Warum ich twitter verlasse

Ja, klingt erstmal schnappatmungsverdächtig: Ich werde twitter verlassen. Nach beinahe vier Jahren ist es für mich an einen Punkt gekommen, an dem ich nicht mehr weiter twittern möchte. Zum Warum gibt es viel zu sagen, der Hauptgrund hat sich in einem Bild niedergeschlagen:


Ich werde twitter verlassen und die gewonnene Zeit in Hobbys investieren. Und in die Wikipedia.

Ich fühle mich auf twitter mittlerweile wie in einem goldenen Käfig. Es hält mich gefangen. Auf zweierlei Arten: Erstens ist der soziale Druck dort ins für mich kaum mehr erträgliche gestiegen. Während ich am Anfang noch immer dachte “Oh, das muss ich twitter sagen!” – hieß es gen Ende für mich nur noch: “Oh, dazu sag ich auf twitter besser nichts!”

Zweitens liefen die Informationen von etwa 500 Menschen in meine Timeline und mehrmals täglich geschah es, dass ich mich für mehrere Stunden an einer einzigen davon aufhängen konnte. Kein einziges Mal habe ich twitter besucht, damit ich mich hinterher stundenlang ärgere oder mir den Kopf zerhacke – aber es ist mir hunderte Male schon passiert.

In meinen twitter-Kreisen ist es etwas ungemütlich geworden. Die einen sprechen von “Teams”, die sich gebildet hätten, die anderen nannten es “Misstrauen” – “der Feind” könne überall sein. Fakt ist: Es ist viel kaputt gegangen. Und zwar Vertrauen. Früher war mehr Wohlwollen, Vertrauen und konstruktiver Austausch. Mittlerweile ist es die Häme und das Gemotze, das meine TL ungenießbar gemacht hat.

Und ich nehme mich davon nicht aus. Ich habe es sicherlich nicht mit @dieKadda getan, oder selten. Aber mein Rage-Account hat denen, die mir folgten, genau das teilweise beschert, was mich selbst immer wieder an twitter so gefangen hielt: ungefilterte Emotion und wer sich nicht gut abgrenzen kann, der/die hat eben gelitten.

Nun könnte mensch sagen: Well – clean up your Timeline! Aber genau das will ich nicht. Ich habe das ein paar Mal gemacht und bei vielen, die ich entfolgen müsste, kann ich es nicht, denn ich mag sie und ich will sie wirklich nicht verletzen. Ich “mute” schon ganz viel, schalte sie also in verschiedenen Clients stumm. Aber es wird nicht wirklich besser. Wenn MW über “Kackscheiße” schreibt, wird sich meine gesamte Timeline einen ganzen Tag darüber echauffieren. Das finde ich Kacke und Scheiße – ich hätte gern mehr Contenance. Ich habe das öfters einmal getwittert. Aber es ist vergebens.

Jesper Juul sagt: Gib die Hoffnung auf und du wirst Glücklich sein.

Ich gebe die Hoffnung auf. Twitter wird und soll sich nicht ändern. Das wäre vermessen, es zu erwarten. Und es ist nicht nötig. Viele Freunde, die ich dort kennen lernte, sind mir offline häufige Gesprächs- und BiertrinkpartnerInnen. Wir teilen mehr, als nur das Netzwerk. Und jede einzelne Stunde im Real Life mit einem Menschen bringt mir mehr, als zwei Stunden auf twitter. Vor allem: Die Diskussionen können tiefer gehen, man kann auf den anderen als Menschen eingehen, ihn und seine Meinung kontextualisieren usw… Außerdem entsteht so Vertrauen – das ich auf twitter so schmerzlich vermisse (aber auch das ist zu viel verlangt: twitter ist kein Ort, an dem Vertrauen wachsen kann, oder zumindest nur in Einzelfällen).

Grace Dent hat in “How to Leave Twitter” sehr gut und auf lustige Art herausgearbeitet, warum twitter das Potential hat, aus uns die schlechtesten Seiten hervorzuholen. Es macht süchtig, wirklich. Zumindest war ich defintiv süchtig. “Dudes in a moral panic” finden hier einen Hort, für alle ihre Empörung. Das ist okay, aber ich bin davon mehr als erschöpft.

Ein weiterer Grund ist: Ich brauche mehr Zeit für Dinge, die mir gut tun. Sport. Malen. Da ich berufstätige Mutter bin, studiere und X Ehrenämter habe, fällt die freie Zeit nicht vom Himmel. Die muss ich mir nehmen. Was ich hiermit selbstbestimmt mache.

