30C3: Assange, Harrison, Machon und Appelbaum – Einschwörungen für die Zukunft

Wir leben also in der Dystopie. Spätestens der Vortrag Jacob Appelbaums heute vormittag und die neuesten Veröffentlichungen im Spiegel an diesem letzten Tag des 30C3 sollten uns das klar gemacht haben. Wer aber behauptet, die Leute hier seien bloß ratlos und resigniert, irrt.

Hier wird ganz aktiv drüber gesprochen, was für die Zukunft entscheidend sein wird. In zahlreichen Talks war die Zukunft nach Snowden Thema.
Da wären etwa die vielen Talks zum Thema Kryptographie. Zentral sind aber die Veranstaltungen rund um das Thema Whistleblowing – angefangen bei der Keynote von Glenn Greenwald, über Annie Machon bis hin zu Assange, Harrison und Appelbaum. Sie alle beschwören drei fundamentale Rechte: Das Recht auf eine unabhängige und kritische Medienberichterstattung, die auf freiem Wissen und freien Informationen beruhen; das Recht auf Privatsphäre – auch für Whistleblower und ihre Familien. Und natürlich das Recht auf echte Verfahren, faire Verfahren und rechtsstaatliche Behandlung.

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In der Dystopie zu Leben bedeutet aber: Eine rechtsstaatliche Behandlung können Snowden wie Assange derzeit nicht erwarten. Weswegen sich beide in Asyl befinden – Snowden in Russland, Assange in der Botschaft von Ecuador in London. Nicht allen schmeckt dieser Status, der Assange legitimiert, sich vor einem gegen ihn laufenden Verfahren in Schweden wegen sexueller Nötigung zu drücken.

Der Talk des Wikileaks-Gründers wurde im Vorfeld von einiges Seiten scharf kritisiert. Heise.de bezeichnete die Situation, die gerade einigen im Netz aktiven Feministinnen sauer aufstieß, als „Lackmustest für die Hackerethik“. Wer am Abend des 29.12.2013 in Saal 1 des CCH in Hamburg saß und die Standing Ovations für Harrison und den großen Applaus auch für Assange sehen und hören konnte weiß nun: Die Hackerethik kennt Prioritäten. Und da steht der Schutz von Whistleblowern ganz oben auf der Liste. Denn auf dem 30. Chaos Communication Congress in Hamburg scheint eine Botschaft über die Tage unverkennbar: Die Zukunft liegt im Mut und in seinem Schutz.

Mehr über die Rolle der Whistleblower für die Zukunft – ich hab es für FAZ.net aufgeschrieben.

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auf twitter will ich nur reinen Stoff

gut. ich bin geladen. vielleicht liegts an Weihnachten. oder an anderen Dingen, jedenfalls: Ja, ich bin unausgeglichen und aufgekratzt und leicht reizbar. Aber:

Geht’s noch sektuöser?!?
Als ich twitter den Rücken kehrte, war einer der Hauptgründe die Denunziationskultur dort und die Art, wie manche mit Leuten umgingen, die eine um 2 Prozent abweichende Meinung von der eigenen haben. Ich ging, weil ich das Gefühl hatte, dass nicht nur alles, was man sagt uminterpretiert wird, sondern dass dort in solch einem Maß social-medialer Druck erzeugt werden kann, dass sensiblere Gemüter die Schnauze halten. twitter aktiv zu nutzen hat meinen Gedanken Ketten angelegt…

aber das ist hier eigentlich egal. Die Emanzipation ist mir ja geglückt, um mich geht es nicht mehr. Ich hätte nur wahrlich nicht gedacht, dass mein etwas überempfindliches Sensorium über twitter derart deutlich untermauert und bewiesen werden könnte, wie es gestern geschehen ist.

Maike von Wegen ist eine taffe Frau. im Podcast Erscheinungsraum habe ich lange mit ihr über ihre Erfahrungen, ihre Lebenseinstellung und ihre politischen Ansichten debattiert und wenn man eines über sie sagen kann, dann dass sie mutig, unbequem und gerechtigkeitsorientiert denkt und handelt. Ja – handelt! denn im Gegensatz zu so manch anderen Gestalten schafft es Maike, ihren „Aktivismus“ über eine ständige Empörorgie auf twitter hinaus zu gestalten. Das ist ja heutzutage nicht mehr selbstverständlich.

gut. nun gibt es also aber eben diese Empöria und die sucht sich immer neue Betätigungsfelder und Methoden, um maximaler Beschämung und Denunziation zum Zwecke des eigenen besserwohl-Fühlens ausüben zu können. Legendär wurden vor exakt einem Jahr die sogenannten Creeper Cards auf dem 29C3. Und dieses Jahr sollen wir nicht ohne ein Weihnachtsgeschenk aus dieser Ecke ausgehen: Man richtete nun einen Account auf twitter ein, der einander „empfiehlt“, bestimmte Leute auf twitter „präventiv“ zu blocken, bevor diese mit schlimmen, pöhsen und – worst case! – der eigenen Ansicht widersprechenden tweets in Timeline oder gar Mention-Spalte auftauchen.

