Triggerwarnungspolitik und Frausein

nach langer Stille lebt eine alte Rubrik wieder auf: DER KLUGE KOMMENTAR

Ich habe dabei zwei sehr kluge und hilfreiche Kommentarstränge herausgesucht, die mir in den vergangenen Tagen über den Weg gelaufen sind.

Bei Antje Schrupps Auseinandersetzung mit der Frage, ob Frauen nicht eigentlich vielmehr seien, als weiblich sozialisierte Menschen, warf Susanna zwei Einwände in die Debatte (sie warf noch mehr ein, aber ich zitiere mal die für mich prägnantesten):

 Bei “weiblich sozialisierter Mensch” denke ich immer an eine “typische” Frau, aber damit fühle ich mich nicht gemeint. (Vermutlich fühlen sich nur wenige Frauen damit gemeint.) Wenn ich mich als Frau bezeichne, fühle ich mich weniger eingeschränkt.

Das ist genau deswegen spannend, weil sie damit sagt: Aus meiner Perspektive geschieht bei der Nutzung der Floskel weiblich sozialisierter Mensch genau das Gegenteil des intendierten. (Notiz an mich: Mehr über nicht-intendierte Effekte lesen und schreiben).

weiter sagt sie:

Natürlich kann keine Frau den Bildern von Frauen, die in unserer Kultur herumgeistern, völlig entgehen. Jede entwickelt ihre eigene Mischung aus Anpassung und WIderstand.

was für mich den Nagel eines feministischen Kernproblems auf den Kopf trifft.

Der Joachim Losehand macht dann noch einen sehr interessanten Beitrag für die andere Seite (oder nein: Er ist eher unentschieden.), der von Irene aufgegriffen und wiederum kommentiert wird:

(Zitat Joachim Losehand) Der Begriff der “weiblich sozialisierte Person” – “WSP” – entspringt meiner Meinung nach zwei Motivationen: 1) “Geschlecht” anti-naturalistisch als Kategorie und Konstrukt von Menschen für Menschen bestimmt zu verstehen, 2) möglichst umfassend inklusive Begriffe für bestimmte Gruppen von Menschen zu finden, die (sebstbestimmt) in der ein oder anderen Weise sich einem “Konstrukt” zugehörig fühlen bzw. sich so definieren.(/Zitat)

Inklusion entsteht aber nicht dadurch, sozialwissenschaftliche Fachsprache als allgemeines Neusprech etablieren zu wollen.

hier finde ich mitnehmenswert, dass neue Sprache immer auch der Reflexion bedarf: Schafft sie das, was sie soll, oder schwingen zu viele nicht-intendierte Effekte mit? Ein weiteres Beispiel wäre für mich die Nutzung einer „besonders inkusiven“ Sprache unter der Frage: Welche Ausschlüsse erzeugt sie aber neuerlich?

Die zweite Debatte, die ich quasi selbst eröffnet habe, dreht sich um Triggerwarnungen. Bei puzzlestücke wurde mein Artikel kritisch beäugt und zum Anlass genommen, die Debatte grundsätzlicher zu führen (was ich sehr begrüßenswert finde). Die Debatte ist lang, wie anzunehmen ist, aber ich freute mich vor allem über einen sehr konkreten Verfahrensvorschlag, der – juchuu – tatsächlich aus der Ecke der Betroffenen-Foren kommt, nämlich von einem/r dortigen ModeratorIn, Robin Urban:

Triggerwarnungen halte ich für sehr sinnvoll und Splats ebenfalls, auch wenn ich davon selbst nicht betroffen bin. Es haben mir schon so viele Betroffene versichert, dass es tatsächlich einen Unterschied macht, ob man beispielsweise r*tzen oder ritzen schreibt, dass ich das einfach glauben muss, auch wenn es vielleicht schwer nachvollziehbar erscheint. Der Einwand hingegen, dadurch würde ein Text unlesbar, ist mMn lächerlich.

Vor langer, langer Zeit musste ich als Moderatorin in einem Forum festlegen, vor welchen Inhalten eine Triggerwarnung gehört und vor welchen nicht. Es war eine der heftigsten Diskussionen, die dieses Forum jemals erlebt hat. Manche, die sehr gerne bl*tige Szenen zeigten, fühlten sich vom Hinweis, dass dies viele triggert, eindeutig angegriffen und konterten damit, dass ja auch niemand Rücksicht auf IHRE Gefühle nimmt, denn obwohl sich einsam fühlten und ungern daran erinnert würden, dass andere ihr Liebesglück gefunden haben, würde vor Texten mit solchen Inhalt ja auch keine Triggerwarnung gesetzt.

