Die Grünen und die Bürgerlichkeit


Ich will Grüne Spitzenleute für ur-grüne Ideale kämpfen und eintreten sehen! Weg mit der Zaghaftigkeit! Weg mit dem bürgerlichen Image! Nicht nur, weil es mir nicht gefällt, sondern weil es ganz real Wähler_innenstimmen kosten wird.

Seit in Baden-Württemberg die Grünen regieren und das Ländle so herrlich zufrieden mit ihnen ist, verschließe ich relativ absichtlich meine Augen davor, dass die Grünen nun erwiesener Maßen eine bürgerliche Partei sind. Also mindestens dort unten im Süden. Denn dass ein Land, in dem ich selbst 13 Jahre lebte und in dem es bis zur letzten Wahl seit Kriegsende 1953 keine andere Regierung als eine CDU-geführte gegeben hat, nun grün ganz toll findet… womit hängt das wohl eher zusammen: a) damit dass die Bürgerinnen und Bürger dieses Landes plötzlich einen Massen-Sinneswandel erlebten oder b) damit, dass die Grünen dort für die gleichen Leute plötzlich okay, weil angepasst sind. Denn seien wir ehrlich: Nach Fukushima und nach dem Stuttgarter Bahnhofsgau war in BaWü die Sehnsucht nach einer stärkeren Ausrichtung auf die Belange der Umwelt zwar wichtig. Aber gewisse Kröten schlucken Wähler_innen nur bis zu einem bestimmten Level.

Seit in Baden-Württemberg ein Grüner regiert erzählen mir immer wieder Menschen von der neuen grünen Bürgerlichkeit. Bislang wollte ich das nicht hören. Ich lebe dort nicht mehr. Und wenn die BaWüler_innen dort froh sind mit ihren bürgerlichen Grünen – was ist daran denn falsch? In Berlin möchte ich solche Grünen halt bitteschön nicht, die über Alkoholverbote an öffentlichen Plätzen nachdenken und andere Spießer_innen-Politik!

Doch dass BaWü nicht nur ein Land da unten im Süden ist, sondern ein bisschen in vielen Grünen die Sehnsucht nach dem Regieren, nach der Macht und damit nach einer Bürgerlichkeit blüht, die all das zu ermöglichen scheint, macht das Augen-verschließen schwer! Das merkten wir zum ersten Mal in Berlin vor einem Jahr, als die Überfliegergrünen mit Zugpferd Renate grandios gegen die Wand liefen. Warum? nun ja, sagen wir, die Renate hat sich leider ein bisschen zu bürgerlich gegeben. Ihre Äußerungen zum Umgang mit Cannabis seien hier nur Beispielhaft genannt. Die Leute rannten in Scharen zu den Piratinnen und ganz ehrlich: ich kann das total verstehen. Solche Grünen braucht das Land nicht!

Für Bürgerlichkeit und Betonköpfigkeit haben wir zwei andere Parteien, die das zuverlässig abdecken: Rot und Schwarz.

Ich bin seit zehn Jahren bei den Grünen, weil ich an die Visionen im Grundsatzprogramm (das im Jahr meines Eintritts verabschiedet wurde) glaube. Da steht sehr viel drin – nur leider scheinen einige Amtsinhaber_innen und Funktionär_innen darauf nicht viel zu geben. Ich schaue immer wieder da rein, es ist gut! Da steht zum Beispiel, dass die Grünen Cannabis legalisieren wollen und da steht auch, dass sie das Ehegattensplitting abschaffen wollen. Eine Forderung, die ich bislang für absoluten innergrünen Konsens gehalten hatte. Pustekuchen!

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Als ich am 22.09. beim Geschlechtergipfel der Grünen NRW mit Cem Özdemir auf dem Podium saß, dachte ich wirklich mich trifft der Schlag, als dieser anfing, die Abschaffung des Ehegattensplittings zu relativieren. Mit starkem Gegenwind müsse man da rechnen. Man dürfe nie vergessen, dass man die Menschen mitnehmen müsse, dass man sie nicht überfordern dürfe – relativier, relativier, relativier. (Das alles nur sinngemäß. es hieß eigentlich, es hätte eine Aufzeichnung des Podiums gegeben und das sei auf youtube anzusehen, aber von diesem Panel ist bislang nichts zu finden – wenn es da was gibt, gerne bitte melden!)

Ich bin wirklich wütend geworden. Diese Zaghaftigkeit sollten sich die Grünen bitte sparen – damit würden sie ihre Kernklientel verschrecken – sinngemäß so etwas sagte ich daraufhin. Ich erwarte – und auch das sagte ich wenn ich mich richtig erinnere sinngemäß – von den Grünen ein Einstehen für emanzipatorische Politik. Wenn nun sogar schon das Ehegattensplitting so relativiert wird, wo ist dann noch Politik für Geschlechterdemokratie zu erwarten? Das Ehegattensplitting geht vorbei an den 49% der Ehen, die geschieden werden (oft mit Kindern dazwischen), es geht vorbei an all jenen, die sich von vornherein gegen die Ehe entscheiden (nicht nur im im Osten steigen die Zahlen der ehelosen Partnerschaften – die Ehe verliert an Bedeutung!), es geht vorbei an all jenen, die Sozialmaßnahmen empfangen und keine Steuern zahlen, und es geht vorbei an all jenen, die in Regenbogen-Beziehungen und -Familien leben. Wer, wenn nicht all diese Menschen, sieht in den Grünen zuallererst ihre Interessensvertretung? Wer, wenn nicht die Grünen soll denn bitteschön für die Rechte all dieser Menschen eintreten? Die Piratinnen etwa? Hahahaha