We perfectionized our denunziation tools! Yay!

und dieser sympathische Account empfiehlt nun also, Maike von Wegen zu blocken. Weil diese sich dafùr einsetzte, dass man für eine politisch zweifelhafte Petition NICHT zuallererst auf den Betreibern des Petitionsdienstes herumhackt. Das ganze kann in der Debatte um folgenden tweet nachvollzogen werden:

https://mobile.twitter.com/blockempfehlung/status/416213620536520704

es geht also um saubere Timelines für Leute, deren Leben sich derart auf twitter eingeschossen und zentriert hat, dass man es scheinbar nicht mehr aushält, in diesem öffentlichen Kommunikationsmedium mit Andersdenkenden konfrontiert zu werden.

Mein Punkt ist: ja, dieser Account namens Blockempfehlung ist grotesk lächerlich. Was müssen das für traurige Gestalten sein, die ihre eigene Bedeutungslosigkeit mit solchen Maßnahmen aufpimpen müssen. Mich erinnert das an meinen Nachbarn, der nie Gesellschaft – also Freunde zu Besuch hat – und der mir für die vor meiner Wohnungstüre stehenden Stiefel droht. Das sollte man in der Regel alles – wie sagt man so schön: Nicht mal ignorieren.

Nein – das Problem sind nicht die einzelnen Nachbarn, im Treppenhaus oder im Stream der Belanglosigkeiten. Das Problem ist diese Weltlosigkeit, die ich als um sich greifendes Phänomen jenseits von Einzelfällen wahrnehme. Weltlosigkeit – ein Begriff von Hannah Arendt und ich habe einen Draft in diesem Blog begonnen, in dem ich diesen Begriff ausführlicher beleuchten will. Das kommt noch, wird nachgeliefert. Aber ich will es trotzdem kurz erklären: bei Hannah Arendts Weltbegriff geht es um die gemeinsam von Menschen geteilte öffentliche Welt. Da geht es um Austausch und Pluralismus. Um das Miteinander im Denken und im Handeln. Es ist eine Art große Agora, wie die Griechen sie kannten. Und wozu ist sie gut? Sie ist ein politischer Raum, der dazu da sein sollte, ein Miteinander von Menschen zu ermöglichen. Dafür braucht es Kommunikation und Diskurs. Weltlosigkeit ist eine Verweigerung. Sie ist ein Statement gegen die gemeinsame Welt und für Arendt die Wurzel des Totalitären. Ein Abschotten. Und ich reagiere mittlerweile extrem empfindlich darauf, denn sie scheint angesichts der – verständlicherweise – überfordernden Komplexität sehr verlockend. Ansteckend.

Sie zeigt sich immer dann, wenn eine Person daherkommt und ganze zusammenhänge implodieren. Es ist nie nur die Schuld dieser einzelnen Person. Es ist das Phänomen der Ansteckung anderer, die plötzlich überall den Feind sehen. Es ist der Spirit des gegenseitigen Misstrauens, der Denunziation. Man beäugt die anderen nicht mehr als Teil der eigenen Welt, in der man sich wie die anderen als Menschen unter Menschen sieht, sondern nur noch auf mögliche Verfehlungen hin. die sofort angeprangert gehören. Man will in seinem Feminismus dann keine Leute mehr, die Critical Whiteness hinterfragen. Man will die „reine Lehre“. Man will seinen Stoff gefälligst ohne die störenden Sandpartikel im Getriebe. Auch wenn man ansonsten Sand im Getriebe total geil findet – aber nur, wenn man es selbst sein darf. und nur, wenn das widerspruchsfrei bleibt.

Weltlosigkeit ist keine Lappalie, sie ist der Anfang von Extremen und hat zerstörerische Kräfte. und deswegen weiß ich einfach nicht, ob ignorieren als Umgang damit wirklich noch reicht. Vielleicht könnten wir das mal debattieren.

