Amanda Todd: Bullying bis in den Tod

Amanda Todd war 15 Jahre alt, als sie sich umbrachte. Sie wurde im Internet gemobbt und daraufhin auch im richtigen Leben. Ein Foto ihrer Brüste wurde auf Facebook gepostet und an alle ihre Freunde geschickt. Das ist der Beginn ihrer Geschichte, die sie selbst in einem Youtube-Video aufgeschrieben auf Karteikarten erzählt. Mehrmals wechselte sie die Schule, doch ihre Peiniger verfolgten sie gnadenlos und schüchterten sie immer weiter ein.

Nun spricht die ganze Welt über Amanda Todd und die Debatte über den Umgang mit Bullying bekommt neues Feuer. Es ist gut, dass es eine Debatte darüber gibt, was man tun kann. Das Video von Downtownpatrol ist ein gute Beispiel für Empowernment. Ihr Youtube-Channel gehört zu einem der coolsten Cheering-up-and-empower Channels, die ich kenne:

[youtube http://www.youtube.com/watch?v=u8etV1VaTZU]

Für die Angestellten des Bundes-Familienministeriums und Angehörige der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag möchte ich noch einmal festhalten: Bullying ist keine Angelegenheit, die im Internet erfunden oder durch dieses entstanden ist. Bullying ist eine uralte und lange gekannte Methode, andere einzuschüchtern. Auch als es das Internet noch nicht in dieser Form gab, wurden Mädchen in ihren Klassen gehänselt und systematisch ausgegrenzt. Auch als weder Facebook, noch E-Mail oder youtube dazu genutzt werden konnten, Bilder oder Verleumdungen über Menschen in die Welt zu setzen, wurde Kinder und Jugendliche durch Bilder und Verleumdungen in den (versuchten) Suizid getrieben. So etwas fand auch in meiner Schulklasse statt – und da hatten längst nicht alle Zugang zum Internet. Zwei Mädchen versuchten, sich umzubringen.

Es gibt kein schrecklicheres Gefühl, als das, alleine zu sein. Alleine gegen eine Front an Hatern, die alle in einen Sturm der Verleumdung und des Hasses ganz groß und ganz stark sind.

Flattr this!

10 commentaires sur “Amanda Todd: Bullying bis in den Tod

  1. Ich habe das jetzt gelesen, und ich habe auch die Berichte in der Süddeutschen und der FR gelesen. Ich habe auch Amanda Todds Youtube-Video mit den Karteikarten gesehen.
    Was sich durch das Internet verändert hat: in eine neue Stadt zu ziehen, hat Amanda nichts geholfen. Häufig hilft eine neue Umgebung, aber die Photos sind ihr anscheinend gefolgt. Andererseits habe ich in einem der Bücher, die ich zum Thema Bullying habe, die Geschichte einer Engländerin gelesen, der ein Schulwechsel ebenfalls nicht geholfen hat, und zwar vor den Zeiten von Facebook und so. Wenn an den Schulen eine Mobbing-Atmosphäre ist, werden die Bullys schnell merken, wer ein leichtes Opfer ist. Wer neu ist, ist sowieso gefährdet, und wer eine Mobbing-Erfahrung hinter sich hat, ist doppelt gefährdet, weil er oder sie unsicher wirkt. Es gibt natürlich auch normale Menschen, die auf Unsicherheit nicht mit Bullying reagieren: Wenn man Glück hat, kommt man in eine Klasse, in der keine Bullys sind, und dann wird alles normal.

    Die Photos waren m.E. nur der Anlass des Bullying. Die Mitschüler hätten auch anders auf diese Photos reagieren können. Sie hätten Amanda in Schutz nehmen können. Jemand hätte ihr den Tipp geben können, zu sagen, das Photo sei gar nicht von ihr, und dann hätten sich die Menschen um sie herum entschließen können, das auch zu glauben und weiter zu verbreiten. Es wäre m.E. ein Fehler, die Probleme alle auf den Erpresser zu schieben.

    Was ich in diesen Geschichten völlig vermisse, sind ein paar Worte über die Rolle der Lehrer. Die meisten Bücher über Schoolyard-Bullying, die ich gelesen habe, richten sich an Lehrer, und sie stellen verschiedene Methoden dar, mit dem Bullying umzugehen. Es gibt noch keinen Königsweg, aber verschiedene Konzepte. (Wir dürfen ja nicht vergessen, dass die Bullys wahrscheinlich ungefähr gleichaltrig wie Amanda waren. Möglicherweise wären sie noch nicht einmal strafmündig. Es wären die Lehrer, die etwas unternehmen müssten.)

