Kinder: Allmachtsphantasien und Flausen im Kopf

Beim Märchenstunde-Podcast, zu dem mich @343Max und @bjoerngrau eingeladen haben, plauderten wir immer mal wieder über Kinder und wenn man vielleicht vermuten mag, dass da in mir vor allem die Mutter hervorkam (was sie natürlich auch tat), so doch auch immer die Erziehungswissenschaftlerin.

Ein paar Gedanken möchte ich an dieser Stelle noch einmal vertiefen, weil sie mir seitdem noch im Kopf herumdrehten.

Allmachtsphantasien

Zum Thema Allmachtsphantasien habe ich ja viel gesagt. Das ist ja ein zentrales Motiv, das mit dem Märchen „Sechse kommen durch die ganze Welt“, das Björn im Podcast vorlas, stark bespielt wird. Wie ich bereits andeutete hatte ich das Märchen auch deswegen ausgesucht und gefiel es mir deswegen auch sehr gut.

Welche Bedeutung diese für Kinder haben, deutete ich ebenfalls an und zitierte Sibylle Berg mit „Kinder muss man sorgfältig behandeln, sie sind so grauenhaft ausgeliefert.“ Das sagte diese in einem Interview mit der FAZ (das auch ansonsten sehr großartig ist).
Wer Kinder hat kennt bestimmt die Phase, in der sie permanent Rollenspiele spielen. Gerne sind sie dabei Löwen und fürchterlich gefährlich. In einer Ausgabe des Berliner Elternbriefs des Arbeitskreises Neue Erziehung e.V. stand dazu, dass es sehr wichtig für Kinder sei, dass diese Phantasien von den Eltern nicht zerstört, sondern auch unterstützt würden. Denn Kinder seien in ihrem eigenen Erleben sehr oft hilflos, schwach und abhängig – und es sei deswegen für sie und ihre Psyche nicht unerheblich, wenigstens im Spiel eine andere Rolle annehmen zu können.

CC BY-ND 2.0 von gematrium via Flickr

 

Wer diese Allmachtsphantasien von Kindern sehr toll aufgegriffen und umgesetzt hat, ist bekannt: Astrid Lindgrens Pippi Langstrumpf ist pädagogisch gesehen gerade deswegen so wertvoll und gerade deswegen auch schwer wegzudenken. Doch diese Wünsche nach Macht und Stärke der Kinder zu tolerieren – zu fördern gar – finden nicht alle Menschen gut. Lindgrens Geschichten sprengten allzu oft das für viele Erwachsene Ertragbare. Während sie immer Partei für die Kinder ergriff, und die Welt stets mit Kinderaugen zu beschreiben suchte, widersprach sie einer Doktrin, dass man den Willen der Kinder brechen müsse. Eine Doktrin, die noch bis heute bei vielen Menschen tief verankert ist. Die sich in scheinbar gutmeinender Manier äußert, wenn Leute Bücher schreiben, die uns klarmachen sollen, warum aus unseren Kindern „Tyrannen“ werden.

Flausen im Kopf

„Nichts als Fissimatitten im Kopf, dieser Michel!“ – so lautet ein Spruch der Magd Lina, die in den Geschichten über „Michel aus Lönneberga“ die Rolle derjenigen einnimmt, die mit den Flausen und Streichen von Kindern nichts anfangen kann. Michel meint es aber nie böse, das weiß jedes Kind. Im Grunde ist er sehr hilfsbereit und hat ein gutes Herz – doch er treibt ein ganzes Dorf in den Wahnsinn.

Zwei weitere Figuren mit nicht gerade wenig Flausen im Kopf sind Lotta und Karlosson vom Dach. Mit ihrem Buch „Lotta zieht aus“ hat Astrid Lindgren auf eine sehr radikale und unglaublich einfühlsame Art und Weise die Sichtweise eines Kindes widergegeben. Lotta wacht morgens auf und meint, dass ihre Geschwister ihren Teddy gehauen hätten. Doch das hatte sie nur geträumt. Aber sie hat so schlechte Laune, dass sie ihre Mutter sehr ungerecht behandelt und einen selbstgestrickten Wollpullover zerschneidet. Alle anderen sind daran schuld – findet sie und sich selbst empfindet sie als Leidtragende. Weil sie so wütend ist, beschließt sie auszuziehen. Auch hier gab es, wie ich in der Lindgren-Biografie „Jenseit von Bullerbü“ nachlesen konnte, einen kleinen Aufschrei. Das Kind sei schließlich komplett ungezogen – wie könne es da sein, dass es nahezu ungestraft machen könne, was es wolle?