Und noch eins: Andreas Kemper schreibt in einem Artikel, dass es die Maskulisten geschafft haben, mit einer breit angelegten Kampagne eine Autorin aus der Wikipedia zu vergraulen. Da mögen manche sagen “Wikipedia ist halt scheiße – ein weiterer Beweis! Wer da mit macht ist ja auch selbst schuld!” – ich sehe das aber wie Andreas:

Gleichzeitig ist Wikipedia sehr wichtig. Die Angriffe gegen Fiona und andere Wikipedia-Autorinnen geschahen ja genau aus diesem Grund. Wikipedia könnte auch Spaß machen, wenn Grundlagen für ein diskriminierungsfreies Arbeiten dort geschaffen werden. Verkehrt ist es aber auch nicht, gleichzeitig Alternativen zu Wikipedia aufzubauen. Es gibt z.b. das www.genderwiki.de/ Vielleicht leidet Wikipedia auch unter seiner Monopolstellung.

Schon seit Ende 2010 habe ich mir, und hat Frau Lila als Initiative sich auf die Fahnen geschrieben, bei der Gender Gap-Schließung in der Wikipedia aktiv zu helfen. Ich/wir finde/n das wirklich wichtig, denn ich/wir sehe/n in Wikipedia ein grundsätzlich tolles Projekt.
Bislang war das vor allem eine beratende Hilfe. Aber ich sehe mittlerweile die Notwendigkeit, dass ich wieder aktiv in der Wikipedia mitschreibe. Mir laufen regelmäßig Artikel und Themen über den Weg, bei denen ich etwas beizutragen habe. Das werde ich tun. Fiona Baine ist gegangen. Das ist sehr schade. Aber damit das nicht wieder passiert, müssen wir dort mehr werden.

Ein Letztes: Ich werde meinen Account @dieKadda nicht löschen, sondern mein Blog (immer) und meine Instragrams (gelegentlich) dort hinein twittern. Ich habe allerdings bereits seit Wochen mein Passwort an meinen Freund abgegeben und seitdem kann ich mich nicht mehr einloggen. Ich habe keine Timeline. Eure DMs sehe ich zwar, kann ich aber nicht dort beantworten. Mentions gehen ins Leere, sorry. Ihr findet in diesem Netz alle einen Weg, wie ihr mich erreichen könnt.

Es war im Übrigen sehr schön auf twitter und ich möchte diese Zeit nicht missen.

flattr this!

17 thoughts on “Warum ich twitter verlasse

  1. Kann ich gut verstehen, auch wenn ich selbst das meiste der Übelkeiten auf Twitter nur vom wohltuenden Rand aus mitbekomme. Das mit Wikipedia finde ich eine fabelhafte Idee. Alles Gute wünsche ich Dir, ich les dich dann hier weiter. :)

  2. Viel Glück für die Arbeit in der Wikipedia. Vielleicht komm ich auch mal wieder. Fionas Abgang hat mir leider etwas den Mut genommen.

    Was Twitter angeht: Und wenn ihnen nicht der Akku leer geht, dann shitstormen sie noch heute. Durch 140 Zeichen wird man nichts im Internet oder der Welt ändern, durch eine geänderte Wikipedia, die zu den meist geklickten Webseiten gehört, schon eher.

    • Hallo Kartoffelkopf,

      schade, dass du den Mut verloren ist. meine Sorge ist, dass dies alles das Problem verschlimmert. auch dieses ständige Gerede von der “sexistischen Wikipedia” – das macht nun nicht gerade Lust darauf.

      :/

  3. Twittersucht?! | Social-HBTC

  4. Hallo Kadda,

    ich denke niemand regt sich wirklich über Kleinigkeiten auf, das hat immer tieferliegende Gründe.
    Vielleicht wäre es deshalb besser erstmal ‘Licht’ zu machen, sich zu fragen was die Gründe für die eigenen emotionalen Reaktionen sind.
    Ein kompletter Rückzug, On- oder Offline ist immer ein Rückzugsstrategie die Probleme nicht wirklich löst.
    Aber es ist natürlich Deine Entscheidung und ich will hier nicht weiter ungefragt Ratschläge erteilen.

    In diesem Sinne wünsch ich Dir alles Gute.

