Kickt und inszeniert euch, Frauen!

Alle sind im Rausch – dem des Männerfußballs. Wer denkt da noch an die Frauen-WM 2011? Was der Frauenfußball braucht, um an seinen Glanz vom vergangenen Jahr anzuknüpfen.

Dieser Text erschien zuerst in meiner Kolumne auf freitag.de.

Wenn Deutschland gegen Italien spielt, werden viele Menschen vor dem Fernseher sitzen, von denen ich weiß, dass sie Fußball eigentlich uninteressant finden. Für mich ist das ein Hinweis darauf, dass der Hype sehr sehr groß ist:  Während des Spiels wird es vermutlich wieder Feuerwerk über meiner Stadt geben. Vuvuzelas werden erklingen (und das Wort „Vuvuzela“ wird nicht einmal von meiner Rechtschreibkorrektur moniert – im Gegensatz zu „Hype“). Die Menschen über meiner Wohnung werden wieder laut aufspringen und brüllen. Menschen, die ich sonst nur durch Klavierspielen höre. Alle schauen Fußball. Männerfußball. Selbst ich habe mir drei Spiele angesehen, obwohl ich eigentlich keine bin, die Sport gerne im Fernsehen schaut.

Was mich aber interessiert, ist die Gender-Frage hinter diesem Phänomen. Denn Feminismus, wie er in der Encyclopedia Britannica definiert wird, ist: „the belief in the social, economic, and political equality of the sexes“, also „der Glaube an die soziale, ökonomische und politische Gleichheit der Geschlechter“. Ungleicher als beim Fußball geht nur schwer.

Davo leben kann keine

Foto: CC BY-NC 2.0 via http://www.flickr.com/people/curoninja/ 黒忍者

Ökonomisch ist der Frauenfußball jenseits der WM kaum interessant, während die Kassen nicht nur zur „Männer-EM“ klingeln, klingeln, klingeln. Sportpolitisch wird in Sachen Frauenfußball kein dringender Handlungsbedarf formuliert – obwohl er besteht. Zudem gibt es einen eklatanten Geschlechter-Bias in der Frage der Inszenierung. Was ich dieser Tage beobachte ist ein stark männlich orientiertes Fan-Verhalten. Knallen, saufen, gröhlen. Ist nicht böse gemeint Jungs: Aber ich kenne nicht wenige Frauen, die beim Stadion-Besuch während der Frauen-WM 2011 irre überrascht waren – und zwar im positiven Sinn – wie angenehm und zivilisiert dort gefeiert wurde. Eben anders.

Nach der WM ist vor der WM – zumindest im Frauenfußball, wie der Film Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer, den die Band Maiden Monsters für das Gunda-Werner-Institut gedreht hat, zeigt.
Dort berichten Frauen, wie schwierig es für „Bundesliga-Profis“ ist, Fußball und Leben zu vereinen. Denn davon leben kann eigentlich keine. Am besten vergleichen sich die Damen erst gar nicht mit ihren männlichen Kollegen – denn das würde wohl extrem verbittern. Kaum auszudenken, was für einen Fußball die spielen könnten, wenn sie nur das tun bräuchten!

Die Misere des Frauenfußballs verläuft auf drei verschiedenen Ebenen: Erstens fördern die Sportvereine, wie zum Beispiel der Dortmunder Bundesliga-Meister, den Frauenfußball so gut wie gar nicht. Das ist den deutschen Medien aber keinen Skandal wert. Womit wir bei Problem Nummer zwei wären: Es hapert deutlich an der Inszenierung. 2011 ist diese wunderbar geglückt. Alle haben mitgemacht und an einem Strang gezogen.

Denn man roch das winkende Geld – und die Investitionen haben sich auch tatsächlich gelohnt. Die Quoten waren ein Traum: 17,01 Millionen Zuschauer hingen beim Spiel gegen Japan vor der Glotze. Das Eröffnungsspiel gegen Kanada erreichte mit 60,1 Prozent den höchsten Marktwert – unglaublich! Von solch einer gelungenen Inszenierung hängt viel ab. Sie fortzusetzen wäre unabdingbar für einen Fortschritt im Frauenfußball.

