Unter Verdacht

Manchmal beobachte ich einfach die Welt um mich herum. Sie hat sich in viele unterschiedliche Pole aufgeladen. Wir haben reiche Menschen, arme Menschen, gut gebildete und solche, die wir in den Medien als „bildungsfern“ bezeichnen. Wir haben Menschen, die hier geboren wurden, Menschen, die hier her kamen, Menschen die weiß sind, schwarze, Menschen, die asiatisch aussehen.

Doch eine Kategorie, die all die Pole noch ein letztes Mal, dafür aber auch am gründlichsten dividiert ist: das Geschlecht. Meist schon auf den ersten Blick unterscheiden wir in Männer und Frauen. Was dazwischen liegt, das beginnen wir gerade jetzt erst zu benennen und sichtbar zu machen. Intersexuelle, Transmenschen, queere Menschen. Wir erkennen so jeden Tag aufs Neue und ziemlich schnell, dass um uns herum viele anders sind. Und seien wir ehrlich: Wir haben auch den Überblick verloren. Wir interessieren uns oft für „das Andere“ nicht und wir verstehen es auch nicht.

Je homogener hingegen eine Gruppe ist, desto besser verstehen wir die anderen. Und werden selbst verstanden. Diese größeren Chancen, zu verstehen und verstanden zu werden, geben uns ein Gefühl der Sicherheit, der Geborgenheit. Wir können uns eher fallen lassen, können einfach besser die sein, die wir sind. Auch und vor allem entlang unseres Geschlechts. Es gibt Frauenräume und Männergruppen, es gibt in Toronto eigene Bathhouses für Frauen und Transmenschen; Queere und Intersexuelle Menschen haben sich Räume geschaffen, wo sie unter sich sind, wo sie verstanden werden, auch im Netz. Dabei wollen wir, ich unterstelle das zumindest, eine Gesellschaft, in der das biologische Geschlecht keine Auswirkungen mehr auf unsere politischen Einflussmöglichkeiten, unser ökonomisches Fortkommen und unsere soziale Teilhabe mehr hat.

Zum Mann erst gemacht

Dass wir auf dem Weg zur Vision getrennte Räume schaffen, ist dabei kein Widerspruch. Die Realität ist nämlich eine knallhart andere. Nach wie vor haben Frauen signifikant weniger Einfluss in der Politik; signifikant weniger Teil am Vermögen der Welt, signifikant höhere Verantwortung für die sozialen Aufgaben der Gesellschaft. Lesben, Schwule, Transmenschen und Intersexuelle stehen viel zu oft noch am Rand der Gesellschaft, werden einfach nicht mitgedacht. Gelten immer noch nicht als „normal“.

Eine Frau stellt tagtäglich fest: Männer sind anders. Das ist aber keine Gegebenheit qua Biologie. Nein. Das „Anderssein“ der Männer ist gemacht – so wie es Simone de Beauvoir einmal über die Frauen schrieb, werden sie nicht als solche geboren. Es ist mein Sohn, der mir diese Tatsache immer wieder vor Augen führt. Er ist zwar ein Junge, aber ich verstehe ihn, sehe ihn, empfinde ihn überhaupt nicht als so signifikant anders, als ich selbst es mit fünf Jahren war.

Mehr und mehr Frauen meiner Generation finden dieses gegenseitige Verständnis auch in Männern. Doch es bleibt immer so ein kleines Quäntchen Unsicherheit und Misstrauen. Denn die Dinge liegen, wie sie liegen und ich erspare es mir, alle Statistik zum Stand der Emanzipation 2012 herauszuholen. Der Gleichstellungsbericht, der 2011 von der Bundesregierung herausgegeben wurde, hält bis ins Detail fest, wie lang der Weg noch ist, der vor uns liegt. Wenngleich wir also im Privaten vielleicht Männer gefunden haben, denen wir zutrauen, gemeinsam mit uns diese Emanzipation zu machen – gesamtgesellschaftlich sehen wir nach wie vor die „verbale Aufgeschlossenheit bei weitgehender Verhaltensstarre“, wie sie Ulrich Beck schon vor über 20 Jahren deutschen Vätern bescheinigte.

Vertrauen? Wozu?

