Die innere Kritikerin zum Schweigen bringen

Vielleicht habt ihr schon mitbekommen, dass ich ein kleines Fangirl von Laura Lejeune bin. Laura hat einen Youtube-Kanal zum Thema Selbsthilfe bei Depressionen und Selbstverletzung.
Eines der ersten Videos, das ich von ihr fand, war „Silencing your inner critic“, das sie letzten Oktober aufgenommen hat. Ich war durch die Recherche zum Fall von Amanda Todd auf sie gestoßen.
Hier also das Video:

[youtube http://www.youtube.com/watch?v=HSI6YiJ0Rb0]

Sie sagt, sie wollte ein leichtes Video zur Verfügung stellen. Ich finde es nicht so wirklich leicht. Denn mir stellen sich bis heute einige Fragen – dennoch komme ich nicht umhin einzusehen, dass etwas anderes an vielen Stellen nicht hilft. Oder?

Wer ist die innere Kritikerin?

„Die innere Kritikerin ist die Stimme, die deine Zuversicht sabotiert. […] Es ist diese Stimme, die dir erzählt, was du falsch gemacht hast, was du hättest tun sollen, was du sein solltest. […] Schritt Nummer eins ist akzeptieren, dass die Stimme von dir kommt“

Es ist ein bisschen schwierig, diese Stimme so nach innen zu verlagern. Was mich zum Beispiel umtreibt, ist die Frage nach der Grenze. Wo beginnt dieses Innen und wo endet das Außen. In der Kürze des Videos wird diese Frage überhaupt nicht geklärt. Diese Stimme kommt schließlich oft genug von außen. Ziemlich viele, sehr konkrete äußere Stimmen wissen ziemlich oft, was man so alles falsch gemacht hat. Stimmen, die nach innen wandern können. Und bin ich dann wirklich selbst verantwortlich? Im Grunde ist das eine Sicht, die alle Verantwortung zu denjenigen schiebt, die leiden. „Nicht deine Eltern, nicht deine Bullies, nicht deine Freunde – du bist es!“ sagt Laura. Immer wieder blieb ich beim Betrachten des Videos daran hängen. Für mich eine der deprimierendsten Stellen. Denn wer die Stimmen nach innen wandern lässt, hätte ja gerne, dass sie von außen verstummen, etwas anderes sagen. Die Eltern, die Bullies, die Freunde.

In der Welt in der wir leben, die eine schlechte ist, führt leider kein Weg daran vorbei, diese Stimmen nicht mit nach innen zu nehmen. Das ist die bittere Erkenntnis. Welche Stimmen innen drin sind, das bestimmen wir selbst. Die da draußen, die liegen außerhalb unseres Einflussbereichs und die müssen wir im Zweifelsfall loslassen. Das schwierige daran ist der Balanceakt zwischen „ich lasse es los und höre nicht mehr hin“ und „ich nehme ernst, was andere sagen, denn das haben sie verdient“. Oder besser: Es ist wahnsinnig schwierig, zu entscheiden, wann man welche Reaktion wählen soll. Muss ich das ernstnehmen oder kann das weg? Über dieses Problem könnte ich mir ewig den Kopf zerbrechen (und werde ich vermutlich auch). Tendentiell jedoch, das weiß ich und deswegen finde ich dieses Video hilfreich, muss ich mit meiner konkreten Disposition, lernen, Dinge abzuschütteln und nicht so nah an mich ranzulassen. Abgrenzung.