Mir bleibt nur zu hoffen, dass Cem an diesem Tag irgendwie unausgeschlafen war und deswegen irgendwie Quatsch erzählt hat. Doch in der Gesamtkonstellation heißt es bei den Grünen nun: wachsam sein. Sie verlassen sich schlimmstenfalls zu sehr auf die Tragfähigkeit ihrer neuen Bürgerlichkeit. Das steht auch zu vermuten, wenn KGE, die aus der Urwahl als Spitzenkandidatin nebst Trittin hervorging, in jedem zweiten Interview, das ich mit ihr höre, darüber schwafelt, dass Bürgerlichkeit für sie ja etwas ganz Positives und für sie *persönlich* ja auch anders besetzt sei, grüne Bürgerlichkeit eben.. also *natürlich* nichts mit CDU zu tun hätte. Oder so. Das ist schlimm. So ein Wording ist direktes politisches Anbiedern bei der Partei, die nach der derzeitigen Prognose wohl wieder regieren wird. Und die dann die Wahl zwischen Grün und Rot haben dürfte.

Es ist so:

ich sähe Grüne gerne regieren. Aber nicht in einem derartigen vorauseilendem Gehorsam.

Grüne sollen regieren wenn sie dabei für

– eine komplettErneuerung der sozialen Sicherung eintreten und in einem Koalitionsvertrag massive Änderungen an Hartz IV vornehmen (dass sie in egal welcher Konstellation – ob Rot-Grün oder Schwarz-Grün wohl kaum die Abschaffung erreichen werden, so realistisch bin ich. Aber wenn die Grünen es nicht schaffen, aus Hartz IV, für das sie immer noch direkte Verantwortung tragen, weil es unter ihrer Regierungsbeteiligung beschlossen wurde, die ganzen unmenschlichen Regelungen heraus zu bekommen, dann werden sie auf sehr sehr lange Zeit Vertrauen verspielen)

– eine neue Bildungspolitik eintreten und das Kooperationsverbot zwischen Bund und Ländern nicht wie Annette Schavan als Ausrede dafür nutzen, im Schul-Bereich, in dem unheimlich viel getan werden muss, keine Anstrengungen für eine Reform zu unternehmen (die bundesweiten Bildungsstandards sind schließlich auch möglich; IMHO wäre als erster Schritt eine bundesweite Lehrer_innen-Intiative für Neues Lernen als erster Schritt notwendiger gewesen). Im Moment ist Bildungspolitik von der Bundesebene her vor allem „Exzellenzpolitik“ und an eine gut situierte Klientel ausgerichtet. Grüne Politik hat sich immer auf die Fahne geschrieben, für Gerechtigkeit einzutreten. Wo wenn nicht bei der Bildungspolitik ist (neben der Sozialpolitik) diese zu verwirklichen?

– in der Post-Sarrazin-Zeit wird es ein zentrales Thema sein (das auch wieder bei Sozialpolitik und bei Bildungspolitik ansetzt), dieses Land zu einem Land der Vielfalt, einem Land der Vielen zu entwickeln. Hier leben viele Menschen, die selbst oder deren Eltern hier nicht geboren sind. Sie sind Teil dieses Landes und immer noch haben wir weder auf der sozialen noch auf der politischen Ebene ein unverkrampftes und offenes Miteinander er/gefunden. „Multikulturell“ war einst ein Kernwert grüner Politik – von Demagogen wie Sarrazin hat man sich davon abbringen lassen, es als Wert in der eigenen politischen Sprache noch zu benutzen. Im Grundsatzprogramm steht es noch drin.

– Geschlechterdemokratie mit Leben füllen: das Ehegattensplitting abzuschaffen hatte ich dabei noch als Minimalkonsens angesehen. Wie steht es aber um eine Vision für eine neue Arbeitswelt? 32-Stunden-Woche? Anyone? In Berlin haben wir auf Initiative der Grünen hin mit Bettina Jarasch eine sehr spannende Diskussion begonnen, wie Geschlechtergerechtigkeit in der Arbeitswelt angegangen werden müsste – Kapitalismuskritik inklusive.

– dies sei auch das letzte Stichwort: Kapitalismuskritik – dafür sind die Grünen sich mittlerweile zu schade, oder? Oder läuft es nur unter meinem Radar? Doch genau dafür sollten die Grünen in Krisenzeiten letztlich stehen. Das bedeutet ja nicht, dass man gleich in das völlige extrem verfallen muss – es gibt schon eine für einen demokratischen Sozialismus eintretende Partei, das brauchen wir nicht. Aber die Grünen haben sich in ihrer letzten Regierungszeit den angeblichen „Zwängen des Marktes“ allzu oft unterworfen. Es ist kein Geheimnis, dass unter Schröder der Neoliberalismus (und ich meine das hier nicht nur als Buzzword!) florierte wie nie zuvor – unter Beteiligung der Grünen. Wie bei Hartz IV (und das hängt da ideologisch direkt dran) ist hier Aufarbeitung gefragt und auch eine Politik des Gegensteuerns. Linke Politik (und dafür stehen die Grünen schon noch, oder???) lässt sich auf angebliche Alternativlosigkeiten, die vom Markt und von der internationalen Wettbewerbsfähigkeit diktiert werden, nicht vorbehaltlos ein. Sie sucht nach anderen Leitlinien und Orientierungsplanken und vor allem übt sie Wachstumskritik.