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Die Alexijewitsch fängt die russische Seele ein

Es war nicht einfach, dieses Buch zu lesen. Durch die Dichte an Berichten und Gesprächen, die verschiedenen Perspektiven entsteht ein Werk, das viel von seinen Leser_innen abverlangt. Und dann die schonungslose Offenlegung aller möglichen Wunden. „das können Sie doch nicht schreiben“, sagt eine Gesprächspartnerin weise. Das könne man doch keinem Menschen zumuten. Doch – die Alexijewitsch mutet es uns zu.

Von Oktober bis Dezember brauchte ich für das Buch. Da immer wieder Pausen nötig waren. Sonst wäre es mir zu viel geworden. Jetzt also endlich eine Art Rezension. Für die Wostkinder. Drüben im FAZ-Blog.

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Die Ukraine als Spielball im Machtkampf der Imperien

… oder auch Möchtegern-Imperien.

Die Geschichte um die Ukraine ist spannend wie auch verwirrend. Sie ist eine weitere Episode in der Geschichte der Revolutionen im ehemaligen Sovjetunions-Raum. Von den Demonstrationen in Kiew berichten derzeit alle deutschen Medien. Beinahe täglich gibt es neue Geschehnisse. Deswegen habe ich mich für meinen aktuellen Wostkinder-Beitrag auch damit auseinandergesetzt.

Im Netz würde man sagen, was die Ukraine anbelangt bin ich ein „N00b“ – eine nicht gerade belesene Unwissende, Anfängerin. Aber: Ich habe ein Gespür für die Schaffung von Narrativen. Für Inszenierungen und die Macht der Bilder. Für das Politische in der Information. Deswegen habe ich diesen Text so geschrieben, wie er nun nachzulesen ist: Auf der Basis einiger Lektüre verschiedener Stiftungen, Hintergründe über das umstrittene Assoziations-Abkommen und Medienberichte. All das ist im Text verlinkt.

Dabei tauchte immer eine Konstante auf: „Demokratiebringen“ soll für die Ukraine vor allem bedeuten, den westlichen Kapitalismus zu adaptieren. Es werden Gesetze und Regelungen übergestülpt, ganz nach dem klassischen Motto One Size fits all. Das soll vor allem Wachstum fördern. Aber bringt das wirklich Demokratie? Dazu kommt die ständige Übertreibung des Feindbildes Russland.

In der Debatte unter dem Text darf gerne mitgemischt werden.

Bildquelle: Roggenfeld. Von Ivan Shishkin. Via Wikipedia.org

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Julian Assange auf dem #30C3: Wenn Hackerträume und feministische Hypes kollidieren

CC-BY-SA 2.0: New Media Days: Peter Erichsen

Derzeit gibt es eine sehr heiße Auseinandersetzung um den Video-Talk des Wikileaks-Gründers Julian Assange auf dem 30. Congress des CCC am Ende dieses Jahres in Hamburg. Die Auseinandersetzung dreht sich im Wesentlichen um die Frage: Ist Assange ein Vergewaltiger? Darf man einen Vergewaltiger auf einem Congress reden lassen, ihm eine Bühne erteilen?

Zwei stereotype Antworten lassen sich auf diese Frage identifizieren:

  • Natürlich ist er ein Vergewaltiger, denn er hat ja selbst Dinge zugegeben, seine Verteidigung hat Dinge zugegeben, die ich/wir als Vergewaltigung klassifizieren. Also besteht keine Frage und wer so einen einlädt ist einfach nur ekelhaft, misoygyn und antifeministisch. (so in etwa die Argumentation von Leuten, die einen feministischen Hype anzetteln.*).
  • Natürlich ist er kein Vergewaltiger solange er nicht verurteilt ist! In dubio pro Reo! Ihr blöden Feminazis könnt ja eure Creeper-Cards mitbringen und heulen. (so der Chor der aufgestachelten Hacker, die sich in einen Heiligen Krieg für die Freiheit und die Bürgerrechte stürzen, oder so)

Sollte es jetzt so wirken, als käme eine der beiden Argumentationen besser hier weg, als die andere – tut mir leid! Das war nicht meine Absicht, denn ich finde beide denkbar … ungenügend. Setzen: Sechs.

Ich bin Feministin. Und einige meiner Freunde sind Hacker. Und ich behaupte mal, dass ich ganz gut beide Welten sehen kann – und außerdem noch klar denken. Deswegen versuche ich mich an einer Standort-Bestimmung jenseits von Hype und Heiligem Krieg.

Was ist Vergwaltigung?