Männern als der Hälfte der Gesellschaft zu vertrauen, fällt angesichts der Lage gerade vielen bewegten Frauen irre schwer. Feministinnen haben einen Begriff für ihr Misstrauen geprägt: Das Patriarchat. Eine Herrschafts-Diagnose. Unterdrückung von Frauen und auch Gewalt – das seien die allgegenwärtigen Symptome. Sexuelle Gewalt und auch häusliche Gewalt gehen zu einem großen Teil von Männern aus. Ein weiterer Begriff: „Rape Culture“, der aussagt, unsere Gesellschaft sei tendenziell dabei, Vergewaltigungen als Problem zu verharmlosen, oder gar den Opfern die Schuld zuzuschreiben. Drittens:Hegemoniale Männlichkeit – sie ist für Frauen eine permanente potenzielle Bedrohung.

Wer einmal die Geschlechterbrille aufgesetzt hat und mit offenen Augen die Welt betrachtet – ein bisschen wie im Film Matrix: Wer einmal die rote Pille geschluckt hat – kann die Welt nicht mehr mit anderen Augen sehen. Wie soll man da „einfach vertrauen“?? Das ist häufig schlichtweg nicht möglich. Vorauseilender Ungehorsam – damit fahren viele Frauen gefühlt sicherer. Das Problem ist: Die eben genannten Begriffe haben mit Sicherheit ihre Legitimation, sie beschreiben reale Probleme. Aber sie beinhalten einen Generalverdacht gegen Männer.

Bild: CC BY-ND 2.0 von red.dahlia via Flickr.com http://www.flickr.com/photos/reddahliaphotos/4211136119/

Warum vertrauen? Wozu? Weil wir nur, wenn wir wenigstens ein bisschen vertrauen, auch die Verantwortung aus der Hand geben können. Natürlich müssen die Parameter dafür stimmen. Wir können nur denjenigen Menschen vertrauen, die auch Verantwortungübernehmen. Auf der Mikroebene bedeutet das, dass wir die stereotype Rollenaufteilung qua Geschlecht absichtlich thematisieren und gemeinsam anders handeln müssen.

Dazu müssen wir es schaffen, uns davon zu lösen, einander weiterhin als „die anderen“ zu sehen. Wir müssen beginnen, einander zu vertrauen. Nur wenn auch Männer anfangen, die Verantwortung für die Entwicklung der Geschlechterdemokratie zu übernehmen, wird sie wirklich gelingen. JedeR muss sie selbst leben. Wir Frauen können es den Männern nicht abnehmen, es selbst zu tun. Und wir müssen sie es selbst tun lassen. Das Gemeine daran: Sie müssen es auf ihre Weise tun. Und wir müssen irgendwoher das Vertrauen nehmen, dass ihre Weise auch okay ist. Dass es irgendwo einen gemeinsamen Weg gibt. Dass wir am Ende an einem Strang ziehen.

Das Problem ist deutlich: Je „mächtiger“ eine Gruppe ist oder wird, desto schwerer ist es, ihr zu vertrauen. Weil es so schwer ist, in einer durch und durch gegenderten Gesellschaft noch Vertrauen zu haben, ist es ratsam, klein anzufangen: Legt die Verantwortung auf den Tisch. Da, lieber Mann, liebe Frau, da liegt sie. Nimm sie, ich lass sie dir auch. Ich hol sie mir nicht mehr zurück. Denn ich weiß: Du wirst jetzt mitmachen und wir teilen uns diese Welt jetzt friedlicher, auf Augenhöhe, respektvoll. Dass alle Menschen, unabhängig vom Geschlecht, diese Verantwortung tragen, das ist die Mindestvoraussetzung, das muss default sein. Das impliziert natürlich auch, dass wir all jene, die sie nicht wahrnehmen, zur Rechenschaft ziehen.

Offen und wachsam

Persönlich fahre ich seit langem in allen möglichen Bereichen diese „Politik“: Größtmögliche Offenheit gegenüber anderen, trotzdemwachsam bleibend.

Momentan liegt die Verantwortung für die Emanzipation vor allem bei den Frauen – und daran sind nicht nur die Männer schuld. Wir Frauen wollen gerne die Kontrolle darüber haben, dass es auch wirklich „richtig“ läuft. Mit dem Argument, dass Männer privilegiert sind, grenzen wir sie tendenziell davon aus, aktiv mitzugestalten, wie die Sache laufen könnte. Wir leben nun einmal in einer Gesellschaft, in der man Frauen und Männer nicht nur biologisch, sondern auch an ihrem Handeln unterscheiden kann. Sie alle tun ihr Geschlecht. Permanent. Sie unterscheiden sich in diesem tun massiv. Das Paradoxe ist, dass wir diese Differenz erst thematisieren, dann auch „aushalten“ können müssen, um in der Inklusion des „Anders-Tuns“ in die Reihe legitimer Handlungen einander mehr und mehr auf Augenhöhe begegnen zu können.