Nicht falsch verstehen: All diese Ansätze und Ideen, Visionen und Forderungen sind innerhalb der Grünen vorhanden. Mir geht es nicht darum, zu kritisieren, dass man all das längst über Bord geworfen hätte. Mir geht es vielmehr darum, dass diese und andere Paradigmen, Werte, Grundorientierungen die ich für ur-grün halte, nicht in einem vorauseilenden Gehorsam und schon gar nicht um des Mitregierens willen relativiert werden. Dieses ständige beharren auf Bürgerlichkeit ist in meinen Augen aber ein Hinweis darauf. Bitte seid wachsam. Denn ich möchte gerne grün bleiben können. Aber ich bleibe das nicht um jeden Preis!

PS: Ich habe das Grundsatzprogramm mal nach „bürgerlich“ durchsucht…

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Kinder: Allmachtsphantasien und Flausen im Kopf

Beim Märchenstunde-Podcast, zu dem mich @343Max und @bjoerngrau eingeladen haben, plauderten wir immer mal wieder über Kinder und wenn man vielleicht vermuten mag, dass da in mir vor allem die Mutter hervorkam (was sie natürlich auch tat), so doch auch immer die Erziehungswissenschaftlerin.

Ein paar Gedanken möchte ich an dieser Stelle noch einmal vertiefen, weil sie mir seitdem noch im Kopf herumdrehten.

Allmachtsphantasien

Zum Thema Allmachtsphantasien habe ich ja viel gesagt. Das ist ja ein zentrales Motiv, das mit dem Märchen „Sechse kommen durch die ganze Welt“, das Björn im Podcast vorlas, stark bespielt wird. Wie ich bereits andeutete hatte ich das Märchen auch deswegen ausgesucht und gefiel es mir deswegen auch sehr gut.

Welche Bedeutung diese für Kinder haben, deutete ich ebenfalls an und zitierte Sibylle Berg mit „Kinder muss man sorgfältig behandeln, sie sind so grauenhaft ausgeliefert.“ Das sagte diese in einem Interview mit der FAZ (das auch ansonsten sehr großartig ist).
Wer Kinder hat kennt bestimmt die Phase, in der sie permanent Rollenspiele spielen. Gerne sind sie dabei Löwen und fürchterlich gefährlich. In einer Ausgabe des Berliner Elternbriefs des Arbeitskreises Neue Erziehung e.V. stand dazu, dass es sehr wichtig für Kinder sei, dass diese Phantasien von den Eltern nicht zerstört, sondern auch unterstützt würden. Denn Kinder seien in ihrem eigenen Erleben sehr oft hilflos, schwach und abhängig – und es sei deswegen für sie und ihre Psyche nicht unerheblich, wenigstens im Spiel eine andere Rolle annehmen zu können.

CC BY-ND 2.0 von gematrium via Flickr

 

Wer diese Allmachtsphantasien von Kindern sehr toll aufgegriffen und umgesetzt hat, ist bekannt: Astrid Lindgrens Pippi Langstrumpf ist pädagogisch gesehen gerade deswegen so wertvoll und gerade deswegen auch schwer wegzudenken. Doch diese Wünsche nach Macht und Stärke der Kinder zu tolerieren – zu fördern gar – finden nicht alle Menschen gut. Lindgrens Geschichten sprengten allzu oft das für viele Erwachsene Ertragbare. Während sie immer Partei für die Kinder ergriff, und die Welt stets mit Kinderaugen zu beschreiben suchte, widersprach sie einer Doktrin, dass man den Willen der Kinder brechen müsse. Eine Doktrin, die noch bis heute bei vielen Menschen tief verankert ist. Die sich in scheinbar gutmeinender Manier äußert, wenn Leute Bücher schreiben, die uns klarmachen sollen, warum aus unseren Kindern „Tyrannen“ werden.

Flausen im Kopf

„Nichts als Fissimatitten im Kopf, dieser Michel!“ – so lautet ein Spruch der Magd Lina, die in den Geschichten über „Michel aus Lönneberga“ die Rolle derjenigen einnimmt, die mit den Flausen und Streichen von Kindern nichts anfangen kann. Michel meint es aber nie böse, das weiß jedes Kind. Im Grunde ist er sehr hilfsbereit und hat ein gutes Herz – doch er treibt ein ganzes Dorf in den Wahnsinn.

Zwei weitere Figuren mit nicht gerade wenig Flausen im Kopf sind Lotta und Karlosson vom Dach. Mit ihrem Buch „Lotta zieht aus“ hat Astrid Lindgren auf eine sehr radikale und unglaublich einfühlsame Art und Weise die Sichtweise eines Kindes widergegeben. Lotta wacht morgens auf und meint, dass ihre Geschwister ihren Teddy gehauen hätten. Doch das hatte sie nur geträumt. Aber sie hat so schlechte Laune, dass sie ihre Mutter sehr ungerecht behandelt und einen selbstgestrickten Wollpullover zerschneidet. Alle anderen sind daran schuld – findet sie und sich selbst empfindet sie als Leidtragende. Weil sie so wütend ist, beschließt sie auszuziehen. Auch hier gab es, wie ich in der Lindgren-Biografie „Jenseit von Bullerbü“ nachlesen konnte, einen kleinen Aufschrei. Das Kind sei schließlich komplett ungezogen – wie könne es da sein, dass es nahezu ungestraft machen könne, was es wolle?

