Normschön? Rassistisch?

Ich hadere in meiner letzten Kolumne mit neuer “innerfeministischer” Kritik und frage mich, ab wann eine Frau als “weiß und normschön” gilt. Und ob das ein Nachteil sein kann.

mein #609060 von heute morgen. und? normschön?

Es ist legitim, zu fragen, welche Menschen in einem Diskurs zu Wort kommen, und welche nicht. Doch wenn man Menschen aus Aussehen, Herkunft oder Alter einen Strick dreht, schwächt man unter Umständen ein Anliegen.

Wer feministisch agieren will und diese Haltung in seine Arbeit hinein trägt, begibt sich häufig allein deswegen auf glattes Eis, weil andere sich nicht widergespiegelt sehen. Aussehen, Alter, Herkunft und Bildung – das sind nur einige Kategorien, entlang derer sich ja auch wirklich einige Ausgrenzungen in der Gesellschaft abspielen. Es wird aber zu einem Dilemma, wenn man überall nur noch absichtliche Ausgrenzungen sieht. Ein Beispiel: In einem feministischen Popkulturmagazin, das sich immer wieder auch mit Mode befasst, werden Kleidungsstücke vorgestellt. Die Frauen, die man hierfür ablichtet sind keine Models, sondern vielleicht Freundinnen oder Bekannte der Blattmacherinnen, die man eben dazu überreden konnte. Es wird dann eventuell vorkommen, dass kritische LeserInnen des Magazins sich darüber beschweren, dass nur “normschöne”, weiße Frauen eines bestimmten Alters dargestellt würden. Das ist eine Art und Form der innerfeministischen Kritik, die momentan sehr in Mode ist.

Einfach “sein”

So zu lesen etwa in einem Vortrag über Intersektionale Perspektiven auf den Slutwalk: „Von weißen normschönen Heteras, die für ihr Recht sexy sein zu dürfen auf die Straße gingen“. Aber ab wann ist eine Frau eigentlich “normschön”? Muss ich mich selbst auch so einordnen und darf ich deswegen nicht mehr so präsent sein?  In den Augen mancher bin ich vielleicht eine “normschöne” Feministin. So wie die jungen Frauen, die in meinem eingangs geschilderten Beispiel, in der Modestrecke im feministischen Magazin, auch “normschön” waren. Aber magersüchtig bin weder ich, noch sie. Wir haben uns nicht operieren lassen, oder liften. Darf man noch “einfach sein”, also wie man ist?

Ob als Feministin, als Amateur-Model, als Politikerin, als Wissenschaftlerin, als Vegetarierin oder Veganerin in einem Online-Forum: Ist das in Ordnung? Oder muss man wirklich allein deswegen jetzt irgendwo fern bleiben, weil man jung, weiß und angeblich “normschön” ist und damit wieder einmal dazu beigetragen hat, dass alle, die diesem Bild nicht entsprechen, unsichtbar gemacht werden?

Eine ähnliche Debatte erlebte ich jüngst im Zusammenhang mit dem fünften Geburtstag des feministischen Blogs Mädchenmannschaft. Auf der Veranstaltung, die ein Mix aus Workshops und Party war, gab es einen Workshop von einer der Autorinnen der Mädchenmannschaft, Hannah Wettig. Sie ist professionelle Journalistin und als solche regelmäßig in Nord-Afrika unterwegs. Die arabische Revolution hat sie vor Ort miterlebt und so bot sie einen Workshop zur Rolle der Frauen in den Arabischen Revolutionen an (in Analyse & Kritik hat sie dazu auch schon einen ausführlichen Artikel veröffentlicht). Im Nachhinein warf man ihr vor, dass eine Weiße hier über die (nicht anwesenden) arabischen Frauen geredet habe. Dies sei Rassismus.

