezu brutale Weise einschränken und dominieren – und dazu beitragen, dass sich in einer Gesellschaft unfreiheitliche, neofeudale Züge ausbreiten, nicht zuletzt bedingt durch die wirtschaftliche Übermacht der Wohlstands- Produktionsmittel- und Einkommenselite eines Landes.

    Lange Rede, kurzer Kern-Inhalt: Die Entgegensetzung von „Pluralismus“ und „Totalitarismus“ ist eine schiefe (teils: richtige, teils: falsche) Entgegensetzung. Was unter anderem damit zu tun hat, dass ein plurales System weder fair sein muss, noch überhaupt von der Gleichheit und Gleichwertigkeit der Menschen ausgehen muss.

    Und im Kapitalismus ist das – teils – eben eine Systemschwäche. Was Herr Berlin übrigens sehr engagiert bestreiten würde…

    …und zwar egal wie offenkundig der Befund ist.

    Genau diese Form von Realitäts- und Problemblindheit ist imho auch ein Anzeichen von politischer Ideologisierung. Es wird dann alles „passend“ gedeutet, und am Ende auch nur noch das gesehen und anerkannt, was in die jeweilige politische Ideologie passt.

    (oh, jetzt ist es doch wieder ein längerer Text geworden – ich hoffe aber, er hat dir jedenfalls zum Teil Spaß gemacht bzw. Anregungen geliefert)

    • Lieber John >Dean,

      nur keine Hemmungen – hat Spaß gemacht, das zu lesen! Und danke, dass du da noch einmal so differenzierend rangehst.
      Von Isaiah Berlin habe ich bislang nur „Die Macht der Ideen“ gelesen und da fand ich jetzt nicht so sehr viele Anti-Linke Gedanken drin. Wenngleich die Grundlagen dort natürlich sind, aber ehrlich gesagt finde ich die Kritik auch wichtig. Dass Linkssein nicht davor bewahrt, despotische Systeme und Institutionen zu erschaffen, das wissen wir ja…

      ich bin in der Arendt-Lektüre zwar schon sehr viel weiter, aber das Totalitarismus-Werk fehlt mir noch. Aber das wird natürlich noch gelesen. Von daher danke ich einfach einmal deinen differenzierenden Gedanken zu dem thema.

      Viele Grüße

    • Ich finde, das kann man so nicht ganz stehen lassen… Isaiah Berlin als „gefährlich“ zu bezeichnen ist doch sehr gewagt. Aber lassen wir das, es soll ja nicht darum gehen, hier alte Texte zu rezipieren und sich zu fragen, was Berlin oder Marx mit irgend einem Staz gemeint haben könnten, sondern darum, sich über die Grundlagen des Pluralismus zu unerhalten. Und da dürfte es kaum etwas offensichtlicheres geben als dass das, was typischerweise als ‚linkes Denken‘ verstanden wird, was sich typischerweise auf den historischen Materialismus bezieht, die geschickteste Verschleierung des Totalitarismus darstellt. Herr Berlin wird in seiner Jugend damit einigen Kontakt gemacht haben, genauso wie Kadda in ihrer Jugend. So viel zum Thema ‚falsche überideologische Darstellung‘. Und Hannah Arendt – Meine Meinung dazu ist, dass die eigentlich ziemlich theoriefrei ist, auch wenn das offenbar oft anders gesehen wird. Sie hat meist ein schönes humanistisches Sentiment, dem ich voll zustimmen könnte, und Verkleidet das dann in Existentialistischer Nicht-logik so weit, dass jedeR, die/der das Wort Freiheit toll findet, sich das richtige drunter vorstellen kann. Nun ja, vielleicht ist das Ungerecht.