Dies ist ein Drahtseilakt, angesichts der Tatsache, dass diese Gesellschaft entlang von Geschlechtergrenzen hierarchisiert ist.

 

Nachtrag: Unter dem Titel “Geschlechterdemokratie als Männlichkeitskritik” hat Peter Döge in der bpb kurz erläutert, was Hegemoniale Männlichkeit ist, was etwas besser passt, als die Definition des GWI.

11 Kommentare

  1. Chomsky sagt:

    Das Problem beim Begrif, Partriarchat ist, dass er einfach alles über eine Leiste schlägt (also vereinfacht und andere Macht- und Ausbeutungsverhältnisse eskamotiert, deshalb ist m.E eine Analyse von Macht-, Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnissen viel realististscher, wenn er eben, wie die Intersektionalität, differenziert.
    Der Begriff Hegemoniale Männlichkeit wird überigens m.E. falsch gebraucht im zitierten Link, dieser Begriff will vor allem die Macht- und Herrschaftsverhältisse innerhalb der Gruppe der Männer analyiseren. Der Begriff der Männlichen Hegemonie ist dazu da, dass Macht- und Herrschaftsverhältnisse zwischen den Populationen der Männer und Frauen analysiert werden.

    Aber bei den Begriffen Männliche Hegemonie und Partriarchat geht eben auch verloren, dass Frauen selbst auch dazu beitragen, dass sie diese Strukturen wiederum selbst mitreproduzieren; sie sind also OpferTäterInnen und Männer können vielfach zu TäterOpfer werden. Diese Dialektik ist eben in diesen Begriffen vielfach nicht eingebaut und deshalb wieder einmal unterkomplex. :-)

  2. Katrin sagt:

    huch ja – in meinem Verständnis ist Hegemoniale Männlichkeit auch das “hegemoniale Konzept von Männlichkeit” und nicht “die männliche Hegemonie über Frauen” oder sowas… ich hatte da mal nen sehr guten Link von der bpb – danke für deinen Hinweis. Ich such das mal raus und trage das nach :)

    und ja: Ich thematisiere diese Begriffe ja gerade, weil ich den ihnen inhärenten Generalverdacht sehr schwierig finde – so sehr ich nachvollziehen kann, dass die Begriffe entstanden sind…

  3. Anne Arbeit sagt:

    Um ehrlich zu sein: Ich bin müde! Von dieser ewigen und unsäglichen und ewig unsäglichen Debatte über “Mehr Frauen in Führungspositionen!” Zugegeben: ich bin nicht wirklich auf dem neuesten Stand was den modernen Feminismus und ihre gegenwärtige Entwicklung betrifft und kann deswegen nur hoffen, dass sie Quotenregelungen als funktionstüchtiges Vehikel auf dem Weg der Gleichberechtigung vehement ablehnt und ihre Aufmerksamkeit statt dessen lieber auf das Prozesshafte der geschlechts,- und genderübergreifenden Gleichberechtigungsdebatte legt.

    Mein Eindruck ist der, dass Feminismus bis hier hin wesentlich dazu beigetragen hat die Genderdiskussion so laufen zu lassen wie sie eben läuft: mühsam und fruchtlos. Mein Eindruck ist der, dass die Frauenbewegung den Männern und vor allem der sog. “Hegemonie des Phallus” einen grösseren Dienst erwiesen hat als sich selbst – weil sie deutlich gemacht hat, wie es nicht geht!
    Gleichberechtigung ist eher eine private Angelegenheit denn ein grosses Politikum.
    Unsere politisch-ökonomische Wirklichkeit, die wir liebevoll Kapitalismus nennen, ist quasi-faschistoid konstituiert. Es ist ihr im Grunde egal, ob du Männlein, Weiblein, Shemale, trans,- metro,-oder asexuell bist – solange du funktionierst und leistest; nach Möglichkeit besser und mehr als deinE NachbarIn!
    Dagegen bleiben bis auf Weiteres auch FeministInnen und deren Überzeugungen macht,- damit auch weitesgehend wirkungslos.