Vielfalt als Wert an sich

Es sind Konflikte wie diese, die zeigen, dass man kein Umkehrargument daraus machen kann. Weder aus dem Aussehen, der Herkunft noch dem Alter oder dem Bildungsgrad sollte man denen, die sich engagieren – sei es nun feministisch, antirassistisch, für mehr soziale Gerechtigkeit und Bildungsgerechtigkeit – einen Strick drehen. Denn sie engagieren sich und wollen die Welt verändern. Darauf kommt es an. Das finden auch die Autorinnen eines weiteren Artikels aus der Analyse & Kritik, der sich kritisch mit dem Konzept der Critical Whiteness auseinandersetzt. „Ein Antirassismus, in dem nur diejenigen zu Wort kommen sollen, die als ‘Opfer’ davon betroffen sind, reduziert den gesamten emanzipatorischen Inhalt eines solchen Projekts auf eine Art Interessenvertretung oder sogar Generalversammlung eines Mainstreams der Minderheiten.“ Finden die Autorinnen und setzen sich dagegen ein, dass Menschen nur, weil sie weiß seien, nicht an den Diskursen teilhaben dürften.

Natürlich ist und bleibt es ein Dilemma. Wenn wir Vielfalt und Diversität fördern wollen, dann müssen wir auch aktiv darauf achten, dass Menschen vertreten werden, die man gerne „übersieht“, denen man nicht aktiv eine Stimme in öffentlichen Diskursen einräumt. Dazu gehört es auch, an den entsprechenden Stellen, sei es in den Medien, auf Konferenzen oder in der Vernetzungsarbeit, aktiv daran zu arbeiten, dass nicht nur eine homogene Gruppe unter sich das Feld besetzt. Mehr Vielfalt und Diversität: Das bleibt ein Wert an sich.

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12 thoughts on “Normschön? Rassistisch?

  1. Jetzt die versprochene lange Antwort:

    Ich habe jetzt ein paarmal hin und hergeschwankt: soll ich auf die Beispiele eingehen, die du genannt hast, oder auf die allgemeine Frage, die da mitschwingt: Bin ich falsch, nur weil ich weiß, “normschön” und jung bin? Ich habe erst während der gestrigen Mittagspause viele Notizen gemacht, die auf diese allgemeine Frage eingehen, dann habe ich gedacht, dass es besser wäre, auf die Beispiele einzugehen, die du anführst, jetzt denke ich wieder, es ist besser, auf die allgemeine Frage einzugehen. Die Beispiele sind nämlich alle so, dass meine Antwort ein “ja, aber” wäre.

    Für mich schwingt eine gewisse Fassungslosigkeit in dieser Frage mit, die mich bei dir allerdings wundert, weil du diese Frage ja schon lange kennen solltest. Ich habe diese Fassungslösigkeit auch oft bei Frauen im Fandom gelesen, wenn sie mit den Anti-Privilegierungs-kämpferinnen konfrontiert wurden. “Was habe ich denn falsch gemacht? Ich mache doch nur, was alle um mich herum machen?” Und dann stellt sich eben tatsächlich heraus, dass das, was alle um sie herum machen, sehr unreflektiert ist, wenn es um Menschen geht, die etwas weiter weg sind als “um sie herum”.

    Aber deine Frage ist ja nicht “was habe ich denn falsch gemacht?”, sondern “was ist an mir falsch? Darf ich nicht mehr so sein, wie ich bin?” Es ist eine andere Frage, und ich glaube, wenn sie nicht erstaunt fassungslos gestellt wird, kann sie einen Weg bieten zu dem, was an den Intersektionalitätsdebatten falsch ist. Der Artikel, von Vasili Tsianos, den du verlinkt hast, stellt das meiner Meinung nach sehr gut heraus; ich versuche mal, den Hauptpunkt mit meinen Worten zusammenzufassen: Die Frage ist doch, was macht einen Menschen aus? Macht einen Menschen aus, in welche Unterdrückungsverhältnisse er oder sie hineingeboren ist, also, ob er oder sie behindert oder nichtbehindert, Mann oder Frau, weiß oder Person of Colour ist? (Ich weiß, die Liste ist nicht vollständig.) Macht einen Menschen aus, was ihm widerfahren ist an Unterdrückung und Leid oder auch an Privilegierung – oder macht einen Menschen aus, wie er oder sie damit umgegangen ist, wie er oder sie die eigene Situation und die Situation fremder Menschen reflektiert hat, wie er oder sie insgesamt über die Welt nachdenkt? Und das gilt m.E. sowohl für die, die auf der Seite der Privilegierten als auch auf der Seite der Unterprivilegierten stehen.