Lottas Eltern sind (in den Augen Astrids Lindgrens – in meinen beinahe auch) ideale Eltern. Sie reagieren immer konstruktiv und liebvoll, haben die Geduld gepachtet und selbst wenn sie einmal streng werden, so lenken sie doch immer ein und nie wird Lotta erniedrigt, selten bestraft und meistens einfach nur mit Liebe überschüttet. Das entspricht zutiefst Astrid Lindgrens Grundsatz, den Kindern Liebe, mehr Liebe und noch mehr Liebe zu schenken – dann kämen die Manieren von ganz allein. Astrid bricht damit ein Tabu: Sie bricht mit der Überzeugung, dass Kinder immer und überall einen Machtkampf spielten.

Es gibt im realen Leben sicherlich keine Eltern, die so sind. Doch genau darum sind die Geschichten Astrid Lindgrens für viele Kinder so wichtig. Denn sie greift stets eine Sehnsucht auf – und damit zeigt sie den Kindern auf eine wunderbare Art, dass diese Sehnsüchte nicht „falsch“ oder „ungezogen“ sind, sondern ganz natürlich und legitim. Seien es die perfekten Eltern, seien es die Superkräfte einer Pippi Langstrumpf, die „Erlaubnis“ ständig ungezogen und völlig frech zu sein, wie Karlsson vom Dach oder eben die Erkenntnis, dass auch andere Kinder in ihren kleinen Herzen und Bäuchen manchmal eine Trauer und eine Wut haben, die für Erwachsene nicht nachvollziehbar ist – die aber ganz genau so in einer Geschichte auch zu finden ist.

Trotzige Eltern

Eine ganz ähnliche Haltung wie Lindgren nimmt der Familientherapeut Jesper Juul ein. Nach seiner Überzeugung sind im „Trotzalter“ weniger die Kinder trotzig, als vielmehr die Eltern. Das schreibt er in seinem Bestseller „Dein kompetentes Kind“. Und ich halte das nicht einmal für sonderlich falsch. Aber ich möchte nicht weiter darauf eingehen – sonst artet der Artikel aus. Wer das gerne nachlesen möchte – was ich empfehle – findet im „kompetenten Kind“ alles (eine kleine Kostprobe ist dieses Interview in der taz).

Was wichtig ist, gerade im „Trotzalter“ und im Vorschulalter, das erlebe ich an meinen eigenen Kindern: Wenn Grenzen setzen, dann immer nur die eigenen. „Man macht das nicht“ ist kein gutes Argument. Viel besser, so rät Jesper Juul, sei ein „ich will nicht“ oder „ich will“ (eine Art zu kommunizieren, die man uns als wir klein waren streng abgewöhnt hat – die aber direkt und persönlich ist). Wenn mein Sohn sehr laut ist und ich davon Kopfschmerzen bekomme, dann sage ich ihm genau das: Ich will nicht, dass du so laut bist. Davon tut mir mein Kopf weh. Das versteht er und er ist nicht so bloßgestellt wie ein Kind, das in der gleichen Situation von seinen Eltern zu hören bekommt: „Warum schreist du immer so rum? Habe ich dir nicht schon tausend Mal gesagt, dass ich davon Kopfschmerzen bekomme?!? Warum kannst du nie auf mich hören?!“ – am besten selbst schon schreiend.

Eltern sind dann trotzig, wenn sie auf ein Bedürfnis des Kindes – egal, ob es erfüllt werden kann, soll oder eben nicht – nicht mehr konstruktiv reagieren können, sondern destruktiv. Ein Klassiker ist das Anziehen einer Zweijährigen: Wenn Kinder nicht mitmachen, fangen viele Eltern das schimpfen an oder machen es mit Gewalt. Sie gehen nicht auf das Bedürfnis des Kindes ein (zum Beispiel selbst anziehen oder die Sachen selbst aussuchen (egal wie unpassend das dann wird)) und anstatt kurz die eigene Grenze zu setzen (ich habe keine Zeit, bitte mach mit!) fangen sie „warum… immer… nie..?!?“-Monologe an. Ich meine mich da durchaus mit. Denn klar: Das kann sehr nervenaufreibend sein und nicht immer ist Sommer, nicht immer besteht die Möglichkeit, ein Kind ohne seine Kleidung in die Kita zu bringen. (Ich habe das diesen Sommer einmal gemacht. Da wurde ihr ein bisschen kalt und die Sache war damit aus der Welt. Es hat mir nicht weh getan, ihr nicht und sie wurde davon nicht krank. Aber eine andere Mutter fragte besorgt, wie denn da „die Leute“ reagiert hätten…)

Damit will ich es auch erst einmal bewenden lassen. Zum Schluss sei die provozierende These in den Raum gestellt, ob nicht vielmehr die Kinder die Allmachtsphantasien der Erwachsenen – die sich bei unglaublich vielen Menschen in einem nahezu immer unerkanntem Kontrollzwang äußern – komplett aus der Bahn bringen…? ;)

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Russland schränkt Rechte indigener Völker ein

(Dies ist eine Pressemitteilung der Hannoveraner Organisation JANUN e.V., die seit vielen Jahren in ihrer Umweltschutzarbeit auch immer einen engen Austausch mit indigen Menschen aus der ganzen Welt pflegen. Während meines FÖJ in Verden lernte ich JANUN kennen und mögen.)