    • die Links zur FR und SZ müsstest du nochmal posten, da ging was mit der formattierung schief und ich habe das gerade korrigiert.
      ich habe gerade meine eigene Bullying-Geschichte (für mich) aufgeschrieben und ja: es sind die Mitschülerinnen (in meinem Fall lief das immer nur zwischen Mädels) und nicht irgendwelchen externen Erpresser, die das Problem sind.

      Es ist irgendwie so gewesen bei meinen Mitschülerinnen: Vier mal gab es „Kampagnen“ des Ausschlusses gegen Mädchen – eine davon traf eben mich (und den Wunsch, sich umbringen zu wollen, den kenne ich sehr gut). Vier Mal! und immer gegen eine andere. Und immer wurden Lügen in die Welt gesetzt und Geschichten erfunden. Und immer stand die Betreffende dann alleine da. Das alleine dastehen – das ist das, was ich auch am eindrücklichsten bei Amandas Video fand – das ist das schlimmste an der Sache. Und mir rettete damals eine Brieffreundin das Leben, die ich besuchte und die mir mit Komplettannahme begegnete und meine Integrität dadurch beschützen konnte…

  2. Ich hatte schlicht und ergreifend vergessen, die Links einzufügen.

    Süddeutsche: Der angekündigte Tod der Amanda Todd
    Frankfurter Rundschau: Der ungerechte Tod von Amanda Todd

    Laut den Büchern, die ich gelesen habe, läuft Bullying typischerweise jeweils innerhalb der Geschlechter ab, also Mädchen mobben Mädchen und Jungen mobben Jungen. Hin und wieder kommt es auch vor, dass Mädchen von Jungen gemobbt werden (das war bei mir der Fall), aber ganz selten werden Jungen von Mädchen gemobbt.

    Ich hatte zum Glück eine Clique von Mädchen, die zu mir stand. Einem Jungen ging es schlechter als mir. Auf Klassenfahrten, wenn Zeit zur freien Verfügung war, lief er allein los, was eigentlich aus aufsichtsrechtlichen Gründen problematisch war. Die Lehrer haben es gesehen und nichts unternommen.

    Ja, ich denke, die Rolle der Lehrer wird bei Amanda Todd überhaupt nicht erwähnt. Was mich auch interessieren würde: die Rolle der Eltern der Täter. Mein Verdacht ist, dass sie häufig das Verhalten ihrer Kinder mehr oder weniger offen unterstützen.

    Ich glaube, die Inhalte des Mobbing sind austauschbar. Ich habe vor kurzem einen Artikel über Slut-Shaming gefunden: ‚Slut‘: Gender Policing As Bullying Ritual. Ich habe versucht, den Originalartikel zu finden, aber die Universität hier hat keine Lizenz für die Zeitschrift. Ich bin mir aber noch nicht sicher, was ich von dem Artikel halte.

    • liebe Susanna,

      ich denke auch, dass Eltern eine Verantwortung tragen. und LehrerInnen ganz bestimmt auch – aber in der momentanen Ausrichtung und Organisation des Schulsystems ist es wiederum schwierig, LehrerInnen da jetzt die Verantwortung aufzubinden. im Grunde haben sie ohnehin zu viel davon. für alle möglichen Dinge, für die sie auch gar nicht ausgebildet wurden.

      da muss man an der Ausbilung der LehrerInnen etwas ändern, aber vor allem viel diversere Rollen an die Schule holen (Psychologen, Sozialarbeiter), die mit den LehrerInnen verzahnt werden.

      das mit dem Mobbing innerhalb des eigenen Geschlechts stimmt vermutlich.

      wenn ich in der Uni bin heute, schau ich mal, ob wir da Zugriff haben. mich interessiert das auch sehr.

  3. Es ist tatsächlich ein Problem, dass Lehrer für viele Dinge zuständig sind, für die sie nicht ausgebildet wurden – oder vielleicht sollte ich es umgekehrt sagen: Dass sie für viele Dinge nicht ausgebildet werden, für die sie zuständig sind. (In meiner eigenen Ausbildung zur Lehrerin habe ich überhaupt nichts davon erfahren, möglicherweise, weil ich an keinem Seminar „Schule und Gewalt“ teilnahm, möglicherweise weil ich unter Gewalt nur körperliche Gewalt in Extremformen verstand, nicht die alltäglichen Sticheleien. Ich musste erst lernen, dass diese alltäglichen Sticheleien, wenn sie sich immer gegen dieselbe Person richten, als Mobbing gewertet werden, das zerstörerische Auswirkungen hat.)