    Das also als Beispiel, wie man Vorwürfe, wie du sie in den Beispielen beschrieben hast, entkräften kann – wobei ich, wie gesagt, bei allen drei Beispielen denke: Teilweise ist die Kritik berechtigt, teilweise nicht, und teilweise wird sie auf eine Art vorgetragen, die Verständigung unmöglich macht. Aber eventuell ist Verständigung sogar unmöglich – das wäre, was Tove Soiland behauptet. Sie sagt, es stecken theoretische Ansätze dahinter, die im Widerspruch zueinander stehen und die daher unvereinbar sind. (Hier ein Link zu einem Artikel von ihr: Die Verhältnisse gingen und die Kategorien kamen. Intersectionality oder Vom Unbehagen an der amerikanischen Theorie. Ich muss ihren Text noch einmal lesen, und dann auch die Literaturliste durchgehen, damit ich diesen theoreitschen Widersprüchen weiter auf die Spur komme. (Und der Violinwettbewerb ist jetzt zuende, das heißt, ich werde auch Zeit haben, deine Videolinks anzuhören.) Das Problem ist ja, dass die zugrundeliegenden Theorien oft nicht genannt werden, wenn “Sexism 101″ oder “Racism 101″-Texte ins Internet gestellt werden. Ich finde den Text, den ich meine, gerade nicht in meiner umfangreichen Linksammlung, also habe ich mal “how to react when you are called out for being racist” gegoogelt, und habe ein schönes Beispiel gefunden: Racism 101: are you are racist?? Racism – reaction – hier wird die eigene Position als Standard vorgestellt: Racism 101 heißt ja “Anfängerkurs an der Universität” – das, was alle im ersten Semester lernen sollten, um dann Veranstaltungen für Fortgeschrittene besuchen zu können. Wer diese Position anzweifelt – und es gibt sehr vieles an diesem Text zu kritisieren, insbesondere, dass er es nicht für möglich hält, dass jemand ungerechtfertigterweise als RassistIn bezeichnet wird.

    Das ist also der erste Punkt der Gegenstrategie: die zugrundeliegenden Theorien kennenlernen und Menschen, die ohne Literaturangabe Texte ins Netz stellen, oder Dinge sagen, die alle sagen (von der Sorte gibt es sehr viele), klar machen, dass man selbst die Texte kennt, die sie nur aus zweiter oder dritter Hand kennen, und dass man ihnen 1.) zeigen kann, wo sie die zugehörige Theorie falsch verstanden haben und 2.) zeigen kann, wo die zugehörige Theorie falsch ist. Aber da bin ich erst auf dem Weg und muss noch einiges lesen und werde daher auch erst mal etwas schweigsamer sein im Netz.

    Manchmal ist es natürlich auch so, dass man den unlogischen Punkt eines Textes auf den ersten Blick sieht, etwa den in den Anleitungen, wie man reagieren soll, wenn man als Rassist beschimpft wird. Dazu muss braucht es keine besondere Theorie. Oder doch – und hier habe ich wieder von Vasili Tsianos gelernt – in diesen Anleitungen wird die Subjektivität des Interaktionspartners, der einer unterdrückten Gruppe angehört, absolut gesetzt. Die Subjektivität der Person, die einer privilegierten Gruppe angehört, ist vernachlässigbar – ihre Gefühle dürfen verletzt werden. Aber um Politik zu machen, kann es nicht um die Subjektivität dieser oder jener Person gehen. Sie ist wichtig, aber sie ist nicht alles.

    Ja, und jetzt bin ich bei dem, was ich als Psychotaktiken bezeichne. Es sind gleichzeitig Immunisierungsstrategien. Da ist jemand, der seine (oder ihre) Gefühle sehr wichtig nimmt, und herausstreicht, wie diese verletzt worden sind. Da wir ja alle dazu erzogen worden sind, nette Menschen zu sein, haben wir dann ein schlechtes Gewissen – wir möchten ja niemanden verletzen und niemandem weh tun. Man fühlt sich schuldig und entschuldigt sich, anstatt erst einmal zu analysieren, ob diese Vorwürfe berechtigt sind. Oft funktioniert es. Es funktioniert noch besser, wenn es gelingt, eine Gruppe auf die eigene Seite zu bekommen, die auch nicht analysiert, welche Aussage jetzt richtig oder falsch ist, oder ob ein Vorwurf berechtigt ist, sondern die einfach nur sieht: “da ist reagiert jemand verletzt, also muss das eine Ursache haben, also hat derjenige oder diejenige, deren Worte zu diesen verletzen Gefühlen geführt haben, etwas falsch gemacht.” Das ist aber nicht notwendigerweise so. Ein Extrembeispiel: In einer Schreibgruppe habe ich einer älteren Dame nicht abgenommen, dass ihr Großvater, der SS-Mann und Leiter eines Arbeitslagers für Zwangsarbeiterinnen war, ein guter Mensch gewesen sein soll. Sie war natürlich sehr verletzt, weil ich ihr Bild von ihrem Großvater angegriffen habe. Deswegen war ich aber nicht die Böse in diesem Konflikt. (Ich bin trotzdem von der Leiterin der Gruppe, die keine Konflikte wollte, rausgeworfen worden.) Und so muss eben immer sorgfältig analysiert werden.

