Du sollst deine Leser nicht beschämen

Bildungskolumne Ich schreibe nicht nur über Bildung, ich bilde mich auch ab und zu selbst. Diesmal las ich ein Buch über alltäglichen Rassismus in Deutschland.

Bildung funktioniert in meinen Augen immer sehr gut, wenn die Inhalte durch Geschichten transportiert werden können. Das findet auch Lena Gorelik, die mit ihrem Buch Sie können aber gut Deutsch! gegen Diskriminierungen und das Zuschreiben des Andersseins anschreibt. Goreliks Buch werde ich in meiner nächsten Kolumne besprechen, sozusagen als Kontrastfolie oder Ergänzung zu jenem Buch, das ich mir für diese Woche durchgelesen habe: Noah Sow hat es geschrieben. Deutschland Schwarz Weiß heißt es.

Mit ihrem bereits 2007 erschienen Buch, das den Untertitel „Der alltägliche Rassismus“ trägt, will Noah Sow aufklären. Denn, so die Autorin im Vorwort, sie halte Aufklärung „für eine notwendige Voraussetzung, um eine wirkliche gesellschaftliche Veränderung erreichen zu können“. Meine Neugierde trifft eine, die bilden will. Sow will die Geschichte der Beziehung zwischen Schwarzen und Deutschland erzählen.

Unterrichtsstunde im „Weißsein“

Gleich zu Beginn schafft sie es, am Beispiel ihrer eigenen Herkunft die Lesenden mitzunehmen (ich werde diesen AHA-Effekt nicht schmälern, indem ich es ausführlicher schildere – lesen Sie es ruhig selbst!). Das Buch gliedert sich daraufhin in sieben Kapitel, beginnend mit einer Unterrichtsstunde im „Weißsein“, international bekannt unter dem Namen „Critical Whiteness“. Fünf Jahre nach dem Buch gerät die Theorie, die 2007 wohl nahezu unbekannt war (zumindest außerhalb akademischer Diskurse), langsam in Kritik. Sows Ausführungen zeigen, warum diese Theorie so schwierig ist.

Sie ist schwierig, weil sie davon ausgeht, dass eigentlich alle Weißen nicht anders können, als Rassisten zu sein. Der Feind ist überall und dabei wird es schnell undifferenziert und einseitig. Um diese Haltung zu sichern, wird sich des Konzepts der „Definitionsmacht“ bedient, das vermeintlichen Opfern zuspricht, alleine darüber zu bestimmen, wann Handlungen als Gewalt und Diskriminierung zu benennen sind. Das nutzt Noah Sow, versagt damit aber den Lesenden den Respekt, wenn sie schreibt: „Das haben Sie jetzt alles gelesen und finden das wahrscheinlich ebenso schlimm wie ich. Sie wissen aber immer noch ganz genau, dass Sie kein Rassist sind. Woher? Weil Sie keiner sein wollen. Da habe ich leider eine schlechte Nachricht für Si e…“ und nun folgt eine Auflistung an Fakten des Alltagsrassismus in Deutschland (in dem wir ja zugegebenermaßen alle aufgewachsen sind), die unweigerlich dazu führten, dass weiße Deutsche per se privilegiert seien.

Das ist die betreffende Stelle, indem dem/der LeserIn erklärt wird, warum sie nicht kein RassistIn sein könne.

Und nun sei es eben so, dass Rassismus genau da anfange, wo sie ihre Privilegien nicht reflektierten und eingestünden. Sie sagt damit also (sinngemäß): Sie sind deutsch und sagen „ich bin kein Rassist“? – ha! – das ist der Beweis, dass Sie einer sind und sein müssen, denn hätten Sie ihre Privilegien reflektiert, dann wüssten Sie es ja besser.

Generalverdacht statt Respekt

Nein, Noah Sow kennt mich nicht. Ich bin weiß, aber Diskriminierungserfahrungen aufgrund meiner Herkunft habe ich auch gemacht, in meiner Kindheit. Ja, sorry: Ich denke immer noch, dass ich keine Rassistin bin. Da muss ich an das Vorwort denken, wo Sow mir schon ankündigte „auf den folgenden Seiten aber hin und wieder auch ganz schön hart angefasst“ zu werden. „Nehmen Sie’s als Erfahrung“, heißt es dazu nur. Alles klar. Erfahrung gemacht, auf Seite 63.

Ich fühlte mich dennoch nicht wohl. Ich wollte lernen und wurde wegen meiner Hautfarbe unter einen Generalverdacht gestellt. Dabei habe ich als Pädagogin eigentlich das Gegenteil verinnerlicht: Die wirklich guten LehrerInnen respektieren ihre SchülerInnen – das ist doch die Grundvoraussetzung für Lernen und eine gelungene Bildungsbeziehung!

Ich habe dennoch weitergelesen und es fast nicht bereut. Denn ich habe viel Neues gelernt oder vertieft, das bislang eher „gefühltes Wissen“ war. Zum Beispiel, dass es wissenschaftlich gesehen nicht korrekt ist, bei Menschen von „Rassen“ zu sprechen. Darauf folgt ein knapper, aber gehaltvoller Abriss der Kolonialgeschichte Deutschlands. Hier wird gezeigt, wie unglaublich demütigend und arrogant sich deutsche Wissenschaftler, Medien und Politiker gegenüber Schwarzen zwischen 1890 und 1945 verhalten haben. Viele Zitate, Bilder, Skulpturen aus der Zeit und „Forschungsarbeiten“ lassen einen erschauern. Darauf folgt eine Betrachtung zeitgenössischen Alltagsrassismus, sowie eine Stichprobenahme des Rassismus in den deutschen Massenmedien. Am besten gefallen hat mir neben dem anschaulichen Einstieg, der konkrete Zwölf-Punkte-Plan am Ende des Buches. Hier geht um konkrete Taten, die dazu beitragen können, den Rassismus abzubauen.

Dieser Definition von Rassismus (ein paar Seiten weiter) schließe ich mich vollumfänglich an.

Ein Bärendienst

Das Buch hat das Aufklärungs-Versprechen also wirklich eingelöst. Es könnte sehr stark sein, sollte mehr rezipiert werden. Noah Sow allerdings erweist ihrem Anliegen mit dem Kapitel zum „Weißsein“ einen Bärendienst. Ein Kapitel, das in ihrer aktuellen antirassistischen Arbeit offenbar noch mehr Platz einzunehmen begonnen hat, als im Buch. Ein Kapitel, das derzeit viele Diskussionen auslöst und die antirassistische Szene auf eine Art spaltet, wie es zuletzt der Israel-Palästina-Konflikt vermochte.

Das lässt viele ratlos zurück. Doch in dieser Ratlosigkeit wollen wir nicht verharren! In der kommenden Kolumne werde ich Lena Goreliks Ansichten auf das pluralistische Deutschland besprechen und damit einen Ansatz, dem es darum geht, eine Vision zu entwerfen. Wir leben längst in einer multi-ethnischen Gesellschaft, ist ihre Analyse. „Wir müssen nur dahin kommen, es als Stärke zu begreifen und davon zu profitieren.“

(Der Spruch „du sollst deine Schüler nicht beschämen“ gilt als die Grundregel der LehrerInnen in Finnland)

(Dieser Text erschien zuerst als Kolumne auf freitag.de)

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86 commentaires sur “Du sollst deine Leser nicht beschämen

  1. Einen ganz entscheidenden Schwachpunkt in Deiner Rezension sehe ich darin, dass es so rüberkommt, als stelltest Du Deine persönlichen Befindlichkeiten (um nicht zu sagen: Deine abwehrbedingte Angepisstheit) über das Anliegen der Autorin. Unter hegemonialem oder rassistischem Generalverdacht zu stehen, damit müssen wir als Angehörige der Mehrheitsgesellschaft nun mal klarkommen, ganz gleich, ob ich als Hete in einem schwulen Blog kommentiere oder eine Frau mich nachts als potenziellen Vergewaltiger generalverdächtigt. Das ist mir natürlich auch sehr unangenehm und gefühlt eine schreiende Ungerechtigkeit, wo ich doch keinerlei übergriffige Anstalten mache, sondern einfach meiner Wege gehe. Hey, die kennt mich doch gar nicht?? Aber bei Licht besehen ist meine Befindlichkeit dabei doch ein Luxusproblem, verglichen mit dem konkreten Vergewaltigungsrisiko. Und entsprechend würde ich das bei Noah Sow auch gewichten, ich sehe sie schlechterdings nicht in der pädagogischen Pflicht, es doch bitte schön netter zu sagen.

    Oder wie es jemand, der sich mit Antirassismus auskennt, auf Englisch gesagt hat: It’s not about you.

    • Hallo Marc,

      vielen Dank für deine Erläuterung.

      ich schreibe die Rezension aus der ich-Perspektive, damit es anderen zugänglicher wird. Mir ist es selbst aber mittlerweile relativ egal, wenn andere mich als Rassisten bezeichnen – das kam in der Vergangenheit nun so oft vor, dass ich mich langsam auch daran gewöhne.

      wenn ich aber die Definition von Rassismus im Buch selbst anschaue (siehe zweites Bild im Text), dann ist da ja ein sehr deutlicher Widerspruch. Die dortige Defition nehme ich sofort an. Und nach dieser bin ich eben keine Rassistin.

      Was du alles sagst ist super richtig und ich würde das alles so unterschreiben. Doch die Stelle, die im ersten Bild zu sehen ist, drückt sich ja anders aus – und zwar sicherlich ganz bewusst.

      bei Antje Schrupp schrub ich bereits:

      „es geht mir hier nicht (nur) um ein Tone-Argument. Im Kern geht es glaube ich um eine Definition: Was ist Rassismus und was ist einE RassistIn? da gehen einfach die Meinungen auseinander und je nach Entscheidung, welche Definition man für sich annimmt, entstehen andere Ansprüche und auch Machtverhältnisse. Diese hinterfrage ich und das ist glaube ich auch der Hauptauslöser für all die Empörung über meinen Text.

      btw. ist die Defition von Noah Sow im Buch angegeben: habe das damals auch für Instagram festgehalten. Dieser Definition schließe ich mich sofort an. Sie steht aber in einem Widerspruch zur Definition von Rassismus und somit zur Festlegung von RassistIn-sein laut CW und auch wie es auf den Seiten davor von Sow selbst vorgenommen wurde. Vielleicht kann man wenigstens mal diese zwei verschiedenen Definitionen (die eine wurde auch sehr ausführlich von Khaos.Kind aufgeschrieben) achten und wenigstens festhalten, dass es nicht das Gleiche ist.“

      also noch einmal:

      „Unter hegemonialem oder rassistischem Generalverdacht zu stehen, damit müssen wir als Angehörige der Mehrheitsgesellschaft nun mal klarkommen, ganz gleich, ob ich als Hete in einem schwulen Blog kommentiere oder eine Frau mich nachts als potenziellen Vergewaltiger generalverdächtigt. Das ist mir natürlich auch sehr unangenehm und gefühlt eine schreiende Ungerechtigkeit, wo ich doch keinerlei übergriffige Anstalten mache, sondern einfach meiner Wege gehe. Hey, die kennt mich doch gar nicht?? Aber bei Licht besehen ist meine Befindlichkeit dabei doch ein Luxusproblem, verglichen mit dem konkreten Vergewaltigungsrisiko.“

      unterschreibe ich. – nicht, dass du denkst, ich widerspreche hier nur. ich nehme das total an! ich bin einfach nur dafür, ein Stück mehr zu differenzieren.

      danke dir auf jeden Fall!

      • Mir ist es selbst aber mittlerweile relativ egal, wenn andere mich als Rassisten bezeichnen – das kam in der Vergangenheit nun so oft vor, dass ich mich langsam auch daran gewöhne.

        Genau das ist finde ich die Gefahr an der Definition, dass sie alle in Deutschland sozialisierten Menschen als Rassisten definiert. Ähnlich, wie die seit einigen Jahren immer öfter gelesene Definition von Sexismus.

        Das ist so tautologisch, dass ich dann denke: „Na gut, bin ich halt Sexist/Rassist/Klassist/…ist. Habe ja eh keine Chance kein Sexist/Rassist/Klassist/…ist zu sein. Ok. Thema erledigt, brauche ich nicht mehr drüber nachzudenken, ich bin ja eh Sexist/Rassist/Klassist/…ist, egal was ich tue oder bin. Kann ich mich also getrost spannenderen Dingen zuwenden, die mich darüber hinaus noch weniger belasten.“

      • Wie weiter unten geschrieben, habe ich ja auch meine liebe Not damit, mir den Schuh, Ihr seid allesamt Rassisten, anzuziehen. Der steht so aber gar nicht da. Man kann die Textstelle in Bild 1 natürlich verstehen als „dooooch, woooohl“, aber explizit behauptet wird von Noah Sow tatsächlich nur, dass es unmöglich sei, hier ohne rassistisches Gedankengut aufzuwachsen. So wie ich das verstehe, macht uns das nicht per se zu Rassisten, aber es erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass wir, ob wir das beabsichtigen oder nicht, Rassismen reproduzieren, die in unserer Gesellschaft nun mal vorhanden sind und vielfach auch gar nicht als solche empfunden werden.

        Sicher ist es auch legitim, im Rahmen einer Rezension etwaige Inkonsistenzen bei den zugrundeliegenden Rassismus-Definitionen zu benennen, aber irgendwie scheint mir das angesichts der gesamtgesellschaftlichen Brisanz dieses Themenkomplexes und des einschlägigen Erfahrungsschatzes von Noah Sow unverhältnismäßig, um nicht zu sagen, verschenkt, auf Begrifflichkeiten groß rumzureiten und wichtigere (und unbequemere) Erkenntnisse aus dem Buch auszublenden. (Ich muss gestehen, das ich es noch nicht gelesen habe, das aber noch nachzuholen gedenke).

        • hmm. ja. das steht da schon – aber das Argument mit dem draufrumreiten stimmt schon auch.
          mir ist beim crossposten selbst (unangenehm) aufgefallen, dass meine Kritik mehr Raum einnimmt, als mein Plädoyer, das Buch zu lesen.
          das wiederum ist sicherlich auch meiner Ablehnung und Kritik an der Art des Diskurses der letzten Wochen und Monate geschuldet. und dass ich glaube, dass die Mechanismen hier ganz ähnliche sind, die dann in zwischenmenschlichen Dynamiken irgendwo eskalieren.
          ich lass das mal sacken. und danke für deine Sicht auf die Dinge. mir ist ja schon wichtig, für Fehler auch gerade zu stehen :)

        • @Marc793

          Du schreibst:

          So wie ich das verstehe, macht uns das nicht per se zu Rassisten, aber es erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass wir, ob wir das beabsichtigen oder nicht, Rassismen reproduzieren, die in unserer Gesellschaft nun mal vorhanden sind und vielfach auch gar nicht als solche empfunden werden.

          Kommentar:

          Ich denke, auch das müsste dann durch empirische Untersuchungen plausibilisiert/unterfüttert werden, weil so evident finde ich nun diesen Mechanismus auch nicht. Soll heissen: Man müsste dann mal genau untersuchen, ob der Habitus einer diskriminierten Minderheit im Durchschnitt tatsächlich weniger durch rassistische Diskurse affiziert ist als im Durchschnitt bei der nichtdiskriminierten Mehrheitsgesellschaft; weil das Sein bestimmt nicht automatisch das Bewusstsein, sondern da spielen m.E. doch noch einige andere Mechanismen eine Rolle: insbesondere auch die diskursive/symbolische Ebene.

          • Man müsste dann mal genau untersuchen, ob der Habitus einer diskriminierten Minderheit im Durchschnitt tatsächlich weniger durch rassistische Diskurse affiziert ist als im Durchschnitt bei der nichtdiskriminierten Mehrheitsgesellschaft.

            Ach, müsste man das? Ja, wahrscheinlich. Das hätte vor allem den Vorteil, dass wir Angehörigen der Mehrheitsgesellschaft uns um die diskriminierenden Mißstände und ausgrenzenden Mechanismen unserer real existierenden Gesellschaft gar nicht kümmern brauchten. Wozu auch, denn diejenigen, die daran was zu meckern haben, die sind ja mit Sicherheit auch keine besseren Menschen als wir. Hey, die würden das doch ganz genauso machen, wenn sie könnten. Können sie aber nicht, also sind sie einfach nur neidisch, weil wir hier klarkommen und sie nicht. Und was brauchen wir überhaupt zur Kenntnis nehmen, was diese Betroffenheitstrulla uns alles an empirisch ungesicherten Befunden in den Vorgarten kippt ohne um Erlaubnis zu fragen.

            Ich hoffe, das war jetzt als Sarkasmus erkennbar…

          • @Mark

            Versuchs doch mal ein bisschen weniger mit moralischer Empörung, sondern eher mit Analyse, das war nun ganz unsarkastisch gemeint.

            Aber wir können das Ganze mal ein bisschen an einem anderen Gegenstand durchspielen, damit der Marc ein bisschen einen Erkenntnisgewinn bekommt: Bei uns in der Schweiz hat die SVP (Schweizerische Volkspartei) gerade von den Bevölkerungsschichten einen grossen Zulauf und wird von diesen überdurchschnittlich stark (Menschen, mit eher wenig ökonomischem und kulturellem Kapital) gewählt, die man eher einem subalternen sozialen Milieu (Sozialstrukturanalyse) zurechnen kann und diese Partei, die SVP, ist gerade die Partei, die am ehsten Politik für das Grosskapital betreibt und ganz sicherlich nicht für die subalterne Bevölkerungsschicht: Man könnte also sagen: „Die Kälber wählen noch ihre eigenen Metzger). Mit Politik für das Grosskapital meine ich z.B. Folgendes: Aufhebung der Erbschaftssteuer, Senkung der Steuern aus Kapitalgewinn, Aufhebung der progressiven Steuern, Aufhebung der direkten Steuern zu mehr indirekten Steuern, gegen Lohnerhöhungen, gegen Begrenzung der Managerlöhne etc. Was könnte hier der Marc aus diesem Beispiel lernen, wenn er dieses Beispiel am Klassismus nun auf den Rassismus überträgt? Warum sollten auf dem Feld des Rassismus nun plötzlich ganz andere Mechanismen spielen als auf dem Feld des Klassismus?

          • @ Chomsky

            Es geht zunächst einmal nicht um die Klärung der Frage, „wer ist der Rassistischste im Land“, sondern darum, neben dem offenen Rassismus den strukturellen Rassismus in einer Gesellschaft zu verstehen, und auch, inwieweit man selbst Teil dieses Zusammenhangs ist. Tatsächlich gibt es gesellschaftliche Mechanismen, die ausgesprochen exkludierend und rassistisch wirken, ohne dass diese mit einem offenen Rassismus verbunden sind.

            Ist es so verkehrt, sich darüber Gedanken zu machen?

            Wenn ich so lese, was du hier schreibst, will ich dir nicht in allen Punkten widersprechen, aber ich habe den Eindruck gewonnen, du unterschätzt die Bedeutung von Machtdifferenzen. und auch, dass bloße Marginalisierung bereits ziemlich ätzend sein kann.

            Das gehört meines Erachtens zu den Stärken der CWS-Ansätze, dass sie diese Mechanismen offen legen und verstehen helfen.

            Oder siehst du das als unnötig an?

          • @John Dean

            Ja, ich denke auch, dass es nicht primär um die Frage geht, wer die rassistischste Person/Gruppe etc. ist, aber ich glaube, das habe ich auch nicht behauptet. :-)

            Nun ist mir noch nicht so ganz klar, was Du genau unter „offenem Rassismus“ und strukturellem Rassismus verstehst?! Wenn ich von strukturellem Rassismus spreche, dann meine ich, dass diese Struktur unabhängig davon besteht, ob eine einzelne Person diese Struktur reproduziert oder eben gerade nicht und sich somit auf der Handlungsebene eben gerade die Struktur nicht reproduziert; wobei man dies nun auch differenzierter ansehen müsste.

            Ich habe nie gesagt, dass es nicht äusserst sinnvoll ist, wenn j e d e Person auf der gesamten Welt schaut, mit welchen Formen (Signifikant) und mit welchen Inhalten/Botschaften/Bedeutungen (Signifikat) ein rassistischer Diskurs daherkommt und schaut, wie fest sie selbst in diesen Diskurs verstrickt ist und diesen reproduziert. Deshalb ist also auf der Diskursebene eine Diskursanalyse auch sehr sinnvoll.
            Wenn es um den nicht-diskursiven rassistischen Bereich geht (Gewalt etc., institutioneller Rassismus: Wohnungsmarkt, Arbeitsmarkt etc.), dann ist es auch hier sehr sinnvoll, dass j e d e r Mensch auf der Welt dies analysiert und schaut, wo wird er selbst davon diskriminiert und wo wird er privilegiert.
            Ich sage also einfach mal: Jede Person auf der Welt, ob sie nun in irgend einer Strukturdimension eher benachteiligt ist oder nicht, sollte ganz allgemein schauen, wie funktioniert der rassistische Diskurs und andere rassistische Praktiken und wo ist sie selbst dadurch diskriminiert oder privilegiert und wo reproduziert sie selbst auch rassistische Praktiken.