      Nun ja, aber lassen wir das auch. Du beziehst Dich in Deinem Post darauf, Berlin sei nicht konsistent, wenn er Pluralismus und Totalitarismus als Gegensätze darstellt. Ich habe das gerade nicht klar im Kopf, daher kann ich nicht bestätigen, ob er das in der Form wirklich tut, aber ich würde Dir voll zustimmen, dass dies logisch nicht exakte Gegensätze sind. Man könnte hypothetisch (das gab es historisch noch nie, und ich glaube auch nicht, dass es wirklich möglich ist) überlegen, ob es ein System geben könnte, in dem ein Pluralismus totalitär in alle Lebensbereiche „erzwungen“ wird. Oder umgekehrt, und praktischer, gibt es viele Diktaturen, die zwar nicht politisch pluralistisch sind und waren, aber in anderen Lebensbereichen als dem (Landes)politischen durchaus liberal genug, um pluralistische Lebensentwürfe nicht zu verunmöglichen. Ein Totalitäres System mit vollkommener Durchdringung vieler Gesellschaftsbereiche durch eine geschlossene Ideologie schliesst jedoch praktisch immer den Pluralismus aus. Nur lässt sich das nicht auf „den Kapitalismius“ anwenden. Der ist nämlich eigentlich nur eine Organisationsform mit unglaublicher Wandelbarkeit, und keine politische Ideologie, denn er hat keine Ziele und keine feste Form. Wenn hier also ein Widerspruch zwischen „dem Kapitalismus“ und dem Pluralismus aufgebaut wird, dann ist das wieder ein Vergleich von Äpfeln mit Birnen. Es ist sogar so, dass die Organisationsform Kapitalismus zwingend gewisse als „plural“ zu bezeichnende Teilelemente enthalten muss, um praktisch zu funktionieren (ohne dass das, wie gesagt, in irgend einer Logik oder Ideologie festgehalten wäre), denn der Erfolg des Kapitalismus als Organisationsform beruht hauptsächlich auf der Tatsache, dass in allen erfolgreichen Implementationen des Kapitalismus eine Form von „Kritik“ eingebaut ist: Wer schlecht wirtschaftet, hat Konkurrenten, die *anders* wirtschaften, und damit teilweise erfolgreicher. Das ist durchaus pluralistisch. Und das sagst Du ja auch selbst, in Bezug auf Konsum und Ausbildung. Das ist kein Zufall, dass das so ist, denn nur durch Vielfalt in Forschung und Entwicklung, in Werbung und Konsum, in Produktion und Handel gewinnt der Kapitalismus die Effizienz, die allen aktuellen Konkurrenzmodellen abgeht. Natürlich nicht notwendigerweise so umfassend pluralistisch (oder Sozial, oder Nachhaltig – das durch geschickte Steuerung in die Organisationsform Kapitalismus einzubauen nennt man Politik), wie wir uns das wünschen. Nur finde ich es, um wieder auf Berlin zurückzukommen, schon sehr lustig, dass im „linken Denken“ typischerweise mehr Zeit darauf verwandt wird, sich über die in den letzten Jahrzehnten nicht zu leugnende stärkere Anwendung der kapitalistischen Methode auf Lebensbereiche, die besser anders organisiert würden (Gesundheitssystem?) aufzuregen, als über den inhärenten Totalitarismus im historischen Materialismus. Und glücklicherweise sind wir noch sehr weit davon entfernt, dass der Kapitalismus wirklich auf alle Lebensbereiche angewendet wird.

      Das Missverständnis, dass „der Kapitalismus“ totalitäre Züge entwickle, wird hauptsächlich durch aktuelle idiotische selbsternannte Propheten einer kompletten Entpolitisierung der Politik verursacht, welche in einem anderen wunderbaren Post auf dieser Seite als „DFP – Die Ferengi Partei“ verspottet wird. Deren Kurzschluss ist es, man könnte auf die politische Wahl der Ziele verzichten, „der Kapitalismus“ (wie gesagt eine reine Organisationsform) wüssten schon von selbst, wo es hingehen soll. Das, wenn auf alle Lebensbereiche angewendet, darf man von mir aus schon als totalitär bezeichnen, aber das ist nur eine spezifische Entpolitisierungsideologie, die (aus rein eigennützigen Motiven ihrer Propheten) den Kapitalismus benutzt, die genau gleiche Entpolitisierungsmethode könnte man auch in einem nicht-pluralistischen Wirtschaftssystem benutzen, indem man den Oligarchen, den Räten, oder wem auch immer die richtungsweisenden Entscheidungen überträgt und die Wirtschaftsleistung zum alleinigen Indikator für Erfolg. Hat mit dem Kapitalismus logisch nix zu tun.

