#om12: Die Hype-Gesellschaft

Am vergangenen Sonntag besuchte ich die Open Mind um zusammen mit Marco Herack einen Vortrag über das Thema „Hypes“ zu halten. Die Folien zum Vortrag könnt ihr als PDF dowloaden.

Wir hatten einen fulminanten Einstieg geplant – natürlich mit einem Video, das alle mitreißt und die Herzen öffnet. Der Sound allerdings war nicht darauf ausgerichtet. Das Internet bietet uns nun jedoch die Chance, diesen fulminanten Einstieg nachzuholen und ich möchte euch bitten, eine möglichst gute Soundumgebung zu schaffen, euch von Ablenkungen aller Art zu befreien und das folgende Video zu genießen:

[youtube http://www.youtube.com/watch?v=SsV2O4fCgjk]

Und nun viel Spaß mit unserem Vortrag. Er dauert 52:43 min inkusive einer sehr guten und produktiven Diskussion.

[youtube http://www.youtube.com/watch?v=-F9AKkXJrZs]

Stichworte in der Reihenfolge ihrer Erwähnung:

– Zerrbild: Lemminge stürzen sich gar nicht in den Tod. Egal.
– Marco Heracks Blog: goowell.de
– Obama; Yes we Can
– Konrad Lorenz: Verhaltensbiologie der Aggression und der Begeisterung
– #sbsm: Was bezeichnet der Begriff „Echokammer“?
– Wikipedia: Konformitätsexperiment von Asch.
– Wikipedia: Theorie der Schweigespirale von Elisabeth Noelle-Neumann
– Wikipedia: Das Aktionspotential einer Nervenzelle
– der Aktienkurs von VW um die geplante Porsche-Übernahme herum hat eine ähnliche Kurve wie das Aktionspotential
– die Piraten und ihre Gates… von Hype zu Hype und inhaltlich im schneckentempo hinterher
– Twitter: Grace Dent – How to leave twitter.

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Warum ich twitter verlasse

Ja, klingt erstmal schnappatmungsverdächtig: Ich werde twitter verlassen. Nach beinahe vier Jahren ist es für mich an einen Punkt gekommen, an dem ich nicht mehr weiter twittern möchte. Zum Warum gibt es viel zu sagen, der Hauptgrund hat sich in einem Bild niedergeschlagen:


Ich werde twitter verlassen und die gewonnene Zeit in Hobbys investieren. Und in die Wikipedia.

Ich fühle mich auf twitter mittlerweile wie in einem goldenen Käfig. Es hält mich gefangen. Auf zweierlei Arten: Erstens ist der soziale Druck dort ins für mich kaum mehr erträgliche gestiegen. Während ich am Anfang noch immer dachte „Oh, das muss ich twitter sagen!“ – hieß es gen Ende für mich nur noch: „Oh, dazu sag ich auf twitter besser nichts!“

Zweitens liefen die Informationen von etwa 500 Menschen in meine Timeline und mehrmals täglich geschah es, dass ich mich für mehrere Stunden an einer einzigen davon aufhängen konnte. Kein einziges Mal habe ich twitter besucht, damit ich mich hinterher stundenlang ärgere oder mir den Kopf zerhacke – aber es ist mir hunderte Male schon passiert.

In meinen twitter-Kreisen ist es etwas ungemütlich geworden. Die einen sprechen von „Teams“, die sich gebildet hätten, die anderen nannten es „Misstrauen“ – „der Feind“ könne überall sein. Fakt ist: Es ist viel kaputt gegangen. Und zwar Vertrauen. Früher war mehr Wohlwollen, Vertrauen und konstruktiver Austausch. Mittlerweile ist es die Häme und das Gemotze, das meine TL ungenießbar gemacht hat.

Und ich nehme mich davon nicht aus. Ich habe es sicherlich nicht mit @dieKadda getan, oder selten. Aber mein Rage-Account hat denen, die mir folgten, genau das teilweise beschert, was mich selbst immer wieder an twitter so gefangen hielt: ungefilterte Emotion und wer sich nicht gut abgrenzen kann, der/die hat eben gelitten.