    Der Verweis auf das Unterbewusste (die Kinderlieder, die einen geprägt haben…) ist auch eine solche Psychotaktik. Wie soll man darauf reagieren und sich gegen Vorwürfe verteidigen? Das Unterbewusste zeichnet sich ja gerade dadurch aus, dass man es nicht kennt. Für den Angreifer ist es die perfekte Strategie, sich gegen Kritik zu immunisieren. Das gleiche gilt auch für die Weigerung, die Erklärbärin zu spielen und genau zu benennen, was jemand eigentlich falsch gemacht hat. “Denk mal selbst darüber nach, warum ich jetzt sauer bin” gehört für mich in die Mottenkiste der Schwarzen Pädagogik, aber auch in die Schublade “Machtkampf unter dreizehnjährigen Mädchen”.

    Ja, was hilft noch… andere Theorien finden. Für mich sind das im Moment der marxistische Feminismus, aber auch universalistische Theorien, die ich durch die Beschäftigung mit Antisemitismuskritik kennengelernt habe. Ein Punkt, der mir gerade jetzt noch einfällt, ist der, dass es tatsächlich leichter ist, den unbewussten Rassismus von Verbündeten anzuprangern als tatsächlich gegen rassistische Regelungen in der Gesellschaft (vor allem der Asylpolitik, aber auch der Bildungspolitik usw.) vorzugehen.

    Es ist immer leichter, eine Theorie zu kritisieren, wenn man alternative Theorien zur Verfügung hat. Es ist aber zumindest bei den Schwundformen von Critical Whiteness möglich, sie auch intern zu kritisieren, wie es Vasili Tsianos im von dir verlinkten Artikel tut:

    Was wir gegenwärtig in den Diskussionen zum Beispiel anlässlich des No Border Camps in Köln erleben, ist vielleicht eine Spätfolge einer doppelten Struktur, die den Antirassismus des Whiteness-Ansatzes auszeichnet: Einerseits geht es um eine Ausweitung, die alle Weißen zu Privilegierten macht; andererseits wird ein eher entpersonalisierender Fokus auf Institutionen gerichtet. In diesem Konzept sind die »weißen« Institutionen und Diskurse so mächtig, dass sie die Individuen, die darin als »Weiße« konstruiert werden, vollständig entmündigen. Gleich, wie diese sich verhalten, sie sind »Profiteure«. Anstatt eine Rassismustheorie in Angriff zu nehmen, deren Fluchtpunkt die ideologische und praktische Abschaffung von Kategorien wie »Race« ist, dreht sich das Whiteness-Konzept von Anfang an im Kreis. (2)

    Ich finde, hier zeigt sich der Kreislauf: der Fokus geht weg von den Personen auf die Strukturen und Institutionen, was ja an und für sich auch richtig ist – dann wird er aber wieder gegen individuelle Personen gerichtet, die nun aber nicht mehr als Personen, sondern nur noch als Produkt der Struktur gesehen werden.

    (Ich überlege, ob man da nicht wieder nach den zugrundeliegenden Theorien suchen muss, etwa Poststrukturalimus, wonach die Diskurse die Subjekte vollständig prägen – ich kenne mich damit aber nicht aus, ich habe das gerade erst von Judith Butler gelernt.)