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Männliche Hegemonie

Doch wer inszeniert denn so einen Sport? Es ist ein Vielklang aus DFB, Medien, teilweise auch Politik und letztendlich auch der  Wirtschaft mit ihrem Marketing. Dass es beispielsweise während der WM 2011 ein Panini-Album gab war das erste Mal bei einer Frauen-Meisterschaft und darf in seiner Auswirkung und Kraft nicht unterschätzt werden. Ein gelungener Hype setzt nämlich im Gehirn der Menschen, höchstwahrscheinlich im Belohnungszentrum an: Je mehr kleine Belohnungsmomente rund um das Event geschaffen werden (und auch wenn es lächerlich klingt, aber Sammelerfolg ist ein großer Belohnungsmoment), desto größer wird der Hype.

Aber jetzt, ein Jahr später, sind wir leider im gleichen Schneckentempo angekommen, das wir schon zuvor hatten. Da stellt sich für mich eigentlich nur die Frage: Na und? Warum sollten wir Frauen, wir FeministInnen, wir GesellschaftskritikerInnen, Fußball wichtig nehmen? Wir könnten doch einfach ganz verächtlich schauen – Gründe werden uns dieser Tage doch genug geliefert: Man führt uns zum wiederholten Male die männliche Hegemonie vor. Die Politik nutzt das Event, um sich gesund zu stoßen. Immer wieder tauchen Skandale um Wetten auf. Unkritische Betrachtungen und Berichte sind die Regel – inklusive des Outing-Verbots für schwule Spieler. Muss man sich dieses „System Fußball“ wirklich antun? Kommerz, Heteronormativität, Krawall und Intrigen?

Ich finde: Ja – aber dabei muss man ja nicht unkritisch werden, wie verschiedene Einwürfe zur WM 2011 gezeigt haben. Professor Dr. Claudia Kugelmann ist Sportpädagogin und leidenschaftliche Befürworterin des Ernstnehmens des Frauenfußballs als Chance: Sichtbarkeit. Macht. Teilhabe. Das sind die drei zentralen Gewinne, die ihrer Ansicht nach hier zu holen sind. Für mich ein Déjà-Vu: Das sind ja die gleichen Gründe, aus denen ich dafür plädiere, dass Frauen sich diese Digitale Gesellschaft zur Heimat machen sollen!

Eingerostete Akteure

Oder Frauen in diese ekelhafte Politik – die gleichen Gründe! Was aber tun? Wie soll das gehen? – Vorbilder! Sagt Kugelmann und ja genau: Das sage ich ja auch immer. Denn letztendlich liegt der politische, der ökonomische und auch der soziale Hund beim Frauenfußball genau da begraben, wo er immer liegt: Bei  schrecklichen Stereotypen.  Das Ringen um Anerkennung gelingt durch Vorbilder. Wir haben Jahrzehnte lang eingeübt, als „richtigen, echten Fußball, wie er sich gehört“ den Männerfußball zu sehen. „Es rührt sich einiges in Deutschland,“ hört man. Und erste Vorbilder erscheinen am Horizont, zum Beispiel Steffi Jones. Doch ich bleibe bei meiner eher verhaltenen Diagnose von vor einem Jahr: Die  Akteure die wir brauchen sind noch zu starr und eingerostet, als dass sich wirklich, und nachhaltig, auf absehbare Zeit etwas ändern könnte. Ich lasse mich natürlich gerne vom Gegenteil überraschen.

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6 commentaires sur “Kickt und inszeniert euch, Frauen!

  1. Es ist kein vernünftiger Grund zu erkennen, weswegen Bajramaj oder Jones weniger populär sind oder weniger Geld verdienen als Khedira und Schweinsteiger – wobei sich im Männerfußball viel eher die Frage stellt, ob die Gagenhöhe nur noch absurd ist. Und da ist die Falltiefe zum Frauenfußball enorm.

  2. Im Prinzip ist das ja das gleiche wie überall: Solange die Frauen mächtige Männer darum bitten müssen, etwas zu tun, passiert gar nichts, oder sie werden mit hübschen Kinkerlitzchen wie dieser Weltmeisterschaft abgespeist.

    Aber in diesem Fall müsste das gar nicht sein. Es gibt überhaupt keinen Grund, warum Frauenfußball unter dem Dach des (Männer-)DFB stattfinden muss, wenn bei den Herren dort offenbar nicht das geringste Interesse besteht. Die Gründung eines eigenen Frauenfußballverband wäre für Niersbach und Konsorten wahrscheinlich ein Skandal, aber wenn das klappen würde, könnte es viele Probleme lösen.

    Denn warum sollte Frauenfußball nicht vermarktbar sein? Es ist ja sogar so ein Quatsch wie Biathlon vermarktbar. (Die Damen dort gefühlt sogar besser als die Männer.) Man muss nur die unfähigen Männer loswerden.