            Du schreibst:

            Wenn ich so lese, was du hier schreibst, will ich dir nicht in allen Punkten widersprechen, aber ich habe den Eindruck gewonnen, du unterschätzt die Bedeutung von Machtdifferenzen. und auch, dass bloße Marginalisierung bereits ziemlich ätzend sein kann.

            Kommentar:

            Hier weiss ich nicht, wie Du darauf kommst, dass ich der Meinung sein könnte, dass Marginalisierung ziemlich ätzend sein könnte? Selbstverständlich würde ich auch sagen, dass Marginalisierung ätzend ist, darum geht es ja u.a. beim Rassismus auch.

            Zur Unterschätzung der Bedeutung von Machtdifferenzen: Vielleicht könntest Du das noch ein bisschen genauer umschreiben, was Du genau damit meinst und ev. auch an ein, zwei Beispielen konkretisieren?

          • @ Chomsky

            Ich antworte dir gerne – und versuche dir dann zu erläutern, was ich unter „strukturellen Rassismus“ verstehe. Allerdings bin ich im Moment etwas knapp an Zeit. Ich werde meine Antwort allerdings heute Abend nachholen. Ich hoffe, das ist Okay für dich.

    • @Mark793

      Nun würde ich mal behaupten, dass das Argument des Abwehrmechanismus ein ad personam/ad hominem Argument ist und des Weiteren selbst immer wieder Verwendung findet als Immunisierungsstrategie, weil einfach nicht falsifizierbar und somit für die Katz und zudem immer schön geeignet, den anderen in die Falle zu locken, die in etwa so lautet: Wer dem Argument des Abwehrmechanismus widersprich, bestätigt umso mehr den Abwehrmechanismus. :-)

      Zudem: M.E. ist es auch absolut nicht zwingend, dass eine Mehrheitsgesellschaft ausgenzend oder diskriminierend gegen andere Minderheiten sein muss. Also hier bei uns in der Schweiz sind die unterschiedlichen Sprachkulturen (französische, italienische, rätoromanische und deutsche Schweiz) gleichberechtigt nebeneinander und Konflikte sind m.E. kaum vorhanden.

      Zudem sollte man m.E. zwischen der Strukturebene und der Handlungsebene/Subjektebene unterscheiden: Auch wenn eine Mehrheitsgesellschaft z.B. rassistische Strukturen produziert, heisst dies noch längst nicht, dass nun alle Menschen auf der Handlungsebene/Subjektebene auch rassistisch denken oder handeln. Aus einer rassistischen Strukturebene folgt eben nicht quasi automatisch auch ein rassistischer Habitus mit rassistischen Handlungen.

      Zudem macht der rassistische Diskurs auch von Gehirnen/Köpfen der Personen nicht halt, die einer Minderheit angehören, soll heissen: auch eine Person, die strukturell vielfach mit Rassismus konfrontiert ist, kann eben selbst ein Rassist sein (in seiner Mentalität und in seinen Praktiken).

      Deshalb: Wenn schon Generalverdacht, dann gleich alle Menschen auf der gesamten Welt oder dann niemand!

      • @Chomsky: Klar ist das „Abwehr“-Argument ultrafies, ich winde mich da auch immer ohne Ende, wenn ich das eingeschenkt kriege. ;-)

        Dass Minderheiten selber auch nicht gefeit davor sind, Rassismen zu reproduzieren, beweist jetzt was genau? Dass es ja alles nicht so schlimm ist hier und dass Noah Sow sich bitte schön mal locker machen soll? Oder in die Schweiz auswandern?

        Tatsächlich habe ich mit ihrer Zuschreibung an uns alle als Rassisten aber auch ein semantisches Problem. Korrekter (oder netter) wäre es, wie es die Antirassismustrainerin Urmila Goel mal formuliert hat, dass wir alle (und sie inklusive) eben nicht davor gefeit wären, Rassismen zu reproduzieren. Ich würde sagen, darum gehts, dass wir das erkennen.

        • @Mark793

          Du schreibst:

          Dass Minderheiten selber auch nicht gefeit davor sind, Rassismen zu reproduzieren, beweist jetzt was genau? Dass es ja alles nicht so schlimm ist hier und dass Noah Sow sich bitte schön mal locker machen soll? Oder in die Schweiz auswandern?

          Kommentar:

          Das heisst selbstverständlich nicht, dass alles nicht so schlimm ist oder die Personen in die Schweiz auswandern sollen.
          Das ist ein Plädoyer für einen differenzierten Diskurs, der u.a. ein dialektisches Denken präferiert und u.a. sagen will: Die Welt ist ab und an ein bisschen komplexer als nur die Dichotomie zwischen gut und böse, Opfer und Täter. Es also eben auch OpferTäter und TäterOpfer geben kann. Auf der Strukturebene Opfer und auf der Handlungsebene/Subjektebene Täter oder auf der Strukturebene „Täter“ und auf der Handlungsebene Opfer. Ist eigentlich ganz einfach! :-D Selbstverständlich ist auch diese Argumentation nun nicht ganz konsistent, aber ich verzichte nun mal, dies weiter auszuführen.

          • Um an dieser Stelle auch an Deine Frage von weiter oben anzuknüpfen: Mich lehrt dieser Diskussionsverlauf vor allem eines: nämlich, dass man einen Diskussionsgegenstand auch zu Tode differenzieren kann. Desweiteren kann man Nebenschauplätze eröffnen noch und nöcher (Klassenfrage, Zusammenleben von Schweizer Volksgruppen, Wahlergebnisse, Forderungen nach Empirie etc.). Und sein abstrakt-akademisches Diagramm-Gepinsel von Handlungsebene/Subjektebene dann als Bemühen um Versachlichung deklarieren. Bin beeindruckt.

            Wenn Du aber schon mit Klassismus und der Frage nach analogen Mechanismen im Rassismus rumgackerst, dann kannst Du das Ei, das sich Mehrfachunterdrückung (oder im englischen Sprachraum triple oppression) nennt, gerne legen. Ist jetzt zwar auch nicht gerade mein ureigenes Fachgebiet, aber dass ausgerechnet Du mir so viel Neues drüber erzählen kannst, dass ich da massive Erkenntniszugewinne zu verzeichnen hätte, scheint mir doch etwas, nunja, keck. Aber ich lass mich gerne überraschen.

            Bis dahin sieht es für mich weiterhin eher danach aus, dass Du Dich dem eigentlichen Thema von Noah Sows Buch lieber nicht stellen möchtest. Was im Übrigen auch okay ist, mir steht da kein moralisches Urteil zu. Ich fänds halt nur ehrlicher, dazu dann auch zu stehen und nicht so um diverse Ecken und Kurven rumzueiern.

          • @Marc

            M.E. ist Differenziertheit kein Selbstläufer, sondern eine Analyse wird dann differenziert, wenn die Realität sich eben als differeniert herausstellt. Und eine Analyse sollte m.E. eben herausfinden, wie die Realität, die soziale Welt beschaffen ist und wenn sie das nicht macht, dann kann eine daraufbauende Politik nicht wahnsinning erfolgreich sein, weil sie von falschen oder undifferenzierten Prämissen ausgeht.

            Es geht auch nicht darum, ob Du beeindruckt bist oder nicht und auch nicht um Nebenschauplätze: Ich habe Dir am Klassismus einen Mechanismus aufgezeigt, der m.E. eine empirische Evidenz hat und m.E. kann dieser Mechanismus analog auch, zuerst einmal als Hypothese, auf den Rassismus übertragen werden. Es ging also um eine Analogie und nicht darum, nun andere Nebenschauplätze etc. aufzutun. Ja, ist ja immerhin etwas, wenn Du Dich von mir überraschen lässt; Offenheit scheint mir immer ein guter Wesenszug zu sein. :-)

            Ich habe das Buch von Noah Sow bisher nicht gelesen, aber ich denke, ich habe die zumindest die zentrale Literatur im Bezug auf die Rassismusforschung bei mir zu Hause. Abgesehen davon, dass ich meine Diplomarbeit auch über Rassismus geschrieben habe: übrigens mit dem Titel: „Diskurs – Macht – Hegemonie. Am Beispiel Rassismus“.

            Hinweisen wollte ich jedoch auf Folgendes: Es ist nun wirklich fast auf jedem Gebiet, sei dies Klassismus, Rassismus, Sexismus etc. nun immer wieder auch herausgearbeitet worden, dass diejenigen, die strukturell Opfer von solchen Verhältnissen sind, eben auch MittäterInnen sein können und somit selbst zur Produktion und Reproduktion ihrer eigenen Unterdrückung beitragen können.

            Ein schöner Artikel in einem längst vergriffenen Heft aus der Zeitschrift Widerspruch von Urs Ruckstuhl: „Komplizenschaft und solidarische Hilfe. Psychosoziale Berufe zwischen Emanzipation und Anpassung.“

          • @chomsky @marc
            bitte beruhigt euch mal!
            ihr seid zwei „von den Guten“ – und ich weiß das!
            also ein bisschen mehr Wohlwollen und ein bisschen weniger Dinge auf Goldwaagen legen täte gerade ganz gut.
            ich sehe, dass ihr beide sinnvolle Beiträge schreibt und gleichzeitig debattiert ihr etwas aneinander vorbei. zumindest erscheint es von hier drüben so ;)
            meine LeserInnen sind zunächst einmal klug und toll – so steht es (zumindest sinngemäß) in meiner Netiquette.

            liebe Grüße
            Kadda

    • @mark793 et al.:

      Sie betrachten die Sache meines Erachtens viel zu sehr aus moralischen Erwägungen heraus.

      Mein Einwand gegen Sows Generalverdacht ist weniger inhaltlich oder moralisch als methodisch. Eine psychologische Abwehrreaktion („Was – Ich, ein Rassist? Infam!“) wird zum Erkennungsmerkmal der Richtigkeit eines Generalverdachts erklärt, der weder diskursiv – durch Befragung des Einzelnen – noch anhand seiner Handlungen oder auch nur vereinzelter Äußerungen belegt (geschweige denn bewiesen) ist. Diese Art der Wahrheitsfindung erinnert stark an die frühe psychoanalytische Schule: Aha, Patient leugnet das Krankheitsbild -> Volltreffer. Noah Sows Vorgehen ist überhaupt nicht deskriptiver oder erklärerischer Natur, es hat reinweg konventionalistischen Charakter. Es wird durch Beschluss festgelegt: Wer als Anhänger der privilegierten Gruppe den ihm unterstellten latenten Rassismus leugnet, der hat was zu verbergen. Die Wirklichkeit als Prüfstein des Verdachts ist damit qua Methode obsolet, und dann noch von was anderem als Doktrin zu sprechen, ist eins damit, sich selbst bereits in einer moralischen Bringschuld zu sehen. Aspekte wie die Intention eines Menschen, sein Selbstverständnis und sein tatsächlicher Umgang mit PoC werden zur Nebensache, denn ob er es weiß oder nicht – auch in ihm sind latent rassistische Strukturen am Wirken, unter denen PoC zu leiden haben. In diesem Sinne sehe ich keineswegs, daß Kathrin Rönicke ihre persönliche Befindlichkeit über das Anliegen der Autorin stellt.

      Welches im Übrigen zu diskutieren ist, was mir im momentanen Blog-Geplapper fehlt. Zum Beispiel, ob und inwiefern ihre Arbeit dazu beiträgt, Rassismus zu bekämpfen und Menschen zusammenzuführen. Soweit ich erkennen kann, zementiert sie die bestehende Gruppentrennung – Opfer von Rassismus einerseits, per Definition vom Generalverdacht freigestellt, und rassismusverleugnende latente Rassisten andererseits. Graubereiche? No, Sirree.

      Ist das der Ausgangspunkt einer Wende, oder einer Veränderung des sozialen Bewusstseins? „Bevor wir miteinander arbeiten, müsst Ihr erstmal alle bekennen?“ (Gute Güte – beinahe hätte ich ‚Farbe bekennen‘ geschrieben. Der Ursprung des Ausdrucks ist mit dem hiesigen Thema eher unverwandt, aber wer weiß) Und nein, Noah Sow steht in keiner pädagogischen Pflicht, besonders nett und artig vorzutragen, was sie denkt. Sie hat überhaupt keine Netiquette-Pflichten gegenüber ihrer potentiellen Leserschaft oder sonst irgendwelchen externen Gruppen/Personen.

      Aber vielleicht Pflichten gegen sich selbst und die Sache, für die sie streitet. Im Sinne ihrer eigenen Glaubwürdigkeit scheint es jedenfalls aussichtsreicher, das von ihr umworbene Anliegen – so es ihr wirklich am Herzen liegt – derart an den Leser zu bringen, daß dieser sich nicht spontan zu ihrem Widersacher wandelt, obwohl er sich zuvor als mit ihr in zentralen Belangen einig fühlte. Denn das führt zu Unruhe und Grabenkämpfen im Froschteich, zur Wiederbelebung der Diskussion in einem eher leidenschaftlich-destruktiven, problematische Begriffe zementierenden Sinne (s.o.), und, da schau her, zu Aufmerksamkeit. Und zwar mit berechenbarer Zuverlässigkeit. Remember Sarrazin? „Nicht hilfreich“? – Genau.

      Dieser Komplex an Merkmalen bedeutet erstmal gar nichts und hat sogar historische Tradition. Aber er verleitet zu Spekulationen, ob es hier mehr um Kämpfe um Deutungshoheit und die Verkaufszahlen eines Buchs geht, in jedem Fall aber erlaubt er die Beobachtung (und Vorhersage!): Daß die anlässlich des Buchs ausgetragene Diskussion von erbitterten Kämpfen um die begriffliche Deutungshoheit gezeichnet und den Verkaufszahlen des überaus dienlich ist. Ist Frau Rönickes Reaktion nicht überaus vorhersehbar?

      Oder halt, ging es womöglich nur darum, zur Schaffung eines Bewusstseins für latenten Rassismus beizutragen, besonders eben bei den privilegierten weißen Gruppen, durch „gezielte Provokation“? – Nun: Auch für diese Option gilt, daß sich dieser hehren Intention leicht vorhersehbar ein mächtiger, vorzüglich den „Deutschen“ attestierter Affekt entgegenstellen wird: Die Unterstellung unbewusster rassistischer Rudimente.
      Und wenn auf irgendetwas definitiv Verlass ist, dann auf diese Abwehrreaktion. Leider ist auch in diesem Fall das Resultat: Wechselseitige Anklage, Diffamierung, erbitterte Grabenkämpfe, elitäre Theoretizität, die Zementierung trennender Attribute, viel Aufmerksamkeit, gesteigerte Verkaufszahlen. Alles, nur keine Besserung der beklagten Zustände.

      Ein jeder mag sich darauf seine eigene Rechnung machen.

      • @putiput: Ah, das gute, alte tone argument – immer wieder gern genommen, gerade wenn es so elaboriert dargeboten wird wie hier.

        A tone argument is an argument used in discussions, sometimes by Concern trolls and sometimes as a Derailment, in which it is suggested that feminists would be more successful if only they expressed themselves in a more pleasant tone. This is also sometimes described as catching more flies with honey than with vinegar, a particular variant of the tone argument.

        The tone argument is a form of derailment, or a red herring, because the tone of a statement is independent of the content of the statement in question, and calling attention to it distracts from the issue at hand. Drawing attention to the tone rather than content of a statement can allow other parties to avoid engaging with sound arguments presented in that statement, thus undermining the original party’s attempt to communicate and effectively shutting them down.

        Ach ja, „feminists“ wäre noch zu ersetzen durch „anti-racists“, damit es in den hiesigen Kontext passt. Dass der Punkt im hiesigen „Blog-Geplapper“ fehlt, liegt im Übrigen nicht daran, dass dieser Gedankengang so bahnbrechend neu und revolutionär wäre, sondern womöglich eher daran, dass sich die bisherigen Teilnehmer zu schade dafür waren, diesen wohlfeilen rhetorischen Taschenspielertrick aus der „derailment for dummies“-Kiste anzuwenden.

        • „@putiput: Ah, das gute, alte tone argument – immer wieder gern genommen, gerade wenn es so elaboriert dargeboten wird wie hier.“

          Lieber Herr Mark, ich glaube, Sie bringen hier zwei verschiedene Argumente durcheinander. Da ich Ihnen das Verstehen elementarer Logik durchaus zutraue, haben Sie auch gar keinen Grund, sich persönlich angegriffen zu fühlen und muffig zu werden. Leider ist Ihre süffisante Reaktion durchaus nicht elaboriert, sondern von voreiliger Selbstgenügsamkeit und trügerischem Überlegenheitsgefühl. Ich bedaure deshalb, mich nicht verständlich geäußert zu haben.

          Ein methodischer Einwand hat mit dem „tone argument“, daß hier erkannt zu haben Sie sich wähnen, leider gar nichts gemeinsam. Er betrifft die Frage, inwiefern eine Wahrheitsfindung von empirischer oder begrifflicher Logik gekennzeichnet ist, und ob sie dabei ihre Stichhaltigkeit aufrechterhalten kann. Frau Sow arbeitet mit Begriffen: Es gibt zunächst Rassisten und Nicht-Rassisten. Rassistisch sein zu können, ist unzweifelhaft eine allgemeine Eigenschaft des Menschen, gleich welcher Herkunft und Zugehörigkeit – ich glaube, darauf können wir uns einigen. Frau Sow nimmt nun eine erste Unterteilung vor: Es gibt Rassisten und Opfer von Rassisten. Weiter: Rassismusopfer sind vom Rassismusverdacht ausgenommen, denn es erscheint auf den ersten Blick unplausibel, daß diese eine Einstellung vertreten, unter der sie selbst leiden. – Diese These an sich ist schon so willkürlich und absurd, daß man die Diskussion hier bereits beenden sollte, aber for the sake of argument wollen wir sie stehen lassen.
          – Frau Sow fragt nun, woran man einen Rassisten erkennt. Man hat dafür, auch darauf können wir uns einigen, zwei Verfahren: Man beobachtet das Verhalten einer Person oder befragt diese. Ein tiefergehendes Verfahren existiert nicht. Worst case: Wenn die befragte Person ein intelligenter, psychologisch raffinierter Lügner ist, gibt es keine Möglichkeit, ihm ein Geständnis zu entlocken. Frau Sow hat nun selbst eine denkwürdige Deduktion entwickelt: Wer auf die Gretchenfrage mit Leugnung reagiert, hat sich damit unwillkürlich selbst als Rassist entlarvt. Der dahinterstehende Syllogismus lautet: Wer eine Sache (Rassismus) leugnet, hat damit selbst den Beweis der Sache erbracht. Ist Ihnen klar, daß damit die Definition des Rassismus zum notwendigen Merkmal des Weißseins wird? – Wenn alle Mitglieder einer Gruppe Rassisten sind – und es bleibt ja per Definition (!) nur eine – gilt diese Eigenschaft als notwendig für die Zugehörigkeit dieser Gruppe. Es folgt: Rassismus ist eine natürliche Eigenschaft der Weißen, sie ist dem Weiß-Sein inhärent. Denn kein Weißer kann jemals nicht-rassistisch sein, q.e.d.

          Ist Ihnen bewußt, wie unendlich rassistisch die Konsequenzen aus Frau Sows Kriterium sind? Genau diese Zuschreibung einer negativen Eigenschaft als notwendiges Merkmal einer bestimmten Gruppe, Herr Mark, ist der Inbegriff rassistischen Denkens. Frau Sow tut hier nichts anderes, als das, worunter sie selbst zu leiden vorgibt, pauschal auf diejenigen zu richten, die sie als vorherrschende Tätergruppe erkannt zu haben glaubt – in einer Radikalität, die Ausnahmen kategorisch verbietet. Und Sie stehen davor und winken mit dem „tone argument“-Fähnchen! :-)

          Meine Gegenfrage lautet: Wie soll es zugehen, wenn nun jemand tatsächlich kein Rassist ist? Wie kann er das glaubwürdig ausweisen? – Tja, schade. Leider hat Frau Sow diese Möglichkeit per Definition ausgeschlossen. Wie es tatsächlich in einem Menschen zugeht; ob er ein Rassist ist oder nicht, ob er sich als ein solcher fühlt oder nicht, ob er „PoC“ wissentlich oder unbewusst de facto im Alltag diskriminiert – all diese Momente werden bedeutungslos, weil über den tatsächlichen individuellen Unterschieden Frau Sows bizarre Logik schwebt. Sie stellt sich und ihr Anliegen damit nicht nur abseits jeglicher induktiven Logik, sondern schlechthin der Möglichkeit, die Wirklichkeit als Prüfstein ihrer Annahmen miteinzubeziehen.

          – DAS ist ein methodischer Einwand.

          Verstehen Sie es jetzt besser (oder überhaupt)? Von den Werkzeugen der Wahrheitsfindung, nennen wir sie trial and error, hat Frau Sow den error per Definition, nach bester konventionalistischer Manier, mal eben kurz wegeliminiert. Das hat, um es vorsichtig auszudrücken, wahnhafte Züge. Aber selbst Leute mit bangebüchsigen Gewissen und ängstlicher Gefallsucht dürfen mit gutem Grund glauben, Herr Mark, daß ein derartig pauschales Denken mehr damit zu tun hat, wie es gefühlsmäßig in Frau Sow aussieht – aber grundsätzlich nichts mit der Wirklichkeit. Nicht, weil die Wirklichkeit keine Überschneidungen mit Frau Sows Generalverdacht bietet, im Gegenteil! Sondern weil Frau Sow sich mit der konkreten Realität des Rassismus überhaupt nicht mehr beschäftigt; sondern damit, eine Gruppe kollektiv zu verurteilen. Ihr Anliegen ist weder praktischer noch sachlicher, sondern unbewusst-seelischer Art.