      Wie man so blöd sein kann wie die hiesigen Ferengis ist mir unklar, und was die Entpolitisierung und Entmündigung des Menschen mit Liberalismus zu tun haben soll erst recht, aber das sehen mehr als 5% der WählerInnen leider regelmässig anders. Ein wunderbares Buch dazu, schon etwas älter, aber immer noch hochaktuell: Jan Ross: Die neuen Staatsfeinde.

  5. @ Antje

    Es kann auch einfach zutreffen. Wobei ich im Zweifel es für deutlich wahrscheinlicher halte, dass derartige Vorwürfe erstens in der Sache unbegründet und zweitens strategisch/taktisch als Retourkutsche seitens politischer Gegner (bzw. anders aufgestellter politischer Ideologieordnungen) dienen.

    Aus meiner Sicht ist es in bestimmten, radikalisierten politischen Szenen tatsächlich so, dass ein Teil der dort tätigen AntiRa-Aktivisten (vorzugsweisen jenen, welche nur darüber schreiben) mittels CWS sogar eine Art „Rassifizierung“ des poltischen Denkens betreiben bzw. weniger drastisch formuliert, ein unangemessenes Überbetonen von „Rasse“-Fragen vornehmen. Das kann u.a. damit zu tun haben, dass diese Leuten (oft qua Studium) bestimmte Diskursschematiken aus den USA in die hiesige Politik importieren, ohne dass dafür die tatsächliche gesellschaftliche Grundlage in gleichen Maße gegeben ist.

    (Stichwort dazu: Bei uns sind Fragestellungen des Passes und Flüchtlingsrechtes, sowie Benachteiligungen im Bildungswesen politisch relativ bedeutender – und umgekehrt Fragestellungen der „Hautfarbe“ verglichen mit den USA eher selten ein umfangreiches, wirklich viele Menschen stark betreffendes Problem)

    Tatsächlich ist es – anders als bei erheblichen Teilen der Bevölkerung in den USA – der hiesigen Bevölkerung sogar weit überwiegend ziemlich wumpe, welche „Rasse“ oder „rassische Herkunft“ ein konkreter Mensch hat. Was nicht bedeutet, dass es bei uns keine Probleme mit Rassismus und Alltagsrassismus gäbe.

    Aber die Realität unterscheidet sich schon sehr deutlich. Das wird gerne verkannt, besonders seitens derjenigen, die bei solchen Fragen besonders fleißig an der politischen Empörungspumpe hebeln – und vor diesem Hintergrund wird dann so manche importierte, ideologische Diskursvorgabe schlicht untauglich, oder schlimmer noch, damit rücken mitunter „Rasse“-Fragestellungen sogar massiv und ebendadurch unangemessen in den politischen Vordergrund. Wer sich bei uns eine politische Allmacht von „WHM“ vorstellt, der hat – mal ganz grob formuliert – möglicherweise eher eine Art Dach- bzw. genauer gesagt Ideologieschaden, denn dass der/die Betreffende damit eine wirklich erörterungswürdige politische Aussage tätigt.

    So sehe ich das jedenfalls. Ich als geradezu klassischer „POC“ übrigens…

  6. Mich stört die disjunkte Betrachtungsweise. Zumindest Schnittmengen dürften offensichtlich sein. (Dein politisches Projekt ist natürlich ideologisch ). Dich scheint mehr die unterschiedliche umgangssprachliche Wertung der Begriffe zu stören. MfG

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