    Die inneren Widersprüche dieser Positionen führen aber dazu, dass eine Gegenstrategie darin besteht, dass man sich einfach gar nichts tut, sondern sich zurücklehnt und wartet, bis sich die Anti-Oppression-Leute in ihre eigenen Widersorüche verstricken. Bei den Dreamwidth-Diskussionen war das dann der Fall, als eine weiße Aktivistin einer Woman of Colour erklärte, dass ein bestimmtes Verhalten unter Freunden (sich mit der jeweils anderen Rasse und den entsprechenden Klischees necken) kein harmloses friendly banter, sondern Rassismus sei. Die andere sagte dann, sie sei selbst eine Woman of Colour, sich mache das ständig mir ihren Freunden, und sie lasse sich nicht von einer Weißen erklären, dass dies falsch sei. Und vielleicht hast du ja auch von den Geschichten auf dem No Border Camp gehört oder gelesen. Ich habe nur davon gelesen, aber da schien es nach dem selben Muster abzugehen: Die akademische Gruppe macht sich spätestens dann lächerlich, wenn sie Menschen, die unter schrecklichen Umständen aus Afrika nach Europa geflohen sind und hier unter unwürdigen Bedingungen leben, wegen ihrer Sprache kritisieren (“Geflüchteter” statt “Flüchtling”.) Da hört es dann nämlich auf mit der Subjektivität der Betroffenen – nur die eigene Theorie repräsentiert dann die “richtige” Subjektivität. Also vielleicht als Weiße sich einfach zurückhalten und warten, bis PoC (oder in Deutschland Menschen mit Migrationshintergrund (schrecklicher Ausdruck, aber ich weiß gerade keinen besseren)) wie Vasili Tsianos sie zurechtweisen. (Jetzt doch noch etwas Eigenwerbung: Ich habe hier selbst darüber geschrieben.)

    • wow – danke für den langen text. ich bin naturgemäß etwas erschlagen.
      als erstes spontanes feedback: ich suche auch nach anderen theorien. marxistischer feminismus? spannend – da würd ich gern mehr zu erfahren! ich würd dich ja eh gern mal in echt treffen.
      meine theoriebeschäftigung geht vor allem zu chantal mouffe (klar ;) schon oft erwähnt) und luc boltanski sowie auch judith butler (die “späte” butler, also die aus “hass spricht”), die alle klar nach lösungen suchen aus diesem unterdrückungsverhältnis rauszukommen. mir selbst geht es nämlich genauso wenig wie dir darum, zu leugnen, dass es diese verhältnisse gibt.
      die zweite denkrichtung ist für mich der pragmatismus. da lese ich momentan ebenfalls sehr viel. und da sehe ich viel potential drin, gerade für einen handlungsfähigen feminismus.
      zentral für beide theorierichtungen ist der unbedingte glaube an die bedeutung und wichtigkeit von pluralismus.

      so. mehr kann ich grad nicht dazu schreiben, kind und küche warten ;) aber ich bin gerade sehr froh, dass es dich gibt, wenn ich das mal ganz sentimental so sagen darf. und das mit dem kennenlernen meine ich ernst!

      • Das mit dem Treffen können wir mal machen, Hannover ist schließlich nicht ganz so weit von Berlin entfernt. Ich würde mich auch freuen, dich kennenzulernen!

        Chantal Mouffe steht immer noch ungelesen in meinem Regal… Von der späten Judith Butler habe ich zur Zeit “Raster des Krieges” neben meinem Bett liegen, ich muss allerdings gestehen, dass ich es nicht so gut finde (und ihr Verhalten gegenüber den Leuten, die sie wegen ihrer Äußerungen zu Hamas und Hisbollah kritisiert haben, finde ich unmöglich.)

        Ja, und deinen Vortrag zu pragmatischem Feminismus werde ich mir noch ansehen.

  2. Wow, susanna14, du sprichst mir aus der Seele! In deinem Text ist so vieles, was ich nicht geschafft habe, zu verschriftlichen. Bei mir ist noch immer hauptsächlich Wut darüber vorhanden, dass diese Denkrichtung gerade dabei ist auf der ganzen Welt wichtige emanzipatorische Projekte zu unterwandern, zu diffamieren und kaputt zu machen. Ich habe auch deinen anderern Text (Identitäten verfestigen oder auflösen) gelesen und die Diskussion überflogen. Da steht sooo viel von dem drin, was ich seit Monaten diffus in mir herumtrage. Mein Problem dabei ist allerdings, dass man enorme Ressourcen (zeitlich und geistig) braucht, um das so tiefgründig zu analysieren, wie du das tust. Mir bleibt da irgendwie nicht viel anderes übrig als Feuer spucken, weil ich diese Strömung für sowas von brandgefährlich halte.
    Einen Punkt habe ich allerdings nicht so ganz verstanden. Du schreibst

    Aber eventuell ist Verständigung sogar unmöglich – das wäre, was Tove Soiland behauptet. Sie sagt, es stecken theoretische Ansätze dahinter, die im Widerspruch zueinander stehen und die daher unvereinbar sind.