Vergewaltigung ist ein mit Gewalt oder Drohung erzwungener Geschlechtsverkehr – und zwar hier wie auch in Schweden. Die Gesetze in Schweden sind da überhaupt nicht anders. Das können noch so viele Blogger und Assange-Fanboys behaupten, es wird dadurch nicht wahrer. Könnte der Grund sein, warum man in Schweden den Vorwurf der Vergewaltigung hat fallen lassen. Denn – ach lest selbst:

„The appellant’s physical advances were initially welcomed but then it felt awkward since he was ‚rough and impatient‘ … AA was lying on her back and Assange was on top of her … AA felt that Assange wanted to insert his penis into her vagina directly, which she did not want since he was not wearing a condom … she did not articulate this. Instead she therefore tried to turn her hips and squeeze her legs together in order to avoid a penetration …

„AA tried several times to reach for a condom which Assange had stopped her from doing by holding her arms and bending her legs open and try to penetrate her with his penis without using a condom. AA says that she felt about to cry since she was held down and could not reach a condom and felt this could end badly.“

(Quelle: The Guardian)

Dies ist ein Fall im klassischen Graubereich*** – irgendwo zwischen Vergewaltigung und Sex – aber es ist keine Vergewaltigung. Wenn sich ein Typ so verhält, dann ist das für eine Frau erniedrigend, demütigend und das Verhalten kann man nichts anderes als ekelhaft und den Typen nicht anders als Arschloch nennen. Aber das ist keine Vergewaltigung und das wird es auch nicht dadurch, dass man diese Behauptung immer wieder und wieder wiederholt.

Die Sache geht noch weiter: Eine andere Frau hat mit Assange auch die Erfahrung nicht-konsensualen Sexes gemacht. Und es wird nicht einfacher, zu entscheiden. Schon gar nicht, wenn man nur irgend eine Bloggess ohne Jura-Studium ist, keine Richterin und keine Anwältin. Was Assange danach nämlich tat ist noch etwas weiter im Graubereich, als bislang:

They fell asleep and she woke up by his penetrating her. She immediately asked if he was wearing anything. He answered: „You.“ She said: „You better not have HIV.“ He said: „Of course not.“ She may have been upset, but she clearly consented to its [the sexual encounter’s] continuation and that is a central consideration.

(Quelle: The Guardian)

Eine feministische Lesart der Geschichte ist, dass der Sex während die Frau schläft natürlich und total klar Vergewaltigung sei. Aber auch hier möchte ich Einspruch erheben. Ich bin Feministin, aber ich hatte durchaus schon sexuelle Beziehungen, in denen das eben nicht der Fall war. Da wäre es angesichts aller Rahmenbedingungen, Vertrauen, auf Augenhöhe sein, eine rauschhafte Nacht erleben und und und… durchaus denkbar gewesen, dass so etwas konsenuell passieren konnte. Es ist absolut falsch zu behaupten, es sei ja völlig klar, dass so eine Handlung generell Vergewaltigung sei. Es kommt auf die Rahmenbedingungen an und auf die Beziehung.

Die Aussagen der betroffenen Frau legen nahe, dass es hier keinen Konsens gab. Dass es gegen ihren Willen geschah und dass es genau die Demütigung für sie war, von der ich oben sprach. Ich habe selbst schon so eine Demütigung erlebt und ich schleppe diese Erfahrung bis heute mit mir herum, auch wenn sie schon über zehn Jahre zurückliegt. Das ist eine Erfahrung, die keiner der Hacker je machen wird, je nachvollziehen können wird oder auch nur in Betracht ziehen wird, wenn er im Heiligen Krieg für die Freiheit den Feministinnen eins überbrät. Und dass sollte ihnen bewusst sein. Die Erfahrungen von nicht-konsensualem Sex wird in den meisten Fällen von Frauen gemacht und es ist ein Einschnitt in ihre Seele. Es begleitet sie in jeder folgenden sexuellen Beziehung und es verhindert, sich in ein sexuelles Abenteuer einfach unbefangen hineinstürzen zu können. Es legt einen Keuschheitsgürtel um die innere Lust, einfach aus der Angst heraus, je wieder so mies behandelt zu werden. Und so etwas sollte euch Hackern nicht egal sein – denn auch ihr könnt einer Frau begegnen, der so etwas passier ist. Denn es passiert viel zu oft.

