Träume: Das innere Holodeck

Träume sind unser mobiles Holodeck, in dem wir uns auf Dinge vorbereiten können, die wir auf keine andere Art lernen können – zum Beispiel unser Leben zu retten.

Angeregt durch #CRE195 zum Thema Gehirn, durch das ich mich mal wieder auf den neuesten Stand in Sachen Gehirn gebracht habe, dann weiter besprochen in der Märchenstunde “Sechse kommen durch die ganze Welt” mit Björn und Max, eine kleine persönliche Idee zur alten Frage: Wozu träumen wir eigentlich?

Wie ich bereits in der Märchenstunde ansprach, habe ich die Theorie, dass wir träumen, um zu lernen. Diese Theorie habe ich im Spätwinter/Frühjahr 2007 entwickelt, auf der Basis von nichts anderem, als einem Traum. Der ging so: Ich ging durch die Straßen meines Kiezes, es war im Zwielicht, da begegnete mit ein Mann, der sich als “Schlitzer von Friedrichshain” herausstellte. Als ich das registrierte war ich natürlich geschockt und ich erstarrte, woraufhin ich im Traum mein Leben ließ. Tja.

Killertraum Klappe die Zweite!

Das seltsame an diesem Traum war, dass er einfach von vorne losging. Neustart. Killertraum Klappe die Zweite! Gleiche Szene, gleiche “Überraschung” (die nun natürlich nicht mehr so überraschend war) und ich probierte so nach und nach, in der dritten, vierten und fünften Neuaufnahme der “Quest” verschiedene Strategien aus, von Flucht, über Angriff und verbales Einlullen, diesen Typen davon abzubringen, mich nicht einfach umzubringen. Irgendwann wachte ich einfach auf. Und erinnerte mich an den Traum. Oder besser die Träume? Die Idee kam mir noch am gleichen Tag: Mein Gehirn hat etwas geübt, das es sonst nicht hätte üben oder lernen können, denn es passiert ja nun zum Glück eher nicht so häufig, dass gefährliche, nach meinem Leben trachtende Männer mir in meinem Kiez begegnen. Wenn mir aber nur einer begegnet, ist mein Leben schlimmstenfalls vorbei. Vielleicht ist es deswegen nicht schlecht, dass es eine Möglichkeit gibt, sich durch “üben” auf Dinge vorzubereiten, die man normalerweise nicht übt oder lernt. Wir träumen also, um zu lernen. Um Dinge zu üben – zumindest ist das wohl einer der Gründe für Träume. Gerade die schlechten Träume, in denen es uns an den Kragen geht, können so eine neue Bedeutung erhalten.

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Diese Idee, diese Theorie und die Entdeckung fand ich selbst ganz schön bahnbrechend! Ich hatte nie zuvor davon gehört, dass irgendwer das Träumen so erklärt hatte und ich sah mich schon einen wissenschaftlichen Artikel für das Magazin Science verfassen und als Entdeckerin berühmt werden! Dennoch kam ich irgendwann in meinem Wahn auf die Idee, zu googlen, ob jemand anderes vielleicht schon diese Idee gehabt hatte. Die Idee, im Traum zu lernen, ist eigentlich alt, wurde nur bislang eher plump angegangen: Man spielte Menschen im Schlaf irgendwelche schlauen Kassetten vor und dachte, am nächsten Tag könnten sie den darin vermittelten Wissenskanon. Etwas naiv. Interessanter waren dann schon Experimente mit Leuten, die Tetris spielten – und die nach mehreren Stunden Tetris am Tag dann auch anfingen, davon zu träumen. Das kommt mir ja SEHR bekannt vor :D

Lernen nur als Wiederholung?