    Mein Eindruck ist, dass der Feminismus ein grösseres Interesse an der Aufrechterhaltung der “Randgruppe Frau” hat als das Patriarchat. Wie gesagt weniger aus persönlichen und viel mehr aus politischen Gründen.
    Es mag sein, dass Homogenität eine Art von Sicherheit bietet, die unsere Eltern und deren Eltern noch nicht und unsere heutige politische Situation nicht mehr bieten kann. Wenn ich allerdings den Anderen nur dann verstehe und mich von ihr nur dann verstanden fühle, wenn wir uns auf die Gemeinsakeiten konzentrieren kann von einem Verständnis des/der Anderen im Grunde keine Rede sein; dann erkenne und verstehe ich mich selbst in meinem Gegenüber. Dieses Verständnis und diese Sicherheit sind wichtig – ohne Frage. Um zu einem Mass an Vertrauen zu finden, das es einem ermöglicht sich auf den “wirklich Anderen” einzulassen; um den tatsächlich Anderen eines Tages verstehen und ihr Vertrauen zu können.
    Bis auf Weiteres bleibt der Andere aber wohl erstmal “der Feind”, das Politische die Arena um sie zu bekämpfen und die Wirtschaft das Schlachtfeld auf dem du automatisch gegen mich bist solange du nicht ausdrücklich für mich bist. Vertrauen ist gut, Verträge sind besser.
    Und im Privatleben hat uns weiterhin die Sehnsucht nacht Frieden und Harmonie so fest im Griff, dass wir bei Uneinigkeiten eher dazu neigen dem Anderen unausgesprochen böse Absichten zu unterstellen und lieber erfrieren denn Spannungen und Reibungen als Quellen angenehmer Wärme zu erkennen.
    Lieber sich angeregt und ergebnissoffen, dafür aber distanziert respektvoll mit sich selbst unterhalten und den anderen höflich totschweigen als sich dem Risiko aussetzen, seine eigenen Fundamente auf Tragfähigkeit zu überprüfen.

    Es ist schon auch ein wenig frustrierend am Ende da zu stehen und zu sehen, dass Feminismus, Emanzipation und geschlechts,- und genderorientierte Gleichberechtigungsbewegungen ähnlich illusionär sind wie die Unfehlbarkeit des Papstes, Weltfrieden und Strafe als Erziehungsstrategie. Führt der Weg zur Vision über das Bekenntnis zur Illusion?
    Mein Eindruck ist, dass die “Neue Männerbewegung” in diesem Punkt einen wesentlichen Schritt weiter ist. Und solange selbige sich immer im Klaren darüber bleibt, dass sie das letztendlich der Frauenbewegung zu verdanken hat liegen auch all meine Hoffnungen bei ihr.

    mfg

  4. Ungeordnet:

    1. Eine Anekdote: eine Gender-Lehrveranstaltung, einführend. Teilnehmerinnen melden sich irgendwann zu Wort: es wohl äußerst kritikabel, dass Männer ausgeschlossen würden. Der Witz: es gab keinen Ausschluss, es kam nur kein einziger Mann. Die Lehrenden freuen sich über jeden einzelnen Mann, der kommt, aber es kommen kaum welche. Tatsache. Das den engagierten Frauen anzulasten, empfand ich als unsägliche Verdrehung der Tatsachen (genau das taten die Teilnehmerinnen — bevor man sie aufklärte). Und: genau das machst du mit deinem Beitrag auch.

    2. Ich empfinde die andauernde Verwendung des “Wir” kritikabel, zumal du ja ganz offensiv die LeserInnen vereinnahmst. Ich bin mit dir hier nicht deiner Meinung und möchte betonen, dass ich nicht zum “Wir” gehöre.

    3. Manche Männer sind anders, lange nicht alle. Gleichzeitig sind manche Frauen anders, zum Beispiel ich in einem gewissen Maße (dominant, tendenziell “gefühlskalt” — so nennen manche das abwertend — in Debatten etc.). Die Männer, mit denen ich mich großteils umgebe (freiwillig, Freunde, Genossen) sind meist wie ich. Einige sind weniger “männlich” als ich.