Der Graubereich im Rechtssystem

Rechtlich ist dieser Graubereich genau das, was schon der Name sagt: Ein uneindeutiges Gebiet, auf dem es verdammt schwer ist, irgendwelche Urteile zu fällen. Würde Julian Assange sich der Anklage stellen – die keinesfalls wegen Vergewaltigung gegen ihn läuft, diese wurde wie gesagt eingestellt, es geht um sexuelle Nötigung und sexuelle Belästigung, wurde also deutlich abgeschwächt – wäre der Ausgang völlig offen. Es stünden Aussage gegen Aussage. Denn – und das unterschlagen vergessen meine feministischen Freundinnen zu gern: Die Aussage der betroffenen Frau steht gegen die Aussage Assanges (lest euch die Texte im Guardian einfach komplett durch). Und damit haben die Hacker leider recht: Hier ist noch kein Urteil gefällt, in dubio pro reo. Und es wird verdammt schwer zu beweisen sein, dass Assange das Arschloch ist, für das wir ihn alle halten. Rechtlich gesehen – und dieses Recht impliziert dann auch eine Ethik – ist die Sache also immer noch offen.

Wenn Hackerträume eigentlich platzen sollten

was ist so geil an Assange, dass alle Beteiligten, die jetzt im Heiligen Krieg sind, so abgehen? Eigentlich ist es ganz einfach und ich bitte alle Feministinnen und Allies derselben, wenigstens zu versuchen nachzuvollziehen, was der große Traum ist, den Assange verkörpert.
Dabei brauchen wir drei Basislegungen:

  1. Wir beenden ein Jahr, in dem wir mit einer unendlichen Ohnmacht konfrontiert wurden. Und als nichts anderes kann man die netzpolitische Lage nach Snowden bezeichnen. Auch und gerade wie unsere Bundesregierung in diesem Krieg agiert, nämlich sich an die Seite der USA stellend, macht nicht gerade optimistisch. Wir leben gerade eine Dystopie und auch wenn die meisten Feministinnen die ich kenne diesen Zustand noch nicht als solchen realisieren: Die Hacker-Community beschäftigt sich seit Äonen damit. Die Verschwörungstheorien, die sie hegten, ihre kleine Paranoia – alles hat sich als wahr herausgestellt! (ich übertreibe und überspitze, aber nur, weil es mir wichtig ist, dass ihr diesen Punkt mitschneidet!)
  2. Julian Assange ist der gelebte Widerstand gegen eine Welt, die sich in Regierungen, Geheimdiensten, Kriegen (deren Führung oftmals jenseits der Menschenrechtkonventionen liegt, aber das hält man gemeinsam geheim), Gemauschel hinter den Kulissen und Bündnissen jenseits von Demokratie abspielt. Assange hat mit Wikileaks den Mächtigen dieser Welt das Fürchten beigebracht. Er hat ihnen gezeigt, dass nur einer daherkommen muss, der keine Skrupel hat – schon wackelt die ganze Welt ein bisschen. Was Wikileaks damals auslöste ist ein Orkan, wie er heute an den Küsten dieses Landes herumfegt – aber der Wikileaks-Orkan fegte um die ganze Welt.
  3. Es ist der 30. Kongress, ein Jubiläum.

Okay, die letzte Basislegung mag banal klingen. Aber das ist sie nicht, denn Jubiläen erfordern immer etwas, das über dem „typischen“, dem „bekannten“ liegt. An einem 30. Jubiläum muss etwas ganz besonderes passieren. Da kommen Basislegung eins und zwei zusammen: Wir leben die Dystopie und realisieren, dass da ein Krieg stattfindet, für den wir bislang noch keinen Namen haben (und verschont mich mit „Cyberwar“ – was für ein seltendümmlicher Begriff). Zu dieser Dystopie brauchen wir – Frank Rieger brachte es voll auf den Punkt – einen HELDEN (gern auch eine Heldin, aber welche?), der (die) Hoffnung gibt. Und wenn man einigermaßen frisch denken kann, alle anderen Einwände einmal kurz beiseite lässt und sich auf die Suche begibt, eine_n Held_in zu finden, einen Widerstand zur Dystopie: Es gibt nur diesen einen. Es ist Assange. Es ist Wikileaks.

