FSU Wien: Pragmatischer Feminismus und Critical Whiteness

Vom 19.-21.09.2012 war ich Gast bei der FrauenSommerUni in Wien, der #fsuwien, wie auf twitter der Hashtag hieß. Ich besuchte dabei sehr interessante Vorträge und Workshops, die man dank der tollen medialen Aufzeichnung und Dokumentation nun auch alle im Internet ansehen und anhören kann. Die FSU Wien war eine ganz tolle Bildungsveranstaltung. Ich habe viel gelernt, tolle Frauen kennen gelernt und ich wünsche mir, dass sich das Konzept der FrauenSommerUni ausbreitet. Warum nicht eine FrauenSommerUni Berlin? Oder Hamburg, Köln, München… Wer Lust darauf hat: Der Kontakt mit den Organisatorinnen kann gerne vermittelt werden.

Pragmatischer Feminismus

(c) Bettina Frenzel

Am Freitag Vormittag hielt ich selbst einen Vortrag. Unter dem Titel “Pragmatischer Feminismus – Zwischen Realität und Vision einen Weg bahnen” blickte ich auf die philosophische Denkrichtung des Pragmatismus mit einem feministischen Blick und versuchte, die Ideen des Pragmatismus auch für den Feminismus nutzbar zu machen. Es entspann sich noch während des Vortrags eine kleine Diskussion über die Formulierung, der Pragmatismus würde “überflüssiges Theoretisieren” ablehnen. Insgesamt sind nach dem Vortrag noch viele Fragen offen geblieben – ich selbst stehe noch relativ am Anfang mit der Idee, Feminismus pragmatisch aufzuziehen. So gesehen war der Vortrag eine Art Testballon – aber ich bleibe in der Sache auf jeden Fall am Ball.

Die Folien stelle ich euch pragmatischer Feminismus zur Verfügung. Die darin fehlende Charlene Haddock Seigfried sei hiermit nachgereicht – einen Überblick über ihre Werke könnt ihr nach dem Klick gewinnen. Ansonsten wurde einiges auch schon ins Deutsche übersetzt und kann im Buchhandel erworben und in Bibliotheken ausgeliehen werden. Den Vortrag könnt ihr euch nun jedenfalls auch ansehen:

[youtube http://www.youtube.com/watch?v=Nyg4jx3TOBo]

Feminismus und Critical Whiteness

Am Tag davor hatte ich einen Vortrag von Stefanie Mayer angehört, den ich hier gerne empfehlen möchte. Sein Titel lautete: „Politik der Differenzen. Anti-/Rassismus im weißen Feminismus in Wien“ und Stefanie Mayer schilderte darin ein Dilemma, das kurz darauf an ganz anderer Stelle sehr stark ausbrach: Manchmal stehen internationale Frauensolidarität und antirassistische Einstellungen (momentan auch stark im Rahmen der Critical Whiteness debattiert) einander diametral entgegen. Das ganze wurde am Beispiel eines Eklats auf einer österreichischen feministischen Mailingliste verdeutlicht und führte dann in eine recht angeregte Diskussion. Was mir gefallen hat war die ehrliche Antwort von Stefanie Mayer, auf das Problem einfach keine Antwort zu haben und noch daran zu knabbern. Wenn ihr mögt, schaut selbst noch einmal rein:

[youtube http://www.youtube.com/watch?v=rrgmrR2GpUE]

Alle weiteren Filme und Vorträge findet ihr auf den Seiten FSU in Wort und Bild. Ich selbst habe vor allem auch aus dem Vortrag von Hilde Schmölzer „Revolte der Frauen. Porträts aus 200 Jahren Emanzipation“ sehr viel neues Wissen mitgenommen.

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7 thoughts on “FSU Wien: Pragmatischer Feminismus und Critical Whiteness

  1. Zu Deiner Folie:

    - die 23% Gehaltsunterschiede sind offenbar ein Mythos: Er liegt offnbar bei 8% nach Berechnung des Bundesamt für Statistik. Und worauf die 8% ganz genau zurückzuführen sind, darüber ist man sich glaub ich auch noch nicht sooooo im klaren.