    4. Dein Feminismus rüttelt nicht an der bestehenden Ordnung, sondern zielt aufs Mitmachen. Das lehne ich ab, denn es geht der Überwiegenden Mehrheit der Frauen nicht besser, wenn 50% des konzentrierten Vermögens in Frauenhand sind. Die Aldi-Kassiererin ist dann immer noch arm, ebenso die migrantische Putzhilfe. Velleicht beseitigst du bei Gelegenheit einmal das “Leftist” aus deinem Header, dann erwartet man sich nichts falsches mehr — “Elite” passt hingegen durchaus zu den Inhalten.

    5. Dass Sexismus die dominanteste Kategorie sei, halte ich in dieser Pauschalität für falsch. In Griechenland gibt es mittlerweile dank kapitalistischer Krisenverwaltung auch unterernährte männliche Säuglinge, und auch in D gibt es genügend Harzt-IV-Empfänger. Im Gegenzug delegiert die Kapitalistin, die Vermögende, “geschlechtsspezifische” Aufgaben an MigrantInnen (ja, darunter manchmal auch Männer). Daran, dass reiche Frauen über armen Männern stehen, kann kein Zweifel bestehen. Daran, dass arme Männer über armen Frauen stehen, auch nicht.

    Ich mach hier mal Schluss.

  5. che2001 sagt:

    Den Drei-zu-Eins-Widerspruch halte ich nach wie vor für wesentlich: http://search.conduit.com/Results.aspx?q=Drei+zu+eins+Viehmann&Suggest=&stype=Homepage&SelfSearch=1&SearchType=SearchWeb&SearchSource=10&ctid=CT1561552&octid=CT1561552

    Und letztlich halte ich Patriarchat/Sexismus/Homophobie, Rassismus, Klassenwiderspruch und Imperialismus nur für unterschiedliche Facetten des gleichen Unterdrückungszusammenhangs.

    Was politische Debatten in diesem Kontext in Deutschland so sehr lähmt ist aus meiner Sicht ein Betroffenheitskult: Ich bin ja hetero/homo/proletarisch oder sonstwas, die Eigenperspektive wird in den Mittelpunkt gestellt, nicht aber die Perspektive, wie Befreiung zu erreichen sei. Vielleicht mag ich ja als Autonomen-Opa langweilen, aber ich denke, dass es da vor 20 Jahren schon mal weitergehende Perspektiven gegeben hat.

  6. willy56 sagt:

    “Das „Anderssein“ der Männer ist gemacht – so wie es Simone de Beauvoir einmal über die Frauen schrieb, werden sie nicht als solche geboren.”

    Ich dachte immer, Beauvoir meint, erst wären die Männer, die die Frauen zu dem machen, was sie sind, aus eigennützigen Motiven heraus. Aber wie ist das denn zu verstehen? Wer macht die Männer zu dem, was sie sind?

  7. “Manche Männer sind anders…” Eine schöne Hintertür, die sich aber noch viel weiter öffnen läßt: Die Gleichheit der Menschen besteht vor allem vor dem Gesetz, aber selbst das ist eine oft zu optimistische Annahme. Und die Zeit wird vielleicht nie kommen, wo über dieses Thema ein Schlußwort gesprochen werden kann. Die Menschen sind alle verschieden, aber nur ein sehr geringer Anteil von ihnen läßt sich der Kategorie “Helden” zuordnen: Helden der Arbeit, Helden des Sports, Helden der Wirtschaft, Helden des Krieges, Helden der Zivilcourage usw. – sprich, jedes Prädikat, das einen Menschen zum Vorbild für die soziale Gruppe erhebt, der er angehört, oder welches ihn zum Anführer erklärt. Ein Prozent vielleicht, die restlichen 99% sind die stillen Helden, die ihr Leben mehr oder weniger gut meistern, ohne jemals in irgendeiner Weise hervorzutreten. Oft ist es die Angst, das wenige Erreichte aufs Spiel zu setzen, die sie diszipliniert, ihren Status Quo zu ertragen und nicht aufs Spiel zu setzen. Und wer kennt nicht auch die sanften, feinsinnigen Menschen, die sich Schnecken gleich vor allem zurückziehen, was ihren Frieden stören könnte?
    “Die Degen, die die größten Eroberungen machten, sind die mit Diamanten besetzten”, sagte einst Lichtenberg. Die Verschiedenheit der Menschen sehe ich also nicht in Unterschieden der Geschlechter, Sprachen, Abstammung oder Glauben, sondern allein in ihren Möglichkeiten, gesellschaftliche Normen zu bewahren oder zu verändern. Die normative Kraft des Faktischen suggeriert, daß dies nur durch das Erreichen des oberen Endes der Nahrungskette erreicht werden kann – und die Erfahrung zeigt, daß die Menschen dabei korrumpiert werden. Die Tatsache, daß viele der großen Menschen, die neue Normen schufen, zugleich tragische Helden wurden, die für ihre Ideen getötet wurden und und daß selbst die nobelsten Verhaltensregeln noch als Begründung mißbraucht wurden, Macht und Gewalt über andere auszuüben, führt zu einem Fatalismus, dem man sich nur schwer entziehen kann.