          Hier geht es nicht um die Sache, Herr Mark, und nur sehr beiläufig um Bewusstseinsschulung. Hier geht es um Macht, und zwar in einer reaktiven Form, die in ihrer Unbewusstheit eine auffällige Übereinstimmung aufweist mit jenem latenten Rassismus, der den durch ihr Weiß-Sein privilegierten Gruppen unterstellt wird.

          .

          Dass der Punkt im hiesigen „Blog-Geplapper“ fehlt, liegt im Übrigen nicht daran, dass dieser Gedankengang so bahnbrechend neu und revolutionär wäre, sondern womöglich eher daran, dass sich die bisherigen Teilnehmer zu schade dafür waren, diesen wohlfeilen rhetorischen Taschenspielertrick aus der „derailment for dummies“-Kiste anzuwenden.

          „Zu schade“ sind… Sind Sie sicher? Vielleicht fehlt manchen auch die Fähigkeit, zwischen ihren katalogisierbaren, online erworbenen Standard-Entlarvungsrhetoriken und einem wissenschaftstheoretischem Einwand zu unterscheiden. Manche Leute glauben ja auch, es sei genug, nur die „derailment for dummies“-Kiste zu vermeiden, um in Online-Kommentaren immer richtig zu liegen, aber damit ist es nicht getan, Herr Mark. Um kurz Ihrem tone argument zu begegnen:

          – Jemand darauf hinzuweisen, daß er ein viel zu freches Maulwerk hat, sich gefälligst bescheiden sollte und sich auf DIE Tour direkt wieder verpissen kann; und
          – Jemand darauf hinzuweisen, daß seine Vorgehensweise seinem eigenen Anliegen nicht dienlich ist, sondern sogar das Gegenteil bewirkt

          sind immer noch zweierlei Dinge, und der Unterschied liegt nicht in einem rhetorischen Niveau, wie Sie glauben machen wollen (auch eine Umschiffung der dfd-Kiste?), sondern in der Sache. Das eine Anliegen ist persönlich-emotionaler Art, das andere methodisch-praktisch. Wenn Sie mir beides als dasselbe auslegen, müssen Sie mir ein diskretes sprachliches Niveau aufzeigen, mit dem sich eine Unterscheidung vornehmen lässt; denn sonst gibt es keine Unterscheidung.

          Und Sie sollten nicht jedes „argument“ glauben, das Sie irgendwo im Netz aufgeschnappt haben, Herr Mark. Womöglich hat es jemand zuvor heimlich aus der derailment for dummies-Kiste rausgenommen und woanders hingelegt. Jetzt möchte es wieder abgeholt werden.

          • @putiput

            Allgemein gefällt mir ja Deine Argumentation sehr gut (auch wenn ich das Buch von Frau Sow nicht kenne und nicht weiss, ob die Kritik richtig und somit berechtigt ist) , was mir jedoch weniger gut gefällt ist, wenn Du schreibst:

            „Verstehen Sie es jetzt besser (oder überhaupt)? Von den Werkzeugen der Wahrheitsfindung, nennen wir sie trial and error, hat Frau Sow den error per Definition, nach bester konventionalistischer Manier, mal eben kurz wegeliminiert. Das hat, um es vorsichtig auszudrücken, wahnhafte Züge. Aber selbst Leute mit bangebüchsigen Gewissen und ängstlicher Gefallsucht dürfen mit gutem Grund glauben, Herr Mark, daß ein derartig pauschales Denken mehr damit zu tun hat, wie es gefühlsmäßig in Frau Sow aussieht – aber grundsätzlich nichts mit der Wirklichkeit. Nicht, weil die Wirklichkeit keine Überschneidungen mit Frau Sows Generalverdacht bietet, im Gegenteil! Sondern weil Frau Sow sich mit der konkreten Realität des Rassismus überhaupt nicht mehr beschäftigt; sondern damit, eine Gruppe kollektiv zu verurteilen. Ihr Anliegen ist weder praktischer noch sachlicher, sondern unbewusst-seelischer Art.

            Hier geht es nicht um die Sache, Herr Mark, und nur sehr beiläufig um Bewusstseinsschulung. Hier geht es um Macht, und zwar in einer reaktiven Form, die in ihrer Unbewusstheit eine auffällige Übereinstimmung aufweist mit jenem latenten Rassismus, der den durch ihr Weiß-Sein privilegierten Gruppen unterstellt wird.“

            Kommentar:

            Das mit den wahnhaften Zügen ist m.E. mal primär ein argumentum ad hominem und hat m.E. nichts in einer politischen Debatte zu suchen, abgesehen davon, dass solche Argumente schlecht oder kaum falsifizierbar sind in der politischen Debatte und zudem ich immer noch der Meinung bin, dass hier auch der Labeling Approach (ich erinnere an ein uraltes Buch, das es jedoch immer noch verdient, gelesen zu werden, von Heiner Keupp: „Der Krankheitsmythose in der Psychopathologie“) vor einer ätiologischen Perspektive Berechtigung hat.

            Das Gleiche (argumentum ad hominem) gitl m.E. auch, wenn Du mit dem Unbewussten etc. operierst: kaum falsifizierbar in einer politischen Debatte und zudem eher pathologisierend etc.

          • @putiput:

            Sie schreiben: „Wie soll es zugehen, wenn nun jemand tatsächlich kein Rassist ist?“

            Hm, in den mir bekannten Ausschnitten aus dem Buch wird gar nicht die Behauptung aufgestellt, wir seien alle Rassisten – oder der Wunsch, keiner sein zu wollen mache einen automatisch zum Rassisten. Hier wird mal wieder (wie von Katrin Roenicke übrigens auch schon) die Feststellung, dass man hierzulande schwerlich aufwachsen könne ohne mit diversen rassistischen Mustern in Berührung zu kommen, umgedeutet in eine identitäre Zuschreibung (…deswegen seid Ihr mit Sicherheit alle Rassisten). Das steht da aber nicht, das ist nur etwas, was Sie meinen, aus dem Sub- oder Metatext rauslesen zu können oder zu müssen. Können Sie mir bei dieser Unterscheidung folgen? Gerade bei einem Zeitgenossen mit Ihren exegetischen Fähigkeiten träfe es mich hart, dabei zuzusehen, wie Sie sich wortreich und hochbemüht an einem Strohmann abarbeiten. Da nach meinem Eindruck wie gesagt identitäre Zuschreibungen nicht das Anliegen von Frau Sow sind, sehe ich auch keinerlei Notwendigkeit für irgendwelche Gegenproben, Nullstellenberechnungen oder sonstige logische Verrenkungen zu der Frage, wie denn Nicht-Rassist-Sein glaubwürdig zu belegen wäre.

            Desweiteren schreiben Sie: „Frau Sow nimmt nun eine erste Unterteilung vor: Es gibt Rassisten und Opfer von Rassisten.“

            Wo bitte steht denn das? Und wo das folgende: „Rassismusopfer sind vom Rassismusverdacht ausgenommen, denn es erscheint auf den ersten Blick unplausibel, daß diese eine Einstellung vertreten, unter der sie selbst leiden.“

            Das wäre in der Tat eine überaus abenteuerliche Schlussfolgerung, da stimme ich Ihnen vollumfänglich zu. Nur wüßte ich, bevor ich darauf einstige, wirklich gern, wo Sie das hernehmen.

            Gestatten Sie mir noch eine kleine Anmerkung zu Ihrer Zurückweisung des tone arguments: Sie schrieben wörtlich:

            „Im Sinne ihrer eigenen Glaubwürdigkeit scheint es jedenfalls aussichtsreicher, das von ihr umworbene Anliegen – so es ihr wirklich am Herzen liegt – derart an den Leser zu bringen, daß dieser sich nicht spontan zu ihrem Widersacher wandelt (…)“ Und das sieht mir auch weiterhin ziemlich genau danach aus: „This is also sometimes described as catching more flies with honey than with vinegar, a particular variant of the tone argument.“ Auch wenn Sie natürlich sagen, um den Ton gehe es Ihnen doch gar nicht, sondern um „die Sache“. Schon klar. Sei es drum: Auf alle Fälle nehme ich „derailment for dummies“ hiermit zurück und erhöhe auf „derailment for pundits“. ;-)

        • @chomsky, 7. November 2012 um 17:36:

          Das mit den wahnhaften Zügen ist m.E. mal primär ein argumentum ad hominem und hat m.E. nichts in einer politischen Debatte zu suchen

          Was verstehen Sie unter einem argumentum ad hominem?
          Wenn Sie darin ein Ausweichmanöver durch eine Beleidigung sehen – das ist wohl die gängige Auffassung – sind wir verschiedener Meinung. Wenn Sie darin eine psychologische Feststellung sehen, die einen Zusammenhang zwischen einem seelischen Zustand und fehlerhaftem Denken aufweist, die den Nebeneffekt besitzt, den Betroffenen zu beleidigen, gehen wir d’accord.

          – Warum nochmal hat das in einer politischen Debatte nichts zu suchen? Weil Menschen grandios unreflektiert sind und auf solche Argumente bepisst reagieren, ihren Verstand ausschalten und unter der Spekulation auf Mitleid und Betroffenheit Dritter die Debatte verlassen, um sich kritischen Einwänden zu entiehen? Sind das die Gründe, die es verbieten, ein aad in einer politischen Debatte anzubringen? Andere Frage: In welcher Art öffentlicher Debatte fänden Sie ein aad denn angemessen, oder wenigstens erlaubt?

          Nächste Frage: Wie wollen Sie eine psychologische Feststellung, die, da wenig schmeichelhaft, vorhersehbar die Wirkung haben wird, den Betroffenen zu kränken, die aber nur einen Wirkungszusammenhang mit einer verwirrten Äußerung des Betroffenen aufzeigen möchte (etwa, wenn Sie von jemandem sagen, sein abfälliges Urteil über Muslime sei eine Ausgeburt seiner seit Jahren gärenden sozialen Isolation und des Gefühls der Ungeliebtheit und Wertlosigkeit); wie wollen Sie also eine solche Feststellung, die an sich gar nicht werten will, für den Betroffenen aber zwangsläufig wertenden Charakter haben wird, unterscheiden von einer psychologischen Feststellung, die von Anfang an einzig und allein das Ziel hatte, den Anderen zu verletzen?

          Denn die beobachtbaren Anteile beider Vorgänge sind identisch; die intentionalen so unterschiedlich wie Tag und Nacht. Woran wollen Sie also eine Unterscheidung festmachen?

          Wenn ich herleite, daß Noah Sows Logik Widersprüche aufweist, und daß diese bestenfalls abbildet, wie Frau Sow in Bezug auf eine bestimmte Sache fühlt – wird diese Möglichkeit dann für unmöglich erklärt, weil sie unter die Begrifflichkeit eines argumentum ad hominem fällt?

          Es ist zum Totlachen. Niemand bestreitet elementare Erkenntnisse der Psychologie; jeder einigt sich ein schmales, kleines Einmaleins davon an, das gerade hinreicht, das eigene Fühlen und Denken auf einen wohlklingenden Nenner mit möglichst viel Optionen zu bringen, die es zulassen, sich wehren zu können und nicht ändern zu müssen, wir lesen Biographien von Persönlichkeiten, erfahren Einzelheiten über ihr Privatleben und wie diese Eingang fanden in deren Werk – und finden das alles ungemein nachvollziehbar und verständlich. Wenn aber irgendein noch unter uns weilender Mensch ein Buch schreibt, das vor Widersprüchen und Denkfehlern nur so strotzt, so ist jede unschmeichelhafte Äußerung eines Zusammenhangs zwischen seelischer Verfassung und fehlerhaftem Denken ein „argumentem ad hominem“.

          Das hat entscheidende Vorteile: Man muss sich danach mit der Kritik nicht mehr befassen. Denn die Absicht dahinter ist eh nur bösartig, mit so jemand red ich nicht mehr.

          Man braucht keinen hohen IQ, um sich auf diese Weise systematisch gegen Kritik zu immunisieren, dafür genügt ein ganz ordinärer eigenvorteiliger Instinkt. Das „argumentum ad hominem“ ist eine billige Exitstrategie für Menschen, deren Selbstrespekt schwach genug ist, um sich über das Anziehen der Opferrolle einem kritischen Einwand zu entziehen – hier kann man billigst kurzerhand eine moralische Ebene eröffnen, die es erlaubt, die sachliche zu beenden, und nebenbei noch Mitleid und Sympathie Dritter zu erheischen. Sorry, aber das aad ist in 90% aller Fälle etwas für Moralisten, denen das Hirnchen eng und das Herzchen bang wird. Der Einzelfall wird ad acta gelegt, Dialog und Erkenntnissuche werden dem Einklagen von Respekt geopfert. Dass Gefühle der Gekränktheit vorgetäuscht und manipulativ eingesetzt werden können, wird dabei nicht reflektiert. Weil das ja auch völlig abwegig ist.

          Das Gleiche (argumentum ad hominem) gitl m.E. auch, wenn Du mit dem Unbewussten etc. operierst: kaum falsifizierbar in einer politischen Debatte und zudem eher pathologisierend etc.

          Korrekt: Derartige Behauptungen sind nicht falsifizierbar. Erstens aber ist nicht-falsifizierbar nicht gleichbedeutend mit nichtexistent, was also Statistik, Logik und Kombinatorik betrifft, liegen alle Instrumente auf dem Tisch. Zweitens haben wir mit Betreten der textuellen Ebene im Internet ganz grundsätzlich so ziemlich jede Falsifikationsmöglichkeit an den Nagel gehängt. Sie und ich wissen voneinander nicht einmal, ob mehrere Kommentare, die unter den Pseudonymen „Chomsky“ und „putiput“ stehen, auch von denselben Personen verfasst wurden. Wir schließen darauf anhand wiederkehrender Merkmale sowie subjektiver Statistiken psychologischer Wahrscheinlichkeiten, und wenn uns dabei auch bewusst ist, daß ein Beweis unmöglich ist, so spielt dieses Wissen in unserem Handeln keine Rolle. Irren wir deshalb grundsätzlich – so grundsätzlich, wie ein nichtfalsifizierbarer Satz abzulehnen ist?

          Und der Ausdruck „Pathologisieren“ setzt voraus, daß das, was pathologisiert wurde, zuvor „nicht pathologisch“ war. Dieser Nachweis bleibt genauso aus wie der einer „Pathologisierung“. Glauben Sie, in einer Welt seelisch gesunder Menschen zu leben?

          – Auch dieser Einwand ist moralischer Natur und hat allein deshalb schon in einer sachlichen Debatte nichts zu suchen. Leider ist die Rassismusdebatte nicht nur durchsetzt von, sie wird zwischenzeitlich fast ausschließlich eröffnet geführt anhand moralischer Restriktionen und Schuldzuweisungen. Genau deshalb stagniert sie seit Jahrzehnten.

        • @mark793, 8. November 2012 um 00:48:

          Hm, in den mir bekannten Ausschnitten aus dem Buch wird gar nicht die Behauptung aufgestellt, wir seien alle Rassisten – oder der Wunsch, keiner sein zu wollen mache einen automatisch zum Rassisten.

          Wenn man nur die Möglichkeiten zulässt, sich entweder direkt zum eigenen Rassismus zu bekennen oder sich durch Leugnung desselben selbst zu überführen, folgt daraus zwingend in beiden Fällen der Befund des Rassismus. Ich nehme übrigens zurück, was ich in Bezug auf Sie über elementare Logik sagte. Es ist zwar sehr rechtschaffen und bietet eine gewisse Sicherheit, sich immer an das zu halten, was ganz genau so irgendwo steht, aber Logik ist kein „Sub- oder Metataxt“. Sie ist die Bedingung dafür, überhaupt einen Aussagesatz tätigen zu können. Natürlich steht es Ihnen frei, sie einfach zu ignorieren, das tun viele. Ihre Gültigkeit wird davon aber überhaupt nicht tangiert.

          Hier wird mal wieder (wie von Katrin Roenicke übrigens auch schon) die Feststellung, dass man hierzulande schwerlich aufwachsen könne ohne mit diversen rassistischen Mustern in Berührung zu kommen, umgedeutet in eine identitäre Zuschreibung

          Das ist aber eine Behauptung von Ihnen und nicht von Noah Sow. Diese geht so weit, das Abstreiten von Rassismus zu seinem Erkennungsmerkmal zu verklären. Das ist so ein kleines bisschen deftiger als „aufwachsen […] ohne mit diversen rassistischen Mustern in Berührung zu kommen“. „Schwerlich aufwachsen“ hingegen ist eine graduelle Abstufung, die ich teile, weil sie nicht unbedingt ist. Noah Sows Logik lässt hingegen keine Ausnahme zu. Ich kann Ihrer Unterscheidung folgen, falsch liegen Sie nur darin, daß diese von Noah Sow stammt. Sie haben sich wohl für einen Moment mit sich selbst unterhalten.

          Gerade bei einem Zeitgenossen mit Ihren exegetischen Fähigkeiten träfe es mich hart, dabei zuzusehen, wie Sie sich wortreich und hochbemüht an einem Strohmann abarbeiten.

          Sie arbeiten sich mehr an Ihren eigenen Auffassungen ab als an Noah Sows tatsächlichen Äußerungen. Nehmen Sie es also nicht zu hart.

          Da nach meinem Eindruck wie gesagt identitäre Zuschreibungen nicht das Anliegen von Frau Sow sind […]

          Sie müssten nur lernen, Ihren „Eindruck“ auch zu begründen. Vokabeln relativierender Wahrnehmung sind nicht für den Masseneinsatz tauglich. Für den Anfang würde es reichen, sich mit einer konkreten Textstelle zu befassen, die – siehe Bild – tatsächlich in Noah Sows Buch steht. Begründen ist leider nicht Ihre Stärke, eher das Begrünen und Garnieren von Phrasen mit rhetorischen Textbausteinen aus dem Katalog der Internetschlauheit, im vorauseilenden Glauben, der lustig triumphierende Favorit der Menge zu sein. Aus diesem Kalkül wiederum sind Sie in analytischer Hinsicht von fataler Nachlässigkeit und Selbstgerechtigkeit.

          […] sehe ich auch keinerlei Notwendigkeit für irgendwelche Gegenproben, Nullstellenberechnungen oder sonstige logische Verrenkungen zu der Frage, wie denn Nicht-Rassist-Sein glaubwürdig zu belegen wäre.

          Was Ihnen wie eine logische Verrenkung anmutet, entspricht dem kognitiven Aufwand von „A ist ungleich B“.

          Desweiteren schreiben Sie: “Frau Sow nimmt nun eine erste Unterteilung vor: Es gibt Rassisten und Opfer von Rassisten.” Wo bitte steht denn das?

          Wie ich bereits schrieb: Dieses bedingungslose Sichhalten an den O-Ton eines Textes kann eine gewisse Sicherheit bieten, in der radikalen Fassung allerdings unterbindet es jede Heuristik und besitzt dissoziative Qualitäten. Wenn es Rassismus gibt, und Rassismus darin besteht, Menschen wegen natürlicher, unveränderlicher Merkmale zu diskriminieren, dann gibt es Opfer von Rassismus. Frau Sow muss das nicht schreiben. Es genügt, daß sie Rassismus, wie so ziemlich jeder, in ihrem Buch als Problem behandelt. Eine zwingende Implikation ist, daß es Opfer von Rassismus gibt.
          Auch dies eine „logische Verrenkung“, ein kognitiver Kraftakt, geistige Akrobatik? Güte Gute. Dann müsste ich daran zweifeln, daß Sie in der Lage sind, sich nach dem Aufstehen die Hosen selbst anzuziehen.

          Und wo das folgende: “Rassismusopfer sind vom Rassismusverdacht ausgenommen, denn es erscheint auf den ersten Blick unplausibel, daß diese eine Einstellung vertreten, unter der sie selbst leiden. Das wäre in der Tat eine überaus abenteuerliche Schlussfolgerung, da stimme ich Ihnen vollumfänglich zu. Nur wüßte ich, bevor ich darauf einstige, wirklich gern, wo Sie das hernehmen.”

          Frau Sow richtet sich in Ihrer Anklage des Rassismus ausschließlich an Weiße. Es behandelt darüber hinaus nicht nur den Alltag zwischen Menschen mit weißer und schwarzer Hautfarbe, sondern die tiefere Symbolik der beiden Farben. Der Vorwurf des Rassismus richtet sich dabei explizit an Weiße und nicht an „PoC“, Rassismus überhaupt wird behandelt als ein Attribut von Weißen, unter dem PoC zu leiden haben. Von der Möglichkeit, daß letztere rassistisch agieren oder fühlen, ist wenig bis gar nicht die Rede. Daß Weiße rassistisch sind hingegen ist ein Factum ohne Ausnahme, q.e.d. Auch dies können Sie natürlich ignorieren, das Thesengerüst bleibt davon aber ganz unberührt. Abenteuerlich ist das höchstens für Siebenschläfer.