Und jetzt muss ich leider Einspruch erheben: Es ist nicht Wikileaks. Der Traum ist eine Blase und eigentlich sollte man diese Blase platzen lassen. Nicht aus feministischen Gründen. In der Geschichte der Menschheit gab es viele Helden, die Arschlöcher waren und vielleicht auch Vergewaltiger. Helden schnappen schnell über und meine Meinung über Assange ist, dass er übergeschnappt ist und dass er deswegen Frauen scheiße behandelte. Da gibt es vielleicht des öfteren eine Verbindung. Dennoch möchte man auf die Taten dieser Helden nicht verzichten und es ist wichtig, dass sie darüber sprechen. Das mag jetzt scheiße klingen, aber angesichts von weltweiten Problemen kann es wichtiger sein, einem Arschloch zuzuhören, politisch wichtiger, als auf die moralische Umsetzung von feministischen Grundsätzen zu pochen**.

Aber Wikileaks ist mehr als problematisch. Es klebt Blut an den Händen Assanges. Das lässt sich nicht wegleugnen. Ich halte Wikileaks wirklich nicht für die Lösung. Seine Whistleblower mögen die eine Seite der Sache sein. Eine andere Seite ist, wie ich aus einer Quelle im Europaparlament erfuhr, dass man davon ausgehen kann, dass in beispielsweise Syrien unzählige Menschen getötet wurden, weil man ihre Namen in Leaks fand, die einen Zusammenhang mit den USA herstellten. Damit waren sie für das Assad-Regime Verräter. Auch im Libanon hat Wikileaks zu einer Destabilisierung der Lage geführt und das kostet immer Menschenleben. So etwas ist Assange egal. Ich habe damals ein längeres Gespräch mit Herfried Münkler über Wikileaks geführt, der damals sehr stark dagegen anschrieb (zum Beispiel in der Süddeutschen) und dessen Meinung ich zu Anfang des Gesprächs nicht teilte. Aber: Er hat Recht in einer ganz wichtigen Sache: Wikileaks übernimmt null Verantwortung. Es pustet Informationen in die Welt, ungeachtet der Konsequenzen, die diese Informationen haben. Konsequenzen, die Menschenleben sein können. Hunderte, tausende, hunderttausende.

Was man meiner Meinung nach hätte tun sollen – und damit will ich auch zum Schluss kommen, ich freue mich für alles Weitere einfach auf eine rege Diskussion, die ich aber streng moderieren werde:

Den Guardian und Snowden lobpreisen

Der CCC sollte anstatt sich hinter Assange zu stellen, den Guardian und Snwoden gebührend huldigen. In meinen Augen ist das, was dort dieses Jahr gelaufen ist, Whistleblowing at its best. Wir haben einen Journalismus, der sich nicht erpressen lässt, der einem Menschen den nötigen Platz einräumt und der gleichzeitig auch die Verantwortung für die Informationen trägt (IMHO der Grund, warum die Infos so stückchenweise aus dem Guardian kommen, und nicht wie bei Wikileaks alles auf einmal rausgeballert wird). Und wir haben einen Edward Snowden, der ein perfekter Held ist. Keine Ahnung, wie die realen Chancen stünden, ihn für einen Video-Talk zu bekommen. Aber irgend jemanden aus diesem Umfeld könnte man sicher bekommen, oder den Chefredakteur des Guardian. Oder gar eine Frau, die Snowden monatelang begleitete: die Wikileaks-Journalistin Sarah Harrison. Hier liegt für mich so viel mehr Hoffnung, als in einem Assange, an dessen Händen Blut klebt.

Ich kann mir vorstellen, wie verdammt schwer das für euch ist. Aber lasst Assange los. Er ist nicht der Held, den diese dystopischen Zeiten brauchen. Ihm fehlen entscheidende Heldenqualitäten und ich persönlich vermute die Ursache liegt in seinem Ego.

* Was ein Hype ist, erklären Marco Herack und ich in einem Vortrag auf der Open Mind 2012.
** dies ist eine gute Gelegenheit, den Hackern das „Yes means Yes“-Blog ans Herz zu legen

*** vor einigen Jahren wurde auf jetzt.de die Debatte über diesen Graubereich durch eine Userin ausgelöst, die über ihre Erfahrungen schrieb. Das SZ-Magazin griff die Debatte auf und sprach dazu mit einem Sexualpädagogen. Beides ist als Zusatzlektüre lesenswert – und hilft hoffentlich ein bisschen zu verstehen, was ich mit Graubereich meine.

Zusatz: bitte denken Sie daran, dass ich hier mit „die Hacker“ nicht den CCC oder die Orga meine. Nach meinen Kenntnissen ist in diesen Kreisen Assange nicht gerade beliebt.