    Wie kann man sich jener Machtstrukturen entledigen, die eine extrem kleine Minderheit in die Lage versetzt, Autorität ohne wirkliche Verantwortung auszuüben? Wie kann man die Autorität auf das Maß begrenzen, die der Verantwortung, die ein Mensch persönlich übernehmen kann, wirklich entspricht?
    Mit e-democracy?
    “Computer! Bestimme den Kurs ins Startrekk-Universum!”

  8. genova68 sagt:

    “Mein Eindruck ist, dass der Feminismus ein grösseres Interesse an der Aufrechterhaltung der “Randgruppe Frau” hat als das Patriarchat.”

    Interessanter Satz von Anne Arbeit in einem überhaupt interessantem Beitrag.

    • Katrin sagt:

      imho ist das kompletter Blödsinn.
      warum?
      das ist das klassische Strohmann-Argument. und das geht so: ein gesellschaftlicher Zustand wird kritisiert, diese kritische Haltung bekommt sogar einen Namen – hier: Feminismus. der Feminismus kämpft dafür, die Gesellschaft zu ändern. wie die Päsagogik ist sein Ziel, sich selbst überflüssig zu machen.
      da dies nicht von heute auf morgen geschehen kann – wird mensch ungeduldig und argwöhnisch. am einfachsten ist es, die Sache selbst zu diskreditieren. dann muss mensch sich nicht mehr abmühen.
      so Links wie den zum Gleichstellungsbericht kann man dann getrost ignorieren. wie praktisch!

      • Anne Arbeit sagt:

        Mag sein, dass das das “klassische Strohmann Argument” ist. Der Einwand:

        solange sich Feminismus in erster Linie auf die “Kastration” und die “Konkurrenz mit dem Phallischen” konzentriert wird es die “Hegemonie des Phallus” eher verstärken denn mindern, weil Frauen nun mal KEINEN PENIS HABEN und insofern auch immer den Kürzeren ziehen werden!

        bleibt davon allerdings unberührt.

        Wie gesagt, ich bin absolut nicht auf dem Laufenden was den modernen Feminismus und ihre derzeitige Entwicklungen betrifft. Von daher ist es gut möglich, dass schlüssige “Baub’ische Philosophien” und eine überzeugende “vulväre Politik” einfach meiner Aufmerksamkeit entgangen sind.
        Falls du interessierten LeserInnen da einige Links zur einführenden Lektüre empfehlen kannst wäre ich dankbar.

        Was mir unter dem Schlagwort Feminismus bislang begegnet ist sind – wie gesagt – mehr oder weniger erfolgreiche Versuche “im Stehen zu Pinklen” oder eben Aufforderungen an die Männerwelt, sich doch auch bitte bei kleinen Geschäften zu setzen.

        Und in so fern bleibt die Selbstverständlichkeit und der Komfort, mit dem Männer hinter den Busch gehen vom klassischen Feminismus unangetastet. Und wenn Männer sich beim Pinkeln setzen, dann weil SIE es wollen und weniger, weil der klassiche Feminismus sie mit ihren Argumenten hätte überzeugen können.

        Ungeduld? Mag sein! Aber wie gesagt weniger in Bezug auf:
        Wann wird Feminismus denn nun endlich echte Gleichberechtigung erreicht haben? und viel mehr in Bezug auf: Wo bleibt sie denn,… die “gesellschaftliche Macht weiblicher Prägung” die ein echtes Gegengewicht zur männlichen ist und sich nicht nur damit begnügt letztere beschneiden zu wollen?

        Wie gesagt, vielleicht existieren dazu längst Entwürfe und “Schlachtpläne”, konnten sich aber bislang erfolgreich an meiner, in diesen Dingen nicht wirklich ausgeprägten Aufmerksamkeit vorbei stehlen.