Experimente mit Ratten haben gezeigt, dass sie in einem Labyrinth besser zurecht kamen, wenn sie zwischendrin mal schlafen konnten – im Schlaf rekapitulierten sie das Gelernte. Doch das sind alles noch immer etwas andere Versuche und Theorien, als das, was ich entdeckt hatte: In den Rattenversuchen und in allen Theorien, die es zum lernenden Träumen schon länger gab, ging es immer darum, bereits versuchtes oder schon gelerntes zu verstärken. Ganz selten soll auch schon manche_r eine Matheaufgabe am nächsten Morgen gelöst haben, an der er_sie noch am Abend davor verzweifelt war. Und dass zwischen dem Lernen für eine Klausur und der Klausur selbst immer eine Nacht liegen sollte, in der man das Gelernte festigt und verstetigt – das ist irgendwie auch so eine sehr weit bekannte Tatsache. Nur: Dass wir in unsere Träumen Dinge lernen, die wir nicht erleben (können), also in völlig neue Situationen gestellt werden, mit teilweise krassen und natürlich überfordernden Entscheidungen konfrontiert werden, in denen wir üben können, angemessen mit ihnen umzugehen – das war neu! Oder?

Paul Tholey und die Klarträume

Dass diese Art von Träumen nur mir passiert – das hielt ich von Anfang an für unwahrscheinlich. Tatsächlich gibt es eine ganze Menge Menschen, die solche Träume haben und diese Träume haben einen Namen: Klarträume – die Wikipedia ist euere Freundin, wenn ihr euch da weiterbilden wollt. Paul Tholey hat sie sogar definiert:

  1. Der Träumer ist sich darüber im Klaren, dass er träumt.
  2. Der Träumer ist sich über seine Entscheidungsfreiheit im Klaren.
  3. Das Bewusstsein ist klar, es gibt keine traumtypische Verwirrung oder Bewusstseinstrübungen.
  4. Die Wahrnehmung der fünf Sinne ist wie im Wachzustand.
  5. Es besteht Klarheit über das Wachleben, also darüber, wer man ist oder was man sich für den Klartraum vorgenommen hat.
  6. Nach dem Traum gibt es eine klare Erinnerung.
  7. Der Träumer ist sich über den Sinn des Traums im Klaren.

Mindestens vier Punkte treffen aber auf meinen “Killertraum” nicht zu. Und damit war er kein Klartraum.

Interessant finde ich, dass Klarträume in der Wissenschaft scheinbar selten oder kaum berücksichtigt werden. Erst recht findet sich beim Suchen nach dieser Art der Träume nicht sehr viel aus der Neurobiologie oder Psychologie. Auch der häufig synonym verwendete Begriff des “Luciden Träumens”, was bedeutet, aktiv in den Traum einzugreifen und ihn bewusst zu steuern, ist bislang wenig untersucht (2009 gab es dann wohl mal Versuche im Schlaflabor – zwei Jahre nach meiner “Entdeckung” ). Stattdessen erfreut sich aber die esoterische Industrie einer regen Verbreitung ihrer “Traumdeutungs”-Literatur, sogar Apps für mobile Endgeräte können damit erworben werden. So sind sie, die Menschen.

Ein Finne war schneller

Im Endeffekt hatte ich glaube ich wirklich etwas Neues entdeckt (ein bisschen zumindest) und ich hatte auch große Lust, es weiter zu untersuchen und auszuarbeiten, es mit einer soliden Theorie zu unterfüttern. Ich war ja eine aus der Biologie kommende Erziehungswissenschaftlerin und ich wollte gerne eine biologisch-neurologisch fundierte Theorie des lernenden Träumens erarbeiten. Doch ich stieß im Netz auf einen Artikel (den ich leider jetzt nicht mehr auffinden kann – wenn da jemand etwas findet, immer her damit!), der mir genau diese Theorie unterbreitete. Ein Finne (war es glaube ich – kann mich da aber auch irren) hatte etwa sechs Wochen zuvor diese Entdeckung/Theorie in einer wissenschaftlichen Zeitschrift veröffentlicht: Träume sind dazu da, Dinge zu lernen. Dass wir in Träumen Dinge verstetigen, die wir schon geübt haben, sei klar – neu aber sei, dass wir auch Dinge lernen, die wir in unserem realen Leben nicht lernen und üben könnten. Es sei dabei nicht entscheidend, ob es Klarträume seien, oder solche, die am nächsten Morgen im Nirvana verschwunden sind. Diese Theorie wurde in jenem Artikel als bahnbrechend gelabelt und als ziemlich einzigartig. Der Artikel untermalte die Theorie des Finnen mit dem Bild des Holodecks, das Star Treck Fans kennen dürften.