          Gestatten Sie mir noch eine kleine Anmerkung zu Ihrer Zurückweisung des tone arguments

          An sich gerne, aber was Sie im Folgenden schrieben, stammt nicht aus meiner Erwiderung auf das tone argument. Sondern aus meinem ersten Kommentar. Ein wenig mehr Gründlichkeit beim Lesen und etwas mehr Wille zur Sachlichkeit wäre allgemein hilfreich. Sie springen erregt von Zeile zu Zeile, von Gedanke zu Assoziation und von Thema zu Nebenthema, und bedienen sich überall nach Belieben dessen, was Sie gerade für Ihre dickköpfigen Anwandlungen brauchen. So verhindern Sie jeden Dialog und können bald darauf den Entnervten geben, der sich aus dem Thema zurückzieht, weil ihm das alles zu lang und zu kompliziert wird und man ja auch auf gar keinen Nenner kommt. Leider fahren Sie dieses Manöver mit Vorliebe.

          Und das sieht mir auch weiterhin ziemlich genau danach aus

          Das ist nur leider überhaupt keine Behauptung oder Erklärung von irgendwas, es hat bestenfalls den Aussagewert von „Er fühlte sich gut“ oder „Ich glaube, gestern habe ich x dorthin gelegt“. Sie müssen begründen, warum es für Sie ’nach dem und dem aussieht‘, sonst ist eine hohle Phrase, auf deren Nachvollzug durch andere Sie keine Hoffnung hegen können.

          Auch wenn Sie natürlich sagen, um den Ton gehe es Ihnen doch gar nicht, sondern um “die Sache”. Schon klar.

          Das „tone argument“ ist genauso eine pauschale Abwertung einer ganzen Klasse von Einwänden wie das argumentum ad hominem. Ihr selbstgenügsames „Schon klar“, dessen Begründung Sie sich kurzerhand ersparen, verbietet de facto die Möglichkeit praktisch-methodischer Einwände: Wenn jemand den methodischen oder verbalen Duktus kritisiert, ist das in jedem Falle ein „tone argument“ – und die Diskussion beendet.

          Dieser Mangel an Bereitschaft zu differenzieren hat ideologische Gründe, weniger sachlich-inhaltliche. Womöglich ist es ein Zufall, daß Sie, Herr Mark, ganz im Geiste Noah Sows einen komplexen Sachverhalt zugunsten von Eindeutigkeit reduzieren; in Ihrem Fall dem reinen Ziel, durch eine Diffamierung eine Kritik zu unterbinden. Und daß Sie bereits die Terminologie jenes Lagers übernommen haben, für das Sie sich hier gut sichtbar ins Zeug zu werfen glauben.

          Auf alle Fälle nehme ich “derailment for dummies” hiermit zurück und erhöhe auf “derailment for pundits”. ;-)

          Uups. Ein argumentum ad hominem? Da gehört jetzt von Rechts wegen direkt ein „tone argument“ hinterher, würde ich sagen.

          Herr Mark, es ist ganz nutzlos, sich auf irgendwelchen Seiten im Netz mit argumentativer Munition und schlauen rhetorischen Mustern einzudecken, wenn man auch deren argumentatives Konzept nicht durchschaut. Sie glauben, durch Reproduktion fremder Intelligenz punkten zu können; aber Sie müssen verstehen, warum ein Satz einen anderen entkräftet, es reicht nicht, sich darauf zu verlassen, daß das eine anerkannterweise das andere aufhebt. Das Ergebnis ist Internetschlauheit, jene katalogisierbare Art plagiierter Intelligenz, mit der man sich in Onlinekommentaren spiegelfechterische Grabenkämpfe liefert, bei denen beide mit hohlen, unverstandenen Phrasen aufeinander schießen ohne zu verstehen, was diese Munition anrichten würde.

          Wenn Sie verstehen, wovon Sie reden, brauchen Sie auch keine „dummies“ und „pundits“ mehr, um Ihrem Standpunkt bzw. Ihrem Selbstwert Geltung zu verschaffen.

          • @putiput:

            Diese geht so weit, das Abstreiten von Rassismus zu seinem Erkennungsmerkmal zu verklären.

            Das halte ich nebenbei bemerkt unter bestimmten Voraussetzungen sogar für nachvollziehbar. Trotzdem steht da nicht, dass einen das Abstreiten von Rassismus per se zum Rassisten mache.

            Da Sie sich kraft Ihrer Logik der Mühe enthoben sehen, textimmanent zu argumentieren sehe ich mich auch nicht in der Beweispflicht, anhand von Textstellen detailliert zu belegen, was nach meinem Verständnis NICHT drinsteht im Buch. Ich behaupte also weiterhin, dass die identitären Zuschreibungen, die Sie herauslesen, genauso wie die binäre Einteilung in Rassisten und Rassismusopfer auf Ihrem Mist gewachsen sind. Nicht jeder, der irgendeinen Rassismus reproduziert (und nach strenger Definition gehört dazu schon die harmlose Frage: „Sie nicht von hier, gelle?) ist damit schon automatisch und unausweichlich ein Rassist. So wie ich das verstehe, ist niemand per se völlig davor gefeit, Rassismus zu reproduzieren. Ich würde Noah Sow auch darin folgen, dass die Behauptung „aber ich doch nicht“ die Wahrscheinlichkeit, Rassismen zu reproduzieren, eher erhöht als reduziert, weil diese pauschale Abwehrhaltung zeigt, dass man sich zu dem Thema einfach noch überhaupt gar nicht schlau gemacht hat. Hätte man sich eingehender mit der Thematik befasst, wäre man sich dessen auch bewusster, dass (und wo genau) man womöglich nicht völlig ohne Fehl ist. Und zwar womöglich auch mit Denkweisen und Sprechakten, die man bislang für völlig ok hielt. Plattes und jetzt von mir mal eben konstruiertes Beispiel: „Ich sage weiterhin ‚Neger‘, denn bei ist das total positiv besetzt, weil die können ja alle so gut tanzen…“ Damit wird sich der Mindersensibilierte völlig auf der sicheren Seite wähnen – aber er zeigt halt, dass er sich mit Selbstbestimmungsrecht und den Positionen der jeweiligen marginalisierten Gruppe nie befasst hat und weiterhin meint, von seiner unmarkierten und unhinterfragte Position aus den anderen nach Belieben markieren und benennen zu dürfen.

            Und damit kommen wir zu dem Zusammenhang von Weißsein und Rassismus, der Ihnen aufstößt – und der offen gestanden auch mir manche Nuss zu knacken gibt. Um besser zu verstehen, mit welchen Begrifflichkeiten Noah Sow hier überhaupt operiert, wenn von Weißsein und PoC die Rede ist, würde es helfen, sich mit dem Stichwort „kritische Weißseinsforschung“ etwas vertrauter zu machen. Hier wird Weißsein weniger im Sinne einer Pigmentarmut verstanden, sondern mehr als gesellschaftliche Praxis, bei der von der eigenen als „normal“ und somit unmarkierten Position aus die jeweils anderen markiert werden. Nun ist dieser „Critical Whiteness“-Ansatz sicher nicht über jede Kritik erhaben, aber zumindest halte ich ihn für hilfreich, um den blinden Fleck der eigenen Unmarkiertheit besser erkennen zu können und damit auch mit dem gängigen Vorurteil aufzuräumen, Rassismus wäre ausschließlich ein Problem der anderen, der Minderheiten. Es hilft zu verstehen, wie wir den anderen gewissermaßen erst konstruieren. Dass andere in ferneren Weltgegenden das „othering“ womöglich in ähnlichen Formen praktizieren, darf man wohl als gegeben annehmen, und Unterschiede der Pigmentierung sind da nur einer von verschiedenen Ansatzpunkten.

            Zugegeben: Die Hürde, sich auf diese Denkmodelle (die natürlich an den eigenen liebgewordenen Kategorien und vermeintlichen Objektivitäten rütteln) näher einzulassen, ist nicht gering. Ich will da auch nicht missionieren (da ich wie gesagt zum Teil selber ein paar Schwierigkeiten der Critical-Whiteness-Debatte habe), aber vielleicht sehen Sie mit diesem Background ein bisschen klarer, auch welchem begrifflichen und theoretischen Fundament Noah Sow argumentiert.

        • @mark793, 9. November 2012 um 16:20:

          Das halte ich nebenbei bemerkt unter bestimmten Voraussetzungen sogar für nachvollziehbar.

          Ziemlich vage. Immerhin sind die Voraussetzungen „bestimmt“, das ist gut. Wie lauten sie?

          Trotzdem steht da nicht, dass einen das Abstreiten von Rassismus per se zum Rassisten mache. Da Sie sich kraft Ihrer Logik der Mühe enthoben sehen, textimmanent zu argumentieren sehe ich mich auch nicht in der Beweispflicht, anhand von Textstellen detailliert zu belegen, was nach meinem Verständnis NICHT drinsteht im Buch. Ich behaupte also weiterhin, dass die identitären Zuschreibungen, die Sie herauslesen, genauso wie die binäre Einteilung in Rassisten und Rassismusopfer auf Ihrem Mist gewachsen sind.

          Na ja. Das dürfen Sie natürlich glauben und behaupten. Wenn in einem literarischen Werk „Fang mal!“ steht, steht da auch nicht, daß der so Angesprochene Arme, Hände, Finger und Augen haben muss, die ihm das Fangen überhaupt erst ermöglichen. Es wird vorausgesetzt. Wenn in den Nachrichten die Rede von einer Geiselnahme ist, wird auch nicht erwähnt, daß das für die Opfer höchst unerfreulich ist. Es liegt in der Natur der Sache. Diese Wissensbestände, die jedem Leser/Zuschauer bereits vorliegen, unter dem Vorbehalt einer „textimmanenten Argumentation“ wegzureduzieren, halte ich gelinde gesagt für infantil. Rassismus als Problem – Sie wollen ja sicher nicht leugnen, daß Frau Sow Rassismus als Problem behandelt? – setzt voraus, daß es Opfer von Rassismus gibt. Wenn als Verursacher von Rassismus nur eine Gruppe veranschlagt wird – Menschen mit weißer Hautfarbe – werden alle andere Gruppen von Rassismus als Opfer behandelt. Aber niemand zwingt Sie, diese „logische Verrenkung“ mitzugehen.

          Nicht jeder, der irgendeinen Rassismus reproduziert (und nach strenger Definition gehört dazu schon die harmlose Frage: “Sie nicht von hier, gelle?) ist damit schon automatisch und unausweichlich ein Rassist. So wie ich das verstehe, ist niemand per se völlig davor gefeit, Rassismus zu reproduzieren.

          Interessante Prämisse, und ich stimme Ihnen zu. Aber was genau ist dann jemand, der Rassismen produziert? Ein nicht-rassistischer Rassismenproduzent? Ich halte das für zutreffend – aber auch für sehr unglücklich, ihn dann mit dem Schlagwort „Rassismus“ zu konfrontieren und von ihm zu verlangen, sich selbst auf denselben abzuklopfen. Warum? Nicht nur, weil ihm der Begriff unbewusster, latenter Rassismen gänzlich fehlt – sondern weil ihm jede rassistische Intention fehlt, und er sich deswegen händeringend dagegen wehren wird. Das ist einfach, verzeihen Sie, methodischer Schwachsinn, der den Graben zwischen beiden Gruppen nur vertieft. Herrje, ich vergaß: das tone argument, ja.

          Aber wenn die Critical Whiteness (und Noah Sow) tatsächlich den Rassismusbegriff sinnvoll differenzieren will – in einen bewussten, ideologischen Rassismus einerseits, der einer bestimmten Gruppe nomothetisch gewisse negative Grundeigenschaften zuschreiben will, und einen unbewussten, nicht vorsätzlichen, kulturgeschichtlich erworbenen Rassismus – dann, lieber Herr Mark, steht erstmal Aufklärung im großen Stil auf dem Programm, um denjenigen, die sich mit ihrem Rassismus der zweiten Sorte beschäftigen sollen, klarzumachen, worum es überhaupt geht; denn erst dann kann man sich Hoffnung darauf machen, diese Menschen für sich zu gewinnen. Wie wird das wohl erreicht?

          Durch einen Generalverdacht, der jede Unschuldsvermutung ausschließt? Aha, Sie sind also weiß und glauben, kein Rassist zu sein? Da hab ich aber eine schlechte Nachricht für Sie! – Super Idee.

          (Gute Güte, schon wieder ist mir das tone argument entfallen. Haben Sie Nachsicht!)

          Ich würde Noah Sow auch darin folgen, dass die Behauptung “aber ich doch nicht” die Wahrscheinlichkeit, Rassismen zu reproduzieren, eher erhöht als reduziert, weil diese pauschale Abwehrhaltung zeigt, dass man sich zu dem Thema einfach noch überhaupt gar nicht schlau gemacht hat.

          Genau das ist es, Herr Mark von und für die gute Sache, das eine echte Beschäftigung mit dem eigenen latenten Rassismus verhindert: Die Überheblichkeit der Theorieversierten, die daherkommen und lautstark rumtrompeten: Du kannst da schon mal gar nicht mitreden. Du hast dich nämlich gar nicht mit der tollen Critical Whiteness auseinandergesetzt. DU musst jetzt erstmal deine Hausaufgaben machen, denn du bist Teil eines Problems, das du noch nicht mal verstehst, und solange du nicht zu lernen bereit bist, ist jede deiner Aussagen unqualifiziert – ciao. Leider hat sich mein Verdacht bestätigt, lieber Herr Mark, daß Sie dieser Ideologie längst Eingang in Ihr Denken gewährt haben.

          Hätte man sich eingehender mit der Thematik befasst, wäre man sich dessen auch bewusster, dass (und wo genau) man womöglich nicht völlig ohne Fehl ist

          Hehe :D Genau so.
          Du sollst lernen, dein Bewusstsein schulen und erkennen, daß du Fehler hast. Religion anyone?

          Wieviel mehr kann man einen Menschen verunsichern?
          Ihm unterzuschieben, er sei Teil eines Problems – und ihm im selben Atemzug zu attestieren, er sei nicht mal in der Lage, das Problem nachzuvollziehen? Und jetzt seien Sie mal einen Moment lang nüchtern und stellen Sie Ihr gutgemeintes Missionarentum und Ihr Überlegenheitsgefühl abseits ins Kabuff: Wie, glauben Sie wohl, wird die Reaktion gesellschaftlicher Mehrheiten auf einen solchen Befund ausfallen? Werden Sie alle demütig in den Kanon der Theoretiker einstimmen, Einsicht und Reue bekunden und geloben, sich weiterzubilden, damit auch sie ein bisschen mitreden dürfen? Oder werden Sie sich ganz instinktiv wehren, weil sie sich mit einem moralischen k.o.-Kriterium, nämlich Rassismus, konfrontiert sehen, das in ihrem Selbstverständnis bislang nie eine Rolle gespielt hat? Tja, wie SOLLEN sie denn reagieren, wenn ihnen das angebliche Problem noch nicht mal transparent ist?

          In pädadgogischer Hinsicht ist das ein Salto mortale. Vielleicht kann man beim geneigten und theoretisch vorgebildeten Leser noch den Kredit einer gefühlten Bringschuld annehmen, der dieses elitär einfordernde Gehabe aufwiegt. Spätestens, wenn man sich an Massen wendet – und um die geht es – werden Menschen sich gegen diese Art von Konfrontation, die auf eine Schuldzuweisung hinausläuft, reflexiv wehren. Und gerade im Fall von Noah Sow bin ich geneigt zu glauben, daß diese überaus vorhersehbare Art reflexiver Beantwortung zum Kalkül dazugehört.

          Aber ach, das „tone argument“! Won’t somebody please think of the tone argument!

          Solange die psychologische Dynamik dieser Kommunikation nicht ernsthaft diskutiert wird und irgendwelche Lakaien sich ostentativ mit ideologischen „arguments“ aus Internetforen dazwischenwerfen, um den Protest der Bezichtigten durch das Einfordern von Respekt kurzerhand abzuwürgen, so lange wird es keine Einigung geben zwischen den Verkündern und den bestellten Empfängern der Botschaft. Erstere nehmen sich leider auch nicht allzu gut aus. Ich bin leider wenig geneigt, Herr Mark, den Menschen ohne weiteres als reines, moralisch veredeltes Vernunftwesen anzusehen, dem nur an der Beförderung des Guten gelegen ist. Ich sehe ihn eher als ein schwaches Wesen, das seine Vernunft selektiv unter den Dienst von Eigenvorteil und hierarchischem Streben stellt. Die Verfechter und Ankläger im Rahmen der Critical Whiteness – was schon in dieser abstrakten Form eine gewisse Intelligenz unterstellt, muahaha; ich meine aber Leute wie Nadine Lantzsch – sind leider weit davon entfernt, in ihrem fordernden Auftreten den Gedanken zu reflektieren, ob ihnen nur an einem elitären Selbstverständnis liegt, das sich durch eine ausufernde Theoretizität immer wieder neu immunisiert. Restlos abstrus, zum Totlachen lächerlich ist dabei die unausgesprochene, schlechterdings akzeptierte Voraussetzung (Vorsicht, logische Verrenkung), daß es diesen Leuten wirklich um die Besserung eines gesellschaftlichen Missstandes geht.

          Glauben Sie mir, Nadine Lantzsch und Noah Sow könnte nichts schlimmeres passieren, als daß alle Menschen so viel wissen wie sie selbst, denn dann können diese ihre Autorität auf keinen angeblichen Missstand mehr begründen und werden im Diskurs obsolet. Daß sich an den gesellschaftlichen Zuständen so schnell nichts ändern wird, wissen alle, Sow, Lantzsch, Sie, ich – aus statistischer Erfahrung: denn es ist bisher auch nicht geschehen. Ist 2012 das Jahr der Wende? Ist Frau Sows Generalverdacht-Methode die revolutionäre Lösung zur kollektiven Bewusstseinsschulung der Bevölkerung? Hahaha!

          Hier geht es um Macht und Deutungshoheit innerhalb eines Diskurses, bei dem gesetzmäßig der gewinnt, der das schmerzhafteste und defizitärste Szenario der Wirklichkeit entwirft.

          Plattes und jetzt von mir mal eben konstruiertes Beispiel: “Ich sage weiterhin ‘Neger’, denn bei ist das total positiv besetzt, weil die können ja alle so gut tanzen…”

          Eine Frage: WER bestimmt eigentlich, wann ein Begriff statthaft ist und wann nicht? Und unter welcher Begründung?

          Damit wird sich der Mindersensibilierte völlig auf der sicheren Seite wähnen – aber er zeigt halt, dass er sich mit Selbstbestimmungsrecht und den Positionen der jeweiligen marginalisierten Gruppe nie befasst hat und weiterhin meint, von seiner unmarkierten und unhinterfragte Position aus den anderen nach Belieben markieren und benennen zu dürfen.

          Wissen Sie, wirklich schwierig wird die Frage, ob diese „Mindersensibilisierten“ tatsächlich gesellschaftliche Mehrheiten bilden. Diese Frage ist leider gar nicht diskursiv oder didaktisch zu lösen, weil sie auf persönliche Erfahrungshintergründe zurückgreift, die mitteilbar, aber nicht austauschbar sind. Ich habe in den letzten zehn Jahren – in Saarbrücken – fünf Menschen mit solchem Denken und solcher Sprache getroffen, einer davon war weit rechtsaußen. Saarbrücken ist auch eher ein positives Beispiel, die schwarze Community ist riesig und so etwas wie „Toleranz“ bereits ein überholter Begriff, weil Hautfarbe und Herkunft de facto kaum eine Rolle spielen. Ich kann wohl insgesamt nur für Deutschlands Südwesten Zeugnis abgeben, und daß es in anderen, vornehmlich östlicheren Bundesländern ganz anders aussieht, ist mir klar. Was mir diesbezüglich fehlt, sind politisch neutrale, unaufgeregte Erhebungen über die Bundesländer, die einen empirischen Eindruck davon vermitteln können, in welchem Ausmaß die Gesellschaft „mindersensibilisiert“ ist.

          Und damit kommen wir zu dem Zusammenhang von Weißsein und Rassismus, der Ihnen aufstößt – und der offen gestanden auch mir manche Nuss zu knacken gibt.

          Sehr offenherzig von Ihnen. Welche Nuss denn? Sie deuten sehr häufig Einschränkungen an, ohne diese zu liefern.

          Um besser zu verstehen, mit welchen Begrifflichkeiten Noah Sow hier überhaupt operiert, wenn von Weißsein und PoC die Rede ist, würde es helfen, sich mit dem Stichwort “kritische Weißseinsforschung” etwas vertrauter zu machen.

          :-) Siehe oben. Vielleicht würde es helfen, einen anderen Weg zu beschreiten als den ‚Bildet Ihr Euch erstmal weiter‘-Zeigefinger. Grim though it may be.