    Ich meine, wenn wir diese Verantwortung nicht den Lehrern aufbürden, machen wir Mobbing zu einem Naturereignis. Die Kinder sind nämlich noch zu jung, um Verantwortung zu tragen. (Damit meine ich nun nicht, dass Lehrer auf Facebook nachsehen sollen, was ihre Schützlinge da alles so treiben. Sie sollten aber erst einmal klar stellen, dass Kinder, die gemobbt werden, sie um Hilfe bitten dürfen, und dass sie dann etwas unternehmen werden, und dass sie dann Ahnung haben, was sie unternehmen können, ohne dass sie die Situation der betroffenen Kinder verschlimmern.

    Dies ist jetzt nicht nur meine persönliche Meinung, sondern auch das, was zur Zeit Stand der Forschung ist. Wenn ich in die pädagogische Abteilung der großen Buchhandlung in Hannover gehe, finde ich ein ganzes Regalbrett zum Thema Mobbing, und die meisten Bücher richten sich an Lehrer. Es ist natürlich gut, wenn es auch Sozialarbeiter und Beratungslehrer gibt, die die Lehrer unterstützen, und es gibt auch Menschen, die Projekte zum Thema machen und Projekte durchführen. (Und die Direktion muss natürlich auch verantwortlich fühlen.)

    • da stimme ich dir schon zu, da sollten im zweifel auch lehrer kompetent sein. wobei ich diese notwenigkeit vor allem in der grundschule sehe.
      bei den mittel- und oberstufen sehe ich das anders: da „verbietet“ sich oft ja geradezu ein verbünden mit egal welchen lehrerInnen und ich glaube, da sollte einfach ganz klar psychologisch geschultes personal an alles schulen sein – und zwar so, dass auch jedeR SchülerIn diese Leute kennt und es da Vertrauen geben kann.
      das sind aber jetzt ganz unwissenschaftliche überlegungen – einfach aus meiner erfahrung und erinnerung heraus.

  4. Sehe ich anders. In den Grundschulen probieren die Kinder das mit dem Schikanieren und Ärgern schon aus, aber dass sich feste Strukturen bilden, in denen klar ist, wer Opfer und wer Täter ist, das gibt es in der Unterstufe und Mittelstufe der weiterführenden Schulen. Da braucht es Unterstützung durch die Erwachsenen, weil die Jugendlichen selbst das nicht hinkriegen.

    Beratungsslehrer und Sozialarbeiter und Psychologen sind gut, aber am Ende sind es die Lehrer, die vor Ort handeln müssen: Sie führen Aufsicht, sie sehen, was in der Klasse passiert und wer immer abseits sitzt und wer sich in seiner Jacke versteckt. Die Aufgabe der Beratungslehrer und Sozialarbeiter und Psychologen muss auch darin bestehen, die Lehrer in etwas zu unterstützen, wo die Lehrer keine Spezialisten sind, aber die Lehrer sind in der Verantwortung und können sie nicht an Spezialisten abgeben.

    Dass es unter Schülern verpönt ist, sich an Lehrer zu wenden, ist ein Problem. Es ist aber, glaube ich, weniger schlimm als zu der Zeit als ich jung war, und selbst als ich jung war, gab es Lehrer, die wir mochten. Ich war allerdings auch zu stolz, mich an sie zu wenden. Ich denke mittlerweile, sie sollten eingreifen, wenn sie etwas bemerken. Vorsichtig natürlich, aber sie sollten nicht warten, bis das betroffene Kind auf sie zukommt. Sozialpädagogische Grundsätze wie „Hilfe nicht aufdrängen“ sind hier m.E. fehl am Platze, gerade wegen des „Ehrenkodex“ unter Schüler, allein mit der Sache fertig zu werden. Kinder und Jugendliche sind mit so etwas in aller Regel überfordert, und zwar insbesondere das Opfer selbst. Sie sind in einer Situation, die durch nichts, was sie tun, verbessert werden kann.

    Wer etwas tun kann, sind die Mitschüler. Manche der Konzepte, die zur Zeit ausprobiert werden, schließen die aktive Beteiligung von netten Mitschülern ein. Die Mobber haben ja nur deswegen Erfolg, weil es ihnen gelingt, den Großteil der Klasse auf die eigene Seite zu bringen, vor allem, weil diese Angst haben, selbst das nächste Opfer zu sein. Wenn es gelingt, ein paar der selbstbewussteren unter den Mitschülern davon zu überzeugen, dass sie Partei für das Opfer nehmen (denn insgeheim tut es ihnen dann doch leid), dann kann etwas effektiv erreicht werden.