Rituale des Verzeihens und des Loslassens

„Du kannst die Zeit nicht zurückdrehen. […]Du kannst nichts dagegen machen, du kannst es nicht mehr ändern.“

Hier denke ich: Nein. Zeit zurückdrehen natürlich nicht. Aber wenn ich an etwas zu knabbern habe, das in der Vergangenheit liegt – ist es dann wirklich sinnvoll, es einfach so ab zu tun?
Ich las vor einigen Wochen einen ähnlichen Tipp in meinem Entrümpelkalender. Der Kalender war nicht nur für meine Wohnung gedacht, sondern immer wieder gab er mir Tipps um Gedanken- und Gefühlsballast zu entrümpeln. Diese Idee scheint mir interessant. Zum Beispiel sollte ich, dem Kalender zufolge, Leuten verzeihen. Aufschreiben, wie sie mich verletzt oder wie sie mich wütend gemacht haben und in einem echten Ritual verzeihen. Mir kam das komisch vor. Aber ich habe es getan – ich habe aktiv verziehen. (Dummerweise hat das insofern nichts gebracht, als dass die Verletzung einfach wiederholt wurde… Aber warum nicht das Ritual zu gegebener Zeit auch wiederholen?). Aktives Verzeihen ist keine Hexenkunst, scheint es. Dennoch können die meisten Menschen das heute nicht mehr. Bringen wir es unseren Kindern eigentlich noch bei?
Der zweite Kalendertipp war, sich in einem ähnlichen Ritual seiner Stärken und seiner Schwächen bewusst zu werden und im Zusammenhang mit den Schwächen auszuloten, ob sie änderbar sind, ob man sie ändern will und wenn es nicht zu ändern ist: Sie loszulassen. Sich so sein lassen. Das eigene So-sein akzeptieren. Auch Laura empfiehlt, die negativen Gedanken über sich selbst aufzuschreiben und mit etwas Abstand, eine Woche oder mehr, darauf zurückzukommen, es zu lesen und zu schauen, ob es wirklich immer noch so dramatisch scheint. In der Hoffnung, dass es das dann nicht mehr tut.
Das heißt nicht, und kann nicht heißen, dass eine Geschichte aus der Vergangenheit einfach ausradiert wird. Gelöscht. Sie ist das. Sie ist ein Teil von uns. Vielleicht denken wir manchmal an sie und mit Sicherheit haben wir durch sie etwas gelernt.

Die innere Kritikerin – nicht nur die Böse

Im Großen und Ganzen hat Laura einen Punkt. Es liegt bei uns, wie wir mit unserer inneren Kritikerin umgehen. Aber sie zum schweigen bringen – in aller Radikalität – wird selten gelingen. Zudem scheint es mir nicht erstrebenswert. Ich mag meine innere Kritikerin auch ein bisschen. Sie erlaubt es mir, mich selbst in Frage zu stellen. Sie macht, dass meine Skepsis nicht vor mir selbst halt macht. Dass ich auch mich selbst skeptisch betrachten kann und mich frage, ob ich einen Fehler gemacht habe. Dass ich mich nicht nur an anderen abarbeite.
Sie hat für mich eine gute und eine schlechte Seite. Die schlechte Seite zeigt sich meistens abends, wenn sie wie in einer Willi Wiberg Geschichte als ein Ungeheuer abends unter meinem Bett liegt und zu Gedankenkreisen führt. Und verhindert, dass ich zu angemessener Zeit die Augen zumache. Sie zeigt sich aber auch von ihrer guten Seite, wenn ich durch das lange nächstliche Nachdenken am nächsten morgen vielleicht müde bin, aber dennoch ein bisschen mehr einschätzen kann und ein bisschen eine bessere Ahnung habe, wo meine Fehler wirklich liegen. Das Ungeheuer liegt ja nicht immer völlig grundlos unterm Bett. Manchmal bin ich ungezogen und manchmal bin ich nett. So wie alle Menschen.

Aber wenn die Stimmen von außen meinen Schlaf bestimmen, wenn sie so laut werden, dann führt genauso oft kein Weg daran vorbei, sie zum Schweigen zu bringen – zumindest was die eigene innere Resonanz darauf betrifft. I am the Master of my Mind.

„Du musst mit dem arbeiten, was du hast. […] Du musst diese Gedanken herausfordern. Sie sagen dir vielleicht, dass du hässlich bist, aber du bist niemals gut genug! Du bist never ever gut genug. Sie sagen dir, du seist minderwertig im Vergleich zu anderen Leuten. Dass du nicht gut genug bist. – DU BIST GUT GENUG!