          Hier wird Weißsein weniger im Sinne einer Pigmentarmut verstanden, sondern mehr als gesellschaftliche Praxis, bei der von der eigenen als “normal” und somit unmarkierten Position aus die jeweils anderen markiert werden. Nun ist dieser “Critical Whiteness”-Ansatz sicher nicht über jede Kritik erhaben, aber zumindest halte ich ihn für hilfreich, um den blinden Fleck der eigenen Unmarkiertheit besser erkennen zu können und damit auch mit dem gängigen Vorurteil aufzuräumen, Rassismus wäre ausschließlich ein Problem der anderen, der Minderheiten.

          Sie haben mir da grade die Türe zu einem neuen Universum aufgestossen, wissen Sie das? Jetzt bin ich völlig zerknirscht, weil mir schlagartig bewußt geworden ist, daß meine weiße Normalität für die anderen ja gar nicht gilt – und welchen Konstruktcharakter das alles hat.

          Es hilft zu verstehen, wie wir den anderen gewissermaßen erst konstruieren.

          Es hilft zu verstehen, in einem ganz pragmatischen Sinne, daß man dem „Mindersensibilisierten“ – ein Begriff, den man mit eben den Mitteln Ihrer eigenen Methode sofort als diskriminierend abtun könnte – erstmal klarmachen muss, warum er da was zu lernen hat.

          Und daß moralischer Frontalunterricht, der mit Generalverdächtigungen arbeitet, dafür eher der falsche Weg ist.

          Zugegeben: Die Hürde, sich auf diese Denkmodelle (die natürlich an den eigenen liebgewordenen Kategorien und vermeintlichen Objektivitäten rütteln) näher einzulassen, ist nicht gering. Ich will da auch nicht missionieren (da ich wie gesagt zum Teil selber ein paar Schwierigkeiten der Critical-Whiteness-Debatte habe), aber vielleicht sehen Sie mit diesem Background ein bisschen klarer, auch welchem begrifflichen und theoretischen Fundament Noah Sow argumentiert.

          Und wie. Jetzt, wo Sie es sagen, wird mir einmal mehr klar, daß ich die Critical Whiteness und ihr ganzes elitär-aufgeblasenes, terminologisches Geschwucke – „Unmarkiertheit“, „Mindersensibilisierter“, „Selbstbestimmungsrecht der marginalisierten Gruppe“, den anderen „markieren und benennen“, „othering“ – weder vorher noch jetzt gebraucht habe, um zu verstehen, daß selbst ein übermäßiges Zuvorkommen gegenüber einem „PoC“ als eine Form unbewussten, positiven Rassismus‘ aufgefasst werden kann.

          Die Fähigkeit, die ideologisch konnotierte Terminologie einer normativen Theorie in allgemeinverständliche Sprache zu übersetzen und anzuwenden, ist eins damit, deren Konzepte zu durchschauen. Das sollte Ihnen zu denken geben. Denn Begriffe der Critical Whiteness in der eigenen Argumentation in Stellung zu bringen erschwert, deren Semantik innerhalb der Ideologie außen vorzulassen. Ihnen fehlt, glaube ich, ein angemessenes Bewusstsein dafür, wie kritisch sie der Critical Whiteness tatsächlich noch gegenüberstehen (ganz abgesehen davon, daß Sie mit und innerhalb der Theorie argumentieren, während Sie ständig betonen, auch Einwände zu besitzen – die Sie zu keinem Zeitpunkt ausführen):

          Denn auch Sie gehen längst so weit wie Sow und Lantzsch, den geistigen Besitz der Theorie selbst zum Kriterium der Rechtmäßigkeit des eigenen Anliegens und der stimmigen Wahrnehmung zu verklären. Recht hat, wer sich das Konzept der Critical Whiteness aneignet und akzeptiert: die Anderen sind „Mindersensibilisierte“, die erst lernen müssen. Wenn es vorher schon ein Prinzip des Anderen gab (das mit Recht ein Konstrukt zu nennen ist), eröffnet die Critical Whiteness damit nur ein weiteres; und wieder stehen wir vor einem Graben, der nur dadurch zu überbrücken ist, daß die „Mindersensibilisierten“ Einsicht zeigen und sich zu einem Fehler bekennen, den sie gar nicht verstehen. Dieses Problem existierte in der Rassismusdebatte schon lange vor der Critical Whiteness.

          Das ist das grundfaschistoide Element dieser Theorie; und sie arbeitet damit, weil sie es nie für nötig gehalten hat, eine Lösung jenes Verständigungsproblems, das bereits frühere Rassismusdebatten stagnieren ließ – das sture, wechselseitige Einfordern von Respekt als Mittel des Erzwingens von Einsicht – überhaupt in ihre Konzepte miteinzubeziehen. Die Critical Whiteness erhebt dieses Problem nur auf die elitäre Höhe eines zusätzlichen Theoriedachs und schmeisst von dort aus ihre Nebelgranaten. Good luck and good riddance.

          • Ihnen fehlt, glaube ich, ein angemessenes Bewusstsein dafür, wie kritisch sie der Critical Whiteness tatsächlich noch gegenüberstehen (ganz abgesehen davon, daß Sie mit und innerhalb der Theorie argumentieren, während Sie ständig betonen, auch Einwände zu besitzen – die Sie zu keinem Zeitpunkt ausführen).

            Zunächst mal ging es mir darum, diesen Terminus und dahinterstehende Denkmodelle überhaupt mal explizit in unseren Dialog einzuführen, damit es etwas klarer wird, was Noah Sow mit Weißsein meint (und dass das eben nicht zwingenderweise eine monodimensionale Kategorie ist, die sich lediglich aus Minimalpigementierung konstituiert). Ob Ihnen dieses theoretische Konstrukt nun einleuchtet oder nicht, da habe ich keinerlei Aktien drin, ich würde im Übrigen auch keine moralische Überlegenheit eines Diskussionsteilnehmers daraus ableiten, dass er sich zu diesem etwas sperrigen Set an Prämissen und Schlussfolgerungen bekennt. Als Nachweis für eine gewisse Einarbeitung ins Thema würde ich es allerdings schon werten, dass man von Critical Whiteness (CW) zumindest schon mal gehört und die Chose soweit intellektuell durchdrungen hat, um zu erkennen, dass es eben nicht darum geht, jetzt nur noch „dark skin good, white skin bad“ zu blöken. Auch wenn vielleicht manche(r) CW als Einladung dazu missversteht.

            Meine eigenen Vorbehalte gegen dieses Theoriegebäude gehen auch in die Richtung, dass man einerseits zwar so tut, als habe man es ausschließlich mit Konstrukten zu tun, andererseits werden die Kategorien weiß und nicht-weiß dann doch recht absolut gesetzt (oder zumindest so rezipiert). Und Strategien, wie diese Kategorien wirksam dekonstruiert werden könnten, sucht man da meist vergebens. Das Sichtbarmachen von Sprecherpositionen (an sich gut gedacht, deutlich zu machen, von welcher gesellschaftlichen Position aus und mit welchen Privilegien ausgestatten oder welchen Marginalisierungen konfrontiert ich im folgenden argumentiere) wird vielfach zu einem leeren Bekenntnisritual, das allenfalls als Bußübung taugt, aber keinen nennenswerten Erkenntniszugewinn im Diskurs liefert. In dem Zusammenhang fände ich es fast schon wieder witzig, wenn es tatsächlich stimmte, dass in bestimmten Kreisen die Redewendung „ich geh mal eben meine Priviligien checken“ synonym verwendet wird für „ich geh mal eben pissen“.

            Die Frage, ob critical whiteness nicht lediglich eine weitere Schublade zimmert, hat ihre Berechtigung. Ginge es beim Weißsein (und der Analyse dieser Kategorie) nur um einen unabänderlichen Seinszustand einer Teilmenge von Individuen (also das, was ich weiter oben auch mit identitären Zuschreibungen meinte), wäre der Einwand stichhaltig. Aber tatsächlich wird ja versucht, mehr eine gesellschaftliche Praxis zu verstehen, die mit bestimmten Strategien und Mechanismen operiert und die eben auch durch die Individuen hindurch wirkt. Leider bin ich zuwenig mit den Werken von Foucault und anderen Vertretern des Poststrukturalismus vertraut, um Ihnen diesen interpersonalen Blickwinkel wissenschaftsgeschichtlich fachkundiger herzuleiten. Aber wie gesagt, grundsätzlich finde ich den Ansatz völlig richtig, das Problem des Rassismus nicht allein bei denen zu verorten und zu untersuchen, die darunter leiden, sondern auch die Strukturen und Mechanismen mehr in den Fokus zu rücken, die ihn erzeugen.

            Zu dem Didaktik-Thema, ob das alles der richtige oder falsche Weg ist, mehr Bewusstsein für diese Themen zu schaffen, muss ich mich indes einstweilen vertagen, aber ich komme darauf noch zurück.

          • @mark793, 12. November 2012 um 00:10:

            Zunächst mal ging es mir darum, diesen Terminus und dahinterstehende Denkmodelle überhaupt mal explizit in unseren Dialog einzuführen, damit es etwas klarer wird, was Noah Sow mit Weißsein meint (und dass das eben nicht zwingenderweise eine monodimensionale Kategorie ist, die sich lediglich aus Minimalpigementierung konstituiert).

            Gut, das einmal angenommen, setze ich voraus, daß Sie aufrichtig und ohne belehrenden Zeigefinger nur mein Verständnis der CW erweitern wollen. Das ist sehr freundlich von Ihnen, aber ich kenne die Prämissen der CW. Ebenso, daß deren Anhänger für sich behaupten, das Konzept stehe in keinem notwendigen Zusammenhang mit weißer Hautfarbe, es würde von dieser eigentlich abstrahieren und sei auf Vertreter aller Hautfarben anwendbar.

            Sie irren allerdings, wenn Sie glauben, diese Behauptung sei sich selbst genug. Das ist sie nicht. Nicht nur im Namen der Theorie ist der Verursacher und Ausüber dieser Art von Rassismus bereits verankert, sie wird auch – wie ich Ihnen seit mehreren Kommentaren bereits zu erklären versuche – explizit auf Menschen weißer Hautfarbe angewendet. Noah Sow spricht von Weißen als Vertretern jenes soziokulturell erworbenen, latenten Rassismus‘ – nicht von „PoC“. Und zwar ausnahmslos.

            Nun lässt es sich wunderbar auch weiterhin behaupten, das Konstrukt sei an sich universeller Natur; zumindest mich interessiert dann doch, auf welche Gruppe es per default angewendet wird – und welche Intensität der gesetzmäßige Zusammenhang annimmt. Hierin toppt Noah Sow alles, was bislang da war: Leugnest du es, bist du es. Und ich finde es bemerkenswert, daß diese Stärke sich derjenigen annähert, mit der der bewusste, ideologische Rassismus einer bestimmten Ethnie negative Attribute zuordnet, nämlich mit einem kausalen, gesetzmäßigen Zusammenhang.

            Ob Ihnen dieses theoretische Konstrukt nun einleuchtet oder nicht, da habe ich keinerlei Aktien drin, ich würde im Übrigen auch keine moralische Überlegenheit eines Diskussionsteilnehmers daraus ableiten, dass er sich zu diesem etwas sperrigen Set an Prämissen und Schlussfolgerungen bekennt.

            Eben doch, eine theoretische ebenso wie eine moralische. Das ist ja das Eigentümliche an der CW: Nur wer sie kennt, durchschaut den alltäglichen, latenten Rassismus. Und nur wer diesen durchschaut, nimmt die Wirklichkeit des alltäglichen Rassismus‘ in ihrer ganzen Tiefe wahr. Wer die CW nicht kennt, leidet unter einem Mangel an Verständnis dessen, worunter „PoC“ zu leiden haben, er muss also zwangsläufig deren Gefühle verletzen, weil er deren Determinanten nicht kennt – und gerade deshalb muss er auch in seinen moralischen Urteilen zu falschen Schlüssen kommen.

            Wer die Theorie aber kennt, kann Ansprüche stellen sowohl auf Kenntnis der Wirklichkeit wie auf moralische Konsistenz mit derselben. Das ist es, was die CW für machthungrige und hierarchisch veranlagte Personen so attraktiv macht: Ihr Anspruch auf Deutungshoheit sowohl im theoretischen als auch im moralischen Bereich – und die Berechtigung, in letzterem Bereich nach Belieben Urteile auszusprechen.

            Als Nachweis für eine gewisse Einarbeitung ins Thema würde ich es allerdings schon werten, dass man von Critical Whiteness (CW) zumindest schon mal gehört und die Chose soweit intellektuell durchdrungen hat, um zu erkennen, dass es eben nicht darum geht, jetzt nur noch “dark skin good, white skin bad” zu blöken. Auch wenn vielleicht manche(r) CW als Einladung dazu missversteht.

            Aber auf dieses Blöken ist es bislang überwiegend hinausgelaufen. Wie ich schon sagte, Lippengebete zur theoretischen Universalität eines Konzepts mildern dem Klange nach dessen Radikalität, aber deren Glaubwürdigkeit hängt davon ab, ob die Theorie auch de facto universell angewendet wird. Und das ist bei der CW aber so was von gar nicht der Fall, zumindest im deutschsprachigen Raum nicht, und von dem reden wir, wenn wir Noah Sows Buch besprechen.

            Und eine allgemeine Bemerkung zum Einarbeiten in eine Theorie: Ich habe Sows Buch nicht gelesen. Sondern gerade mal so viel, wie Frau Rönicke in ihrem Photo abgebildet hat. Und stellen Sie sich vor: Dieses mikroskopische Fragment reicht hin, um festzustellen, ob ein einziger methodische Fehler vorliegt, der das gesamte Anliegen scheitern lassen muss. Einen Irrtum kann man in wenigen Wörtern unterbringen. Frau Sows „Logik“ ist widersprüchlich und pädagogisch kontraproduktiv – in leicht ersichtlicher Weise. Das sollte erlauben, die Frage zu stellen, ob die von ihr beschworene Zielsetzung der „Aufklärung“ nur ein Aufhänger für etwas anderes ist.

            Meine eigenen Vorbehalte gegen dieses Theoriegebäude gehen auch in die Richtung, dass man einerseits zwar so tut, als habe man es ausschließlich mit Konstrukten zu tun, andererseits werden die Kategorien weiß und nicht-weiß dann doch recht absolut gesetzt (oder zumindest so rezipiert).

            So ist es. Und es sei festgehalten: Deren Realitätsanspruch basiert in letzter Instanz auf dem persönlichen, subjektiven Empfinden von Menschen. Wenn jemand sich durch dieses und jenes Verhalten seiner Mitmenschen rassistisch behandelt fühlt, ist das unter allen Umständen ernstzunehmen: Diese subjektive Dimension wird absolut gesetzt, sie ist nicht und niemals verhandelbar. Wer das tut, betreibt automatisch eine Unterart von „victim bashing“ und ist potentiell ein Nazi. Wie fatal anfällig diese Disposition für Missbrauch ist, wird überhaupt nicht reflektiert, null, nada, es ist ein Grund zum sofortigen Ausschluss aus dem Diskurs, die Idee überhaupt zur Diskussion zu stellen. Bei aller Berechtigung und Notwendigkeit, die ich dem Rückgriff auf das Empfinden Betroffener einräume – wie sonst wollte man überhaupt sinnvoll argumentieren, wenn nicht mit dem Leid, das diese erfahren – finde ich es fatal, daß dieser Dimension keine Untergrenze gesetzt wird. Um es philosophisch auszudrücken: Das Gefühl ist eine Erfahrung, der es an Durchsichtigkeit und Konsequenz mangelt. Es taugt weder zur Mitteilung noch als Quelle intersubjektiver Erkenntnis.

            Und Strategien, wie diese Kategorien wirksam dekonstruiert werden könnten, sucht man da meist vergebens.

            Richtig. Und ich neige eher zur Annahme (und habe die Erfahrung gemacht), daß ein Weißer, der sich im Umgang mit PoC unausgesetzt auf das Wirken latenter Rassismen hin untersucht, dadurch ein angespanntes Verhältnis eher verstärkt als auflöst – weil er sich permanent selbst verunsichert und sich daher alle spontanen Reaktionen verbietet. Was ihm bleibt, ist der Rückgriff auf tief einstudierte Routinen der Höflichkeit, der Bescheidenheit und der Zurückhaltung, die die Interaktion so angespannt und steif machen wie den Thorax eines Schwertschluckers während der Vorführung.

            Das Sichtbarmachen von Sprecherpositionen (an sich gut gedacht, deutlich zu machen, von welcher gesellschaftlichen Position aus und mit welchen Privilegien ausgestatten oder welchen Marginalisierungen konfrontiert ich im folgenden argumentiere) wird vielfach zu einem leeren Bekenntnisritual, das allenfalls als Bußübung taugt, aber keinen nennenswerten Erkenntniszugewinn im Diskurs liefert.

            Genauso ist es. Das macht nämlich richtig Spaß: Das Verordnen von Bußübungen – von denen man sich selbst freilich ausnehmen darf, da man als CW-Eingeweihter den Vorgang tiefgreifender Introspektion und Selbstreflexion ja hinter sich hat – qua Besitz der Theorie. Thihihi!

            Ginge es beim Weißsein (und der Analyse dieser Kategorie) nur um einen unabänderlichen Seinszustand einer Teilmenge von Individuen (also das, was ich weiter oben auch mit identitären Zuschreibungen meinte), wäre der Einwand stichhaltig.

            Das ist richtig, und ich verstehe Ihren Vorbehalt. Aber lenken Sie Ihren Blick auch darauf, auf welche Gruppe das Konzept nahezu ausschließlich angewendet wird: auf Weiße. Wenn man die Universalisierbarkeit des Konstrukts zwar kontinuierlich beteuert, eine Anwendung aber nur auf eine ganz bestimmte Gruppe erfolgt, wird es schwierig bis unmöglich, ein Ausschlusskriterium für identitäre Zuschreibungen noch aufrechtzuerhalten. Worin besteht es? In Reue, Buße und dem Gelöbnis nach Besserung? Das aber setzt ja bereits voraus, alle Zuschreibungen der CW einzugestehen und zu verinnerlichen! – Deshalb spreche ich im Rahmen von Noah Sows Buch von einer Ideologie, deren Methode der Wahrheitsfindung irrationale und faschistoide Züge aufweist: Ihre Thesen zu bestreiten ist eins damit, von ihr diffamiert zu werden; sie anzunehmen ist eins damit, eine Selbstbezichtigung und moralische Bringschuld anzuerkennen. Eine Schuld liegt in beiden Fällen vor. Allein diese Aufstellung ist mangels Falsifikationsmöglichkeit blanke Metaphysik, Humbug, hanebüchener Unsinn, Mambo-Jambo. Ich überlasse es Ihrer Phantasie und Ihrem Allgemeinwissen, sich andere, historische Ideologien ins Gedächtnis zu rufen, die ganz ähnlich verfuhren. In jedem Falle gilt: Die instinktive Abwehrreaktion weißer Menschen ist vorprogrammiert; und es ist zulässig zu fragen, ob Noah Sow rational im Sinne ihres behaupteten Anliegens vorgeht. Mit oder ohne tone argument.

            Und mich ekelt der reaktive Charakter dieser Ideologie an, die in lautstarker Abgrenzung von dem, was sie problematisiert, gleichsam dessen Methodik für ihre eigenen Zwecke übernimmt. Mit Aufklärung hat das nichts zu tun.

  2. wie es die Antirassismustrainerin Urmila Goel mal formuliert hat, dass wir alle (und sie inklusive) eben nicht davor gefeit wären, Rassismen zu reproduzieren

    – ich denke auch: darum gehts. Und darum ist das Buch auch wichtig.

    • @Katrin und Chomski: Okay, ich nehme freudig überrascht zur Kenntnis, dass die Ausflüge des Diskussionspartners in andere Gefilde nicht auf die übliche Nebengleis-Verschiebe-Nummer abzielten und leiste Abbitte für etwaige Unterstellungen in diese Richtung.

      Komme auf den Kommentar von 15 Uhr 49 auch gerne noch zurück, sobald ich paar andere (familiäre und publizistische) Baustellen versorgt habe.

    • Wenn jemand es so sagt wie Urmila Goel „nicht davor gefeit, Rassismen zu reproduzieren“ würde ich es ohne weiteres unterschreiben.

      Die Frage ist dann aber: Macht uns diese Tatsache zu Rassisten? Wenn wir nichts Rassistisches sagen, aber auch wenn wir etwas sagen, das wir für unschuldig halten, das aber von anderen als rassistisch wahrgenommen wird?

      Ich erinnere mich noch, wie in einer der Fandom-Diskussionen einer Frau aus Nordirland einmal Rassismus vorgeworfen wurde, weil sie die Art und Weise, wie die Anti-Ismus-Kämpferinnen sich auf Menschen stürzen, die des Rassismus für schuldig befunden werden, als Lynchen bezeichnet wurde. Sofort stürzten sich die anwesenden Anti-Rassismus-Kämpferinnen auf sie: „Wie kannst du es wagen, das Wort Lynchen auf PoC anzuwenden? Weißt du nicht, wie nach dem Bürgerkrieg bis in die Dreißiger des 20. Jahrhunderts hinein Schwarze gelyncht wurden? PoC sind Opfer des Lynchens – sie können nie Täter sein, und außerdem tust du PoC weh, wenn du dieses Wort auf sie anwendest.“

      Die Frau versuchte zu erklären, dass sie aus Nordirland sei, dass in ihrem eigenen Kontext das Wort „farbenblind“ verwendet wird, dass sie genug derartige Attacken selbst erlebt hat, und dass sie sich mit der Geschichte von PoC in den USA nicht so auskennt. Das war natürlich ein Fehler: „Wie kannst du noch so ignorant sein! Das ist keine Entschuldigung! Ihr Europäer solltet euch gefälligst informieren, bevor ihr in unser Fandom kommt!“ (Mir war bis dahin neu, dass Fandom das Eigentum von US-Amerikanern ist. Livejournal selbst gehört seit ein paar Jahren einer russischen Firma und ist in Russland eine angesehene Plattform von Regimegegnern.)