2. Zusatz: Ich konstruiere hier mit „die Hacker“ und „die Feministinnen“ so eine Art Webersche Idealtypen-Gegenüberstellung. Das hat den einfachen Grund, dass ich einen Punkt damit klarmachen will. Es dient einfach der Zuspitzung. Dabei nehme ich wissend in Kauf, dass sich diese beide Idealtypen auch je einem Geschlecht zuordnen – im Text. Auch wenn das in der Realität natürlich nicht so ist. Es gibt sowohl weibliche Hackerinnen als auch männliche Feministen und die Argumentationslinien dieser können durchaus von dem hier dargestellten Idealtypus abweichen. Mein Anliegen ist es nicht, Stereotype festzuschreiben. Mein Anliegen ist es, die Botschaft des Textes herauszustreichen, plastischer zu machen. Ich wurde mehrmals darauf hingewiesen, dass dies negativ ankommt. Das tut mir leid und ist nicht meine Absicht.

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iGuckungläubigundkannsnichtfassen

Da spricht eins von Solutionism und der Eingriffe der Apps und Gadgets in unser Leben, und schon kommt eine App aus Absurdistan des Weges, deren Groteske man mit Worten nur schwer erfassen kann.

Die App iSchatz weiß ganz genau, wie lange ihr schon zusammen seid! Muss man sich das wenigstens nicht mehr selbst merken.

Die App iSchatz weiß ganz genau, wie lange ihr schon zusammen seid! Muss man sich das wenigstens nicht mehr selbst merken.

Die App mit dem klangvollen Namen „iSchatz“ ist eine Unterstützung im ach so schwierigen Beziehungsmanagement. Endlich muss man sich nicht mehr den blöden Tag merken, an dem man Zusammenkam! Endlich schluss mit der nervigen und belastenden Hochzeitstagsvergesserei! iSchatz ist immer für euch da, als Paar. Auch in den schweren Zeiten, denn man kann ihr sogar sagen, wann es Beziehungspausen gab – die werden dann automatisch von der Berechnung der Gesamtzeit, die man zusammen ist, abgezogen.

Aber ich fasele von belanglosen Dingen und vergesse die wahren Knaller-Features! Mit iSchatz könnt ihr immer nachverfolgen, wo euer SCHATZ gerade herumscharwenzelt (aber aufpassen, dass ihr auf der Suche nicht verrückt werdet!).

Verfolgt euern SCHATZ live auf dem Smartphone!

Verfolgt euern SCHATZ live auf dem Smartphone!

Die App bietet zudem ein ständiges Stimmungsbarometer von eurem Schatz. Was bedrückt den Schatz? Was macht den Schatz froh? Hat Schatz seine Tage oder einen Kater? Oder einfach nur Durchfall? – Man muss solche unangenehmen Dinge nun nicht mehr besprechen – man kann sie einfach in die App eingeben, die sich mit der iSchatz-App des Schatzes synchronisiert und kann sich endlich anschweigen, wird in Ruhe gelassen.

Wenn man es geschafft hat, schon recht lange mit einem Menschen auszuhalten, der tatsächlich ansprechbar für Dinge wie iSchatz ist, kann man davon auch seinen Freunden auf Facebook erzählen (und auf twitter, google-Plus…).

Liste der Dinge, die SCHATZ mag

Liste der Dinge, die SCHATZ mag

Eine besondere Hilfe ist außerdem die Merkliste der Dinge, die euer SCHATZ gerne mag: Welche BH-Größe hat mein Freund? Welche Blumen schenke ich ihm zum Valentinstag (an den ich von iSchatz natürlich per Push-Nachricht erinnert werde!), welche Süßigkeit mag mein Pummelchen am liebsten und und und… Es gibt nichts, was man dem iSchatz-Profi-Beziehungs-Organizer nicht erzählen kann – und endlich wird der ganze Stress und Druck aus der dummen Beziehungskiste rausgenommen.

Wer nun noch zweifeln sollte, darf eines nicht vergessen: Ihr lasst eine einmalige Chance liegen, ein umfängliches und lückenloses Profil eures Partners zu bekommen, was seine Gewohnheiten, Vorlieben, seine Wege und Stimmungen, eure gemeinsamen Erlebnisse und hinter euch gebrachten Jahre – puhhh – betrifft! iSchatz hilft euch dabei, den Überblick über eure Beziehung nicht zu verlieren – es ist also neben dem obligatorischen Multi-User-Google-Kalender das absolute MUSS für alle Polyamourösen.

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Plattreden statt verstehen wollen

Es gibt da diesen Mann, der spaltet die so genannte Netzgemeinde. Dieser Mann behauptet, dass das Internet nicht nur und einzig ein Segensbringer ist, sondern hinter den schönen gadgets und wunderbaren kostenlosen Services eine Menge Tücken stecken.