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11 commentaires sur “Die innere Kritikerin zum Schweigen bringen

  1. Während viele Zuckungen bekommen, sobald man auf das Kommunikationsquadrat von ihm hinweist, so habe ich durch Teil 1 viel, viel mehr Verständnis für meine Mitmenschen und mich entwickelt und eben meine vier Ohren geschärft, deshalb möchte ich auch dir Teil 1 von „Miteinander reden“ von Friedemann Schulz von Thun empfehlen.

    Das andere ist eine kleine Weisheit aus der Zeit, in der Kettenbriefe noch per Massenmail verschickt wurden:
    If someone disappoints you once, it’s their fault.
    If they disappoint you a second time, it’s yours.

    • dankeschön. ich habe bisher immer sehr viel mit Watzlawik gearbeitet. ich leihe mir das von Sclz von Thun einfach bei Gelegenheit mal in der Bib aus.
      und ja: beim zweiten Mal ist es die eigene Schuld. vielleicht ist das kein so schlechter Ansatz, der da als Allerweltsweisheit verbreitet wurde.
      ich habe für mich in letzter Zeit va gelernt, meine Filter feiner einzustellen. nicht zu schnell vertrauen, nicht zu schnell Menschen an mich ranlassen… persönliches und privates mehr in mir zu verschließen. oder wie ein schlauer Mensch sagte: „du hast kein sehr dickes Fell, also mach besser noch ein Schloss an dein Innenleben dran.“

      • Kleine Korrektur:

        „If someone disappoints you once, it’s their fault.
        If they disappoint you a second time, it’s yours.
        Or they’re just fanatics.“

        ;-)

        Das mit den Schlössern funktioniert ja auch nicht unbedingt. Zuviel Schlösser machen: verschlossen. Eine gewissse Offenheit bringt z.b. auch Zuspruch ins eigene Leben, und überhaupt Menschen, die man mag – die einen auch mögen. Sich abzukapseln, ist phasenweise vielleicht hilfreich – auf Dauer aber i.d.R. ausgesprochen unbefriedigend.

        (sollte ich mein eigenes Leben als Experiment verstehen, dann würde ich das Sichabkapseln als deutlich fehlgeschlagenes Esperiment ansehen – und zwar sowas von!)

        Ich denke, mensch muss da einen Mittelweg suchen, einen, bei dem er sich wohl fühlt. Selbstbehauptung ist vielfach ein Detailproblem, ein Set an geeigneten Formulierungen und auch eine gewisse Übungs- und Wachstumsfrage. Manchmal muss mensch auch einfach lernen, mit sich zufrieden zu sein – und sich eben nicht erschüttern zu lassen von jenen, die ihre Frustrationen zu den deinen machen wollen.

        Was aber auch immer ist, was immer an Problemen und Konflikten auf dir lastet, was auch immer in einer stillen Stunde an hässlichen Gedanken entstehen und von Zeit zu Zeit ein paar Zweifel in Bezug auf dich selbst – sei dir gewiss:

        Du bist liebenswert.

        P.S.
        Hatte ich schon frohes Neues Jahr gewünscht?
        :D

  2. Ich habe jetzt nur gelesen, was du geschrieben hast, und mir nicht das Video angesehen, und ich weiß auch nicht, ob ich mir das Video ansehen möchte. (Gerade habe ich stattdessen den Hobbit-Soundtrack anlaufen lassen – das ist etwas, was ich wirklich mag.)

    Es klingt für mich alles zu sehr nach Ratgeberliteratur. Als ich selbst in meiner schlimmsten Krise war, habe ich ziemlich viel davon gelesen, und auch vieles davon wieder weggelegt. Wenn etwas davon nützlich ist, dann sind es die Tips, wie man sich selbst reflektieren kann, etwa verschiedene Formen des Tagebuch Führens. Was ich unnütz finde, sind Ratschläge, wie man glücklicher wird oder sich besser fühlt.