    Es gibt Schüler, die von sich aus Partei für die Opfer ergreifen, aber sie sind selten, und sie brauchen ebenfalls Unterstützung und Ratschläge, wie sie dies am besten tun. Ich glaube, Gruppen von Jugendlichen, gerade solche, zu denen sich die Jugendlichen nicht freiwillig zusammengeschlossen haben wie Schulklassen, brauchen Unterstützung durch Erwachsene. Wenn alles gut geht, ist es gut, aber es geht eben nicht alles gut, und dann brauchen sie Hilfe: dafür sind die Erwachsenen da. Wenn es keine Erwachsenen gibt, endet die Situation wie bei „Lord of the Flies“. Erwachsene müssen Kindern und Jugendlichen beibringen, wie man miteinander lebt, und das gilt auch noch für Dreizehnjährige oder Vierzehnjährige – typisches Mobbingalter. Meiner Erfahrung nach sind sie noch ziemlich kindlich. Erst mit sechzehn fangen sie an vernünftig zu werden, aber in dem Alter ist Mobbing nicht mehr so häufig.

    Ich glaube, das mit den Jugendlichen, die am besten sich selbst überlassen bleiben und die nach ihren eigenen Regeln leben (leider viel zu oft der Regel „der Stärkere hat Recht“), ist auch Ideologie. In Deutschland ist es ja seit langem so, dass sich jede Generation gegen die Eltern auflehnt, aber bei den Jugendlichen, die ich jetzt kenne, beobachte ich das gar nicht so stark. Teilweise fahren sie noch mit achtzehn mit ihren Eltern in Urlaub – mein letzter Urlaub mit den Eltern war mit fünfzehn.

    Ich weiß jetzt nicht, wie stark sie ihren Lehrern vertrauen. Ich denke, es ist wie immer: Manche Lehrer sind nett und vertrauenswürdig, andere nicht so sehr. Aber es ist ganz ganz wichtig, dass dieser „Ehrenkodex“ aufgebrochen wird. Kinder, die zum Opfer werden, schaffen es nicht allein, da rauszukommen. Ich habe mal auf der Website von J.K.Rowling, der Harry-Potter-Autorin ein paar Tipps gefunden, und auch da stand: „Versuche nicht, allein mit der Situation fertig zu werden. Sprich mit Menschen darüber. Sprich mit Erwachsenen darüber. Suche Hilfe.“ Und dann sollte es eben nicht psychologische, sondern praktische Hilfe sein (das sehe ich als Gefahr, wenn das Problem an Psychologen delegiert wird: dass sie versuchen, am Opfer herumzuändern, statt die Situation in der Klasse zu verändern, und dass sie auf diese Weise Victim-Blaming betreiben.)

    In dem Buch Adolf Hitler, die deutsche Mutter und ihr erstes Kind von Sigrid Chamberlain geht es in erster Linie um Kleinkinder, aber in einem Kapitel „sich wehren oder untergehen“ geht es auch um Schikanen älterer Kinder untereinander. Von Nazi-Kindern wurde erwartet, dass sie stark sind und sich zur Wehr setzen, und eine Petze zu sein, war das schlimmste überall, auch in den Augen der Erwachsenen, unabhängig davon, ob das Kind überhaupt eine Chance hat, sich zu erfolgreich zu wehren (etwa wenn die anderen Kinder älter und größer oder einfach in der Überzahl sind). Es ist eben das Recht des Stärkeren, das sich hier durchsetzt. Ich glaube, ich bin dem noch unter den Jungen begegnet, die mich selbst schikaniert haben – und ich glaube, ein paar der Lehrer standen auf deren Seite, eben weil sie selbst auch noch „vom alten Schlag“ waren.

    Es ist gut, wenn dieser „Ehrenkodex“ an Bedeutung verliert und sich auflöst.

  5. Pingback: Kommentare zum Thema Bullying | susanna14

  6. Pingback: Irgendwas mit Kadda » Die innere Kritikerin zum Schweigen bringen

  7. Es ist nicht gerne gehört, aber sie ist auch nicht ganz schuldlos an der Misere. Selbstverständlich gab es auch eine Mengen Inkompetenz an anderen Stellen, aber spätestens aus der ersten Mobbing-Aktion hätte sie lernen müssen – aber nein, das gleiche Schema ging wieder von vorne los. „Ihre Peiniger verfolgen sie gnadenlos“ stimmt nicht und schon gar nicht, dass das Problem nur Mädchen betreffen würde.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.