Lottas Eltern sind (in den Augen Astrids Lindgrens – in meinen beinahe auch) ideale Eltern. Sie reagieren immer konstruktiv und liebvoll, haben die Geduld gepachtet und selbst wenn sie einmal streng werden, so lenken sie doch immer ein und nie wird Lotta erniedrigt, selten bestraft und meistens einfach nur mit Liebe überschüttet. Das entspricht zutiefst Astrid Lindgrens Grundsatz, den Kindern Liebe, mehr Liebe und noch mehr Liebe zu schenken – dann kämen die Manieren von ganz allein. Astrid bricht damit ein Tabu: Sie bricht mit der Überzeugung, dass Kinder immer und überall einen Machtkampf spielten.

Es gibt im realen Leben sicherlich keine Eltern, die so sind. Doch genau darum sind die Geschichten Astrid Lindgrens für viele Kinder so wichtig. Denn sie greift stets eine Sehnsucht auf – und damit zeigt sie den Kindern auf eine wunderbare Art, dass diese Sehnsüchte nicht „falsch“ oder „ungezogen“ sind, sondern ganz natürlich und legitim. Seien es die perfekten Eltern, seien es die Superkräfte einer Pippi Langstrumpf, die „Erlaubnis“ ständig ungezogen und völlig frech zu sein, wie Karlsson vom Dach oder eben die Erkenntnis, dass auch andere Kinder in ihren kleinen Herzen und Bäuchen manchmal eine Trauer und eine Wut haben, die für Erwachsene nicht nachvollziehbar ist – die aber ganz genau so in einer Geschichte auch zu finden ist.

Trotzige Eltern

Eine ganz ähnliche Haltung wie Lindgren nimmt der Familientherapeut Jesper Juul ein. Nach seiner Überzeugung sind im „Trotzalter“ weniger die Kinder trotzig, als vielmehr die Eltern. Das schreibt er in seinem Bestseller „Dein kompetentes Kind“. Und ich halte das nicht einmal für sonderlich falsch. Aber ich möchte nicht weiter darauf eingehen – sonst artet der Artikel aus. Wer das gerne nachlesen möchte – was ich empfehle – findet im „kompetenten Kind“ alles (eine kleine Kostprobe ist dieses Interview in der taz).

Was wichtig ist, gerade im „Trotzalter“ und im Vorschulalter, das erlebe ich an meinen eigenen Kindern: Wenn Grenzen setzen, dann immer nur die eigenen. „Man macht das nicht“ ist kein gutes Argument. Viel besser, so rät Jesper Juul, sei ein „ich will nicht“ oder „ich will“ (eine Art zu kommunizieren, die man uns als wir klein waren streng abgewöhnt hat – die aber direkt und persönlich ist). Wenn mein Sohn sehr laut ist und ich davon Kopfschmerzen bekomme, dann sage ich ihm genau das: Ich will nicht, dass du so laut bist. Davon tut mir mein Kopf weh. Das versteht er und er ist nicht so bloßgestellt wie ein Kind, das in der gleichen Situation von seinen Eltern zu hören bekommt: „Warum schreist du immer so rum? Habe ich dir nicht schon tausend Mal gesagt, dass ich davon Kopfschmerzen bekomme?!? Warum kannst du nie auf mich hören?!“ – am besten selbst schon schreiend.

Eltern sind dann trotzig, wenn sie auf ein Bedürfnis des Kindes – egal, ob es erfüllt werden kann, soll oder eben nicht – nicht mehr konstruktiv reagieren können, sondern destruktiv. Ein Klassiker ist das Anziehen einer Zweijährigen: Wenn Kinder nicht mitmachen, fangen viele Eltern das schimpfen an oder machen es mit Gewalt. Sie gehen nicht auf das Bedürfnis des Kindes ein (zum Beispiel selbst anziehen oder die Sachen selbst aussuchen (egal wie unpassend das dann wird)) und anstatt kurz die eigene Grenze zu setzen (ich habe keine Zeit, bitte mach mit!) fangen sie „warum… immer… nie..?!?“-Monologe an. Ich meine mich da durchaus mit. Denn klar: Das kann sehr nervenaufreibend sein und nicht immer ist Sommer, nicht immer besteht die Möglichkeit, ein Kind ohne seine Kleidung in die Kita zu bringen. (Ich habe das diesen Sommer einmal gemacht. Da wurde ihr ein bisschen kalt und die Sache war damit aus der Welt. Es hat mir nicht weh getan, ihr nicht und sie wurde davon nicht krank. Aber eine andere Mutter fragte besorgt, wie denn da „die Leute“ reagiert hätten…)