      Vielleicht erklären solche Geschichten, warum ich auf bestimmte Formen des antirassistischen Befreiungskampfes so allergisch reagiere. Bei solchen Leuten ist es mir mittlerweile ebenfalls egal, wenn sie mich als Rassistin beschimpfen. (Es gibt andere, bei denen es mir nicht egal ist.)

      Wenn Menschen von ihrer rassistischen Umgebung geprägt sind, dann ist es nicht angemessen, ihnen in solch harschen Worten wie denen, die ich gerade zitiert habe, Rassismus vorzuwerfen. Vorwürfe sind nur gerechtfertigt, wenn jemand etwas kann für das, was er oder sie gesagt hat, nicht, wenn es aus Versehen geschah oder wenn es aufgrund von „Prägungen“ geschah, für die er oder sie ebenfalls nichts kann. Auch Selbstbezichtigungen und Schuldbekenntnisse sind nur dann angemessen, wenn man für das, was man da getan oder gesagt hat, etwas kann. (Und schon gar nicht, wenn man gar nichts konkretes getan oder gesagt hat, sondern wenn nur prinzipiell die Möglichkeit besteht, etwas zu sagen, was Rassismen reproduziert.)

      Ich habe vor ein paar Jahren mal selbst an einem Fortbildung zu interkultureller Kompetenz teilgenommen. Sie begann mit einem Sketch, den die beiden Leiterinnen der Fortbildung durchführten. Ich weiß nicht mehr was sie sagten, ich weiß nur, dass anfangs die ältere ein Kopftuch trug und die jüngere nicht. Sie passten also ins Klischee: ältere traditionelle Muslimin und jüngere moderne Frau, die aus einengenden Traditionen ausbrechen will. Am Ende vom Sketch trug die jüngere Frau das Kopftuch: Die ältere der beiden war eine säkulare Iranerin, die jüngere eine muslimische Türkin, die in ihrer Moschee sehr aktiv und engagiert mitarbeitet. Der Zweck war, uns Teilnehmerinnen mit unseren eigenen Klischees zu konfrontieren – und gleichzeitig war die Botschaft, dass wir akzeptieren sollten, dass wir diese Klischees hätten, denn diese Klischees sind notwendig, um die Wirklichkeit zu strukturieren, weil wir sonst von ihrer Komplexität überfordert wären. Nur hin und wieder ist es halt notwendig, diese Klischees zu überdenken.

  3. Ich dachte immer Rassismus sei wenn „von vererblichen körperlichen Eigenschaften wie z.b. der Hautfarbe, auf fixe natürliche und kollektiv vererbare Eigenschaften wie Intelligenz, Charakter etc. geschlossen wird. Man also einen ‚kollektiven Wesenskern‘ animmt. Und wenn sich aus diesem Konzept dann eine Diskriminierung von Menschengruppen ergibt.

    Ich habe bloß die Seite aus Noah Sows Buch gelesen, die hier gepostet wurde. Und daraus wird mir auch nicht ersichtlich warum ich Rassist sein sollte?

  4. Vielleicht könnte man unterscheiden in aktiven und passiven Rassismus. Das, was Noah Sow in Bild 1 beschreibt, ist dann passiver Rassismus: Wir Weißen sind da reingeboren und damit sozialisiert. Die einen mehr, die anderen weniger, aber bei niemandem sind die rassistischen Konnotationen spurlos vorbeigegangen, auch wenn man es sich nicht klarmacht. Der aktive Rassismus ist dann der übliche.

    Ich habe Buch von Sow vor einiger Zeit gelesen und bin jedenfalls nicht über die Stelle in Bild eins gestolpert, auch nicht über ihren teilweise rüden Ton, weil er für mich den Vorteil hatte, dass das Buch gut lesbar ist und ich mir manches deshalb wohl besser einprägte.

    Außerdem ist lesen kein komplettes Übernehmen. Den Vorwurf „Du bist Rassist“ habe ich für mich umgebaut in den Satz „Du bist rassistisch konnotiert aufgewachsen.“ Genau das drückt der Text in Bild 1 aus, wie ich finde.

    Zum Pädagogischen: Sow hat überhaupt keine Verpflichtung, aber wenn ich voraussetze, dass sie mit diesem Buch etwas erreichen will, Leser zum Nachdenken und evtl. zum Ändern eigener Praxen bringen will, dann ist es sinnvoll, das Pädagogische nicht außer Acht zu lassen. Und dann ist es sinnvoll, sich für die Meinung des Lesers zu interessieren, egal, um welches Thema es geht.

    Zu deiner Rezension, Katrin,

    ich fand sie angenehm zu lesen (was mehr wert ist als mancher meint) und schließe mich ansonsten im Wesentlichen Marc an. Wenn du dich über Sows mangelnden Respekt beklagst, ist das vor dem historischen Hintergrund etwas oberflächlich. Und von wegen Rassist: Diesen Sachverhalt zu beurteilen ist wohl schon hauptsächliche Sache der Betroffenen. Gut gemeint ist nicht immer gut. Für Sow bist du (und bin ich) so eine Art struktureller Rassist oder ein passiver. Nimmt man diese Einteilung an, fällt das Verstehen leichter, glaube ich.

    Aber all das ist kein Grund, solch ein Geschrei zu veranstalten („rassistische Kackscheiße“ etc.) wie man es vernehmen konnte. Die Probleme liegen m.E. in vielerlei Aggressionen mancher Kritiker, die ich als Ersatzhandlungen bezeichnen würde.

    • @genova68

      Du schreibst:

      Und von wegen Rassist: Diesen Sachverhalt zu beurteilen ist wohl schon hauptsächliche Sache der Betroffenen.

      Kommentar:

      Mit dieser Aussage habe ich doch einige Mühe. Nun scheint es so zu sein, dass Rassismus unterschiedlich definiert wird und somit werden auch unterschiedlich Praktiken und strukturelle Begebenheiten unter den Begriff des Rassismus subsumiert. Und m.E. ist das Konzept des Rassismus selbst ein Kampfobjekt, wo darum gekämpft wird, wie Rassismus definiert wird und welche Praktiken als rassistisch gelten. Nur habe ich doch ein bisschen Mühe damit, dass nun den Betroffenen das Exklusivrecht zugesprochen werden soll, zu definieren, was Rassismus ist und welche Praktiken darunter fallen. Weil im Grunde genommen kann sich dann nämlich jeder behaupten, er sei ein Betroffener und deshalb berechtigt, zu sagen, was genau Rassismus ist; ev. sieht sich auch ein Neonazi als Betroffener und denkt, er sei nun explizit dazu prädestiniert, zu sagen, was Rassismus ist und wer nicht. Abgesehen davon, dass der Begriff dann so inflationär gebraucht werden, dass man alles und nichts darunter verstehen kann und jeder legt dann dieser Begriff etc. ein bisschen anders aus. Also die wirkliche oder angebliche Betroffenheit kann m.E. kein exklusives Kriterium sein, zu sagen, was Rassismus ist und was nicht, weil wenn wir so verfahren würden, dann würden wohl die unterschiedlichsten Defnitionen herauskommen, je nach Präferenz einer Person; es gibt wohl kein Königsweg, wie dieses Problem zu lösen ist. Bei uns in der Schweiz gibt es die Rassismus-Strafnorm und wurde dann eben schlussendlich in einem demokratischen Entscheid festgelegt, was unter diese Norm fallen soll und was nicht: den einen geht diese Norm viel zu weit und den anderen viel zu wenig weit, aber schlussendlich resultierte daraus ein demokratischer Kompromiss; über dem nationalen Recht steht dann noch die EMRK mit dem Diskriminierungsverbot (Art. 14). Auch hier werden nicht alle Menschen damit zufrieden sein und als weitere Orientierung kann ja dann noch die wissenschaftliche Rassismusforschung hinzugezogen werden.

      Du schreibst:

      Für Sow bist du (und bin ich) so eine Art struktureller Rassist oder ein passiver.

      Kommentar:

      Nun kenne ich zwar die Religionszugehörigkeit von Sow nicht, aber sollte sie keine Jüdin sein, dann wäre Sow, wenn wir dies reziprok folgerichtig anwenden, eine strukturelle oder passive Antisemitin.

      • chomsky,
        grundsätzlich würde ich empfehlen, Sows Buch zu lesen, die beantwortet deine Frage wohl ganz gut und sicher besser als ich.

        Allerdings finde es schon nachvollziehbar, dass es bei einer Verletzung um den Verletzten geht. Wenn ich dir auf dem Fußballplatz versehentlich und unmerklich verletze und dir dann irgendwas wehtut, wäre meine Aussage, du kannst nicht verletzt sein, weil ich es nicht so gemeint habe und überhaupt hätte ich doch gar nichts getan, auch dämlich. So ähnlich stelle ich mir das mit dem Rassismus vor. Ob es weh tut, musst du das Opfer entscheiden lassen, nicht den Täter.

        Bedenke bitte außerdem die letzten Jahrhunderte des Weltenlaufs: Was Weiße sich da alles geleistet haben auf Kosten anderer bestimmt noch heute unser aller Leben und somit betrifft es auch die einzelnen Schwarzen. Veilleicht einfach mal zurückhalten.

        Du sprichst aber dennoch etwas an, was ich auch als eine Leerstelle sehe. Nämlich, dass man das, was man unterschiedliche Temperamente nennt, nicht mehr unterkriegt. Es gibt Leute, die sind generell temperamentvoller, aggressiver, draufgängerischer, lauter etc. Ich hatte diesen Eindruck beim Verhalten von Sow bei der Fuldaer Lampengeschichte seinerzeit (ich hoffe du bist im Bilde), also, dass man das Verhalten Sows nicht nur mit der Lampe erklären kann.

        Diese persönliche Komponente muss man wohl außen vor lassen, wenn man akzeptiert, dass die Betroffenen mehr Definitionsrecht haben.

        Keine Ahnung, wie man damit umgehen soll.

        • @genova68

          Du schreibst:

          Allerdings finde es schon nachvollziehbar, dass es bei einer Verletzung um den Verletzten geht. Wenn ich dir auf dem Fußballplatz versehentlich und unmerklich verletze und dir dann irgendwas wehtut, wäre meine Aussage, du kannst nicht verletzt sein, weil ich es nicht so gemeint habe und überhaupt hätte ich doch gar nichts getan, auch dämlich. So ähnlich stelle ich mir das mit dem Rassismus vor. Ob es weh tut, musst du das Opfer entscheiden lassen, nicht den Täter.

          Kommentar

          Ich hab nix dagegen, wenn eine Person sagt, dass ihr etwas weh tut und selbstverständlich muss die Person selbst sagen, ob ihr etwas weh tut oder nicht. Aber ob sie selbst auch schon ein Opfer ist und zwar im straf- oder zivilrechtlichen Sinne, sollte nun m.E. sicherlich nicht die Person entscheiden, der etwas weh tut oder nicht. Sie kann das natürlich schon für sich selbst entscheiden im privaten Raum, aber im öffentliche Raum ist das wieder etwas anderes.
          Nur leben wir in einem Rechtsstaat, der doch immerhin anstrebt oder das Ideal hat, dass die Rechte quasi allgemein gültig sind (oder sogar universal, man redet ja auch immer davon die Menschenrechte seien universal etc.), also für alle Menschen die gleichen Rechte und Pflichten gelten, unabhängig davon, ob die Person weiss, schwarz, gelb, Mann, Frau, Kind, Greis, MilliardärIn, obdachlos oder was weiss ich ist.
          Wer aus rechtlicher (also nach den Prinzipien eines Rechtsstaats) Sicht ein Opfer ist, bestimmt nun einmal in einem Rechtsstaat nicht die in den Konflikt involvierten Personen, sondern es soll quasi eine unabhängige Instanz, die Judikative (Rechtssprechung) sagen, ob eine Tat stattgefunden hat und wer Opfer und wer Täter ist etc.

          Es gibt ja auch den berühmten Spruch von Rousseau: „Zwischen dem Schwachen und dem Starken ist es die Freiheit, die unterdrückt, und das Gesetz, das befreit.“

          Im Prinzip soll das auch heissen: Das Rechtsprinzip soll das Machtprinzip durchbrechen. Nun kann man natürlich argumentieren, das Rechtsprinzip ist selbst vom Machtprinzip durchrungen und somit obsolet. Nur was wäre dann die Alternative?

          Du schreibst:

          Bedenke bitte außerdem die letzten Jahrhunderte des Weltenlaufs: Was Weiße sich da alles geleistet haben auf Kosten anderer bestimmt noch heute unser aller Leben und somit betrifft es auch die einzelnen Schwarzen. Veilleicht einfach mal zurückhalten.

          Kommentar:

          Nur kann man hier eben argumentieren, dass vergangenes Unrecht nicht durch Unrecht oder Willkür, sollte eine solche vorliegen, besser gemacht wird. Soll heissen: Wer in der Vergangenheit unterdrückt wurde, soll nun in der Gegenwart oder Zukunft nicht plötzlich das Recht bekommen, andere zu unterdrücken, sollte er diese Machtmittel haben. Man könnte solche Dinge ja auch sehr gut am Konflikt zwischen Palästinenser und Israelis durchexerzieren, wenn man dies möchte.

          • Es geht nicht um Straf- oder Zivilrecht, glaube ich. Es geht einfach erstmal um die Anerkennung anderer Bedürfnisse.

            Und dass in Zukunft Schwarze die Weißen unterdrücken, nun ja, das ist schon ganz schön projeziert. Ich würde vorschlagen: Kümmern wir uns darum, wenn es bevorsteht. :-)

            Ich glaube, bei dir ist eine ziemliche Abwehrhaltung vorherrschend. Und dann kommen so komische Konstruktionen raus: Dass wir Weißen demnächst massenhaft vor Gericht stehen, weil die Schwarzen uns als Rassisten bezichtigen. Und dann gleich böse von denen unterdrückt werden.

            Ick wees nich.

          • @genova68

            Ich denke, bei Dir ist eine massive Abwehrhaltung gegen universale Prinzipien vorhanden: Ist übrigens eine reziproke Argumentationsschiene, die ich nun auf Dich anwende. Du siehst, eine solche Diskussion ist richtiggehend fruchtbar. :-)

            Hast Du bei mir irgendwo gelesen, dass in Zukunft Schwarze Weisse unterdrücken? Ich nicht, aber Du kannst mir die Stelle gerne zeigen.

            Ich würde also sagen, um wieder eine reziproke Argumentationslinie von Dir gegenüber mir zu nehmen: Du projizierst da was schön in mich hinein. Auch hier wieder: Ad personam/ad hominem Argumentationen sind sicherlich erkenntnisfördernd! :-)

          • „Soll heissen: Wer in der Vergangenheit unterdrückt wurde, soll nun in der Gegenwart oder Zukunft nicht plötzlich das Recht bekommen, andere zu unterdrücken, sollte er diese Machtmittel haben.“

            Habe ich so gelesen. Du machst dir Sorgen über eine Situation, die ich für konstruiert halte. Es geht ja immer um den Kontext.

            Und universale Prinzipien, ach Gott… mit universalen Prinzipien haben Europäer ja schon recht viel begründet.

          • @Genova68

            Du schreibst:

            Habe ich so gelesen. Du machst dir Sorgen über eine Situation, die ich für konstruiert halte. Es geht ja immer um den Kontext.

            Und universale Prinzipien, ach Gott… mit universalen Prinzipien haben Europäer ja schon recht viel begründet.

            Kommentar:

            Ich mach mir bei dieser Diskussion höchstens Sorgen, wenn Subjektivismus und Partikularität mit Verabschiedung von universalen Prinzipien einhergehen könnten.
            Die Prinzipien der Europäere war m.E. nicht universal, sondern partikular. Wie sollen universale, unverbrüchliche Menschenrechte Genozide und Rassismen legitimieren können?

            Aber schau: Lies doch z.B. mal Bücher von Jean Ziegler: Du würdest sicherlich das meiste gut finden. Aber bei Jean Ziegler wirdst Du eben nie Partikularismus finden: Auch keine postmodernistische Konzepte, wo ich den Eindruck habe, dass Du diese befürwortest.

            Jean Ziegler: Der Hass auf den Westen. Wie sich die armen Völker gegen den wirtschaftlichen Weltkrieg wehren. Bertelsmann, September 2009

          • Keine Ahnung, was ich befürworte. In diesem Fall befürworte ich das Zuhören und das Nichtverschüttgehen von subjektiven Eindrücken. Ansonsten befürworte ich derzeit eher, dem Kapital aufs Maul zu hauen.

  5. Liebe Kadda,
    ich habe auf das Buch sogar heftiger reagiert als Du und aus genau dem gleichen Grund gedacht: Hä? Was soll ich da gemacht haben? No Way!

    Dann habe ich nach ewigen Diskussionen das hier angeschaut:
    http://thewns.wordpress.com/2012/10/22/jane-elliotts-brown-eyes-blue-eyes-racism-exercise/

    Total alt, aber sehr eindrücklich. Noah Sow macht es nicht so gut wie jane elliott, bei weitem nicht. Aber da sollte es anscheinend hin gehen. Bitte zieh Dir das rein, falls Dich CW noch nicht überzeugt hat. Ich bleibe skeptisch, hab aber danach viel nachvollzogen.

    Ich bin der lebende Beweis, dass ich als „PoC“ (ich gewöhne mich langsam an dieses Ungetüm von Selbstbezeichnung…) Rassismus mit schönen Verknotungen mit „Klassismus“(ich bevorzuge „Dünkel“, da mich das Konzept noch nicht überzeugt) und Sexismus reproduziere.
    Das Aufrechterhalten von rassistischen Praxen durch Passivität ist ziemlich genau, was ich in @genova68 s Beitrag mit „passivem Rassismus“ gemeint sehe.

    Ich finde es tragischstens mißverständlich einen Zeugen dem Täter gleichzusetzen. Hier sind wir bei Deiner Bitte um Differenzierung von „du Rassist“. Ich finde das ehrlich legitim. Aber ich sehe auch den Punkt darin, Reproduktion von Rassismus zu skandalisieren (auch wenn es andere schon vorher taten…). Hoffentlich schafft es eine Critical Whiteness Vertretende, das versöhnlich und überzeugend zu formulieren. Denn auch abseits vom tonfall-argument wäre das hilfreich für den Diskurs.

    Ich teile Deine Auffassung, genau so differenziert, wie Du es tatsächlich gesagt hast: Ja, das Buch von Sow ist zumindest für Erkenntnisanstöße gut. Das Kapitel über Whiteness: puh. Bärendienst trifft es.

    Und ich finde den finnischen Grundsatz da großartig.

    • den film kenn ich! den hab ich vor jahren gesehen – und das ist so ein film, den man auch einfach nicht vergessen kann! ja – total eindrücklich! wenn CW darum geht, dass man weißen solche Mechanismen bewusst macht – also dann bin ich ja sofort dabei!!
      aber ist das denn so? wie gesagt: ich las bislang immer nur quellen, die eine herangehensweise hatten, die die sache auch umdrehte – wir schauen jetzt mal hin, was weiße machen. aber eben immer mit dem duktus: wenn du weiß bist, *kannst* du gar nicht anders, als schwarze (unbewusst) zu diskriminieren und rassistisch zu sein. irgendwo las ich den satz (auf englisch): du kannst dir das weißsein nicht aussuchen, weißsein sucht sich dich aus! (whiteness choses you!)
      und wenn man dann halt wie ich von diesem film schon früh beeinflusst wurde (es gibt etwa drei filme in der art, die bei mir so menschliche aha-erlebnisse hervorgerufen haben), dann muss ich sagen: ich sehe das viel positiver! man kann sich sein weißsein nicht aussuchen, aber als weiße kann ich *bewusst* anders handeln und auf solche Mechanismen aufmerksam machen und sie beenden, wenn ich sie sehe.
      und das mache ich auch, knallhart. ich hab heute nem trupp pubertierender Jungs in der s-Bahn gesagt, dass sie ekelhaft menschenfeindlich sind (sie machten sich über einen mann mit down-syndrom lustig – für ihn hörbar!) – ich hasse sowas!

      • niemand kann sich seine hautfarbe aussuchen. alle sind was sie wurden. der vorwurf ggü. einer hautfarbe, hat damit allgemeingültigkeit ggü. allen hautfarben. opfer sind genauso täter, wenn sie nur können. das ändert gleichzeitig nur nichts daran, dass sie auch opfer sind.

        und nun?

        am ende steht nur die erkenntnis, dass wir alle menschen sind. damit müssen wir leben und arbeiten. und auf basis dieser erkenntnis, kann man sich als mensch verbessern. reflektieren ist ja ok, nur ergibt sich daraus keine schuld.

        diese ganzen diskurse haben im kern immer nur das ziel eine weitere front und somit auch machtstellung zu schaffen. doch wenn man dann irgendwann mal alles ausdefiniert hat, ändert das immer noch nichts an diesem grundkonflikt der menschheit: wir werden geboren.

        mfg
        mh

        • Du wolltest sagen: „Wir werden ungleich geboren“??