Die russische Regierung hat die Dachorganisation der indigenen Völker Nordrusslands Raipon verboten.

… mit der wir von JANUN e.V. selber im Rahmen unseres Sibirienprojektes in Kontakt stehen und die uns beim Aufbau unseres Projektes unterstützt hat.

Nun braucht Raipon unsere Solidarität. Greenpeace hat eine Protestaktion gestartet, an der sich jedeR schnell und einfach beteiligen kann.

Siehe der link unter dem Text.

Worum es geht:
Die russische Regierung begründet Ihre Entscheidung mit angeblichen Widersprüchen in der Satzung der Organisation – ungeachtet der Tatsache, dass RAIPON auf Basis dieser Satzung seit 22 Jahren ohne Beanstandungen arbeitet. Seit ihrer Gründung 1990 hat die Organisation die Rechte der 41 Gruppen indigener Völker des russischen Nordens vertreten. Sie vereinte rund 300.000 Menschen, die oft keine Stimme in der politischen Arena haben.

Im August dieses Jahres hat sich RAIPON, zusammen mit anderen Vertretern indigener Völker Russlands, auf einer von Greenpeace organisierten Konferenz klar gegen Ölbohrungen in der russischen Arktis ausgesprochen. Die jetzige Kaltstellung der Organisation scheint ein dürftig verschleierter Versuch der russischen Regierung zu sein, die kritischen Stimmen auszuschalten.

mehr Informationen bei Greenpeace.de

Mitmachen und weiter verbreiten!

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Bist du ein Sklave des Systems?

Was bedingt, was trägt und was macht man mit: Verschwörungstheorien?

US-amerikanische und deutsche Flugzeuge pusten mit den Abgasen Aluminiumoxid in die Atmosphäre, um die Folgen des Klimawandels zu mildern bzw. das Ozonloch zu „Stopfen“. Erst kürzlich hat man entdeckt, dass es in der Atmosphäre bislang unbekannte Bakterien gibt, die nun durch dieses Aluminiumoxid zerstört werden. In Wahrheit aber zerstören sie den Himmel.

Diese Theorie wird in einem ausführlichen Artikel der Zeitschrift Raum und Zeit weiter beleuchtet: Einige Hunderttausende Menschen hätten schon beobachten können, wie mehrere Flugzeuge in der Luft Kreuz und Quer geflogen seien und einen Teppich aus Gasen gebildet hätten. Das Sonnenlicht breche sich in diesen Teppichen anders, was auf das Aluminiomoxid im Abgas zurückgeführt wird. Nach wenigen Minuten bräche die Lufttemperatur um bis zu 7 Grad ein, die Luftfeuchtigkeit sinke um 30%, eine einsetzende Kälte und Feuchtigkeit würden noch Tage anhalten.

Diese Methode sei beim Us-amerikanischen Patentamt als “ Welsbach-Anreicherung ” bekannt. Ziel sei es, mit Hilfe der sogenannten „Welsbach-Partikel in der Stratosphäre“ den Klimawandel aufzuhalten. Die „Welsbach-Anreicherung“ sei billiger, als die Einhaltung des Kyoto-Protokolls. Die US-Air-Force versuche zudem, mit dieser und anderen Methoden das weltweite Wetter bis 2025 beliebig zu manipulieren und dies militärisch zu nutzen. Die Autorin spekuliert, ob die Methode schon im Kosovo-Krieg angewandt worden sei, denn „im Frühjahr 1999 herrschten über Serbien wochenlang außergewöhnliche Wetterbedingungen“.

CC-By 2.0 von art_es_anna via Flickr.com

Diese Theorie ist kompletter Blödsinn, doch viele Menschen sind weltweit davon überzeugt und basteln weiter und immer weiter daran, sie zu „sichern“, gegen mögliche Gegenargumente zu immunisieren und jegliche Kritik daran als neuerlichen Beweis für ihre Aufdeckung zu verdrehen. Chemtrails sind eine Verschwörungstheorie. Das sagt sogar Greenpeace.

Jeder Zweifel bestärkt die Gläubigen

Ein klassisches Muster bei Verschwörungstheorien ist die Feststellung, wer der Theorie nicht anhänge, sei vermutlich entweder a) schon zu sehr manipuliert oder b) selbst ein Teil der Verschwörung, Nutznießer_in – Profiteur_in.

Ein zweites, nahezu allen Verschwörungstheorien zugrundeliegendes Element ist die übergeordnete Annahme, meistens in Form der Konstruktion von „die Mächtigen“ und „die Regierung“, denen man nicht trauen könne, die korrupt seien. THEM. In aller Regel wollen „die da Oben“ eine „neue Weltordnung“ und haben sehr ausgefeilte Pläne, die nur darauf abzielten, die Mehrheit der Menschen zu unterdrücken. Armin Tsunami ist ein bekannter und verehrter Rapper. Er thematisiert sehr viele Widersprüche und spricht die Ängste vieler aus:

[youtube http://www.youtube.com/watch?v=MKWg4esLLeo]

Unter dem Video steht:

Wacht auf!
Unser Staat ist nicht souverän!
Die EU führt die Todesstrafe wieder ein!
Zensur ist Alltag!
Chemtrails verpesten unsere Luft!
Die BRD ist eine GmbH!