        Als persönlichen Angriff möchte ich meinen Kommentar allerdings auf gar keinen Fall verstanden wissen. Sollte er bei dir so angekommen sein bitte ich aufrichtig um Verzeihung.

  9. Kim Berra sagt:

    Erst Mal: danke schön für den Artikel.

    Ich bin an der Formulierung:

    “Wir Frauen können es den Männern nicht abnehmen, es [Verantwortung übernehmen; KB] selbst zu tun. Und wir müssen sie es selbst tun lassen. Das Gemeine daran: Sie müssen es auf ihre Weise tun. Und wir müssen irgendwoher das Vertrauen nehmen, dass ihre Weise auch okay ist.”

    hängen geblieben.

    Wie sieht dieses Thema aus Sicht eines – behaupte ich jetzt einfach mal – profeministischen Mannes aus? Brauchen Männer das Vertrauen der (feministischen, aber im Grunde aller) Frauen, um Verantwortung übernehmen zu können? Ich denke, eine weit verbreitete, männliche Antwort auf diese Frage wäre, ja!, weil die Frauen uns eben auch in unserer Verantwortungsübernahme kontrollieren und gerade nicht verstehen wollen. Sie wollen eben nicht verstehen, dass wir doch anders sind, z.B. unsere Kinder auch lieben, wenn wir sie nur 2x pro Woche richtig sehen. Oder dass wir unsere Parnerinnen auch lieben, obwohl wir lieber mit den Kumpels ein Bier trinken oder auf eine total wichtige Diskussionsveranstaltung gehen, als mit ihnen Zeit zu verbringen.

    Aus dieser Position heraus brauchen Männer einen Vertrauensvorschuss. Aber nur allzu oft werden Verhaltensweisen und Gefühlswelten als individuell (‘ich bin eben so’, ‘mir ist das eben wichtig’) gerechtfertigt, die doch eigentlich vom eigenen Geschlecht herrühren. Als Vertrauensvorschuss war das zitierte Vertrauen vermutlich auch nicht gemeint. Schließt sich also die Frage an, ob Männer nicht auch Vertrauen brauchen, um Verantwortung zu übernehmen? Vertrauen sich selbst oder den Frauen gegenüber? Diesbezüglich glaube ich wiederum, dass Männern hin und wieder erklärt wird, sie müssten sich selbst vertrauen, dass sie die Verantwortung (als praktisch erweiterte Männlichkeit) auch übernehmen können. Sie sollen darauf vertrauen, dass sie nicht nur Broterwerb, sondern auch Beziehungsarbeit können. Nach ein wenig Überlegung komme ich zu dem Schluss, dass das auch stimmt.

    Männer, gerade wenn sie nicht auf andere achten, auf ihre Verletzlichkeit, auf ihre Wünsche oder Bedürfnisse, sind sicher im männlichen Sinne autonom. Aber sie sind auch hochgradig abhängig von den Leuten, die ein halbwegs lebbares emotionales Beziehungsumfeld schaffen: Mütter, Freundinnen, Partnerinnen, Ehefrauen – später vielleicht auch die Töchter. Männer müssen also lernen, selbst zu sehen und entscheiden, was in Beziehungen und in der Öffentlichkeit (wie in diesem Artikel über Pornographie in der Öffentlichkeit wunderbar diskutiert wird) richtig und angemessen ist.

    Neben diesem Vertrauen in sich selbst steht aber auch das Vertrauen in andere auf der Warteliste. Das kann ich kaum formulieren. Männer vertrauen höchst selten, dass sie nicht abgelehnt werden, wenn sie kritisiert werden (mit oder ohne feministischen Argumenten). Ich zweifele einerseits am Wort ‘abgelehnt’, denn das männliche Gefühl hierzu kommt bestimmt Einsamkeit sehr nahe, erschöpft sich darin aber nicht. Noch mehr geht das Wort ‘kritisiert’ an der Sache vorbei, denn es geht dabei ja nicht einfach um die Männer, sondern um das, was sie bewirken. Jedenfalls bildet die Männer-hassende-Frau das projektive Fluchtbild für ‘kritisierte’ Männer. Der Weg dort raus ist lang und steinig.

    Hin und wieder entsteht doch eine eigene Art, Verantwortung zu übernehmen, auch bei Männern, die ihr Geschlecht erst kennen lernen. Bin gespannt, wie ich das eines Tages beschreiben kann.

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