Natürlich war ich super baff. Sechs Wochen vorher! Das war einerseits frustrierend, es hat mich andererseits aber auch umgehauen. Manchmal ist man versucht, an ein die Welt umspannendes Kollektivbewusstsein zu glauben, oder?

Die Idee, dass unsere Träume ein Holodeck sind, die hat mich seitdem nicht mehr losgelassen. Sie es besonders deswegen sehr schön, weil sie meine Beziehung zu meinen Alpträumen sehr entspannt hat. Wenn mal wieder einer mich des Nachts zum Schwitzen gebracht hat, dann sage ich mir heute: Habe ich wieder was geübt, dass ich sonst nicht lernen könnte. Braves Gehirn :)

PS: ich finde vieles nicht mehr, was 2007 zu dieser Theorie im Netz war und ich bin dankbar über weitere Links und Texte zu dem Thema, falls es da mehr gibt, als ich jetzt auf dem Schirm habe und finden konnte.

Foto CC-BY 2.0 von Vinoth Chandrar via Flickr.com.

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6 thoughts on “Träume: Das innere Holodeck

  1. Spannend, allerdings geht es bei der aktuellen Forschung nicht nur um Wiederholung und Konsolidierung. Träume dienen vermutlich zur Schaffung neuer Sichtweisen und Projektionen in die Zukunft mit Rückgriff auf Erinnerungen und Erfahrungen und Erwerb von sowas wie Weisheit. Dazu: http://www.youtube.com/watch?v=WmRGNunPj3c

    Es gibt auch eine Theorie zur Erklärung wiederkehrender Träume aus der finnischen Ecke und Forschung dazu: http://www.google.de/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&source=web&cd=3&sqi=2&ved=0CE4QFjAC&url=http%3A%2F%2Frsrc.psychologytoday.com%2Ffiles%2Fu47%2Fzadra_et_al.pdf&ei=6N3EUJatKs-LswbT4oDADA&usg=AFQjCNGjnSf-cCr2vQDL91rtJtXbNCWGSA

    Auf jeden Fall sind emotional aufgeladene Dinge eher trauminduzierend. Und Killerträume sind ja nun sehr emotional :-) Ich glaube auch an die Holodeck-Qualitäten unserer Träume. Wobei sie darüber hinausgehen, sie sind kein z.B. klingonisches Schwertkampf-Trainingsprogramm, sondern schaffen vermutlich ganz neue Szenarien und Einsichten. Um im Bild zu bleiben, eine neue Variation von Schwertkampf mit klingonischen und anderen Strategien und vielleicht zusätzlichen Hilfsmitteln, gepaart mit einer neuen mentalen Haltung.

    Liebe Grüße
    Bettina

  2. Results for week beginning 2012-12-03 « Iron Blogger Berlin

  3. classless Kulla » Blog Archive » Die letzten Monate der Menschheit im Schnelldurchlauf

  4. Oh, wie schön.

    Passt zufällig in meine Zeit: ich habe aufgehört zu kiffen und träume seitdem wieder bewusster bzw. ich erinnere mich daran wieder. Deswegen freu ich mich, gerade jetzt einen Traum-Artikel in deinem Blog zu finden. Und so muss ich auch keine Angst mehr vor Alpträumen haben, die sicherlich auch mal wieder kommen.

    Danke für die Recherche.

  5. Hallo. Mich interessiert es sehr was du geschrieben hast. Das mein Gehirn übt wenn ich sehr merkwürdige Dinge träume. Zumindest im Ansatz hört es sich beruhigend für mich an.
    Viele Grüße
    B. Kastanie

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