    Für mich ist an dieser Stelle nicht so richtig erkennbar, ob du die Ansicht, dass es sich um sich widersprechende theoretische Ansätze handelt, teilst. Für mich ist der Text von Tove Soiland mangels geisteswissenschaftlicher Vorbildung leider unlesbar, deshalb muss ich mich auf deine knappe Zusammenfassung beziehen. Meine Kritik an CW, Definitionsmacht, wie auch immer man dieses Konzept nennen möchte, gründet sich nicht darin, dass ich anderer Meinung bin, sondern darin, dass es sich um ein logisch falsches System handelt (siehe Poppers Kritik am Essentialismus). Weiter unten schreibst du ja selbst

    in diesen Anleitungen wird die Subjektivität des Interaktionspartners, der einer unterdrückten Gruppe angehört, absolut gesetzt.

    Ich merke, wie ich beim Nachdenken darüber, ob es sich dabei um zwei sich widersprechende Theorien handelt, schon wieder in Rage gerate. Etwas, dass so offensichtlich einen Angriff auf die freie Gesellschaft ist, mag ich nicht als widersprüchliche Theorie bezeichnen sondern gehe sogar noch weiter als du (du hast es in dem anderen Text als autoritär bezeichnet) und nenne es totalitär.

  3. Vielen Dank für deine Komplimente! Wesentliche Gedanken sind allerdings vor allem aus einer Beobachtung der Diskussionen im Fandom entsprungen (ich habe auch teilgenommen.) Eigentlich ist es ganz einfach, den Antiprivilegierungsleuten Widerstand zu leisten: Man verwirft deren Grundannahme, dass die Person, die einer benachteiligten Gruppe angehört, immer Recht hat.

    Ich habe jetzt die Stelle im Text von Tove Soiland gefunden, in der sie von der Inkompatibilität der beiden Ansätze spricht:

    Ich möchte an dieser Stelle die Inkompatibilität beider Theorietraditionen betonen. Man wird nämlich nicht darum herum kommen, in der Frage Stellung zu beziehen, ob man der Artikulation oder der Dekonstruktion den Vorzug geben will, oder noch genauer, ob man die Persistenz von Ungleichheit in der mangelnden Artikulation eines Verhältnisses oder im Ausbleiben der Dekonstruktion von Kategorien verortet. Tatsache ist, dass letzteres ersteres verunmöglicht – wenn auch aufgrund eines grundlegenden Missverständnisses dessen, was Artikulation ist.

    In der einen Tradition geht es darum, Identitäten und Kategorien zu dekonstruieren, etwa die Kategorien männlich und weiblich. In der anderen Tradition geht es um Artikulation, und zwar um Artikulation gleicher Betroffenheitslagen. Das heißt nicht, dass die Gruppe der Frauen als einheitliches Subjekt oder als homogene Gruppe bezeichnet würden oder dass ihnen essentialistische Eigenschaften zugeschrieben würden. Als Beispiel nennt sie, dass Frauen für Hausarbeit verantwortlich sind – und das gilt sowohl für die Karrierefrau als auch für die Haushaltshilfe, deren ausländischer Berufsabschluss nicht anerkannt wird. Männer, die eine Putzfrau einstellen, werden nicht kritisiert. In meinem anderen Kommentar habe ich überlegt, ob nicht alle Frauen von Vergewaltigungsmythen betroffen sind: die “normschöne”, die gerne im Minirock herumläuft, und die nicht so normschöne, die sich das nicht traut, weil sie ihren Körper zu hässlich findet, um ihn zur Schau zu stellen. Sie sind auf unterschiedliche Weise betroffen, aber sie sind beide betroffen. (Ich folge @reempowerment auf Twitter, das ist eine Seite, die sich gegen Gewalt gegen Frauen wendet, und sie schreiben, dass alle Frauen betroffen sind, und dass es keinen Unterschied zwischen verschiedenen Schichten gibt.)