Bist du ein Sklave des Systems?

Nichts hat Verschwörungstheorien so geholfen, wie das Internet. Dabei ist zu beobachten, dass an ihrer Entstehung und Vertiefung oft eine soziale Gruppe beteiligt ist, die sich genau dort finden konnte: Im Netz. Verschiedene Akteur_innen feilen hier immer weiter an einer Verfeinerung und es werden mehr und mehr Details ausgeschmückt. Irgendwann ist überall ein Muster.

Interessant ist die Frage: Warum wollen Menschen an Verschwörungstheorien glauben? Was ist die Motivation? Michael Wood hat in Beliefs in Contradictory Conspiracy Theories das Phänomen Verschwörungstheorie untersucht. Interessant war dabei, dass als Ergebnis klar gezeigt wurde, dass Menschen sogar an mehrere Verschwörungstheorien glauben konnten und wollten, selbst wenn diese einander widersprachen. Er erklärt:

This finding supports our contention that themonological nature of conspiracism (Goertzel, 1994; Swami et al., 2010; Swami et al., 2011) isdriven not by conspiracy theories directly supporting one another, but by the coherence of eachtheory with higher-order beliefs that support the idea of conspiracy in general.

Im Zentrum stehen also nicht die genauen Details der Verschwörungstheorie und auch nicht, ob sie in sich Widerspruchsfrei ist oder logisch – im Zentrum stehen THEM.

Im Interview mit der Standard führt Wood weiter aus, warum Menschen sich so scheinbar irrational verhalten:

Jemand ist eher versucht, an Verschwörungstheorien festzuhalten, wenn er das Gefühlt hat, keine Kontrolle mehr über sein Leben zu haben. Keine Kontrolle zu haben bedeutet in diesem Zusammenhang, dass jemand das Gefühl hat, Dinge würden willkürlich geschehen, und er sich als Opfer dieser Vorgänge fühlt. Als Ausweg macht man sich auf die Suche nach einer Struktur, einer Erklärung, warum Dinge passieren. Eine Verschwörungstheorie kann auf diesem Weg beruhigend wirken.

Ermächtigung und Triumph

Menschen, die sich häufig machtlos fühlen, glauben leichter an Verschwörungen und böse Absichten, als Menschen, die eine Wirkmächtigkeit spüren. Die Verschwörungstheorie kann eine Ermächtigung bedeuten, ja richtige Triumph-Gefühle auslösen: Schließlich sieht man die Dinge viel klarer, als die meisten anderen Menschen. Das Höhlengleichnis von Platon ist schnell bei der Hand – die Erkenner_innen sind erleuchtet und auf dem richtigeren Pfad.

Die Machtlosigkeit ist der Schlüssel zur Erklärung, denn psychologisch gesehen dürfte damit ein höheres Verlangen einhergehen, Sicherheit und Strukturen zu schaffen. Machtlose erkennen Muster, wo es keine gibt – auch das konnte in Studien gezeigt werden.

Ich vermute, dass die Art und Ausgefeiltheit der Verschwörungstheorie eng mit dem Bereich zusammenhängt, in dem ihr_e Urheber_in starke Machtlosigkeit zu spüren bekommen hat. Oft tauchen sie in genau den Bereichen besonders wirkmächtig auf, wo Machtlosigkeit von vielen Menschen geteilt wird. Ein Beispiel hierfür ist die Theorie, dass die Krankheit AIDS von THEM in die Welt gesetzt wurde, um Schwarze und Schwule auszurotten – denn diese seien stigmatisiert und sie waren als erste davon betroffen. Diese Theorie hat alles, was es braucht, um die Welt zu umrunden: Sex, Stigmatisierung, Zweifel und Ängste vor neuen Wissenschaften, THEM.

Verschwörungstheorien sind lustig

Sie nerven. Sie binden sehr viel Energie, spalten Menschen und drängen hart arbeitende Wissenschaftler_innen in eine Rechtfertigungsposition. Michael Wood glaubt nicht, dass man irgend etwas dagegen tun kann, dass sie entstehen. Und nicht jede Verschwörungstheorie ist falsch – manche, zum Beispiel die Watergate-Affäre – stellen sich als richtig heraus. Das ist aber selten. Manche Dinge werden hingegen wohl nie geklärt, wie etwa der mysteriöse Tod des Hackers Tron, dem ich selbst schon auf die Spur zu kommen versucht habe.

Im Großen und Ganzen ist vor allem ein humorvoller Umgang mit ihnen zu empfehlen. Verschwörungstheorien sind ein Teil der Alltagskultur. Sie sind unterhaltsam und ziemlich lustig.

[youtube http://www.youtube.com/watch?v=hG4O6Sh1vRg]

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Versucht’s nochmal

Bildungskolumne Wie angekündigt widmete ich mich dem Buch von Lena Gorelik. Und gebe ihr recht: Die deutsche Integrationspolitik ist nicht existent.