    • nunja. ich bin keine Expertin, was da psychologisch abgeht. aber ich mache das ja nun schon seit einigen Wochen (es hat bislang btw niemand bemerkt). und ich hatte von Januar bis April eine Abstinenzphase. ich weiß also wie gesagt absolut nicht, wie man das psychologisch genau erklären kann, was das ist, was da abläuft. ich weiß nur: es geht mir so verdammt viel besser.

      also tue ich es.

  5. Klingt für mich eher nach einem allgemeinen Netzeffekt, da wo Hassliebe auf eine breite Userschaft trifft. Ich habe kürzlich als Moderator in einem Forum die Reißleine gezogen. Letztlich auch, weil ich die „Arbeit“ dort mehr und mehr als Zeitverschwendung ansah. Letztlich kann Dir mit Wikipedia also schnell das gleiche passieren.

    Schon mal drüber nachgedacht, den Twitter-Account zu behalten und alle Followings in Listen umzuwandeln. Dann kann man ab und an mal reinschauen und seine Timeline für einige wenige und wichtige Kontakte freischaufeln.

    • ich hatte zweitaccounts mit sehr sortierten Timelines – der Effekt blieb. es hat mir nicht geholfen.

      die Illusion ist, dass man glaubt, nur via twitter Kontakte pflegen zu können. aber meine relevanten Kontakte, die pflege ich nicht dort. die pflege auf anderen Wegen. von daher… :) und manchmal, aber nur manchmal, gehe ich auf twitter dot com slash *meine freunde* und lunze, ob es ihnen dort gut geht.

      :)

      ob es bei wikipedia besser sein wird – ach weißt du, die erwartung habe ich gar nicht. aber es: es kommt mir sinnvoller vor. siehe kartoffelkopfs kommentar.

  6. Ja, schade… wobei ich auch nicht mehr so intensiv auf Twitter bin wie vor einem Jahr. Ich komme nach Hause, lese ein paar Tweets, die oben auf der Timeline stehen, lese ein paar Accounts, die ich besonders mag, von oben durch, bis ich auf etwas stoße, was ich schon kenne – und das wars dann. Aber bei mir erfolgt ein Rückzug aus einem sozialen Medium immer schleichend.
    Ja, schade. Ich werde weiter hier kommentieren…

  7. Nein wirklich, entfolgen hilft! Twitter ist für mich kein Kontakthaltemedium, aus den gleichen Gründen wie du sie beschreibst. Aber als Ticker für allgemeine und persönliche Nachrichten ist es toll, jedenfalls wenn man sich die Freiheit nimmt, den Kanal auf “Launeverbessern” zu drehen. Nicht alle meine lieben Freunde machen gutes Radio, und nicht jede gute Sendung passt in meinen Tag.

  8. @Katrin

    “bei vielen, die ich entfolgen müsste,
    kann ich es nicht, denn ich mag sie und
    ich will sie wirklich nicht verletzen”

    Tja, ich schätze Du würdest Dich selbst nicht mehr als liebenswerte oder nette Person sehen, wenn Du andere ‘ärgerst’ bzw. ‘verletzt’ indem Du sie entfolgst.
    Eventuell erwartest Du auch irgendeine Art Strafe bzw. den Verlust von Zuneigung & Anerkennung.

    Mit einem kompletten Rückzug umgehst Du eben deinen inneren und äußeren Konflikt auf Twitter zwischen Abgrenzung und Selbstbestimmung und damit natürlich auch all die negativen Gefühle (evtl. aufgrund zurückliegender Bedürfnisverletzungen) die damit einhergehen.

  9. Kurzkram des Tages : Jörn Schaars feine Seite

  10. “Und jede einzelne Stunde im Real Life mit einem Menschen bringt mir mehr, als zwei Stunden auf twitter.”

    für diese einsicht hast du 4 jahre gebraucht.

  11. Es gibt viele Menschen, die wissen nicht einmal, was Twitter ist. Also: Es gibt auch ein Leben nach Twitter! :-D

    Zu Wikipedia: Ja, ist eine gute Einstiegshilfe in ein Thema, um sich rasch einen Überblick über ein Thema zu verschaffen und Querbezüge zu anderen Themen aufzufinden. Aber eben: Ich hoffe, die Menschen bilden sich ihre Meinung nicht ausschliesslich über Wikipedia, sondern lesen dann vor allem die Primärtexte selbst, aus denen Wikipedia ja vornehmlich sein Wissen zieht.
    Und: Wikipedia ist selbstverständlich selbst ein Kampfobjekt, wo es u.a. auch darum geht, was die legitime Sicht der Welt sein soll.

  12. Schluss mit det Jesülze

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