          Ich denke nicht, dass es der Sinn dieser Diskurse ist, „Fronten“ und „Machtstellungen“ zu schaffen – ganz im Gegenteil. Im Einzelfall eignet sich wohl fast jede ideologische und/oder politische Position, für das Gegenteil vom Intendierten instrumentalisiert zu werden.

          Sag mal, wie vertraut bist du denn mit den Konzepten von „Critical Whiteness“? Magst du dich da überhaupt vertraut machen?

          • natürlich wird ne neue front aufgemacht. folgen wird critical yellowness, critical blackness, critical redness. wenn das durch ist, ist die haarfarbe dran. critical white-/blonde-hairness. was auch immer man sich nur ausdenken kann. der mensch lechzt gerade zu nach unterscheidung und gruppenbildung.

            die hautfarbe die rassismus erfährt, wechselt mit dem standardort. allein das solcherlei nicht reflektiert wird, macht die reflektion von chritical whiteness ziemlich unglaubwürdig. es ist eine lobbyveranstaltung, die andere rassismen an anderen orten ausgrenzt. vorwurfsvoll: sich gegenüber diesen abgrenzt.

            aber wir müssen natürlich von vorne anfangen, wenn wir das ernsthaft disktutieren wollen: um welche form und ausprägung, unter welchem personeneinfluss, handelt es sich bei deiner interpretation von critical whiteness, welche du mit mir diskutieren willst und auf die ich mich hier einlassen soll?

            mfg
            mh

  6. Kathrin, ich bitte dich, willst du ernsthaft behaupten, das die Auseinandersetzung mit den Dokumentationen über Jane Elliots Arbeit dazu führt, dass du weniger Rassismen produzierst? Bzw. die grundsätzliche Aussage, dass wir in einer rassistischen Gesellschaft leben, für einige Mitglieder dieser Gesellschaft (offenbar auch dich) sozusagen weniger rassitisch machen? Du reproduzierst jetzt weniger Rassismen als vorher? Und warum regt dich das Buch von Noah Sow dann so auf, du solltst dann doch klar haben, wie es läuft. Wieso nimmst du das so persönlich? Klingt irgendwie so, als wärst du damit ein etwas bessere weiße, die jetzt beleidigt ist, dass Noah Sow dies in ihrem Buch nicht berücksichtigt hat.

    Ich denke, dass ist genau, was Leute so aus dem Harnisch bringt, dass es dir offenbar so wichtig ist, dich als „bessere“ Weiße darzustellen und dafür verwendest du medienwirksam ein wichtiges Buch zum Thema und wirst ziemlich persönlich. Ich denke, dass du der Diskussion da einen Bärendienst erwiesen hast, nicht das Kapitel in Noah Sows Buch.

    Ich habe beim Lesen des Buchs von Noah Sow mich auch gefragt, wer ist der/die Adressat*in. Es ist ein Einstiegsbuch und es ist sehr geeignet für Leute, die sich möglicherweise noch nie mit dem Thema auseinander gesetzt haben. Und auch wenn das in deinen Kreisen möglicherweise anders ist, kann ich dir versichern, dass es genug Leute gibt, die von diesem Buch sehr profitieren würden. (Gehört für mich in jede Schulbibliothek, statt der ganze Müll der INSM oder von Bertelsmann).

    Sie kommt wütend rüber und nicht so pädagogisch? Finde ich sehr okay, allein die Vorstellung, was ihr tagtäglich (siehe Kapitel Ein Tag unter weißen) begegnet, macht mich auch wütend. Ah, du bist nicht die Person, weswegen Noah Sow wütend sein müsste (von wegen Generalverdacht)? Vielleicht solltest du die Dokus über Jane Elliots Arbeit noch mal anschauen. Irgendwie habe ich den Eindruck,dass dir da was entgangen ist.

    • „Ich denke, dass ist genau, was Leute so aus dem Harnisch bringt, dass es dir offenbar so wichtig ist, dich als „bessere“ Weiße darzustellen und dafür verwendest du medienwirksam ein wichtiges Buch zum Thema und wirst ziemlich persönlich.“

      ehrlich gesagt – es gibt sicherlich 1.000 theorien warum ich scheiße bin. ganz klar. deine vereinfachte deutung „kadda sah elliot und jetzt denkt sie, sie sei gut“ – ist deine sicht. hab ich so vereinfacht nicht behauptet (aber gut, kann man so verstehen). ich hab nicht nur diesen film gesehen – in allererster linie habe ich als kind massive mobbing-erfahrung gemacht aufgrund meiner herkunft (die aus der DDR), und zwar über jahre hinweg. und zum anderen habe ich mich insgesamt sehr intensiv mit den fragen auseinandergesetzt, warum nationalismus/faschismus/rassismus/… und so weiter es immer wieder so einfach haben.

      aber das interessiert dich sicher alles nicht weiter, weil deine meinung feststeht. deswegen widme ich mich jetzt lieber wieder *ernsthaften* auseinandersetzungen. also auseinandersetzungen, bei denen sich gegenseitig ernst genommen wird. vielleicht ist dir ja entgangen, dass ich noah sow kritisiere – ja – aber ich nehme sie absolut ernst und finde sie auch sehr wichtig.

      chereo

      • Mal völlig fernab vom jeweils Gesagten/Gemeinten:

        Nicht jeder Mensch kommt mit Kritik gut klar. Tja, und das, was sich daraus ergibt, ist mitunter kontraproduktiv. Das ist übrigens weit weniger trivial als es zunächst wirkt. Insofern spielt das „Tone“-Argument eben doch eine Rolle, so verständlich man manchen Ton auf finden mag.

        Katrin hat ein alles in allem freundliche Rezension verfasst (lesenswert!) und dabei auch Kritik geäußert. Von Freunden von Noah Sow und anderen wird darauf teils sehr empfindlich reagiert, und sogar behauptet, mit derartiger Kritik werden Sows Ansichten „unhörbar“ gemacht bzw. unterdrückt.

        Das halte ich für gaga, pardon. Katrins Besprechung hat im Gegenteil das Interesse an diesem Buch verstärkt. Auch sollte es imho zum progressiven Selbstverständnis gehören, dass ein Mensch Kritik äußern darf, und zwar auch unabhängig von seiner Sprecherposition.

        Noah Sow berichtet selbst davon, vielfach, dass ihrem Buch und ihren Ansätzen gegenüber viel „Abwehr“ geleistet wird. Ich glaube ihr das. Und ich glaube auch, dass das durchaus auch mit ihrer aggressiven Attitüde zu tun hat – auf die sie zweifellos ein Recht hat.

        Vielleicht ist es mit der aggressiven Attitüde in Sows Buch so, dass es teils nützlich ist. Schließlich ist das Buch ja auch gerade darum unterhaltsam. Auch ist es wohl so, dass manche Menschen eher mit dem Holzhammer zu überzeugen sind. Andererseits gibt es auch schwache Menschen wie mich, die Holzhämmern eher aus dem Wege gehen. Ich persönlich empfinde darüber hinaus den dogmatischen Übereifer von Noah Sow als – jedenfalls teils – als abstoßend. Aber, tatsächlich, das ist halt auch eine Frage des persönlichen Geschmacks. Auch finde ich, dass Frau Sow in ihrem Buch wichtige US-amerikanische Diskurse „importiert“ (etwas doofes Wort, weil Frau Sow ja von finsterstem Rassismus selbst betroffen ist), aber damit nur zum Teil eine gute Übersetzung in die Verhältnisse in Schland betreibt. Wie gesagt: Teils ist es eine gute Übersetzung dieser Ansätze, teils aber auch nicht. So sind beispielsweise die Geschichte der Sklaverei und die deutsche Kolonialgeschichte ja durchaus interessant und wichtig, aber für die Verhältnisse in unserem Land spielen die Geschichten der Migration (und auch: Arbeitsausbeutung) sowie das Erbe des Nationalsozialismus eine deutlich größere Rolle. Ich kann nicht finden, dass Noah Sow in ihrem Buch an dieser Stelle eine gute Gewichtung gefunden hat. Anders wäre es, wenn die „PoC“ bzw. Rassismusbetroffenen in unserem Land im Wesentlichen aus schwarzen Menschen, Latinos und Nachfahren von Sklaven bestünden.

        Andererseits: So berechtigt (oder auch: unberechtigt!) diese Kritik sein mag, sie ergibt wohl keinen Sinn, weil die Adressaten/innen dieser Kritik sich darauf nicht einlassen werden.

        Das mag mensch jetzt vorausschauend „Abwehr“ nennen. Nur, irgendwie landen wir dann früher in einem Diskussionsklima persönlicher Vorwürfe und Anwürfe („Abwehr“, „Rollback“, „Neoliberal“, „Klassizismus negierend“, „kritikunfähig“ usw.) – und eben nicht dort, wo ein Dialog Menschen weiter bringt.

        Das ist auch einer der Gründe dafür, warum ich den Begriff des „strukturellen Rassismus“ für sogar deutlich gewinnbringender halte als die Terminologie von Hardcore-CW-Vertreter_innen in D.

        • By the way, ich habe ja eh meine schwierigkeiten mit dem Begriff „Klassismus“ (ich verorte mich immer noch recht eindeutig in einer Klassenkampf-Perspektive und gehe nicht davon aus, dass mensch neben „Sexismus“ und „Rassismus“ „Klassismus“ als weiteren Begrif einfach mal so danebenstellen kann, sondern halte das Geschehen da für so komplex, dass dem teilweise mit anderen Begrifflichkeiten beizukommen ist, zumal der Begriff des „Klassismus“ dann auch noch vielfach falsch gebraucht wird(), aber: „Klassizismus“ ist eine Stilrichtung in der Kunst des 18. und 19. Jahrhunderts-)

          • Okay, mein Vertun. Klassismus wollte ich latürnich sagen. Vielleicht ist aber die ungewollt formulierte Idee, Klassizismus zu negieren, sogar eine gute. ;-)

            Ich denke zwar ähnlich wie du, dass man mit Begriffen wie „triple Opression“ i.d.R. weiter kommt (wobei ich an CWS allerdings sehr schätze, dass damit neue Betrachtungsweisen und Einsichten möglich sind – die sich bei anderen Theorieansätzen eben eher nicht finden), allerdings (so hässlich ist die Welt) gibt es einen Riesenhaufen weiterer, offener und struktureller Diskriminierungen und Vorurteilskomplexe in der Welt, die außerhalb der Begrifflichkeiten von Triple Opression liegen.

            Und dennoch nicht minder real sind.

            Eine Gefahr dieser theoretischen Ansätze sehe ich darin, dass hinter den Oberbegriffen das genaue Hinschauen und Hinterfragen politischer Problemkkomplexe (z.B. welche Gruppen üben auf welche Weise Macht aus, welche Gruppen sind wie stark von Diskriminierung und gesellschaftlichen Ausschlauss betroffen) eher verdecken, mithin Scheinerklärungen generieren und Scheinzusammenhänge konstruieren.

            Ganz konkret: Die Situation von Geflüchteten ist in unserem Land weit überwiegend ziemlich beschissen. Da kann ein deutscher, vollintegrierter „People of Colour“ noch so sehr auf seinen Diskrimnierungsstatus bestehen – an dieses Elend reicht er/sie kaum heran.

            Und hör mir auf mit „Opression Olympics“ etc! Denn das ist es, worauf es wirklich ankommt: Das genaue Hinsehen.

  7. Da hier nun über Adressaten des Buches gesprochen wird und weiter oben schonmal erwähnt wurde, dass auch PoC nicht davor gefeit sind Rassismen zu reproduzieren möchte ich diese beiden Fäden einmal verknüpfen.
    Der Gedanke geht auf eine Diskussion über Rassismus zurück, die ich mit meiner Mutter geführt habe, der ich Noah Sows Buch leihen werde, sobald ich es aushabe. Ich bin mal gespannt wie sie es findet… Da habe ich nämlich gesagt, wofür kämperische Aussagen, wie z.B. die eines Balotelli: „Wenn jemand eine Banane nach mir wirft, werde ich in den Knast gehen, denn dann töte ich ihn“ GUT sind:

    Damit PoC selbst mitbekommen: Ich darf wütend sein! Ich darf mich wehren!

    Und das gilt für das Buch natürlich auch, darüber hinaus ist es auch für andere Marginalisierte oft ein guter Anstoss, nicht immer über sich selbst nachzugrübeln, sondern den Spot mal auf die Privilegierten zu richten. Soweit ich das mitbekommen habe ist dieser Aspekt noch überhaupt nicht erwähnt worden.

    @Dean

    Was das Argument angeht, die Rezi habe das Interesse an dem Buch verstärkt. Ja, das stimmt.(Ich bin jetzt wieder bei weißen LeserInnen). Aber sie färbt auch die Erwartungshaltung ein. Nämlich in „da kriege ich was drüber, da wirds unbequem, ist aber gar nicht so schlimm, Katrin hat ja auch schon geschrieben, das is alles n bischen übertrieben, ich muss mir also gar nicht jeden Schuh anziehen, puuh, Glück gehabt“
    Um in der Metapher zu bleiben und ein bisschen böse zu werden: Die Rezi fäbt die Erwartungshaltung „weiß“. ;-)

    • Jede Rezi prägt Erwartungshaltungen – das liegt in der Natur der Sache und ist auch völlig in Ordnung so, jedenfalls, wenn die Rezi einigermaßen fair und ausgewogen bleibt. Das genau aber war imho der Fall, so sehr einzelne Teile dieser Rezi kritikwürdig sind. Aber, nun, insgesamt war die Rezi wohlwollend und fordert die Leser_innen auf: „Lest das Buch“.

      Nun wird vielleicht ein einzelnes Kapitel von Rezi-Leser_innen jetzt genauer in Betracht genommen, z.B. mit der Fragstellung „ist es wirklich so, wie Katrin geschrieben hat?“. Aber hey! Die gute Nachricht lautet: Leser/innen haben ein eigenes Denkvermögen!

      Wenn Katrins Kritik so völlig abseitig ist, wie manche glauben, dann wird diese Kritik wohl kaum irgendetwas bewirken. Im Übrigen bin ich ein großer Freund des kritischen Denkvermögens – und insofern finde ich Buchkritiken besser, welche nicht vorbehaltlos jubeln.

      Das hat schon in der DDR nicht geklappt. ;-)

      • hehe – dass in der DDR gelernte Vorsicht hier eine Rolle spielt, den Eindruck hab ich auch manchmal.

        danke jedenfalls für die wohlwollende Rezeption.

        dass andere so heftig reagierten erkläre ich mir auch ein klein wenig mit dadurch: einen Tag nach meiner Kolumne veröffentlichte Nadine Lantzsch in ihrem Blog einen Text, der es in sich hatte. Sie unterstellt darin mir und anderen, eine Hetzkampagne gegen sie zu führen. ich habe selten einen Text im Bezug auf mich gelesen, der so klar den Kriterien einer Verleumdung entsprach.

        alle Kritiken an meiner Kolumne erschienen danach. da sind einfach echt die Hemmungen gepurzelt.

        da sieht eins dann auch recht gut, wie leicht man gewisse Dinge instrumentalisieren kann. viele Menschen haben in Bezug auf die Debatte „Knöpfchen“, die man nur geschickt zu drücken wissen muss.

        lG
        Kadda

  8. Ich finde es sprachlich sehr gut umgesetzt: alle weißen Deutschen in einen Topf zu werfen, denn das machen weiße Deutsche mit Schwarzen Deutschen genauso (ob mit Absicht oder nicht spielt keine Rolle).

    Dieses Buch hilft sehr viel, weil weiße sich selbst erstmal darüber bewusst werden müssen, dass ihr weißsein sie priviligiert – auch dann wenn sie Frauen sind und vielleicht weniger priviligiert sind als weiße deutsche reiche Männer. Trotzdem immer noch priviligiert, gerade was Definition betrifft. (Hier gilt immerhin immernoch: Wenn eine Gruppe sich durch etwas diskriminiert fühlt, sollten alle anderen dieses Verhalten oder diese Begriffe unterbinden. Egal was – in dem Fall – weiße darüber denken oder dazu finden. Lasst es einfach!)

    Dieses Buch ist sehr gut und wichtig für alle Menschen, die sich ernsthaft mit dem Thema auseinandersetzen wollen, um dagegen anzukämpfen und nicht nur bei „ich bin nicht rassistisch. ich bin doch links.“ stehenbleiben (nur weil weiße Deutsche auf antifaschistischen Demonstrationen laufen sind sie nicht gleich keine Rassist_innen). Rassismus steckt in allen weißen Köpfen und den zu erkennen und zu benennnen kann erst zu einer Änderung führen.

    • „Wenn eine Gruppe sich durch etwas diskriminiert fühlt, sollten alle anderen dieses Verhalten oder diese Begriffe unterbinden.“

      aber wenn weiße sich durch etwas diskriminiert fühlen, trifft das wohl nicht zu, oder was?

      • Nein! Weil die die Privilegierten sind, was sich auch durch ein paar unbequeme Sätze in einem Buch nicht ändert!

        Für den Spruch gilt, genau wie für das Post von mh:
        Ihr habt CW nicht ansatzweise begriffen. Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal…..

        • liebeR futurewin,
          hier dürfen alle mitdiskutieren und ob die beiden keine Ahnung haben, das kannst du wohl nicht wissen. vielleicht haben sie einfach nur ne andere Definition oder einen anderen Umgang mit dem Privilegienbegriff. wie auch immer: mund verbieten is hier nich.
          thx

          • Ich entschuldige mich für den Ausraster. Das war unsachlich.

            Aber die beiden Posts zeigen in einem Maße genau das auf, was Sow beschreibt, dass ich mich fragen muss, ob CW verstanden wurde.

            Unterstellung der Diskriminierung von Weißen ist doch sowas wie Maskulinismus, da muss doch das existierende Machtgefüge mitgedacht werden.

            Und bei „critical redness etc.“ lese ich schon raus, dass die Solidarisierung von Menschen mit Diskriminierungserfahrung, auf die der Begriff PoC zielt, möglicherweise nicht verstanden wurde. Vielleicht mal zum Unwort „Yellowness“: Klar mag es auch unter Japanern (Stichwort Gaijin) Nationalchauvinismen geben, die Rassismen ähneln oder ihnen entsprechen, aber auch in Asien wirkt ein White Supremacy, wie man an der Verbreitung von Hautbleichmitteln z.B. in Thailand sieht. Da gibt es zahlreiche Geschädigte von Billigbleichmitteln.

          • Japan und Thailand in einen Topf zu werfen ist allerdings schon ein bisschen undifferenziert und dieses „alles Asiaten“ gerade in einer Rassismusdiskussion… schwierig.

          • es gibt auch eine menge geschädigte von teuren hautbleichemitteln, weil die produkte per se etwas tun, was nicht wirklich getan werden sollte.

            das ändert nur nichts an der fähigkeit des menschen zur intoleranz gegen dinge seiner wahl. und die ist bereits in unserer sprache veranlagt. hannah arendt:

            „sobald wir versuchen zu sagen, wer jemand ist, beginnen wir eigenschaften zu beschreiben, die dieser jemand mit anderen teilt und ihm gerade nicht in seiner einmaligkeit zugehören.“

            oder simpel formuliert: es ist sprachlich schon gar nicht möglich, die einmaligkeit des individuums zu beschreiben. daraus folgt, dass jede beschreibung eines menschen eine kategorisierung bedeutet. -> abgrenzungsverhalten ist wiederum die logische reaktion des individuums auf eine sprachliche, sprich kategorisierte, welt.

            kategorisierung kann also auch nur kategorisierung reproduzieren. je mehr kategorisiert wird, je kleinteiliger wird die kategorisierung.

            ja ich denke auch, dass wir uns darüber unterhalten sollten wer überhaupt etwas verstanden hat.

            mfg
            mh

        • „Nein! Weil die die Privilegierten sind, was sich auch durch ein paar unbequeme Sätze in einem Buch nicht ändert!“

          futuretwin, dann hättest du deine Aussage anders formulieren müssen. Z.B. so:

          Wenn eine Gruppe, deren Status als Nichtprivilegierte wir uns zu definieren erlaubt haben, sich durch etwas diskriminiert fühlt, sollten alle anderen dieses Verhalten oder diese Begriffe unterbinden. Das fordern wir stellvertretend als Sprecher für die von uns als nichtprivilegiert Definierten. Gruppen, die wir als privilegiert definieren, genießen diesen Vorteil nicht, denn die haben bereits genug Privilegien. So haben wir beispielsweise das Privileg zu denifinieren, wer privilegiert ist. Und das reflektieren wir auch nicht. Es ist einfach so.
          Nun haben zwar die Nichtprivilegierten durch unsere Definition ein von uns zugesprochenes Privileg, wären also Privilegierte, und laut Privilegientheorie wäre dies genau genommen zu reflektieren, aber wir erlauben uns, an dieser Stelle die Privilegientheorie erneut nach unserem Gutdünken zu definieren. Um es ganz deutlich zu sagen: Wer hier die Schnauze zu halten hat, bestimmen wir.