„Man hat mich – und wahrscheinlich noch viele andere – unseres Landes beraubt.“ Lena Gorelik ist eigentlich ein Mensch, den man als „naive Optimistin“ bezeichnen könnte. Doch das hat sich geändert…


CC-BY-SA: Some rights reserved by Das blaue Sofa

In ihrem Buch „Sie können aber gut Deutsch!“ – Warum ich nicht mehr dankbar sein will, dass ich hier leben darf und Toleranz nicht weiterhilft wird eine Sicht auf Deutschland wiedergegeben, die vor allem das Potential sieht und die Möglichkeiten, wenn sie zu Beginn sagt: „Wir in Deutschland beherrschen von Haus aus einen Umgang mit Vielfalt, von dem viele lernen könnten. Vielfalt ist eine Stärke Deutschlands und gerade sie macht dieses Land schön.“ In diesem Buch gibt es aber ein ungeplantes Kapitel. Thilo Sarrazin hat, so Gorelik, in Deutschland eine Debatte ausgelöst, deren Tonfall sie ihrer Naivität beraubt habe – und damit ist sie sicherlich nicht alleine. Sie fühlte sich so wie sie war nicht mehr willkommen. Den Lena Gorelik ist ein Kind russischer Einwanderer und hat sich ihr Zuhause, Deutschland, mühsam zu ihrem Zuhause gemacht. Sie hatte die Menschen hier zu einem „Wir“ werden lassen. Und dabei eine „Entschämung“ geschafft, durch die sie ihr „russisches Ich“ akzeptieren und lieben gelernt hat. Denn als Kind hat sie sich dafür oft geschämt, hat ein „bemüht deutsches Ich“ entworfen und sich angepasst. Durch Sarrazin, so Gorelik, wurde eine Atmosphäre geschaffen, in der nur noch dieses „bemüht deutsche Ich“ willkommen war. Es ist ein schmerzhafter Bruch, der durch das ungeplante Kapitel in ihrem Buch geschieht. Denn er zeigt, wie zerstörerisch die Debatte um Sarrazin wirklich war.

Null Toleranz

In den ersten Kapiteln erzählt Gorelik ihre eigene Geschichte und koppelt sie zurück an allgemeine Phänomene. Sie kam mit elf Jahren nach Deutschland und lebte mit ihren Eltern zunächst in einem Asylbewerberheim in Schwaben. Sie kam in die Schule und sprach die Sprache nicht. Die Kinder und ihr erster Lehrer reagierten stereotyp, tolerierten sie aber. Diese Toleranz problematisiert Lena Gorelik scharfsinnig und greift die Forderung der Lesben- und Schwulenbewegung nach Akzeptanz auf. In ihr ist ein tiefer Wunsch nach dem Ende dieser Toleranz, die immer bedeutete, untergeordnet zu leben, die sich darin äußerte, dass ihr ihre eigenen Eltern und ihr Zuhause peinlich waren, dass sie sich schämte für die russische Küche, die russische Sprache und ihre mitgebrachte Kleidung oder Schulhefte. Sie setzte stattdessen alles daran, so zu werden, wie die Kinder in ihrer Klasse, daran, akzeptiert zu werden – was ihr als „die Gorelik aus Russland“ nicht gelang. „Bis ich nicht mehr wusste, wer oder was ich war, wo ich hingehörte, wer zu mir gehörte und überhaupt.“ Doch sie lernte.

Es ist ein Lernprozess, aus dem sie viel Kraft zieht und in dem sich sehr viele sehr klare Werte gebildet haben: Angst zerstört – Vertrauen schafft. So könnte eine Quintessenz lauten. Denn Angst hatte auch sie genügend, ihre Kindheitserfahrungen haben diese eingeprägt: Es ist eine Angst vor Toleranz, eine Angst, nicht akzeptiert zu werden. Dabei bemerkt sie, dass die Toleranz in ihrem Leben längst nicht mehr so präsent ist, wie in ihrer Kindheit – sie antizipiert sie oftmals nur.

Auch die Konsument_innen der deutschen Medien, so Gorelik, müssten einmal massiv an ihren Ängsten arbeiten. Denn die werden durch eine überzeichnete und dramatisierte Scheinrealität, welche in den Medien geschaffen wird, immer nur geschürt. 30 Prozent der Berichte über Migrant_innen, handeln von Kriminalität; weitere 25 Prozent handeln von Terrorismus. Das schürt Ängste. Vor „Überfremdung“; vor Gewalt; vor „Sozialschmarotzern“ – ja, gar vor einer „Einführung der Scharia in Deutschland“. Die Medien missachten ihre klare Verantwortung, kritisiert Lena Gorelik. Getreu dem Motto „Bad News is Good News“ würden Randphänomene zu Allgemeinheiten aufgebaut. Wie fänden Sie es denn, wenn die Medien immer berichteten, dass alle Deutschen Nazis wären, fragt sie.

Angst als Zustand

Kommt mal klar, liebe Medien und liebe Zuschauer_innen. Denn es wird ein komplett irres und gefährliches Bild der Realität gemacht, das keiner realen Gegebenheit entspricht. „Worst Case: Muslime“ stichelt sie lapidar, und legt den Finger noch ein bisschen tiefer in die Wunde. Scharfsinnig ermittelt sie die Mechanismen einer sich immer weiter ausbreitenden Islamophobie. Begriffe wie „islamisch“, „muslimisch“ und „islamistisch“ würden völlig unreflektiert in einen Topf geworfen. Da gilt eine Frau mit Kopftuch als Ausdruck für Unterdrückung. Es werde kaum mehr differenziert zwischen den fanatischen Anhängern und den friedlichen (für Medien wohl leider zu langweiligen) Anhänger_innen einer Religion. In Deutschland sind alle Christen und wie die drauf sind, sieht man ja an der Piusbruderschaft. Oder so? Angst – immer wieder Angst – die medial, politisch und publizistisch geschürt wird und die zu immer mehr Hass führt. „Diese Angst und dieser Hass sind nicht nur salonfähig geworden, sondern als Zustand akzeptiert worden.“