    - gibt es dazu empirische Studien, wenn Du schribst, dass vielen der Feminismus ein Feindbild ist? Und was wäre daran so schrecklich, wenn dem so wäre?

    - zur Internetavantgarde: Wo ist hier das Problem, dass, wenn dem so wäre, die Internetavantgarde männlich, gut gebildet, weiss und mittleren Alters ist?? Also, habe den Vortrag noch nicht gehört, aber hört sich zumindest wie ein Problem an.

    Zum Pragmatismus: Ich kenne eigentlich nur George Herbert Mead gut, aber dies nicht wegen seiner Präferenz für den Pragmatismus, sondern im Bezug auf den symbolischen Interaktionismus.
    Aber ich habe mich gerade ein bisschen ad hoc gefragt: ob die Dichotomie zwischen Praxis und Theorie so fruchtbar ist. Weil ich denke, es ist ja fast schon Konsens, dass es keine theoriefreie Beobachtung gibt und Sprache (hier insbesondere der Sprachprgamatismus nach Austin aber auch die Diskurstheorie nach Foucault oder die Theorie der Praxis nach Bourdieu) und somit eben auch Theorie immer auch eine Praxis ist: eine theoretische Praxis, die eben auch auf die praktische Praxis Einfluss hat und vice versa.

    • Mythos Gehaltsunterschiede?

      da kann ich nur einen Blick auf destatis.de empfehlen, die gerade heute wieder von den Gehaltsunterschieden zwischen Männern und Frauen berichten. Alles statistisch sauber dokumentiert.

      Feindbild Feminismus: rein subjektive Beobachtung, zum Beispiel sehr schön auch widergespiegelt in den vielfältigen Reaktionen auf den CRE196

      Internetavantgarde: wo das Problem ist? Wo ist das Problem, wenn Frauen in der Wirtschaft schlechtere Aufstiegschancen haben? Wo ist das Problem, wenn ich deutschen Redaktionen keine Frauen die Ressorts leiten oder Chefredakteurinnen sind (Stichwort ProQuote)? Wo ist das Problem, wenn Frauen egal wo unterrepräsentiert sind? Es ist immer das gleiche Problem: Es geht um Teilhabe und Mitbestimmung und um Wahrnehmungsmöglichkeiten. Dass die Internetavantgarde männlich ist, ist ein Symptom dafür, dass diese Möglichkeiten nicht gleich zwischen den Geschlechtern verteilt sind.

      Pragmatismus: Das Theorie-Praxis-Ding ist im Video drin. Daran entsponn sich eine Debatte. Kurz gesagt: Es geht nur um das überflüssige Theoretisieren, das im Zweifel keine Auswirkungen auf die Praxis hat. Es geht nicht gegen Theorie an sich.

  2. Als ich jung war, gab es bei uns an der Uni noch die Marxistische Gruppe (falls es diese waren: vielleicht war es auch irgendeine andere marxistische Gruppierung), die dafür berühmt war, in Vorträge egal zu welchem Thema zu gehen, und diese mit ihren Theorien aufzumischen. Manchmal erinnert mich das Verhalten der Anti-Oppression-Leute daran (ich bemühe mich noch, die exakten Wurzeln ihrer “Theorie” zu finden und vor allem herauszufinden, ob das eine Theorie ist, die ich ohne Anführungszeichen ernst nehmen kann, oder ob das unmögliche Benehmen darin schon angelegt ist.)

    Andererseits würde ich das Wort “barbarisch” auch nicht benutzen – da kommen dann irgendwelche echten Barbaren und erklären, dass bei ihnen keine Frauen gesteinigt werden. (Und außerdem muss ich an meine Cousine Barbara denken, die sehr nett ist.)

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