    Wenn es nun nur noch um die Dekonstruktion der Kategorie Frauen geht, dann lassen sich diese gemeinsamen Betroffenheitslagen nicht mehr formulieren/artikulieren.

    Die Ironie besteht nun darin, dass die Dekonstruktionsleute erst das Problem schaffen, das sie dann kritisieren. Es gehört eigentlich zu den typischen unfairen Diskussionstrategien, die ich im Internet erlebt habe: Den Gegner für etwas kritisieren, was er gar nicht gesagt hat, sondern was knapp daneben liegt. Irgendwann bin ich dahintergekommen und habe gelernt, dass ich, bevor ich mich gegenüber irgendeinem Vorwurf verteidige, erst noch einmal nachlese, was ich selbst eigentlich geschrieben habe.

    Ja, in diesem Fall werden die älteren feministischen (oder antirassistischen etc.) Theorien dafür kritisiert, dass sie essentialistisch seien – aber in Wirklichkeit sind sie es nicht. Wenn eine sagt, dass alle Frauen von der Gefahr einer Vergewaltigung betroffen sind (auch die, die nicht vergewaltigt wurden, sind sich dieser Möglichkeit immer bewusst und beziehen sie in ihr Verhalten mit ein), dann sagt sie nicht, dass alle Frauen eine homogene Gruppe darstellen, oder dass sie alle gleich wären. Die älteren Theorien werden also für etwas kritisiert, was sie gar nicht gesagt haben.

    (Die andere Ironie ist die, dass die Intersektionalitätsansätze zum Aufblühen von immer neuen Identitäten führen – besonders sichtbar wird dies an den sexuellen Identitäten. Im nächsten Schritt werden dann diese Identitäten als essentialistisch kritisiert.)

    Und jetzt bist du dran: Wie nutzt du Popper, um den gegenwärtigen Mainstream-Feminismus zu kritisieren? Ich habe “die offene Gesellschaft und ihre Feinde” zuhause, wenn du mir ein Kapitel nennst, kann ich es nachlesen…

    • Jetzt habe ich tagelang über dem Text von Tove Soiland gebrütet, weil ich ihn doch noch verstehen wollte und dann habe ich tagelang über Poppers “Das Elend des Historizismus” und “Logik der Forschung” gebrütet, um herausarbeiten zu können, was mich an Soilands Text stört. Aber es will mir neben Erwerbsarbeit, Kindern und anderen Projekten nicht so recht gelingen, Soilands Text vollumfänglich zu verstehen und einen eigenen Text zu verfassen, der klar und schlüssig darlegt, was mir so im Kopf herumschwirrt.

      Du fragst, wie ich “Popper nutze”, um diese Radikal-FeministInnen zu kritisieren. Meiner Meinung nach ist auch der Dekonstruktivismus eine Form des Essentialismus. Popper führt diesen Begriff in “Das Elend des Historizismus” [1], Kapitel 10 folgendermaßen ein. Die Essentialisten leugnen, daß wir zunächst aus Einzeldingen eine Gruppe zusammenstellen und diese dann mit der Etikette »weiß« versehen. In Wirklichkeit, behaupten sie, nennen wir jedes einzelne weiße Ding deshalb »weiß«, weil es mit den anderen weißen Dingen an einer bestimmten Wesenseigenschaft,nämlich der »Weißheit«, Anteil hat. Diese Eigenschaft, die durch den Universalbegriff bezeichnet wird, wird als Objekt betrachtet, das eine Erforschung ebenso verdient wie die Einzeldinge selbst. (Der Name »Realismus« erklärt sich aus der Behauptung, daß universale Objekte, z. B. die Weißheit, neben den Einzeldingen und Mengen oder Klassen von Einzeldingen »wirklich« existieren.) Somit wird behauptet, daß Universalbegriffe universale Objekte auf dieselbe Weise bezeichnen wie Individualbegriffe Einzelobjekte. Diese universalen Objekte (von Platon »Formen« oder »Ideen« genannt), die durch Universalien bezeichnet werden, wurden auch »Essenzen« genannt.
      Jetzt sagen die Dekonstruktivisten zwar, dass die Kategorien konstruiert seien, man deshalb aus ihnen auch keine Wesenseigenschaften ableiten könne, aber dann dekonstruieren sie die angeblich nicht vorhandenen Kategorien und behaupten, aus dieser Dekonstruktion etwas zu lernen. Steckt also doch irgendeine Information in diesen Kategorien?