Nun könnte mensch sagen: Well – clean up your Timeline! Aber genau das will ich nicht. Ich habe das ein paar Mal gemacht und bei vielen, die ich entfolgen müsste, kann ich es nicht, denn ich mag sie und ich will sie wirklich nicht verletzen. Ich „mute“ schon ganz viel, schalte sie also in verschiedenen Clients stumm. Aber es wird nicht wirklich besser. Wenn MW über „Kackscheiße“ schreibt, wird sich meine gesamte Timeline einen ganzen Tag darüber echauffieren. Das finde ich Kacke und Scheiße – ich hätte gern mehr Contenance. Ich habe das öfters einmal getwittert. Aber es ist vergebens.

Jesper Juul sagt: Gib die Hoffnung auf und du wirst Glücklich sein.

Ich gebe die Hoffnung auf. Twitter wird und soll sich nicht ändern. Das wäre vermessen, es zu erwarten. Und es ist nicht nötig. Viele Freunde, die ich dort kennen lernte, sind mir offline häufige Gesprächs- und BiertrinkpartnerInnen. Wir teilen mehr, als nur das Netzwerk. Und jede einzelne Stunde im Real Life mit einem Menschen bringt mir mehr, als zwei Stunden auf twitter. Vor allem: Die Diskussionen können tiefer gehen, man kann auf den anderen als Menschen eingehen, ihn und seine Meinung kontextualisieren usw… Außerdem entsteht so Vertrauen – das ich auf twitter so schmerzlich vermisse (aber auch das ist zu viel verlangt: twitter ist kein Ort, an dem Vertrauen wachsen kann, oder zumindest nur in Einzelfällen).

Grace Dent hat in „How to Leave Twitter“ sehr gut und auf lustige Art herausgearbeitet, warum twitter das Potential hat, aus uns die schlechtesten Seiten hervorzuholen. Es macht süchtig, wirklich. Zumindest war ich defintiv süchtig. „Dudes in a moral panic“ finden hier einen Hort, für alle ihre Empörung. Das ist okay, aber ich bin davon mehr als erschöpft.

Ein weiterer Grund ist: Ich brauche mehr Zeit für Dinge, die mir gut tun. Sport. Malen. Da ich berufstätige Mutter bin, studiere und X Ehrenämter habe, fällt die freie Zeit nicht vom Himmel. Die muss ich mir nehmen. Was ich hiermit selbstbestimmt mache.

Und noch eins: Andreas Kemper schreibt in einem Artikel, dass es die Maskulisten geschafft haben, mit einer breit angelegten Kampagne eine Autorin aus der Wikipedia zu vergraulen. Da mögen manche sagen „Wikipedia ist halt scheiße – ein weiterer Beweis! Wer da mit macht ist ja auch selbst schuld!“ – ich sehe das aber wie Andreas:

Gleichzeitig ist Wikipedia sehr wichtig. Die Angriffe gegen Fiona und andere Wikipedia-Autorinnen geschahen ja genau aus diesem Grund. Wikipedia könnte auch Spaß machen, wenn Grundlagen für ein diskriminierungsfreies Arbeiten dort geschaffen werden. Verkehrt ist es aber auch nicht, gleichzeitig Alternativen zu Wikipedia aufzubauen. Es gibt z.b. das www.genderwiki.de/ Vielleicht leidet Wikipedia auch unter seiner Monopolstellung.

Schon seit Ende 2010 habe ich mir, und hat Frau Lila als Initiative sich auf die Fahnen geschrieben, bei der Gender Gap-Schließung in der Wikipedia aktiv zu helfen. Ich/wir finde/n das wirklich wichtig, denn ich/wir sehe/n in Wikipedia ein grundsätzlich tolles Projekt.
Bislang war das vor allem eine beratende Hilfe. Aber ich sehe mittlerweile die Notwendigkeit, dass ich wieder aktiv in der Wikipedia mitschreibe. Mir laufen regelmäßig Artikel und Themen über den Weg, bei denen ich etwas beizutragen habe. Das werde ich tun. Fiona Baine ist gegangen. Das ist sehr schade. Aber damit das nicht wieder passiert, müssen wir dort mehr werden.

Ein Letztes: Ich werde meinen Account @dieKadda nicht löschen, sondern mein Blog (immer) und meine Instragrams (gelegentlich) dort hinein twittern. Ich habe allerdings bereits seit Wochen mein Passwort an meinen Freund abgegeben und seitdem kann ich mich nicht mehr einloggen. Ich habe keine Timeline. Eure DMs sehe ich zwar, kann ich aber nicht dort beantworten. Mentions gehen ins Leere, sorry. Ihr findet in diesem Netz alle einen Weg, wie ihr mich erreichen könnt.