Damit will ich es auch erst einmal bewenden lassen. Zum Schluss sei die provozierende These in den Raum gestellt, ob nicht vielmehr die Kinder die Allmachtsphantasien der Erwachsenen – die sich bei unglaublich vielen Menschen in einem nahezu immer unerkanntem Kontrollzwang äußern – komplett aus der Bahn bringen…? ;)

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4 Gedanken zu „Kinder: Allmachtsphantasien und Flausen im Kopf“

  1. Ich glaube, es ist da wichtig, zu unterscheiden, um welches Alter es geht. Vorschulkinder sind ja tatsächlich noch sehr ausgeliefert, und für sind Allmachtsphantasien ein Weg, diesem Ausgeliefertsein zeitweise zu entkommen – und dann sind sie doch wieder sehr glücklich, dass sie im Gegensatz zu Pippi eine Mutter oder auch einen Vater haben, die sie abends ins Bett bringen und ihnen etwas vorlesen und noch etwas mit ihnen reden.

    Später können Kinder dann schon mehr und sind nicht mehr so ausgeliefert, und dann sind, glaube ich, realistischere Lösungen sinnvoller, selbst wenn sie in einer Fantasywelt spielen. Da kann es schon sein, dass Kinder zu Helden werden müssen, weil die Erwachsenen Bockmist gebaut haben, etwa im ersten Band von Harry Potter, wo sie nicht gemerkt haben, welcher Lehrer von Voldemort besessen ist. Aber die Kinder müssen sich trotzdem anstrengen, die Bösen zu besiegen, und haben nicht einfach Zauber- und Superkräfte. (Okay, sie können zaubern, aber die Gegner können auch zaubern.) Sie brauchen Freunde, und erwachsene Helfer und Ratgeber, und sie müssen sich an Regeln halten, und Gut und Böse sind wichtige Kategorien.

    (Ich frage mich gerade, wann der Wechsel stattfindet. Vielleicht kann man es an den Fußballvereinen sehen, für die die Kinder schwärmen. Sechsjährige sind noch Fans von Bayern München, weil die immer gewinnen. Ältere Kinder wissen, dass es langweilig ist, immer zu gewinnen, sie sind eher Anti-Fans von Bayern München, weil die sich mit Geld die besten Spieler und Trainer kaufen können. Sie freuen sich eher, wenn der Underdog gewinnt, oder sie werden treue Fans ihres Heimatvereins.)

    Ich war frühe intensive Leserin von Kinderbüchern, aber aus verschiedenen Gründen hat es aufgehört. Was ich sehr mag, sind die Kinderbücher von Terry Pratchett. Ich wollte sie gerade einfach nur aufzählen, nämlich die Johnny Maxwell-Serie und die Tiffany-Bücher aus der Scheibenwelt, aber jetzt merke ich, dass gerade das erste Johnny-Maxwell-Buch perfekt ins Thema passt: Johnny spielt ein Computerspiel, in dem als erstes dem Helden mitgeteilt wird, dass nur er die Menschen vor der Invasion von außerirdischen Aliens retten kann – und dann passiert etwas Ungewöhnliches: die Alien bitten um einen Waffenstillstand. Die Allmachtsphantasien, und die Phantasie von einem Leben als „Chosen One“, von denen ein Computerspiel lebt, werden auf den Kopf gestellt.

    Zur Zeit folge ich dem Manga Naruto. Ich weiß nicht, wie alt deine Kinder sind – vielleicht kennst du es sogar. Das Anime ist so bearbeitet worden, dass es ab sechs ist, aber irgendwann lernen die Kinder dann, bei Youtube die Originalversion (mit Untertitel) zu finden. Das Manga würde ich ungefähr ab zehn empfehlen – ich musste erst lernen, die Bilder zu entziffern, und bei Kampfszenen finde ich es immer noch schwierig.
    Diese Geschichte beginnt damit, dass ein Außenseiter und angeblicher Versager, also eben ein Underdog, einen Erwachsenen findet, der sich kümmert, und andere Kinder, die ihn nicht verstoßen. Er lernt, dass er auch etwas kann – die ersten Bände sind absolut empfehlenswert und voller Wärme. Aber irgendwann unterwegs ist das verlorengegangen, es geht nur noch darum, immer stärker zu werden, und die Gegner (die natürlich auch stärker werden) mit immer stärkeren Superkräften zu vernichten. Für ein zwölfjähriges Kind ist das eine Regression (für ein fünfjähriges Kind ist es okay, aber fünfjährige Kinder schwärmen eben auch noch für Bayern München), und die erwachsenen Frauen, mit denen ich gemeinsam das Manga online verfolge, sind mittlerweile alle gelangweilt. Wir lesen es noch aus „Nostalgie“ oder weil wir Fans von anderen Figuren sind. Der Titelheld hat seinen Charme verloren – mit einer Figur mit Superkräften und dazu noch der Fähigkeit, alle Gegner durch sein Charisma auf die eigene Seite zu ziehen (nachdem er sie besiegt hat), können wir uns nicht identifizieren.