  3. Ich frage mich ein bisschen, weshalb Frauen quasi in allen Sportarten eine Gleichheit mit Männern erzielen sollen?
    Warum können Frauen zum Beispiel nicht in anderen Sportarten hegemonial werden (z.B. Volleyball, Beach-Volleyball, in gewissen Wintersportarten etc.)?? Diese krampfhafte Gleichheit auf allen Gebieten fördert doch viel mehr quasi eine ubiquitäre Konformität. Wenn Frauen bei gewissen Sportarten hegemonial werden und Männer auf gewissen Sportarten hegemonial sind, dann ist doch das gerade das Gegenteil von Gleichmacherei, die jeden Unterschied anprangert: Mit der Zeit führt doch das in die Richtung, dass überall wieder Schuluniformen Einzug halten, weil gewisse Jugendliche sich eben durch ihre Kleidung unterscheiden, was dann wiederum als Zeichen der Distinktion und somit symbolischem Kapital gewertet wird. Gleichmacherei verhindert m.E. pluralistische Lebensformen. Deshalb: Ich halte nicht viel davon, dass Frauen und Männer auf allen Sportarten etc. nun gleich sind (ökonomisches und symbolisches Kapital), sondern dass es eben Sportarte gibt, wo Männer hegemonial und wo Frauen hegemonial sein können. Ganz abgesehen davon: Wenn alle Frauen Frauenfussball toll finden, dann wäre dies ja bereits ein riesiges symbolisches und ökonomisches Reservoir. Aber: offenbar finden nicht alle Frauen Frauenfussball sooo toll wie alle Männer Männerfussball soll finden. Sehe somit auch nicht ein, weshalb nun plötzlich die Frauen das gleiche Intersse für Frauenfussball entwickeln sollten, wie Männer für Männerfussball.

    Abgesehen davon: Ich selbst würde wohl Frauenfussball auch nicht schauen, wenn mit gleichem ökonomischem und symbolischem Kapital ausgestattet wie der Männerfussball. Aber ich schaue mir z.B. sehr gerne Frauentennis an oder Wintersport und Leichathlektik, wo Frauen ihre eigenen Disziplinen bestreiten.

  4. Muss man nicht nch früher ansetzen, wenn man will, dass Frauen Fußball spielen? Wozu ich übrigens keine Veranlassung sehe. Ich meine, lernen die Leute nicht Fußball, indem sie die ganze Zeit auf so Bolzplätzen kicken?

    Ansonsten stimme ich dir zu, dass der Fußball eine Riesenmaschine von Geld, Macht (Zum Beispiel Medienmacht: 2 spektakuläre Fälle von „Scripted Reality“ bei dieser EM) und, klar, Männern ist. Wenngleich die deutsche Mannschaft meiner Ansicht nach eher softig-perfektioniert bis schwul rüberkommt.

    Dass die Fußballerinnen schlechter bezahlt werden als die Fußballer finde ich allerdings ok. Es spielen weniger Frauen in Deutschland Fußball als Männer, es muss sich weniger gequält werden, um richtig gut zu werden, insoofern finde ich es auch gerecht, dass die Männer mehr bekommen. Es gibt auch Sportarten, in denen Frauen besser bezahlt werden als die Männer. Nein, und damit meine ich nicht das Pornobusiness Und Frauensportarten, bei denen mehr Konkurrenz ist als im deutschen Fußball oder zumindest eine Geschlechtergleichheit. Also, wo man die Leistungen besser vergleichen/würdigen kann.

    Und da kommen wir zum Beginn zurück: wollen wir wirklich, dass der Frauenfußball dem Männerfußball in irgend einer Art und Weise „gleichgestellt“ wird? Wie soll das geschehen? Zwangsaufenthalte auf dem Bolzplatz für Mädchen aus Gymnasien oder Einheitslohn für alle Fußballspieler/innen der ersten Bundesliga?

    Dass der DFB ein ekliger alter Männerverein ist, steht da auf einem anderen Blatt. Es wäre mehr möglich, aber ich warne doch davor zu sagen, Bajramaj oder sonstwer müsse „gleich“ bezahlt werden und „gleich“ viel Aufmerksamkeit haben wie Schweinsteiger (wie es hier eine tat).

  5. Nun, die Frauenbundesliga entspricht von der Leistungsfähigkeit etwa der Regionalliga der Männer (=5. Liga). Damit verglichen verdienen die Bundesligafrauen doch ganz gut.

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