    Ich glaube, wir sind auf die Rückmeldungen anderer Menschen angewiesen. Kein Mensch kann sich allein aus dem Sumpf ziehen. Und wenn jemand sich allen kritischen Stimmen von außen verschließt, ist er oder sie in Gefahr, irgendwann wegen Realitätsverlusts ganz übel abzustürzen.

    Einem Kind oder einer/m Jugendlichen, die Opfer von Bullying ist, zu sagen: „Es sind nicht die Bullies, nicht deine Freunde, nicht deine Eltern, sondern du! Du musst einfach deine Ohren gegen ihre Stimmen verschließen!“ betreibt ganz übles Victim-Blaming. Vor allem wird auf diese Weise kein Problem gelöst. Die einzige Lösung des Problems besteht darin, dass das Bullying aufhört, und das kann das Opfer nicht allein erreichen. Alles andere sind Überlebenstaktiken, einschließlich Ohren Verschließen. Aber Überleben ist nicht Leben.

    Was meiner Meinung nach wirklich wichtig ist: Lernen, die Dinge auseinanderzusortieren: Was kommt von außen und verletzt mich? Und was kommt von innen? Und das ist nicht immer einfach, und nicht jeder wird dabei zur gleichen Einschätzung kommen. Eine Person empfindet etwas als Beleidigung und fühlt sich verletzt wegen etwas, was von außen kommt, die andere fand, es war gar nicht so schlimm, und die beleidigte Person soll schauen, was in ihrem Inneren los ist, dass sie so heftig auf eine harmlose Bemerkung reagiert…

  3. P.S. Ich bin gerade dem Link zu dem Kalender gefolgt, und habe gelesen, dass die Autorin Feng-Shui-Beraterin ist. Ich halte Feng Shui für eine Form von magischem Denken, und für gefährlich, da es schon wieder die Verantwortung für alles mögliche Unglück der Person selbst zuschreibt. Ich kann mir vorstellen, dass du bei Colin Goldner oder der AGPF etwas darüber findest.

    • Ich bin zwar ähnlich skeptisch wie du gegenüber Feng-Shui und finde die zugespitzte Formulierung „magisches Denken“ klasse. Nun, aber vielleicht lässt sich auch etwas sanfter darauf blicken.

      Versteht man Feng-Shui als „Kunst des Wohlfühlens“ bzw. als „Herstellen einer Ordnung für das Wohlfühlen“, dann hat es vielleicht ja doch einen Nutzen. Jedenfalls, meine oberste „Feng-Shui“-Regel beim Einrichten meiner Wohnung ist:

      „Stelle die Dinge ganz bewusst so hin, dass du dich wohl fühlst.“

      Für mich funktioniert das. Sozusagen: mein individuelles Feng-Shui.
      ;-)

      • Ich bin jetzt mal tatsächlich bei AGPF gewesen und habe nachgesehen, was die unter Feng Shui schreiben Binsenweisheiten oder Esoterik. Der letzte Abschnitt geht über Prinzipien der Innenarchitektur, die wohlbekannt sind und mit Feng Shui nichts zu tun haben, etwa: keine Fenster an gegenüberliegenden Seiten, weil das verhindert, dass sich Menschen in einem Raum geschützt und geborgen fühlen.

        Feng Shui ist etwas anderes. Feng Shui bedeutet, dass die Art und Weise, wie du deine Wohnung einrichtest, Auswirkungen auf dein sonstiges Leben hat, etwa dass du Erfolg im Beruf oder in der Liebe hast, wenn du deine Wohnung so und so einrichtest. Es geht also um mehr als darum, sich in der eigenen Wohnung wohlzufühlen, und das ist dann magisches Denken.

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  5. Hallo Kadda,

    oft ist es besser seine eigenen Interessen und Bedürfnisse wichtiger zu nehmen als die Meinungen und Stimmen von anderen Personen.
    Du kannst dich auch immer fragen ob ein bestimmter Gedanke Dir hilft Dich so zu verhalten wie du möchtest und falls nicht, ob es sich dann noch lohnt diesen Gedanken weiter zu verfolgen.

    Alles Gute.

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