Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich!

Die Idee kommt in Gesprächen am Rande von verschiedenen Veranstaltungen rund um die übliche „Vereinbarkeitsfrage“ in letzter Zeit immer häufiger auf: Müsste nicht eigentlich die Arbeitszeit radikal verkürzt werden um wirklich zu erreichen, dass Männer und Frauen – und Kinder! – und überhaupt…?

Wir sprechen häufig über die 23 Prozent Lohnunterschiede zwischen Männern und Frauen – gerade auch an einem Tag wie dem 8. März. Wenn wir diese Lohnschere ansprechen, dann sind zwei Reaktionen mittlerweile absolut klassisch: 1. Ihr trefft halt die „falschen Entscheidungen“, ihr Frauen. Lernt die falschen Berufe, studiert die falschen Fächer. Selbst schuld!

und 2. ihr seid halt einfach zu faul, wer macht denn die ganzen Überstunden in diesem Land? Hmm? Wer reißt sich denn den Arsch auf? Genau – wir Männer!

Das sind Aussagen, die sich angeblich auf Fakten begründen. Und ja: Stimmt schon, dass klassische Frauenberufe schlechter bezahlt sind.

Aber warum eigentlich?

Und ja: Stimmt schon, dass man in Deutschland vor allem und manchmal nur dann Karriere machen kann, wenn man Überstunden macht und ständige Präsenz zeigt.

Aber warum eigentlich?

In einem offenen Brief fordern eine ganze Reihe von Menschen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen nun erstmals laut, klar und deutlich eine Arbeitszeitverkürzung auf 30 Stunden. Bei vollem Lohnausgleich. Und ihre Argumente lesen sich gar nicht schlecht:

Die Massenarbeitslosigkeit ist die Ursache des ruinösen Wettbewerbs unter den Beschäftigten und fördert die Entstehung des Niedriglohnsektors und solcher diskriminierenden Arbeitsformen wie Leiharbeit und Werkverträge ohne gewerkschaftliche Interessenvertretung. Daher ist dringend eine Verknappung von Arbeit auf die 30-Stunden-Woche notwendig. Die durchschnittliche Arbeitszeit in Deutschland beträgt gegenwärtig ohnehin schon ca. 30-Stunden je Woche, aber die Arbeit ist ungleich verteilt.

Ich finde dieses Anliegen unbedingt unterstützenswert. Allein schon rein egoistisch gedacht: Wie viele andere Menschen lebe ich allein und erziehe dabei Kinder. Im Gegensatz zu typischen Kleinfamilien werden meine Wohn- und Nebenkosten, Strom und Heizung, Internet und so weiter nicht durch zwei Menschen geteilt. Wir teilen uns zwar die Sorge um die Kinder – immerhin! – wir sind zusammenerziehend. Aber der Kostenfaktor ist enorm. Eine 40-Stunden-Woche ist in unserer Lage kaum denkbar. Und in dieser Konstellation ist es auch, dass ein größeres Armutsrisiko für all die Alleinerziehenden entsteht. Und wir werden ja nicht weniger, sondern mehr! Jede zweite deutsche Ehe wird heutzutage geschieden. Jedes vierte Kind wächst in einer Konstellation auf, die nicht der klassischen Kleinfamilie entspricht.

Es gibt also nicht nur gleichstellungspolitische Gründe, sich hinter eine solche Forderung zu stellen. Wie der Brief herausstreicht, sind es drängende soziale und ökonomische Probleme, die diese Forderung sinnvoll erscheinen lassen. Bislang sagen die meisten Menschen das noch leise, hinter vorgehaltener Hand mit diesem müsste eigentlich. Mit dieser klassischen Scheu vor revolutionären Forderungen. Denn genau das ist sie:

Eine revolutionäre Forderung.

Die Arbeitswelt trennt Menschen in Klassen und das entlang sozialer Herkunft, Geschlecht und Alter. Inklusion ist kaum möglich, denn die Anforderungen scheinen unaufhörlich zu steigen, Überarbeitung und Burnout werden „Normalität“ und die Konkurrenz schläft nicht! Ich hab darauf so keinen Bock mehr!

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8 commentaires sur “Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich!

  1. Was ich mich in dem Zusammenhang ja immer frage ist: Warum sollte es dabei zu „vollem Lohnausgleich“ kommen? Wäre nicht ein bisschen weniger Konsum, ein bisschen weniger Wohlstand auch ein wünschenswertes Ziel?

    Zumal dann, wenn man sich überlegt, dass ein nicht unerheblicher Teil der in Deutschland wegfallenden Arbeit eben nicht durch Automatisierung kompensiert wird, sondern nach Bangladesh, Kenia oder China ausgelagert wird. – Solange wir nicht bereit sind auf ein bisschen (oder auch viel?) von diesem importierten Wohlstand zu verzichten, wirkt die Forderung nach weniger Arbeit für uns auf mich ein wenig dekadent. Oder mache ich an dieser Stelle einen Denkfehler?