Tja, wie damit umgehen? Ich entschied mich für folgende Vorgehensweise:
Triggerwarnungen gehören vor Inhalte, die sogar von psychisch völlig gesunden Personen als verstörend, widerlich oder verletzend empfunden werden können und (und jetzt kommts:) DIE IM WAHREN LEBEN VERMEIDBAR SIND. Dazu gehören bl*tige Szenen z.B. in Filmen, die Darstellung von Gewalt, SVV oder Verg*w*lt*gung, Pornographie etc. pp. Denn, wenn man mit solchen Inhalten nicht klar kommt, dann kann man ihnen aus dem Weg gehen: Man sieht keine Auslandsnachrichten, man kuckt sich keine Horrorfilme oder Pornos an. Wer sein Fernsehen vor 22 Uhr abschaltet, muss damit nicht konfrontiert werden. Das meiste davon deckt sich mit dem FSK16.
Wenn man sich dagegen von verliebten Pärchen, Liebe allgemein oder, um eines deiner Beispiele zu nennen, Schokolade getriggert fühlt… nun, das ist bedauerlich, aber damit muss der Betroffene wohl versuchen, klar zu kommen. So wie man keine knutschende Pärchen auf der Straße davon abhalten kann, ihre Liebe zu zeigen oder Lindt davon abbringen kann, ihre Schokolade im Kaufhaus anzubieten, so sinnlos ist es, diese ständig präsenten Inhalte ausgerechnet in einem Forum/Beitrag etc. mit einer Triggerwarnung zu versehen.

Mit dieser Politik ließ sich immer gut fahren.

Die Sache mit den Auslandsnachrichten würde ich noch einmal kritisch hinterfragen.

Ansonsten finde ich es aber wirklich hilfreich, sich so zu orientieren. Als ich den Artikel ursprünglich für meine Kolumne im Freitag verfasste, war ich auf vielen Blogs, in denen Triggerwarnungen absolut sinnvoll waren, da Selbstverletzungen an der Tagesordnung waren – bebildert. Ich muss gestehen, dass mich die stundenlange Beschäftigung mit diesen Inhalten (von Teenagern) ziemlich fertig gemacht haben. Gleichzeitig aber haben sie mir ziemlich eindrücklich vor Augen geführt, warum der Artikel so wie er ist, wichtig war und ist. Im Gegensatz zu puzzlestückes Suggestion geht es mir um eine Differenzierung um dem ursprünglichen Anliegen auch irgendwo gerecht zu werden. Denn die inflationäre Verwendung verwässert die Idee. Wie reagieren denn traumatisierte Menschen wohl, wenn sie auf twitter alle naselang mit „Triggerwarnungen“ konfrontiert werden, hinter denen aber nur Texte oder Aussagen stecken, die der/die Warnende politisch für Falsch hält? Deswegen empfinde ich es auch nicht als verantwortliches Handeln, die Debatte von sich zu weisen.

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4 commentaires sur “Triggerwarnungspolitik und Frausein

  1. Hui, da freu ich mich aber, wenn ich zitiert werde :) (bin übrigens eine sie)

    Um das mit den Auslandsnachrichten nochmal zu präzisieren: Damit meine ich nicht Auslandspolitik, sondern Aufnahmen aus Krisengebieten, die es so in Deutschland nicht gibt. Ich selbst bin absolut kein Fan davon, sich absichtlich von Informationen fern zu halten, weil „das alles ja so schlimm ist“. Der deutsche Normalbürger hat mMn kein Recht, die Augen vor verhungernden Kindern in Afrika, Kriegstoten in Afghanistan oder den desolaten Zuständen in Asylantenlagern in Italien zu verschließen. Klar sind die Bilder schlimm, aber anders würden sie ja auch Niemanden aufrütteln. Sie müssen schlimm sein, weil die Realität schlimm ist.
    Wer jetzt aber in seiner Kindheit selbst traumatische Erlebnisse wie oben genannte erlebt hat… da verstehe ich es sehr gut, wenn diese Personen nicht von solchen Bildern daran erinnert werden wollen. Aber diese Personen sind eben von „normalen“ Leuten abzugrenzen, die von sowas einfach nichts wissen wollen, weil ihnen sonst der Sonntagsbraten nicht mehr so gut schmeckt.

    Die Nutzung von Triggern, um beispielsweise kontroverse politische Inhalte zu verbergen, geht für mich völlig am ursprünglichen Zweck vorbei. Wenn ich lese, dass die NPD wieder mal einen Aufmarsch in meiner Stadt geplant hat, dann macht mich das unendlich wütend, aber es triggert mich nicht. Ich glaube, Autoren, die Trigger auf diese Art benutzen, haben nicht die geringste Vorstellung davon, was echte Trigger eigentlich sind und auslösen.
    Man kann Trigger doch nicht vor alles setzen, was den Leser in seiner heilen Welt möglicherweise irgendwie stören könnte. Was mich wütend macht, ist kein Trigger, denn solange ich wütend bin, bleibe ich handlungsfähig. Traumaopfer, die getriggert werden, sind das meistens leider in dem Moment nicht.

    Im erwähnten Forum hatten wir mal einen User, der meist extrem unsachlich schrieb und seine Meinung universalisierte, womit er sehr aneckte. Der ging irgendwann dazu über, jeden seiner Beiträge mit einer Triggerwarnung zu versehen und unter einen Spoiler zu setzen. Dies wurde mMn zurecht als Provokation gesehen.

  2. Danke fürs Verlinken! Ich bin immer noch dabei, über deine ursprüngliche Frage nachzudenken, ob Triggerwarnungen unpolitisch sind, und eventuell schreibe ich noch einmal.

  3. Vielen Dank – auch an Robin Urban. Ich finde das einen sehr hilfreichen Abschluss für diese Debatte, und ich kann nicht so ganz verstehen, warum es darum immer noch so einen krassen wirbel gibt.

  4. Pingback: Triggerwarnungen (2): Kritische Stimmen « sanczny

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