Diesen Mann, Evgeny Morozov, habe ich bei einem Vortrag live erleben können. Davor habe ich schon zahlreiche seiner Kolumnen in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung gelesen. Bei seinem Vortrag erklärte er, was er mit dem Wort „Solutionism“ meint: er versteht darunter die Tendenz, Probleme durch digitale Anwendungen und Apps zu lösen. Ein Beispiel: jemand möchte aufhören mit Rauchen. Anstatt einfach damit aufzuhören, dirigiert er die Verantwortung für seinen Erfolg an eine App namens iQuit Smoking. Diese App überwacht, und dirigiert seinen Alltag, seine Ernährungsgewohnheiten,sogar ein bisschen seine Denkweise. Und zwar in denen sie mehrmals täglich Push Nachrichten sendet, die den Aufhörenden nötigen, einzugeben und festzuhalten, wie er sich in Bezug auf Rauchen, Ernährung und Gedanken in Bezug auf das Rauchen verhält.

Ähnliche Apps und gadgets gibt es für alle möglichen Bereiche des Quantified Self, also Gesundheit, Ernährung und Sport. Eher Zukunftsmusik scheint noch, eine Überwachung der eigenen Mülltrennung verknüpft mit einer App auf dem Smartphone, die meckert wenn man falsch sortiert, und wo man mit seinen Facebook Freunden teilen kann, wenn man seine Mülltrennung perfektioniert hat. Zukunftsmusik, die heute in einem kleinen Umfang schon gespielt wird.

Die Verknüpfung mit sozialen Medien ist ohnehin der Knackpunkt: der soziale Druck soll dazu genutzt werden, am Ball zu bleiben, nicht zu schwächeln und sich bloß keine Blöße zu geben etwas falsch gemacht zu haben.

Evgeny Morozov wendet ein, dass dieses Solutionism eine relevante Richtungsänderung in der Einstellung des Menschen zu: seiner direkten Verantwortung, politischer und struktureller Notwendigkeiten und Verantwortung, sowie sozialer Notwendigkeiten und Überwachung ist. Macht sich in unserer Zukunft jemand verdächtig, der kein Smartphone hat? Machen sich Menschen verdächtig, die soziale Netzwerke meiden? Und kann es sein, dass durch solche Apps befördert wird, dass Probleme deren Lösung eigentlich eine politische Angelegenheit wären, etwa Umweltprobleme, zu einem privaten und individuellen Problem gemacht werden, dessen Lösung durch Apps gesteuert wird?

Die Gedanken des jungen Weißrussen sind klug, und er belegt sie mit zahlreichen Beispielen die in die Richtung weisen, die er befürchtet. Das ist zumindest meine Einschätzung. Doch was ich in der Debatte um seine Thesen und Befürchtungen erlebe, ist Häme Ablehnung, wegignorieren. Die einen Lächeln einfach nur müde und benennen die Thesen als „Quatsch“. Die anderen ranten ganz offen und ohne scheu auf Twitter darüber, dass diesem jungen Mann in einer Zeitung wie der Frankfurter Allgemeinen Platz geboten wird, und behaupten einen Zusammenhang mit der Denkrichtung Frank Schirrmachers, den man gleich mit als hirnrissig abstempelt.

Bei genauerem hinsehen wird deutlich, dass diese starke Abwehr vor allem daher rührt, dass man selbst seit vier Jahren oder noch länger das genaue Gegenteil verkündet und damit das wenige Geld einnimmt, dass man zum Leben noch hat. Das Internet ist super, kostenlos ist toll, Werbung ist Klasse, und wenn die – jetzt hätte ich fast Stasi gesagt – SCHUFA Facebook und Twitter analysiert und in ihre Bewertungen mit einfließen lässt, ist das doch voll toll!

Evgeny Morozov wird dabei systematisch missverstanden. Und systematisch sage ich, weil ich denke dass es System hat, wenn man jemanden nicht liest, jemandem nicht zuhört und sich auf eine Debatte nicht einlässt, allein aus dem offensichtlichen Grund, weil es das eigene Theoriegebäude zum einstürzen bringen könnte.

Marco Herack hat die 600 Seiten des Buches smarte neue Welt von vorne bis hinten komplett gelesen. Im aktuellen Beitrag der Wostkinder erklärt er, was dieses Buch versucht. Ich bitte euch um freundliche zurKenntnisnahme.

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