      Mittlerweile habe ich soviel gelesen und nachgedacht, dass ich gerade überhaupt nicht mehr weiß, wo oben und unten ist. Wenn ich das für mich klarer habe, werde ich da vielleicht nochmal drüber bloggen.

      [1] Karl Popper: Das Elend des Historizismus, 6., durchges. Aufl., Tübingen: Mohr, 1987

      • Ah, das ist, glaube ich, doch ein anderes Buch als der zweite Teil der Offenen Gesellschaft. Bei Universalien fühle ich mich an die Scholastik erinnert. Ich glaube, es würde sich lohnen, sich mit so etwas zu beschäftigen und von dort aus die Kategorien des Dekonstruktivismus zu analysieren, aber ich bin noch nicht sicher. (Und ich kann es nicht tun, und du hast wahrscheinlich auch andere Prioritäten.)

        Ich versuche jetzt mal in eigenen Worten zu sagen, was ich als den Hauptgedanken des Zitats verstehe: Popper kritisiert, dass die Universalien, etwa “Weißheit” eine eigene Realität zugeschrieben bekommt und nicht mehr nur eine Eigenschaft ist, die mehrere weiße Dinge gemeinsam haben.

        Ich habe ja jetzt gerade “das Unbehagen der Geschlechter” von Judith Butler gelesen, und da fällt mir jetzt etwas ein, was mich an diese Universalien erinnert: Ausdrücke wie “das Subjekt Frau” oder “das Subjekt des Feminismus”.

        • Ich schau mal, wie tief ich mich da noch rein verstricken mag, aber danke für den Hinweis. Und wenn ich da nochmal was grundsätzlicheres zu schreibe, wirst du davon erfahren ;-)

  4. Kommentare zum gegenwärtigen akademischen Mainstream-Feminismus | susanna14

  5. sehr interessante diskussion hier!

    weil ich mir in den letzten tagen auch ein paar gedanken zum thema gemacht habe, möchte ich diese hier teilen:
    ich teile auch das unbehagen mit dieser merkwürdigen anwendung von critical whiteness und anderen ansätzen. abgesehen von den praktischen folgen für den diskurs (der damit unterdrückt wird) finde ich es auch absolut unlogisch. ich denke, zumindest ein problem stammt ursprünglich von einem problem, dass viele (alle?) poststrukturalistische ansätze (ja auch butler) auf der wissnschaftstheoretischen / epistemologischen ebene haben – nämlich das problem mit dem relativismus. wenn nämlich alles konstruiert ist, ist das logischerweise unsere forschung auch. wie können wir also beurteilen, was gute forschung ist und was schlechte? wo kann mensch kriterien zur beurteilung finden, und wer soll diese auf welche weise autorisieren? der poststrukturalismus hat darauf nicht wirklich eine antwort – (und das macht in der rein wissenschaftlichen arbeit dann am ende doch nicht so viel aus, weil nur tinte auf papier? :-()

    problematisch wird es aber spätestens auf der eben des politischen aktivismus – hier braucht mensch ja auch kriterien um zu beurteilen, was jetzt eine bessere aktion oder ein besseres argument ist usw – und wieder – der poststrukturalismus gibt keine antwort, für politische arbeit ist das aber unumgänglich. was machen also die darauf begründetetn ansätze – critical whiteness (und ähnliche ansätze, gibt es dabei eigentlich eine überbegriff?) scheinen zu versuchen diese problem folgendermaßen zu lösen – es werden einfach die kategorien genommen, die ursprünglich dekonstruiert werden sollten und absolut gesetzt im diskurs, nur eben anders rum. das ist eigentlich ziemlich absurd. es ist auch sehr unlogisch.
    ich denke das problem mit der machtvorstellung, was in dem ak-artikel so treffend beschrieben wird, bildet zusammen damit eine unheilige allianz(da muss ich jetzt aber noch ein bißchen drüber nachdenken).

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