          Gut, da hättest du einiges mehr an Schreibarbeit gehabt.

          • @ Futuretwin

            Ich verstehe schon, dass du etwas verärgert reagierst, wenn – zumeist reichlich unqualifiziert – von „critical redness“ u.ä. geschrieben wird. Das spricht imho tatsächlich dafür, dass Grundkonzepte von CWS noch nicht rezipiert, geschweige denn verstanden wurden.

            Allerdings frage ich mich schon seit längerer Zeit, ob Noah Sow (die ja offenkundig bei der Mädchenmannschaft große Anhängerinnen hat) CWS wirklich verstanden hat. Ganz ernsthaft, und sorry dafür. Das macht noch nicht alles falsch, was N.Sow so schreibt/sagt/predigt, gewiss nicht, aber mir kommt sie bislang nur so vor, als ob sie im Wesentlichen das dogmatische „Racism 101“ ins Deutsche übersetzt, weiter radikalisiert und mit eigenen Erfahrungen anreichert.

            Darüber hinaus, die Fähigkeit zur Selbstkritik scheint ihr und ihren Anhänger_innen doch ziemlich grundsätzlich abzugehen. Die eigenen Ansichten werden als unumstößliche Wahrheiten verkündet.

            Ähem.

            Ernsthaft, es fällt mir zunehmend schwer sie als politische Aktivistin überhaupt noch für voll zu nehmen. Ich mag einfach keine Dogmatiker_innen auf Aggrokurs mit eingebauter Wahrheitsgarantie. Ich verstehe nicht, warum sie ihre mitunter sehr speziellen und teils sogar völlig übergeschnappten politischen Ansichten (Beispiel: Weisse dürfen keine Rap-Musik oder Soul machen, weil das schwarze Musiker berauben würde usw. usf.) derart unnachgiebig und verhärtet vertritt. Ich verstehe das nicht. Denn ich weiß, dass sie in anderen Gebieten, eigentlich sogar generell, eine ziemlich coole und umgängliche Person ist. Andererseits denke ich, dass sie als schwarze und prinzipiell sehr fähige/begabte nonkonformistische Frau wirklich ganz besonders viele negative Erfahrungen mit Rassismus gemacht hat. Davon auch, leider, extrem finstere.

            (Ziemlich beschissen ist, und zwar nach wie vor: Als schwarzer Mensch bist du in Schland deutlich häufiger von Diskriminierung, Rassismus und gewalttätigen Übergriffen betroffen als praktisch alle anderen gesellschaftlichen Gruppen)

            Das weist übrigens auch auf eine fundamentales Problem von CWS hin: Es lohnt sich genau hinzusehen und zwischen den verschiedenen Betroffenengruppen genau zu differenzieren – eben weil sich der rassistische Alltag von Gruppe zu Gruppe sehr stark unterscheidet. Ein einheitliches Label „Weiß“ versus „People of Colour“ verdeckt hier imho mehr, als es aufdeckt.

            Wie auch immer. Mein Problem ist ist gewiss nicht Noah Sow, so wenig ich ihr an verschiedenen Punkten folgen kann/mag, mein Problem sind mehr die überaus weißen/i> und autoritär auftretenden deutschen Verkünder der Schwundformen von CWS.

            Das, was diese Leute innerhalb der Linken (und noch absurder: innerhalb von AntiRa-Zusammenhängen) veranstalten, ist nämlich unsolidarisch.

          • @john dean: der punkt mit der critical redness war genau der, den du nun selbst an noah sow kritisierst .. nur dass ich an dieser stelle die frage danach, ob sie das konzept richtig verstanden hat, für irrelevant halte, denn:

            schaut man aus der vogelperspektive auf deutschland, dann ist der offensichtliche eindruck, dass menschen wie noah sow die strukturellen benachteiligten unserer gesellschaft sind.

            verlässt man jedoch diese gesamtperspektive und zoomt in das milieu rein, in dem sie sich befindet, dann sieht es komplett anders aus .. denn ihre interpretation der theorie führt zu einer machtposition innerhalb ihres sozialen umfelds.

            die frage ist also weniger, ob sie die theorie in deinem sinne verstanden hat, sondern wie sie diese theorie im einzelfall für sich verwendet. das der diskurs darüber, mit dem ausschluss der möglichkeit dessen was passiert, verhindert wird, offenbart dann auch die zielsetzung.

            es geht nämlich eben nicht um CW als theorie sondern um persönliches wohlbefinden, ersatzhandlungen, machtmissbrauch.

            das muss ich als theorie-auslegung von CW nicht ernst nehmen, es ist aber auch nicht CW als theorie.

            mfg
            mh

          • Wobei ich allerdings glaube, erstens, die „Machtposition“ von ihr bzw. ihre Autorität in ihren Kreisen ist durchaus auch kompetenzbedingt zustande gekommen, zweitens, die autoritäre Präsentation ihrer Denkanstöße bzw. politischen Positionen ist bei ihr auch eine Art „Vorne-Verteidigung“.

            Ob das politisch klug ist, das ist die eine Frage, aber ob es persönlich sogar sehr verständlich ist, noch eine andere. Nun, und obwohl ich ihr Buch noch viel gründlicher kritisieren würde als Katrin (z.B. auch mit dem Vorwurf, sie arbeitet deutlich zu viel mit Unterstellungen),- auch ich glaube:

            Noah Sows Buch ist lesenswert.

          • Das mit den Knöpfchen ist in der Tat signifikant. Da werden vorkonditionierte Reaktionen abgerufen, bedingte Reflexe wie bei pawlowschen Hunden.

          • Nach meinem Geschmack ist in diesen ganzen Kontexten entschieden zu häufig davon die Rede wer die Schnauze zu halten hätte.Läuft alles ziemlich auf Zensur hinaus.

          • Wie solche konditionierten Reflexe funktionieren zeigte sich zum Beispiel am Bruch von Momorulez mit Che und mir. Zu den verschiedenen Auslösern gehörte da ein Kommentar von mir auf dem Cheblog, in dem ich darauf hinwies, dass in einem feministischen Zusammenhang in dem ich mal aktiv war Lesben sehr eindeutig dominierende Rollen innhatten, und zwar gerade aufgrund ihrer Marginalisierung, quasi als natürliche Avantgarde der Frauenbewegung, und dass die ihre Dominanz auch ausspielten. Darauf kam dann als Reaktion, ich sei ideologisch ins Lager der Neuen Rechten gerückt, PI-mäßig drauf und so weiter. Die Möglichkeit, dass ich auf etwas völlig Anderes hinauswollte als eine allgemein homophobe Hetze wurde gar nicht erst eingeräumt. Und damit eine Binnenwahrnehmung aus feministischen subkulturellen Lebenswelten nicht nur ignoriert, sondern die Legitimität abgesprochen sie äußern zu dürfen.

          • @ netbitch, wie Reflexe aussehen, dass kannst du wunderbar an dem Text von Frau Rönicke ablesen. süfisant-belustigt über die da unten auf jeden Fall aber aus Vogelperspektieve zu räsonieren, dafür lese ich die Kolummne in FAZ – da nur intelligent-trickreich gemacht, oft so, dass du gar nicht weißt, ob nicht das genaue Getenteil gemeint ist, und auf diese Weise lehrreich. Es ist die Perspektive, in die sich Hans Castorp im „Zauberberg“ hineinphantasiert: er sitzt dann allein auf einer Bank, und nennt das „herrschen“ – falls du den mal gelesen haben solltest. Vielleicht wollte sie auch mal bildunhsbürgerlich klingen. Welch billiger und – gähn – langweiliger Reflex.

            Leider ist im Feuilleton so etwas nicht mehr zu lesen: einfach mal weg von allem und sich aus der Vogelperspektive über alles und jeden, hoffentlich gut geschrieben, lusig machen, mit ironisch-süffisanter Pointe, nach dem Motto: eigentlich alles umsont, könnte auch alles anders sein. Und eigentlich habe ich nichts zu sagen. Letzteres hier: „Es genügt nicht, keine Gedanken zu haben: man muss ihn auch ausdrücken können.“

            Zum Thema Rassismus ist das aber einfach unanständig. Den Vogel schießt sie aber ab, wenn sie „gelernt“ haben will, dass „Rasse“ kein wissenschaftlicher Begriff sei! Soll das ein Witz sein ?? Das weiß doch jeder, der – oder die – sich einmal ansatzweise mit Weisen naturwissenschaftlicher Erkenntnis beschäftigt hat. Angenommen, dieser Begriff wäre z.B. in der Biologie etabliert, dann wäre an dieser Stelle Ende, es wäre eine Sackgasse, es ließe sich nichts mehr weiterforschen, eine Situation, vor der jeder neugierige, von Forschergeist beseelte Wissenschaftler panikhaft reisausnimmt, es ließen sich keine neuen Erkenntnisse mehr gewinnen, – es sei denn, der Begriff würde wieder aufgelöst werden. Und genau so ist es ja in der Anthropologie geschehen.

            So ´n bisschen von der privaten Perspektive berichten, wie bekannt aus Frauenzeitschriften, nur dass das dann selbstironisch zu geschehen hat, was die Autorin offenbar nicht begriffen hat, ein bisschen herumlamentieren … So aber muss die Autorin es hinnehmen, dass sie beim Wort genommen wird; das bedeutet aber, dass sie sich den Vorwurf gefallen lassen muss, dass sie ihren Gegenstand nicht ernst nimmt, eigentlich nicht respektiert. Sich selbstironisch solchen bildungsbürgerlich-feisten Wohfülreflexen hinzugeben ginge ja noch an, und könnte sich unter Umständen lesen lassen. So aber, derart unreflektiert vor sich hinzubramarbasieren, ist es einfach öde – und überdeckt nur mühsam wie unanständig das ist.

  9. Was mich so irritiert:

    1. Noah Sow sagt ganz klar, sie möchte auch provozieren und zum diskutieren bringen.
    Diejenigen, die nun Katrins Rezension angreifen, und ihr vorwerfen, Sowas Ansichten „unhörbar“ zu machen bzw. zu unterdrücken, ersticken doch jede vom Buch angeregte Diskussion. Das ist kontraproduktiv.

    In der härtesten Form verdichtet sich die Aussage der KritikerInnen auf: „Weil Noah Sow eine PoC ist und du nicht, darfst du sie nicht in dieser Weise kritisieren, denn damit reproduzierst du Rassismen“

    2. Umgang mit Überspitzungen: Mit der Aussage „Ich denke immer noch, dass ich keine Rassistin bin“ greift Katrin eine Schwäche von Sows Buch auf: Die fehlende Differenzierung zwischen Rassisten und Menschen, die mit rassistischem Gedankengut aufwachsen, in einer privilegierten Umgebung, die aufgrund ihres Weißseins privilegiert sind – diese Menschen reproduzieren Rassismus und verhalten sich auch (ggf.) rassistisch.
    Diese Kritik an Sow kann ich nachvollziehen.
    3. die Ich-Form
    Die Freitag-Kolumnen, die ich verfolgt habe, sind alle in ich-Form geschrieben. Das ist m.E. ein literarisches Stilmittel. Wo bleibt dann in der Reaktion auf den Text die Differenzierung zwischen Person und Autoren-Ich?
    Die Angriffe, die ich gelesen habe, greifen die Autorin persönlich als Mensch an, werfen ihr menschliche Schwäche und ARroganz vor und stellen sich nicht der Tatsache, dass es sich hier auch mal schlicht um ein literarisches Stilmittel handeln kann.
    Die KritikerInnen gehen davon aus, dass die Autorin hier eine Selbstaussage trifft und greifen ihre Persönlichkeitsreflexion an? ah ja.

    • @fujolan: ich habe den Punkt 1 hoffentlich richtig verstanden. Denn dann stimme ich Dir zu.
      Ich hatte ich nach meiner ersten (negativ geprägten) Begegnung mit CW gefreut, dass Rassismus wieder so offen und motiviert „diskutiert“ wird. CW hatte es anscheinend geschafft, mit ihrem Tonfall das Thema als „sehr“ wichtig zu markieren. Soweit so gut.

      Inzwischen habe ich das Gefühl, dass hier die Geschichte zu Ende sein soll. Ich werde jetzt aufgefordert, aufzuhören zu diskutieren. Weil jede Diskussion Derailing und white-whining sei.Jede noch so wohlwollende Frage nach Erklärung der CWTheorie wird als Angriff gewertet. (Ich habe keinen Modus der Diskussion über CW gefunden, der nicht dazu führte, dass ich mich beschimpfen lassen muss.)
      Es ist ein Dilemma:
      auf der einen Seite Aktivist_innen, die nicht zum hundertsten Mal für sie lange bekannte und selbstverständliche Regeln zum „tone“-argument oder „situativer“ Privilegierung erklären wollen
      auf der anderen Seite Leute, die von sowas entweder noch nichts wussten, oder es nicht verstanden hatten, oder (noch) nicht einverstanden sind.
      Und dass man eigentlich die gleiche Motivation auf beiden Seiten hat, nämlich Anti-Rassismus, hilft nichts. Denn jede Diskussion, um die beiden Seiten anzunähern befände sich unvermeidlich in der Tradition und Reproduktion von Derailing und white-whining.
      Für mich ist das auf eine negative Art faszinierend, wie zwei Positionen, die in der Alltagspraxis die gleichen Ziele haben, sich gegenseitig so angiften können.

      Das schlimmste ist: ich verstehe die Haltungen BEIDER Seiten eigentlich. Ich finds nur schrecklich tragisch.

      • „Für mich ist das auf eine negative Art faszinierend, wie zwei Positionen, die in der Alltagspraxis die gleichen Ziele haben …“

        Haben sie nicht. Es scheint nur so. Mit gleichen Zielen wären diese Konflikte nicht möglich.

        • Es stimmt beides nicht. Weder haben beide Positionen die exakt gleichen Ziele noch verfolgen sie diese mit der gleichen Methodik. Und das ist der berechtigte Grund, warum sie so aufeinander losgehen

      • ja Sorim, so wie du es darstellst, habe ich es auch in etwa sagen wollen.
        Vielleicht ist es ja aber auch gewollt, dass andere nicht mitdiskutieren. Dann aber wäre es eine Position, die ich nicht bereit bin mitdzutragen.

        Und halt auch:
        Bei allem Verständnis für die Diskursmächtigen in CW wirkt es ausschließend, neue (weiße) nicht mitzunehmen

      • Autoritarismus kommt in den unterschiedlichsten Geschmackssorten vor. Offenkundig eignet sich die Anwendung von CW, besonders in einer dogmatisierten unterkomplexen Form, dazu bestens.

        Diese ganzen Manipulativbegrifflichkeiten wie „Derailing“, „white Whining“, „Abwehr“, „Erklärbär“, „Rollback“ usw. usf. sind im Grunde genommen eine feindselige Pädagogik, bei der die Nichtanhänger (bzw. Nochnichtvollüberzeugten) bestimmter Ansichten in pädagogische Objekte verwandelt werden – oder gar als Feinde bzw. „Rassisten“ behandelt werden.

        Begehst du beispielsweise den Fehler, darauf hinzuweisen, dass nur der geringste Teil schwarzer Menschen in Schland darauf Wert legt, „PoC“ genannt zu werden (was ja nicht ausschließt, diejenigen, welche diese Bezeichnung für sich wählen, ihren Wünschen entsprechend anzureden), bist du bereits auf irgendeine Weise unmöglich.

        Und als ob man es hier vorwiegend mit akademischen Mittelklassekids zu tun hätte, wird das Streiten um Begriffe und Worte mit einem echten antirassistischen Engagement verwechselt, schlimmer noch, hirnlose Streitereien erhalten Vorrang vor allem Übrigen.

        Insbesondere: Antirassismus.

        Man könnte sagen, die Lähmung und Hemmung des antirassistischen Lagers gehört zu den bisherigen „Hauptverdiensten“ der in Diskussionen zumeist militant auftretenden überaus deutschen Anhänger_innen von CW.

        Na, schönen Dank dafür!

  10. ich finde, das passt hier irgendwie ganz gut rein: What’s the matter with (some) white men? – ist ein ganz aktueller Bezug zur Debatte um die Präsidentschaftswahlen in den USA und ich finde den Begriff „Stereotyping“ sollten wir unbedingt mit in die Debatte aufnehmen. Denn ernsthaft: Für mein Gefühl wird hier ein bisschen arg viel mit Stereotypen hantiert und ein bisschen arg zu wenig differenziert (siehe auch Artikel) – was schlimmstenfalls den politischen GegnerInnen in die Hände spielt.

  11. Pingback: Critical Whiteness und das Ausmaß der Sektierereistimmung | Die Welt ist gar nicht so.

  12. @“aber auch in Asien wirkt ein White Supremacy, wie man an der Verbreitung von Hautbleichmitteln z.B. in Thailand sieht.“

    —- Ob das nun damit zusammenhängt, weiß im Sinne von europäisch aussehen zu wollen oder eher mit „vornehmer Blässe“ zu tun hat wäre aber nochmal eine andere Frage, in China puderten sich die feinen Damen schon vor Jahrtausenden weiß,als man dort nicht einmal wusste, dass es Menschen mit weißer Haut gibt. Könnte auch ein Köroerkult-Mode-Phänomen sein wie das bei jüngeren Leuten hierzulande eher neue und US-importierte Entfernen von Körperhaaren. Rassismus ist in Ostasien aber durchaus verbreitet, und zwar mit der eigenen ethnischen Bezugsgruppe im Mittelpunkt. Zumindest teilweise die gleichen chinesischen StudentInnen, die 1989 auf dem Platz des Himmlischen Friedens für Demokratie nach westlichem Vorbild demonstriert hatten hatten 1988 Studiwohnheime gestürmt und schwarzafrikanische Studierende krankenhausreif geschlagen, einfach weil sie schwarz waren.

  13. @netbitch, ich weiß nicht, wieso du diesen Kaffee wieder aufwärmst, und mit Noahs Buch hat das nullkommagarnix zu tun. Es ist unglaublich grottig, was da in der Blogosphäre im Moment für ein Scheissfilm läuft.

  14. @Mark793

    “This is also sometimes described as
    catching more flies with honey than
    with vinegar, a particular variant of
    the tone argument.”

    Kannst mir sagen was daran falsch ist? Ich meine damit nicht die angedeutete Behauptung, das man mit einem bestimmten ‚Ton‘ die Leute wie Fliegen mit Süßigkeiten besser ‚manipulieren‘ kann.
    Sondern die ganz einfache Festellung, das Kommunikation immer auf mehreren Ebenen abläuft, z.B. einer sachlichen und einer emotionalen Beziehungsebene.
    Und wenn es auf der einen Ebene zu Verstimmungen kommt, die andere Ebene auch darunter leidet.

    • @BasementBoi: An dieser ganz einfachen Feststellung ist zunächst mal gar nichts falsch – vor allem, wenn der Dialog auf Augenhöhe stattfindet. Geht es aber um Positionen, die vom gesellschaftlichen Mainstream ohnehin an den Rand gedrückt werden, ist das etwas heikler. So kann das tone argument auch eine Form der Machtausübung sein nach dem Motto: Ich habe es gar nicht nötig, auf Deine Argumente inhaltlich einzugehen, ich sage Dir, Du hast die falsche Tonart gewählt, Punktum. Das ist zwar nicht ganz gleichbedeutend mit „von Dir lass ich mir gar nichts sagen“, geht aber schon in diese Richtung.

      Natürlich sehe ich auch das Dilemma, dass Diagnosen wie tone argument (oder andere gängige Muster aus dem derailing-Katalog) bisweilen recht reflexhaft und holzschnittartig verwendet werden und durchaus auch zum Totschlagargument taugen. Aber wenn das Interesse an einer inhaltlichen Auseinandersetzung auch auf der Sachebene da ist, muss man sich ja nicht abhalten lassen, das kann man dann als Vorgeplänkel abhaken und dann zu den interessanteren Punkten kommen.

  15. @Mark793

    Sach und Beziehungsebene lassen sich aber nicht trennen weil immer auf beiden Ebenen kommuniziert wird. So kann es immer passieren das ein Gesprächsteilnehmer meint, der andere habe sich im Ton vergriffen.
    Es ist auch ein Fehler zu denken alle Killerphrasen würden nur aus Vorsatz benutzt oder um absichtlich Mitmenschen zu schikanieren bzw. Macht auszuüben. Manche Leute sind eben schlichtweg kurzsichtig, dumm oder sehr empfindlich.
    Gerade bei sensiblen Themen wie ‚Rassismus‘ ist es doch abzusehen das viele Menschen Probleme damit haben werden und das man etwas Takt walten lassen muss.

    Und ich denke solche Seiten wie ‚derailing for dummies‘ sind wenig hilfreich weil dort kein konstruktiver Umgang mit Einwänden wie dem tone-argument vermittelt wird. Was wiederum dazu verführt den Gesprächspartner gar nicht mehr ernst zu nehmen.

  16. Pingback: Unterdrückungsmechanismen in emazipatorischen Bewegungen? | drehumdiebolzeningenieur

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