Gefühlvoll, stark, gnadenlos, hoffnungsvoll, resigniert, optimistisch – Lena Goreliks Buch ist all das, von der ersten bis zur 240. Seite. Das alles und noch viel mehr. Hans Joas beschreibt Werte lapidar als „emotional besetzte Vorstellungen vom Guten“ – das Buch ist voll davon und das ist heute leider selten geworden. Sie verharrt nicht auf der entlarvenden Analyse – die sie treffsicher und wachrüttelnd zu liefern bravourös beherrscht. So stellt sie lakonisch fest: Die deutsche Integrationspolitik sei mitnichten gescheitert. Nein, denn etwas nicht-existentes könne schließlich nicht scheitern. Ein vernichtendes aber absolut berichtigtes Urteil. Sie nimmt die Verantwortlichen in die Pflicht: Wahlrecht, Bildungspolitik, Sozialpolitik, Innenpolitik und nicht zuletzt – die Integrationsbeauftragte. Es gebe einen Integrationspolitikplan, der beinhalte die geplante Erstellung eines Aktionsplanes, und in diesem Verfahren müssten auch Maßnahmen gefunden werden. Ja nee – is klar! Einen Integrationsindikatorenbericht habe man auch in Auftrag gegeben – Ergebnisse von über fünf Jahren „Integrationspolitik“. Ich muss an Loriot denken. „Nichts weiter als Staffage“ – Gorelik findet treffende Worte für diese Begriffsbildungen. Das beweise „dass die Politik und insbesondere die Regierung nicht genau wissen, wie sie mit dem Thema umgehen sollen.“

Sie werden es nicht lesen

Wenn man das Buch am Ende zuklappt und das Gelesene zu verdauen beginnt, bleibt das Gefühl, dass Lena Gorelik lieber das Deutschland hätte, dessen Potentiale sie sieht. Doch diese bleiben systematisch ungenutzt. Im Wege stehen, so mein Eindruck, tatsächlich die geschürten Ängste und weniger die „harte Realität“. Und es bleibt der Eindruck, dass Deutschland ziemlich doll auf dieser Toleranz-Idee hängen geblieben ist. Deswegen sprechen wir auch nach wie vor von Integration – statt von Inklusion. Wir haben nicht verstanden, dass Akzeptanz uns bereichert und wir haben auch nicht verstanden, wie sie zu leben ist. Gorelik weiß es und es ist mein einziger Kritikpunkt an ihrem wunderbaren Buch: Sie schreibt es auf 240 Seiten auf, von denen man nicht erwarten können wird, dass die Urheber_innen der Integrationspolitikstaffage sich die Mühe machen werden, diese Seiten von vorne bis hinten aufmerksam zu lesen. Dann wüssten sie, wie man das mit der Akzeptanz lebt: „Interesse nicht nur zeigen, sondern haben. Es geht so einfach, man muss nur die eine oder andere Frage stellen.“ Und zuhören.

Dieser Artikel erschien zuerst als Kolumne auf freitag.de.

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Der Elefantenwurm

Der sogenannte „Elefantenwurm“ ist ein rhetorisches Instrument. Seine Geschichte geht wie folgt:

Es war einmal ein junger Biologie-Student, der lernte für sein Examen in Zoologie. Weil das Feld der Zoologie schier unübeschaubar und seine Zeit äußerst knapp bemessen war, beschloss der Student, dass Mut zur Lücke nicht schaden kann. Eine andere Wahl wäre ihm gar nicht geblieben.

So lernte er die Eigenschaften der Kriechtiere auswendig, besonders detailliert im Beispiel des Wurmes.

Leider schaffte er es nicht mehr, sich mit den Säugetieren ausgiebiger zu befassen. Die Prüfung stand nun an.

„Nun“, begann die Professorin streng, „dann erzählen Sie uns doch einmal etwas vom Elefanten.“

Verdammte Axt! Dachte der Student. Doch er begann, denn Kneifen wäre Durchfallen gewesen.

„Der Elefant ist ein sehr großes Säugetier.“ begann er zaghaft und dümmlich. „Er hat vier Beine, eine dicke Haut und je nach Herkunft größere oder kleinere Ohren.“ Er setzte ein wenig debil dreinschauend hinzu: „Dazu Stoßzähne. Sein herausstechendstes Merkmal allerdings ist der Rüssel. Dieser Rüssel erinnert den geneigten Betrachter an einen Wurm! – Ja und wissen Sie, also Würmer…“

Und nun folgte eine sehr beeindruckende und detailreiche Abhandlung über die Würmer.

Das ist der bei Politikern sehr beliebte Kniff des Elefantenwurms. Ich hoffe auf alle JournalistInnen, dass sie das nun ein für allemal kapieren und darauf beharren, dass zu gegebener Zeit über Elefanten, nicht über Würmer, geredet wird.

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Best Halloween Instagrams

I really admire the creativity of so many people, posting their Halloween-Pics on Instagram. I picked four I would call „my favourites“.

Doing funny things with Pumpkins

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Something with cute Kids

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Something with Pets

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My favourite one: The Ring

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