Es war im Übrigen sehr schön auf twitter und ich möchte diese Zeit nicht missen.

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Are you man enough to be a feminist?

Der Vortrag von Michael Kimmel, den er bei der Heinrich-Böll-Stiftung am 12.09. hielt, ist nun online zu sehen. Kimmel ist Co-Autor des Buches „Guy’s Guide to Feminism“, welches ich schon in meiner Kolumne besprach. Was er einfach sehr gut kann – das kommt auch bei dem Buch rüber – ist Menschen Feminismus auf eine Art näher zu bringen, die anknüpfbar ist. Nicht selten wird während seines Vortrags gelacht.

Danke für den Link an den Podcast #wmr49 von mspro und 343max – den ich zwar noch nicht in Gänze gehört habe, wohl aber den Teil über Feminimus, wo über das Video gesprochen wurde.

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Der Latte-Macchiato-Vater

„Wenn es um die Kindererziehung geht, ist die ewige Frage nach der Verteilung von Klugheit und Dummheit auf die Geschlechter deutlich entschieden – zu Ungunsten der Männer selbstverständlich.“ Tillmann Bendikowski hat es trotzdem gewagt und vom Tupperabend bis zur Beckenbodengymnastik nichts ausgelassen.

Das ist Opa, nicht Papa – aber ich fand das Bild so ansprechend. Quelle: CC BY-ND 2.0 von vionaleews via Flickr

Tillmann Bendikowski hat ein Buch geschrieben, das vermutlich vielen nicht gefallen wird. Es rüttelt an allzufesten Überzeugungen, die in diesem Land vielleicht so manifest sind, wie nirgendwo sonst: am Bild der Mutter. Der Mutter an und für sich. Denn Tilmann Bendikowski wurde genau das: eine Mutter.

Seine Mutterwerdung schildert er gleich zu Beginn von Allein unter Müttern, einem Buch, das bisweilen bitterböse ist, aber stets mit einem zwinkerndem Auge und nie ohne den nötigen Respekt für das Allzumenschliche. Zum Beispiel im Massagekurs für Babys, der Ort, an dem Mütterlichkeit regiert. Unhinterfragt.  Konkurrenzlos. Bendikowski drang ein in diese durch und durch weibliche Sphäre und als sein Kind aus nachvollziehbaren Gründen anfing zu brüllen, passierte es: Die Kursleiterin wollte das Kommando übernehmen. Mit den gebieterischen Worten „DAS KIND BRAUCHT EINE MUTTER!“ (sich selbst meinend) schubste sie den jungen Vater dahin, wo er von nun an und für den Rest des Buches sein würde: Seine Antwort lautete „Ich bin die Mutter!“ Er rettete sich und seinen Sohn aus dem Kurs nach Hause. Dort kuschelten Mutter und Kind für den Rest des Tages und mieden fortan solche Kurse, die es für Babys en Masse gibt.

Frauen führen hier das Regiment

Dass Bendikowski sich fortan als „Mutter“ bezeichnet ist vermutlich ein Affront – gegenüber Müttern wie Konservativen gleichermaßen. Wer sich hieran stört, wird das Buch insgesamt als eine Frechheit betrachten. Es spart nicht mit Hohn und Spott. Es ist ein Einblick in eine Welt, die bislang nur der einen Hälfte der Bevölkerung theoretisch offensteht: Die Welt der Alltagsorganisation rund um Kinder und Familie. Eine Welt, in der Frauen das Regiment führen, in der man Männer für das dumme Geschlecht hält. Eine Welt, die bislang fast ausnahmslos von Müttern selbst betrachtet wurde. In der Literatur, im Fernsehen, im Film – immer sahen wir durch die Augen einer Frau.

Mit Bendikowski aber sehen wir mit den Augen einer „männlichen Mutter“. Wir erleben Kinderschuh-Käufe, bei denen sich die Verkäuferin qua Geschlecht über die Kompetenz der männlichen Mutter erhebt. Nur eine von vielen übergriffigen Aktionen gegen sie. Wir erkunden, warum und wie Frauen über Frauen und Mütter über Mütter herziehen. Wie sich mittels Impfdebatte und Bio-Laden gegeneinander abgegrenzt wird. Und wie „normal“ das Ritual des Sich-Abgrenzens mittlerweile ist – so beliebt sogar, dass Buzzwords wie „Latte Macchiato-Mutter“ und „Feigheit der Frauen“ Bücher und Talkshows füllen. Bendikowski verschont niemanden, dennoch solidarisiert er sich mit Müttern. Er ist ja eine von ihnen.