    Ein weiteres Beispiel, das mir in den Sinn gekommen ist: Im Buch Verbotene Spiele. Theorie und Praxis antirassistischer Erziehung. (Neue Folge) findet sich ein Vergleich zwischen den westafrikanischen und karibischen Anansi-Geschichten und den Geschichten von Spiderman. (Anansi ist ebenfalls eine Spinne.) Spiderman hat einfach Superkräfte – Anansi besiegt seine Gegner durch List, und auch indem er die Arroganz und Eitelkeit der Gegner ausnutzt, ähnlich wie der gestiefelte Kater den Zauberer besiegt. Die zweite Art Geschichten ist viel interessanter.

    Was die Eltern anbelangt – ich habe ja selbst jetzt keine eigenen Kinder, sondern nur Nachhilfeschüler, und bei vielen von ihnen sehe ich, dass sie ihr bestes geben, aber von der Situation überfordert sind. Vielleicht ist es für Eltern wichtiger, Fehler machen zu dürfen, und nicht perfekt geduldig sein zu müssen wie die Eltern von Lotta aus der Krachmacherstraße. (Und ein kleines Kind wie Lotta nicht ernsthaft zu bestrafen, sollte ein Selbstverständlichkeit sein, schließlich ist sie erst fünf.)

    Kennst du die Opernversion von „Hänsel und Gretel“? (eine Art „Richard Wagner for kids“) Der Text wurde von der Schwester des Komponisten geschrieben ursprünglich mochte sie das Märchen nicht, weil sie als Mutter sich über die Darstellung der (Stief-)mutter in diesem Märchen ärgerte. Sie hat die Rolle dann abgeändert: Die Mutter ist arm und mit ihren Nerven am Ende und schickt die Kinder in den Wald, als sie einen Topf mit Milch runterwerfen, den sie sich von einer Nachbarin geliehen hat, damit sie überhaupt etwas zu essen haben. Sie bereut dann aber, was sie getan hat. Vielleicht sollten wir auch für solche Mütter wieder mehr Verständnis haben.

    Was noch? Ich glaube, ehrlich gesagt, dass die Zeit für Pippi Langstrumpf vorbei ist. Vorschulkinder mögen sie wahrscheinlich noch, aber ältere Kinder leiden nicht mehr vornehmlich unter zu strengen Eltern und zu vielen Regeln. Sie haben andere Probleme, und sie wissen (und sei es nur aus Harry Potter), dass es nicht cool ist, keine Eltern zu haben, und dass Erwachsene, die für einen sorgen und einen mögen, wichtig sind, auch wenn diese Erwachsenen hin und wieder schimpfen.

    Ach ja, Jesper Juul. Ich halte es für problematisch, wie er einerseits Gehorsam als Erziehungsziel ablehnt, wie er dann andererseits aber „Führung“ fordert – wahrscheinlich im Wissen, welche Assoziationen dieses Wort in Deutschland weckt. Mir ist das ehrlich gesagt zu diffus – ich weiß nicht, was ich unter dieser Führung verstehen soll.

  2. Was das Verhältnis zu Pippi Langstrumpf angeht, so stimme ich Dir vollkommen zu; als Eltern versuchen wir, das Anarchische, Selbstbewußte und die innere Autonomie in unserem Kind zu bestärken.
    Ich hab aber (auch im Bekanntenkreis) den Eindruck, dass die Trotzphase wenig bis gar nichts mit den Eltern zu tun hat, sondern eine unvermeidliche psychische Entwicklungsstufe der meisten Kinder darstellt. Sie haben mit zwei Jahren gerade gelernt, Zielsituationen auszuwählen und über einen längeren Zeitraum mit Nachdruck zu verfolgen. Sie können Ziele jedoch meist noch nicht wieder fallenlassen, wenn diese nicht erreichbar sind. Das führt zu einem starken Erregungszustand, der wiederum eine Ablenkung und das Fassen neuer Ziele noch mehr erschwert, weil er die Aufmerksamkeit verengt. Es spielt dabei keine Rolle, ob es sich um ein Verbot der Eltern oder ein prinzipiell unerreichbares Ziel handelt.
    Wichtig ist in so einer Situation nicht nur, dass die Eltern nicht herumschreien, sondern dass sie es auch nicht persönlich nehmen. Zweijährige haben an dieser Stelle oftmals einfach keinen Handlungsspielraum. Diese Phase geht aber bald vorbei.

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