    Davon abgesehen ist die Forderung nach „Arbeitsverzicht“, gerade auch im Kontext von Geschlechtergerichtigkeit, natürlich überaus unterstützenswert.

    • Grundsätzlich stimme ich Dir zwar zu. Nur frage ich mich was Du unter Wohlstand verstehst?

      Lies mal das Buch „Wohlstand ohne Wachstum“. Wohlstand ist doch nicht gleichbedeutend mit Konsum, sondern im Gegenteil, der Konsumterror geht auf Kosten der Lebensqualität. Wenn wir mehr schlafen können, uns mehr um unsere Kinder kümmern und mehr Menschen arbeiten, sich also nützlich fühlen, weniger Depressionen haben und weniger kriminell werden, dann ist das doch viel mehr wert.

      Und wenn wir uns nicht jedes Jahr z.B. 10 Kilo neue Klamotten kaufen (deutscher Durchschnitt!), sondern weniger, dafür bessere Qualität, weniger Zeit für das Einkaufen aufbringen müssen, sondern stattdessen lieber mal ein Buch lesen, Sport machen oder mit den Kindern singen, dürfte es uns allen deutlich besser gehen. Das ist doch Wohlstand! Nicht der x-te große Fernseher oder ein noch lauteres Auto.

      Henriette

  2. Ich schliesse mich da an, ich hab darauf auch keinen Bock mehr.

    Wo ich noch jünger war und mir da noch nicht so sehr einen Kopf drum gemacht habe, habe ich mal in einem Job innerhalb eines Jahres 500 Überstunden aufgebaut – da habe ich mich das erste mal gefragt, warum die Firma nicht einfach noch jemanden einstellt, weil ich einfach nicht wusste, wie ich die Überstunden bei der Auftragslage abfeiern soll, weil auszahlen wollte mein damaliger Chef sie mir nicht.

    Diese Art der Arbeit zog sich von da ab dann wie ein roter Faden durch mein Leben. 12h-Schichten, mit Hin- und Rückweg zur Arbeit war man teilweise auch nochmal 3h Stunden unterwegs. Zu Hause noch selbst was zum Essen kochen oder so, oder die Wohnung aufräumen, Freunde besuchen – daran war eigentlich gar nicht zu denken, ich war die perfekte Single-Arbeiter-Drohne.

    Später dann – in meinem letzten Job – der Burnout. Und nachdem der gallopierende Schluckauf im Hirn aufhörte (dieses „ich schaffe meine Projekte nicht! *heul!*“) kam dann die Frage: „Aber warum eigentlich? Was mache ich hier überhaupt?“ :)

    Und ich erinnerte mich an meinen Vater, der mal zu mir sagte: „Mensch du bist da doch nur auf Arbeit, und nicht auf der Flucht!“ Wie recht er doch hatte.

    Jetzt bin ich Hartz-fear Empfänger. Und ich habe die Zeit um mich um wichtige Dinge und Menschen zu kümmern. Ich kann mir diese Zeit frei einteilen. Wenn ich jetzt etwas tue, tue ich es aus freien Stücken, ohne Zwang und ohne Deadlines. Und auch ohne Bezahlung. Ist es eigentlich Schwarzarbeit, wenn ich „einfach nur so“ als Teil dieser Gesellschaft funktioniere?

    Deshalb würde ich sogar noch einen Schritt weiter gehen: Ich glaube wirklich fest daran, das ein Bedingungsloses Grundeinkommen Impulse freisetzen würde. Es bräuchte seine Zeit, bis es in die Menschen eindringt und sie verstehen, dass sie dann ein bisschen freier sind.

  3. @David Prochnow: Vielleicht mache ich jetzt einen Denkfehler, aber was mich an dieser Globalisierungskritik immer etwas irritiert: die pauschale Verurteilung von geografischer Verschiebung von Arbeitsplätzen. Natürlich darf das nicht zulasten der Arbeitssicherheit und des Umweltschutzes gehen, aber die Verlagerung von Jobs in Schwellenländer schafft dort durchaus Perspektiven für die Menschen, die dort leben. Wie gesagt, nicht um jeden Preis, aber ganz grundsätzlich spricht doch nichts dagegen, dass die Menschen in China, Bangladesh oder Kenia davon profitieren, dass wir es uns leisten können, weniger zu arbeiten und sie die Arbeit machen zu lassen. Für mich klingt das echt immer ein bisschen so, als hätten diese Länder kein Recht auf wirtschaftliche Entwicklung. Klar, solche Zustände wie in vielen Textilfabriken in Schwellenländern sind untragbar, aber kann die Antwort darauf wirklich sein, dass wir unsere Kleidung nur noch aus deutscher Produktion beziehen? Ich würde mir viel eher wünschen, dass sich auch die Ordnungspolitik globalisiert.

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