Dass Geschlecht schon von den ersten Tagen an „gemacht“ wird, regt ihn ebenso auf, wie die moderne Erziehungshysterie und die Inszenierung von glücklicher Kindheit beim Kindergeburtstag (den man, was ich gar nicht wusste, von Menschen schon so organisieren lassen kann, wie eine Hochzeit von einem Wedding Planner). Bendikowski hat mich während des Lesens oft zum Lachen gebracht. Nahezu auf jeder Seite. Der Humor ist seine Waffe gegen alle festgefahrenen Gesetze der Mutterschaft. Und davon gibt es viele: Angefangen bei der Reinlichkeit im Haushalt, über die Frage „Kekse oder Kuchen“, bis hin zur gesunden Ernährung – Mütter haben strenge Verhaltenskodizes entworfen. Sich ihnen zu widersetzen, kommt einer moralischen Bankrotterklärung gleich.

Das kommt nicht von ungefähr: Der Druck der Gesellschaft lastet schwer auf ihren Schultern. Sie tragen nahezu allein die Verantwortung über das Wohl und Wehe der lieben Kleinen. Sie sind im Zweifel schuld. Schuldgefühle – der Autor hat ein feines Gespür für diese subtile aber wirkungsvolle Waffe, die wie ein Damoklesschwert ständiger Begleiter einer Mutter ist.

Was der Autor schafft, ist, durch die Beschreibung dieser Kodizes, durch ihre Überspitzung und das zwinkernde Auge einen Raum zu eröffnen, in dem man darüber lachen darf. Indem man es in Frage stellen darf. Und damit: Es selbstbewusst auch einmal anders machen. In Bendikowski fand ich einen Verbündeten. Einen der es genauso fragwürdig findet, Söhne ausnahmslos zum Fußballtraining schicken zu müssen. Der als einer von ganz wenigen den Instrumente-Zwang und die Unhinterfragbarkeit musikalischer Früherziehung skeptisch beäugt.

Eine kleine Hoffnung

Man muss nicht fragen, ob es einen Mann brauchte, diese Dinge in Frage zu stellen. Das brauchte es sicherlich nicht – viele Mütter vor ihm haben diese Fragen schon gestellt. Konnten darüber lachen. Doch genau wie er, waren auch sie oft ein bisschen die Außenseiterinnen – auf Spielplätzen, bei Elternabenden, im Kiez. Wer gewisse „Trends“ und „Sitten“ nicht mitmacht, ist oftmals ein kleiner Alien. Ob Mutter oder Vater. Was aber nach der Lektüre des Buches als Hoffnungsschimmer für uns Außenseiter-Mütter bleibt: Die Chance, dass ein Mehr an männlichen Müttern ein Weniger an Verhaltenskodizes mit sich bringen könnte. Eine schwache kleine Hoffnung.

Am Ende hat Bendikowski ein echtes Mutmachbuch geschrieben. Ein Lustmachbuch auf das „Abenteuer Familie“, das allen Überspitzungen zum Trotz, eingebettet in die ganz alltägliche Absurdität des Menschlichen, als ein lohnenswertes Unterfangen geschildert wird. Ein Unterfangen, dass vielleicht noch ein bisschen spaßiger werden könnte, wenn mehr männlich-mütterliche Gelassenheit Einzug hielte in das Reich der heiligen Brüste.

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Wunsch an die nachfolgende Generation

Wenn ich meinem Sohm etwas von mir mitgeben will – was wäre das?

Vieles.

Zum Beispiel:

„Hey
wenn du einmal das Gefühl hast, jemand möchte mit dir schmusen, jemand sucht deine Nähe

und sagen wir mal, du findest diesen Menschen nicht komplett abstoßend. Sagen wir mal, du magst ihn. Vielleicht nur heimlich. Aber du magst diesen Menschen.

Lieber Sohn. Wenn du irgendwie kannst. Tu mir den gefallen:

Lass die Nähe zu.

Nimm diesen Menschen in den Arm. Oder halte seine Hand.“

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